Cats Couch: Ein Nein ist ein Nein (ist ein Nein) – Version 1.1

Erotik ist in dieser Kolumne gar kein Thema, das ich näher vertiefen wollte. Es gibt da jedoch diese eine Sache, die mich beim (zufälligen) Lesen diverser Onlineartikel und Foren immer wieder verblüfft – manche Menschen scheinen das einfache Wort „Nein“ gerade in Bezug auf die „schönste Nebensache der Welt“ einfach nicht zu verstehen oder auszusprechen. Dabei sollte das wirklich nicht so schwer sein; egal, ob es um einen Disco-Flirt oder um den langjährigen Ehepartner geht.

Bett_pillows-820149_640Eines vorweg: Ich möchte mich hier nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, wenn es darum geht, Lesern „Ratschläge“ für so intime Lebensbereiche wie das eigene Sexualleben zu erteilen. Dies empfinde ich als anmaßend und überlasse es getrost den zahlreichen Sexologen mit oder ohne entsprechendes Fachdiplom, die für die Internetseiten renommierter Frauenzeitschriften schreiben. In dieser Kolumne wird es (auch weiterhin) keine intimen „Vaginamonologe“ und Einblicke geben. „Der Gentleman genießt und schweigt“, und manchmal kann das eben auch eine Lady. Was viele andere hinter ihrer Schlafzimmertür (oder auch woanders) treiben, möchte ich auch nicht beurteilen oder gar verteufeln. Gemäß dem Motto: Alles, was im Einvernehmen geschieht und keine absehbaren Gefahren mit sich bringt, ist gut – und erlaubt ist, was allen gefällt.

Wo ich bei dem Punkt angelangt bin, an dem ich ansetzen möchte. Jegliche Erotik ist freiwillig und von den eigenen Gelüsten geleitet. Doch warum fällt es manchen so schwer, zu dem, was sie nicht wollen, „Nein“ zu sagen und anderen, dieses „Nein“ auch als das zu akzeptieren, was es ist? Ein klares „Nein“ eben, ohne Rechtfertigung, ohne Entschuldigung. Ein Extremfall wären hier sicherlich Sexualstraftäter, doch in dieses Extrem möchte ich hier nicht gehen. Es reicht schon, wenn in einer Beziehung oder nach einem heißen Flirt auf einer Party eine Person die andere (vielleicht unbewusst) bedrängt und aus einem klaren „Nein“ in seinem Kopf ein „Ja, aber …“ macht. Wie auch immer diese erstaunliche Falschwahrnehmung im Einzelfall zustande kommt.

sisters-984997_640Gerade (wir) Frauen scheinen häufig ein Problem mit dem „Nein-Sagen“ zu haben und es gibt auch heute durchaus noch Männer, die auf ein „Nein“ gekränkt oder sogar wütend reagieren. Zumindest, wenn man diverse Stränge aus den Internetforen bekannter „Frauenseiten“ liest. Gleiches kann natürlich auch umgekehrt der Fall sein, mit einer Frau, die auf jede sexuelle Zurückweisung vollkommen irrational und übertrieben reagiert. In gewissem Sinne sind solche Hemmnisse und Reaktionen ja auch nachvollziehbar. Schließlich müssen sich beide Partner ganz „intim“ und mit absolutem Vertrauen aufeinander einlassen, damit beide das gemeinsame kleine Bettabenteuer als lustvoll und bereichernd empfinden können. Ein zu grobes „Nein“, so fürchtet mancher zu Recht, könnte die ganze Stimmung ins Wanken bringen und für aufreibende Konflikte sorgen. Also schweigt manche(r) „Unlustige“ im schlimmsten Fall lieber, lässt manches eventuell „über sich ergehen“ und seine Lust auf weitere Experimente mit dem Partner schwindet schleichend dahin. Bis sie sich irgendwann um die Ecke ins Niemandsland geschlichen hat.

anonymous-973217_640Warum also der ganze Eiertanz rund um Wünsche, Vorlieben, Abneigungen und Tabus in einer Partnerschaft, die im Alltag in geradezu reibungslosen Bahnen läuft? Ist es möglicherweise gerade dieses Bemühen um ständige Harmonie, eine gewisse Konfliktscheue, die uns dazu führt, einen geliebten Menschen „einfach machen zu lassen“? Wie kann es in einer Zeit, wo wir dank Internet, einer großen Auswahl an Ratgeberliteratur, großen Kenntnissen in der Sexualanatomie und zum Teil auch Pornografie genau wissen, welche Praktiken, Möglichkeiten, aber auch Gefahren und Herausforderungen es gibt? Möglicherweise sind einige dieser sexuellen „Befreier“ dabei selbst das Problem. Denn, sehen wir es, wie es ist: Sex im Porno ist nicht die Art, wie viele Paare ihn im „echten Leben“ erleben und genießen wollen. Sicherlich gibt es auch hier „Abweichungen“ von dem, was als üblich gilt und das ist vollkommen in Ordnung – solange ein Konsens und eine Rückzugsmöglichkeit für alle bestehen. Eben Spielregeln, die den Respekt voreinander verteidigen, wie es in einer funktionierenden Partnerschaft sein soll. Das Problem mit manchen Pornos sehe ich daher nicht in der Tatsache, dass sie existieren und in dem Großteil der Inhalte, die sie zeigen, sondern eher darin, dass irgendein Partner (meist die Frau), einfach nicht die Möglichkeit hat, innerhalb der „Handlung“ auch einmal etwas abzulehnen. Und wenn sie es tut, sieht es der „Spielplan“ vor, dass sie sich unter Zwang und teilweise auch Gewalt dann doch den teilweise extremen Wünschen ihres Partners unterordnet. Dies mag mit den Darstellerinnen und Darstellern zwar abgestimmt und vertraglich geregelt sein; dem unerfahrenen oder leichtgläubigen Konsumenten kann es aber einfach ein falsches Bild vermitteln. Nämlich das, dass es möglich und erlaubt sei, einen anderen Menschen im Bett oder wo auch immer zu etwas zu zwingen.

holding-hands-1031665_640Nicht, dass einen diese krassen Darstellungen gerade im Bereich der Pornoproduktion überraschen würden; mehr Kopfzerbrechen bereiten mir da die „Sextipps“ mancher Mainstream-Frauenzeitschriften. So schreibt eine bekannte Sexratgeberseite zum Thema Deep Throat: „Es wird Ihnen vielleicht bei den ersten Malen nicht gelingen, den Würgereflex zu ignorieren. Selbst nach intensivem Training ist es möglich, dass Ihnen anstatt des Würgereflexes, Tränen in die Augen steigen. Aber sehen Sie Ihren Partner dabei an! Das Machtgefühl, das er spürt, wird ihn wild machen und er wird sich gerne revanchieren.“ Also ehrlich gesagt: Ich kriege bei solchen Beschreibungen das kalte Kotzen, ohne einen Penis „bis zum Anschlag“ in den Mund zu nehmen und Gefahr zu laufen, beim Oralsex an Atemnot zu sterben. Die Bilder im Kopf reichen schon, danke liebe „Sexperten“. Andere, Frauen wie Männer, mögen Gefallen daran finden. Nein, nun mal ernsthaft ….Was mich stört: Auf den Onlineseiten gängiger „Frauen- und Männerlektüre“ werden die Fantasien einiger oft zum erotischen „Must-have“ für alle erklärt. Als etwas, das man „lernen“ kann und das es sich zu „können“ lohnt, auch wenn es die natürlichen, lebenserhaltenden Reflexe bei mancher Frau und auch beim homosexuellen Mann ganz oder teilweise außer Gefecht setzen soll.

Ein extremes Beispiel in der Onlinewelt fand ich auf einer Seite, wo ein Mann andere Männer darin schulen wollte, ihre Frau zu einem „filmreifen“ Deep-Throat-Blowjob zu überreden und sie darin zu trainieren wie einen Hund, der ein Stöckchen holen soll. Selbst dann, wenn sie es nicht will, Angst hat oder sich davor ekelt. Schließlich hätte jeder Mann sinngemäß das „Recht“ auf dieses besonders machtvolle Hochgefühl. Man müsse nur die Grenzen und Tabus überwinden. Meine Meinung dazu? Es gibt kein angestammtes, gesetzlich verankertes Recht auf irgendeine Sexualpraktik – aber durchaus das Menschenrecht, seine Würde und seinen freien Willen zu wahren. Dies waren nur extreme Beispiele „medialer Irrtümer“ – in der Praxis fängt es oft schon damit an, dass ein Partner mehr und öfter Lust hat als der andere. Das ist eine persönliche Entscheidung und absolut in Ordnung.

couple-731890_1280Oft ist es nur das Problem, wie man „nein“ sagt. Es gibt diese brutal ehrlichen Menschen, die dann einfach sagen: „Keine Lust!“, sich wieder umdrehen und weiterschlafen. Das ist zu respektieren, schließlich gibt es keine Pflicht, sich zu rechtfertigen. Schöner, weniger belastend und hilfreicher ist es meines Erachtens jedoch, wenn es möglich ist, seine oft recht banalen Gründe kurz zu nennen. So wie: „Ich hatte einfach einen zu harten Tag“, „Ich fühle mich krank“ oder „Ich muss erst etwas in den Magen bekommen“. Wichtig finde ich hier, dass Erklären nicht Entschuldigen ist; denn es gibt nichts, wofür es sich zu entschuldigen lohnt. Man hat eben keine Lust auf Sex oder auf irgendeine außergewöhnliche „Bettsportdisziplin“, doch so kann der Partner zumindest das nötige Verständnis aufbringen, ohne dass eine latente Unsicherheit sich breitmacht und er vollkommen im Unklaren gelassen wird. „Nein“ sagen ist also notwendig und gar nicht mal so schwer – vorausgesetzt, es wird nicht als eine verdrehte Form von „ja, aber …“ wahrgenommen. So wie es die aktuelle „50 Shades“-Bestsellerreihe propagiert, wo der männliche Protagonist mit Aussagen wie „Dein Arsch gehört mir!“ seine jüngere, sozial schwächer gestellte „Partnerin“ immer wieder nur seinem Willen zu unterwerfen sucht und das (leider) nicht nur im „Roten Zimmer“, wo so etwas in einer BDSM-Beziehung zumindest ansatzweise nachvollziehbar wäre. Mal unter uns: Auf eine Beziehung, in der Grenzen nicht respektiert und Freiheiten nicht beachtet werden, kann man zumindest im echten Leben jederzeit getrost verzichten. Man kann die ganzen Missverständnisse um ein klar gesagtes und gemeintes Nein übrigens gemäß dem sehr minimalistischen Leitspruch und hierfür abgewandelten Zitat der Semiologin und Sprachwissenschaflerin Gertrude Stein zusammenfassen: „Ein Nein ist ein Nein ist ein Nein.“

  1. Liebe Anja,

    ich freue mich über jeden, der meine Beiträge teilt und sie den „Zielgruppen“ zugänglich macht.

    Viele Grüße
    Cat

  2. Sehr gut geschrieben! Das sollten sich auf jedenfall die noch eher unerfahrenen Jugendlichen durchlesen.. Liebe Grüße, Anja
    http://www.modewahnsinn,de

  3. cat

    Liebe Naomi, vielen Dank. Liebe Lisa, ich finde es schon nicht-einvernehmlich, wenn ein Mann sich den brtunkenen oder berauschten Zustand einer Frau zunutze macht. Oder eben „Erpressung“,ja. Auch emotionale Erpressung, wie „du liebst mich nicht, wenn…“ kommt vor.

  4. Also mein „Nein“ wurde seither immer akzeptiert.
    Ich finde deinen Schreibstil übrigens toll 🙂
    Liebste Grüße <3

  5. Ich finde es gut das das Thema momentan wieder stärker fokussiert wird. Dieses nicht akzeptieren eines Neins und genauso auch Erpressung, dass darf man nicht sein, denn es macht in der betroffenen Person innerlich unter Umständen viel kaputt… Soviel dass sie nicht mehr vertrauen und nähe zulassen kann. Und ich kann dieses „voll hat sie es nicht deutlich gesagt“ oder „er ist doch ein Mann“ „kein wunder, wie sie rumläuft“ nicht mehr hören. Das ist krank!

  6. Hi 🙂 Toller Beitrag, indem sich glaube ich jeder identifizieren kann. Du kannst echt toll shreiben 🙂 LG Naomi

  7. cat

    Wir sind in einer glücklichen Lage, dass wir es vielleicht nie erleben werden, nicht respektiert zu werden. Leider gibt es immer wieder auch den anderen Fall.

  8. Bin nicht ganz sicher was ich davon halten soll 😀 hatte eigentlich noch nie Probleme das mein Nein nicht verstanden wurde. Vllt macht es die Art wie man es sagt?
    LG Nina von blondebeautybeasts

  9. Hallo Missi,

    warum nur die Herren? Es gibt sicher eine Menge Fälle, wo auch Frauen ihre Männer „emotional erpressen“, um etwas Bestimmtes zu bekommen in Sachen Sex.

    „Erpressung“ kann körperlich grob oder subtil grausam sein.

    Viele Grüße
    Cat

  10. Ich kann Dir da nur in allen Punkten zustimmen. Ein Nein ist ein Nein, da müssen die Herren eben damit leben. Aber eigentlich sollte so etwas zumindest in einer funktionierenden Beziehung ja kein Problem sein 🙂
    Viele Grüße,
    Missi

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