Cat’s Couch: Sendepause, bitte!

Quasselstrippen - Illustration: !so?
Quasselstrippen – Illustration: !so?

Manchmal können Frauen auch im 21. Jahrhunderten noch ein Rätsel für Männer sein. Oder sogar für andere Frauen – ja, das gibt es auch. Dabei ist es meistens gar nicht so kompliziert, wie es aussieht. Ich sehe mich nicht als Beziehungsexpertin, Sex-Know-it-all oder Lebensratgeberin und das sollte auch niemand sonst. Allerdings bin ich eine Frau und habe die eine oder andere ernsthafte oder humoristische Antwort auf Verständnisfragen.

Bevor ich dieses Mal ins eigentliche Thema einsteige, nämlich Wahrheit und Mythen um Frauen im Dauerredemodus, möchte ich ganz wort- und kommentarlos ein Video der Wiseguys in den (virtuellen) Raum stellen – sozusagen zum „Aufwärmen“. Aus diesem Lied zog ich nämlich erst die Idee für diese „Cat’s Couch“-Ausgabe.

Gabriele Münter_Kind mit Katzen
Gabriele Münter – Kind mit Katzen

Man sagt uns Frauen nach, dass wir einfach nie mal einfach schweigen können. Seit ich gerne und häufig mal heiser bin (unter anderem, weil ein Redaktionsvolontariat viele Gespräche erfordert), fällt mir das auch auf. Wenn sich im Zug eine Clique 16- und 60-jähriger Damen gegenübersitzt und ich mittendrin oder in Hörweite, kann ich mich nicht recht entscheiden, wer eigentlich lauter ist. Da wird gegackert, gekichert und durcheinander geredet, bis der Arzt kommt. Ohne Punkt und Komma. Im Klartext: Ich genieße momentan die Zeit, die ich konzentriert im Büro verbringen kann – man kann sich einfach mal beharrlich eine Stunde lang anschweigen, ohne dass der eine es dem anderen übelnimmt. Oder die Zeit zu Hause in meinem WG-Zimmer, wenn einfach nur noch Ruhe im Karton ist und ich keine Stimmen mehr hören muss.Aber was ist eigentlich da dran – Frauen und ihr legendärer Redeschwall? Ich habe tatsächlich Freundinnen, die können reden, und zwar ohne Punkt und Komma. Im beruflichen Setting ist so etwas meistens etwas eingedämmt, oder die Themen sind zumindest meist praktisch orientiert. Ich meine nicht, dass es keine Kunst sei, wie ein Wasserfall zu reden. Ich könnte das vermutlich nicht einmal, ohne abends krächzend wie eine altersschwache Krähe nach Hause zu kommen. Es kann nur recht anstrengend werden, und zwar für denjenigen, der zuhört und dabei versucht, die für ihn relevanten Informationen herauszufiltern und mental zu einem logischen Gebilde zusammenzusetzen.

Als ich noch an der Uni war, fand ich Vorlesungen oft viel anstrengender als Seminare. Gut, es war einfacher, einfach so zu tun, als hätte man ein bestimmtes Buch gelesen, ohne es tatsächlich in die Hand genommen zu haben. Doch letztendlich hatte man immer ein kleines bisschen Angst, irgendeinen wichtigen Nebensatz im Vortrag zu verpassen, der hinterher klausurrelevant sein könnte. Wie auch immer, offenbar hat  dennoch alles hingehauen mit dem Abschluss. Doch kehren wir zu der eigentlichen Frage zurück: Warum sind Frauen so rede- und mitteilungsbedürftig im Vergleich zu Männern – oder ist das einfach ein falscher Eindruck? Sind viele Männer vielleicht einfach zu still, oder sie reden selbst so viel und merken es nicht einmal?

Spanische Höhlenmalerei - Steinzeit
Spanische Höhlenmalerei – Steinzeit

Es heißt, bei den Steinzeitmenschen habe die Urfrau bereits vorrangig die Aufgabe, das zu organisieren, was man heute „Community“ oder „Crowd“ oder „Team“ nennen würde – nunja, „Gemeinschaft“ tut’s als Begriff auch. Kommunikation war und ist einer der Grundsteine eines Lebens Miteinander und der Weiterentwicklung – einer, der nach wie vor vorrangig Frauen zugesprochen wird. Man sehe sich nur einmal in der Kommunikationsbranche um, wird mancher sagen – der Frauenanteil liegt tatsächlich in Berufen und Branchen, die vor allem soziales Geschick und die Arbeit mit und an Menschen erfordern, recht hoch. Diverse Theorien aus der Sozial- und Hirnforschung sollen (angeblich) belegen, Frauen seien einfach per se empfänglicher für alles, das auf der Beziehungsebene und damit zwischen den Zeilen stattfindet – nenne man es medizinisch die Vernetzung beider Hirnhälften oder eben etwas esoterisch „weibliche Intuition“.

Und wo steht der Mann in Sachen Kommunikation? Der Urmann in der Steinzeit, so sagt man, sei ein Jäger gewesen. Konzentriert, entschlossen handelnd, präzise und auch durchaus mal etwas gröber in Ton und Umgang. Mal bestritt er allein sein Leben und das seiner Familie, mal in der Gruppe – doch auch dort soll die Kommunikation vor allem pragmatischer Natur gewesen sein. Die Betonung steht auf soll, denn das ist ein ungeschriebener Konsens, der auch zu unserer Zeit hartnäckig fortbesteht. Letztendlich können wir es nicht mit Sicherheit sagen, denn niemand von uns kann bezeugen, wie es in der Steinzeit war. Viel zu lange her, versteht sich. Der Mann – das stille, rationale, immer praktisch denkende Wesen?

Wenn ich länger darüber nachdenke, komme ich immer mehr ins Zweifeln. Denkt man an „Wortwasserfälle“, mag man zunächst das Bild eines belebten Kaffeeklatsches vor Augen haben, oder einer Tupperparty. Mit – natürlich – nur weiblichen Gästen und vielleicht Kindern. Allerdings: Schon einmal eine Gruppe angetrunkener Männer an einem Biertisch beobachtet? Oder die Fangesänge in einem Fußballstadion von sowohl Männern als auch Frauen erlebt? Ein gutes Beispiel, um zu widerlegen, Männer seien von Grund auf schweigsamer, hier: Der unverbesserliche Casanova, der irgendeiner Dame gerade den Hof macht und sie dabei so zutextet, dass sie dabei nichts als Fluchtgedanken bekommt. Attraktiv ist eben anders – bei ihm wie auch bei ihr.

„Reden ist Silber, schweigen ist Gold“, lautet ein bekanntes Sprichwort und es drängt sich die Option auf, vielleicht doch eher die platinfarbene Mitte zu wählen. Ob wir uns im Leben lieber als Vielredner oder als stille Zuhörer hervortun, auffallen oder uns bedeckt halten wollen, liegt letztendlich an jedem und jeder selbst – es ist schlicht eine Frage des Charakters, möchte ich behaupten. Der alles in allem wenig damit zu tun hat, was man zwischen den Beinen hat. Egal, ob es gerade bis in die Haarspitzen durchgestylte Partygängerinnen oder eine Gruppe von Wanderbrüdern im Rentenalter mit Tirolerhut und Trekkingstiefeln sind – manchmal wünscht man sich nur eines: Sendepause, bitte!

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