Cats Gedankenwelt: Generation P(rovisorium) und die Suche nach Perspektiven

Foto: PrivatWirtschaftsexperten, Politiker & renommierte Sozialforscher stimmen derzeit im Chor ein Lamento an, weil Deutschland die Heimat der niedrigsten Geburtenraten ist. Weil unsere Generation „Y“ anscheinend zu allem anderen Lust hat, außer die Demographiepyramide wieder ins Lot zu bringen. Als junge Frau, die ihren Zeitgeist mit am besten kennen sollte, und eine der „Beschuldigten“ möchte ich jedoch einmal provokant eine Gegenfrage stellen: Warum einer weiteren Generation ein Leben in der Warteschleife antun?

Die Schlagzeilen in den letzten Monaten haben viel Wirbel gemacht und gingen alle in die Richtung: „Niedrigste Geburtenrate in Europa! Schafft sich Deutschland ab?“ Zunächst einmal dürfen alle Weltuntergangspaniker, die gemütlich in ihren Ledersesseln in Präsidien, Glasbautenbüros und in luxuriösen Konferenzsälen sitzen und die vernichtenden Statistiken lesen, wieder Luft holen. Ein Aussterben der deutschen Bürger oder gar der Spezies Mensch ist angesichts der nachgewiesenen globalen Migration und Überbevölkerung ausgeschlossen. Korrekt ist jedoch: Es rappelt gewaltig im Rentenkarton jener, die gerade verzweifelt versuchen, neben ihrem eigenen (Über-)Leben jetzt und im Alter auch noch die Alterabsicherung der aktuellen Alten zu garantieren. Sie werden scheitern, sagen Experten voraus, und dabei haben sie nicht ganz unrecht. Bei dem aktuellen Verhältnis zwischen denen, die immer älter werden, den potenziell neu hinzukommenden zukünftigen Rentenabsicherern (oder auch: Neugeborenen) und denen, die aktuell zwischen diesen Polen eingequetscht sind und zu denen auch ich gehöre, ist früher oder später der große Knall zu erwarten.

Die Pauschallösung, die propagiert wird, lautet: „Stellt gefälligst euren Egoismus zurück, ihr faulen, selbstverliebten Verblendeten, und bekommt mehr Kinder.“ Als junge Frau im (noch) gebärfähigen Alter fühle ich mich von diesem Medien- und Meinungsecho nicht nur beleidigt – ich fühle mich kriminalisiert. So. als ob ich etwas für diese ganzen globalen Umstände könnte, die mir den Weg zu einer gesicherten Familienplanung mit Berufstätigkeit in der freien Wirtschaft immer wieder nicht nur versperren, sondern regelmäßig ganze Erdbeben auslösen, die alle Perspektiven und Ziele erschüttern.

IMGP0124Vor einer ganzen Weile habe ich an dieser Stelle über die „Generation P“ als eine geschrieben, die einfach pragmatisch denkt und das Beste aus den Umständen macht. Heute geht es auch um die „Generation P“ – die „Generation Provisorium“, die oft kaum eine Chance sieht, sich ernsthaft und dauerhaft ein Leben aufzubauen. Mit allem, was unseren Elterngenerationen noch als selbstverständlich zugesichert wurde: einem sicheren Arbeitsplatz, sozialem Rückhalt bei der Familiengründung und einer Wirtschaft, die ihren Mitarbeitern noch ernst gemeinte Zusagen machen konnte. Natürlich werden weithin die positiven Merkmale der aktuellen Tendenzen in Sachen Arbeitsverhältnisse betont. Jeder hat nun die freie Auswahl, wann, wo und wie er seinen Traumjob ausüben will. Medienarbeit in Südafrika? Eine internationale Stelle mit Reisetätigkeit zwischen China, Frankreich und Mexiko? Wir können flexibel (fast) jederzeit neue Ziele anstreben, den Arbeitgeber wechseln, wenn sich Schwierigkeiten auftun und unendlich aufregende Erfahrungen sammeln. Und dabei noch unser Privatleben und den Lebenslauf bereichern. Wir „müssen nur wollen“. Das ist aufregend und cool für alle, die schon immer wie ein Zugvogel leben wollten; heute hier, morgen dort, und bald an einem anderen Ort. Die gerne alle paar Monate oder Jahre beruflich und privat „die Zelte abbrechen“ ,um sie woanders wieder aufzubauen. Ich kenne Leute, die sich ihr Leben genauso vorstellen, und ich habe einen Riesenrespekt vor ihnen. Denn mir, oder auch, nach Beständigkeit suchenden Menschen wie mir, macht es Angst, in einem Provisorium zu leben.

Wenn Flexibilität zum Zwang wird, verliert sie für mich ihren Sinn. Sie ist keine Wahl mehr, sondern ein bedrückendes Muss, und wenn einst normale Regelarbeitsverträge die Ausnahme von der „Regel“ einer befristeten Joblandschaft werden, läuft für mich einiges falsch. Ministerin Manuela Schwesig hatte recht, als sie sagte: „Befristete Arbeitsverträge sind ein besseres Verhütungsmittel als die Pille.“ Es macht viele von uns jungen, engagierten Arbeitnehmern traurig und es frustriert uns, wenn unsere Arbeit nicht genug gewürdigt wird, sei es finanziell oder weil man uns nur für einen begrenzten Zeitraum das Vertrauen zuspricht. Es verunsichert viele von uns jungen Frauen, zu wissen, dass wir im Fall der „guten Nachricht“ einer Schwangerschaft kurz nach oder noch vor der Geburt die „schlechte Nachricht“ zu hören bekommen, dass unser Job, den wir eigentlich gern gemacht hatten, uns entgleitet. Nicht, weil der Arbeitgeber damit böse Absichten hegt, sondern weil nach unserer Elternzeit einfach der Vertrag auslaufen wird. Ein Angstszenario. Wir fragen uns: „Werde ich etwas Neues finden?“ – „Muss ich nun doch meinem Partner auf der Tasche liegen?“ – „Was, wenn die Beziehung zerbricht? Muss ich dann Hartz4 beantragen?“ und vor allem „Ist meine Energie, die ich vorher in diesen Job gesteckt habe, es nicht wert, dass man mir meine Stelle wiedergibt?“. Das nagt am Selbstbewusstsein, macht nicht gerade Hoffnung und lässt uns spüren, dass wir in einem System leben, das uns indirekt dafür bestraft, Frauen zu sein und Kinder zu bekommen.

Doch auch junge Väter in befristeter Anstellung oder mit unsicheren Perspektiven haben es nicht leicht. Sie fragen sich: „Kann ich meine Familie weiter ernähren?“ – „Bin ich ein Versager, wenn ich meinen Job verliere und Hilfen beantragen muss?“ und „Würde ich schnell genug etwas Neues finden?“ Zurecht haben aktuelle Studien den Zusammenhang zwischen unsicheren Arbeitsperspektiven und der Entscheidung gegen Kinder aufgegriffen, doch von Gegenmaßnahmen ist vielerorts nicht viel zu spüren. Noch nicht. Persönlich habe ich mich entschieden, mit der Familienplanung zu warten, bis ich eine Stelle ohne Ablaufdatum finde. Denn Kinder brauchen – zumindest in meinem Verständnis – Sicherheit. Kein provisorisches Herumirren.

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