Cats Medienkommentar: Brennpunkt Journalismus • Eine persönliche Bestandsaufnahme

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Medienarbeit hierzulande ist weniger glamourös, als Filme wie „Spotlight“ sie zeigen.

Mit „Spotlight“ eroberte in den letzten Wochen ein Film über die Macht des investigativen Journalismus die deutschen Kinos. Die amerikanische Produktion über Kirchenskandale, korrupte Machenschaften und die „Vierte Gewalt“ im Staat erregt die Gemüter und erweckt uralte Ideale des Zeitungswesens. Ein guter Anlass, um einen Blick auf den journalistischen Status Quo und die Kreativbranche in Deutschland zu werfen.

Als angehende Journalistin kam ich natürlich nicht umhin, mir den auf dem Filmfestival in Cannes vorgestellten Film „Spotlight“ anzusehen. Die Story: Ein Team von Journalisten in Boston, die mit leidenschaftlichem Eifer einen Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche aufdecken und für ihre Recherchen den Pulitzer-Preis erhalten. Diese Geschichte stimmt nachdenklich; denn sie eröffnet nicht nur Einblicke in verborgene Abgründe lange etablierter Institutionen und Traditionen, sondern auch darin, wie investigativer Journalismus funktionieren kann und was er bewirkt, wenn man ihm Raum gibt.

Medienarbeit auf Sparflamme

Zeitungen und Zeitschriften - Medien auf dem absteigenden Ast?
Zeitungen und Zeitschriften – Medien auf dem absteigenden Ast?

Natürlich gilt auch bei „Spotlight“ trotz einer wahren Grundgeschichte das Motto: „This is Hollywood, Baby!“. Dennoch zeigt der Film, was für einen guten, gründlichen Journalismus nötig ist und die Realität, die viele von uns erleben, scheint davon doch Welten entfernt. Gerade an der aktuellen Berichterstattung, wo immer wieder das Gleiche zur Sprache kommt, sieht man das meiner Meinung nach recht deutlich. Dabei geht es mal mehr, mal weniger reißerisch zu. Während die öffentlich-rechtlichen Sender und ihre Redaktionen noch halbwegs nüchtern und „trocken“ auf einem informativen Niveau bleiben, geht es bei den selbsternannten Alleswissern, „kritischen“ Bloggern (ich möchte hier keine Namen der betreffenden Nachrichtenplattformen nennen) und sonstigen Vertreter der Sorte „sensationsgeil“ mitunter ziemlich reißerisch zu. Die Internetgemeinde liebt das Spiel der großen Emotionen und steigt sofort mit in den Taumel ein – auch bei eigentlich sehr informativ-sachlichen Beiträgen, die eindeutig die falsche Adresse für platte Parolen und Polemik sind. Warum sonst findet man unter fast jedem eigentlich seriös auszulegenden Beitrag beim Thema „Flüchtlingskrise“ (der absolute hysterische Hype zurzeit) patriotische Binsenweisheiten, massenhaft Klischees und irgendwelche abfälligen Kommentare über „Mutti Merkel“ in den Kommentaren. Mit Grüßen „vom Volk“ an „das Pack“ (also die „Schmarotzer, die alles in den A… geschoben bekommen“). So, als ob es diese spezielle Untergattung Mensch des „Asozialen“ und „dreckigen Schmarotzers“ hierzulande nicht auch gäbe. Wenn man überhaupt mit seinem Spiegelbild vereinbaren kann, einen anderen Menschen, den man nicht kennt, so zu betiteln. Aber manchen Personenkreisen, so scheint es, ist der Blick in den eigenen Spiegel zur gründlichen Überprüfung der eigenen Gesinnung wohl zu heikel. Neben der ständigen Hetze gegen „illegale Einwanderer“ (die Trump-Fraktion in den USA macht es vor), schreien viele Menschen vor allem eines: „Lügenpresse!“ Auch dies ist sicherlich ein hemmungsloses Klischee und nicht verhandelbar. Dennoch: Auch abseits der Stammtischparolen, die einem mitunter von diversen Clickbait-“Nachrichtenportalen“ entgegenschallen, gibt es ohne Zweifel einen Verbesserungsbedarf im Journalismus- und Mediensektor.

Eine Branche spart sich kaputt

Neue Medien: Wer bestehen will, muss crossmedial sein
Wer bestehen will, muss crossmedial auf allen Kanälen präsent sein – das muss auch die Redakteursausbildung leisten!

Im Wirtschaftsjargon nennt man die Verkleinerung oder Verschlankung eines Unternehmens, meist verbunden mit massiven Einsparungen bei den Personalkosten, „Gesundschrumpfen“. Manche Betriebe oder ganze Branchen, so scheint es, werden durch eine zu rigide Sparpolitik jedoch eher „krank“, geraten unter extremen Druck oder erleiden gar den schleichenden Tod des berühmten „Frosches im Kochtopf“. Nicht umsonst spricht man vom weltweiten „Zeitungssterben“, das nicht nur Tageszeitungen betrifft, sondern auch den Fachmagazin- und Entertainment-Sektor. Kurz: Die Medienbranche befindet sich auf dem absteigenden Ast und in einer immer schärferen Konkurrenzsituation. Ich möchte an dieser Stelle nicht abstreiten, dass das Internet als kostenlose Informationsquelle ein leichtes Spiel hat, kostenpflichtigen Angeboten, womöglich noch im Printformat, die Show zu stehlen. In manchen Regionen oder Fachgebieten ist es ohne Zweifel schwierig, seine Publikation mithilfe von Anzeigen zu finanzieren, wenn die Geldgeber fehlen oder keinen Sinn mehr in bisherigen Werbeformaten sehen. Es ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass sich im Zeitalter der App kaum noch jemand in Ruhe an einen Tisch setzt und seine Zeitung liest – zumindest scheint dies rückläufig zu sein. Und natürlich, gerade für die junge und heranwachsende Generation ist es oft „uncool“, sich intensiv mit gesellschaftlichen und politischen Themen auseinanderzusetzen, anstatt über das „Dschungelcamp“, Kim Kardashians Nackt-Selfie oder den „Bachelor“ zu diskutieren. Wie könnte es auch anders sein; oft machen wir jetzt Erwachsenen es ihnen ja nicht anders vor. Selbstverständlich betrifft dies längst nicht alle jungen Menschen, oder eher: zum Glück nicht. Auch hier wird anscheinend massiv gespart, und zwar an der Bedeutung des Contents und dessen inhaltlichem Niveau. Die Gründe, warum Gelder, Personalkosten, Aufwand und Recherchen in der Berichterstattung aller möglichen Formate eingespart werden, sind vielfältig und aus unternehmerischer Sicht mitunter sogar plausibel. Dennoch: Wohin führt das eine Branche, die einst dafür geschaffen wurde, Menschen zu informieren und zu kritischen Mitdenkern zu machen?

Verbesserungen erfordern ein Umdenken

Nur weißes Rauschen? Im Endeffekt leidet die Qualität der Inhalte unter massiven Einsparungen
Nur weißes Rauschen? Im Endeffekt leidet die Qualität der Inhalte unter massiven Einsparungen

Offensichtlich gibt es im Medienwesen eine Schieflage, die sich durch alle Bereiche zieht – Fernsehen, Radio, Zeitung, Buchvertrieb und Zeitschriften. Ein Ungleichgewicht, das im Kleinen beginnt und sich schließlich bis in die Berichterstattung der „großen“ Agenturen zieht. Zunächst: Ein Medienerzeugnis kann nur so gut sein wie seine Schöpferinnen und Schöpfer. Und diese können nur so gut und engagiert sein, wie sie es in ihrer Ausbildung gelernt haben – zumindest meistens. Doch die Tatsachen in der Branche sprechen eine leider oft eine andere Sprache. Zwar gibt es Tariflöhne für angehende Journalisten und Medienschaffende, dennoch sind diese längst nicht die Regel und werden schon gar nicht überprüft. Das ist eine bedenkenswerte Entwicklung, denn kaum etwas kann die Motivation hoffnungsvoller Berufsanfängern mehr dämpfen als die Aussicht, auch bei einem Vollzeitjob, vielleicht noch mit einem guten Überstundenpegel, zusätzlich auf Finanzspritzen von der Arbeitsagentur, von der Familie oder auf einen oder mehrere Nebenjobs angewiesen zu sein. Wirklich, es ist ein reales Problem, wenn in Großstädten das Geld nicht für Essen, Miete und Mobilität reicht. Existenzängste können in der Tat Motivationshemmer sein. Denn wer darum kämpft, jeden Monat seine Rechnungen bezahlen zu können oder gar noch etwas Geld für eigene Anschaffungen und etwas Spaß am Privatleben zu behalten, muss sich seine Kräfte besser einteilen als jemand, der sich sicher fühlt. Und wer zumindest das Mindeste erhält, was jedem Arbeitnehmer zusteht, hat mehr Platz für kreative Gedanken. Doch nicht nur finanzielle Anreize wecken die Motivation, sondern auch das Spektrum, das die Ausbildung bietet. Denn je mehr „Handwerkszeug“ ein Mensch an die Hand bekommt, desto eher ist er darauf vorbereitet, mehr zu können und mehr zu leisten. Weiterhin die Sicherheit, seiner Berufung nach einer kurzen Bewährungshase ohne existenzielle Ängste um das Familieneinkommen oder eines Teils davon nachgehen zu können – verlässlich und dauerhaft. Denn warum sollten für eine Branche, die die Verbreitung von Informationen und Wissen zum Ziel hat, andere Spielregeln gelten als für andere Geschäftsbereiche? Oder: Was ist eigentlich der Wert dieser Arbeit und verdient sie nicht auch Investitionen, die das einzelne Unternehmen und eine ganze Branche weiterbringen?

Medien brauchen Freiraum

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Ob Unterhaltungs- oder Fachmedien: Freiraum für Kreative schafft einen Mehrwert

Was braucht Journalismus, um den Schreibenden zu begeistern und die Leser zu fesseln, wie es der Kirchenskandal in „Spotllight“ tut? Auch wenn sicher nicht jede Geschichte so viel Potenzial bietet wie eine weitreichende Missbrauchs- und Korruptionsaffäre, so gibt es doch viele Möglichkeiten, interessante Inhalte aufzuspüren und weiterzugeben. Ob Buch, Zeitschrift, Live-Sendung, PR- oder Fachzeitschriften – gute Texte, Bilder und Kampagnen entstehen nicht zwischen den Stühlen oder einem spartanischen, leeren Raum. Um seiner Berufung mit Überzeugung und Leidenschaft nachzugehen, braucht es in der Kreativbranche Freiraum. Freiraum, den Gedanken kurzweilig ihren Lauf zu lassen, eigene Ideen zu entwickeln und diese auch umzusetzen. „Gut Ding will Weile haben“, lautet ein altes Sprichwort und jedes Projekt, in dem Herzblut steckt, benötigt Ressourcen. Nicht umsonst wird der Chefredakteur in „Spotlight“ gefragt: „Hat Ihre Zeitung die Ressourcen, sich dieses Falles anzunehmen?“. Seien wir realistisch und fair gegenüber all den Unternehmen, die nicht mit den finanziellen und personellen Mitteln eines „Boston Globe“ gesegnet sind – natürlich kann jeder nur nach seinem eigenen Ermessen und Budget handeln. Doch schlussendlich, auch wenn nicht jedes Journalistenteam einen Pulitzer-Preis gewinnen kann, verdient kreative und redaktionelle Arbeit ihre Anerkennung. Das ist nur fair – für die Kreativen selbst, ihre Verleger und ihre Leser.

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Der offizielle Trailer zum Kinofilm  spotlight

Spotlight ist ein US-amerikanisches Filmdrama aus dem Jahr 2015. Die Regie führte Tom McCarthy, der zusammen mit Josh Singer auch das Drehbuch verfasste. Der Film basiert auf wahren Ereignissen und handelt von einem Team von Journalisten der Tageszeitung The Boston Globe, das den sexuellen Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche in Boston aufdeckt. Die Hauptrollen werden von Mark Ruffalo, Michael Keaton, Rachel McAdams, John Slattery, Stanley Tucci und Liev Schreiber gespielt.

Der Film feierte seine Premiere am 3. September 2015 bei den 72. Internationalen Filmfestspielen von Venedig (außer Konkurrenz) und lief in Deutschland am 25. Februar 2016 an. Spotlight gewann mehrere internationale Filmpreise, darunter 2016 den Oscar in der Kategorie Bester Film.

Literaturtipps:

Herbert Riehl-Heyse: Bestellte Wahrheiten
Gebundene Ausgabe
Verlag: Kindler (1. Januar 1989)
Sprache: Deutsch
ASIN: B001G62V7M

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Udo Ulfkotte – Gekaufte Journalisten
Gebundene Ausgabe: 336 Seiten
Verlag: Kopp Verlag; Auflage: 6. Auflage Februar 2015 (12. September 2014)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3864451434
ISBN-13: 978-3864451430

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Siegfried Weischenberg / Maja Malik / Armin Scholl – Die Souffleure der Mediengesellschaft.
Report über die Journalisten in Deutschland,
Konstanz: UVK, 2006, 316 Seiten, br., Abb.: 120 sw., ISBN 978-3-89669-586-4

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Thomas Meyer – Die Unbelangbaren
Wie politische Journalisten mitregieren
Erschienen: 06.04.2015
edition suhrkamp 2692, Broschur, 186 Seiten
ISBN: 978-3-518-12692-9

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