Cats Medienkommentar: Mysterium Bestseller

Foto: Katherina Ibeling
Foto: Katherina Ibeling

Manche Bücher gehen weg wie warme Semmeln. Die eine Hälfte der lesenden Bevölkerung kann das vollkommen verstehen – schließlich liest sie die aktuelle Nummer Eins selbst gerade. Die andere Hälfte schaut auf die Bestsellerliste und runzelt ein wenig ratlos die Stirn, absolut sicher, dass sie nichts an dem Hype finden kann. Kurz: Es ist ihnen ein Mysterium, wie ausgerechnet dieses Stück (Trivial-) Literatur eine derartige Massenkaufhysterie auslösen kann.

Manchmal frage ich mich, ob ich auf dem Mond lebe – zumindest, was den aktuellen Büchermarkt angeht. Jedenfalls nicht auf diesem Planeten; sonst wäre mir der Buchtitel „Fifty Shades of Grey“ nicht erst begegnet beziehungsweise zu Ohren gekommen, als E.L. James‘ berühmt-berüchtigte SM-Romanze schon monatelang die Bestsellerlisten auf der ganzen Welt bevölkerte und zufällig ein eher satirischer Beitrag darüber im Lokalradio gesendet wurde. Ich musste es sogar googeln, um dahinter zu kommen, wonach plötzlich die (weibliche) Welt so verrückt war. Ich fand die Leseproben für mich persönlich eher ernüchternd – aber das ist eine andere Geschichte. Ich schreibe diesen Beitrag schließlich nicht, um „Grey-Bashing“ zu betreiben, sondern nur, um meine Verwunderung auszudrücken. Eine Verwunderung auf zwei Ebenen. Erstens, warum sich plötzlich alle Welt an Geschichten und Szenen ergötzt, worüber sie öffentlich sonst niemals sprechen würde. Zweitens, warum mir eigentlich erst jetzt auffällt, warum dieses oder jenes Buch gerade als absolutes „Must-have“ gilt.

Ernst Mollenhauer: Nehrungssonne (Öl auf Karton, 1948)
Ernst Mollenhauer: Nehrungssonne (Öl auf Karton, 1948)

Irgendwie scheine ich ein negatives Gespür für Massentrends zu haben, ob in der Mode, in der Musik (ich stehe immer noch auf Classic Rock aus den 80-ern und 90-ern) und auch bei Büchern (wer würde schon meine Liebe zu den Werken von Edgar Allen Poe verstehen). Dass ich in Sachen Lesetrends oder auch „literarischer Moden“ irgendwie antizyklisch ticke, habe ich schon bei Harry Potter gemerkt (zu der Zeit war ich ein Riesenfan von Marion Zimmer Bradley und ihrer Avalon-Trilogie), bei Twilight (ach, da war irgendwas, weswegen alle so ausgeflippt sind) und bei „Fifty Shades“ ist es meiner inneren Retro-Göttin wohl irgendwie gelungen, mich komplett von der bloßen Existenz dieser Buchsensation abzulenken. Um mich hinterher ein weiteres Mal zu fragen: Warum ist ausgerechnet das nun ein Bestseller? Warum nicht irgendwas anderes?

Das ist nicht einmal abwertend gemeint, es interessiert mich wirklich. Welche Faktoren bestimmen, ob ein Buch ein Bestseller wird, und: kann man als Autor am Ende absichtlich einen Volltreffer landen? Gibt es eine „Bestseller-Formel“, oder haben die Autoren einfach nur ein Schweineglück? Zunächst bin ich überzeugt davon, dass manche Werke einfach den Zeitgeist, einen Nerv in der breiten Leserschaft, treffen. Ich möchte dies einmal an einem der ersten Bestseller der Welt verdeutlichen, nämlich Goethes „Werther“. Mit seiner tragisch endenden Geschichte „Die Leiden des jungen Werthers“ nahm der berühmte Dichter, ob bewusst oder unbewusst, ein weit verbreitetes Gefühl auf, um es noch einmal zu reproduzieren – den Weltschmerz. Ähnlich mit Lawrence Sterne, der mit „Tristram Shandy“ und „A Sentimental Journey“ den Zeitgeist der Empfindsamkeit in Worte fassen konnte. Ich glaube, dass Bestseller viel über die versteckten Wünsche und Konflikte des „Lese-Mainstreams“ aussagen.

„Harry Potter“ entführt in eine Welt voller Magie, „Twilight“ rührt an romantischen Fantasien von ewiger Liebe, die in einer rationalisierten Welt einfach scheinbar unerreichbar geworden ist. Das ist schon nachvollziehbar – es ist nicht immer einfach, das ewig Rationale Tag für Tag zu ertragen. Schon Bram Stoker’s „Dracula“, diverse Gruselgeschichten und Anne Rice’s Vampirromane schafften es, wohlige Gänsehaut in eine Welt zu bringen, die von allem Unerklärlichen, Irrationalen „gesäubert“ schien. Noch heute gehören Thriller und Romanzen zu den bevorzugt gelesenen Genres, neben Historienromanen, die den Leser in eine andere Zeit zurückversetzen. In eine rosa gezeichnete Vergangenheit, wohlgemerkt. Welches kollektive Bedürfnis nun genau Anastasia Steele, Christian Grey und Anastasias „innere Göttin“ (die noch konfuser ist als die Protagonistin selbst) verkörpern, kann ich nicht genau sagen. Die Faszination des unendlichen Reichtums eines mächtigen Mannes? Das Geheimnis, das Christian um seine Vergangenheit macht? Oder der heimliche Wunsch, die Kontrolle einmal komplett abzugeben? Vielleicht ist es auch die Tatsache, dass die Charaktere sich gegenseitig bis ins Gegenteil hinein verändern können – aus Liebe? Da müsste ich wohl die Fans in meiner Umgebung fragen, denn bei mir kommt die Message einfach nicht an.

Ein weiterer Aspekt, der zum Bestsellerstatus beiträgt, ist sicherlich entsprechendes Marketing gepaart mit entsprechender Mund- und Social-Media-Propaganda. Manchmal sind wir Menschen eben doch wie die Lemminge – dabei sein ist alles. Viele von uns wollen nicht das verpassen, worüber (fast) jeder spricht, ob das nun etwas Weltbewegendes ist oder nicht. Um ehrlich zu sein, war ich allein deswegen kurz davor, mir doch zumindest einen „Fifty Shades“-Band zu kaufen, auch wenn es sonst gar nicht mein Geschmack ist. Andererseits: Man muss nicht jeden Trend mitmachen. Und die Marketing-Dauerbeschallung in allen Online- und Printmedien über Monate und Jahre hinweg kann auch alles tun, außer einen begeistern. Kurz: Ein Bestseller ist für einfach ein Buch, das sich gerade deswegen so gut verkauft, weil es viele Menschen bewegt und durch geschicktes Marketing geradezu darauf gedrillt wird, möglichst viel Wirbel zu machen. Nicht mehr, nicht weniger. Bisher bin ich nicht überzeugt, dass „Bestseller“ gleich „interessante Lektüre“ ist. Jedem das Seine, denke ich dann im Stillen – und warte einfach, bis eine Welle kommt, auf der auch ich schwimmen möchte.

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