Cats Gedankenwelt: Eine Bahnsinns-Geschichte – Meine Abenteuerreise mit der Deutschen Bahn

Bahn_Cats GedankenweltEine
Bahnsinns-Geschichte

Wenn einer eine Reise tut, kann er was erleben. Ohne die öffentlichen Verkehrsmittel gäbe es dabei nicht nur einen Massenstau auf den Autobahnen, sondern auch viele lustige, tragikomische, rührende und absurde Geschichten weniger zu erzählen. Hier gibt es einen kleinen Einblick in meine lange Karriere als Bus- und Bahnfahrerin.  

Eigentlich hatte ich mir meinen Start ins neue Arbeitsjahr etwas anders vorgestellt. Gehofft, dass ich vor 24 Uhr wieder im Norden ankomme und locker meine sechseinhalb oder sieben Stunden Schlaf bekomme, erholt in den ersten Arbeitstag des Jahres starte und nach dem ersten Kaffee fit wie ein Turnschuh und voll motiviert bin. Leider scheint die Bahn anderer Meinung zu sein, es ist bereits Viertel vor eins und vor mir liegt noch eine ganze Stunde auf Schienen. Aus einer einfachen Pendelfahrt ist tatsächlich eine Odyssee geworden, aus knapp drei Stunden Fahrt fast sechs. Normalerweise ist die Strecke ein zuverlässiger Faktor, aber heute will es die Pannenstatistik wohl anders.

Alles begann mit einer defekten Weiche irgendwo in Nordrhein-Westfalen, die das ganze Bahnchaos ausgelöst hat. Plötzlich mussten alle Züge warten, halten oder eben woanders lang fahren. Prost Mahlzeit. Nein, ich bin kein Freund des Bahn-Bashings, immerhin komme ich zu 80 Prozent bei meinen vielen Fahrten halbwegs komfortabel und pünktlich ans Ziel – was nicht jeder Autofahrer auf Langstreckenfahrten von sich behaupten kann. Aber wenn der Bahnsinn mal zuschlägt, dann so, dass es wirklich schon Stoff für eine Komödie sein könnte. So auch heute. Eine kleine Weiche kann es tatsächlich schaffen, den gesamten Bahnverkehr eines Bundeslandes lahmzulegen oder zumindest zu stören. Ebenso wie plötzlich auftretende (oder bisher unbekannte) Bauarbeiten oder Elektrostörungen an den Schienen oder Leitungen. Ein Klassiker sind auch überraschend ausfallende Züge oder die gefürchtete defekte Toilette.

Regionalbahn Paderborn – Münster, 20:30 Uhr. Die Bahn ist nicht einmal losgefahren (auch wenn wir seit einer Viertelstunde unterwegs sein sollten). Den ersten Anschluss habe ich dann wohl verpasst. Zehn Minuten Umsteigezeit in Münster und jetzt schon 15 Minuten Stillstand in Paderborn sind eine Rechnung, die nicht aufgeht. „Die Abfahrt ist in voraussichtlich zehn bis 15 Minuten“. Also insgesamt eine halbe Stunde später. Na gut. Ich richte mich schon mal auf eine lange Kaffeepause am Bahnhof und eine Stunde später am Zielort ein.

21:00 – gleiche Bahn. Kurz vor Geseke verkündet der Zugführer, dass die Fahrt „aufgrund technischer Fehler am Gleis“ (Mensch, sag doch einfach, die Weiche ist schuld …) leider nur bis Hamm weitergehen kann. Ein kurzer Blick auf das bereits gekaufte Ticket, dann auf das Display meines Smartphones, wo die Bahn-App einen festen Platz hat. Verdammt – das mit Münster wird wohl nichts mehr heute. Und das mit „heute“ eh nicht, laut Alternativfahrplan komme ich erst um Viertel vor zwei in Bremen an. Ich verabschiede mich noch höflich, aber bestimmt von den drei vermutlich arabischstämmigen Herren, mit denen ich mich eben noch auf Französisch unterhalten habe und die mich gerade zum dritten Mal gefragt haben, ob ich einen Mann und Kinder habe. Nun müssen sie aussteigen, wünschen mir noch „Bon courage“ für den Rest der Reise und steigen aus dem Zug. Natürlich erst, nachdem einer diensteifrig ohne Aufforderung meinen Koffer zu dem Platz transportiert hat, wo ich mich nun hinsetze. Ein wenig irritiert bin ich – aber geschmeichelt fühle ich mich auch.  

21:45, Hamm in Westfalen – Gerade herausgefunden, dass es wirklich keine schnellere Strecke gibt als mit drei verschiedenen Regionalbahnen und Regionalexpress-Zügen inklusive eines halbstündigen Aufenthaltes in Wunstorf. Na Prost Mahlzeit. Ich stelle mich auf eine lange Nacht auf deutschen Gleisen ein, hole mir einen Coffee to go und einen Fischburger und harre der Dinge – eine halbe Stunde Wartezeit habe ich ja bis zum nächsten Zug noch vor mir. Also noch eine Ehrenrunde quer durch NRW mit Halt in Minden. Ich könnte auch bei meinen Schwiegereltern in spe übernachten, allerdings würden die ziemlich dumm schauen, wenn ich die jetzt anrufe und am Ende noch Hunger oder Durst mitbringe. Ist immerhin schon ziemlich spät für ein Kaffeekränzchen und halb zwölf in der Nacht. 

Die Fahrt nach Minden verläuft so weit ereignislos, bis auf einen Typen, der mich anstarrt, als käme ich vom Mond. Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, weil ich eh schon eine Laune habe wie der BVB-Trainer, wenn er gerade ein Spiel gegen Bayern München verloren hat. Bis fünfzehn Minuten zuvor schließe ich mit mir Wetten ab, ob ich es schaffe, bei fünf Minuten Umsteigezeit meinen Anschluss nach Wunstorf zu bekommen. Irgendwann gebe ich das Wetten auf – es ist auf Dauer langweilig und ändern kann ich es ja eh nicht. In der Bahn lernt man vor allem eines: Gelassenheit. In Wunstorf bei Hannover brauche ich die auch. Sich nach Mitternacht im Winter an einem fast unbeheizten Bahnhof aufzuhalten ist die eine Sache – die andere sind manche seltsame Leute, die auch mal gerne aggressiv oder neben der Spur reagieren. Wie ein vollkommen sturzbesoffener Typ, der auf dem Bahnsteig auf mich zu torkelt. „Ey, wissen Sie, wann der Sug naaa Hannoooover fährt?“ Ich kann seine Fahne riechen, Betrunkene werden gerne mal distanzlos. „Da fährt noch einer, habe nur nicht verstanden, auf welchem Gleis.“ Wie denn auch, bin ja nicht die Auskunft. „Steht doch auf dem Plan.“ Er seufzt laut und demonstrativ: „Maaaaann, ich kann so ein‘ Scheiß nich.“ Ich nicke, verstanden, er ist zu hackedicht, um den Fahrplan zu lesen. Also krame ich mein Smartphone raus, um für ihn nachzusehen. Er glotzt mir auf die Hände und die weißen Halbhandschuhe. „Hassu Gipshände?“ Au Mann. Auch noch ein Knick in der Optik. „Nein, ich will nur keine kalten Pfoten bekommen.“ Es dauert mit der Internetverbindung, er fängt an zu nölen wie ein Kleinkind. Kurz: Mir wird keine Verbindung angezeigt. Er blafft: „Erzähl kein‘ Scheiß, ey, das is der Nachbarort.“ In dem Moment wird seine Verbindung durchgesagt, ein Zug fährt ein. Ich sage nur noch trocken: „Da drüben fährt der gleich.“- „Halt die Fresse, ey“, motzt er noch, als er die Beine in die Hand nimmt und für einen Besoffenen erstaunlich schnell zum anderen Gleis rennt. Kurz darauf kommt auch mein Zug. 00:35. Letzte Etappe. 

01:07 – Regionalexpress Richtung Bremen. So, langsam reicht es mir aber, auch wenn das Abteil angenehm leer ist. Eine Kontrolleurin kommt vorbei und ruft erstaunt aus: „Ah, doch ein Fahrgast!“  Als ich ihr meine Fahrkarte und die Bahncard herüberreiche, schaue ich sie nur ein wenig schief grinsend an und antworte: „Wenn auch unfreiwillig.“ Sie stutzt kurz. „Wieso das denn?“ In kurzen Worten erzähle ich ihr von meiner Odyssee und wir müssen beide herzlich lachen. Danach mache ich mich auf die Suche nach einer Toilette, die, Halleluja, auch funktioniert. Auf dem Weg durch zwei Abteile kann ich meine eigenen Absätze auf dem Boden klackern hören. Eigentlich wollte ich schon immer mal wissen, wie es ist, mehrere Abteile ganz für sich zu haben. Jetzt, wo ich die Gelegenheit habe, erscheint es mir doch etwas gruselig. „In solchen Szenarien entstehen die besten Krimis“, denke ich und spinne bereits eine verrückte Story in meinem Kopf zusammen. Irgendwie muss man sich ja bei Laune halten.  

01:47 – Bremen Hauptbahnhof. Wow. Ich bin da. Nun sind es nur noch rund 15 Minuten zu meiner Wohnung, wenn ich zu Fuß gehe. Mit Bahn oder Taxi kürzer. Ich nehme normalerweise auf Kurzstrecken nie ein Taxi, aber jetzt ist mir das auch egal. Mit dem Riesenkoffer brauche ich ja ewig zu Fuß, und eigentlich bin ich auch nur noch fix und alle. Was für eine Ochsentour. Per Messenger wünsche ich noch meinem Verlobten und einem netten Bekannten eine gute Nacht, die mich schreibend und mental auf dieser Bahnfahrt from Hell begleitet haben. Es wird halb drei sein, bis ich endgültig in meinem Bett liegen kann, Zähneputzen, einige Sachen auspacken und andere Kleinigkeiten mit eingerechnet. Viele Wege führen nach Bremen – manche sind nur anstrengender und länger als andere.  

Dies ist nur eine von vielen Geschichten, die ich beim Bahnfahren schon erlebt habe. Die Palette reicht von rührenden Erlebnissen mit fremden Kindern, die mir Bilder malten und Scoobidoo-Bänder geflochten haben, über ohne mich weggefahrenes Gepäck, weil ich mangels Klo im Zug gegenüber auf die Toilette gehen musste, bis hin zu einer unfreiwillig verbrachten Nacht am Bahnhof Zoo, weil schlicht der Fahrplanwechsel nicht deutlich angezeigt wurde. Manchmal nervt dieser ganz normale Bahnsinn, doch hinterher hat man doch etwas, worüber man lachen kann.

3 Kommentare zu “Cats Gedankenwelt: Eine Bahnsinns-Geschichte – Meine Abenteuerreise mit der Deutschen Bahn

  1. Hey Kerstin, ich freu mich, dass dir der Text gefällt … ich habe mich beim Schreiben auch köstlich amüsiert. 🙂

  2. Kerstin Müller

    ah hier, hab sie doch gefunden

  3. Kerstin Müller

    Hallo liebe Cat,

    ich habe mich köstlich über Deinen persönlichen Bahn sinn amüsiert. Würde ja gern 5 Steren geben aber leider gibt es diese Funktion hier nicht.

    LG Kerstin Müller

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