Das Kreuz mit der Lust – über meine Sexsucht

Die Fesseln der Sucht - Illustration: Stefan Otte
Die Fesseln der Sucht – Illustration: Stefan Otte

Jürgen*,  49, verheiratet, Vater von drei erwachsenen Kindern, in einem kaufmännischen Beruf tätig und wohnhaft in Norddeutschland. Hier erzählt er von seiner Last mit der Lust:

Ich bin sexsüchtig «und fühle mich meinem zwanghaften Begehren machtlos ausgeliefert». Vermutlich bin ich das schon seit meiner Jugend. Wirklich aufgefallen ist es mir erst vor etwa zehn Jahren. Vorher dachte ich einige Jahre lang, dass mein erhöhter Alkoholkonsum dafür verantwortlich sei, dass ich oft  Prostituierte aufsuchte oder schnellen Sex mit bekannten und unbekannten Frauen suchte. Ich ging zu den Anonymen Alkoholikern und lebte auch während einiger Jahre gänzlich ohne Alkohol. Doch dann merkte ich allmählich, dass «der übermäßige Drang» auch ohne Alkohol kam. Da wurde ich mir dann wirklich bewusst, dass ich kein Alkoholiker, sondern ein Sexsüchtiger bin.
Diese Einsicht hat mich zwar anfangs erleichtert, denn nun wusste ich wenigstens, woran ich war. In der Beschreibung der Sexsucht, wie ich sie in einigen Sachbüchern vorfand, erkannte ich mich wieder. Ein grosses Gefühl der Erleichterung war es auch, in einer Gruppe von Betroffenen über mein Problem sprechen zu können. Gleichzeitig stellte ich aber fest, wie heimtückisch diese Sexsucht ist. Sie ist nämlich in meinem Kopf fest verankert. Und daher kann ich auch ohne einenTropfen Alkohol im Blut völlig von meiner Geilheit beherrscht sein – und niemand merkt es. Ich kann völlig «sexbesoffen» an meinem Arbeitsplatz oder mit Freunden zusammen sein – von aussen ist, sofern ich mich nicht auffällig verhalte, nichts zu erkennen.

Eugene Durieu -Ohne Titel - 1854
Eugene Durieu -Ohne Titel – 1854

Offenheit die heilsam wirkt

Dieser Sucht ist es dort am wohlsten, wo sie sich in den geheimsten Winkeln unseres Inneren verstecken kann. Sie ist wie eine Spinne, die in ihrem Versteck darauf lauert, dass sich ein Subjekt in ihrem Netz verfängt. Bei der erstbesten Gelegenheit packt auch „meine Spinne“ zu. Ich habe dank vieler schmerzvoller Rückfälle gelernt, dass ihr nur mit bedingungsloser Ehrlichkeit beizukommen ist:
Ehrlichkeit mir selbst gegenüber, meinen Gesprächspartnern in der Gruppe gegenüber – und auch meiner Frau gegenüber. Letzteres war das Schwerste und Quälendste. Lange meinte ich, das Beste sei, wenn ich meine Frau verschonen würde. Sie wusste zwar von meinem Problem und auch, dass ich in einer Therapiegruppe mitmachte. Doch dass ich immer wieder Rückfälle hatte, davon wagte ich ihr sehr lange nichts zu erzählen. Bis es eines Tages aufflog. Die Enttäuschung war für sie groß und schrecklich. Doch auch die Hoffnung ist für mich gewachsen, dass unsere Beziehung daran reift.
Für mich selbst ist meine Offenheit heilsam. Ich konnte und wollte mein Doppelleben nicht mehr weiterführen. Inzwischen bin ich auf dem Weg der Genesung ein bisschen weiter. Die grösste Herausforderung ist für mich, mit meiner Frau ein erfüllendes Sexleben aufzubauen. Das geht nicht ohne Schwierigkeiten. Denn meine Sexsucht hat in meinen Vorstellungen und Erinnerungen Spuren hinterlassen, die sich immer wieder bemerkbar machen und lockend den schnellen Kick versprechen. Das scheint mir überhaupt das Schwierigste bei der Sexsucht zu sein, jedenfalls wenn man in einer Partnerschaft lebt: Wie kann ich auf gesunde Weise die Sexualität in meiner Beziehung leben? Wie kann ich meine Frau einbeziehen, ohne dass sie sich als Sexobjekt versteht? Wie schaffe ich es, dass meine Frau Lust auf mich hat und behält?
Bei den meisten anderen Süchten ist das wohl anders. Da geht es in erster Linie um Vermeidung und die Schaffung von gesunden Alternativen. Als Ex-Raucher weiss ich zum Beispiel mit Gewissheit: Auch nur ein einzige Zigarette wird mich über kurz oder lang wieder in die Nikotinsucht zurückführen.
Ob diese Sucht geheilt werden kann? Nein, das glaube ich nicht. Lediglich das krankhafte Ausleben kann gestoppt werden. Meine eigenen Rückfälle haben mir gezeigt, dass diese Krankheit immer weiter fortschreitet – mit jedem Rückfall dreht sich die Spirale schneller, braucht es einen noch stärkeren Kick. Der Sex mit einer Prostituierten reichte nicht mehr, es musste mit zwei Frauen sein, die im Internet verbrachte Zeit auf der Suche nach schnellem Sex wurde immer ausgedehnter; meine Gedanken kreisten tage- und nächtelang nur noch darum, wie und wo ich mir einen noch heißeren Kick holen könnte…

Zwei Leben

Der Verlust der eigenen Freiheit gehört zu den schmerzlichsten Erfahrungen der Sucht. Das war mir sehr lange nicht klar. Ich will diesen Verlust nicht, doch mein eigener Wille ist seltsam kraftlos, findet keinen Halt. In der Sucht bin ich mein eigener Sklave. Sie bestimmt, wie ich meine Tage und Nächte gestalte, hält pausenlos Ausschau nach Gelegenheiten.
Warum ich den Kick brauche?! Es kann so viele Gründe und Auslöser geben: Um die eigene Angst zu bannen, Stress zu mildern, ein Hochgefühl zu maximieren, Groll auszukosten, einen Konflikt durchzustehen, Jagdgefühle zu verspüren und ganz oft um meine innere Leere zu füllen… Und wenn das so ist, beschäftigt mich die Sucht bis zur Erschöpfung. Denn neben meinem Suchtleben führe ich ein eher normales Familien- und Berufsleben. Und dieses Doppelleben ist exxtrem kräftezehrend.

Ich bin anfällig

Es ist das Eingeständnis der eigenen gefühlten Machtlosigkeit gegenüber der Sucht, das uns Sexsüchtige miteinander verbindet. Die Sucht schlägt uns immer wieder k.o., wenn wir meinen, sie mit unserem eigenen Willen und unseren Mitteln in den Griff zu bekommen. Deshalb ist es so wichtig zuzugeben, wie ja auch die Anonymen Alkoholiker, dass wir «unser Leben nicht mehr eigenmächtig meistern konnten». Und deshalb glauben wir auch, dass eine Macht, grösser als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann. Nein, ich bin kein Frömmler. Sondern ich stelle einfach nüchtern fest, dass es ohne Mithilfe einer «Macht, grösser als ich selbst», nicht geht. Für die einen ist diese Macht eine Gruppe, für die anderen ist es Gott, die Kraft des Universums oder was auch immer.

Ja, diese Erfahrung mache ich auch: In einer Gruppe von Menschen, die vom selben Problem direkt betroffen ist, lässt sich Hilfe, Trost, Kraft und Ermutigung schneller finden. Und sei es auch nur schon durch die Möglichkeit, diese Spinne ans Licht zu bringen, wo sie unter Beobachtung (nicht Kontrolle) steht – sprich: mit grösstmöglicher Ehrlichkeit über die eigene Sucht zu sprechen und sein Umfeld, soweit möglich, einbinden.

Es mag sein, dass es Menschen gibt, die nur gelegentlich ins Bordell gehen, nur gelegentlich einen Pornofilm sehen, nur gelegentlich Sexfantasien und Sexwünsche haben usw. Zu diesen gehöre ich nicht. An mir geht die «Übersexualisierung» unserer Gesellschaft auch nicht spurlos vorüber. Ich muss meine Blicke im Zaun halten, überblättere die Zeitungsseiten mit den vielen Sex-Anzeigen oder jene mit viel nackter Frauenhaut.

Aber manchmal denke ich, dass die heutige Sexindustrie mit ihren gewaltigen Umsätzen über ein ebenso enormes Kundenreservoir verfügen muss. Viele dieser Kunden sind wohl auch sexsüchtig. Aber diese Sucht ist in unserer Gesellschaft immer noch ein Tabu. Vielleicht ändert sich das eines Tages. Es gibt Hoffnung: Alkoholsucht, bis vor wenigen Jahren noch ein Tabu, ist heute ein öffentliches Thema.

* Pseudonym

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