Cat’s Couch: Strangers in the night

Foto: Katherina Ibeling
Foto: Katherina Ibeling

Manchmal können Frauen auch im 21. Jahrhunderten noch ein Rätsel für Männer sein. Oder sogar für andere Frauen – ja, das gibt es auch. Dabei ist es meistens gar nicht so kompliziert, wie es aussieht. Ich sehe mich nicht als Beziehungsexpertin, Sex-Know-it-all oder Lebensratgeberin und das sollte auch niemand sonst. Allerdings bin ich eine Frau und habe die eine oder andere ernsthafte oder humoristische Antwort auf Verständnisfragen.

Hin und wieder wundert ihr euch sicher über uns, liebe Männer. Oder ihr fühlt euch gar missverstanden oder zu Unrecht einer Sache beschuldigt, die ihr gar nicht erst im Sinn hattet. Zum Beispiel, wenn ihr in den späten Abendstunden durch eine Straße geht, nicht die nächste Bushaltestelle findet, geschweige denn die Abfahrtszeiten wisst. Nicht mal die genaue Uhrzeit kennt ihr gerade, und das alles zusammen ist ein echtes Problem. Ihr müsst nämlich dringend den nächsten Bus bekommen, könnt aber nichts auf dem Smartphone nachschauen, weil der Akku selbst zum Piepen zu leer ist. Sowas nennt man dann wohl ein Dilemma – oder eine „Junger Mann in Nöten“-Situation. Da kommt euch eine junge Frau mit einem Rollkoffer entgegen, die recht zielstrebig in eure Richtung geht. „Die könnte ich fragen“, denkt ihr vielleicht und sprecht sie mit einem freundlichen „Hallo“ oder „Entschuldigung“ an. 

Dame mit Rollkoffer, den Zug ereilend - Illustration: !so?
Dame mit Rollkoffer, den Zug ereilend – Illustration: !so?

Zu eurer Irritation hat die junge Dame aber gar keine Lust, euch als edle Ritterin den Weg zu weisen oder euch nur Stunde und Minute zu nennen, und schaut euch mit einem Blick tiefsten Misstrauens an. Ja, sie wechselt vielleicht sogar die Straßenseite. Wenn ihr Glück habt, bleibt sie mit einem großen Sicherheitsabstand stehen und schaut euch sehr kühl und abschätzend an. „Hallo, kann ich weiterhelfen?“ Es scheint ihr aber unangenehm zu sein. Euch kommt das mehr als komisch vor. Habt ihr etwas falsch gemacht, wirkt ihr bedrohlich? Um das Rätsel aufzulösen: Die Frau mit dem Rollkoffer könnte ich sein, wenn ich sonntags spät in meiner Arbeits- und Wochenwohnstadt ankomme. Ihr wirkt übrigens nicht bedrohlich und habt auch nichts falsch gemacht, das Bedrohliche kommt rein aus der Situation heraus. Ihr seid allein mit einer Frau (zum Beispiel mir) auf einer spärlich beleuchteten Straße und ihr seid fremd. Das macht euch gefühlt zu einem Sicherheitsrisiko. Selbst dann, wenn ihr gar nichts Böses im Schilde führt. In den allermeisten Fällen habt ihr dieses Unwohlsein (Angst wäre zu viel gesagt) nicht bewusst provoziert, viele von uns Frauen haben nur schon als junge Mädchen gelernt, euch, dem fremden Mann auf der Straße, mit Misstrauen zu betrachten. Um euch ein wenig Einblick in die manchmal irrationalen Ängste mancher Frau zu verschaffen, bitte ich euch, liebe Männer, nun darum, euch in die folgende Geschichte hineinzufühlen.

Du steigst aus dem Zug, wuchtest den Koffer die Treppen hinunter und ziehst ihn durch die belebte Bahnhofshalle nach draußen. Dort ist es kalt und stockduster, wären da nicht noch die Lichter von den Geschäften und Imbissbuden. Die Lichter tun dir gut, sie geben dir Sicherheit, Weitblick und machen dich sichtbar und so unangreifbar. Dein nächster Blick geht zum S-Bahn-Fahrplan. Die nächste Bahn erst ein 26 Minuten – verdammt. „Ich gehe zu Fuß“, beschließt du, „es sind ja nur zehn bis fünfzehn Minuten.“ Auch, wenn dir nicht ganz wohl dabei ist, aber du hast ja bereits als Kind und Jugendlicher gelernt, wie man Pöblern, sexuellen Übergriffen und anderen kriminellen Machenschaften aus dem Weg geht. Also durchatmen und los. Deine Schritte führen dich zunächst eine – inzwischen kaum befahrene- Hauptstraße entlang. Mehrere hundert Meter sogar. Es kommt dir zwar gerade keiner entgegen, aber du kannst deine eigenen Schritte hören, als du deinen Weg fortsetzt. Auf lautes oder unpraktisches Schuhwerk hast du schon verzichtet – man kann damit einfach so schlecht weglaufen, wenn wirklich mal Not am Mann ist. Das haben dir schon immer deine Großeltern und Eltern eingeschärft, dass Schuhe entweder gute Waffen sein müssen oder zum Rennen geeignet, wenn Gefahr droht. Du hörst ein Fahrrad hinter dir, gehst instinktiv zur Seite, aber so, dass du nicht zu nah an die vergitterten Büsche und das Steintor zu einem großen Gebäude kommst – immer in der Mitte des Bürgersteigs bleiben, lautete die Devise aus Grundschultagen, da kann niemand dich von irgendeiner Seite in die Büsche oder auf die Straße ziehen. Dir kommt jemand im dunklen Mantel entgegen, mit mürrischem Gesichtsausdruck, vielleicht körperlich wesentlich stärker als du. Du greifst nach dem Handy in deiner Jackentasche und straffst die Schultern. In deinem Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskurs hat du gelernt, dass Handys und eine gerade Haltung potenzielle Angreifer abschrecken. Du gehst an der fremden Person vorbei (nicht ohne sie einmal misstrauisch von oben bis unten taxiert zu haben), lauschst heimlich, ob die Schritte sich entfernen und gehst auf die Ampel zu. „Fast da“, denkst du dir, drückst aufs Knöpfchen und wartest, bis es Grün wird. Der Koffer wird dir langsam schwer zum Ziehen, wenn du rennen müsstest, müsstest du ihn mit allem, was drin ist, stehenlassen. Neben dir tritt eine weitere Person an die Ampel, du musterst sie vorsichtig, sie mustert dich, wenn auch eher gleichgültig, ihr beide geht über die Straße, biegt in verschiedene Richtungen ab. Nun kommt der Teil des Weges, der dir schon immer suspekt war. Die Straße ist menschenleer und nur schummerig beleuchtet. Überall sind Ecken und Winkel, hinter denen jene gefährlichen bis tödlichen Unbekannten lauern könnten, von denen du in der Real-Horrorshow, nämlich in den Nachrichten, immer wieder hörst und liest. Kaum ein Tag vergeht ohne Eilmeldungen über Vergewaltigungen, Raubüberfälle oder sogar Mord. Entschlossen, aber wachsam schreitest du weiter voran. Alles Panikmache, oder? Trotzdem empfindest du es als Risiko und Zumutung, dass der halbe Bürgersteig zugeparkt ist und du ab einem gewissen Punkt zwischen einem Kellereingang und einem Van (hat man dich nicht immer vor denen gewarnt?) hindurchgehen muss. Der Bürgersteig und damit dein Bewegungsradius kommt dir verengt vor, die Alarmglocken läuten Sturm. In diesem Moment erscheint eine fremde Person wie aus dem Nichts aus einem Treppenaufgang in deinem Sichtfeld (war die gerade eben schon da), die du nur durch das Aufglimmen einer Zigarette bemerkt hast. „Guten Abend“, grüßt sie dich freundlich und du erstarrst einen kurzen Moment. Bis du erkennst, dass es nur der Nachbar einige Häuser weiter ist. „Haben Sie mich aber erschreckt!“, entfährt es dir nach einem Moment der Schockstarre und du musst über deine eigene Schreckhaftigkeit lachen. Dann wünschst du einen guten Abend und gehst weiter. Du wuchtest deinen Koffer den Hauseingang hoch und ziehst deinen Schlüssel aus der Hosentasche. Schließlich hast du gelernt, nicht zu lange in dunklen Hauseingängen zu verweilen. Der Schlüssel wird eingesteckt und dreht sich im Schloss, doch dabei schaust du dich noch einmal unauffällig um. Kein Mensch zu sehen. Puh, zum Glück. Du öffnest die Tür mit einem Ruck, gehst so hinein, dass du die Straße noch im Blick hast. Dann Koffer rein, Tür zu. Ein letzter Blick durch die Milchglasscheibe, dann aufs Handy. Du hast für den Weg nur zwölf Minuten gebraucht, er ist dir viel länger vorgekommen.

Warum ich euch das erzähle? Weil das meine allwöchentliche Geschichte ist – mit Variationen. Wenn euch also das nächstes Mal so eine junge Frau mit Rollkoffer des Nachts auf der Straße begegnet und euch anschaut, als wäret ihr eine Gefahr in Fleisch und Blut, seht es ihr nach oder nehmt ihr das Misstrauen. Kommt nicht plötzlich und mit schnellen Bewegungen aus einem Hauseingang oder einer Abbiegung hervor. Stellt euch so ins Licht, dass sie euch erkennen und als harmlos identifizieren kann. Macht euch am besten freundlich, aber deutlich bemerkbar und bewegt euch dabei in ihrem Sichtfeld. Haltet einen Respektabstand und löst euch aus eurer Jungsclique, wenn ihr auf sie zugeht, alles andere löst nur (unnötig) Ängste aus. Vor allem: Nehmt es nicht persönlich. Sie kann nicht anders, als euch erst einmal bedrohlich zu finden. Womöglich hat sie es nicht anders gelernt – nicht im Elternhaus, nicht in den Medien und vor allem nicht im speziellen „Selbstverteidigungskurs für Mädchen“, den mancher Junge ebenso gut gebrauchen könnte. „Strangers in the night“ ist nicht immer romantisch, es kann im schlimmsten Fall auch böse enden – für jeden von uns, Mann oder Frau.

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