Cats Gedankenwelt: Die Selbstverschuldeten

Schadenfreude ist ein beliebtes Ventil, um eigenen Ärger zu kompensieren und das eigene Leben wieder in einem positiveren Licht zu betrachten. Allerdings gibt es auch diejenigen unter uns, die sich grundsätzlich immer zuerst selbst die Schuld geben, wenn etwas nicht so läuft wie geplant. Jeder hat es schließlich selbst in der Hand, oder? Die „Schuldfrage“, hier einmal neu betrachtet.

Wir Menschen sind schon komplizierte Wesen. Wenn etwas in unserem Leben schief läuft, sei es der Job, den ein Mitbewerber bekommen hat, die Schlägerei des Sohnes im Kindergarten mit anschließendem blauen Auge oder das Missgeschick beim Einparken, wo hinterher beide Wagen eine kleine Macke abbekommen haben, reicht es uns nicht, zu sagen: „Das ging daneben.“ Nein, wir brauchen immer einen „Schuldigen“ und einen „Geschädigten“. Also, mit etwas weniger moralischem Zeigefinger betrachtet, einen Verursacher und einen, der es hinterher ohne eigenes Zutun ausbaden muss. Wer aber Schuld hat, ist oftmals sehr umständlich geregelt und immer unterschiedlich, je nachdem, von welchem Standpunkt aus man es betrachtet.

Psssst! In der Anonymität des Internets lässt sich "ganz diskret" Gift versprühen ...
Psssst! In der Anonymität des Internets lässt sich „ganz diskret“ Gift versprühen …

Ein prominenter Fall aus dem letzten Monat fällt mir da ein, der groß und weltweit durch die Medien ging und die „vielen Gesichter der Schuld(igen)“ meiner Ansicht nach gut darstellt. Nämlich, als unbekannte Hacker im August das Fremdgeherportal AshleyMadison.com knackten, Millionen Datensätze stahlen und sowohl die Nutzer als auch die Portalbetreiber mit diesen pikanten Details erpressten. Die Bilanz: Volle Taschen bei den Hackern, die sich selbst als eine Art „Rächer der Moral“ darstellten; eine Menge Medienspektakel, eine Atmosphäre wie in den Klauen der digitalen Inquisition, viele noch mehr zerrüttete Familien und (angeblich) sogar einige Selbstmorde.

"Moral über Datenschutz" - zumindest beim Thema Ehe? Foto: Juan Zamalea
„Moral über Bürgerrecht“ – zumindest beim Thema Ehe? Foto: Juan Zamalea

Vorweg: Auch ich habe eine ziemlich feste Meinung zum Thema Treue in der Ehe. Vermutlich würde der Mann, dessen Daten vielleicht sogar über unseren gemeinsamen PC hochgeladen worden wären, nun einer sein, der erst einmal mindestens zwei Monate auf dem Sofa schlafen dürfte. Oder in einer anderen Wohnung. Oder dem ich die Scheidungspapiere zukommen lassen würde. Nein, für mich ist es nicht okay, sich für Geld irgendwo einzuchecken, um in aller Heimlichkeit „online und diskret“ eine Affäre zu suchen. Gemäß dem Motto: „Das Leben ist kurz – pack mal deine Sachen“. Andererseits finde ich es ebenso schockierend, dass einfach irgendwer massenhaft Daten stiehlt und meint, damit Leute erpressen zu können.

Am meisten wundert mich jedoch, wie unwichtig die eine Seite der Medaille (Datenschutz!) auf einmal für die Öffentlichkeit wird, wenn die andere (eheliche Monogamie) „beschmutzt“ wird. Fürchtete jeder noch kurz vorher um seine digitale Privatsphäre (zurecht, wenn man den NSA-Skandal betrachtet), hat es auf einmal eine Gruppe von Menschen, die dem Konsens nach moralisch verwerflich gehandelt hat, „verdient“, öffentlich denunziert zu werden. Von irgendeinem allwissenden Dritten. Sehe nur ich hier eine verkehrte Welt?Wenn ein Recht auf Datenschutz besteht, dann gilt das normalerweise für jeden und es ist keiner „selbst schuld“, wenn andere ihm dieses Recht nehmen. Der Hacker ist – aus juristischer Sicht – nämlich kein wohlmeindender Moralapostel, sondern ein Krimineller. Und ein Betrüger, wenn er Geld aus den Nutzern herauspresst.

Nun mag man Mitleid mit den von weiblichen Bots und Hackern geprellten „Sündern“ haben, denen bis vor kurzem der Pranger der Online-Inquisition drohte, oder nicht; faktisch gesehen prallen hier zwei Schuldverständnisse aufeinander. Eines ist moralisch motiviert und juristisch nicht haltbar; das andere ist von der rechtlichen Seite zu 100 Prozent abgesichert – und schließlich ist die eigene Beziehung, wie ich finde, etwas, wo nicht das ganze Internet mitreden sollte. Es ist nachvollziehbar, gerade für Betrogene, kein Mitleid mit untreuen Ehepartnern zu haben; doch es gibt noch viel mehr Situationen, wo höhnend „Selbst schuld!“ propagiert wird.

Schuldenkrise - Länder wie Griechenland und Portugal auf der Kippe
Schuldenkrise – Länder wie Griechenland und Portugal auf der Kippe

Da wäre zum Beispiel die Griechenland-Krise. Himmel, was hat das deutsche Fernsehpublikum im „Schuldenkrimi“ um Schäuble, Tsipras, Varoufakis und Konsorten mitgefiebert, mitgezittert und vielleicht auch immer wieder die Kapitalfehler der griechischen Regierungen in den vergangenen Jahrzehnten mit mahnendem Zeigefinger aufs Trapez gebracht. Nach dem Motto: „Bilanzen gefälscht, Beamtenstaat und kein anständiges Steuersystem – die sind ja selbst schuld, die Griechen!“ Ein Fünkchen Wahrheit mag darin liegen – in der Tat gab es eine Menge Unstimmigkeiten und Fehlentscheidungen in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg, die letzten Endes dazu geführt haben, dass die „Wiege der Demokratie“ und das Land der Helden nun eben pleite ist.

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Den Überblick über die gesamten „Schuldverhältnisse“ haben die Wenigsten!

Aber zu sagen, die Griechen, also alle Griechen, seien daran schuld, halte ich wieder für eine dieser Verallgemeinerungen, die eben Stammtischgespräche bei der dritten Maß Bier ausmachen. Erstens haben die verarmten „Pleitegeier von nebenan“ irgendwo in einem heruntergekommenen Stadtviertel von Athen oder auf dem Lande einen ziemlich geringen Anteil an dem riesigen Kartenhaus, das Politik und Wirtschaft so kunstvoll aufgestellt haben und das nun in sich zusammengefallen ist. Einfach, weil sie am Bau nicht beteiligt waren – zumindest nicht bei vollem Bewusstsein über den „Handwerkspfusch“ der Architekten. Zweitens wäre es falsch, der aktuellen Regierung nun alle Schuld in die Schuhe zu schieben. Das wäre in etwa so, wie zu behaupten, alle Deutschen seien immer noch Nazis.

A propos Deutschland, Zweiter Weltkrieg und das liebe Geld … Die Älteren, die Zweiteres überlebt haben, erinnern sich womöglich noch an die gemeinsame Aufbauarbeit vor allem mit den Westmächten – und an einen gewaltigen Schuldenschnitt, der einen Aufschwung und die Entwicklung zum Exportland überhaupt möglich gemacht hat. Klar waren die Deutschen, vor allem die Machthabenden, eindeutig schuld am zweiten Weltkrieg; man hat ihnen, also uns, trotzdem eine zweite Chance gegeben. Aber was wird aus Griechenland, wenn wir und die anderen EU-Staaten diesen Teil der Geschichte einfach unter den Tisch fallen lassen?

Wäre Berlin ohne Schuldenschnitt der Touristenmagnet, der es heute ist?
Wäre Berlin ohne Schuldenschnitt der Touristenmagnet, der es heute ist?

Wer ist nun eigentlich „selbst schuld“? Die junge Frau, die im Minirock nachts von einer Party nach Hause geht und sexuell belästigt wird? Sie könnte den Angreifer ja „provoziert“ haben – und tatsächlich wird vielerorts dem Opfer noch eine Art Mitschuld unterstellt, da es sich in eine „gefährliche Situation“ begeben hat. Oder der griechische Gemüsehändler, der nun in seiner Heimat vor dem Aus steht und nicht einmal mehr seine Miete bezahlen kann, obwohl er sein Leben lang durchgängig gearbeitet hat? Das Mobbingopfer, das aus Sicht seiner Mitschüler ja „irgendwie komisch ist“? Wie nannte man so etwas noch gleich? Ach ja, Victim Blaming. Und das ist eine ziemlich fiese Sache, weil sie die „Schuldverhältnisse“ verzerrt.

Sicherlich gibt es im Leben Dinge, bei denen die „Schuldfrage“ klar zu beantworten ist. Wer alkoholisiert Auto fährt und seinen Lappen abgeben muss, hat sich das genau so selbst eingebrockt wie ein Top-Manager, der aus reiner Gier heraus seine Firma um hohe Beträge betrügt und nun eben vor Gericht landet. Mancher ist wirklich „selbst schuld“ – bei anderen kommt dieses Urteil eher unreflektiert von denen, denen einfach gerade nichts Klügeres zu sagen einfällt. Und in manchen Fällen gilt einfach: Wer keine Ahnung von den Hintergründen hat … kann sich den Rest denken!

  1. Ein sehr interessanter Post.
    Das mit der Schuldfrage, ist manchmal nicht so einfach.
    Manchmal ist es sehr eindeutig und manchmal eher etwas kompliziert,
    Liebst Michelle von beautifulfairy

  2. Verallgemeinerungen sind sowieso total daneben.

    Aber wie du gesagt hast, der Mensch braucht einen Schuldigen. Im besten Fall ist man das nicht selbst. So ist es, so wird es aber auch leider immer bleiben.

  3. Schöner Beitrag, ich sehe das ähnlich wie Du. Zu oft wird nur eine Seite der Medaille breit getreten und die andere geht einfach im Gebrüll der Medien oder sogar der Mitmenschen unter. Schade, schade…
    Viele Grüße,
    Missi

  4. Liebe Susanne,

    in der Tat brüllen das viele lauter, als sie müssten 😉 .

  5. Toller Beitrag dazu mit klasse Beispielen, das mit den Hackern ist total an mir vorbei gegangen, aber was für eine bescheuerte Seite und was für eine genauso bescheuerte Aktion.
    Und „selbst Schuld“ kann man auch immer dann am lautesten schreien wenn man selbst nicht betroffen ist

  6. cats Kolumnen

    Ich finde generell, Hacker haben in den privaten Daten anderer Leute nix verloren 😉 . Für mich sind Ehepaare erwachsene Menshcen, die durchaus keine „Hilfe“ dieser Art brauchen ….

  7. Ein sehr interessanter Post. Besonders dein gewähltes Beispiel ist perfekt dafür. Meiner Meinung nach finde ich den Grundgedanken der Hacker super, sich da einzuschleusen und die Daten preis zu geben, allerdings damit Geld erpressen zu wollen finde ich schon wieder nicht so super… Kein einfacher Fall!
    Liebst,
    Farina

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