Cats Gedankenwelt: Sozialer Disconnect

Wir sind es gewohnt, immer und überall vernetzt und niemals wirklich allein zu sein. Irgendwie ist man immer mit anderen in Kontakt – ob über soziale Medien, in einer Wohngemeinschaft, in der Familie oder im Kollegenkreis. Alleine irgendwo sein oder hingehen heißt oft: uncool sein und als Sonderling gelten. Dabei erfordert es eine Menge mehr Coolness und Mut, als sich ständig im Schutz der Gruppe zu bewegen.

Foto: Privat
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Manche Menschen genießen das Alleinsein, sie finden dann „zu sich“, schätzen die Ruhe, die es bringt, auch mal nicht von anderen Individuen umgeben zu sein. Sie sind „sich selbst genug“, wissen etwas „mit sich anzufangen“, auch ohne externe Reize und Eindrücke. Ich bewundere diese Leute ein Stück weit, denn ich gehöre nicht dazu. Sich auf eigene Faust auf den Weg in eine fremde Stadt machen? Work and Travel irgendwo, wo einen keiner kennt? Oder auch nur, sich alleine irgendwo hinsetzen und einen großen Eisbecher oder ein Menü von der Mittagskarte bestellen, das Handy auslassen und einfach nur die Menschen beobachten, die geschäftig vorbeiströmen? Während die ersten beiden Beispiele mir vollkommen sinnlos erscheinen, weil ich mich wohl nicht einfach dazu überwinden könnte, ist das dritte zumindest eine Herausforderung.

Wie letztens zur Mittagszeit, vor einem Wochenendevent, wo alle in unserer Firma mit anpacken mussten. Ich wusste, was ich wollte – Tofu mit Reis, Gemüse und Erdnusssoße. Die eigentlich schwierige Frage: „Mitnehmen oder hier essen?“ . Normalerweise setze ich mich nicht alleine in ein Restaurant – ich komme mir dabei komisch vor, so, als könnten Leute mit dem Finger auf mich zeigen und rufen: „Guckt mal, die hat wohl keine Freunde!“. Daher nehme ich ansonsten immer mein Essen mit. Entweder in den Gemeinschaftsraum des Verlagshauses (wo immer jemand vorbeikommen kann und ich die Leute kenne) oder nach Hause, wo mich keiner alleine sieht. Dieses Mal jedoch lockten mich das Sonnenwetter und die Option, nichts abspülen zu müssen, doch an einen Tisch mit Blick auf die Fußgängerzone. Neben mir saß ein junger Mann mit seiner Mutter, auch die anderen Tische waren mit mehreren Personen besetzt. „So, wie es eigentlich sein sollte“, schoss es mir durch den Kopf, als ich mich an mein Saté-Tofu heranmachte, mit einem leicht unbehaglichen Gefühl im Bauch.

Ich schämte mich auf einmal für mein „Alleinsein“, mein Schweigen beim Essen, während andere sich unterhielten. Irgendwie schutzlos auf dem Präsentierteller, weil meine böse innere Stimme mir zuflüsterte: Guck mal, die Leute, die vorbeigehen, halten dich jetzt bestimmt für einen totalen Loser. Für einen Außenseiter, der keine Freunde hat. Dabei weiß ich, dass das nicht stimmt; dass sich die Leute wahrscheinlich gar nichts denken, außer: Oh, da gehen wohl gerne Leute in der Mittagspause hin. Oder gar nicht erst hinsehen, weil es ihnen gar nicht auffällt und sie selbst alleine mit einer H&M-Tüte durch die Gegend laufen. Außerdem habe ich immer die Wahl, wo ich essen will; ob am Schreibtisch im Büro, zum firmeninternen High-Noon inklusive dem Run auf die letzten Gabeln aus der Spülmaschine oder eben – ja, allein, mit der Option, Leute zu beobachten und die Zeit ein paar Momente lang anzuhalten.

Eigentlich sollte es gar nicht so schlimm sein, sich abseits der Gruppe zu bewegen. Beim Shopping findet man schneller, was man sucht, vorausgesetzt, man sucht etwas Bestimmtes. Auch beim Stöbern im Second-Hand-Laden kann ich mich so viel besser auf Farben, Schnitte und Preise konzentrieren, ohne dass mich ständig irgendwer aus den Gedanken reißt. Auf der Arbeit kann es manchmal von Vorteil sein, auch etwas „in Alleinverantwortung“ zu entscheiden, und es hat auch Vorteile, seine Socken so lange im Bad liegen lassen zu können, bis man von selbst auf die Idee kommt, sie wegzuräumen.

Wie gesagt: Menschen, die ein gesundes Maß an „Einsamkeit“ gewöhnt sind, fällt es leichter, sich von der Gruppe und der Meinung anderer abzugrenzen. Einfach „ihr eigenes Ding zu machen“. Sie denken nicht ständig darüber nach, ob sie allen Erwartungen entsprechen, im Gegenteil, sie genießen es, selbst die Maßstäbe zu setzen. Für sie hat das Alleinsein einen Hauch von Freiheit, sich und die Umwelt aus eigenen Kräften heraus zu verändern. Viele bekannte Genies und Pioniere der Geschichte galten zunächst als Sonderlinge, „Nerds“, Einzelgänger. Alle, die mich besser kennen, wissen: Alleinsein ist für mich bisher ein Zeichen des Versagens, ein „sozialer Disconnect“; die Angst, „nicht gut genug“ für Gesellschaft zu sein. Dabei ist das nur eine Frage der Perspektive.

Zumindest in einer Gesellschaft, wo Beliebtheit, Facebook-Likes und die Größe des Freundeskreises als wichtigste Statusmerkmale gelten. Dabei habe ich schon viele Situationen erlebt, wo gerade der Sprung ins Unbekannte, den man manchmal nur allein wagen kann, unglaublich bereichernd war. Das Praktikum mit anschließender Rundreise in Südengland; die Party, wo ich außer dem Gastgeber niemanden kannte und gerade deshalb viele interessante Menschen kennenlernte oder die Loslösung von einem Wohnort, um woanders wieder viele neue, wertvolle Kontakte zu knüpfen. Was mich zu der Erkenntnis bringt: Ein funktionierendes Netzwerk lässt sich nicht dadurch erweitern, dass man es einfach nur pflegt und erhält. Der Zustand, hin und wieder „nicht vernetzt zu sein“ und sich neu zu orientieren, erfordert eine Extraportion Mut und bringt einen dazu, neue Tore zu öffnen und Anknüpfungspunkte zu finden. Aber das Alleinsein muss man lernen. Ich arbeite daran.

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