Cats Gedankenwelt: Zusammen wohnt man weniger allein

Foto: Katherina Ibeling
Foto: Katherina Ibeling

Seit ich aus dem Haus meiner Eltern ausgezogen bin, habe ich noch nie alleine gewohnt. Also, so richtig alleine, ohne jemanden sonst in der Wohnung, mit den komplett eigenen vier Wänden. Entweder war es die Wohngemeinschaft (kurz: WG) mit Mitstudenten, das Zusammenleben mit dem Partner und zwei Katzen oder jetzt in meinem ersten Redaktionsjob unter der Woche mit anderen Berufstätigen. Was den Lebensraum „WG“ ausmacht und warum man dafür eigentlich niemals zu alt ist – eine Zusammenfassung mit Augenzwinkern.

Ich kann einfach nicht alleine sein, beziehungsweise alleine wohnen. Nach der Arbeit nach Hause kommen und niemand ist da, irgendwie erscheint mir das … komisch. Es macht mich misstrauisch. Was würde ich die ganze Zeit lang mit einer ganzen Wohnung für mich anfangen, in der sonst keiner ist. Und vor allem: Was zum Henker würde ich die ganze Zeit mit mir selbst anfangen? Okay, da gäbe es einiges – lektorieren, schreiben, Sport und viel mehr lesen, als ich es aktuell tue. Trotzdem, immer alleine sein finde ich langweilig. In meiner langen WG-Karriere habe ich schon viel erlebt, Schönes wie Nerviges. Hier sind zehn „typische“ Situationen und ein Hinweis, dass du ein absoluter „Gemeinschafts-Wohner“ bist, wenn du sie auch kennst.

Alten_WGBesetzt! An manchen Tagen ist es wie verhext – du schlängelst dich mit deinem Rucksack und einem Einkaufswägelchen durch die Wohnungstür, willst noch kurz auf Toilette, bevor du deinen (zu Fuß transportierten) Wocheneinkauf einräumen willst. Und ja, du musst mal. Dringend! Allerdings können deine Mitbewohner nicht hellsehen, daher musst du die Blase wohl manchmal ein wenig zusammenkneifen. Irgendeiner steht bestimmt gerade unter der Dusche oder besetzt den Thron.

Minimallogistik im Kühlschrank: Das ist vor allem ein typisches Dilemma jener, die eben nur einmal in der Woche und nicht zwei- oder dreimal zum Einkaufen gehen wollen. Es gilt, genau einzuschätzen, wie viel man einkaufen „darf“, damit alles penibel eingeordnet noch in den wie immer viel zu kleinen WG-Kühlschrank passt, ohne den anderen ihre Fächer vollzustellen. Propf, stopf, Tür zu … Puh, geschafft! „Kühlschrank-3D-Puzzle“ ist übrigens eine tolle Art, sein räumliches Vorstellungsvermögen zu trainieren.

Minimallogistik im Allgemeinen: Ein Zimmer – zum Lesen, Schreiben, Umziehen, Schlafen und die Unterbringung von Klamotten und anderen notwendigen Dingen. Je nachdem, welche Größe das eigene „kleine Reich“ hat, kann das zu einer Herausforderung werden. Meine wirklichen WG-Zimmer hatten bisher etwa 13 Quadratmeter, das klingt erst einmal mehr, als es ist, wenn man mit einem Bett, einem Schreibtisch, Regalen und einem Kleiderschrank rechnet. Eines lernt man aber auf jeden Fall: Bescheidenheit und nur sehr kalkulierte Ankäufe von neuen Dingen, die sonst keinen Platz mehr finden würden.

Die Omnipräsenz der Anderen: Wie oben schon erwähnt, du bist es gewöhnt, nie wirklich allein zu sein. Entweder du siehst deine Mitbewohner im Vorbeigehen. Oder in der Küche. Oder aber du hörst sie. Telefonieren, Serien schauen, im Zimmer den Stuhl verrücken …

Das Unbehagen des Alleinseins: Dass du ein typischer „Mitwohner“ bist, bemerkst du das vor allem, wenn deine Wohnungsgenossen nicht da sind und du nichts von ihnen siehst und hörst. Besonders nachts kommt dir die Wohnung wie ausgestorben vor, du schließt die Tür zweimal von innen ab und findest das Ganze irgendwie beängstigend, um nicht zu sagen – gruselig!

Zu viel Platz verwirrt dich. Wenn du doch einmal den Versuch unternimmst, eine Einzelwohnung mit mehreren Zimmern anzuschauen oder nur eine Person besuchst, die allein mehrere (also, mehr als ein einziges) Zimmer bewohnt, musst du kurz überlegen, was du mit so viel Platz für dich alleine plötzlich anfangen würdest. Du hast auf den ersten Blick einfach keine Ahnung, was eine Person mit drei Räumen soll.

Demokratie und Bürokratie: In einer guten Wohngemeinschaft wird alles Wesentliche geteilt – die gemeinsam genutzten Räumlichkeiten (Küche, Bad, …), die Kosten und natürlich auch die Pflichten. Damit das alles auch gut klappt, braucht es vor allem eine gute Organisation. Ein Grund, warum sich mancher WG-Bewohner in der ersten wirklich „eigenen“ Wohnung ohne Putzplan etwas planlos vorkommen könnte.


WGMitbewohner sind Mitdenker.
Die Boxen voll aufdrehen, wenn die Mitbewohnerin am nächsten Morgen Frühdienst hat? Die Stiefel und den Sportrucksack einfach im schmalen Flur stehen lassen? Nicht, wenn man seine Wohnungsgenossen respektiert. Die Regeln lauten: Rücksicht, Nachsicht, Weitsicht. Rücksicht als Gewissheit, dass man nicht alleine im „Wohnungsuniversum“ ist, Nachsicht, wenn jemand nach einem stressigen Arbeitstag eben doch nicht den Müll nach unten gebracht hat und Weitsicht, indem man einfach mal selbst die Spülmaschine anstellt, auch wenn man nicht dran ist.

Eine bunte Mischung: Da sitzt ein Pädagogikstudent mit einem KFZ-Mechatroniker und einer Grafikdesignerin am Tisch und sie haben sich viel zu erzählen, jeder aus seinem eigenen, ganz persönlichen Lebensbereich. Manchmal finden sie Gemeinsamkeiten, in manchen Fragen wird es niemals einen Konsens geben. Fest steht: „Zufällig“ entstandene WGs machen das Leben aller Beteiligten ein wenig bunter und abwechslungsreicher.

Hier leben, frotzeln und feiern … Klar gibt es immer mal wieder lustige Situationen oder auch Zündstoff in einer Wohngemeinschaft. Immerhin leben mehrere teilweise sehr unterschiedliche Charaktere unter einem Dach und auf relativ engem Raum zusammen. Wer in einer WG gelebt hat, erinnert sich sicher an so manches mahnende Post-it auf dem Küchentisch, zum Teil nervtötende Geräusche aus den Nachbarzimmern, aber auch an diverse Abende bei Tee, Wein und Knabbereien. Gerade unter Studenten sind auch die spontanen WG-Partys legendär, zumindest erinnere ich mich gerne daran und Fotos, auf denen wir im Kreis mit unserem Bier auf dem Boden sitzen, weil einfach kein Stuhl mehr frei war, zaubern mir noch immer ein Schmunzeln ins Gesicht.

Zeit, ein Fazit zu ziehen. Natürlich gibt es auch in Sachen Wohnen unterschiedliche Geschmäcker, und ja, manche Wohngemeinschaften können nervig, wenn nicht schlimm sein. Und auch, wenn man Pech hat und manchen Hausgenossen gerne einmal ohne Rückfahrkarte zum Mond schießen würde – Wohngemeinschaften können das Leben um viele Erfahrungen bereichern, angenehme, kuriose, verrückte oder auch solche, die am Geduldsfaden zerren. Mancher sagt von sich: Man wird irgendwann zu alt für eine WG. Das glaube ich nicht – man ist nie zu alt, um seinem sozialen Horizont zu erweitern und Geselligkeit zu genießen. Vorausgesetzt, man genießt es nicht mehr, die ansonsten leere Wohnung für sich und seine Ruhe zu haben. Wohnraum zu teilen, ist keine Sache des Alters, und wenn ich einmal reif für ein Pflegeheim sein werde, werde ich vermutlich immer noch ein betreutes Wohnen vorziehen. Zusammen mit anderen „Golden Girls“ und „Silberrücken“, mit denen ich bei einem Kaffee Canasta zocken kann, wie meine Oma mit ihren Freundinnen. Das wird ein Spaß.

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