Cat’s Couch: Hypes und Trends

Foto: Katherina IbelingWer ein Mode- und Frauenmagazin aufschlägt oder „typische“ Webseiten für Frauen wie „gofeminin“ oder „Brigitte“ aufruft, dürfte glauben, dass wir Frauen uns wie ein Fähnchen immer dorthin drehen, wo der frischeste Wind weht. Was es damit auf sich hat, warum der Schein manchmal trügt und mancher Sturm auch einfach vorüberzieht, lest ihr in dieser Episode.

„Und, hast du auch schon 50 Shades of Grey gesehen? Wie fandest du den Film?“ Immer, wenn mich jemand fragt, verdreht meine innere böse Göttin genervt die Augen. Einerseits, weil ich diesen Buch- und Filmtitel einfach nicht mehr hören kann. Andererseits, weil ich doch eine „innere Göttin“ zitieren muss und nicht der Versuchung widerstehen konnte, mich durch einige Textpassagen, Rezensionen und Filmwebseiten durchzuklicken, um meine Neugier zu befriedigen. Viel Erleuchtung hat mir meine Neugierde nicht gebracht, und ich weiß immer noch nicht genau, warum ausgerechnet dieses Medienprodukt diesen Riesenerfolg feiert. Ich bin gerade immer noch ziemlich ratlos, und wahrscheinlich sind es viele Männer mit mir, die mehr oder weniger freiwillig in der letzten Woche die Primetime-Kinokarten für den Kassenschlager des Jahres bei einem Date bezahlt haben.

Aber es ist nicht einmal eine persönliche Abneigung gegen E.L. James oder ihre Vorstellung von romantischem Sadomaso, die mich so ratlos macht, auch nicht gegen die Darsteller im Film oder die Machart des Trailers. Fakt ist, ich scheine einfach kein Trendgespür zu haben, was die breite Masse anlockt, oder ich bin einfach nicht „Mainstream“ genug, diese Begeisterung zu teilen. Das ist nicht einmal Absicht, vermutlich hätte ich von dem Hype um den neuesten Skandal der Buchwelt niemals erfahren, wenn ich nicht zufällig das Radio zu einem passenden Kommentar eingeschaltet hätte und – neugierig wie eine Katze – eben danach gegoogelt. „Na komm, angucken kannst du es dir ja mal“, dachte ich und suchte mir eine Reihe von Leseproben aus dem Netz. Ich fühlte beim Lesen – nichts. Also, so gar nichts, was irgendwie schon gruselig ist. Normalerweise müsste ich doch zumindest sofort eine „Anti-Haltung“ entwickeln und mich über dies und das empören. Doch der einzige Eindruck, der blieb, war: „Hm, naja, Geschmäcker sind verschieden.“

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Die Marketingmaschine um den Überraschungsbestseller aus den USA läuft nun schon seit Jahren auf Hochtouren, und je länger sie läuft, desto mehr wird es selbst bekennenden Achselzuckern wie mir unmöglich, es zu ignorieren. Vor allem ist dies nicht der erste Hypertrend, bei dem es mir so geht. Auch die „Ideenvorlage“ für E.L. James, Stephanie Meyers „Twilight“-Trilogie, ging bis auf ein paar Parodien komplett an mir vorbei, ehe ein Ausweichen durch ständige Onlinebanner und Filmplakate unvermeidbar wurde. Als jemand, der anderweitig im PR-Bereich angesiedelt ist, weiß ich, dass natürlich der „Herdentrieb“ bei diversen Trends geschürt wird, bemerke aber auch, an welchem Punkt es für Nicht-Fans einfach nur noch nervig wird.

Überhaupt kann ich mich nicht erinnern, jemals absolut „Fan“ von etwas gewesen zu sein, außer, dass ich die Musik der Spice Girls früher super fand. Oder bestimmte Musikrichtungen. Dass man eine Helpline für Take That- Boygroupies einrichten musste, als diese sich auflösten, fand ich schon als Teenie eher befremdlich; als Erwachsene wundere ich mich jetzt, dass Heidi Klum immer noch Tausende „Meeeeedchen“ dazu bekommt, zu einem Massencasting zu kommen und sich vor aller Welt zum Affen zu machen. Und dass sich der Po von Kim Kardashian im Netz schneller verbreiten kann als jeder Trojaner, finde ich dann schon echt strange und frage mich, in welcher Freakshow ich eigentlich gelandet bin.

Vielleicht ticke ich doch eher wie ein Mann? Mir haben mal Männer erzählt, wie schnelllebig sie die ganzen Catwalk-, Beauty- und Modetrends finden, mit denen sich frau alle paar Wochen neu erfindet. Ich wette auch, die meisten Männer würden doof gucken, wenn man ihnen die neuen „Trend-Stellungen“ beim Sex in einem langen Artikel mit Gebrauchsanleitung präsentieren würde. Sprich: Vielleicht gehen viele Dinge einfach an ihnen vorbei, ohne dass sie auch nur Wind davon bekommen (bis auf Sport, Autos, Technik und Fußball natürlich).

Sind „Männer-Trends“ also einfach nur anders geartet als „Frauen-Trends“, und verbreiten sie sich auch so schnell wie jeder Erkältungsvirus in der Straßenbahn? Bei uns Frauen scheint es jedenfalls, als seien viele von uns Fähnchen im Winde, die sich in Richtung der frischesten Brise drehen. Womöglich geht es darum, „mitreden“ zu können und einfach mit dem Schwarm in die Richtung zu schwimmen, die am meisten Komfort und Sicherheit verspricht. Eine weitere Möglichkeit ist, dass Marketing für Produkte des täglichen Lebens immer eine Zielgruppe hat. Betrachtet man gängige Zeitschriften und Internetseiten für Frauen, ist offensichtlich, wie der Hase oder auch das Bunny läuft. Mode muss her; Schuhe müssen her; Beautyprodukte müssen her; und natürlich alles, was Romantik und Sex verspricht. Und zwar schnell. Es ist quasi unmöglich, sich dem komplett zu entziehen, es sei denn, man kappt alle Verbindungen zur Außenwelt und lebt als Einsiedler. Dann sind viele von uns natürlich auch „neu-gierige“ Wesen und schnell für Emotionen zugänglich, es mag natürlich auch entsprechende Männer geben – und ich habe hier nur drei mögliche Gründe von vielen genannt.

Bedeuten Trends denn immer etwas Schwaches? Nicht zwingend. Trends sind auch Innovationen, erneuern etwas, das überholt scheint. Gerade die, die den Anfang machen, die Trendsetter, haben beizeiten das Potenzial, Großes zu bewirken und Trendsetter kann jeder werden. Eigentlich. Denn einen eigenen Trend zu setzen, oder auch nur bestehende Hypes zu hinterfragen und sich bewusst eine Meinung zu bilden, erfordert Zeit, Mühe und Mut. Gesellschaftliche Trends oder auch „Mainstream“-Bewegungen konnten schon viel Gutes hervorbringen, die Abschaffung der Sklaverei und Geburtenkontrolle zum Beispiel. Aber sie können auch zu einer gefährlichen Tendenz werden, wenn sie sich gegen bestimmte Menschen richtet, zu weit nach rechts oder in eine fanatische Schiene abdriften. Die Worst Cases lernt man im Geschichtsunterricht. Es lohnt sich also, für Mann und Frau, Trends durchaus gut im Auge zu behalten oder sie auch einfach mal zu „liken“. Allerdings mit Maß und nicht rein wegen der Masse. Und um zum Ausgangspunkt zurückzukommen, dem allerorten verbreiteten „Grey-Virus“: Er mag vielen ein lustvolles Fieber bereiten – doch auch er wird irgendwann fortgeweht, um einer neuen Luftströmung Platz zu machen.

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