B der Baumeister – Der Biber

Biber in Natur - Piet Marsfeld
Biber in Natur – Piet Marsfeld

»Ich habe Leute gekannt, die zwar lesen und schreiben konnten, die aber viel dümmer waren als ein alter erfahrener Biber«, sagt Falkenauge in Fennimore Coopers »Der Letzte der Mohikaner«. Schriftsteller und auch Zoologen bezeichnen den Biber als »Ingenieur«, und das so oft, dass man dessen schon überdrüssig ist, aber einen besseren Vergleich kann man sich wohl kaum ausdenken. Äußerlich ist der Biber ein imposantes Tier. Sein edles Fell mit warmer Unterwolle und harten Grannenhaaren ist zwecks größerer Elastizität und besseren Nässeschutzes mit einem öligen Sekret eingefettet. Nach jedem Bad reinigt der Biber es sorgfältig und »pomadisiert« es neu. Ehemals lebten Biber in ganz Europa (außer Spanien), in Sibirien, der Mongolei, in Nordchina und in Nordamerika von Alaska bis zum Rio Grande, aber sie wurden vielenorts erbarmungslos ausgerottet. Danach stellte man sie unter Schutz und siedelte sie erneut an.

beaver-803910_1280Jetzt regeneriert sich in Europa ihr Bestand, und die alten Verbreitungsgebiete entstehen gewissermaßen neu. Allerdings sind sich die Spezialisten noch nicht einig, ob es nun eine oder zwei Biberarten gibt. Auf jeden Fall weist der europäische Biber außer einigen Besonderheiten des Schädels einen schmaleren und längeren Schwanz auf als der amerikanische, und das Rückenfell hat keine rötlichen Töne. Biber wiegen zwischen neun und zweiunddreißig Kilogramm und können fünfundzwanzig Jahre alt werden, zumindest in Gefangenschaft. Sie haben einmal im Jahr, und zwar im April bzw. Mai, drei bis fünf, selten sechs Junge. Bereits nach ein, zwei Tagen können die Jungen schwimmen, und im Alter von drei Wochen fressen sie schon Pflanzen, obwohl die Mutter sie noch drei weitere Wochen säugt. Mit den Eltern bleiben sie bis zum Alter von zwei, drei Jahren zusammen. Biber fressen Rinde, Triebe, Blätter, wobei sie Espe und Weide, Sumpfgräser und Schilf, Schwert- und Wasserlilien bevorzugen. Für den Winter legen sie sich unter Wasser einen Vorrat an Zweigen an, mitunter fünfzig bis achtzig Kubikmeter!
Betrachtet man einen Biber von vorn, staunt man über seine stattlichen Schneidezähne, die über die Lippen hervorstehen. Dieses Grab- und Schneidewerkzeug ist universell einsetzbar. Mit ihm kann der Biber unter Wasser arbeiten, ohne das Maul zu öffnen. An der Nase fallen einem die beweglichen fleischi- gen Nüstern auf, die sich hermetisch schließen, wenn das Tier taucht. Es kann bis zu fünfzehn Minuten unter Wasser bleiben, ohne zum Atmen auftauchen zu müssen. Wenige nur hatten Gelegenheit, zu sehen, wie Biber ihre Schneidezähne unter Wasser handhaben, am Ufer jedenfalls entwickeln sie eine geradezu phantastische Produktivität: Innerhalb von zwei, drei Minuten fällen sie einen armstarken Baum!

beaver-223711_1280In einem französischen Nationalpark beobachtete der Zoologe P. Richard Biber, die voll und ganz mit Bauarbeiten beschäftigt waren, doch sei mir gestattet, zunächst ein wenig abzuschweifen und kurz zu sagen, welche Bautypen Biber so errichten. Man kann sie nur bestaunen und sich nur schwer vorstellen, daß ein Tier zu solchen Dingen fähig ist! Typ eins: die Biberbaue selbst. Die Tiere graben sie in hohe, feste Ufer, an Steilhängen. Der Eingang liegt ein oder zwei Meter tief unter Wasser; diese dunkle Öffnung, in die auch Fische hineinschwimmen dürfen, ohne daß die Biber sie behelligen, ist schräg nach oben gerichtet. Hat der Gang den Wasserspiegel des Flusses erreicht, wird er weiter unter die Wurzeln eines starken Baumes geführt. Dort wird der dunkle Schlafraum angelegt, der manchmal so groß ist, daß zwei Menschen gut und gern darin übernachten könnten. Hat der Fluß keine gleichbleibende Wasser- führung, sinkt bei Trockenheit sein Wasserspiegel, wird unter dem ersten Eingang in Richtung auf den Schlafraum eine weitere Höhle gegraben. Der Eingang muß unter Wasser liegen, das ist unerläßliche Bedingung. Manchmal hält die »Decke«, die Erdschicht über dem Schlafraum, nicht stand und stürzt ein. Dann häufen die Biber darüber Reisig auf. Bautyp zwei: Reisig- und Erdhütten, die anderthalb bis drei Meter über das Wasser hinausragen, ihr Durchmesser erreichtt zehn bis zwölf Meter. Der Eingang befindet sich gleichfalls unter Wasser. Typ drei: Kanäle. In sumpfigem Gelände verlaufen vom Bau aus wie Sonnenstrahlen auf einer Kinderzeichnung schmale und flache Wasserstreifen in verschiedene Richtungen — die Wasserst:raßen der Biber zum Arbeitsplatz und zu ihrem »Speiseraum«. Schon möglich, daß die Biber den Kanalbau gar nicht aktiv betrei- ben, sie gehen eben immer denselben Weg, und allmählich vertie- fen sich die Pfade und füllen sich mit Wasser. Aufmerksame Beobachter aber behaupten, dass die Biber sich ganz eindeutig bemühen, ihre Kanäle in Ordnung zu halten. Sie haben es nicht gerne, wenn Unrat hineingelangt. Auf diesen Wasserwegen flößen sie Baumstümpfe und Abfall, das ist leichter, als alles mit den Zähnen und Pfoten zu schleppen.

beaver-143703_1280Man behauptet, Biber hätten einmal einen Damm gebaut, der viereinhalb Meter hoch und 652 Meter lang gewesen sei! In Gemeinschaftsarbeit häufen Biber in Flussmitte Baumstämme, Steine, Zweige und Schlamm an, damit sich eine kleine Insel bildet. Danach türmen sie seitlich der Insel in Richtung Ufer Material auf, das sich für das Stauen von Wasser eignet, verflechten es mit Zweigen, bestreichen es mit Schlamm und Lehm stützen das Ganze mit Lanzen und Streben aus Stämmen ab, wobei sie diese nicht selten mit dem einen Ende gegen den Damm und mit dem anderen gegen einen Baum gegenüber lehnen. Sie stapeln und verflechten alles miteinander, bis sie das Ufer erreicht haben. Das Wasser steigt, fließt über, spült Hohlräume aus, doch die Bauleute lassen sich nicht beirren. Sie schleppen und flechten, sie häufen auf, sie verschmieren… Schon hat sich der Wasser- spiegel gehoben, glänzt eine ruhige, glatte Wasserfläche. Das überschüssige Wasser fließt durch einen gut funktionierenden Abfluss aus eng verflochtenen Zweigen ab. Eine solche Abflussrinne kann der Fluss nicht zerstören.
Doch mit einem einzigen Damm ist es nicht getan. Die Biber können nicht untätig mit ansehen, wie wertvolles Naß nutzlos irgendwohin abfließt. Also bauen sie stromab noch einen Damm, dann einen weiteren und immer noch einen…
Das Ergebnis ist eine ganze Kaskade von Teichen, aufeinanderfolgend wie Stufen einer großen Treppe, besser vergleicht man sie noch mit Staustufen. Manchmal allerdings stimmen die Biber ihre Vorhaben nicht mit den Plänen des Menschen ab und okkupieren ausgedehnte Heuwiesen für ihre Stauseen. In Amerika sind solche Fälle so häufig geworden, daß die Menschen Sprengstoff anwenden mußten. Doch die Biber stellen das Zerstörte schnell wieder her. Da verzichtete man auf Dynamit und trieb Dränagerohre durch den Damm, das heißt, man fügte dem nach Meinung der Bi ber ausreichen- den Abfluß noch einen weiteren oder zwei hinzu. Diesmal, meinten die Farmer, alles sei »okay«, und freuten sich schon, doch…

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAn dieser Stelle ist es wohl Zeit, in den französischem Nationalpark zu der angekündigten Geschichte über den Versuch von Richard zurückzukehren. Dem Beispiel der Amerikaner folgend, trieb auch er durch so einen Damm ein Loch und führte ein Dränagerohr hindurch, lang genug, damit die Eingangs- und Ausgangsöffnungen in genügend großem Abstand zu beiden Seiten des Staudammes zu liegen kamen. Das Wasser begann zu sinken.
Die Biber wurden unruhig. Anfangs gingen sie eiligst daran, das Bauwerk oben auf zustocken. Sie stopften alle Abflüsse zu, doch das Wasser floß weiter ab, und sie gaben die sinnlose Arbeit auf. Irgendwie aber müssen sie doch dahintergekommen sein, dass an allem das Rohr schuld war! Sie verstopften also die Einflussöffnung. Doch es gab nicht nur eine. Außer der Hauptöffnung waren da noch ein paar seitliche Löcher, die Richard in die Rohrwand gebohrt hatte und die die Biber nicht verstopfen konnten. Das große hatten sie zwar geschafft, aber alles, was sie in die kleinen stopften, riss das Wasser weg. Da gaben sie auch diese Arbeit auf.
Zoologen, die die Tiere aus Verstecken heraus beobachteten, amüsierten sich: Zu drollig sah es aus, wie die Biber hin und her liefen und Ausschau hielten, was denn nun noch nu tun bliebe, genau wie Bauleiter auf einer Baustelle. Die Biber kamen auf die Idee, auch das andere Endle des Rohres zu verstopfen. Doch dort erwies sich die Strömung, die im Rohr noch schneller wurde, als zu stark, und alles, womit sie die Öffnung zu verschließen suchten, wurde augenblicklich weggespült.
Da gaben sie auch diese Arbeit auf. Trotzdern aber fanden sie einen Ausweg! Sie errichteten einen Damm, der die untere Ausflussöffnung umschloss. Wenn das Wasser schon weg floss, dann doch wenigstens in ihren neuen Teich! Nach dieser Geschichte wird man es wohl kaum noch jemandem verdenken, wenn er die Biber als wahre Ingenieure bezeichnet!
Übrigens lassen sie im Winter einen Teil des aufgestauten Wassers ab, damit sich unter dem Eis Hohlräume bilden. In diesen Hohlräumen zwischen Eis und Wasser tummeln sie sich dann und fressen.

beaver-7471_1280Und noch etwas: Die Mitglieder einer Biberfamilie sind verträglich und friedlich, sie lieben sogar Spaß und Spiel. Ein Männchen lebt in der Regel sein ganzes Leben lang mit demselben Weibchen zusammen, auch wenn es bisweilen andere nicht verschmäht. Mit fremden Bibern aber machen sie nicht viel Federlesens, besonders wenn ihr Nahrungsrevier und das Wasser mit knapper Not für sie selber reichen oder wenn alle Weibchen längst vergeben sind. Dann bekämpfen sie einander erbarmungslos.
Gibt es aber einmal eine große Trockenheit und die Gewässer werden seicht, dann sammeln sich alle dort, wo noch Wasser verblieben ist. Sie unterlassen ihre Raufereien, und die hier ansässigen Biber vertreiben die Gäste nicht. Dürre ist eben ein Unglück, das alle gleichermaßen trifft.

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