Cats Gedankenwelt: Liebe im Zeitraffer

Zeitraffer
Zeitraffer – Foto: Boris Klein

Dass Zeit sich in der eigenen, subjektiven Wahrnehmung verdichten und einem viel kürzer vorkommen kann, als sie tatsächlich ist, stellen viele Menschen fest, wenn aus Freitag auf einmal wieder Montag wird oder aus Urlaub ein ganzer Berg Arbeit, der sich inzwischen angesammelt hat. Doch nicht nur alltägliche Aufgaben und „pflichtlose“ Stunden geben sich in diesem strammen Rhythmus die Klinke in die Hand – auch die Liebe auf Entfernung erfährt so eine rigide Taktung.

„Hell, dunkel, hell, dunkel, Montag!“ So können diejenigen ihre Wochenenden beschreiben, die auch sonst eine Menge Zeit für Freunde, Familie und letztendlich auch für die Partnerschaft haben. Der Spruch bedeutet: Gefeiert, gesoffen, gepennt – und sonst? Na, gechillt eben. Nichts Besonderes. Nicht, dass ich Fan des übermäßigen Alkoholgenusses und des zugehörigen Katers wäre (zwei Katzen reichen mir schon aus, um zwei Leute auf Trab zu halten), aber einfach mal planlos in den Tag hineinleben kann auch was Entspannendes haben. Nur das tun, worauf selbst (und der Partner) Lust hat. Einfach mal die Zeit träge verstreichen lassen, das ist schon schwierig, wenn man eine Wohnung teilt oder sich jeden Tag sehen kann – und es wird so gut wie unmöglich, wenn man nur zwei Tage, also 48 Stunden, in der Woche gemeinsam zur Verfügung hat. Bei manchen sind es sogar nur 48 Stunden alle zwei, drei oder vier Wochen.

48 Stunden sind genau so lang wie eine durchschnittliche Untersuchungshaft oder die voraussichtliche Lieferzeit bei einem besonders schnellen Onlineversand. Eine 48-Stunden-Frist versprechen manche IT-Unternehmen bei der Behebung eines Internetproblems oder wenn es darum geht, einen Techniker vorbeizuschicken. Kurz: Bei einer 48-Stunden-Frist freuen sich die meisten Betroffenen darauf, dass sie endet. Allen voran natürlich der Häftling, der nach 48 Stunden wieder eine Chance auf seine Freiheit hat. Oder auch ein Patient, der nach 48 Stunden endlich seine Diagnose erhält. Alle sind hoffnungsfroh oder zumindest gespannt. Nur beim Wochenende sieht das doch etwas anders aus, vor allem, wenn die Liebe sich mit 48 Stunden zufrieden geben muss. Vor zwei Tagen war Freitag, und ich war endlos happy, endlich wieder meinen Verlobten zu sehen. Jetzt ist Sonntag, 48 Stunden später, und ich sitze im Zug. Ein Prozedere, das sich wiederholt und das sich einschleifen kann. Aber trotz aller Abgeklärtheit nach fast acht Monaten doch immer wieder eine Überwindung. Die 48-Stunden-Frist verschafft für Liebende auf Distanz in keiner Weise Erleichterung, im Gegenteil, oft übt sie einen unglaublichen Druck aus.

"Junges Paar" von Günter Glombitza - 1970
„Junges Paar“ von Günter Glombitza – 1970

Zwei Tage sollen all die gemeinsamen Erlebnisse ausgleichen, die man sonst über eine ganze Woche miteinander hätte. Sie reichen aus, um Gefühle und Partnerschaft kurz zu bestärken, ehe die Wege sich wieder trennen. Die gemeinsame Zeit vom Wiedersehen bis zum Abschied vergeht spürbar, schnell und demonstrativ, sodass man den Eindruck haben kann, sie winke einem mit jeder Wanderung des Stundenzeigers einmal schadenfroh zu. Als wollte das Ticken der Uhr uns sagen: „Eure gemeinsamen Stunden vergehen. Nutzt sie gut und macht etwas Besonderes daraus.“
Das ist natürlich, rational gesehen, sentimentaler Unsinn – schon mal einen Zeiger gesehen, der spricht und winkt? Doch so etwas wie Liebe funktioniert eben nicht nur nach den Regeln der Vernunft.

Lebens- und Liebeszeit wird komprimiert, oder auch: Liebe im Zeitraffer. Es kann anstrengend werden, aus jedem Wochenende etwas Außergewöhnliches oder Symbolträchtiges zu zaubern, ja, es irgendwie zu müssen. Jeder erwartet, dass man nach dem Wiedersehen das harmonischste, glücklichste und verständnisvollste Paar ist, das, losgelöst von Alltagsquerelen zwischen Katzenklos und Waschmaschinen romantische Sternstunden erlebt. Vor allem aber sitzen diese Erwartungen tief in einem selbst. Wer weit entfernt einen Job hat, dem hat der Arbeitsvertrag einen festen Rahmen für das Privatleben gesteckt, der einfach nur „Wochenende“ heißt. Oder „Urlaub“. Doch in diesen Rahmen sollen noch mehr als zwei hineinpassen. Neben der Zeit als Paar sollen auch Freunde, Familie und Bekannte Teil des Gesamtbildes werden und ein Meisterwerk an Zeitmanagement bilden. Einladungen wir: „Ihr kommt doch am Sonntag zum Essen?“ oder „Wir sollten mal wieder eine Kurzreise an die Nordsee machen“ können zumindest, wenn man noch keine Routine im ständigen Kommen und Gehen hat, das gerade erst entstehende System durcheinander bringen.

Um in einer Fernbeziehung zu bestehen, braucht es die gleichen Voraussetzungen wie in einer „Vollzeitliebe“ – nur noch viel mehr davon: Vertrauen, dass der andere sich auch in Abwesenheit aufrichtig und ehrlich verhält. Respekt vor den Wünschen und Abneigungen der Person, die man liebt. Rücksicht auf seine oder ihre Bedürfnisse. Und vor allem: der Liebe Zeit und Achtung geben. Das wird nicht einfacher, sondern eher schwieriger, je weniger Zeit unter immer mehr Lebewesen zu verteilen, die einem am Herzen liegen – denn so gerne man als Paar gerne einmal eine Welt für sich hätte, wäre das auf Dauer doch nicht die Lösung. Es gibt schließlich noch all die anderen Menschen, die Aufmerksamkeit wert sind und sich selbst, die Person, die bei alledem am ehesten vergessen wird.

Ich habe keine Patentlösung für das Problem der Liebe im Zeitraffer – doch ich möchte allen, die in der gleichen Lage sind, Mut zusprechen. Jeder muss seinen eigenen Takt finden und ihn ändern, wenn er nicht mehr in die Melodie passt; es ist auch nicht schlimm, wenn ein Wochenende mal nicht besonders war. Ihr wart zusammen, habt euch geliebt, euch vielleicht gestritten, aber euch auch wieder versöhnt. Das zählt. Es macht auch nichts, wenn ihr zu einer Einladung einmal rechtzeitig „Nein“ sagt, um „Ja“ zu eurer Paarzeit zu sagen. Oder eben Gesellschaft der Zweisamkeit vorzieht. Alles ist legitim – solange ihr euch gut dabei fühlt. Auch wir haben keine großen Sprünge an diesem Wochenende gemacht, sondern einen ganzen Abend vor der Playstation gesessen und uns ein Battle im Buzz- Musikquiz geliefert. Lustig war’s – und genau unser Ding, sodass ich nun mit gutem Gefühl in die neue Woche gehen kann.

  1. Du wagst dich aber auch immer an Themen heran …
    Gerade bei der Liebe geht bekanntlich alles und nichts – Hand in Hand …

    Liebst
    Justine

  2. Verena Dahms

    Ich kenne das, nicht genau so, vielleicht noch heftiger, als mich meine Firma in die USA versetzt hat, um dort eine Projektleitung zu übernehmen. Da lagen keine Wochenenden drin, nur Telefonate und mails.
    Unsere Liebe hat trotzdem gehalten. Aber ich kann dir nachfühlen.

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