Cats Kolumne: Götter der Geradlinigkeit • V01.16

Paul Klee - Ein Paar Götter - 1924
Paul Klee – Ein Paar Götter – 1924
Eigentlich glauben viele von uns gar nicht mehr an so etwas wie Religion, Götter oder gar einen Leitfaden, an dem wir uns festhalten, um nicht den Überblick zu verlieren. Oder? Eine Übersicht der „neuen Götter“, denen wir im Leben begegnen. 

Hora und Sekundos – die Götter der Zeit. Eigentlich tun sie nicht viel. Nur hin und wieder an uns vorbeiziehen und uns zu ermahnen, dass sie nicht immer für uns da sein werden, dass sie uns irgendwann unweigerlich verlassen müssen. Es gilt also, ihre Anwesenheit so erfüllend und gewinnbringend wie möglich zu nutzen!

Effizienza und Ratio – die allgegenwärtigen Götter der Wirtschaft, des Konsums und des Nutzens. Sie sind präsent, wo auch immer wir uns bewegen. Auf der Arbeit sprechen sie durch Vorgesetzte und Bilanzen; zu Hause zeigen sie sich in vollautomatischen Maschinen, Putzplänen, Einkaufslisten und in der Steuererklärung.

Curriculum und Vita: Geradlinigkeit ist gefragt, und die Frage: „Was bringt mir das im Leben? Was halten die anderen davon?“ Curriculum und Vita erinnern uns daran, dass all unsere Entscheidungen Konsequenzen haben. Konsequenzen, die zu unserem Vorteil oder Nachteil werden können.

Disciplina oder Minerva - es waren beiderlei Beschreibungen für dieses Bild zu finden.
Disciplina oder Minerva – es waren beiderlei Beschreibungen für dieses Bild zu finden.

Reputatio und Perfekta: Diese beiden Götter erinnern uns immer wieder daran, wie wichtig der Eindruck ist, den wir bei ihren anderen Jüngern hinterlassen. Sie lehren  und ermahnen uns, eine Fassade aufzubauen, die uns die meisten Vorteile bringt.

Disziplina und Stringento: Dieses Götterpaar verkörpert Zielstrebigkeit und harte Arbeit. Sie vermitteln uns: „Wenn du dich nur genug anstrengst und schnell genug dabei bist, erwarten dich Wohlstand und Anerkennung. Wenn du zu faul oder langsam bist, soll dir das eine Lehre sein.“

Kritika und Optimus: Diese beiden begegnen uns oftmals in Form anderer Mitmenschen. Zum Beispiel in denen, die uns sagen: „Du hast auch schon einmal besser ausgesehen“, oder: „Du bist auf dem besten Weg, noch mehr zu erreichen!“   Einfach zufriedenzustellen sind sie aber nicht- und sie verlangen viele schwere Opfer.

Betrachtet man diese Menge an versteckten Göttern und Glaubensrichtungen, glaube ich kaum noch daran, dass die meisten von uns wirklich Atheisten sind. Eher daran, dass die Religion der Geradlinigkeit vielleicht die ist, weswegen wir manchmal Atheisten werden sollten. Was meinen Sie?

Hochzeit der Hebe und des Herakles (apulisches Vasenbild) - 1870
Hochzeit der Hebe und des Herakles (apulisches Vasenbild) – 1870
  1. Ein interessanter Text und eins ehr schwieriges Thema.
    Liebe Grüße Michelle von beautifulfairy

  2. Du hast dir sehr viel Mühe gegeben beim Schreiben dieses Beitrages, das liest man sofort raus! Leider kann ich mit dem Thema so gar nichts anfangen.
    LG Sari

    • cat

      Hey Sari,

      macht gar nichts 🙂 Vielleicht findest du im Blog ja etwas, das dich thematisch mehr anspricht. Ich habe auch so meine Themen, mit denen ich mich schwer tue.

  3. Ich finde den Post absolut genial!
    So interessant zu lesen 🙂

    Liebe Grüße

  4. puh, da fühl man sich direkt ertappt, wenn man das liest.
    das konzept hinter dem text ist wirklich super und wäre, wenns nicht irgendwie tragisch wäre, extrem witzig.
    aber wer sagt, dass nicht beides gleichzeitig geht 😉
    ich sollte mich in dieser hinsicht jedenfalls ganz dringend weg vom ausgeprägten polytheismus und hin zu einem gesunden atheismus bewegen.
    alles liebe!
    melanie // miss ninja cookie

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