Cats Gedankenwelt: Über die Schwelle treten – Leben und Ängste

Cat KolEs gibt viele erste Male und gefühlt unzählige Gründe, warum sie Ängste in uns schüren. Manche Fachleute nennen es Neophobie („die Angst vor dem Neuen“), andere nennen es schlicht „Schwellenangst“ oder „Angst vor Veränderungen“. Das ist im Prinzip nichts Außergewöhnliches – dennoch lohnt es sich, hin und wieder seine Komfortzone zu verlassen und die Schwelle des Gewohnten zu übertreten.

Adolph Menzel - Nach durchfahrerner Nacht - 1851
Adolph Menzel – Nach durchfahrerner Nacht – 1851

In den letzten Monaten hat sich bei mir viel verändert. Ich bin für einen neuen Job im letzten Sommer in eine neue Stadt gezogen und sehe meine nicht mehr ganz so neuen Kollegen viel öfter als alle Menschen, die ich sonst um mich hatte. Sogar öfter und länger als meinen Partner. Übrigens, die neue Jobsituation hat unseren gemeinsamen Haushalt in eine Fernbeziehung verwandelt. Anfangs war es schwer, sich damit abzufinden und das Positive aus dem Ganzen herauszuziehen. Aber inzwischen geht’s – auch wenn die Pendelei irgendwie nervt. Man gewöhnt sich an fast alles, auch daran, seine Kolumne in der Zeit zu schreiben, die einem auf einer drei- bis vierstündigen Bahnfahrt eben zur Verfügung steht. Trotz oder gerade wegen all dieser Widrigkeiten, die unsere Liebe immer wieder auf eine kleine Probe stellen, heiraten wir in einigen Monaten. Wir wissen schließlich, dass wir uns aufeinander verlassen können. Egal, ob 300 Kilometer zwischen uns liegen oder nicht.

Es gibt viele erste Male – sexuell, aber auch ganz profan im Alltag. Erinnern Sie sich an Ihr letztes „erstes Mal“ oder an ein ganz besonderes? Eine neue Entwicklung im Leben, wo Sie dachten: Wie soll ich das schaffen? Oder sich gefragt haben: Kann ich das? Bin ich dem gewachsen? Ich erinnere mich an eine Jugendfreizeit, die meine verkorksten Ferien retten sollte. Eigentlich war eine Reise mit Schulfreundinnen geplant gewesen – doch diese konnte ich niemals antreten. Sie hatten mich einfach außen vor gelassen. Sie können sich vorstellen, wie sich das für einen Teenager, ein Cliquen-Herdentier, das einfach nur dazugehören will, anfühlt. Es ist grausam. Der Rest meines Schuljahres war versaut, die Ferien mit dazu. Zum Glück habe ich resolute Eltern, die meine Sommerferien retten wollten. So meldeten sie mich nach Absprache auf einer Schweden-Freizeit an – allein. Ohne Clique (von der ich nach dem geplatzten Urlaub eh nichts wissen wollte) und ohne ein bekanntes Gesicht. Und ich fragte mich genau das Eine: Schaffe ich das, allein unter Fremden? Nach zwei Wochen kehrte ich mit zwei wichtigen Erkenntnissen zurück. Erstens: Ja, ich schaffe das. Zweitens: Neue Gelegenheiten öffnen neue Türen. Türen, durch die man sonst nie gegangen wäre, wenn man es niemals müsste. Warum auch sonst das Gewohnte, die eigene Kuschel- und Komfortzone verlassen?

Erst gestern Nacht bin ich ein weiteres Mal über eine neue Schwelle getreten, nämlich über die zu meiner ersten wirklich eigenen Wohnung. Eine Wohnung mit drei Zimmern, die ich die Hälfte des Monats für mich allein habe, wenn mein Verlobter nicht da ist. Ein kleiner Schritt für jeden, der es kennt – aber ein großer für jemanden, der bisher nie länger als ein paar Tage allein gewohnt hat. Man glaubt gar nicht, wie viele Geräusche ein Haus in der Nacht machen kann. Überall blubbert, knarzt und knackt es, wenn man nur überpenibel hinhört, und schon meldet sich die Schwellenangst erneut. Vielleicht ist die Stille, die man alleine auf einmal verspürt, sogar unbehaglicher. Irgendwann schlief ich ein, zu müde, um mich weiter mit diesem Gefühl des Unheimlichen herumzuärgern. Und als ich heute Morgen aufwachte, schaute ich auf den riesigen Baum gegenüber von meinem Schlafzimmerfenster, schaltete wie immer meinen Wasserkocher für den ersten Kaffee des Tages an und dachte im Stillen: Ich glaube, ich bin angekommen. Ja, wir Menschen fürchten uns vor Neuem; Angst und Vorsicht liegen in unserer Evolution. Wir sind nicht nur lernfähige „Mängelwesen“ und Onmnivoren, sondern eben auch Gewohnheitstiere. Allerdings auch anpassungsfähig und mindestens so neugierig wie eine Katze, die irgendwo eine Nische entdeckt.

Wir wissen, dass wir immer wieder neue Reviere, Nischen und Fremdartiges sehen werden und oft misstrauen wir allem, was fremd ist. Wir werden immer irgendwann mal Schwellenangst haben – und dennoch über die Schwelle treten. Weil es sich lohnt, zu sehen, was auf der anderen Seite ist.

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