Cats Medienkommentar: Die Lust am Gruseln

Alte und verlassene Orte faszinieren Menschen – heute vielleicht mehr denn je

Verlassene Orte, mythische Geschichten, gut oder feindlich gesonnene Geister – Gruseln liegt im Trend. Interessanterweise vor allem, wenn das Publikum weiblich ist. Erst kürzlich kam mit „Crimson Peak“ eine neue Gothic-Romanze mit Gänsehautfaktor in die Kinos – mit Intrigen, Abgründen, und einer Menge düsterer Geheimnisse. Die „dunkle Seite des Seins“ scheint momentan wieder an Einfluss zu gewinnen – aber warum? Ein Erklärungsversuch.

Zugegeben, Spuk- und Geistergeschichten sind nun wirklich kein neues Phänomen unserer Zeit. Es gab sie nämlich schon in der Literatur alle Zeiten, vor allem aber während der viktorianischen Ära in Großbritannien und in den USA. Die Lust am Schaudern, die viele Menschen der modernen Literatur verspürten, brachte einigen Autoren und Autorinnen aller Sprachen und Hintergründe große Erfolge ein. Erwähnt man noch heute zum Beispiel die Namen Bram Stoker, Mary Shelley, Nathaniel Hawthorne oder Edgar Allan Poe, weiß jeder Leser, dass der Inhalt der Geschichten sie das Fürchten lehren soll. Nun gibt es sicherlich nicht mehr so viele Leser „alter Schinken“ (aucn wenn ich mich definitiv hier als solcher outen möchte), dennoch scheint der Erfolg der Genres Horror, Mystery, Thriller und verwandter Kategorien auf dem Buchmarkt ungebrochen.

Alte Muster, neue Medien

Der Schauerroman, auch zum Teil als „Gothic Novel“ oder „Dark Romance“ lässt sich also schwer als einzelnes Genre eingrenzen, was der Faszination dieser Nische in der Literatur aber keinerlei Abbruch tut. Was sich allerdings auf jeden Fall ebenso aufgefächert hat, ist die mediale Umsetzung. Auch Vampirromane und Filme rund um die mystischen Blutsauger haben in den letzten Jahrzehnten wieder stark an Zulauf gewonnen, auch wenn ich keinesfalls „Bram Stoker’s Dracula“ hier mit „Twilight“ oder „Vampire Diaries“ auf eine Stufe stellen möchte. Klassiker bleiben eben Klassiker, egal, wie man es dreht und wendet. Sie haben eben ein anderes Zielpublikum als manch aktueller Bestseller und das ist auch in Ordnung so. Oder, wie meine Oma sagen würde: „Auf jeden Topf passt ein Deckel“ – das gilt wohl auch für Leser und Kinogänger. Was jedoch bei den meisten Schauerroman und Gruselfilmen auffällt: Irgendein durchgehendes Muster gibt es immer. Oft geraten unschuldige, naive Frauen (selten Männer) an die falsche Bekanntschaft und landen so in Situationen, die ihnen Angst und Schrecken einjagen. Wenn sie es denn schaffen, kostet es sie zumindest viel Schweiß, Tränen, Blut und Mühe, sich wieder alleine oder mit Hilfe aus ihrer Situation zu befreien. Grundsätzlich mit dabei ist auch jener Charakter, der sich als „geheimnisvoller Fremder“ bezeichnen lässt. Kurz gesagt, der Typus Mann, vor dem Mutti die Protagonistin schon immer gewarnt hat und der dennoch eine magische Anziehungskraft auf seine (weibliche) Umwelt auszuüben scheint. Na gut, das Mädchen will ja nicht hören, dann landet sie eben in einem Schloss, wo Spuk, Gewalt und dunkle Geheimnisse warten. Bis ein „echter“ Prinz sie retten kommt – oder sie sich selbst wieder davonschleppen kann. Und der Zuschauer? Er fiebert, leidet und schaudert mit, einfach aus einer Identifikation und einer bestimmten „Angstlust“ heraus.

"Nimmermehr" - Poe gehört zu den Großen im Schauer- und Krimigenre
„Nimmermehr“ – Poe gehört zu den Großen im Schauer- und Krimigenre

Die Suche nach dem Verborgenen

Dass Menschen von Angst auch erregt werden, ist durch neurologische und verhaltenspsychologische Studien längst erwiesen. Die Angst löst buchstäblich einen Schauer aus – einen, der als Wohlgefühl empfunden werden kann, wenn der Betrachter eines Grusel-, Kriminal- oder Horrorstreifens sich in Sicherheit wähnt. Aber ist das wirklich alles, was die Faszination des Gruselns und Rätselns ausmacht? Ich möchte hier einfach mal mit einem „nein“ antworten. Denn die Gründe, warum uns das „Abgründige“ derart fasziniert, liegen tief in unseren Ängsten und Sehnsüchten verwurzelt. Ich nehme an, in genau den Sehnsüchten, die unsere Lebensumgebung uns scheinbar nicht mehr erfüllen kann. Es geht um große Emotionen, hoffnungslose Romantik, tiefe Einblicke in die Abgründe und Verwundbarkeiten des menschlichen Daseins. Kurz: Es scheint, als würden viele von uns nach dem Verborgenen und Geheimnisvollen suchen, nach dem, was nicht sofort ersichtlich und erklärbar ist.

Alles überschaubar? Es gibt kaum etwas, das noch nicht durchleuchtet ist
Alles überschaubar? Es gibt kaum etwas, das noch nicht durchleuchtet ist

Mystische Bilder in einer sterilen Welt

Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Es gibt kaum etwas vom Nordpol bis Afrika, das sich nicht schlüssig wissenschaftlich erklären ließe, und natürlich hat dieser Umstand viele Vorteile. Wir haben im wörtlichen Sinne immer „den Durchblick“ oder finden zumindest jemanden, einen Arzt, Forscher oder Experten, der ihn hat, wenn er uns fehlt. Sogar unsere Körper sind „gläsern“ – mit ein wenig medizinischem Wissen und entsprechenden Tests können Ärzte fast alles über unseren Fitness-, Krankheits- oder Gesundheitszustand herausfinden. Einerseits hilft Transparenz in vielen Lebenssituationen, andererseits kann die totale Durchschaubarkeit des (Mit-)Menschen und dessen Lebensart auch ziemlich bedrohlich und befremdlich wirken. Oder man könnte sagen: Viele von uns fühlen sich wie vor einer glatten, sterilen Spiegelfläche, die keine Abweichung und kein Geheimnis mehr zulässt. Oftmals beginnt das Testen, Prüfen und Bewerten schon vor unserer Geburt, denn in pränatalen Testverfahren bleibt kaum eine Besonderheit oder ein genetischer „Defekt“ unbemerkt. Vom Beginn unseres Lebens an werden wir gewogen, vermessen, in „normal“, „überdurchschnittlich“ und „unterdurchschnittlich“ eingeteilt. Mal mit Schulnoten, mal ohne – es scheint, als stünde man als menschliches Wesen per se ständig auf dem Prüfstand. Wer möchte es seinen Zeitgenossen da übelnehmen, wenn sie zumindest in Gedanken vor dem Spiegelkabinett in verdunkelte, geheimnisvolle Räume flüchten?

Romantik und Schaudern: Rückzugsräume für unsere Empfindungen
Romantik und Schaudern: Rückzugsräume für unsere Empfindungen

Den Zauber wiederfinden

Trost und das Gefühl von Geborgenheit in einer grell erleuchteten Welt finden Empfindsame eben in inneren Bildern, ob diese nun durchs Lesen, Hören oder Betrachten entstehen. Das können hoffnungslos kitschige Liebesfilme sein, aber auch Schauerromane und Krimis, die durch ihre abgründige Tiefe das Innerste und Unterbewusste wieder aufwecken. Man könnte kurz sagen: Wer viele romantische, mystische und geheimnisvolle Welten durch Bücher und Filme erkundet, könnte auf der Suche zu einem neuen Zugang zur Welt sein und, nicht zu vergessen, zu sich selbst. Manchmal suchen Menschen eben eine „Hintertür“, die aus dem sterilen, vollkommen überblickbaren Raum in eine neue, unbekannte Nische führt, oder eben den berüchtigten „Geheimgang“. Vielleicht, um irgendwo da drinnen etwas zu erfahren, das noch nicht erforscht ist – und es dann als neue Erkenntnis in der „Welt da draußen“ einzusetzen. Ähnliches widerfährt übrigens Edith, der Protagonistin in „Crimson Peak“. Sie reagiert sensibel auf die „Geister“ und Stimmen des von Verbrechen überschatteten Familienanwesens und schafft es so letztendlich (gut, mit etwas ärztlicher und spiritueller Hilfe), den Ort von all diesen Einflüssen zu befreien. Und dann geht sie wieder ihrer Wege und lässt das Vergangene Erinnerung sein – wie wir alle es letztendlich tun.

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