Cats Gedankenwelt | Generation (P)robezeit

Schwer planbar: Ein Leben in ständigeer "Probezeit"
Schwer planbar: Ein Leben in ständiger „Probezeit“

Neuer Job, neue Partnerschaft, neuer Wohnort – natürlich steht am Anfang alles eine Weile auf dem Prüfstand. Wird das „Leben auf Probe“ jedoch zum Dauerzustand, kann dies durchaus zu einem problematischen Lebensgefühl führen. Oder auch nicht? Das hängt ganz maßgeblich von den bisherigen Erfahrungen jedes Einzelnen ab.

Fremde, faszninierende Orte: Das Reisen hat Menschen schon immer fasziniert
Fremde, faszninierende Orte: Das Reisen hat Menschen schon immer fasziniert

Seit wir Menschen diese Welt bevölkern, befinden wir uns in einem andauernden Konflikt zwischen Sicherheitsbedürfnis und Neugierde. So entwickelten wir uns von Nomaden zu Ackerbauern und Sesshaften – dennoch, der Drang zum Weiterreisen blieb. Ansonsten wäre so mancher Kontinent der Welt wohl unentdeckt geblieben. Die „großen Entdecker“ der Welt wurden weithin als Pioniere der Menschheit gefeiert, seien es die bekannten Seefahrer, Vorreiter in Medizin und Naturforschung oder eben Entwickler technischer Neuheiten, mit für ihre Zeit revolutionären Erkenntnissen. Würden wir heute ohne Galileo Galilei immer noch an eine „Scheibenwelt“ glauben? Oder hätte jemand anders die Erkenntnis hervorgebracht und durchgesetzt, dass die Erde rund ist? Vermutlich schon – womöglich hätte die Menschheit dazu nur etwas länger gebraucht. Ein wenig Entdecker und Pionier steckt schließlich in uns allen. Nur: Wann reicht es uns eigentlich mit dem Streben nach dem Neuen?

Von Nesthockern und Zugvögeln

Manche Menschen empfinden zu viel Sicherheit als einengend
Manche Menschen empfinden zu viel Sicherheit als einengend

Sicher, neue Ufer locken und Veränderung löst ein angenehmes Kribbeln bei den meisten von uns aus. Stehen die Koffer, Umzugskisten oder das Auto dann aber vollgepackt da, gesellt sich auch gerne ein mulmiges Bauchgefühl hinzu. Ob die neue Stelle, die neue Wohnung oder die spontane Reise „einfach mal weg“ wirklich das halten, was wir uns davon versprechen? Noch zwiespältiger kann man sich fühlen, wenn es um Zwischenmenschliches geht. Manche Trennungen oder Neuanfänge können ungeheuer schmerzhaft sein und doch befreiend. Es ist zum Beispiel immer hart, einen Schlussstrich unter Freundschaften zu ziehen, die einem einfach nicht mehr gut tun oder einem sogar schaden. Ist irgendein für uns radikaler Schritt hin zu einer Veränderung erst einmal getan, beginnt wieder die Suche nach besseren, passenderen Alternativen – und damit eine typische „Probezeit“ im Leben. Schaffen wir es, nach einer Scheidung allein zurechtzukommen und woanders wieder einen Anker zu finden? Wie wird es, wenn die beste Freundin auf einmal Hunderte von Kilometern weit weg wohnt und man schlicht andere Menschen kennenlernt? Und stellt sich das Häuschen mit Garten, das wir immer wollten, wirklich als das Optimum heraus, das wir erwartet haben? Ebenso wie für unsere persönlichen und wohnlichen Verhältnisse gilt der Zwiespalt des Neuen natürlich auch auf einer beruflichen Ebene. Auch hier gibt es das, was ich als „Nesthocker“ und als „Zugvögel“ bezeichnen möchte, gleichermaßen.

Fest verankert oder auf dem Sprung?

Schwerelosigkeit vs. Bodenhaftung - ein ewiger Menschheitskonflikt
Schwerelosigkeit vs. Bodenhaftung – ein ewiger Menschheitskonflikt

Gehen wir eine oder zwei Generationen zurück, war der Lebensplan klar: Lehre, Ausbildung, vielleicht ein Studium. Dann der erste Arbeitgeber, der für viele Berufstätige auch der letzte bleiben sollte. Auch heute noch wählen manche Sicherheitsbedürftige diesen Weg, wenn er ihnen denn offen steht. Egal, ob auf Zeit „befristet“ oder auf Dauer – durch die Probezeit müssen alle durch. Eine Zeit, die je nach Arbeitgeber und Betriebsklima durchaus zu einer Zitterpartie werden kann. Doch nicht nur Unternehmer, sondern auch der Berufstätige selbst kann zu einem unsicheren Kandidaten werden – nämlich dann, wenn er freiwillig wieder abspringt. So weit, so alltäglich, doch was bedeutet eine zunehmende Befristung in vielen Branchen, eine „verlängerte Probezeit“, denn nun konkret für das Leben eines Menschen und was sagt dies über unseren Zeitgeist aus? Fest steht, dass immer weniger fest steht, und dass das unsere Lebensplanung als Arbeitnehmer, Selbstständiger, Familienmensch, Freund und (potenzieller) Liebespartner ziemlich beeinflussen kann. Wie stabil wir unsere Pläne privat und im Beruf gestalten (können), entscheidet letztendlich mit darüber, ob wir uns fest verankern oder ein abenteuerliches Leben auf dem Schleudersitz führen. Ein einfaches Beispiel dafür liegt in unserer aktuellen Demografie und der niedrigen Geburtenrate, die einer großen Zahl von alten Menschen entgegensteht. Denn: So alternativ und modern sich die „Generation Probezeit“, also die der jungen, ehrgeizigen Arbeitnehmer, auch sonst gibt – in Sachen Familiengründung setzen aktuellen Umfragen zufolge viele Menschen „in den besten Jahren“ nach wie vor auf ein dauerhaftes, sicheres Einkommen als Basis für eine langfristige Zukunft und auf eine erprobte Partnerschaft, die auch größere und kleinere Krisen überstehen kann. Was natürlich nicht ausschließt, dass man auch auf anderen Wegen glücklich werden kann – schließlich sind die eigenen Kinder auch für Alleinerziehende oder Arbeitssuchende immer eine Lebensbereicherung!

Alles auf Probe

Jagen wir mit unserem Pferfektionismus nur Phantomen hinterher?
Jagen wir mit unserem Perfektionismus nur Phantomen hinterher?

Dass uns unsere Zeit zuweilen recht schnelllebig vorkommen kann, liegt einerseits an uns selbst – die Zahl derer, die als „Perhappies“ (vom englischen „perhaps“ und „happy“ = dt: „vielleicht“ und „glücklich“) Schwierigkeiten haben, endgültige Entscheidungen zu treffen, steigt gefühlt im Alltag an. Egal, ob es um etwas Banales wie das Restaurant für den Samstagabend oder um die Erhaltung der Partnerschaft nach einem Konflikt oder Anlaufschwierigkeiten geht. Kurz: Häufig steht der angestrebten Beständigkeit der Drang entgegen, immer noch etwas Passenderes, Besseres zu finden, anstatt einfach einmal zufrieden zu sein mit dem, was wir haben. Andererseits und zu unserer Verteidigung sei gesagt, dass die Welt um uns herum es uns auch wirklich nicht leicht macht, sich über kleine Erfolge und die alltägliche Zufriedenheit zu freuen. Überall blinken uns verführerische Werbetafeln entgegen; Bilder in Magazinen und im Internet versprechen uns ein noch besseres, perfektes Leben; Partnerportale werben mit dem 100-Prozent-Match, Headhunter und Karriereportale mit dem idealen Job. Und so berechtigt es ist, hin und wieder seine Werte und Ziele zu hinterfragen und eine „Zufriedenheitsbilanz“ zu ziehen, müssen viele von uns sich doch am Ende eingestehen, dass ein „Leben auf Probe“ ihnen zwar kurzzeitig einen Kick gibt, sie aber auf Dauer nicht glücklich machen kann. Frust kommt vor allem dann auf, wenn die große Flexibilität, die gerade im Berufsleben heute gefordert wird (natürlich vor allem seitens des Arbeitnehmers, versteht sich), all diese eigentlich Sesshaften dazu zwingt, gegen ihren Willen ein Nomadenleben mit immer neuen Wohnorten, Jobs, Freunden und Partnern zu führen, weil bestehende Bindungen beizeiten der großen Entfernung nicht standhalten.

Unsicherheit bereitet vielen oft Kopfzerbrechen
Unsicherheit bereitet vielen oft Kopfzerbrechen

Zufriedenheit bedeutet eben auch, eine Wahl zu haben, wie man sein Leben gestalten möchte – denn ist man nicht religiös, hat man wirklich nur eines davon. Egal, ob man gerne jahrelang per Work&Travel durch die Welt zieht und Südamerika dabei als Rucksacktourist bereist oder doch lieber zu Hause bleibt, jeden Werktag in sein Büro geht und eine Familie gründet. Eigentlich sind wir jungen Leute gar nicht so anspruchsvoll, wie häufig von älteren Generationen beklagt wird. Wir wollen unsere Ziele auch nur aus eigener Kraft erreichen können und nicht ständig bei Null anfangen müssen. Schließlich ist das Leben kein Videospiel – ein Level überspringen oder wiederholen ist einfach nicht drin.

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