Cats Gedankenwelt: Die Grenzen des Einzelnen

Ein endloser Horizont - wie realistisch ist diese Vision?
Ein endloser Horizont – wie realistisch ist diese Vision?

Glaubt man den zahlreichen Ratgebern und Motivationsleitfäden, die im großen weiten World Wide Web und darüber hinaus kursieren, ist der Mensch ganz allein seines Glückes Schmied und kann jede Situation allein durch die innere Einstellung „managen“. „Selbstmanagement“ oder „Empowerment“ nennt sich das Ganze – um nur zwei Leitbegriffe zu nennen. Doch ist diese Vorstellung absoluter Grenzenlosigkeit umsetzbar, oder geht sie gar an der Realität komplett vorbei? Eine kritische Alltagsbetrachtung.

Es gibt ja bekanntlich die Menschen, die über jeden Regentropfen schimpfen, alles, was in ihrem Leben geschieht, „ungerecht“ finden und sich selbst komplett als Opfer der Umstände betrachten. Auch wenn wahrscheinlich mal jeder und jede kurzzeitige „Depriphasen“, in denen man die Welt komplett schwarz sieht Andere können gar nicht mehr anders, als immer dem „Bösen da draußen“ und einem unglücklichen Zufall die Schuld an allem zu geben, was schief läuft. Solche Zeitgenossen können ganz schön nerven. Aber dann gibt es auch das exakte Gegenteil – nämlich diejenigen, die alles, was außerhalb ihrer Persönlichkeit liegt, einfach wegschieben. Von irgendetwas abhängig sein, das nicht der eigene Wille ist? Ach Quatsch. Das gibt’s doch gar nicht und wenn doch, ist es hemmungslos „von vorgestern“. Das sind dann die Menschen, die einem weismachen wollen, dass wirklich alles möglich ist, wenn man es nur will. Also „Glücksmissionare“, die die eigentlich gut gemeinte Absicht, Zaudernde zu ermutigen, komplett überspitzen und Grenzenlosigkeit propagieren. Um ehrlich zu sein, kann dieser Menschenschlag ebenso anstrengend daherkommen wie sein schwarzmalerisches Pendant.

Optimistisch – oder schon abgehoben?

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Der Mythos „grenzenloser Möglichkeiten“ liegt im Trend

Re-Empowerment“, „höheres Bewusstsein“, „Selbstmanagement“ – alles Begriffe, die derzeit im Ratgebermilieu sowohl online als auch offline kursieren. Und nur drei Bezeichnungen von vielen, die eine Philosophie verkörpern – das alte Thoreau’sche Prinzip der „Self-Reliance“, also der größtmöglichen Unabhängigkeit von anderen Menschen und einem gesellschaftlichen Konsens. Geschweige denn von finanziellen und institutionellen Zwängen. Ein Leben abseits von ausgetretenen Pfaden, Hierarchien im Job, Steuererklärungen, gesellschaftlichen Erwartungen und überhaupt all diesen nervtötenden Zwängen – das muss das Paradies auf Erden sein. Die totale Eigenverantwortung – eine Utopie, die wirklich umsetzbar und wünschenswert ist? Fest steht: Im Alltag, wie die meisten von uns ihn kennen, ist das schwierig zu realisieren. Die wenigsten Menschen können von sich behaupten, vollkommen frei von äußeren Umständen ihren Träumen nachgehen zu können. Ratgeber und Coaches raten dazu, „sich neu zu erschaffen“, „Grenzen zu sprengen“, „sich nicht für den Konsens zu verraten“ und „hinter sich zu lassen, was nicht glücklich macht“. Doch wenn ich mir fast alle Lebensläufe in meiner Umgebung näher anschaue, muss ich mich fragen, ob solche großen Ideale und Ansprüche ans eigene Leben nicht einfach nur Illusionen sind. Und nebenbei ziemlich egoistisch – denn ohne gegenseitige Verpflichtungen, wie soll da eine Gesellschaft funktionieren?

Begrenzte Möglichkeiten

Es kann frustrieren, wenn man alles will, aber es nicht erreicht
Es kann frustrieren, wenn man alles will, aber es nicht erreicht

Es ist nichts Ungewöhnliches, an Grenzen zu stoßen. Fragen Sie eine berufstätige Mutter, wie viel Zeit und Kraft ihr noch bleiben, künstlerisch Großes zu schaffen. Oder einen überarbeiteten Manager, wie oft er noch die Gelegenheit hat, draußen in der Natur zu meditieren. Fragen Sie einen Hartz 4-Empfänger, ob der Job, den er auf Druck des Amtes annehmen musste, wirklich sein Traumjob ist oder ob er lieber seine Träume von der freischaffenden Selbstständigkeit erfüllen würde. Denken Sie an die junge Frau, die gerne eine Weltreise machen würde, aber deren Lohnbudget aber auch nach Jahren nicht ausreicht. An einen Familienvater, der gerne einfach mal ein Jahr lang seine innere Mitte in einem buddhistischen Tempel finden möchte, aber seine Familie dafür zurücklassen müsste. Manche haben große Pläne und Visionen und können sie auch umsetzen – jedoch erst, wenn sie voller Herzblut und unter Aufwendung alles andere um sich vergessen können. Nicht umsonst lebten viele große Künstler und Erfinder eher zurückgezogen, hatten Geldprobleme und waren geniale Außenseiter, die von einem Großteil der Gesellschaft einfach nicht den nötigen Respekt erhielten. Viele von ihnen erlebten ihren Ruhm nicht einmal mehr und lebten komplett in ihrer eigenen, kleinen Welt der Ideale und des großen Traums, fernab des „gewöhnlichen“ Alltags. Gefühlt grenzenlos, sicherlich. Aber auch zu einem hohen Preis.

Zwischen Visionen und Pragmatismus

An Grenzen zu stoßen, ist nicht nur normal, sondern notwendig
An Grenzen zu stoßen, ist nicht nur normal, sondern notwendig

Sind denn all diejenigen, die eben nicht zu den großen Berühmtheiten und Entdeckern dieser Welt gehören, deswegen weniger wert oder gar unzufrieden, weil sie Kompromisse eingehen „müssen“? Unter extremen Umständen vielleicht – wenn die Belastungen überhand nehmen oder das eigene Leben komplett zur Routine verkommt. Dennoch, für die Mehrheit ist das kein Grund, mit allem zu hadern. Denn auch die Basisarbeit muss getan werden, also diejenige, die manchem Veränderungsguru einfach zu „profan“ oder zu „gewöhnlich“ ist. Und diese Arbeit, die unermüdlich wiederkehrt – in Haushalten, Pflegeheimen, in Schulen, Supermärkten und Kindergärten – macht es erst möglich, dass die „großen Visionäre“, die jegliche Form von Begrenzungen ablehnen, ihre Höhenflüge erleben. Um anschließend die Welt um ihre Entdeckungen und ihr faszinierendes, neu gewonnenes Wissen zu erweitern Doch ob jeder das Zeug zum Idealisten und Genie hat und bereit ist, notfalls alle anderen Ziele zu opfern? Das ist immer noch eine persönliche Entscheidung. Wer sich eben innerhalb seines selbst oder durch die Lebensumstände gesteckten Rahmens wohlfühlt, bleibt auch gerne ein zufriedener Pragmatiker. Auch daran ist nichts Falsches.

Alles wollen ist anstrengend

Im Alltag funktionieren, Erfolg haben und dabei noch gut aussehen - erwarten wir zu viel?
Im Alltag funktionieren, Erfolg haben und dabei noch gut aussehen – erwarten wir zu viel?

Häufig zielen Lebensratgeber darauf ab, uns die unendlichen Möglichkeiten, egal wie realistisch sie sein mögen, vor Augen zu führen. Ganz nach dem Motto: „Man kann alles haben – jederzeit und sofort. Wir müssen nur wollen.“ Sicherlich kann man alles wollen – aber macht das wirklich glücklich oder auch nur zufriedener? Für Menschen, die mit ihrem stinknormalen, „mittelmäßigen“ Leben, einem mehr oder minder unspektakulären Beruf, einem durchschnittlichen Sozialleben ohne viel „Fame und Glamour“ und vielleicht einer Familie bereits zufrieden sind, kann Grenzenlosigkeit vor allem eines sein: beängstigend – und verdammt anstrengend. Um das zu verstehen, muss man sich einfach nur ein ganzes Regal voller verschiedener Käsesorten vorstellen. Kunden, die sonst mit einem oder zwei Handgriffen die Mission „Käsekauf“ abschließen, brauchen plötzlich viel länger, um sich zwischen all diesen Sorten zu entscheiden, wählen hinterher womöglich ein zu teures Produkt oder eines, das ihnen gar nicht schmeckt. Dieses Beispiel ist extrem einfach, aber es lässt sich wunderbar auf so viele Lebensbereiche übertragen – zum Beispiel auf den „Traumberuf“, den „Traumhaus“, die „ideale Kindererziehung“ und das äußere Erscheinungsbild. Irgendwie sollen wir alles sein: Sozial, aber total unabhängig von allem und jedem; zuverlässig, aber hundertprozentig flexibel; engagiert im Alltag, aber dabei immer perfekt gestylt (ach was, Babykotze hinterlässt keine Flecken und von Schlafentzug bekommt man keine Augenringe …); hochgradig ehrgeizig, aber dabei total tiefenentspannt. Für mich klingt der Lebensanspruch „alles, aber ganz und sofort“ nach einer ziemlichen Zerreißprobe, oder auch dnach der viel beschworenen „eierlegenden Wollmilchsau“. Bleibt zu sagen: Wenn man mal wirklich nicht zufrieden ist, gibt es exakt drei Möglichkeiten. „Love it, change it or leave it!“ Das klingt doch mal übersichtlicher und praktikabler als ständig unerreichbaren Träumen hinterherzuhetzen. Und wenn wir uns für „change it“ – also eine Veränderung für ein bestimmtes Ideal – entscheiden, sollten wir uns auch darauf fokussieren, dies mit ehrlicher Leidenschaft tun und nicht nur, weil es gerade dank der aktuellen Ratgeberkultur en vogue ist. Denn Trends kommen und gehen – Zufriedenheit sollte aber etwas sein, das kommt, um zu bleiben.

  1. Toll geschrieben. Ich finde es manchmal absolut schwer aus seinem Trott heraus zu kommen und wirklich etwas zu ändern. Den Mut dazu zu haben. Alleine Entscheidungen treffen ist für mich total schwer. Aber auch ich versuche zumindest optimistischer zu sein.

  2. Ich bin auch einer dieser Menschen – ich will Harmonie, alles gleichzeitig und natürlich muss alles perfekt sein.
    Da tut es gut mal so einen Text zu lesen und bei sich selbst zu erkennen, dass man es so gar nicht schaffen kann.
    Also danke dafür.

    Liebst
    Justine
    http://www.justinewynnegacy.de/

  3. Ein wirklich großartiger Text und schön zu lesen..
    Liebste Grüße,
    Farina

  4. Toller Text!

  5. toll geschrieben und gut durchdacht! ich würde mich selbst durchaus als „selbsthilfebücher-junkie“ bezeichnen, aber genau deswegen sehe ich auch immer mehr die grenzen und kehrseiten, die teile dieses gedankenguts so mit sich bringen. soviel davon ist ein abwägen zwischen „macht es mich egoistisch, wenn ich so handle“ und „muss ich nicht erstmal darauf achten, dass ich mit mir selber im reinen bin, bevor ich rücksicht auf die welt um mich herum nehme, bzw tue ich der welt um mich herum überhaupt mit irgendwas einen gefallen, solange ich mich nicht erstmal um mich selber gekümmert habe“…
    der schlüssel ist wahrscheinlich eine mischung aus „seine einstellung verändern zu dem, was gerade ist“ und trotzdem „versuchen, zum positiven zu verändern, so gut es geht“?
    alles liebe!
    melanie // miss ninja cookie

  6. Wirklich super geschrieben! War sehr interessant zu lesen. Ich glaube man kann es nie allen Recht machen. In erster Linie sollte man es sowieso nur sich selbst Recht machen und sich auf jeden Fall treu bleiben. Das ist das Wichtigste. Erfolg ist Glücklich zu sein mit dem eigenen Leben. Und hat jeder unterschiedliche Ansichten. Klar gibt uns die Gesellschaft vor was der Idealzustand ist. Nichtsdestotrotz ist das von jedem Individuum selbst abhängig. Jeder hat andere persönliche Ziele und niemand ist deswegen wertloser als andere. Schließlich hat auch nicht jeder die gleiche Voraussetzungen die Ziele zu erreichen 🙂
    Liebe Grüße
    Larissa

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