Der Baum – Von tausendjährigen und jüngeren Riesen

Flußperlmuschel (Margaritifera margaritifera) - Foto: Piet Marsfeld
Flußperlmuschel (Margaritifera margaritifera) – Foto: Piet Marsfeld

Ganz selten erreicht der Mensch ein Alter von einhundert Jahren. In alten Büchern kann man lesen, dass die Flussperlmuschel angeblich sogar einhundertfünfzig, der Elefant bis zu zweihundert und die Riesenschildkröte bis zu dreihundert Jahre alt werden sollen. Diese Lebensdauer wird von Forschern unserer Zeit jedoch ins Reich der Fabel verwiesen. Wenn nun aber einer daher käme und behaupten, würde, dass es heute noch Lebewesen gäbe, die schon vor unserer Zeitrechnung, also vor über zweitausend Jahren, gelebt haben, würden wir ihn sehr kritisch anschauen. Ja, und wenn er sich dann versteifen würde und behauptete, dass er sich noch sehr vorsichtig ausgedrückt habe, daß es sogar drei- bis viertausend Jahre sein könnten, die diese Geschöpfe überdauerten — nun, dann würden wir sicher sein, dass er einem Phantasten auf den Leim gegangen sei.

Denn dieses sagenhafte Geschöpf, das müsste ja noch die Gründung von Rom erlebt haben, das müsste dabei gewesen sein, als sie den Herrn ans Kreuz schlugen, das müsste die Weltstädte Paris, London und Berlin als Fischerdörfer gesehen haben! Und doch gibt es Lebewesen, die dieses Alter erreichen . . .

Es sind die — Bäume!

Drachenbaum Teneriffa Foto: Jens LeiboldtAuf der Insel Teneriffa an der westafrikanischen Küste stand noch vor gar nicht langer Zeit ein Drachenbaum, der nach den vorsichtigsten Schätzungen sage und schreibe fünftausend Jahre alt war! Aber selbst dieser Baum war keine Ausnahme, denn auch die Affenbrotbäume und die Mammutbäume können ein solch ehrwürdiges Alter erreichen. Es wurden Platanen mit viertausend Jahresringen und Zypressen und Eiben mit dreitausend Jahresringen gefüllt.

Auf dem Friedhof von Santa Maria de Tule steht eine Sumpfzypresse, die auf viertausend Jahre geschätzt wird. Auf dem Friedhof der englischen Stadt York pflegt man mit Sorgfalt eine Eibe, die dreitausend Jahre alt ist. Und in den Mammutbaumhainen von Kalifornien stehen Riesen, die auf ein vier tausendjähriges Dasein zurückblicken. Man stelle sich nur einmal vor, was diese Bäume alles erlebt haben, wer alles unter ihren Wipfeln saß.

Während sie still und stetig gen Himmel strebten, zerfielen Riesenreiche der Menschen, sind volkreiche Großstädte mehrmals unter die Erde gesunken und wieder auferstanden, wurden Riesenbauten von Wind und Wetter geschleift, veränderten sich die Küsten der Länder, verlandeten Seen und Moore, versandeten Flüsse und Ströme und wiederholte sich hunderte Male der bunte Reigen der Tier- und Menschengenerationen. Wahrhaftig, gewaltige Lebewesen sind diese Bäume! Und wir können es unseren heidnischen Vorfahren und den Naturvölkern der Gegenwart nachfühlen, daß sie mit ehrfürchtigem Schaudern und in großer Verehrung zu den Bäumen aufschauten und noch aufblicken; daß sie im Rauschen der Wipfel ihre Gottheiten hörten und es als einen Frevel ansahen, die Hand an solche Baumriesen zu legen.

Eibe Krombach - Foto: unbekannt
Eibe Krombach – Foto: unbekannt

Und wenn wir darüber nachdenken, welches Unheil über die Welt gekommen ist, weil die Menschen die Ehrfurcht vor den Bäumen verloren haben, wie ehemals fruchtbare Länder verödeten und verkarsteten, wie trostlose Wüsten rings auf der Erde entstanden, wie verheerende Sandstürme und ungeheure Überschwemmungen im Gefolge des Frevels am Wald auftraten, dann begreifen wir, welch wichtige Rolle die Bäume spielen. In unserer engeren Heimat stehen Wald und Baum schon lange unter streng gehandhabtem Schutz, und die belaubten Riesen der Vorzeit werden als Naturdenkmäler gehegt und gepflegt. Der älteste deutsche Baum ist wohl die zweitausendjährige Eibe bei Krombach an der sächsisch-böhmischen Grenze. Es gibt Fichten und Edeltannen von mehr als hundert Jahren, Linden von 1000 Jahren, Lärchen und Kiefern von 500 Jahren und Silberpappeln von 400 Jahren. Dagegen bringen es Ulme, Ahorn und Birnbaum „nur“ auf 350 Jahre, Buchen und Rosenstöcke auf höchstens 300 Jahre, Eschen auf 250 Jahre, Birken und Apfelbäume auf 200 Jahre und Zitterpappeln, Silberweiden und Buchsbäume auf knappe 150 Jahre.

Dem Alter, das manche Bäume erreichen, entspricht auch ihr Höhen- und Umfangwachstum. Der australische Eukalyptusbaum erreicht eine Höhe von 156 Metern. Zum Vergleich: Der Kölner Dom ist 151 Meter und das Ulmer Münster 167 Meter hoch. Der Mammutbaum wird 142 Meter hoch, unsere Tanne 75 Meter, die Fichte 60 Meter, die Kiefer fast 50 Meter, die Eiche 35 Meter, die Eibe aber „nur“ 15 Meter. Der Stammdurchmesser beträgt im Höchstfalle bei den Edelkastanien 20 Meter, den Platanen 15 Meter, den Mammutbäumen 11 Meter, den Eichen 7 Meter, den Eiben 5 Meter, den Ulmen und Tannen 2 bis 3 Meter. Das heißt also, eine Kastanie und eine Platane können den Umfang eines Einfamilienhauses haben, und durch einen Mammutbaum könnten wir ein Tor schlagen, durch das ein Lastwagen fahren kann.

Welch geheimnisvolle Kräfte sind am Werk, um diesen Riesen Kraft und Bestand zu geben? Wie vollziehen sich Geburt, Wachstum und Tod der belaubten Giganten? In  den nachfolgenden Artikeln wollen wir die Lebensgesetze der Laubbäume unserer Heimat betrachten, von ihrem Äußeren, ihren Erkennungsmerkmalen, ihrer Wesensart und ihren Besonderheiten hören…

Weitere Artikel finden Sie hier: Der Baum

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: Content is protected !!