Cats Gedankenwelt: Die Taube in der Hand und der Spatz auf dem Dach

Manche Themen haben einfach nichts mit dem Geschlecht zu tun – zumindest nicht vorrangig. Um diesen Themen Raum zu geben und meine Gedanken mit euch, den „Ritter“-Lesern, zu teilen, gibt es nun die Rubrik „Gedankenwelt“.

Über Lebenspläne lässt sich streiten. Es gibt „Abenteurer“ und „Weltenbummler“, aber auch „Konservative“ und „Spießer“. Die einen sammeln Gartenzwerge, die anderen Voodoomasken, und die Mehrheit der Bevölkerung, möchte ich vermuten, liegt irgendwo dazwischen. Dabei fechten sie, oder besser wir, jeden Tag von Neuem einen altbekannten Kampf aus: Sicherheit und Routine, oder Freiheit und Abwechslung. Auch hier ist oftmals der Mittelweg, der Kompromiss, die einzig praktikable Möglichkeit, beides zu vereinen.

Es gibt ein Sprichwort, das besonders für Sicherheit und Bodenständigkeit wirbt: Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Also: Was man hat, hat man, und sollte damit auch zufrieden sein, statt utopischen Träumen hinterherzurennen. Realistisch bleiben, den Boden der Tatsachen nicht verlassen, um Luftschlösser zu bauen. Doch wie sieht die Welt von diesem Boden aus gesehen eigentlich ganz realistisch aus?

Vielen Menschen schwebt ein fester Lebensentwurf vor. Ausbildung, etwas von der Welt sehen. Dann ein fester Job mit Garantie darauf, sich für einen langen Zeitraum niederzulassen, eine Familie, drei Wochen Urlaub im Jahr und letztendlich für die Rente abgesichert sein. Dass die vermeintlich einfachere Sicherheit ein ganz schön anspruchsvolles und kompliziertes Endziel sein kann, wird erst klar, wenn sich diverse Hürden vor einem auftun. Solche wie: Engpässe des Unternehmens oder ganzer Branchen, Änderungen oder Konflikte im Privatleben, widrige Entscheidungen, mit denen man irgendwem auf die Füße treten muss und eine mühsam aufgebaute Harmonie zerstört.

Es gibt Momente, in denen Menschen dann den Spatz in ihrer Hand im nächsten Gebüsch absetzen und dann doch zu der Taube schauen, die oben auf dem Dach sitzt und gerade zu schadenfroh vor sich hingurrt. „Ich bringe dich dahin, wo du noch nie warst“, verspricht sie uns in unseren Gedanken, „es wird Zeit für etwas Neues“. Manche versuchen dann, der Taube wie blindwütig auf einer wackeligen Leiter zu folgen, auch wenn sie sie vielleicht nie packen können. „Das bringt doch nichts, du bist nicht zum Fliegen geschaffen“, zwitschert einem der Spatz aus dem sicheren Gebüsch aus zu. Aber so vernünftig er klingen mag, er hat nicht immer Recht.

Ohne Höhenflüge mit großer Fallhöhe hätte es viele historischen Ereignisse nie gegeben. Auch zahlreiche Erfindungen nicht. Hätte Bill Gates nicht wie besessen in seiner Garage an den ersten Computern für jedermann getüftelt, würde ich diese Kolumne wohl noch mühsam in eine Schreibmaschine eintippen – oder vielleicht gar nicht, weil ihr, die Leser, gar nicht in der Lage wärt, sie zu lesen und zu kommentieren. Walt Disney hat im wörtlichen Sinn mit Luftschlössern Milliarden erwirtschaftet und demokratische Staaten sind oftmals aus einer Initiative der „Unvernünftigen“ heraus entstanden. Mancher, der sich vorher von Anstellung zu Anstellung hangeln musste, ist später als Unternehmer erfolgreich geworden.

Vernunft, Zurückhaltung und Bodenständigkeit nun also als Ballast über Bord werfen, weil realistisch gesehen eh nichts mehr bombensicher ist? Nein, denn auch nur die Taube, unsere ewige Neugierde und innere Abenteurerin, verrät nur die halbe Wahrheit. Denn sie übersieht von so weit oben manchen Fallstrick und manches Detail. Es ist wohl eher so: Der Optimist klettert der Taube hinterher, ohne sie jemals zu bekommen; der Pessimist versucht gar nicht erst, auf das Dach zu klettern und der Realist überlegt, ob es nicht einen besseren, dritten Weg gibt. Dieser könnte sein, dem Spatz etwas Schwung zu geben, damit er sich in die Luft erhebt und auf die Dachrinne flattert und gleichzeitig der Taube Brotkrumen auf den Boden zu streuen, damit sie freiwillig ihren unerreichbaren Posten verlässt.

Was wir Durchschnittsmenschen oftmals vergessen oder verdrängen: Absolute Sicherheit ist ein trügerisches Luftschloss. Im Endeffekt geht es immer wieder darum, Freiheit und Sicherheit in ein neues Verhältnis zu bringen, bis es sich für uns gut anfühlt. So kommt es vor, dass wir beizeiten die Taube in der Hand haben – oder den Spatz auf dem Dach.

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