Das Bild des Meisters – Kurzgeschichte

Ein chinesischer Kaiser hatte die Maler seines Reiches aufgefordert, das Bild eines Hahnes zu malen. Nur eines Hahnes. Als jedoch die gesetzte Frist verstrichen war, hatte gerade der beste, wenn auch schon ergraute Meister der Schule Ti dem kaiserlichen Preisgericht kein Bild eingereicht. Er sei noch nicht fertig geworden, antwortete der Meister, und bitte um eine Verlängerung der Frist.
Die anderen Maler lachten ob dieser Antwort. Was sollte an dem Bild eines Hahnes so schwierig sein, dass einer in einem ganzen Jahr nicht fertig wurde?
Die allzu hochmütigen Maler lachten allerdings nicht mehr, als nach Jahr und Tag gerade da Bild des Meisters den ersten Preis erhielt. Und sie erstaunten, als sie näher hinzu traten und statt des erwarteten farbenprächtigen Bildes – so hatten sie alle den Hahn gemalt – eine Tuschezeichnung sahen, die an Einfachheit, ja sogar vielleicht Ärmlichkeit nicht zu überbieten war. Mit einer einzigen Linie hatte Ti-Ling lediglich die Umrisse des Hahnes nachgezeichnet, diese allerdings, das musste man zugegeben, sagte alles, was von einem Hahn gesagt werden konnte. 
Das Erstaunen steigerte sich noch, als der Kaiser, der den Maler eines Tages besucht und dabei manches Unerwartete gesehen hatte, den ausgesetzten Preis zurückzog, um ihn durch ein unermesslich höheren zu ersetzen. Ein großes Landgut schenkte er Ti-Ling mit 8000 Sklaven und einen reichen Goldschatz. Zur Begründung seiner Entscheidung, denn sowohl das Preisgericht als auch die üblichen Maler fühlten sich benachteiligt, lud der Kaiser alle ein, mit ihm gemeinsam das Haus des preisgekrönten Meisters aufzusuchen.
Dort angekommen fanden sie – und das war allerdings auf den ersten Blick beinahe unbegreiflich – mehr als tausend Skizzen, die allesamt nur einen Hahn darstellten. Alle Wände waren voll von diesen Skizzen. Indem  man aber ihre Folge betrachtete und eine mit der anderen verglich, erkannte man sehr schnell, wie sich der Meister nur sehr langsam mit unendlicher Geduld seinem Ziel genähert hatte. Immer einfacher und schlichter, zugleich jedoch auch reiner und vollkommener umriss die Kontur die Gestalt. Erst das letzte Bild, das Ergebnis eines langen, immer wiederholten Bemühens, war ganz vollkommen.

Es würde uns freuen, wenn Sie einen Kommentar hinterlassen. Wie hat Ihnen der Artikel gefallen?

error: Content is protected !!