Cats Gedankenwelt | Wir Klick-Krieger

Alles auf einen Klick? So einfach ist das nicht!
Alles auf einen Klick? So einfach ist das nun auch wieder nicht!

Es scheint, als funktioniere unsere Welt nur noch auf einer digitalen Ebene. Sich gegen qualvolle Pelztiertötung einsetzen? Einem Diktator die Meinung geigen, weil er Frauen und Homosexuelle in seinem Land unterdrückt? Für faire Bezahlung in Textilfabriken in Bangladesch kämpfen? Kein Problem – ein Klick genügt! So scheint es zumindest in der bunten, weiten Welt der Onlinepetitionen. Doch wo liegen die Grenzen des „grenzenlosen“ World Wide Web, wenn es um echte Hilfeleistung geht? Eine nachdenkliche Betrachtung.

Wann immer ich meinen Newsfeed bei Facebook oder mein E-Mail-Postfach öffne, springen mir Horrormeldungen über die unglaublichsten Dinge und Ereignisse entgegen – versehen mit dem Aufruf, in einer Onlinepetition dagegen meine Stimme zu erheben. Das Spektrum reicht dabei vom Schreddern männlicher Küken in Fleischverarbeitungsbetrieben bei lebendigem Leib (mir wird schon beim Gedanken daran ganz schlecht) über die Steinigung von ehebrechenden Frauen irgendwo in der afghanischen Wüste bis hin zu den fatalen Umweltfolgen des Frackings. Alle diese Dinge jagen mir zugegebenermaßen einen Schauer über den Rücken – vor allem Menschenrechtsverletzungen und Tierquälerei lassen mich keinesfalls kalt. Oftmals traue ich mich gar nicht mehr, die Infolinks zum Thema anzuklicken, wei es mich schon bei der Vorstellung schüttelt, dass es so etwas tatsächlich (noch) gibt. Glücklicherweise kommt man meist auch so zu der Onlinepetition – auf direktem Weg – und kann so direkt seine digitale „Unterschrift leisten“ gegen all dieses Unrecht, das um uns herum geschieht. Ab einer bestimmten Anzahl von „Unterschriften“ gelangt das Anliegen dann zu einer zuständigen Behörde oder einer karitativen Organisation. Zumindest versprechen dies die Aufrufe jedes Mal. Manches Mal frage ich mich jedoch: Wie viel bringt es, realem Unrecht mit Klicks auf einer Internetseite zu begegnen?

Nicht selten erfordern Notsituationen direkte Hilfeleistung vor Ort
Nicht selten erfordern Notsituationen direkte Hilfeleistung vor Ort

Protestkultur im digitalen Raum

Ich erinnere mich aus meinen Teenagerjahren noch gut an eine andere Form der Petition – die, die man „auf der Straße“ einholte. Meine beste Freundin und ich hatten in einer Zeitschrift über die Tötung von Straßenhunden in Osteuropa gelesen und wollten helfen. Im naiven Überschwang zweier jugendlicher Tierfreundinnen sind wir also losgezogen – mit ihrem eigenen Hund und meinem Nachbarshund, und haben Unterschriften für ein Protestschreiben an die Regierung an Haustüren gesammelt. Auch wenn es wahrscheinlich nicht viel gebracht hat – die meisten Menschen, die wir trafen, waren entweder beeindruckt oder zumindest stark gerührt von unserer Aktion. Auch heute gibt es noch Protestaktionen „im echten Leben“ – man erinnere sich an den „arabischen Frühling“, die Kundgebungen der Gewerkschaften für gerechte Löhne und diverse Kita-Srreiks, die so viele berufstätige Eltern in die Verzweiflung treiben und doch so notwendig sind, um auf den Wert sozialer Arbeit aufmerksam zu machen. Insgesamt jedoch – so scheint es mir zumindest – hat sich ein großer Teil der heutigen Widerstands auf den digitalen Raum verlegt. Wenn ich mir die Erzählungen meiner Eltern aus ihren „wilden Studentenzeiten“ anhöre, erzählen sie von Demos gegen den Vietnamkrieg, gegen Atomkraftwerke und die Benachteiligung von Frauen. Im Film „We want Sex“, der kürzlich im Fernsehen lief, wird an die Streiks der Ford-Mitarbeiterinnen in England für gleichen Lohn erinnert und die Menschen der „prüden Sechzigerjahre“ erscheinen einem doch um einiges kämpferischer, als es heute, 50 Jahre später, oftmals erscheint. Es hat also ein Wandel in der Demonstrationsbereitschaft stattgefunden, aber woran liegt das und was sind die Auswirkungen?

Seine Stimme erheben kann man auf vielfältige Weise - Onlinepetitionen sind die bequemste Lösung
Seine Stimme erheben kann man auf vielfältige Weise – Onlinepetitionen sind die bequemste Lösung

Klicks allein reichen nicht

Es scheint im „digitalen Zeitalter“, wo alles Mögliche von einem Smartphone oder Laptop aus erledigt werden kann, nicht weiter verwunderlich, dass auch Petitionen und das Anbringen kritischer Stimmen via Internet Hochkonjunktur haben. Und ich möchte die derzeitige „Protestwelle per digitaler Unterschrift“ auch gar nicht schlecht reden. Ohne das World Wide Web als „Informationshighway“ wüssten viele von uns vermutlich nicht einmal, wozu Menschen (im negativen Sinne) fähig sein können. Vielleicht würden die zahlreichen Meldungen über die Verheiratung von minderjährigen Mädchen mit älteren Männern, über Massenvergewaltigungen, Lebensmittelskandale und all die anderen Dinge, gegen die Petitionsunterstützer online Sturm laufen, gar nicht so schnell bei uns ankommen. In der aktuellen Medien- und Infomationskultur müssen auch diejenigen unter uns, die bewusst die Nachrichten mit ihren Schreckensmeldungen über das Unrecht in der Welt vermeiden, sich damit beschäftigen – immerhin macht das Internet all diese „harten Fakten“ allgegenwärtig. Dennoch sollte sich jeder darüber bewusst sein, dass Klicks und „Share“-Buttons auf einer Internetseite eben nicht alles sein können; dass man zwar irgendetwas zur Weitergabe wichtiger Informationen und zur Verbesserung gewisser Umstände beigetragen hat, aber dies eben für sich allein nicht ausreicht. Es braucht mehr, um wirklich etwas zu ändern und die Möglichkeiten, die der Einzelne hat, sind dabei umfangreicher, als mancher „auf den ersten Klick“ denkt. Wer online gegen die Misshandlung auf Pelztierfarmen protestiert, kann auf jegliche Art von Echt- und Kunstpelz verzichten, auch sein Umfeld auf diesen Missstand hinweisen und so ein Zeichen setzen. Wenn man die Massentierhaltung in der Fleisch-, Milch- und Eierindustrie veabscheut, kann man auf andere Bezugsquellen zurückgreifen oder versuchen, den Genuss dieser Produkte weitgehend einzuschränken. Kleinere oder größere Beträge an Organisationen wie die „SOS Kinderdörfer“ oder „Amnesty International“ zu spenden kann helfen, das Leben vieler anderer Menschen weltweit oder auch in der eigenen Stadt zu verbessern. Nicht zu vergessen: die Möglichkeiten, sich in der Flüchtlingshilfe oder für die örtliche „Tafel“ zu engagieren, um Armut und Not einzuschränken. Als Fazit möchte ich also vorschlagen: Onlineprotest ist der Teil eines großen Ganzen – doch mit Likes allein wurde noch kein Kampf gewonnen.

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