cat’s couch – Die Schönen und die Biester – Kolumne

Die Schöne und das Biest - 1946 - franz. Verfilmung
Die Schöne und das Biest – 1946 – franz. Verfilmung

Wir Frauen, oder viele von uns, kommunizieren nicht wie ihr Männer. Wir reden nicht wie ihr, benutzen andere Worte und Bilder, um mit unserer Umwelt in Kontakt zu treten. Kurz: Für manche Aliens vom Mars ist es schwierig, mit manchen Aliens von der Venus so etwas wie eine Galaxienfusion zu bilden, um im Star Wars-Jargon zu sprechen. Der Ton unter den Mars-Männern kann so rau sein, dass die Venus-Frauen sofort Abstand nehmen würden; andersherum schüttelt der Mars-Mann beizeiten den Kopf über das biestige Verhalten unter Venus-Frauen. Doch weg von typischen Sinnbildern aus dem Weltall und zurück auf den irdischen Boden der Tatsachen.

Die irdische Attraktivitätsforschung hat für die unterschwelligen Feindseligkeiten unter Frauen, im Volksmund auch als „Stutenbissigkeit“ bezeichnet, einfache Erklärungen. Diesen Thesen nach konkurrieren Frauen untereinander um einen bestimmten Archetyp Mann, den starken, verlässlichen Beschützer mit den besten Genen. Ein Alphamännchen, das sich intuitiv nur die Schönste unter ihnen aussucht – weswegen sich ein Großteil weiblicher Lästerorgien um das Äußere dreht. Das ist natürlich größtenteils archaischer Blödsinn, auch wenn wir tief im Inneren vielleicht doch dieses Konkurrenzgefühl in uns tragen. Ganz so einfach ist es trotzdem nicht, selbst dann nicht, wenn unser Schönheitsideal noch Elemente des Archaischen innehat. Dabei sind Schönheitsideale – bei allem Respekt vor der Ästhetik – ein echtes Ablenkungsmanöver, und zwar ein kollektives.

Leopardenleggings - Foto: Privat
Leopardenleggings – Foto: Privat

Es scheint sich allem Fortschritt zum Trotz in den Medien und im „realen“ Leben doch darum zu drehen, ob eine Frau „schön“ oder „hässlich“ ist, auf jedem kleinen Schönhetsfehler wird herumgehackt. Hat Jennifer Lawrence Cellulite, und ist Rihanna etwa schwanger, weil sie eine ungewöhnliche Rundung am Bauch hat? Trägt Madonna nun Achselhaar, und warum zum Geier wagt es Kim Kardashian, ausgerechnet so ein Kleid zu tragen? Haben die denn alle keinen Spiegel zu Hause,  oder ihren Stylisten und Imageberater entlassen? A propos Geier – wie die Geier stürzt sich nun auch ein ganzer (weiblicher) Internetmob auf zwei harmlose kleine Nippel, die sich durch das Shirt von Gwyneth Paltrow durchdrücken. Da frage ich mich als Frau, ob ein Teil der weiblichen Bevölkerung noch ganz dicht ist. Es herrscht Krieg auf der Venus, Ursache: ein paar splissige, verfärbte Strähnen in den Haaren irgendeiner VIP. Auf dem Planeten der Mars-Männer wird derweil das Wasser knapp, die rechte Szene blüht auf und im Nahen Osten schlagen sich Israeliten und Palästinenser immer noch die Köpfe ein – aber egal, Hauptsache, die Haare liegen.

Bevor ich hier in den Verdacht der (Venus-)Volksverhetzung komme: Ich verstehe das, irgendwie. So falsch, oberflächlich und kontraproduktiv es auch sein mag, es hat seine Gründe. Die sind nicht einfach so auszuschalten. Die soziologische Theorie des sozialen Vergleichs besagt, dass Menschen, um sich selbst zu definieren, andere als „überlegen“ oder „unterlegen“ einordnen. Wie es um unser Selbstbild und das Bild von anderen Frauen steht, ist also eine äußerst unstete Sache – je nachdem, was dem Konsens nach als „schön“ oder auch nur „normal“ gilt. Nicht zu vergessen: Wer sich selbst positiv sehen will, muss irgendwen anders für „unterlegen“ halten. Wir lernen sehr früh, uns über unser Erscheinungsbild zu definieren und die anderen ebenso über ihres. Eine kleine Selbstbeobachtung: Auch, wenn ich mich dagegen wehre, habe ich mindestens einmal in zehn Minuten negative Gedanken über das Aussehen und Auftreten einer anderen Frau.

Ja, ich finde, 90% aller Frauen stehen keine Röhrenjeans. Leggings ohne langes Oberteil sehen in meinen Augen aus wie Hose vergessen, und muss frau denn mit diesen Oberschenkeln eine Hotpants anziehen? Dann noch in Knallpink … Oh Graus … Wenn ich schon so denke, was müssen die anderen dann von mir denken! Ab jetzt gibt es nur noch schwarze, gerade Hosen und Oberteile in A-Linie, um zu vertuschen, dass ich in Wirklichkeit nur so tue, als sei ich eine Sanduhr. Immerhin gilt die Sanduhrfigur als Inbegriff von Sexiness und Schönheit. Tatsächlich vergeude ich viel wertvolle Zeit damit, den „Überlegenen“ ihre kleinen Füße und schlanken  Schenkel zu neiden, innerlich den Kopf über die „Unterlegenen“ zu schütteln und selbst im Durchschnitt zu bleiben, um nicht durch unvorteilhafte Betonungen aufzufallen.

Touché. Ein wenig verrückte Venus-Frau steckt wohl doch in mir. Ich träume davon, eine Gazelle zu sein, fühle mich aber im Gegensatz zu den echten Gazellen wie ein Elefant. Die „Überlegenen“, die dem Ideal entsprechen, sind ebenso Biester wie alle anderen – nur sind sie zumindest als schöne Biester anerkannt. Dabei wollen wir doch alle nur eins: Anerkennung. Wir wollen geliebt und angenommen sein und koppeln dies zu oft an unser Äußeres, weil wir es nie anders gelernt haben. Wir möchten, dass man(n) uns hübsch, sympathisch und liebenswert findet und tun eigentlich viel zu viel dafür. Auch wenn das für viele heißt, Gift zu verspritzen und wie ein ängstlicher Terrier um sich zu beißen.

Dabei sollten wir eher bellen als beißen und an der unsichtbaren Leine zerren, die so viele noch in Richtung Klon-Schönheit zieht. Dass es ein neues „Kurvenideal“ als Gegenbewegung gibt, macht die Sache nicht besser. Man sollte jedem Schönheitsideal eigentlich beide Mittelfinger zeigen. Das alles, liebe Mars-Männer, wissen wir heutzutage – eigentlich. Doch noch immer steht in vielen Köpfen Mars für den Mann als starker Eroberer und Machthaber und Venus, die intrigante Göttin der Liebe, Schönheit und Verführung, für die Frau. Bis wir die Schönheit wirklich auf ihren Platz verwiesen haben, wird es noch ganz schön biestig zugehen.

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