Cats Gedankenwelt: Aussteigen!

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Paula Modersohn-Becker: Schützenfest mit Karussell II, 1904, Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen

Manchmal dreht sich bei uns allen das Gedankenkarussell zu schnell und wir rutschen in eine Negativspirale hinein, aus der wir schwer wieder herauskommen. In diesem kleinen Prosagedicht habe ich einen solchen Moment aufgefangen …

Aussteigen – ein innerer Monolog

Eine Fahrt im Gedankenkarussell,
der Wagen rollt nach unten.
Erst fährt er langsam an, nimmt Fahrt auf
und gleitet spiralförmig ins Dunkel.
Warum ist es so kalt und dunkel?
Warum ist das Internet schon wieder so langsam?
Warum sitze ich hier, während andere sich in der Sonne räkeln?
Warum muss ich jeden Tag in der vollen Bahn fahren, während andere Mercedes fahren?
Ich klicke mich durch das Internet,
sehe mir glamouröse Starfotos an,
Bilder perfekter Körper und strahlend weißer Zähne,
alles gehüllt in Kleider, die wie eine zweite Haut sitzen.
Warum kann ich nicht aussehen wie sie?
Warum bekommen die anderen mehr „Gefällt mir“-Klicks?
Warum ist meine Schulfreundin schon wieder im Urlaub – und wann kann ich?
Warum hat meine Studienfreundin jetzt eine unbefristete Stelle und kriegt auch noch mehr Gehalt?
Ich klicke mich durch die Profile meiner Freunde.
Cocktails, Partyfotos, rauschende weiße Tüllkleider,
Paar-Grinse-Selfies bei Kerzenschein oder irgendwo,
wo es cool ist, wo es hip ist, wo die Sonne scheint.
Was habe ich falsch gemacht?
Warum sind alle anderen so glücklich, nur ich nicht?
Warum nur fühle ich mich so unbedeutend, wie bestellt und nicht abgeholt?
Was macht mich heute so traurig, warum habe ich so viel Angst, etwas falsch zu machen?
Ich beschließe, etwas zu Sinnvolles tun,
mich zu informieren, was in der Welt draußen los ist.
Ich lese über Hungersnöte, Aktieneinbrüche, Epidimien,
politische Krisen, verurteilte Verbrecher, gewaltsame Regimes …
Was ist nur mit der Welt los?
Warum sind Menschen nur so bösartige Kreaturen?
Wann machen wir Menschen überhaupt mal irgendwas richtig – oder geht das nicht?
Wie soll ich je Kinder bekommen, wenn ich weiß, wie böse und lebensfeindlich diese Welt ist?
Es macht einen kurzen Ruck, der Wagen im Karussell bleibt stehen.
Ich bin unten angekommen, kann die Hand kaum vor Augen sehen.
Doch da oben, da ist ein Lichtstreifen – ich will aussteigen. Sofort!
Neben mir steht ein weiterer Wagen, ich steige um, der Wagen fährt an.
Ich atme einmal tief durch, langsam bewegt er sich nach oben.
Es wird heller, und bergauf geht es schwerer als bergab.
So ist es wohl mit den Naturgesetzen. Der Wagen ächzt und stöhnt,
ich bange ein bisschen, aber nun kann es nur noch bergauf gehen.
Warum zweifele ich so oft an mir?
Warum lasse ich die Unzufriedenheit das Ruder übernehmen?
Warum kann ich nicht damit glücklich sein, wie die Natur mich geschaffen hat?
Warum fällt es mir nur manchmal so schwer, das Gute im Menschen und in der Welt zu sehen?
Ich will mich wieder selbst lieben – bedingungslos.
Ich will endlich wieder einfach nur ich sein, mit Ecken und Kanten,
mir nicht ständig Sorgen machen, was andere nun über mich denken könnten.
Ich will dankbar für das sein, was ich habe, anstatt nach dem zu gieren, was weit weg ist.
Und während ich die Spirale wieder hochfahre, muss ich schmunzeln.
Endlich wieder das Karussell verlassen, einmal stolpern, aufstehen und weitergehen,
ohne mich zu vergleichen und stolz auf das, was ich gut kann.
Ich lache leise und frage mich: Warum eigentlich nicht?

  1. Barbara Gertler

    Genau so!

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