Cats Gedankenwelt: Die (alltägliche) Wutprobe

Foto: Katherina Ibeling
Foto: Katherina Ibeling

Zu den beliebtesten guten Vorsätzen gehört auch der, einfach im neuen Jahr ein wenig netter, freundlicher, hilfsbereiter und höflicher zu werden. Das misslingt manchmal aber gewaltig. Einerseits, weil die Umwelt nicht mitspielt und man spätestens nach ein paar Wochen frustriert einsehen muss, dass andere offenbar das Ziel haben, sich noch eine Spur unfreundlicher, indiskreter und rücksichtsloser zu verhalten. Andererseits, weil zwar in jedem Menschen etwas Gutes steckt, aber längst nicht jeder zum absoluten „Gutmenschen“ taugt.

Wuthand - Kohlezeichnung & Ill. von !so?
Wuthand – Kohlezeichnung & Ill. von !so?

Ich gebe offen zu, ich habe es in letzter Zeit wieder viel zu oft getan. Mich über manche Zeitgenossen aufgeregt aus Gründen, die sonst niemand versteht oder gar nachfühlen kann. Letztens zum Beispiel habe ich wider Willen in einem vollen Zug einen Kontrolleur angeraunzt, der mich darauf hinwies, dass ich mit dem Niedersachsen-Tarif und der Bahncard nicht mehr im ICE fahren könne. „Warum das denn nicht, das ist doch beknackt, das hat das letzte halbe Jahr auch so funktioniert …“ Empört und eher unbeabsichtigt fing ich auf einmal zu schimpfen an wie ein Rohrspatz, auch wenn das gar nicht meinem Naturell entspricht. Hinterher habe ich mich entschuldigt und im Netz nachgesehen – ich bin zwar immer noch nicht schlauer, wie ich jetzt eine durchgängige ICE-Karte am Automaten bekommen soll, dafür weiß ich jetzt, dass er schon im Recht war. Da waren auch die beiden Damen mittleren Alters, die auf einer eh verspäteten Fahrt das halbe Zugabteil – mich inklusive – damit unterhalten haben, wer im letzten Reiki-Seminar welche Schwingungen ausgesandt hatte. Ob ihnen die „Bad Vibrations“ auffielen, die von mir drei Sitzreihen weiter zu ihnen hinüberwehten? Offenbar ist Telepathie mit Wildfremden nicht meine Stärke, denn das Ganze ging über eineinhalb Stunden. Jetzt gerade ist wieder zwei Sitzreihen zu meiner Rechten jemand eingeschlafen und schnarcht vor sich hin. Wow. Ich bin beeindruckt, habe auch echt den Mitfahrer-Jackpot gezogen. Mal wieder.

Ich denke, das kennt jeder und gibt es genau so ungerne zu wie ich: Manchmal lösen Mitmenschen wirklich negative Gefühle aus, weil sie unwissentlich irgendeinen Punkt treffen, der jeden bemühten Gutmenschen zum Wutbürger werden lässt. Weil sie nerven, aus welchem Grund auch immer. Manchmal reicht es sogar, wenn sie gerade zur gleichen Zeit am gleichen Ort sind, sich in der gleichen Menschentraube befinden und einem physisch einfach zu nah sind. Allein schon, einen Dauertelefonierer, Kindergeplärre oder lallende Betrunkene länger als fünf Minuten zu hören, kann im ersten Moment Verärgerung oder heimliche Aggression auslösen. Sodass wir Menschen uns gegenseitig plötzlich für irgendetwas verurteilen, ohne eigentlich genau zu wissen, wofür. Manchmal stört allein der Umstand, dass die Person gerade existiert, die gleiche Luft atmet oder einem den Platz auf dem überfüllten Gleis wegnimmt. Und sobald die Stresshormone sich wieder auf einen normalen Pegel eingependelt haben, frage ich mich: Warum regen mich manche Dinge eigentlich so auf? Sind es ihre Häufigkeit, meine eigene Tagesform oder irgendwelche Assoziationen oder Situationen, die mich denken lassen: „Lächle, du kannst sie nicht alle töten …“?

Ich weiß, das liest sich nun, als sei ich in meinem tiefsten Inneren aggressiv und ein wenig wie das „kleine Arschloch“, das alles und jeden mit Verachtung und Spott ansieht. Es passt auch eigentlich nicht zu mir, die sich normalerweise in jedem Konflikt um einen Ausgleich bemüht und zumindest versucht, den anderen zu verstehen. Dennoch empfinde ich manche Zeitgenossen als so nervig und penetrant, dass ich sie am liebsten auf den Mond schießen würde – ohne Rückfahrkarte! Ich hoffe, zumindest einige verstehen das … Zum Beispiel bei dem Straßenmusiker, der sich seit einem Monat immer in der Nähe unseres Bürofensters aufstellt und jeden Werktag für mindestens drei Stunden die immer gleichen zwei Lieder klampft und jault, pardon, singt. Momentan verdrehe ich jedes Mal die Augen, wenn er wieder anfängt, und meine Kollegin grinst, weil sie diese Reaktion schon genau kennt. Manche Mitmenschen, wie dieser Typ, der zweifelsohne arm dran ist, lösen einen kleinen Konflikt aus. Der Gutmensch in mir sagt: „Lass ihn doch, er muss doch auch von irgendwas leben und kann nur diese zwei Lieder …“ Mein „inneres kleines Arschloch“ läuft zur gleichen Zeit gedanklich Amok und würde dem Kerl gerne einfach mal sein Saiteninstrument um die Ohren hauen oder auch Schmerzensgeld wegen Konzentrationsausfall verlangen.

Der heimliche Wutbürger, oder auch das „innere kleine Arschloch“, ist ein Teil von sehr vielen Persönlichkeiten, er äußert sich gerne in abwehrenden Gesten, genervtem Schnaufen, verachtungsvollen Blicken und einem beißenden Sarkasmus. Ich kenne ihn an manchen Tagen sehr gut, aber ich weiß, dass auch andere vielleicht mal von mir genervt sein müssen. Vielleicht, weil ich irgendwas tue, das ihnen total auf den Zeiger geht, oder auch nur, weil ich einfach da bin und ihnen meine Nase nicht passt. Everybody’s Darling gibt es nicht, doch nur die Wenigsten geben gerne von sich zu, all diese negativen Gefühle zuzulassen, die andere Menschen im Alltag in einem auslösen können. Ich habe mich mit dem inneren Nörgler so weit arrangiert, dass ich ihn ausreden, sich austoben lasse – aber ihm dann meistens nicht die Oberhand darüber gebe, wie ich mich am Ende verhalten werde. Am Ende siegt doch in vielen Fällen der Gutmensch – und wenn nicht, dann ist ein Lächeln zumindest die charmanteste Art, die Zähne zu zeigen.

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