Cats Gedankenwelt: Generation P(aranoia) – brauner Sumpf

Mit der Flüchtlingsdebatte kommt sie wieder zum Vorschein, die gute alte Stammtischphilosophie. „Flüchtlinge wollen doch bloß absahnen“, „Flüchtlinge werden übervorteilt“, „Flüchtlinge bekommen Smartphones, Familien zu wenig Kindergeld“ … Man muss nicht weit schauen, sondern nur seinen Facebook-Account öffnen, um zu wissen, dass eine Lawine aus braunem Schlamm mit voller Wucht anrollt. Aber warum diese Ablehnung? Ein Erklärungsversuch.

Wenn ich dieser Tage Beiträge auf sozialen Plattformen lese, macht mich das betroffen. Oder etwas drastischer ausgedrückt: Ich kriege das kalte Kotzen. Pardon für diese Ausdrucksweise, aber zu mancher „unliebsamen Wahrheit“ fällt mir als „unverbesserlicher Gutmensch“ einfach kein freundlicherer Begriff ein. Sicherlich, eine Mehrheit der User, die in sozialen Netzwerken Aussagen über Migranten treffen, zeigt sich offen bis gemäßigt-realistisch. Doch die „Minderheit“ derer, die mit aller Macht nach einem Sündenbock für eigens erlebte Missstände suchen (und bei Pegida und Konsorten finden), scheint in einem Maße anzusteigen, das nicht mehr feierlich ist.

Amsterdam 1
Migration gehörte schon immer zum Menschsein – egal, ob als Tourist oder Flüchtling

Manchmal möchte ich da meinen Laptop einfach mit voller Wucht zuschmettern und mich gewaltig über diejenigen ärgern, die im Schutz sozialer Netzwerke immer wieder über eine Gruppe von Menschen herzieht, die wahrscheinlich nicht mal etwas davon weiß, welche Ablehnung ihnen entgegenschlagen könnte. Dann atme ich dreimal tief durch, besinne mich und mache mir Gedanken über das Warum und das Woher. Warum sind so viele Menschen eigentlich so gehässig und woher kommt dieser passiv-aggressive Widerstand gegen Menschen, die nichts anderes getan haben, als fernab ihrer Heimat einen neuen Anfang zu suchen? Ich kann eigentlich nur Vermutungen stellen. „Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe“, singen die „Ärzte“ in einem alten Rocksong über Neonazis, als ob sie Anschläge auf Flüchtlingsheime vorausgesehen hätten, die momentan immer in den Nachrichten kommen. „Perlen aus Freital“ geben eine Intoleranz in Deutschland preis, die auf keine Kuhhaut geht und dass NSU-Drahtzieherin Beate Zschäpe immer wieder einen Pflichtverteidiger ablehnen kann, ist schon ein dicker Hund. Doch das sind alles nur die extremen Spitzen des Eisbergs, der sich in der Tiefe wie eine Mauer durch unseren Gesellschaftsalltag zu ziehen scheint.

P1050109Die Basis des Eisbergs am Meeresgrund liegt auf braunem Schlamm und steigt unter anderem in Form abwertender, gehässiger Foren- und Internetbeiträge zur Wasseroberfläche auf. Und gewisse Print- und Onlinemedien, die schon immer gerne dem Populismus gedient haben, ziehen gerne mit – die Ausgangslage ist aber auch zu bequem. In anderen Worten, es ist derzeit kaum möglich, nicht im braunen Sumpf zu waten. Der Urschlamm des Sumpfes besteht aus sehr einfachen und doch toxischen Zutaten: ein Drittel (scheinbare) Perspektivlosigkeit, ein Drittel Apathie gegenüber allem, was außerhalb des eigenen Lebensradius liegt und ein Drittel einfach Angst, oder auch Paranoia gegen alles Fremde.

Überall auf der Welt stehen Mahn-Memorials - warum immer der gleiche Fehler?
Überall auf der Welt stehen Mahn-Memorials – warum immer der gleiche Fehler?

Reden wir also über Perspektivlosigkeit und Gleichgültigkeit; doch packen wir das Problem zunächst an der Wurzel, die, wie ich finde, ein ziemlich paranoider Zeitgeist ist. Ja, es könnte wirklich besser laufen im Staate Deutschland. Irgendwie scheint alles schlecht und gegen einen, wenn man nur die Nachrichten einschaltet. Die Renten der jetzt arbeitenden Generationen sind nicht mehr sicher, die demografische Pyramide ist ein Trauerspiel („Deutschland schafft sich ab“) und mit dem Wohlstand, den sicheren Arbeitsplätzen und den gehäuften EU-Staatsschulden steht es auch nicht zum Besten. Als Bewohner eines Landes, in dem es seit siebzig Jahren (zum Glück aller) keine Kriege, Hungersnöte und Völkermorde mehr gab, haben wir uns hier ein kuscheliges, sicheres Nest auf einem soliden Ast eingerichtet. Nein, das ist keine Ironie, es ist nicht mal negativ gemeint. Und nun kommen in den Augen mancher die „Kuckuckskinder“, die an etwas teilhaben wollen, was sie nicht mit erschaffen haben. Aus dem Nest gestoßene Eltern und Küken – Flüchtlinge.

Horizont
Den eigenen Horizont weniger schwarz zu sehen, hilft schon im Kampf gegen Fremdenangst

Für manchen scheint das verstörend, es macht ihm gar Angst. Was, wenn diese Fremden Unruhe, Krankheiten, schädliche Verhaltensweisen oder gar Nahrungskonkurrenz in dieses „heilige“, friedliche Refugium bringen? Und überhaupt – uns geht es in unserem flauschigen Heim doch gut. Der Kuckuck soll sich halt ein eigenes Nest bauen, das eigene war schon genug Arbeit. So viel zur Apathie. Dem Fehlen von Empathie gegenüber den erschöpften, zerrupften Zugvögeln nach ihrer langen Reise. Was, wenn diejenigen, die sicher im Nest sitzen, irgendwann die Vertriebenen wären? Mancher denkt darüber nicht gerne nach – und sieht eh schon zu wenige Perspektiven.

Um die Perspektiven, die auf überzeugte Pessimisten und Fremdheitsparanoider warten, zu sehen, ist es allerdings nötig, auch mal über den Nestrand hinaus den Horizont zu betrachten, vom Rand aus den braunen Sumpf zu überblicken, die Flügel zu spreizen und denen entgegenzufliegen, die aus der Gegenrichtung den Weg kreuzen. Um zu begreifen, wie Angst, Neid und Missgunst den Boden langsam zersetzen, braucht es Distanz aus der Vogelperspektive; und es braucht vor allem den Mut, den Sumpf zu überfliegen und den eigenen Ängsten zu begegnen, um nicht auf aufgeregtes, populistisches Gezwitscher hereinzufallen.

Wer Angst vor einer – zugegeben recht unsicheren – Zukunft hat, sollte sich also nicht fragen: „Wie hindert mich alles Fremde daran, weiterzukommen?“, sondern: „Was kann ich selbst tun, um mein Ziel zu erreichen und zufriedener zu werden?“ Sich nicht als „fremdbestimmt“ zu betrachten und sich dem Neuen, was Flüchtlinge mitbringen, nicht zu versperren, sind dabei sicher zwei Ansätze, um endlich eine „echte“ Willkommenskultur zu schaffen und zusammen etwas zu erreichen.

  1. Ganz toller Artikel! Oft kommen meiner Erfahrung solche Sätze von der älteren Generation. Da kann ich dann noch ein Auge zudrucken, weil im Alter alles Fremde ja erstmal mit skepsis betrachtet wird. Viele andere sind einfach dumm, verzeihe, ungebildet. Da hat man dann aus unwissenheit schnell mal Angst dass es abstriche am eigenen Harz4 o.ä gibt 😉

  2. Du sprichst mir teilweise wirklich aus der Seele.

    Manchmal möchte ich einige „Aber“ Menschen nochmal in die Schule schicken, denn offenbar ist von der Bildung nicht viel hängen geblieben ….

    Danke für deinen lieben Kommentar auf meinem Blog! Es ist super das du in dem Rahmen, in dem es dir möglich ist etwas tust! Das ist schon soviel mehr, als andere … und tausendmal besser als nix!!!

    Liebste Grüße
    Justine

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