Cats Medienkommentar: Vorsicht, Blechbüchse!

In der PR und verwandten Medienzweigen heißt es ja so schön: Der Kunde ist König. Natürlich gehört das Klappern zum Handwerk, aber eine ganze Blechdose voller Nägel an den Kopf geworfen zu bekommen, tut weh. Echt jetzt.

Foto: Privat
Foto: Privat

Wenn man für Branchen- und Kundenmagazine Produktnews und andere Neuigkeiten von Industrie- und Anzeigenkunden redaktionell bearbeitet, ist man einiges gewöhnt. Man gewöhnt sich daran, jemanden auch zum dritten Mal daran zu erinnern, dass man noch einen Text oder ein bestimmtes Porträtbild vom Firmenvorstand benötigt. Das ist okay, wirklich, wir sind alle nur (gestresste) Menschen und da geht eben hin und wieder etwas unter. Es ist auch okay, jemanden schon zum vierten Mal zu erklären, warum es eben den Lesefluss stört, wenn zu viele Marken- und Produktnamen in Versalien geschrieben sind.

Versalien – wo wir schon beim Thema wären. Oder bei einem der strittigen und leidigen Themen, die mir bei Texten von PR- und Medienpartnern immer wieder unterkommen. An VERSALIEN in WERBETEXTEN scheiden sich nämlich die GEISTER. Manche LIEBEN sie, andere HASSEN sie. Und das wird wohl noch eine WEILE so BLEIBEN. Na, merken Sie etwas beim Lesen der letzten Zeilen? Ich kann nur für mich (und für andere Redakteure und Lektoren, die ich kenne) sprechen, und ich muss gestehen, es irritiert mich. Es erscheint mir zu fordernd, zu aggressiv, um mich anzusprechen. Nicht umsonst heißt es, dass der übermäßige GEBRAUCH von VERSALIEN in ONLINE- und PRINTMEDIEN so wirkt, als würde man seine Leserinnen und Leser ANSCHREIEN. Nun, ich denke, der Punkt dürfte nun anschaulich genug dargestellt sein und ich sollte schleunigst aufhören, es weiter zu veranschaulichen, aggressive Werbung löst nämlich auch bei mir Gegenaggression aus. Halten wir einfach nur fest: Es stört meinen Lesefluss massiv, und vermutlich wird es einigen von Ihnen nicht anders ergehen.

Ein weiterer Punkt, bei dem ich mich immer frage, was mancher PR-Mitarbeiter damit bezweckt, sind diese Massen an Ausrufezeichen! Also wirklich! Das zerhackt doch den Text in tausend kleine Stücke! Und die Message erst! Das versteht doch keiner mehr! Es blockiert den Fluss des Storykonzepts! Sie sind irritiert und runzeln die Stirn? Ich auch. Diese ständigen Unterbrechungen und schroffen Zäsuren beim Lesen ergeben für mich kein rundes Ganzes, sie peitschen meinen Blick eher unangenehm auf, wie die satirische Klischeedomina nach Mitternacht in der Dauerwerbung mit ihrem Ruf! Mich! An! Man kombiniere es mit einer Aneinanderreihung von Versalien, und schon erreicht das virtuelle Anschreien gleich die doppelte Reizstärke. Ob das Sinn der Sache ist, um ernsthaft das Vertrauen von End- und Businesskunden zu gewinnen? Ich kann es mir kaum vorstellen. Manchmal lohnt es sich eben, auch einfach mal einen Punkt zu machen.

Neben Versalien und Ausrufezeichen als Platzhalter für alle anderen möglichen Satzzeichen gibt es noch die absolut größten und mächtigsten Lobesworte, um ein Produkt oder ein Konzept auf Wolke Sieben zu heben, nein, vielleicht sogar zu den Sternen am Markthimmel. Es ist schließlich von höchster Priorität, diese außergewöhnliche und unschlagbare Materialqualität wirklich jedem potenziellen Geschäftspartner deutlichst nahezulegen. Sie fühlen sich von diesen Zeilen überfordert? Falls es Sie beruhigt: Das geht mir beim Überlesen von dem, was ich da etwas überspitzt und mit höchster Konzentration formuliert habe, nicht anders. Es ist einfach zu viel von allem. Zu viele gestelzte Ausdrücke, zu viel Lobhudelei, zu viele Metaphern, zu viele sprachliche Bilder im Kopf und vor allem: zu viele Superlative. Ja, ich weiß, dass die Hyperbel, also Übertreibung, ein wichtiges Stilmittel in der Literatur ist, um etwas besonders hervorzuheben. Damit es auch der DAL (dümmster anzunehmender Leser) versteht. Aber mal ehrlich: Wenn der mit solchen PR-Meldungen angesprochene DAL wirklich dem durchschnittlichen „Homo Sapiens“ entsprechen soll (ich setze das einfach einmal voraus), dann haben wir auf der Erde bald das „Recht des Dümmeren“ oder auch „Idiocracy“, und zwar live und in Farbe.

Sicherlich sehe ich auch als Redakteurin, die mit einem Bein im Journalismus und mit dem anderen im PR-Bereich verankert ist, die Beweggründe, Werbetexte auf diese Art zu verfassen. Die Aufmerksamkeitsspanne des Menschen ist erwiesenermaßen gerade in Zeiten des Social-Media-Booms extrem kurz. Da muss die Message ins Auge springen, in Sekundenschnelle. Andererseits: Würden Sie sich mit jemandem weiter unterhalten und von ihm etwas kaufen, der Sie in den ersten Minuten eines Gesprächs anschreit, in zerhackten Sätzen spricht und dabei gleichzeitig vor lauter Umschreibungen nicht auf den Punkt kommt? Vermutlich nicht – ich würde jedenfalls so schnell Abstand nehmen und Land gewinnen, wie ich kann. Oder den Verkäufer zumindest als unseriös einstufen. Um nun einmal selbst ein rundes Ende zu finden und auf den Punkt zu kommen: Natürlich gehört klappern zum Handwerk. Aber wer schon einmal eine schwere Blechbüchse mit Nägeln an den Kopf bekommen hat, weiß, dass das auch fiese Beulen geben kann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: Content is protected !!
%d Bloggern gefällt das: