Cats Gedankenwelt: Kleine Rebellen

Cat KolViele Menschen finden Kinder niedlich, solange sie einen mit großen Augen angucken, lachen, und tun, was die Erwachsenen wollen. Benehmen sich die „lieben Kleinen“ hingegen daneben, machen den Großen das Leben schwer und werfen deren Zeitpläne und To-do-Listen durcheinander, regnet es zu Hause Verbote und in der Öffentlichkeit strafende Blicke und Kommentare. Fragt sich nur: Wer ist hier der größere Unsinnstifter?

Vor unserem Bürofenster mitten in der Fußgängerzone einer Kleinstadt ist immer was los. Die Leute sitzen im Café, lachen, plaudern und klappern mit ihren Espressotassen. Hin und wieder hört man Straßenmusik (mal mehr, mal weniger gekonnt) und – wie könnte es anders sein – auch spielende Kinder oder eine ganze Schulklasse, die an unserer Agentur mit höchstem Lärmpegel vorbeiziehen, während bei uns in die Tasten gehauen und auch der eine oder andere politisch inkorrekte Witz in den Raum geworfen wird. Ansonsten herrscht emsige Arbeitsstille, wir müssen schließlich was schaffen, im Gegensatz zu den Leuten mit den sündigen Eisbechern und erst recht den Kids, die munter durcheinander johlen und auf kleinen tapsigen Füßen die Welt erkunden. Oder eher, sie erkunden dürfen. Hin und wieder ruft auch eine schneidige Mutterstimme: „Jonas! Sofie“ Herkommen, aber sofort!“ Oder so ähnlich eben. Oft missfällt es den „lieben Kleinen“, wenn Mama oder Papa ihnen sagt, sie sollen sich gerade hinsetzen, nicht stundenlang im Eis herumrühren, oder wenn ihnen die Mütze wieder auf den Kopf gesetzt wird. Dann gibt es großes Geschrei – und nicht selten fällt bei uns der Spruch: „Oh, hört mal, da wird gerade jemand umgebracht.“

Dorothea Maetzel-Johannsen (Lensahn 1886 - Hamburg 1930)
Dorothea Maetzel-Johannsen  (Lensahn 1886 – Hamburg 1930)

Wir in unserem Kinderlosenbüro wissen natürlich, dass das nur ein schwarzhumoriger Scherz ist und bitte auch bleiben soll – aber manchmal finden wir den gesamten Straßenlärm inklusive lauter Kinderstimmen und Babygeschrei einfach zu nervig und machen unser Fenster zu. Denn: So kann ja kein Mensch arbeiten. Und erst recht keinen Maximaldurchsatz von SEO- und Magazintexten den nächsten Gliedern der Artikelproduktionskette weiterleiten. Die Kinder draußen, ebenso wie die Erwachsenen, die schon um elf im Café sitzen können und anscheinend „zu viel Freizeit“ haben, lenken da nur vom Wesentlichen ab. Dabei will ich gar nicht behaupten, Kinder in irgendeiner Weise dauerhaft nervig, befremdlich oder störend zu finden. Im Gegenteil – ich mag Kinder, momentan passen sie nur noch nicht in den Lebens- und Finanzierungsplan, der mir vorschwebt.

Eines haben wohl alle „Zwerge“ gemeinsam: Irgendwann wird aus jedem Neugeborenen ein kleiner Rebell, ein Revoluzzer, der zeitweise nichts anderes will, als die Grenzen auszutesten, bis der Geduldsfaden der Erwachsenen reißt. Kinder können, zumindest in jungen Jahren, einen Dickkopf von hier bis nach Amerika haben und leiden beizeiten unter dem „Michel aus Lönneberga“-Syndrom – oder strapazieren sie damit sogar gerne die Nerven derer, die Respekt und Gehorsam von ihnen fordern? Unsere hauseigene „Mini-Terroristin“ an meinem Wochenenddomizil steckt anscheinend ein wenig zu früh in der Trotzphase und kann schreien wie am Spieß – wenn ihr das Essen nicht schmeckt, überhaupt, wenn Mama sie zum Essen zwingen will; wenn Mama sie anzieht, bevor es nach draußen geht; wenn Mama ihr das Handy wegnimmt, weil sie sonst wohl hinterher alles auf Türkisch umgestellt hätte. Nicht zu vergessen, wenn sie die Schränke nicht einfach so „aufräumen“ darf mit dem Resultat, dass hinterher alles auf dem Boden verstreut läge. Dieses Kampfgebrüll hört man dann bis in unsere Etage – aber uns stört es nicht groß. Kleine Kinder sind eben die „Könige des Blödsinns“, zumindest aus der rationalen Sicht eines Erwachsenen.

Wir Erwachsenen leben in einer Umgebung, die von uns verlangt, immer die Fassung zu bewahren; den Bahnbeamten auch dann nicht anzubrüllen, wenn schon der zweite Zug ausfällt oder nicht lautstark unseren Unmut gegenüber Vorgesetzten zu äußern. Wir müssen jederzeit organisiert sein, Termine einhalten, Arbeiten gut und zügig erledigen und dabei keine albernen Gefühlsregungen zuzulassen oder an anderen auslassen. Wenn wir uns ungerecht behandelt fühlen, erwarten Familie, Freunde und Kollegen von uns, unsere Anliegen auf „erwachsene“ Art zu klären; nicht zu schmollen, laut zu werden oder egoistische, „kindische“ Einwände zu bringen. Kurz: Wir haben uns unsere Welt so eingerichtet, dass wir in ihr funktionieren können, und zwar reibungslos. Hier erklärt sich für mich auch, warum viele Menschen Kinder als „Störfaktor“ sehen. Kinder funktionieren nicht, sie halten nichts zurück und werfen auch hin und wieder mal Sand ins frisch geölte Routinegetriebe. Sie bringen das Zeitmanagement ihrer Eltern durcheinander, kleckern, trödeln und machen aus jeder „Mücke“ wie dem verlorenen Schnuller einen Elefanten. Alles Dinge, die uns Großen aufhalten, nerven, in Verlegenheit bringen und unsere glänzende Fassade beschmutzen.

Aber sind wirklich die Kinder die wahren Störenfriede, oder ist die Ablehnung gegen ihre unberechenbare, impulsive Art nicht eher eine Spiegelung dessen, was wir uns selbst manchmal wünschen? Alles stehen und liegen lassen, getreu dem Motto „nach uns die Sintflut“, unmittelbar seinen Bedürfnissen folgen, auch mal nur an sich denken und vor allem: Freude, Wut oder Frust herausschreien? Ich meine, nicht umsonst wird gestressten Managern geraten, hin und wieder in den Wald zu gehen und ihre Anspannung „herauszubrüllen“. Und zwar dort, wo sie dem Ursprünglichsten, der Natur, am nächsten sind und sich damit vor niemandem bloßstellen würden. Zurück zu unserem Büro in der Fußgängerzone. Einmal lief ein kleiner Junge immer im Kreis herum und johlte vor sich hin. „Es ist Zeit, schreiend im Kreis zu laufen“, bemerkte ich ein wenig sarkastisch, und fügte hinzu: „Manchmal könnte ich das auch.“ Und ehrlich gesagt war ich in dem Moment ein wenig neidisch – denn würden wir Großen das tun, was die Kleinen ohne jedes Hindernis tun und einfach mal ausrasten, wäre unser Ansehen bei den anderen Großen wohl erstmal dahin. Traurig, aber in vielen Situationen wahr.

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