Cats Gedankenwelt: Virenabwehr im Realitätscheck

Foto: privat
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Die Grippe- und Erkältungswelle rollt und mit ihr kommen Abertausende von Ratgeberseiten in Magazinen und im Internet, wie man sich vor diesem Feind des eigenen Wohlbefindens schützen kann. Es soll ja jeder seiner Gesundheit Schmied sein – aber kann man sich wirklich vor jedem Virus schützen?

„Vervirt ist das Volk!“ sollte zum neuen Leitspruch dieses Winters (oder was mal einer werden sollte) erklärt werden. Wirklich – kaum ein Raum, eine Straßenbahn und nicht mal eine Arztpraxis, wo gerade kein unsichtbarer Feind der menschlichen Leistungsfähigkeit herumschleicht. Und dann noch so klein, dass man ihn selbst in großen Mengen nicht mit bloßem Auge erkennen kann. Tsss, Viren sind ja solche Feiglinge! Selbstverständlich gibt es auch viele kluge Menschen, die in vielen klugen Ratgebern viele kluge Tipps auf Lager haben, wie man erfolgreich einen Guerilla-Krieg gegen diesen heimtückischen Gegner führt. Grund genug, die am häufigsten auftauchenden Strategien einem kurzen Realitätscheck zu unterziehen.

Mehr - Licht n[ach] d[em] Gemälde v[on] Fritz Fleischer i[m] Göthehaus z[u] Weimar. B V. B.
Mehr – Licht n[ach] d[em] Gemälde v[on] Fritz Fleischer i[m] Göthehaus z[u] Weimar. B V. B.

Ausgangslage und Grundbedingungen:

Ernährung: durchschnittlich bis gesund und vitaminreich je nach Tagesform, Stimmung und Zeitkontingent
Sport: kommt leider zurzeit zu kurz – regelmäßige Frischluft und Spaziergänge von A nach B aber nach wie vor auf der Tagesordnung; Outdoor-Aktivitäten und sportliche Betätigung am Wochenende (mangels Zeit)
Arbeitspensum und Stresslevel: täglich inklusive Pause neun Stunden im Büro, mit Wegen als Pendler täglich elf Stunden außer Haus
Freizeit: vorhanden, aber subjektiv zu wenig
Schlaf: nicht schockierend wenig, aber auch nicht exzessiv viel
Rauchen und Alkohol: nein und gelegentlich ein Gläschen Wein
Koffein: „There’s no life before coffee!“
Mobilität: Bus, Bahn, zu Fuß, im Sommer Fahrrad

Naja … Alles in allem liege ich wohl im Durchschnitt der Vollzeit arbeitenden Bevölkerung, die in deutschen Büros dafür sorgt, dass Publikationen im Medienwesen rechtzeitig in die Druckereien kommen – und genau bei diesem Durchschnitt sollen ja die beliebtesten Virenkiller-Tipps funktionieren. Nun denn.

„Halten Sie Abstand und meiden Sie Menschenansammlungen.“

Ich weiß nicht, ob die Experten, die dies schreiben, schon einmal jeden Tag in überfüllten Straßenbahnen, Zügen und Bussen gefahren sind. Oder zur Rush-Hour einer Supermarktkasse stehen mussten. Leider haben die allermeisten Leute nicht die Möglichkeit, sich ihr Essen liefern zu lassen und in jeder Situation Abstand zu halten. Es leistet sich auch nicht jeder das Privileg eines eigenen Wagens. Vielleicht muss ich einfach aufhören, mich unter Menschen zu bewegen … Einsiedler haben sicher kein Problem mit Viren in der Luft!

„Waschen Sie sich oft die Hände, wenn Sie im öffentlichen Raum Haltestangen und andere Dinge angefasst haben.“

Erkältungs- und Grippeviren halten sich bis zu drei Stunden auf unbelebten Objekten und auf der Haut. Also: bloß nichts anfassen! Das ist übrigens im fahrenden Bus oder beim Benutzen des Halteknopfes ziemlich schwierig … ebenso wie im Geschäft. Leider ist der langweilige Durchschnitt nicht mit telekinetischen Fähigkeiten und kann keine Objekte woanders hinbeamen. Wäre super, wenn man es könnte – weniger CO2- Emissionen und viel mehr Freizeit.

Das mit dem Händewaschen habe ich beim zweiten hartnäckigen Infekt übrigens versucht. Ich fürchte, ich entwickele noch einen ernsthaften Waschzwang, wenn ich mir weiterhin im virenverseuchten Büro stündlich die Hände waschen gehe (die schon ganz rauh sind von der Seife – aua). Ob es was bringt, merke ich wohl erst in ein paar Wochen.

„Erkrankte sollten möglichst zu Hause ihren grippalen Infekt komplett auskurieren.“

Wer das geschrieben hat, ist wirklich ein Optimist und hat einen Job, wo er es sich leisten kann, bei jedem Anflug von Schnupfen und Husten eine Krankmeldung einzureichen. Vermutlich hat er oder sie auch die vollen drei Karenztage, die ein Arbeitnehmer „unentschuldigt“ fehlen darf, ohne einen Anpfiff vom Chef zu bekommen. Andere haben dagegen die Mindestregelung von exakt null Tagen Karenzzeit und müssen bereits am ersten Fehltag möglichst ein ärztliches Attest vorlegen, oder es zumindest nachreichen. Die andere Frage ist: Was passiert mit dem Berg von Arbeit, der dann anfällt und für den die Kollegen dann Überstunden schieben müssen? Bei einer fiebrigen Grippe ist das – natürlich – eine ganz andere Ebene.

„Gönnen Sie sich viel Ruhe!“

Ein frommer Vorsatz, nur bleibt die Welt leider nicht stehen, Kinder hören nicht auf, ihre Eltern in Atem zu halten und Pflichten jeder Art türmen sich auch eher auf, anstatt zu verschwinden – nur, um einen nach jedem „faulen“ Tag nur vorwurfsvoller still auf sich aufmerksam zu machen.

„Drehen Sie sich weg, wenn jemand hustet oder niest. Vermeiden Sie es, durch den Mund zu atmen und halten Sie kurz die Luft an.“

Das ist mein absoluter Favorit, wirklich. Oder, wie eine ältere Kollegin im Zug einmal meinte: „Ja, dann erstickt man halt gleich, weil man aufhört zu atmen.“ Oder eben, weil man vor lauter Virenflucht den Kopf so hin- und herschleudert, dass man sich selbst das Genick bricht. Ein wenig überspitzt, aber mal im Ernst: Wenn hinter einem jemand hustet und vorne jemand niest, ist das mit dem Wegdrehen eine Wahl zwischen Pest und Cholera, pardon, Krächzen und Rotzseuche.

In einer Frauenzeitschrift wurde letztens auch dazu geraten, im Zweifelsfall einen Mundschutz zu tragen. In Ordnung. Man hat Michael Jackson ja auch nur für neurotisch erklärt, weil er nie ohne Handschuhe und Tuch vor dem Gesicht in die Öffentlichkeit ging. Au verflucht, ich habe gerade im Zug durch den Mund geatmet – wird meine Erkältung jetzt schlimmer? Werde ich sterben?

„Desinfizieren Sie am Arbeitsplatz mehrmals täglich Türklinken, Tastaturen und andere Flächen, die andere angefasst haben.“

Ja, das ist doch der ultimative Tipp für ein freundliches, offenes Betriebsklima. Dass man sich nicht in die Hand niest und dann jemandem genau diese gibt, sollte sich von selbst erklären, aber das klingt doch schon nach Paranoia. Es sei denn, man arbeitet in einem Medizinlabor oder in einer spezialisierten Arztpraxis. Mir wurde übrigens erzählt, dass Sagrotan nichts bringt – man müsse schon einen ganzen OP-Anzug mit Mundschutz, Nasenschutz und undurchlässiger Kleidung tragen wie auf einer Hepatitis-Behandlungsstation, um zu 100 Prozent geschützt zu sein. Arbeiten im Ganzkörperkondom? Hm … nääää …

„Vermeiden Sie Stress.“

Ja, liebe Experten, sagen Sie das nicht uns als (potenziellen) Virenempfängern, sondern ebenso gestressten Vorgesetzten, Mitarbeitern, Kunden, quengelnden Kleinkindern, mäkelnden Verwandten, Nörglern … ach, Sie wissen schon, worauf das hinausläuft. „Die Hölle sind die anderen“, sagte schon Sartre und wer sich nicht mit Erwartungen und Anforderungen seiner Umwelt auseinandersetzen kann oder will, muss eben auf eine einsame Insel ziehen. Sich nicht von allem und jedem etwas annehmen, ist eine Sache – alle Faktoren auszuschalten, eine „Mission Impossible“.

So viel zu den Tipps, die im Alltag eben oft nicht funktionieren, weil sie magische Schutzwallkräfte, Hellseherei, Telekinese, Matrix-Moves oder andere übernatürliche Fähigkeiten erfordern. Doch manche Maßnahmen erfüllen tatsächlich auch live ihre Funktion – gesundes Essen, Frischluft und Heißgetränke zum Beispiel. Und was den Stress betrifft: Wenn die allgemeine Panik vor Mikroorganismen selbst viral wird, kann sich das negativer auf den eigenen Virenschutz auswirken als alle äußeren Faktoren. Immerhin ist bekannt, dass Ängste und Stress sich gern die Klinke in die Hand geben. Also: bei allen Vorkehrungen das Leben nicht vergessen!

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