Cat’s Couch: Wie ein angezogener Exot am FKK-Strand

Cat KolCarolin Kebekus hat einmal gesagt: „Mittlerweile kenne ich die Brüste von Micaela Schäfer besser als meine eigenen.“ Recht hat sie, finde ich, wenn ich mich nach Feierabend durch das Internet und durch Facebook klicke und mir mehr nackte Haut begegnet, als ich sie je am Strand sehen würde. Auch bemerkenswert: Es sind immer noch meist die Frauen, die sich ausziehen.

Es erscheint mir in etwa so sinnfrei wie „Panzer für den Frieden“ – der Trend, dass wirklich jede Frau, egal welchen Alters, welcher Ethnizität und welchen Körperbaus, derzeit der Meinung ist, nackte oder halbnackte Bilder ins Internet zu stellen. Als Kunst wohlgemerkt – oder als Zeichen gegen ein aalglattes Körperbild, das gefühlte 95 Prozent aller Frauen weltweit schlecht dastehen lässt und Selbstzweifel fördert. Einmal ganz schonungslos und offen gesagt: Ich habe ja eher selbst Zweifel daran, ob ein solcher Overload an nackten „Weibsbildern“ wirklich das Problem des Schönheits- und Perfektionsterrors in den Medien lösen kann. Oder ob die bunt bebilderte Aussage „Wir sind alle schön“ nicht noch mehr der Gleichung Frau + Körperlichkeit + Schönheit = Anschauungsobjekt Vorschub leistet.

Negligee-IlluWas treibt so viele Frauen dazu, sich ständig zeigen zu wollen? Gibt es den exhibitionistischen Zug, den man(n) uns so gerne andichtet? Welchen Sinn hat es eigentlich, sich auf den Präsentierteller zu legen, jemanden ein Foto schießen zu lassen und hinterher triumphierend zu sagen: Schaut her, ich habe einen Körper, ich habe Oberschenkel, die sich berühren, ich habe Brustwarzen, ich habe Zellulitis und Schwangerschaftsstreifen und das ist alles ganz natürlich, liebe Leute! Ich bin eben eine echte Frau (und die Magazinschönheiten aus der Photoshop-Fabrik eben nicht). Seit wann ist es Mode, aller Welt intime Momente beim Stillen, seine Kaiserschnittnarbe oder seine halbnackte Kehrseite im Stringtanga zu zeigen? Vor allem, wenn es die Welt vielleicht gar nicht interessiert und es in ihr so viel Wichtigeres als ein paar Körperteile gibt, die jede Frau rein anatomisch – und ganz ohne Hexerei – besitzt.

Ein Teil von mir versteht das schon. Die Frauen, die in allen Lebenslagen bereitwillig ihre Hüllen fallen lassen und auch das Intimste von sich preisgeben, schonungslos ehrlich mit jeder Falte und jeder Krampfader, sind stolz auf ihren Körper. Genau so, wie er ist. Meine kritische innere Stimme fragt sich hingegen: Aber warum muss man denn dann der Welt beweisen, dass man auch ohne Modelmaße einen Bikini tragen kann? Wer es mag und es gerne macht, könnte es doch einfach tun! Warum zur Hölle so viel Aufhebens um etwas, was der „natürlichen Logik“ aller Frauen, die eben einfach „sie selbst“ sein wollen, sowieso entspricht? Wozu dann das ganze Brimborium?

Bitte nicht falsch verstehen – ich bin weder prüde, noch ein Körperhasser, noch sonst jemand, der andere nicht respektiert. Ich verstehe es nur einfach nicht. Es hat immer Bilder von nackten Frauen gegeben. Aktzeichnungen und Gemälde berühmter Künstler, und legendäre Fotos von Fotografen wie Helmut Newton. Kunst eben. Etwas Außergewöhnliches, Exklusives, etwas, das nicht jeder von sich zeigt oder von anderen bekommt. Kurz: Etwas, das durch seine Seltenheit und Besonderheit heraussticht aus der Masse der vielen anderen Bilder. Der Großteil dessen, was ich jeden Tag (ziemlich unfreiwillig) im Internet, ebenso wie in der Werbung für diverse Beauty-Produkte sehe, erinnert eher an billige Reklame, an einen Schnappschuss mit der Polaroid oder ein Selfie. Etwas, das freizügig Dinge offenbart, die mir zu alltäglich, zu selbstgefällig, zu banal oder zu privat wären, um sie wirklich jedem Dahergelaufenen stolz zu präsentieren. Oder, kurz: Ich fühle mich online wie ein angezogener Exot an einem endlosen FKK-Strand und total im falschen Film.

Blankziehen soll (Körper-)Politik machen. Betrachtet man die ganze weibliche Fleischbeschau im Netz (und damit ist nicht mal eine Pornoseite gemeint), erinnert mich das eher an die Strategie von Femen, die barbusig und mit plakativen Körperbemalungen kreischend auf das böse Patriarchat losgehen. Nicht, dass mich das ernsthaft stören würde – warum auch, es sind ja zum Glück nicht meine Brüste, die dann überall auf Youtube und in der Zeitung zu sehen sind. Ich bekomme nur bei diesem Overflow an nackten Tatsachen einen Haufen Fragezeichen, die unsichtbar über meinem Kopf schweben, mit der Frage: Und, was wollen sie nun damit erreichen? Vor allem aber mit einer zweiten Frage, die da lautet: Bin ich einfach zu doof, um die politische Message zu verstehen – oder kommt diese Message gar nicht erst an? Oder mit anderen Worten: Geht die Message in der Überfülle an visuellen Reizen einfach unter?

Weiter oben habe ich geschrieben, dass Respekt mir wichtig ist – Respekt vor jedem Menschen, seiner Biografie, seinen Stärken und Schwächen, seiner körperlichen Erscheinung. Aber auch vor der Privatsphäre anderer – ebenso wie vor meiner eigenen. Deswegen würde ich mir wünschen, einfach beim Durchblättern von Magazinen oder beim Scrollen durch meine Facebook-Timeline nicht ständig mit allzu privaten körperlichen Details meiner Mitwelt behelligt zu werden. Für die Wiedereinführung der Bekleidungspflicht im öffentlichen virtuellen Raum wäre ich also sehr dankbar. Bitte verschont mich mit mit Details über eure Vagina, mit eurem „Mons Pubis“, diversen Camel Toes, Nahaufnahmen von euren OP-Narben und „echten Orgasmusgesichtern“. Schließlich würde ja auch kaum eine splitterfasernackt oder im Leopardenstring in den Supermarkt gehen, oder?

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