Cat’s Couch: Balance halten

Peder Severin Krøyer - Porträt seiner Ehefrau - 1889
Peder Severin Krøyer – Porträt seiner Ehefrau – 1889

Wir Frauen werden weitgehend nicht nur als das schönere, sondern auch als das weniger egoistische Geschlecht angesehen. Was auch bedeutet, dass man(n) häufig von einem sehr ausgeglichenenen Gegenüber ausgeht – ist das mal nicht so, sind wir „komisch“ oder „drehen ab“. Etwas, das wir Frauen übrigens auch gerne mal einem unbeherrschten Mann unterstellen. Warum Gelassenheit, Selbstbeherrschung und Geduld uns Vorteile bringen – und wann man verliert, wenn man niemals die Contenance verliert.

Geduldig, sanftmütig, ausgeglichen und in allem ein wenig gemäßigter als unsere männlichen Zeitgenossen, so war das Idealbild von Frauen, seit Bücher geschrieben wurden. Machtmenschen, Krieger, Abenteuer, Eroberer in der Geschichte – fast alles Männer. Mit glanzvollen Ausnahmen wie Nofretete, Cleopatra, oder aber auch den allein herrschenden Königinnen in England. Es geht hier nicht darum, Krieg, Größenwahn oder Risiken über alle Maßen hinaus in den Himmel zu heben. Fakt ist nur: Lange Zeit wurde unsere Menschheit mehr oder weniger bewusst in Rollen unterteilt, die maßgeblich davon abhingen, ob man nun ein nach außen oder nach innen gestülptes Geschlechtsteil zwischen den Beinen trug, Kinder zeugte oder austrug oder eben mit Waffen Tiere jagte oder nicht. Fakt ist auch, ohne das nun erst einmal zu bewerten, Frauen wurden seit jeher ein zurückhaltenderer, gemäßigterer Charakter und eine höhere Leidensfähigkeit zugeschrieben, oder sollte man sagen: zugeschoben? Die Frage ist: Stimmt das, oder ist das nur ein Mythos, der einfach nicht aussterben will?

Ich glaube ja, die Wahrheit liegt in der Mitte. Es gibt durchaus die Situationen, in denen Frauen enorme Schmerzen aushalten können, ohne hinterher die ganze

Francis Newton Souza - Die Geburt - 1955 - Privatbesitz
Francis Newton Souza – Die Geburt – 1955 – Privatbesitz

Welt zu hassen. Dazu gehört zum Beispiel die Geburt eines Kindes. Schuld daran sind einzig die Hormone, die auch später mit dafür sorgen, dass eine Mutter nicht allzu schnell von einem Wesen genervt ist, das sie teilweise nicht einmal in Ruhe aufs Klo gehen lässt. Das kann übrigens auch für junge Väter gelten: Würde man(n) ansonsten aus der Haut fahren, wenn ein anderer Mensch ihm auf sein Hemd kotzt, ist das beim eigenen Kind nur halb so schlimm. Demnach auch kein reines Frauenphänomen. Allgemein finde ich ja, immer ausgleichend selbstbeherrscht zu sein und viel Leid zu ertragen, ist nicht immer ein Kompliment. Das bedeutet nämlich, dass eine Person sich wohl niemals so recht aus ihrem Status Quo heraustrauen wird und, ganz simpel, dass es einfach viel zu viele Schmerzen gibt, die schlichtweg vermeidbar wären. Wer immer egoistisch ist, wird irgendwann allein dastehen, doch wer es nie ist, es gar verwerflich findet, bleibt vielleicht immer ein Teil einer Masse, der einfach nicht heraussticht. Impulsiv oder ausgeglichen, eher ruhig oder eher extrovertiert, rational oder emotional reagieren … Das sind reine Charakterfragen, bei denen es egal ist, was man zwischen den Beinen trägt. Warum ein wirklich „ausbalancierter Modus“ schwer zu erreichen ist und warum uns eine ständige Selbstbeherrschung auch schaden kann, geht alle an.

Was impulsive Menschen von selbstbeherrschten lernen können …

Kräfte sparen: Wer wegen jeder Kleinigkeit, die ihn nervt, gleich aus der Haut fährt, lebt anstrengend – und manchmal sogar kürzer. Er verbraucht Energie wie eine auf Stufe fünf gestellte Heizung bei offenem Fenster. Oder wie ein Motor, der langsam, aber sicher heiß läuft.

Weniger Streit: Unberechenbare Menschen machen sich oft leider unbeliebt. Sie sagen im Rausch der Emotionen Dinge, mit denen sie andere verletzen und die ihnen hinterher leid tun. Das kann auf Dauer einsam machen oder die Beziehung zu ihrer Mitwelt komplizierter gestalten, als sie sein müsste.

Keine Schnell- und Fehlschüsse: Mal wieder einen über den Durst getrunken und etwas Falsches dabei versprochen, nun ist der Geprellte sauer? Ups. Shit happens. Eine zu enthusiastische Prognose gestellt, und nun kommt nur die Hälfte des Umsatzes dabei herum? Das wäre mit etwas mehr Abwägen nicht passiert ….

Hohe Sicherheit und Verlässlichkeit: Ausgeglichene Menschen strahlen einfach etwas aus, das sie vertrauenswürdig macht. Sie scheinen alles um sich im Griff zu haben, vor allem sich selbst. Das lässt sich vor allem an typisch „seriösen“ Berufen wie Ärzten, Anwälten und Bankberatern erkennen – mit dem richtigen Auftreten schaffen sie es immer wieder, ihrer Klientel Fakten und Strategien nahezulegen, die sonst nicht infrage gekommen wären. Ob das immer die Richtigen sind, weiß und reflektiert man oft erst im Nachhinein.

Sich selbst und Grenzen kennen: Wer sich selbst beherrscht oder es zumindest der Mitwelt zuliebe tut, kennt sich selbst und die eigenen Stärken, Schwachpunkte und Grenzen offenbar genau. Etwas, dem impulsive Menschen teils bewundernd, teils skeptisch gegenüberstehen – sind sie doch eher darauf gepolt, Grenzen auszuloten und hin und wieder auch zu überschreiten. Allerdings hat Selbst(er)kenntnis einen großen Vorteil: Sie hilft, Zufriedenheit zu finden und auch einfach mal nicht ständig auf der Suche zu sein.

Was impulsive Menschen ihren stets auf Ausgleich bedachten Zeitgenossen voraus haben …

Den ersten Schritt gehen: Das Wort „impulsiv“ kommt nicht umsonst von „Impuls“. Menschen, die aus dem Bauch heraus und spontan entscheiden, sind ihren abwägenden Kollegen und Freunden meist eine Idee voraus. Das kann schiefgehen – aber auch geniale und erstaunliche Ergebnisse bringen! Vermutlich hat J.K. Rowling auch keine eingehende Marktanalyse gemacht, bevor sie in einem Café einen Weltbestseller schrieb …

Neue Horizonte: Wer impulsiv handelt, ist auch oft experimentierfreudiger und weniger gewillt, in der eigenen Komfortzone zu bleiben. Es wäre schlicht zu langweilig für jeden, der seinen Horizont erweitern will! Auf eine Weltreise gehen, neue Erfindungen entwickeln oder sich auch nur voll auf eine Beziehung einlassen funktioniert mit einem mutigen Sprung ins Unbekannte.

Stur nach vorne schauen: Es ist auch eine Form von Zielstrebigkeit, die mancher Vernunftmensch eher negativ sieht – das Festhalten an Zielen, die erfahrungsgemäß erstmal keinen Sinn ergeben. Dennoch weist auch eine gewisse Sturheit auf einen starken Willen hin, der andere beeindruckt. Bye bye, Vergangenheit – hallo, Zukunft!

Natural Born Leaders: Auch das bedeutendste Unternehmen beginnt mit einer Investition, einem Risiko, einer „verrückten“ Idee. Wer sich traut, hin und wieder auch die Grenzen des Vernünftigen, Logischen und Bewährten hinter sich zu lassen, kann andere mit seinem Enthusiasmus anstecken und und ihnen als Visionär vorangehen.

Kompromisslos ehrlich: Jemandem total undiplomatisch die Meinung geigen, freiwillig das empfindliche Beziehungs- und Harmoniegefüge aufrütteln und die Konsequenzen standhaft und immer noch kämpferisch ertragen können – für viele Harmoniebedürftige ist das ein Angstszenario. Manchmal lohnt es sich jedoch, einen Kompromiss als Basis allen Zusammenlebens zu hinterfragen, über Bord zu werfen und neu zu verhandeln.

Was ist nun die beste Strategie? Ich würde sagen: „Balance halten“. Eine Balance zwischen Selbstbeherrschung und Emotion, Kompromiss und (gesundem) Egoismus. Manche Entscheidungen erfordern Köpfchen, bei anderen entscheidet die Intuition, ohne dass wir wissen, warum. Wir, Frauen wie Männer, wissen zwar genau, welche Quartalszahlen es zu verbessern gilt und wie dieses Ziel erreichbar wird. Es sind Zahlen, Strategien, bewährte Methoden. Eine Schwangerschaft, die noch nicht geplant war, oder der Antrag, auf den wir unterbewusst irgendwie gewartet haben, aber eben nicht jetzt gerade. Und doch kennen wir die Antwort irgendwie ganz genau, wenn wir in uns hineinhorchen. Ganz „egoistisch“, irrational, vollkommen unbeherrscht. Manchmal glücklich, manchmal schmerzhaft für irgendwen oder uns selbst – und doch das einzig Echte.

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