Claude Anet • Die Schönheit und der Nasenflügel

Henry betrachtet in einem Salon eine Frau. Ernsthafter als ein Geizhals sein Geld zählt, mit größerer Sorgfalt als ein Arzt seinen Patienten, studiert er sie. – »Sie ist groß,« spricht er zu sich selbst, »ihre Hüften sind rund und schmiegsam, ihre Schultern sind breit; ein gerader Rücken, lange Beine …« Er betrachtet sie immer noch. Bemüht euch nicht, zu ihm zu sprechen, er hört nichts. »Der Hals ist emporgestreckt, die Augen sind groß, zart und voll zugleich ist das Antlitz, das Kinn ist wohlgeformt – wie könnte man eine Frau mit unschönem Kinn lieben! – die Lippen sind voll, die Zähne klein und regelmäßig. In ihrem Blick liegt Ernst, eine gewisse Geistigkeit, die ich schätze. Es soll ja kein Tier sein, das ich lieben will, sondern ein zärtliches, leidenschaftliches Wesen, das in meinen Armen auch zu weinen versteht.«

Er nähert sich. Er will zu ihr sprechen. Er zittert fast … Plötzlich bleibt er stehen. Was hat er entdeckt? – Ach, die Nasenflügel sind ein wenig zu breit! Er zieht sich zurück, er wird nicht lieben …

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