cat’s couch Kolumne – Die letzten Ritter?

Wilhelm von Kaulbach - Porträt des Malers Heinlein als Ritter Schellenberg
Wilhelm von Kaulbach – Porträt des Malers Heinlein als Ritter Schellenberg

Wenn man seine Ideen nicht anders geordnet  bekommt, geht man bei der Themenwahl gerne von einem einfachen Punkt aus – dem Titel! Daher ist es ein passender Einstieg, über Ritter zu schreiben, oder auch, Ritterlichkeit. Wer jetzt sagt, die Zeit der Ritter ist doch längst vorbei, dem muss ich teils zustimmen, teils widersprechen.

Historisch gesehen mag die Zeit  von Helden in glänzenden Rüstungen seit Jahrhunderten nostalgisch gefärbte Vergangenheit sein, doch der Mythos lebt nach wie vor – in den Köpfen und Denkmustern vieler Männer und mancher Frauen. Okay, die Burgfräulein tragen keine Mieder und erst recht keine Keuschheitsgürtel mehr, und die Rüstung ist zu einem schnellen Wagen oder einem trainierten Körper mit Revolver an der Seite geworden, doch uns suggerieren viele Medienbilder, dass Helden männlich, stark und benötigt sind. Wacht man(n) allerdings aus diesem Tagtraum auf, kommt zutage, wie sehr dieses Image bröckelt und zu einem Hirngespinst wird.

Edmund Blair- Leighton 'God Speed'
Edmund Blair- Leighton
‚God Speed‘

Die Frauen „da draußen“ sind nämlich längst keine Jungfrauen in Nöten mehr, die vor lauter Dankbarkeit über ihre Rettung aus unangenehmen Situationen alles für „ihren“ Helden tun. Sie brauchen oft niemanden mehr, der sie auf der Straße vor feindlichen Wegelagerern beschützt oder sie auf Händen trägt, wenn sie ihm und nur ihm dafür alles von sich geben. Ach ja, und Jungfrauen schon mal gar nicht – es sei denn, man befindet sich in einem Land, wo die weibliche „Tugend“ noch mit Druckmitteln durchgesetzt wird. So läuft das eben nicht mehr, oder auch: Die Zeit der Helden ist eben vorbei. Wirklich? Oder müssen wir die Heldentaten des täglichen Lebens, die jede und jeder vollbringt, einfach neu definieren?

Jede und jeder deswegen, weil gerade diejenigen, die scheinbar noch in der Tagtraumwelt gefangen sind, langsam einsehen müssen: Das Leben ist keine One-Man-Show und keine Frau wird ihnen nur wegen eines Gefallens die Füße küssen. Stattdessen werden die meisten darauf bestehen, sich irgendwann dafür zu revanchieren – und tun es auch. Das heißt aber nicht, dass Gefallen und nette Gesten wie die Mithilfe beim Tragen eines schweren Möbelstücks, die Reparatur am Wagen oder die Tür aufhalten, wenn eine Frau bis zum Hals mit Akten voll gepackt ist, nicht mehr erwünscht sind. Dass das Ende der Ritterlichkeit im klassischen Sinn, die oft als bevormundend empfunden wird, auch ein Ende des sozialen Miteinanders und der guten Manieren bedeuten muss, ist ein unlogischer, aber häufiger Trugschluss.

Die Welt braucht noch Helden, aber Helden des Alltags, die auch mal schwach sind und sich ihrerseits helfen lassen. Helden, die in einer Sache stark sind, aber sich eingestehen, dass sie eben auch nicht alles können. Es ist in Ordnung und wichtig, einer Frau die heruntergefallene Einkaufstüte aufzuheben oder ihr eine Mitfahrgelegenheit zu bieten, wenn es draußen kalt ist. Allerdings tun wir Frauen das auch gerne für euch Männer. Wir halten euch gerne die Tür auf, wenn ihr keine Hand mehr für die Türklinke frei habt, und nehmen euch auch gern die zweite Wasserkiste ab, wenn ihr vor Anstrengung das Gesicht verzieht. Man(n) muss ja nicht unnötig „den Helden spielen“, das ist nicht sehr zielführend, muss jeder zugeben. Es sei denn, ein Bandscheibenvorfall ist das Ziel der Wünsche. Womit wir zur Neudefinition kommen: Das Ende einer einseitigen Ritterlichkeit bedeutet zugleich eine Stärkung dessen, was ich an dieser Stelle mal „Sozialsinn“ oder „Vernunft“ nennen möchte.

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