Der Baum – Eschen

branch-739943_1920_Esche_SilberfuchsIn den vom Kienspan flackerig erleuchteten Hütten unserer Vorfahren raunte die Sage von der „Weltesche“, einem gewaltigen Baum, der das ganze weite All zusammenhalte. Sein rauschender Wipfel reiche hinauf bis zum sonnendurchstrahlten Himmelssaal der Götter, seine Wurzeln durchwuchsen das düstere Reich der Unterwelt, seine Zweige breiteten sich über alle Erdteile und Meere. An seinen drei mächtigen Hauptwurzeln aber liege der ewige Quell des Lebens. Und an diesem Quell säßen drei dunkle Schicksalsgöttinnen, spönnen die Lebensfäden der Menschen und besprengten den Baum mit dem lebenspendenden Wasser.

So dachten sich die germanischen Völker den Bau der Welt. Im höchsten Wipfel der Weltesche Iggdrasill sollte sich nach altgermanischer Sage ein Menschenpaar geborgen haben, als die große Sintflut die Erde überschwemmte und der rasende Weltenbrand alles verheerte.  Aus dem Eschenholz, das von weißgelber Farbe und überaus zäh und doch elastisch ist, schnitten sich unsere Vorväter ihre Bogen und Speere, aus ihm fertigten sie die Scheiben der Wagenräder und die Feuerräder, die sie von den Bergen ins Tal rollen ließen. Die Esche war auch ihr Festbaum, den sie zur Zeit der Wintersonnenwende mit bunten Bändern und Früchten schmückten. Und mächtige Eschenblöcke glimmten Tag und Nacht im Herdfeuer.

Gemeine Esche - Foto: Piet Marsfeld

Die Esche ist ein überaus schöner und prachtvoller Baum, besonders wenn sie frei steht und sich ungehemmt entfalten kann. Dann erreicht sie eine Höhe von gut dreißig Metern, einen Stammdurchmesser von reichlich anderthalb Metern und wird 200 bis 250 Jahre alt.

In der Jugend hat sie eine glatte und bräunliche Rinde, im Alter eine rissige, hellgraue Borke. Die starken Äste bauen eine lockere und sehr tief angesetzte Krone auf. Ende April bis Anfang Mai beginnt sie bereits zu blühen. Dann brechen aus ihren knolligen, schwarzbraunen bis schwarzen Knospen die kurzen, dunkelpurpurroten oder violetten Blütenbüschel; man könnte fast sagen, sie „spritzen“ hervor und wachsen sich dann allmählich zu hängenden Träubchen aus. Erst nach der Blüte belaubt sich die Esche mit ihren schönen, großen, gefiederten Blättern, die sie von allen anderen Laubbäumen unterscheiden und die sie im Herbst noch grün abwirft. Bei der Esche gibt es also keine herbstliche Laubverfärbung.

Eschenfrüchte - Foto: Piet Marsfeld Die Eschenfrüchte sind kleine, schmale Nüßchen, die alle von der Natur ihren Propeller in Gestalt eines zungenförmigen Flügels mitbekommen, damit sie der Wind weit genug durchs Land wirbeln kann. Sie hängen lange am mütterlichen Baum.

Am Liebsten hat es die Esche fußfeucht. Sie gedeiht prächtig in Auwäldern, auf nassen Wiesengründen und an Bachufern. In den Alpen klettert sie mit dem Bergahorn an den Bachrändern und auf den feuchten Matten bis in eine Höhe von 1300 Metern. Aus ihrem Holz werden Sportgeräte hergestellt, wie Skibretter, Schlitten, Schläger, Keulen, Kegelkugeln, Bogen, Barren und Speere. Eschenholz wird auch viel im Waggon- und Brückenbau sowie in der Möbelindustrie und in den Stellmacherwerkstätten verarbeitet. Gar nicht verwandt mit der Esche, aber in den Blättern ihr doch ähnlich, ist die E b e r e s c h e , der besungene „Vogelbeerbaum“ der Erzgebirgler. Der Name hat auch nichts mit dem Eber, dem männlichen Schwein, zu tun, sondern entstand aus „Aberesche“, was soviel wie falsche Esche bedeutete.
Die Eberesche begleitet als Alleebaum vor allem die Straßen in den Mittelgebirgen und steigt im Bergrevier bis über die Waldgrenze hinaus. Sie ist viel zäher und anspruchsloser als ihre große Namensschwester, kommt eigentlich auf jedem Boden fort, sie braucht nur viel Licht und Sauerstoff. Sie wächst auch rascher, wird allerdings meistens nur zehn, höchstens sechzehn Meter hoch und selten älter als achtzig Jahre.

Aus ihren großen, dunkelvioletten und filzig behaarten Knospen brechen Ende April die gefiederten Blätter, die zierlicher als die der Esche sind. Im Mai, spätestens im Juni, entfalten sich an den Zweigenden die großen, gewölbten Schirmdolden, die aus zahlreichen, kleinen, weißen, unangenehm riechenden Blüten bestehen. Im Herbst aber verwandeln sich diese aufrecht stehenden Blüten in hängende Fruchtdolden mit leuchtend korallenroten, fast

Esche - Beeren - Foto: Piet Marsfeld

erbsengroßen Beeren. Sie haben gelblichrotes Fleisch, schmecken herb und bitter, enthalten aber viel Zucker, Fruchtsäure und besonders das wertvolle Vitamin C. Die Hausfrauen haben gelernt, das Fleisch der Marmelade aus anderen Früchten beizugeben, den Saft auszupressen und als Vitaminspender auf den Tisch zu bringen. Seit Jahrhunderten schon wird Schnaps aus den Ebereschenbeeren gebrannt. Viel früher als die Menschen sind die Vögel auf den Geschmack dieser wertvollen Früchte gekommen, die Drosseln und alle die geflügelten Wintergäste aus dem hohen Norden, für die im Gezweig der Vogelbeerbäume der Tisch gedeckt ist.

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