Das Wörterbuch – W wie Weiber

„Ein Wörterbuch anlegen, ein Verzeichnis der seit Jahrzehnten bevorzugten Worte, da käme man sich auf die Schliche, auf die Farben, auf die Objekte…“ Marie Luise Kaschnitz

DIE FRANZÖSISCHE REVOLUTION – Der Zug der Weiber nach Versailles
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Die Revolution geht weiter, die Teuerung nimmt zu. In der Nationalversammlung hat der Adel auf das Jagdrecht verzichtet, die Geistlichkeit auf den Zehnten. Es gibt keine Privilegien mehr, aber es gibt auch noch immer kein Brot. Und die Truppen flößen der Bevölkerung weiterhin Furcht ein.
Zu Anfang Oktober entsteht das Gerächt, Leibgarden des Königs hätten die dreifarbene Kokarde, die des Lafayette, in den Staub getreten und ersetzten sie durch die schwarze der Königin. Daraufhin marschieren siebentausend Aufständische, vor allem Weiber, auf Versailles zu.
Bei den Truppen, die für Ordnung und Sicherheit sorgen, dient ein junger Offizier der Palastwachen, Thiébault: 

Es kam der Befehl, das Volk daran zu hindern, nach Versailles zu ziehen, und kurz darauf erschienen etwa sechzig schreckliche Weiber, die mit lautem Geschrei verkündeten, sie wollten den König aufsuchen, und jeden aufforderten, sich ihnen anzuschließen. Beim Anblick dieser Furien, die aus der

Richtung des Palais-Royal kamen und deren Zahl und Betrunkenheit von Schenke zu Schenke wuchs und von denen einige Stöcke und große Küchenmesser schwangen, hatte ich, was mir an Leuten noch übrig geblieben war, unter die Waffen treten lassen; ich hatte mich kampfbereit vor dem Portal der Feuillants aufgestellt und fünf Mann, darunter einen Korporal, mit dem Befehl ausgeschickt, das Gesindel zurückzutreiben. Da dieser Befehl die Weiber nur aufbrachte, wurde mein Vortrupp ausgepfiffen und zurückgeworfen; ich ließ ihm aber sogleich durch den Rest meiner Truppe, welche die Rue Saint-Honoré sperrte, Hilfe zukommen und ging gegen die Weiber vor. Mit kräftigen Kolbenstößen oder Fußtritten, mit den Bajonetten, die wir ihnen in die Seite oder den Leib drückten, warfen wir sie über den Haufen und drängten sie unter Schlägen bis zum Schießstand von Saint-Roch zurück; Flüche und entsetzliche Drohungen ausstoßend, drängten sie sich dort zusammen.weiber_versaillesWährend ich so die Rue Saint-Honoré säuberte, schlugen alle Trommler bei den Feuillants auf meinen Befehl. »Das Ganze sammeln«. Unsere Kompanien traten ziemlich schnell an, und in der Annahme, daß wir einen durchführbaren Befehl erhalten hatten, sperrten wir quer durch unser Viertel alle Verbindungen mit Versailles ab, so daß niemand durchkam. Es war jedoch zu spät, irgendetwas zu verhindern; in den anderen Stadtvierteln wurden die erwähnten Befehle nicht erteilt oder als nicht erhalten behandelt, und unsere Bemühungen hatten daher keinen anderen Erfolg, als einen Teil der Banden, die bei jedem Tritt Scheußlichkeiten begingen, zu einem Umweg zu zwingen. Sie hielten Wagen an, zerrten die Insassen heraus und zwangen sie, mitzuziehen.  Erst gegen sechs Uhr abends langte ein Adjutant des Monsieur de Lafayette bei den Feuillants an. Augenblicklich ergriffen wir die Waffen, und unser rechtes Halbbataillon wurde nach Versailles in Marsch gesetzt, während acht oder zehn Stunden früher zwanzigtausend Mann hätten ausgeschickt werden sollen, um den Wald von Meudon und die Tore von Sèvres und Saint-Cloud zu besetzen.

Wir waren noch nicht am Point-du-Jour, als eine Stockung eintrat, veranlasst durch die Langsamkeit des Nachtmarsches und den recht lächerlichen Entschluss, sechzig Halbbataillone und mehrere Batterien in Schlachtordnung antreten zu lassen. Wir kamen nur in kurzen Strecken vorwärts und mussten zwischendurch lange haltmachen. Außerdem hatte es angefangen zu regnen; ein Guss folgte dem andern, und der Schlamm war entsetzlich. Der Marsch, der immer mühseliger wurde, dauerte mehr als sechs Stunden; es war halb ein Uhr nachts, als wir auf dem Paradeplatz von Versailles aufmarschierten, und wir erhielten den Befehl, hier die Nacht zu verbringen. 
Als unsere Gewehre in Pyramiden aufgestellt waren, nahm mich Monsieur Doasan der Ältere, der Generalpächter und mein Hauptmann war, beiseite und sagte: »Ich habe im Hotel des Fermes ein Abendessen für zwei Uhr anrichten lassen; wir wollen hingehen und essen und zur Beaufsichtigung der Truppen meinen Bruder und die anderen Herren hierlassen; sie werden sich einrichten, so gut sie können.« Kein Vorschlag konnte gelegener kommen; wir waren ausgehungert, durchnässt und durchfroren. An einem Feuer, das ebenso nötig war, um uns zu wärmen wie um uns zu trocknen, aßen wir wunderbar zu Abend. Nach der Mahlzeit warfen wir uns gemeinsam auf ein Bett. Beim Morgengrauen wurden wir geweckt und brachen sogleich auf, um uns zu unserer Kompanie zu begeben; wir waren noch nicht die Treppe hinunter, als wir den Generalmarsch hörten. In diesem Augenblick stürmte der Pöbel durch ein offenstehendes oder offen gelassenes Tor des Gitters in die Höfe des Schlosses und bis in die Gemächer der Königin, und der Angriff der Leibgarden begann, die später von der Palastwache gerettet wurden, wie die Garde die königliche Familie rettete.

Aus Leibeskräften rannten wir zu unserer Kompanie, die eben zu den Waffen griff. Von allen Seiten war Geschrei zu hören. An einer Stelle stahl man die Pferde aus den königlichen Ställen, an einer anderen brachte man Leibgarden um. Unsere drei mittleren Kompanien erhielten den Befehl, hinter den Pferden herzulaufen; sie trugen dazu bei, dass sie fast alle zurückgebracht wurden; meine Grenadierkompanie bekam einigen anderen den Auftrag, den Leibgarden zu Hilfe zu kommen, die vom Volk angegriffen wurden, als sie versuchten, wieder ins Schloss zu gelangen. Wir befreiten sie alle, und selbst gelang es, drei von ihnen den Rasenden zu entreißen, die sie entwaffnet hatten und ihnen die Kehle durchschneiden wollten. Ich vertraute die drei Gardisten dem Zug an, zu dem ich gehörte, und brachte sie in unseren Reihen bis nach Paris. Als ich an der Rüstkammer der Krone vorbeikam, bemerkte ich an einem Fenster meinen Vater, meine Mutter und meine Schwester. verließ mit den dreien, die mich seit dem Morgen mit Danksagungen überhäuften, die Reihen; ich ließ sie in die Einfahrt treten und gab meinem Vater Zeichen, sie zu empfangen. Um zu Ende zu führen, was sie betrifft: sie warteten im Haus meines Vaters (der ihnen zu essen gab), bis die Nacht angebrochen war. Dann vertauschten sie ihre Kleider mit Gehröcken, die man ihnen besorgte, nahmen einen Mietwagen und ließen sich zu dem in Paris wohnenden Verwandten des einen fahren. Kaum dort angekommen, schickten sie die Kleider durch einen Diener zurück, der ihnen die jetzt nutzlosen Uniformen gebracht hatte.

(…) Die Übersiedlung des Königs nach Paris, die wie ein Triumph verkündet und wie ein Sieg betrachtet wurde, genügte, eine vorläufige Ruhe herzustellen. Die erste Sorge war jetzt, jene furchtbaren Horden nach Paris zurückzubringen.  Man ließ ihnen ein paar Bataillone folgen. Auf dem ganzen Weg verkündete die Menge das Vorüberkommen oder die Ankunft des Königs, den sie den »Bäcker« nannte, womit sie auf den Überfluss anspielte, der nun in Paris herrschen würde. Die Köpfe von zwei unglücklichen Leibgardisten dienten als Feldzeichen, und die Horden führten die Mordtrophäen unter widerlichen Gesängen mit sich.

Als Versailles zum großen Teil gesäubert war, machten sich der König und seine Familie auf den Weg, begleitet von hundert Deputierten und eskortiert von dreißigtausend Mann der Pariser Nationalgarde; die Halbbataillone der drei ersten Divisionen marschierten den Wagen voran, die Halbbataillone der drei letzten folgten ihnen, und zahlreiche Menschen liefen zu beiden Seiten des Weges. Vom Schlagbaum von Bonshommes bis zum Rathaus, durch die Rue Royale, die Rue Saint-Honoré usw., ging der Zug durch zwei Reihen der Nationalgarde; ebenso gelangte er vom Rathaus zum Tuilerienschloss, das seit einem Jahrhundert unbewohnt war. Obgleich ich seit dem Palais-Royal beinahe die Sohlen meiner Schuhe verloren hatte, überstand ich diese Plage, aber ich kam mit so geschwollenen Füßen nach Hause, dass ich zwei Tage nicht gehen konnte.

 

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