Cats Couch: Zwischen Göttin und Teufel

Foto: Katherina IbelingEigentlich dürfte man meinen, dass der weibliche Körper mit all seinen Funktionen inzwischen als … naja, „normal“ angesehen wird. Immerhin weiß jeder, dass wir Brüste haben, wo auch hin und wieder Milch rauskommt; dass wir, zumindest meistens, eine Vagina haben und eine Gebärmutter, in der halt Kinder heranwachsen und wo sie auch wieder heraus müssen. Dennoch ist es nach wie vor beliebt, unsere biologische Existenz mit diversen Mythen zu belegen.

„Männer haben einen Penis und Frauen eine Vagina.“ Ich erinnere mich an diesen Satz aus dem Biounterricht, als hätte ich ihn erst gestern gehört. Kaum einer in der Klasse ist dabei rot geworden oder hat gekichert. Wohl eher dachte jeder: „Ja – und weiter?“ Was unser alter, runzliger Biologielehrer uns „verschwiegen“ hat, waren die Unterscheidung des sozialen und biologischen Geschlechts, die Problematik derer, die entweder biologisch oder psychisch nicht das Geschlecht sein können, das sie sein wollen oder vielleicht komplett asexuell sind. Aber gut, man lernt nie aus und auch in der Schule gilt die alte Fußballregel: „Eine Doppelstunde hat 90 Minuten!“ Vermutlich hätte es uns Unterstufenschüler auch sehr verwirrt, wenn man uns gleich die gebündelte Weisheit über jede Form der Sexualität auf den Tisch geknallt hätte.

Michael  Zichy- Bildzyklus - Liebe - Blatt 11

Ansonsten wusste unser Biolehrer viel. Wir haben erfahren: Ein Kind entsteht aus einem Samen und einer Eizelle. Bei ungeschütztem Sex kann man schwanger werden – oder sich so haarsträubende Sachen holen wie AIDS, einen Pilz, die Syphilis oder Gonorrhö (im Volksmund: „Tripper“). Embryonen entstehen aus einer Reihe von biochemisch ausgelösten Zellteilungen heraus, und wenn eine Frau schwanger ist und ein Kind bekommt, bilden sich Milchdrüsen aus, damit das Neugeborene wie bei allen anderen Säugetieren an den „Zitzen“ saugen kann. Wir haben auch viel über die hormonelle Verhütung gelernt, den Zyklus der Frau und warum unsereins einmal im Monat Binden, Tampons und eine Schmerztablette braucht.

Warum erzähle ich das gerade so detailliert? Das sind doch ganz basale Vorgänge und das weiß doch jeder. Nun, wenn ich mir diverse Internetmedien und Frauenmagazine anschaue (von denen, die es am besten wissen sollten), habe ich daran meine Zweifel. Momentan geistert aus meiner (bisher kinderlosen) Perspektive ein Mutterkult durch die Medien, dass sich mir die Haare sträuben. Es geht um #brealfies (für Nicht-Twitterer: Stillfotos, teilweise mit sichtbaren Nippeln), das Stillen und Nicht-Stillen wird überhaupt kontrovers diskutiert. Manche schreiben von Kindern und der weiblichen Fähigkeit, diese zu gebären, als „Wunder“ oder „Göttinnen in der Natur“ und veröffentlichen massenhaft Fotos von „wunderbaren Körper echter Mütter“ (wie jetzt, es gibt auch unechte Mütter). Die Frauenmedien wimmeln von „Amateurabhandlungen“ über das Für und Wider von Wassergeburten, Geburten mit und ohne PDA, Hausgeburten, „Extraordinary Births“ vor laufender Kamera und dem „Angstgegner“ Kaiserschnitt. Um diese Thematik mal auf einen kurzen Punkt zu bringen: Embryo ist gewachsen – Embryo ist nach neun Monaten lebensfähig – Baby muss raus. Wie, ist letztendlich Nebensache. Mal ganz nüchtern und ohne überschäumende Emotionen betrachtet. Das ist kein „göttlicher Schaffensakt“, das ist Natur. Biologie. Über Millionen Jahre bei unterschiedlichsten Säugetieren erprobt (mal mit, mal ohne Erfolg).

Ich frage mich auch (als Frau!), was an nackten Brüsten und dem andauernden Präsentieren anderer nackter Körperteile feministisch sein soll. Kreischend und mit eingeschmiertem, nacktem Oberkörper durch die Gegend rennen wie Femen und ohne BH für ein Foto posieren kann nämlich jede(r) – auch Männer, übrigens. Bei Männern sehen Fotos mit Spitzenlingerie nur viel ungewöhnlicher aus. Sich ausziehen erfordert keine besonderen Fähigkeiten (die bloße Existenz eines Körpers reicht) und ist daher keine Leistung. Weder für die Gleichberechtigung, noch für sonst irgendein weltweit relevantes Ziel. In jedem sozialen Netzwerk findet man inzwischen beinah esoterisch-poetische Fotostrecken mit der Message „Jede Frau ist auf ihre Art wunderschön“. Es wimmelt auf unserer eigentlich recht demystifizierten Welt von „Sirenen“, „Liebesgöttinnen“ und „Kurvenwundern“ und, so ermutigend und „revolutionär“ ich all diese körperpositiven „Kurvendiskussionen“ als selbst eher kurvige Frau fand, umso mehr verliert das Body Positivity Movement für mich inzwischen seinen Reiz. Man könnte sagen – ich bin übersättigt; überfüttert mit „wunderschönen Makeln“, „Rubensengeln“, aber auch mit „Victoria’s Secret“, „Bikini – und Fatkini-Selfies“, „Belfies“ (Frauen, die ihren Babybauch fotografieren), „Brealfies“ und #free the nipple (als ob ich je die Absicht hätte, irgendwo oben ohne herumzulaufen). Im Klartext: Ich habe derzeit genug von dieser Dauerüberhöhung des weiblichen, meines Körpers. Gibt es denn nichts Wichtigeres, oder: Wenn alles nur um schön oder nicht schön, sexy in allen Formaten und die Wunder unseres biologischen Daseins geht – warum zum Teufel haben wir Frauen dann von Mutter Natur ein Gehirn mitbekommen?

A propos Teufel: Neben dem „Wunderwerk Frauenkörper“ gibt es natürlich auch das krasse Gegenteil. Religiöse Lehren, die einer Frau befehlen, nach einer Geburt 40 Tage das Haus zu verlassen und sich während ihrer Periode nicht nur sexuell von ihrem Mann fernzuhalten; sie sei schließlich „unrein“. Es gibt grauenhafte Taten, mit denen Männer wie die gefürchteten IS-Terroristen, brutale Menschenschlepper und manchmal sogar Ehemänner an Tausenden Frauen das zuvor zum Heiligtum Erklärte „entweihen“ – je nachdem, wie es ihnen gerade in den Sinn kommt. Frauen sollen schön sein und sich sexy kleiden; andersherum brodelt der Hexenkessel des Victim Blaming, wann immer eine Frau mit Ausschnitt, Stiefeln und Minirock gegen sexuelle Belästigung klagt. Ach ja, und Schwangerschaftsbäuche, Menstruation, Falten und andere Spuren unseres natürlichen Daseins finden manche Männer dann so eklig, dass sie entweder nichts davon wissen wollen oder ganz Abstand nehmen von der, die sie einst „abgöttisch“ liebten. Nicht alle, aber manche.

Mir scheint, als befänden wir Frauen uns bei Erscheinen in der (digitalen) Öffentlichkeit immer noch auf einer Gratwanderung. Mutter oder Hure; Engel oder Teufel; Göttin oder Monster. Und irgendwie sieht es so aus, als würden wir uns selbst immer wieder in diesem Dilemma bestärken; indem wir uns zu sehr darauf konzentrieren, unsere Körper und seine Eigenheiten in den Mittelpunkt zu stellen, während es auf der Welt wichtigere Entscheidungen als die für eine Selfie-Pose gibt. Indem wir jedes Detail, das rein biologisch keine Besonderheit ist, zu einer erheben (ich glaube nicht, dass die Urfrau sich als lebensspendendes Wunder betrachtete). Vielleicht tut uns allen – Männern wie Frauen – einfach eine gute Prise Realismus gut. Frauen und ihr Körper sind keine Göttinnen (das wäre maßlos übertrieben), aber auch keine Teufel (vergesst das mit der Sündentheorie). Die Bezeichnung Homo Sapiens (Mensch) trifft es hingegen recht gut.

  1. Wundervoller Beitrag und ich feiere deinen Post-Titel …
    Ich werde öfter vorbei schauen, du sprichst Themen an die mehr sehr interessieren 🙂

    Liebste Grüße
    Justine

  2. Das ist wirklich ein super toller Text von dir 🙂
    <3 Anna

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