Paula Modersohn-Becker | Mädchen im Garten neben Glaskugel - (Elsbeth) - um 1901-1902 | Öltempera auf Pappe

Das glücklichste Mädchen der Welt | Eine Kurzgeschichte

Marias Vater war ein Fischer und er war arm. Aus diesem Grund half Maria, ein wenig Geld für die Familie hinzu zu verdienen. Sie selbst hatte ein kleines Boot im Hafen liegen. Und nach der Schule ruderte sie Feriengäste zu einer malerisch gelegenen Insel nahe der Küste.
Dafür ging Maria hinunter durchs Dorf zu ihrem Boot und jedes Mal blieb sie für einen Moment vor dem Juweliergeschäft des Ortes stehen und schaute sehnsüchtig durch die Schreiben. Seit einigen Wochen bewunderte sie nun eine schöne Halskette die im Schaufenster lag und das Licht wie zauberhaft widerspiegelte. Maria dachte bei sich, dass sie das glücklichste Mädchen der Welt wäre, würde ihr diese Kette gehören.
„Ach, was soll das Träumen?“ sagte sie sich. „Die Kette kostet mehr, als unsere Familie in zehn Jahren überhaupt verdienen kann.“
Und eines Tages lag die Kette nicht mehr im Schaufenster. Sie war verkauft worden und Maria seufzte traurig. Es war ihr, als sei ihr etwas Kostbares genommen worden. Das Mädchen zwang sich zu einem Lächeln, freute sich für die neue Besitzerin und lief hinunter zum Hafen.
Am Boot wartete  bereits ein Fahrgast auf Maria. Ein älterer Herr mit lustigen grauen Augen und er wünschte zur Insel gebracht zu werden.

Wilhelm Dreesen als Freizeitmaler (1893), gemalt von Jacob Nöbbe
Wilhelm Dreesen als Freizeitmaler (1893), gemalt von Jacob Nöbbe

Der Mann trug Staffelei, Pinsel und Farben mit sich. Sie half ihm an Bord, und bald darauf erreichten sie das malerische Eiland.
„Soll ich später wiederkommen und sie zurückrudern, mein Herr?“
„Nein, ich möchte, dass Du bleibst, damit ich ein Porträt von Dir anfertigen kann“, antwortete er.
Maria war erstaunt. Sie konnte sich nicht vorstellen, warum jemand die Tochter eines armen Fischers malen sollte. Und dennoch posierte sie bereitwillig. Dann geschah etwas Wunderliches. Maria fühlte, wie der Maler ihr vorsichtig etwas um den Hals legte. Und als sie an sich hinunter sah, wurde ihr gewahr, dass es die Halskette aus dem Schaufenster des Juweliers war.
Wie in einem Traum vernahm Maria die Worte des Malers: „Ich habe oft beobachtet, wie sehnsuchtsvoll du die Kette beim Juwelier angeschaut hast. Da verspürte ich den Wunsch, dich einfach zu malen. Und ich dachte mir, die Kette würde dir dabei gut stehen und dem Bild jenen letzten Zauber geben, der es zu einem Kunstwerk macht.“
„Und  darum haben sie die Kette gekauft?“ flüsterte Maria.
„Ja“, antwortete der Maler. „Und wenn das Bild fertig ist, gehört sie sogar Dir.“
Die Zeit verging wie im Flug und Maria wurde zum glücklichsten Mädchen der Welt.

Autorin: Josephine Bach, Bamberg 2014


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  1. Sehr schöne Geschichte

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