Der Baum – Ulmen

Foto: Stefan OtteIn Schinsheim in Rheinhessen stand eine Ulme, deren Stamm einen Umfang von fünfzehneinhalb Metern hat. Das heisst, dass diesen Stamm sechzehn Schulkinder gerade umspannen können. Diese Ulme, die man das „Rathaus von Schinsheim“ nennt, ist der stärkste Baum in Deutschland und soll über tausend Jahre alt sein. Ob das Alter stimmt, mag dahingestellt sein. Aber etliche hundert Jahre alt können die Ulmen schon werden, vor allem die Feldulmen, und dazu über dreißig Meter hoch.

Ulmus minor 'Louis van Houtte' - Dyke Road Brighton GB - Foto von Ronnie Nijboer - Quelle: wikipedia

Es sind mächtige Bäume, die man zuverlässig an den immer sehr tief angesetzten Kronen, die fast den ganzen starken Stamm von unten her bis zum Wipfel bedecken, zu erkennen vermag. Die Kronen sind licht und locker, viel feingliedriger als die der Buchen und Eichen. Bei näherer Betrachtung schwindet jeder Zweifel, denn die Blätter der Ulmen haben auffallend ungleiche Hälften, von denen die eine größer und tiefer angesetzt ist als die andere. Die Feldulme, die auch Rotulme, Rüster oder Rüsche genannt wird, wurde früher besonders gern als Alleebaum angepflanzt, bildete dort wundervolle, grüne Säulengänge, die heute hier und da noch zu alten Schlössern und großen Landgütern führen. Die Feldulme wächst nämlich recht schnell, ist mit fünfzig Jahren schon dreißig Meter hoch und mehr als zwei Meter stark. Allerdings ist sie auch einer unserer anspruchsvollsten Bäume, verlangt einen guten, tiefgründigen Boden, mildes Klima, viel Wärme und Luftfeuchtigkeit. Und das ist wohl auch der tiefere Grund dafür, daß sie heute gar nicht mehr so recht gesund ist, sich bei uns einfach nicht mehr wohlfühlt, vorzeitig wipfeldürr wird und so leicht von der Ulmenkrankheit dahingerafft wird.

Großer Ulmensplintkäfer (Scolytus scolytus) - Meyers 1888

Es ist viel über das große „Ulmensterben“ geschrieben, gesprochen und gerätselt worden, bis es gelang, in einem vom Ulmen-Splintkäfer übertragenen Schlauchpilz den Urheber der Krankheit zu entdecken. Vielleicht ist die Ulme aber auch müde, glattweg lebensmüde und der Krankheit aufgeschlossen, weil ihre Zeit auf Erden abgelaufen ist. Denn die Ulme ist ein uralter Laubbaum, der schon grünte, als es in unseren Landstrichen noch Feigen-, Zimt- und Kampferbäume gab, als sich bei uns noch Palmen wiegten und die Mimose das Heidekraut vertrat.

Zeitig im März beginnt die Ulme zu blühen. Als dichte, kugelige Büschel brechen die rötlichen Blüten aus den schwarzen, noch unbelaubten Zweigen, werden vom Winde bestäubt und reifen bereits im Mai – Juni die rötlichen Nüsschen heran. Jede kleine Samennuss liegt in der Mitte eines sie allseitig umfassenden häutigen Flügels, mit dessen Hilfe sie weit davonzufliegen vermag. Hunderttausende und Millionen dieser Samennüsschen schickt die Ulme alle zwei Jahre auf die Reise, aber nur verschwindend wenige finden den guten Grund, den sie brauchen, um fortzukommen. Die Feldulme erkennt man an der längsfurchigen, dunkelgrau-braunen Borke, die in rechteckige Stücke aufreißt und an die Borke der Eiche erinnert. Die Borke der Flatterulme ist dagegen längst nicht so dick, mehr graubraun, längsrissig und blättert in flachen und gekrümmten Schuppen ab. Außerdem unterscheidet sich die Flatterulme von der Feldulme wie von der Bergu1me dadurch, daß ihre Blüten und Früchte langgestielt sind und im Winde flattern. Die Feldulme und noch mehr die Flatterulme sind Flachlandbewohner und fehlen oft bereits schon im hügeligen Mittelgebirge.

Flatterulme - Foto: Peter Bourne

Bescheidener als ihre empfindsame Schwester ist die Flatterulme, die wir deshalb auch oft in dichtverwachsenen Auwäldern antreffen. Dafür ist ihr lichtbraunes Holz aber auch viel geringwertiger als das Holz der Feldulme, das ungewöhnlich fest, zäh, schwer und dazu noch sehr schön gemasert ist. Feldulmenholz wird von der Möbelindustrie hoch bezahlt. Die Stellmacher verwenden es gern für Wagenspeichen. Ein Kind des Bergwaldes ist die Bergulme, Weißulme oder Weißrüster.

Berg-Ulme (Ulmus glabra)Bis zu einer Höhe von 1300 Metern steigt sie in den Alpen empor, ist in allen unseren Mittelgebirgen zu Hause. Es ist gar nicht so leicht, sie von der Feldulme rein äußerlich zu unterscheiden. Wir müssen schon die Blätter vergleichen, die bei ihr ein wenig größer, etwas rauher auf der Oberseite und behaarter auf der Unterseite sind. Auch die Früchte sind größer als bei den anderen Ulmen. Das Holz der Bergulme ist ebenfalls bei der Möbelindustrie wegen seiner schönen Maserung begehrt; es hat keinen schokoladebraunen, sondern einen blaßbraunen Kern. In den Bergen ist die Ulme noch verhältnismäßig gesund und wird weniger von der Ulmenkrankheit befallen wie in der Ebene. Ein Hinweis dafür, daß wahrscheinlich doch die mindere Güte unserer heute überbeanspruchten Ackerböden für das Ulmensterben mitverantwortlich zu machen ist.

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