Alexander Moszkowski • Das wahnsinnige Karussell • Über Kirmes und den Sternenhimmel

Alexander Moszkowski • Das wahnsinnige Karussell

Karussell1250Kinder fahren gern im Karussell, weil sie Freude an der Fortbewegung in jeder Form haben. Erwachsene lieben den Aufenthalt in solchem Drehapparat weniger; sie fürchten, daß ihnen nur allzu bald schwindlig werden könnte.

Nun denke Dir, lieber Leser, Du wärest aus irgend einem Grund gezwungen, in ein Karussell zu steigen, das sich hundert Mal rascher als jedes gewöhnliche herumdreht. Das ist kein angenehmer Gedanke, nicht wahr? Wie wäre es aber nun gar, wenn Dein Karussell, das am Rand eines großen runden Rummelplatzes stehen soll, anfinge, während es sich dreht, mit höchster Geschwindigkeit um den Platz herumzulaufen? Es würde dann also zwei kreisende Bewegungen gleichzeitig ausführen: einmal die Drehung um die eigene Achse, zweitens die um den Platz.

Jetzt schwindelt Dir schon heftig. Aber Du sollst noch böser geplagt werden!

Auch der Rummelplatz selbst steht nicht still, er läuft vielmehr mit rasender Schnelligkeit und unaufhörlich auf einen Fesselballon zu, der weit in der Ferne verankert ist. Kaum merken das die Leute am Halteseil des Ballons, so lassen sie das Tau los, und, von einem kräftigen Wind getrieben, fliegt der Ballon eiligst in schräger Richtung immer weiter in den Raum hinein. Der Rummelplatz aber mit Deinem wahnsinnigen Karussell, das immer um den Rand des Platzes rast, während es sich auch noch um seine eigene Achse dreht, läßt nicht ab, auf den davon eilenden Ballon zuzurennen, den es aber, da er rascher ist, niemals erreicht.

Möchtest Du in einem solchen Karussell sitzen?

Nacht der Sternschnuppen - Jean-Francois Millet ca. 1851
Nacht der Sternschnuppen – Jean-Francois Millet ca. 1851

Die Frage ist müßig, denn du sitzt darin, befindest Dich aus einem also bewegten Apparat vom Beginn Deines Lebens an und kannst ihn niemals verlassen. Noch nach Deinem Tod wird Dein Staub an der tollen Fahrt weiter teilnehmen müssen.

Denn unsere Erde selbst ist es, die unaufhörlich alle die Bewegungen vollführt, die eben angegeben wurden. Unser Planet selbst ist das wahnsinnige Karussell.

observatory-528140_640Er kreist ständig um seine eigene Achse; jeder Punkt am Äquator macht dabei einen Weg von 500 Metern in der Sekunde. So rasch dreht sich selbst das schnellste Dampfkarussell nicht. Der »Rummelplatz«, um den sich die rotierende Erde gleichzeitig herumbewegt, ist die von ihrer Bahn um die Sonne begrenzte Fläche. Hier erfolgt die Drehung nun gar mit einer Geschwindigkeit von 30 Kilometern in der Sekunde, das ist 60mal rascher als ein Geschoß fliegt. Und weiter! Auch die Sonne, um welche die Karussellachse herumjagt, steht nicht still. Es ist den Astronomen die wunderbare und tiefe Erkenntnis gelungen, daß unser Zentralgestirn, ein Fixstern wie unzählige, ebenso eine Eigenbewegung hat wie die anderen Fixsterne. Man nennt sie die Translation. Mit ihrem ganzen Planetensystem saust die Sonne mit einer Geschwindigkeit von 20 Kilometern in der Sekunde auf den strahlenden Stern Wega im Sternbild der Leier zu. Das ist der Fesselballon, der vorhin erwähnt wurde. Und wir wissen auch, daß sein Halteseil nicht mehr verankert ist. Da alle Fixsterne sich bewegen, so steht auch die Wega nicht still. Sie legt 27 Kilometer in jeder Sekunde zurück, aber wohin ihr Weg führt, das wissen wir nicht und können wir auch nicht einmal vermuten.

Sternenhimmel - Guillaume - unsplash
Sternenhimmel – Guillaume – unsplash

Wird Dir schwindlig in Deinem großen Karussell, lieber Leser? Nein, Dein Kopf bleibt klar, denn Dein Auge vermag keinen Punkt zu erreichen, der nahe genug ist, um Deinem Geist die tolle Bewegung, die Du zwangsweise mitmachst, ohne weiteres offenbar werden zu lassen. Das bischen planetarische Bewegung, das wir stündlich und jährlich machen, also die Drehung um die Karussellachse und um den Rummelplatz, spiegelt Dir der Fixsternhimmel durch seine scheinbare Bewegung zwar wieder, aber da der nächste Fixstern, Alpha Centauri, schon 37½ Billionen Kilometer von uns ab steht, ist dies so wenig eindrucksvoll, daß es Dich nicht wirr machen kann. Die Bewegung der Sonne nun gar ist nur aus einem komplizierten Umweg über physikalische Betrachtungen (Doppler-Effekt) überhaupt festzustellen gewesen.

Andere Fixsterne laufen noch viel schneller, und sie alle verdienen darum eigentlich ihren Namen nicht, der »am Himmel festgehefteter Stern« bedeutet; sie sind auch nur deshalb so genannt worden, weil sie im Verhältnis zu der Bewegung der Planeten, die uns wegen deren ungeheuer viel größerer Nähe weit rascher deucht, zu ruhen scheinen. Pollux im Sternbild der Zwillinge macht 53 Kilometer in der Sekunde, Schedir in der Kassiopeja 178, und ein kleines Sternchen im Großen Bären, der Schnelläufer genannt, leistet sich sogar 289 Sekunden-Kilometer. Trotz dieses rasenden Laufs aller uns sichtbaren Sterne scheinen sie uns dennoch still zu stehen. Jeder Stern in jedem der Sternbilder, die wir nach rein äußerlicher Anschauung bildhaft zusammengefügt haben, hat eine unbegreiflich rasche Eigenbewegung, meist ganz unabhängig von jedem anderen. Und doch stehen die Sternbilder heute noch ganz genau so zusammen wie am Tag unserer Geburt. Mit Recht sagt Schiller:

Auf einer großen Weide gehen
Viel tausend Schafe, silberweiß,
Wie wir sie heute wandeln sehen,
Sah sie der allerält’ste Greis.

Ja wir sehen die Sternbilder heute sogar noch ebenso, wie die ägyptischen Pyramidenbauer sie vor Jahrtausenden erblickten. Würden Cheops oder Amenophis heute auferstehen, sie fänden den milky-way-1023340_1280Sternenhimmel fast noch genau so wieder, wie er ihnen zur Zeit ihrer Herrschaft leuchtete. Die Räume zwischen den einzelnen Fixsternen sind eben so unausdenklich groß, daß uns, um eine sichtbare Verschiebung feststellen zu können, weit größere Zeiträume zum Vergleich zur Verfügung stehen müßten, als wir zur Hand haben. Es ist errechnet worden, daß das Sternbild des großen Bären vor 10 000 Jahren anders aussah als heute. Aber so weit reicht das historische Zeitalter der Menschheit nicht zurück. Hier werden Jahrtausende zu Sekunden. Unverändert erscheinen uns nach wie vor die Sternbilder. Und das ist vielleicht das größte Wunder in diesem höchst wunderbaren Kapitel aus der Sternenwelt.

trennlinie2

Redaktion: Anton Hirschner
Artur Fürst / Alexander Moszkowski – Das Buch der 1000 Wunder
Erstveröffentlichung: 1916
Verlag: Albert Langen, München 1920

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: Content is protected !!
%d Bloggern gefällt das: