Cat’s Couch: Nackte Tatsachen

Drei Badende am Strand - Paul Gustav Fischer (1860 - 1394 )- dänischer Maler
Drei Badende am Strand – Paul Gustav Fischer (1860 – 1394 )- dänischer Maler

Der Sommer naht und so mancher Mann freut sich jetzt schon auf den Anblick kurzer Röcke, tiefer Ausschnitte und Shorts, die gerade so das Nötigste bedecken. Vielen Frauen hingegen gruselt es vor der heißen Saison und ihrer neuen „Kleiderordnung“ – und vor allem vor dem „Ganzkörperscan“, der ihnen nun ständig bevorsteht.
Am nächsten Wochenende soll es heiß werden, das sagt zumindest der Wetterbericht. Also raus mit den Sandalen, dem kurzen Kleidchen und der Hotpants? Die Zuverlässigkeit der Wettervorhersage ist eine Sache – das mit der knappen Bekleidung eine andere. Denn es wird sich auch diesen Sommer nicht jede Frau trauen, sich darin ungezwungen im öffentlichen Raum zu bewegen. Dies zu tun, ohne sich ständig begafft zu fühlen wie ein Tier im Zoo, ist wohl eine der größten Hürden, die den Meisten bald begegnen wird.

Cat KolIm Sommer haben nackte Tatsachen Hochsaison. Jeder kann auf den ersten Blick erkennen, wie wir Herbst, Winter und Frühjahr verbracht haben. Haben wir regelmäßig einen Bauch-Beine-Po- Kurs besucht oder das Fitnessstudio? Hat die Frühlingssonne uns bereits ein wenig geküsst und unsere Haut gebräunt? Ist die Haut straff, oder hat sich unter der langen Jeans bisher die eine oder andere Delle versteckt? Und spätestens im Freibad zeigt sich, wer „in“ und wer „out“ in Sachen Bikini-Body ist. Oder auch: Wer es sich leisten kann, sich zu präsentieren – und wer eben noch ein oder mehrere Jahre warten muss und tunlichst erstmal einen Einteiler tragen sollte. Am besten ein Badekleid oder weite Shorts, die unvorteilhafte Stellen an Hüften, Po und Schenkeln verdecken sollen.

Bereits seit Ende März sind die gesammelten Mainstream-Medien, die sich verstärkt an ein weibliches Publikum richten sollen, mit den Pflastersteinen versehen, die den Königsweg zum perfekten Freibad- und Sommerauftritt ebnen. Nun ja, zumindest in der Theorie. Ob „Hot Summer- Hot Body“, „Fit für den Strand“, „Bikinifigur in vier Wochen“ oder „Zehn Tipps für sexy Sommerbeine“, es gibt gefühlt unzählige Tipps und Ideen kluger Ratgeberredakteurinnen. Verständnisvoll sind beziehungsweise tun die Ratgebermedien dann auch noch: „Natürlich haben nur die wenigsten Frauen Modelmaße“ (… doch der ganze billige Rest sollte schleunigst an sich arbeiten, um sie zu bekommen!). Ganz nach der Devise: Zeig, was du hast (aber nur, wenn andere dich dafür sexy finden …)

Was ist eigentlich dieses „sexy“, und warum ist es so wichtig? Bedeutet es, so auszusehen, dass wirklich alle Männer einem auf der Straße hinterherpfeifen? Nur um sie dann, wenn sie es tun, der sexuellen Anzüglichkeit zu beschuldigen? Heißt „sexy sein“, um jeden Preis aufzufallen? Und was bringt das Ganze eigentlich, außer sich tagtäglich wie auf einem Laufsteg zu bewegen, die Welt zu einer Bühne zu machen, wo man selbst die Hauptrolle spielt? Geht man nach vielen Medienberichten, sind die jungen Frauen der „Generation Selfie“ alle narzisstisch veranlagt und Männer jeden Alters triebgesteuerter als in der Steinzeit.

Paradoxerweise trifft gerade in den warmen Sommermonaten gerade zwei Typen von Frauen Spott und Häme. Nämlich diejenigen, die deutliche „Mängel“ aufweisen, nicht durch den Schönheits-TÜV kommen und denen das – Skandal!- vollkommen egal ist. Aber auch die durch äußerliche Ideale Verunsicherten, die das Risiko gehässiger Blicke von Männern und Frauen in ihrer Umgebung nicht eingehen wollen. Die sich selbst im schwarzen Badeanzug noch unwohl fühlen und alle „Fashion Rules“, Tricks und Kniffe für ihre Problemzone, die sich „Körper“ nennt, besser beherrschen als das Kopfrechnen im Supermarkt.

Ich bin mir ziemlich sicher, zur zweiten Sorte zu gehören. Das ist ein Fakt, seit ich die Mittzwanziger erreicht habe; nein, eigentlich habe ich mich schon mit 16 mit anderen Mädchen verglichen, die „Problemzonentipps“ und Stylingratgeber in der „Bravo Girl“ gelesen und früh das Gefühl gehabt, dass mit mir irgendetwas „nicht stimmen kann“. Es ist schwierig, vor aller Welt zu verstecken, dass man starke Oberschenkel, kräftige Waden und eine breite Hüfte hat. Außerdem einen Bauch, der nicht so flach ist, wie man ihn gerne hätte und große Füße, die das Dilemma komplett machen.

Ja, es ist verdammt schwierig, sich innerlich von den vielen, vielen Bildern und negativen Gedanken zu lösen, die schon durch das Frau-sein an sich und das Bewegen in der Öffentlichkeit entstehen. Täglich, 24 Stunden am Tag. Ich weiß, auch Männern bleibt eine ganz andere Form von Fitness- und Männlichkeitsterror nicht erspart – vom Sixpack bis hin zur Penislänge. Vermutlich sitzen wir da alle in einem Boot, bei dem wir nicht wissen, wo es irgendwann ankern, stranden oder sinken wird. Neben dem krampfhaften Versuch, dem Ideal zu entsprechen, und einem absoluten und gnadenlosen Ausbruch von Selbsthass habe ich inzwischen eine dritte Möglichkeit gefunden: nämlich, „sexy“ als Lebensziel und Selbstanspruch eine Absage zu erteilen. Wer sagt, dass man(n) oder frau im Leben ständig die Aufmerksamkeit wildfremder Menschen braucht, um glücklich zu sein? Dass Männer auf der Straße denken: Wow, die ist der Hammer!

Es ist letztendlich die Entscheidung jedes Einzelnen, was er schön oder „sexy“ finden will; und ebenso liegt es an mir, ob mir danach ist, mich „sexy“ zu geben oder nicht. Meist ist mir das zu sinnlos, bringt mir keinen Nutzen und, ist unter uns gesprochen, einfach zu anstrengend neben allen anderen täglichen Pflichten. Also werde ich es auch diesen Sommer lässig angehen lassen – mit weiter Leinenhose, gemütlichen Leggins und luftigen Tuniken und Baumwoll-Shirts darüber. Das verspricht ein echt cooler Sommer zu werden!

0 Kommentare zu “Cat’s Couch: Nackte Tatsachen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error: Content is protected !!