Cats Medienkommentar: Öl im Feuer

Seit der Silvesternacht regiert eine neue Macht unsere Gesellschaft – die Angst vor sexueller Gewalt in ihren schlimmsten Formen. Es scheint eine Art Flächenbrand in europäischen Großstädten zu toben und die Ereignisse in Köln und anderswo sorgen auch für genug Medienspektakel. Ohne Frage haben wir ein gewaltiges Problem, wenn diese Tendenz sexueller Gewalt sich fortsetzt – dennoch oder gerade deshalb ist es an der Zeit, statt Panikmache endlich wieder eine sachliche Debatte in Gang zu bringen.

KölnHBFcologne-1012001_1280Als die Silvesternacht für so viele Frauen in Deutschland zu einem wahrhaft traumatischen Erlebnis wurde, war ich nicht „im Lande“, nämlich genauer gesagt bei unseren polnischen Nachbarn auf Entdeckungstour. Und da man im Urlaub bekanntlich nicht allzu oft in seinen Facebook-Account oder in Newsfeeds schaut, sprangen mir die ersten Meldungen über den „Sex-Mob“ eben erst nach Silvester ins Auge. Ich muss sagen, ich war wahrscheinlich gleichermaßen schockiert über die Ereignisse wie die meisten Leute, die davon hörten. „Das gibt’s doch nicht“, murmelte ich und kam aus dem Kopfschütteln nicht wieder heraus. „Widerlich“, sagte mein Mann und verzog angeekelt das Gesicht. Kurz: Diese Nachrichten haben uns doch kalt erwischt und stark beunruhigt. Es gibt seitdem aber etwas, was mich  noch mehr beunruhigt, nämlich das Fehlen einer Diskussion, die wirkliche Lösungen und Ergebnisse verspricht.

Willkommen im Irrenhaus!

anarchist-41384_640Deutschland ist in Hysterie verfallen – zumindest, wenn es nach dem geht, was ich täglich in sozialen Netzwerken miterlebe. Die Schlagzeilen sind aber auch wirklich haarsträubend. „Der Sex-Mob hat wieder zugeschlagen“, „Nordafrikaner vergewaltigen deutsche Frauen“, „Schluss mit dem Asylantenstrom“, „Neuer Belästigungsfall bekannt“ … Auch zwei Wochen später scheint die Flut von Schockmeldungen nicht abzureißen. Ganz zu schweigen von den Kommentaren, die teilweise so vor Hass sprühen, dass man beinah einen Elektroschock über die Tastatur bekommen müsste.  Und ehrlich gesagt schüttelt es mich bei manchem Kommentar und Artikel nicht nur wegen der Taten, die von Begrabschen bis hin zu Vergewaltigungen reichen, sondern auch wegen des extrem fremden- und islamfeindlichen Untertons. Auch in der Politik gewinnen rechte und konservative Kräfte an Einfluss, warum sonst sollten Pegida und AfD gerade jetzt auf den Trichter kommen, sich für Gleichberechtigung und Frauenrechte einzusetzen? Ganz nach dem Motto: „Wir müssen die deutschen Frauen vor den bösen Ausländern beschützen.“ Auch Rockerbanden, Skinheads und andere Gruppen, denen ansonsten politisch ein Riegel vorgeschoben wird, verkünden plötzlich, für die hiesigen Frauen und ihre Rechte einstehen zu wollen – notfalls mit allen Mitteln. Die Konsequenzen einer Entwicklung, die ich mal „kollektive Hysterie“ nennen möchte, sind zweifelhaft. Bekannterweise ist die „Vendetta“, die Blutrache, nämlich eine typische Angewohnheit der Mafia und was dabei am Ende herumkommt, ist weitgehend bekannt. Im Klartext: Es bringt niemandem etwas, wenn wild gewordene Hooligan-Horden und ein mit modernen Mistgabeln ausgestatteter, wütender Mob nun den Spieß umdrehen und, wie in Köln geschehen, „Jagd“ auf den vermeintlichen Übeltäter machen. Gelungenes Krisenmanagement? Nun, ein gigantisches Irrenhaus trifft es wohl eher. Die Politik des Denunziantentums hat eben schon immer mehr Schaden als Nutzen gebracht – eigentlich wissen wir das schon seit dem Niedergang der Inquisition.

Wo bleiben die Fakten?

Reichstag-berlin-511979_640Glücklicherweise gibt es in dieser hochemotionalen und hochspekulativen Mediendiskussion auch genug Gegendarstellungen. Flüchtlinge, die Frauen symbolisch Rosen schenken; Nordafrikaner, die in Videos die Täter scharf verurteilen und Artikelschreiber, die ausdrücklich vor einem fremdenfeindlichen Einschlag der öffentlichen und politischen Debatte warnen. Eines fehlt mir bei dem Ganzen jedoch: Fakten und eine klare, sachliche Darstellung, was nun wirklich Sache ist. Zum Beispiel sind nach wie vor nicht alle Täter bekannt und identifiziert (kein Wunder bei diesem unübersichtlichen Debakel), es kann also nicht mal sichergestellt werden, welcher Herkunft diese Menschen waren und inwiefern sie in Banden organisiert sind. Selbst die Zahl der kürzlich begangenen sexuellen Übergriffe steht noch nicht endgültig fest. Vielleicht ist es mir deswegen bisher so schwer gefallen, mich im Blog zum Thema zu äußern – unhaltbare Spekulationen und reißerische Clickbait- Schlagzeilen stehen auf meiner persönlichen Beliebtheitsskala nämlich nur knapp über Zahnarztbesuchen und dem täglichen Weckerklingeln.

Foto: Gerd Altmann
Foto: Gerd Altmann

Ein größerer Zusammenhang

Was in dem Umfang geschehen ist, ist fürchterlich – und im öffentlichen Raum zumindest in den letzten Jahrzehnten noch nie dagewesen. Kein Wunder, dass es die Massen verstört und bewegt. Doch anstatt zusätzlich Panik und Hysterie zu stiften, sollten Politik und Medien ihre Energie lieber darauf verwenden, echte Aufklärungsarbeit zu betreiben und gut überlegte Lösungsansätze vorzustellen. Allen, die gerade dabei sind, einen weiteren spontanen Post über den „bösen Migranten“ zu schreiben (oder aber alle Deutschen, die sich Sorgen machen, als rechte Säue hinzustellen), möchte ich nur sagen: Haltet einen Moment inne und atmet noch einmal tief durch. Seht auch einmal den größeren Zusammenhang. Natürlich ist das, was passiert ist, grauslich und darf so  nicht wieder vorkommen. Offenbar waren auch Migranten unter den Tätern, ja. Migranten, die ebenso wie jeder „weiße Mann“ für ihre Verbrechen Rechenschaft ablegen müssen – solange wir eben in einem Rechtsstaat leben. Es ist vollkommen okay, sich auch Sorgen und Gedanken zu machen, immerhin ist das Ganze ein ziemlicher Hammer. city-736807_640Nur: Es steht in einem größeren Zusammenhang. Die Empörungswelle über die neuerlichen Ereignisse übersieht nämlich gerne, dass es auch schon vorher und andernorts Gewalt gab, die ebenso traumatisch und schädlich ist. Sie passiert täglich in Mietwohnungen, Schulen, Büros, Discos und Fabrikhallen – oft sind die Täter keine Migranten, nicht einmal „Fremde“, sondern sie kennen ihre Opfer gut genug, um ihr Vertrauen zu missbrauchen. Nur ein niedriger Prozentsatz sexuell motivierter Verbrechen geschieht im öffentlichen Raum. Die Silvesternacht in Köln, Frankfurt und anderen Städten war sicherlich ein  Warnschrei und ein Symptom – doch die Ursache liegt ganz woanders. Ob in einem zu radikal und selektiv ausgelegten Islam (das Alte Testament der Bibel steht dem übrigens in nichts nach), einer erbarmungslosen Lebenswelt, in der zu viele Kinder aufwachsen müssen oder in einer latenten „Rape Culture“, ist wohl bei jedem Übergriff unterschiedlich. Es liegt nicht allein an der Flüchtlingspolitik unserer Regierung, „den Fremden“ (Verbrecher bleibt Verbrecher, egal, welcher Herkunft) und vor allem nicht an einer wieder häufig propagierten „Unterlegenheit der Frau“, dass diese Dinge passieren. Aber sie gehen uns alle an, und jeder ist mit dafür verantwortlich, ein Klima zu schaffen, dass weder Nährboden für Frauen- noch für Fremdenhass bietet und den Brand zu löschen, anstatt Öl ins Feuer zu gießen.

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