Kategorie: unterwegs

Sassnitz | Von Blumentöpfen, Pudding- und Mördersteinen

Die Bezeichnung „Puddingstein“ hatte der deutsche Geologe v. Hagenow bereits 1839 eingeführt wissenschaftlich bearbeitete. Große, röhrenförmige Feuersteine (Flinte) hatte v. Hagenow so genannt, weil sie unwillkürlich an einen großen, umgestülpten Pudding erinnern. Heute wird der Name in der Literatur für Feuerstein-Kongiomerate mit kieseligem Bindemittel verwendet.

Foto: Piet Marsfeld

Die außergewöhnliche Form der Flinte regte die findigen Bewohner der Insel Rügen dazu an, sie als Blumentöpfe für ihre Hausgärten zu benutzen, was ihnen den Namen „Sassnitzer Blumentöpfe“ einbrachte. Doch auch auf der dänischen Kreideinsel Mön finden sie derartige Verwendung. Man kann sie, schön mit Stechpalmen und Petunien bepflanzt, dort in den Parkanlagen des Schlösschens Liselund bewundern. Doch auch die Fischer erkannten frühzeitig den Nutzen des röhrenförmigen Steines und benutzten ihn als Anker.

Im Urgeschichtsmuseum in Stade an der Untereibe befindet sich ein „Ankerstein von Stade“. Uber ihn ist in älterer Fachliteratur viel geschrieben worden, und man rätselte dem Geheimnis nach, wie wohl das „Bohrloch“ in den Feuerstein, der bekanntlich außerordentlich hart ist, hineinproduziert worden sei. Doch die neuen Erkenntnisse der Wissenschaft machten bald den natürlichen Ursprung der „Bohrung“ deutlich. Was den Fischern als billiger Ankerstein willkommen war, brachte andere Küstenbewohner auf die Idee, unliebsame Zeitgenossen durch Zuhilfenahme des Flintringes aus dem Wege zu räumen und im Meer zu versenken. in der angelsächsischen Literatur sind die Röhrenflinte als Paramoudra-Flinte bekannt, was soviel wie „Mördersteine“ heißt.

Diese vielfach verwendbaren und die Fantasie beflügelnden Paramoudra-Flinte können beachtliche Größen in der Länge und im Durchmesser erreichen. Ursprünglich war ihr zentraler Hohlraum von Kreide erfüllt. Doch durch das Wirken der Erosion, Meeresbrandung und Verwitterung löste sich die Kreide schnell auf. So kann man sie nun als Flintröhren an den Geröllstränden der Kreide-Steilküsten finden.

Foto: Ch.Pagenkopf | Feuersteinform, auch „Sassnitzer Blumentopf“ genannt | CC-BY-SA-3.0 via wikipedia

In den Hauptfeuersteinlagen der Rügener Kreideprofile treten die Paramoudra-Flinte teilweise häufig auf. im Schreibkreide-Profil von Hemmoor (Niederelbe) liegt das Maximum der Paramoudra-Bildungen etwa 30 bis 40 Meter über der Grenze Unter-/Ober-Maastrichtien, die durch eine markante Tuffitlage gekennzeichnet wird. Hier kommt es zur Bildung von Riesenflinten mit einem Durchmesser bis zu einem Meter und Längen von vier Metern. Ihre Gesamtverbreitung erstreckt sich über den gesamten Ablagerungsraum der oberen Oberkreide, von den Inseln Rügen und Mön über die Kreidegruben Hemmoor und Lägerdorf (Schleswig-Holstein) bis hin zur südenglischen Kreide von Dover und Cromer.

Ebenso unterschiedlich wie die Bezeichnungen und vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten sind auch die Hypothesen über die Entstehung der Riesenflinte. in der deutschsprachigen, wissenschaftlichen Literatur war man lange Zeit geneigt, an die Deutungen des Geologen W. Deecke zu glauben, der von großen, zusammengesunkenen Becherschwämmen sprach.

Nach den neusten Untersuchungen deutscher und englischer Wissenschaftler ist diese Theorie jedoch nicht mehr zu halten. Bei den Paramoudra-Flinten haben wir Kieselausfällungen vor uns, die sich um die Grabgänge eines unbekannten, im Sediment lebenden Erzeugers gebildet haben. So wurden sie mit dem wissenschaftlichen Namen Bathichnus paramoudrae belegt.

***

Foto: falco via pixabay

Sassnitz (früher Saßnitz) ist ein Erholungsort und Hafenstadt auf der Halbinsel Jasmund im Nordosten der Ostseeinsel Rügen.

Weitere Sehenswürdigkeiten

Nationalpark Jasmund mit Königstuhl – Sassnitz liegt direkt am Südhang das Jasmund. Der Nationalpark beginnt direkt am Rand der Altstadt.

Stadthafen – Gerne besucht wird hier besonders der alte Fischereihafen. Hier flaniert man über die fast 2 km lange Mole oder kehrt auf gemütlichen Gastronomieschiffen zu Abend ein. Erwähnenswert in ein Gang über den gewundenen „Hafensteg“ von der Stadt zum Hafenbereich. Vom Bauwerk hat man einen netten Blick hinunter auf den Hafen.

Kurpromenade mit Seebrücke

Altstadt – Gelegen auf den ersten Ausläufern des Hochufers findet man hier teilweise noch schöne Bäderarchitektur. Die Altstadt von Sassnitz wurde seit der Wende noch nicht „komplett runderneuert“ und renoviert, wie dies in anderen Orten wie z. B. Binz der Fall ist. Diesbezüglich machte sich wohl der fehlende Sandstrand direkt im Bereich der Altstadt bemerkbar. Aber auch wenn nicht alles perfekt ist wie in anderen Badeorten auf Rügen, so ist die Altstadt mit Ihren Gassen dennoch auf jeden Fall einen Spaziergang wert.

Findling „Klein Helgoland“ – Der Findling liegt laut Wikipedia „370 m ostnordöstlich des Sassnitzer Kurplatzes, 15 m vom Ufer entfernt“; Volumen: 41 m³; Gewicht: 110 t

Tierpark Sassnitz – Der Tierpark Sassnitz liegt am Rande der Stadt, etwas versteckt in den alten Buchenwäldern des Nationalparks Jasmund. Einheimische und exotische Wildtiere. Mit Streichelgehege für Kinder.

Alaris Schmetterlingspark

U-Boot Museum HMS Otus – Im Hafen ist ein altes ausgemustertes britisches U-Boot, die HMS OTUS (Oberon Class) zu besichtigen.

unterwegs | Auf dem Golfplatz des Teufels

Die ersten Siedler, die diese Wüste betraten, riskierten dabei ihr Leben. Heute ist die Landschaft ein Touristenmagnet. Trotzdem glaubt man sich ans Ende der Welt versetzt.

Auf dem Golfplatz des Teufels

Am Weihnachtstag des Jahres 1849 lag – nach der Legende vor den ersten weißen Siedlern, die eine Abkürzung zu den Goldfeldern Kaliforniens suchten, ,ein Tal, das sie später mit den Worten „good bye, Death Valley“ verließen. Das Tal des Todes hatte ihre gesamte Ausrüstung und fast ihr Leben gekostet. Der Treck war in mehrere Gruppen zerrissen, die getrennt versuchten, der Hölle zu entrinnen. Arcane Meadows, Manley Peak, Jayhawker Canyon und viele andere Namen im Death Valley erinnern noch heute an die Familien des Zuges.

Shoshonensiedlung, 1870 | Foto: W. H. Jackson
Shoshonensiedlung, 1870 | Foto: W. H. Jackson

„20 Meilen vom letzten Feuerholz, 20 Meilen vom Wasser, 40 Fuß bis zur Hölle. Gott sei uns gnädig“, lautet ein Spruch aus der amerikanischen Pionierzeit. Namen wie Helis Gate, Dry Bone Canyon, Grave Canyon, Furnace Creek und viele andere lassen erkennen, wie trostlos und wild sich dieses Wüstental den ersten Weißen zeigte. Am „Burned Waggon Point“ verbrannten die Jayhawkers, eine der Familien des Trecks von 1849, ihre Planwagen, um das Fleisch ihres letzten Zugochsen zu braten. Dies war kein Land zum Siedeln. Trotzdem lebten hier seit etwa 1000 Jahren Shoshone-lndianer.

Death Valley | Foto: Alexandra Raddatz
Death Valley | Foto: Alexandra Raddatz

Death Valley im Osten von Kalifornien ist heute bequem im Wagen von Las Vegas (rund 200 Kilometer) oder Los Angeles (rund 340 Kilometer) zu erreichen. An den Einfahrtstraßen stehen auf den Höhenzügen Tanks mit Kühlwasser für die Autos bereit, und Hinweiszettel liegen in Kästen aus: „How to survive in Death Valley” (wie man im Tal des Todes am Leben bleibt), ein Tribut an den modernen Massentourismus, der Menschen auch in die entlegensten Gebiete führt. Die Touristensaison beginnt im Oktober und dauert bis März. Dann findet man hier offene Hotels, Campingplätze und Tankstellen. ln der Hitze des Sommers, in der nur wenige Menschen das Tal besuchen, sind die meisten dieser Einrichtungen geschlossen.

Die Straßen – eine führt von Nord nach Süd durch das insgesamt etwa 250 Kilometer lange Tal, eine andere kreuzt in Ost-West-Richtung – werden täglich von Aufsichtsbeamten der Nationalparks nach liegengebliebenen Autos kontrolliert. Trotz aller Hilfen fordert die Natur auch heute hier noch immer regelmäßig Tote, die meist dem eigenen Leichtsinn zum Opfer fallen. Es gilt: Bei einer Autopanne im Wagen bleiben. Wer sich hier im Sommer ohne Trinkwasser längere Zeit schutzlos der Sonne aussetzt, ist verloren.

Zabriskie Point | Foto: Brigitte Werner
Zabriskie Point | Foto: Brigitte Werner

Obwohl 1922 in einer Wetterstation in Libyen, Al Aziziyah, mit 58 Grad Celsius die „Weltrekordhitze“ gemessen und damit Death Valley (56,7 Grad Celsius im Jahre 1913) „geschlagen“ wurde, ist das Tal des Todes wahrscheinlich der heißeste Landstrich der Erde. Die mittlere Juli-Temperatur beträgt hier 47 Grad, die Bodentemperaturen klettern sogar über 80 Grad Celsius. Auch die Nächte bringen – im Gegensatz zu anderen Wüstengebieten der Erde – durch die spezielle Luftzirkulation in dem tiefen Tal nur wenig Abkühlung, so dass die niedrigsten Nachttemperaturen im Juli noch über 30 Grad liegen. An etwa 100 Tagen des Jahres werden Temperaturen über 38 Grad Celsius gemessen. Hier, im Regenschatten der Sierra Nevada, fallen zudem pro Jahr nur durchschnittlich fünf Zentimeter Regen. Entsprechend niedrig ist die Luftfeuchtigkeit: Selbst wer in der größten Mittagshitze im Death Valley wandert, kommt kaum ins Schwitzen.

Noch ein Rekord: Die Salzpfanne des Bad Water ist mit 86 Metern unter Meereshöhe der tiefste Punkt Nordamerikas. Die Berge dagegen, zwischen die das nur zehn bis zwanzig Kilometer breite Tal eingebettet ist, erreichen in Death Valley ihrem höchsten Punkt, dem Telescope Peak, 3367 Meter. Death Valley liegt in einem Erdbebengürtel, der sich von Feuerland im Westen des amerikanischen Kontinents bis Alaska hinaufzieht. Regelmäßig werden hier Beben registriert. Das Tal des Todes ändert so auch in diesem Erdzeitalter noch ständig sein Gesicht, wie viele der jungen Krater vulkanischen Ursprungs zeigen. Das Gesicht des Tales ist vielgestaltig: Regionen wie von einem anderen Stern mit bizarren Erosionsformen wechseln mit trostlosen Salz- und Sandwüsten ab. Feindselig jedem Leben gegenüber erscheint die Gegend um Bad Water im Süden. Große Salzpfannen überziehen hier das Land.  Ein Aussichtspunkt in den Bergen über Bad Water heißt „Dantes View“. Sah so die Hölle des Dichters aus?

Devils Golf Course | Foto: LoggaWiggler via pixabay
Devils Golf Course | Foto: LoggaWiggler via pixabay

Unmittelbar am Rande der Pfannen, bei einem Chlorid- und Sulfatgehalt des Bodens von mehreren Prozent, findet sich bereits erstes Wachstum: Salzpflanzen. Der Artenreichtum der Flora nimmt mit dem allmählichen Anstieg der Talsohle nach Norden hin zu. So stößt man bei Furnace Creek auf die ersten Mesquite-Büsche (Prosopis strombolifera), deren Bohnen die Ernährungsgrundlage der indianischen Urbevölkerung darstellten. Mit bis zu 20 Meter tiefen Wurzeln hat sich diese Pflanze dem Wüstenklima angepasst. Nördlich von Bad Water liegt der Golfplatz des Teufels, Devils Golf Course: Flaches Land, so weit der Blick in der flimmernden Hitze nach Norden reicht. Der Boden ist zerrissen, wie umgepflügt, und die Schollen sind dick mit Salzausblühungen überkrustet. Diese bizarre Landschaft wurde durch einen flachen See geschaffen, der vor etwa 2000 Jahren austrocknete.

The mating season of the tiny Salt Creek pupfish is in springtime. | National Park Service
The mating season of the tiny Salt Creek pupfish is in springtime. | National Park Service

Vor einigen tausend Jahren, während der Eiszeiten des Pleistozäns, gab es hier mehr Wasser. Man nimmt an, dass Death Valley damals über den Amargosa River mit dem System des Colorado Rivers zusammenhing. Vermutlich dieser Tatsache verdankt Death Valley eine zoologische Attraktion, ein unscheinbares, wenige Zentimeter großes Fischchen, den Pupfisch. Die Tiere, die auch im Colorado River vorkommen, haben hier endemische Rassen entwickelt, die in der Lage sind, Wassertemperaturen bis über 35 Grad Celsius und Salzgehalte, die ein Mehrfaches über dem des Meerwassers liegen, zu ertragen. Aber auch einigen anderen Tierarten gelang es, sich auf das extreme Klima einzustellen. Ohne jedes tierische Leben sind praktisch nur die Salzpfannen im Süden des Tals. Die Flucht vor der Tageshitze mit unerträglichen Bodentemperaturen ist allen Tieren gemeinsam. Nur die Heuschrecken scheinen sich auch in der Sonne wohl zu fühlen.

Kängururatte | Piet Marsfeld
Kängururatte | Piet Marsfeld

Eidechsen, Känguruhratte und Sidewinder – eine Klapperschlangenart, die sich äußerst elegant so fortbewegt, als würde sie auf einem Luftkissen über dem heißen Boden schweben – verkriechen sich tagsüber in Höhlen oder unter Steinen. Eine kleine Leguanart, der Collared Lizard (Halsbandleguan), die hier im Südwesten der USA beheimatet ist, kann Temperaturen bis zu 45 Grad Celsius ertragen. Die Tiere gehen aufrecht auf den Hinterbeinen, wenn der Wüstenboden zu heiß geworden ist. Die wenigen Vogelarten, die im Sommer im Death Valley angetroffen werden, sowie die Coyoten und die Bighornschafe suchen, wenn die Sonne höher steigt, meist in den Bergen Zuflucht.

Halsbandleguan | Foto: Susan Aken
Halsbandleguan | Foto: Susan Aken

Nur widerwillig verlassen die Tiere den schützenden Schatten. Zwei Kolkraben, die ich in den großen Dünen in der Mitte des Tals unter Mittag antraf, hatten sich, dicht aneinandergedrückt, einen winzigen Schattenfleck ausgesucht. Die Vögel, die hier ebenso vorsichtig und scheu sind wie bei uns, flogen erst ab, als ich mich ihnen auf etwa sechs Meter genähert hatte. Wer sich jedoch früh am Morgen im Tal aufhält, kann den Coyoten, der in den Erzählungen der Indianer die Rolle unseres schlauen Fuchses einnimmt, auf seinen Beutezügen beobachten oder Bighorns zur Tränke ziehen sehen.

Zabriskie | Foto: Brigitte Werner
Zabriskie | Foto: Brigitte Werner

Heute führt – wie schon anfangs gesagt – in erster Linie der Tourismus Menschen in dieses Gebiet. Ende des 19. Jahrhunderts wurde hier in mühsamer Arbeit das „weiße Gold der Wüste“, Borax, gefördert. Verfallene Boraxmühlen säumen noch heute die Straßen. Gerüchte von Goldfunden ließen in kürzester Zeit mehrere Städte aus dem Boden schießen. Die Ruinen von Rhyolite beziehungsweise das, was von dieser Ansiedlung nicht zum Aufbau neuer Boomstädte abtransportiert wurde, zeugen heute noch von einer Stadt, die in den Jahren 1905 bis 1908 bis zu 10 000 Einwohner zählte. Damals gab es hier ein Schwimmbad, zwei Krankenhäuser und eine Eisenbahn. Schon 1911 war Rhyolite jedoch eine Geisterstadt. Zahllose Geschichten kursieren noch aus dieser Zeit. Sie handeln von Gold- und Silberfunden, Abenteuern in der Wüste und vom „Twenty mule team“, dem „Zwanzig-Maulesel-Zug“, mit dem der geförderte Borax in zehn bis zwölf Tagen unter härtesten Bedingungen über 200 Kilometer durch die Wüste nach Mojave gebracht wurde. Eine der schillerndsten Figuren aus dieser Zeit, Death Valley Scotty, konnte sich sogar mitten im Tal selbst ein Denkmal setzen: Scotty’s Castle, ein Schlösschen, das heute von der Parkverwaltung betreut wird.

Boraxmühle Death Valley | Foto: Brigitte Werner
Boraxmühle Death Valley | Foto: Brigitte Werner

Etwa die Hälfte des Tales ist heute Nationalpark. Dieses Gebiet steht unter ständiger Aufsicht des Innenministeriums in Washington. Die staatlichen Richtlinien sind darauf abgestellt, die Landschaft in unverfälschter Form zu erhalten.

unterwegs | Von schwedischen Felsbildern nordischer Urzeit

In Schweden gibt es eine ganze Reihe von Felsbildern der nordischen Urzeit. Den klassischen Fundorten sind viele Publikationen und Reproduktionen gewidmet. Daher es von besonderem Reiz, weniger bekannten Darstellungen nachzuspüren.

Spuren im Stein | Von Felsbildern aus nordischer Urzeit

Dalsland – am Westufer des gewaltigen Vänern gelegen – wird mit seinen weiten Wäldern und vielen Seen von Kennern immer wieder als eine der schönsten Provinzen Schwedens gepriesen. Es gibt hier viel Einsamkeit. Für den Freund vorgeschichtlicher Felsbilder hält dieses Land einige besondere Überraschungen bereit.

Varviks Kirche | Dalsland
Vårviks Kirche | Dalsland

Abseits der großen Straßen gelegene Fundstätten sind gewöhnlich schwer zu finden. Die Felsen mit den Ritzungen, die wir hier suchten, sollten bei einem Anwesen namens Högsbyn am See Ravarp liegen. Natürlich war daheim beides nicht auf unseren Kaiten zu finden. Als Navigationshinweis diente uns lediglich die Angabe: „Halten Sie auf die beiden Scheunen zu, die zwischen den einsamen Birken am Ufer stehen. Dort ist es.“ Die beiden Scheunen waren, als wir den am See gelegenen Hof gefunden hatten, da – neben vielen anderen. Die Birken fehlten auch nicht – sie waren überall. Trotzdem fanden wir die Stelle. Und das Suchen hatte sich gelohnt.

Die Darstellungen liegen verteilt auf einer Reihe von Felsflächen, die aus dem Erdboden herausragen. Keine von ihnen ist jedoch so groß wie manche in der klassischen Felsbilderprovinz Bohuslän. Es bot sich den vorzeitlichen Steinbildhauern deshalb auch kein Raum für monumentale Darstellungen an. Ein erster Durchgang zeigte uns, dass es sich grundsätzlich auch hier um die üblichen Motive aus der Bronzezeit handelt: Schiffe und Radkreuze (darunter eins mit Doppelkreis), Schalengruben, nackte und beschuhte Fußsohlen, verschiedene menschliche und tierische Figuren und schließlich einige beachtenswerte abstrakte Zeichen. Das Ganze hat trotzdem seinen eigenen Stil. Vieles erscheint nicht ganz so meisterhaft und gekonnt wie bei einigen der bekannteren Fundorte.
Eigenartig ist jedoch eine anderswo nicht zu beobachtende Häufigkeit von Wellenlinien. Sie kehren immer wieder. Bei einer Platte legen sie sich fast zwischen alle anderen Motive. Manchmal werden sie sogar zu regelrechten Labyrinthen. Weshalb ihre Betonung? Was haben sie zu bedeuten?

Man hat sich immer wieder um die Klärung des Sinns der einzelnen Zeichen dieser Felskunst bemüht. So könnte das Radkreuz ein Symbol für die hier im Norden immer ganz besonders begehrte und daher auch verehrte Sonne gewesen sein; die Fußabdrücke deutet man als Zeichen von Gottheiten; die Schiffe werden zuweilen als Kultfahrzeuge angesprochen, die Glück und Segen bringen sollten; in den Schalengruben glaubt man, kleine Opferschälchen vor sich zu haben. Es gibt hier die verschiedensten Vermutungen, aber keine Gewissheit.

Welche Bedeutung könnte man hinter den Wellenlinien vermuten? Sollten sie Schlangen darstellen, die man neben den – bei männlichen Figuren häufig übergroß dargestellten – Phalli als Fruchtbarkeitssymbole kennt? Doch Köpfe, wie an anderen Fundstätten, tragen diese „Schlangen“ nicht. Sollte die Vermutung zutreffen, daß die Wellenlinien Symbole für das Wasser seien, für das kostbare Himmelsnass, auf das der bronzezeitliche Bauer für das Gedeihen seiner Ernte ebenso angewiesen war wie auf das Licht und die Wärme der Sonne?

Vielleicht könnte es bei der Enträtselung der Felsbildprobleme im skandinavischen Gebiet einen Schritt weiterhelfen, wenn man die Stellung der verschiedenen Motive zueinander einmal erfassen und durch einen Computer auswerten ließe. So hat der Prähistoriker André Leroi-Gourhan auf Grund von Computer-Untersuchungen nachgewiesen, dass die steinzeitlichen Bilderhöhlen im frankokantabrischen Gebiet keineswegs nach und nach durch Einzeldarstellungen ein zufälliges Gesicht erhielten, sondern daß sie planmäßig angelegte Sanktuarien waren.

Auch die schwedische Felsbildforschung hat sich seit ihrem Beginn immer wieder mit der Frage befasst, ob die Bilder auf den einzelnen Felsflächen sukzessive von Fall zu Fall eingeschlagen oder eingeschliffen wurden oder ob ihnen eine bewusste Komposition zugrunde lag und sie somit als geschlossenes Ganzes verstanden werden müssen. Einmütigkeit in der Auslegung besteht darin, dass die mit Bildern versehenen Felsplatten „heilige Flächen“ waren, die dem Anruf der Gottheiten und der überirdischen Mächte dienten; in Stein geritzte Gebete um Fruchtbarkeit für die Felder und für das Gedeihen des Viehs!

Fotos | Anton Hirschner
Fotos | Felix & Marga Pirner

Etwa 40 Kilometer südöstlich vom Ravarp-See – dort, wo der Dalbergsa in den Vänern mündet – befinden sich weitere Felsbilder; wenige nur, aber um so bedeutsamere. Es sind Darstellungen von Hirschen und Elchen, die nicht zur bronzezeitlichen Bauernkultur gehören, sondern zu „en jägar-kultur“, so dass sie also vermutlich noch der Steinzeit zuzuordnen sind. Die sogenannte „Waidmannskunst“ findet man hauptsächlich im Norden, vor allem an der norwegischen Küste. Man hat sie deshalb gelegentlich auch als „arktische Kunst” bezeichnet. Es überrascht, sie so weit südlich anzutreffen, zumal man mit ihr immer die Vorstellung von offenem Meer verbindet. Als wir über enge, raue Straßen den Hof Kvantenburg erreicht und auf einem verwachsenen Pfad ein Waldstück durchquert hatten, schauten wir von der Höhe einer schräg abfallenden Felsküste tatsächlich aufs „Meer“ hinaus – auf den gewaltigen Vänersee nämlich, der zehnmal so groß wie der Bodensee ist. Die Ritzungen hier liegen auch nicht_auf steinernen Flächen zwischen Feldern und Ackern, sondern – wie meist auch in ördlichen Gegenden – auf nacktem Felsabsturz, mehrere Meter über dem Wasserspiegel.

Von Land aus sind die Darstellungen gar nicht zu sehen. Und da die Felsen unmittelbar ins Wasser abfallen, gibt es auch keinen Strand, zu dem man hinabsteigen könnte, um von dort nach oben zu blicken. So blieb denn nichts weiter übrig, als die steile, zerklüftete Wand entlang zu klettern, jeweils in der Höhe, in der sich Griffe und Tritte für Hand und Fuß boten. Dabei fand sich zunächst ein bronzezeitliches Schiffsbild, das einst vielleicht der Seefahrt und dem Fischfang Glück und Segen bringen sollte.

Schließlich aber stießen wir doch auf die beiden Bilder von Hirschen oder Elchen. Sie messen jeweils 50 Zentimeter in der Länge. Sogleich erinnern sie an bestimmte Tierdarstellungen aus der norwegischen Bucht Vingen. Man zählt sie zu jener Gruppe, bei der die Tiere nicht mehr groß und möglichst naturgetreu wiedergegeben werden, wie vor allem im höheren Norden, sondern nur „klein, stark schematisiert” und „steif in der Linienführung“, wie Johannes Böe in seiner Monographie „Felszeichnungen im westlichen Norwegen“ es ausdrückt. Böe geht in seiner Arbeit übrigens auch auf stilkrítische Untersuchungen ein, nach denen die südlicheren und vermutlich jüngeren Bilder gewissermaßen „degeneriert“ sein könnten; oder aber es seien „weniger tüchtige“ Felsritzer am Werk gewesen.

Die norwegische Fundstätte Vingen, in der Nähe des Nordfjords, ist insofern aufschlussreich, als dort noch in historischer Zeit während des Herbstes Wildrudel von der Hochebene auf jene mit Zeichnungen versehenen Felswände zugetrieben wurden, damit sie schließlich an den Steilhängen abstürzen mussten: „Und auf der See darunter lagen wohl Leute in Booten und warteten, um sich die Beute zu sichern.“
Es lässt sich durchaus vermuten, dass schon der Steinzeitjäger diese Jagdmethode anwandte. Und so neigt denn Böe der Auffassung zu, dass diese Wilddarstellungen als „Nutzkunst“ zu betrachten seien, „als mitwirkendes Mittel, um das Wild heranzuziehen und die Richtung des Laufs nach der richtigen Stelle hinzulenken, wo die Tötung stattfinden konnte“. Der norwegische Vorgeschichtler A. W. Brögger spricht von in Stein geritzten Beschwörungen an die überirdischen Mächte:

„Schaffe uns reiche Herbstwanderung von Wild, das nach dem Meere zieht, so dass wir es hinunterstürzen können und Nahrung und Kleidung für unseren langen Winter gewinnen.“

Auch die beiden Wildbilder, hoch über dem Vänern, liegen an einem schrägen, glatten Absturz.
Auch hier wäre einem gehetzten Wild der Tod sicher gewesen. Vielleicht nützten Steinzeitmenschen also auch diese Felsen, um die zum Leben so notwendige Beute zu machen.

unterwegs | Persepolis – Annemarie Schwarzenbach | 1934

Persepolis

Annemarie Schwarzenbach
Annemarie Schwarzenbach

Winter in Vorderasien | Die Fahrt nach Persepolis dauerte zwei Tage. Doch mussten wir immer bis tief in die Nacht hinein fahren, denn es regnete und die Strasse war schlecht. Bäche stürzten über sie hinweg; Löcher, Gräben, richtige Flussbette bildeten sich. Es gab Reifenpannen, man sass in der Dunkelheit am Strassenrand und flickte. Oder der Magnet wurde nass – das war ein grosser Ärger. Der Chauffeur nahm ihn fluchend heraus, deckte ihn mit seinem zerrissenen Rock, um ihn vor dem Regen zu schützen, und goss Benzin darüber. Wenn ein Reifen geflickt wurde, schmierte er Leim über den Flicken und zündete ihn an; es gab eine kleine Flamme, die sich rasch ausbreitete, und der Mann blies hastig, um sie wieder auszulöschen.

persepolis-588885_1280_bakhramianBei all diesen Arbeiten half ihm das »verwahrloste Kind«. So hiess ein Junge mit einem Mongolengesicht und einem glattgeschorenen, dunklen Köpfchen. Er war vielleicht dreizehn Jahre alt, vielleicht schon siebzehn. Er hatte schwarze Augen und weinte oft. Unbeschreiblich zerrissen waren seine Kleider. Er band die Hose, oder was von ihr übrig war, mit einer Schnur zusammen, und aus den Schuhen sahen seine mit Lappen umwickelten Zehen heraus. Als wir von Teheran abreisten, besass er noch eine kleine schmutzige Ledermütze; sie glich einem Melkerkäppchen und war ausgefranst. Er setzte sie auf, dann drehte er sich um und lächelte mich an, ein wenig beschämt und zärtlich. Der Chauffeur, sein Meister, hatte ein böses Herz. Er griff plötzlich nach dem Käppchen, riss es dem Buben vom Kopf und warf es auf die Strasse. Als es kalt wurde, zog der Junge ein öliges und zerrissenes Stück Leinwand hervor und band es sich um. Er verknotete es fest im Nacken.

Er war sehr hässlich. Er hatte lange Affenarme, eine breite Nase, eine niedrige Stirn. Aber er verstand es, ergreifend zu lächeln.

Er war angestellt, Reifen zu wechseln, Wasser zu tragen, für Öl und Benzin zu sorgen. Ausserdem unterhielt er den Chauffeur. Er plauderte unentwegt und sang dazwischen. Er erzählte mit einer aufgeregten, hohen Kinderstimme, lebhaft, dramatisch, beifallfordernd. Wenn er sang, schlug die Stimme um und wurde tief und schwermütig.

Manchmal schlief er ein. Dann gab ihm der Chauffeur eine Ohrfeige, um ihn zu wecken, und er fuhr in die Höhe, rieb sich mit der schmutzigen kleinen Faust die Augen und erzählte schon wieder angeregt. Weiss der Himmel, was ihm immer einfallen mochte!

Er war für alles verantwortlich; deshalb wurde er viel geschlagen und hatte oft Ursache zu weinen. Dann geriet der Chauffeur in Verlegenheit, sass mürrisch am Steuer und vermied es, den leise und empört Schluchzenden anzusehen.

Ich warf ihm, sobald es zu regnen begann, meine Kurdendecke nach vorn. Er wickelte sich hinein und zog sie über den Kopf und sass wie in einem Zelt. Es stimmte ihn fröhlich, vor dem Regen geschützt zu sein, er sang heiter und lachte manchmal ganz ohne Grund.

persepolis-855738_1280_nicik200Der Chauffeur war ein Opiumraucher. Er war jung und von Leidenschaften gequält. Er liebte den Verwahrlosten, aber er konnte es nicht lassen, ihn bei jeder Gelegenheit zu schlagen. Vor den Tschaichanes hielt er an, legte sich drin auf eine Bank und kam eine Viertelstunde später wieder heraus und brachte eine Wolke von süsslichem Opiumgeruch mit. Bleich sah er aus, misslaunig, die Haare hingen ihm in die Stirn. Der Junge half ihm, über das aussen am Wagen festgebundene Gepäck zu steigen. Dann kurbelte er den Motor an, und wir fuhren weiter durch den Regen.

Die Ortschaften sahen trostlos aus. Am Abend des ersten Tages kamen wir an einen richtigen, breiten Fluss; träg strömten gelbe Wassermassen vorwärts, mitten im Fluss lagen zwei Lastwagen wie aufgebrochene Tiere.

Der Verwahrloste ging ins Wasser; es stieg bis über seine dünnen Schenkel. Wir kehrten um und fanden einen Führer im nächsten Dorf, der uns eine Furt zeigte.

Um ein Uhr nachts kamen wir nach Isfahan.

Am nächsten Tag sahen wir einen merkwürdigen Ort. Er lag wie eine Festung auf einem langen, steilen Felskamm. Die Häuser sahen weiss aus, aber sie waren verwahrlost und zerfallen. Brücken führten vom Felsen über die Schlucht auf das feste Land hinüber. Auf einer Seite des Felsens lag ein grünes Tal mit vielen kleinen Wegen. Aus seiner frischen Farbigkeit stieg die Stadt schemenhaft empor.

Sie hiess Jasd-e Chast.

Gegen Abend erreichten wir das Dach von Persien, eine ungeheure Einöde. Ich glaubte, dass wir jeden Augenblick am Ende der Welt sein würden.

Annemarie_Schwarzenbach_PrivataufnahmeIn der Dunkelheit fuhren wir hinunter, sahen ein Feuer in der Höhle einer Felswand, irrende Lichter von Hirten und aus Zelten rötlichen Schein. Felsen und Farnkräuter, eine gespenstische Gesellschaft, rückten uns nahe auf den Leib. Rechterhand lag ein Sumpf; silberne Weidenbäume neigten sich schweigend über das dunkle Element, Scharen von Fröschen schrien ohrenbetäubend. Das verwahrloste Kind schlief; der Chauffeur weckte ihn nicht und sang leise, um die Gefahr zu bannen.

Persepolis lag am Ende einer neuen Ebene, seine Säulen ragten auf hoher Terrasse wunderbar in den bewölkten Nachthimmel, und der Name wurde Wirklichkeit.

Ich war am frühen Morgen auf der Terrasse und sah auf die Ebene hinunter. Die Strasse von Schiras durchschnitt sie wie die Bahn eines Pfeils und endete an blauen, verschwimmenden Bergketten.

Die Säulen der Säle und Paläste, ihre Tore, Höfe und Treppenaufgänge traten aus dem Schatten der Dämmerung tönend hervor. Was der königliche Name enthielt, nahm hier Gestalt an und verdichtete sich, wie durch einen einzigen Schöpfungsakt, in endgültige und sprechende Form gebracht.

Unlike the Mediterranean and the Black Sea, towards the end of the 16th century the Caspian Sea was still not well explored and mapped. 1570 map by Fernão Vaz Dourado.
Zur Landkarte | Anders als das Mittel- und das Schwarze Meer war das Kaspische Meer bis Ende des 16. Jh. weder gut erkundet noch entsprechend kartografiert. 1570 entstand diese Karte aus der Hand von Fernão Vaz Dourado.

Die gleiche Reinheit des Stils, Unverletzlichkeit eines Weltbilds, die gleiche Schranke und Abwehr der Freiheit neben einer höchst raffinierten Technik und einem unfehlbaren Geschmack fand ich im Detail: in den sich aufbäumenden und verhaltenen Stierhäuptern, den ritterlichen Pferden mit ihren Glöckchen, Zügelringen und kunstvollen Gebissen, den schreitenden Kamelen der Tributbringer, den Reihen der Soldaten und der schmalen und anmutigen Hand des Blütenträgers.

Schiras liegt weiss, von dunklen Zypressen umrahmt, in einer grünen Ebene. Wir fuhren mit dem Lastwagen von Persepolis hinüber und erblickten die Stadt am Fuss des hohen, kahlen Passes. Sie ist reich an Heiligtümern. Drei Dichter liegen in ihr begraben, auch Hafis, der so viel Wein in all ihren Schenken und Gärten getrunken hat.

Auf den Hügeln ringsumher liegen kleine Moscheen mit spitzigen Minaretten, auch sie von Zypressen umgeben. Schiras ist, wie die Stadt Florenz in der Toskana, heiter und kunstsinnig, voll von Gärten und Brunnen.

Wir blieben den ganzen Tag in dem grossen Garten eines englischen Freundes und dachten an Europa.

Am Abend holte der Chauffeur uns wieder ab. Er hatte Benzin und Öl gekauft, und der Wagen fuhr schwerbeladen und langsam die Passstrasse hinauf.

Eines Nachts, es war gegen zwei Uhr, fiel es uns ein, nach Naksch-e Rustam zu fahren. Weshalb nachts? Die Begriffe der Zeit waren mir abhanden gekommen, und am hellen Tag hätten wir es nicht gewagt.

Der Weg war vom Wasser unterbrochen; mitten in sein steiniges, zerlöchertes Bett hatte sich ein Fluss gestürzt, die Ufer waren steil und brüchig. Gurgelnd lief das Wasser um unsere Räder, floss über das Trittbrett und unsere Füsse, als wir die Durchfahrt versuchten.

Lange rührte sich der Wagen nicht mehr; die Räder drehten leer und schleuderten das Wasser in hellen Garben von sich. Dann packte der Motor wieder an, und der Wagen sprang wie ein Tier die Böschung hinauf.

So erreichten wir nach einer Stunde die Felswand von Naksch-e Rustam.

Oben, in einer der Grabkammern, schliefen Wächter. Wir weckten sie mit lauten Rufen; da erschienen sie mit Lampen, sie leuchteten in die Tiefe, und das Licht glitt langsam über die Tributzüge und Besiegten, über die grosse schwarze Wand und wieder aufwärts zu den Königsgrüften.

Die Wächter holten ein Seil und eine Leiter und liessen sich einer nach dem anderen zu uns herunter. Sie trugen unsere Pustine und begleiteten uns mit ihren Lampen, als wir im Rücken der Felswand emporstiegen.

Es war halb vier Uhr, als wir oben ankamen; eine wunderbar klare Nacht. Vor uns fiel Naksch-e Rustam senkrecht in die Tiefe.

Wir wickelten uns in die Pustine und legten uns zum Schlafen nieder. Zuerst blendete uns der mit Sternen besäte Himmel; aber wir kehrten das Gesicht der Erde zu und schliefen gleich ein.

Zwei Stunden später weckte uns die Morgenkälte. Durchsichtiger Dunst lag über der Ebene; die Felsen waren noch grau von der Nacht, aber die Berge am Rand der Welt schwebten losgelöst wie grosse Segelschiffe durch das Meer des beginnenden Tages. Als die Sonne aufging, glänzte unten der Fluss wie ein schwarzer Spiegel.

Die Wächter brachten uns Tee. Wir stiegen mit ihnen hinunter zu den Gräbern, den edlen Königen, den Reiterkämpfern. Hirten halfen uns, den Wagen durch das Wasser zurückzubringen.

Kamelkarawanen reisen des Nachts. Sie brechen in der Stunde der Dämmerung auf und ziehen auf der grossen Landstrasse Persiens nordwärts, vom Golf über Schiras und Isfahan oder südwärts von Täbris und dem Kaspischen Meer gegen Teheran. Grosse und kleine Glocken hängen am Hals der Tiere oder seitlich an den Tragsätteln. Die Kleinen bimmeln ganz hoch, melodiös und traurig, die Grossen schlagen gleich heidnischen Gongs und dröhnen wie dumpfe Trommeln. Von weither vernimmt man sie – erst wenn man ganz nahe ist, tauchen die wiegenden, langlippigen Tierhäupter auf, hinter ihnen, schweigend und verhüllt, die Gestalten der Treiber.

Es ist in der jetzigen Jahreszeit des Nachts noch ziemlich kalt. Aber aus alter Wüstengewohnheit ziehen die Karawanen nicht am Tag, sondern während der Stunden der tiefsten Dunkelheit.

Wir setzten, nach dem Abenteuer von Naksch-e Rustam, unsere nächtlichen Fahrten fort.

Es war eine wirksame Versuchung.

Denn was am Tag mit seinen gewöhnlichen Einteilungen und Mahlzeiten eben noch erträglich war, das entzog sich in der ungewohnten Abfolge von Abend, Nacht und Dämmerung vollends unseren Massen. Und liess sich im hellen Tageslicht die Grösse der Landschaft noch auflösen in Ebene und Hügel, Strasse und Bachlauf, Wiese, Feld und Geröll, so wurde alles des Nachts eine einzige gigantische Gestalt, und in der Morgendämmerung, kurz vor Sonnenaufgang, schien das Weltall greifbar und rollte sich majestätisch vom Nacht- zum Tagesgestirn.

Es kam leicht vor, dass Fassung und Gleichgewicht ausbrachen wie scheugewordene Pferde. Ratlos und entfremdet stand man vor seinem nach Zeit und Kräften begrenzten Dasein . . . Dafür trat eine vage Hoffnung ein, dass man sich welttragenden und -bewegenden Mächten getrost überlassen dürfe. Sie zu erkennen, gab zuerst das Gefühl einer grossen Freiheit, doch bald war man ermattet und sonderbar enteignet – wie konnte das zugehen? Ja, man sah bald ein, dass es galt, Verführungen zurückzuweisen und sich mannhaft zu behaupten. Denn wie sollen wir sonst den Kreis unseres Daseins überstehen, der sich am Ende schliesst?

Weisse Strahlenbündel blendeten uns auf der Landstrasse nach Pasargadai. Von weitem sahen wir die alte Königsstadt liegen, und das Grab des Kyros leuchtete in der Sonne wie ein Edelstein. Zwischen den Hügeln lief die Heerstrasse und verschwand im magischen Tal der blauen Segel; wie ein Fluss, der eine Strecke weit in unterirdischem Bett fliesst, so verschwand sie und tauchte bei der dritten Königsstadt, Persepolis, wieder auf.

Dann wurde es Nacht, und wir fuhren immer weiter und die Dörfer waren erstorben; zwischen leprafarbigen Mauern schlugen Hunde rasend und wutentbrannt an.

Vor Benzinstationen stauten sich Lastwagen wie eine Traube in der engen Gasse. Feuer brannten, Lampen und Samoware leuchteten aus dem Inneren der Tschaichanes.

Zerfetzte Buben liefen mit den schweren Benzinkannen hin und her; die Chauffeure polterten aus der Teestube, öffneten die Haube ihres Motors und beugten sich prüfend darüber. Kinder hielten das Licht. Auf Zehenspitzen schlichen Bettler umher und lallten eintönige Klageweisen.

Wir fuhren wieder; die kahle Landstrasse war eintönig, und wir füllten sie mit dem Brausen unseres Motors.

Ich fuhr nicht mehr mit dem verwahrlosten Kind. Der Architekt von Persepolis begleitete mich, und wir fuhren im grossen Wagen der Expedition. Um uns wach zu halten, erzählten wir uns kleine Geschichten und agierten und lachten wie Schauspieler. Ringsum stand uns steinernes Schweigen entgegen.

Spät in der Nacht lag unter uns Isfahan, mit weitverstreuten Lichtern. Man erkannte den Fluss und fuhr durch die dröhnende Brückengalerie. Bleich glänzte darunter das Wasser.

Wir blieben den folgenden Tag in Isfahan und sahen Meidan-e Schah, den klassischen Poloplatz: Von dem durch Holzsäulen getragenen Dach des »Hohen Tores« aus waren seine Ausmasse atemberaubend.

Wir gingen in die schöne Moschee Lotfallah und erfreuten uns an den zarten und köstlich gerankten Ornamenten seiner Mosaike aus Persiens bester Zeit; wir gingen in die Masdsched-e Schah des Afghanenbefreiers (mehr ein Monument als ein Kunstwerk) und in die Freitagsmoschee, Masdsched-e Dschome; sodann in die dörfliche Harun-e Welajat: In weissen Wandnischen waren dunkle Heilige gemalt, Reiter vor einer romantischen Landschaft, und mitten im sauber gefegten Hof hing an bronzener Kette eine Lampe. Fromme beteten dort und tranken Wasser aus einem alten Brunnen.

Auch Tschehel Sotun verfehlten wir nicht. Der Name bedeutet »Vierzig Säulen«, doch sind es in Wirklichkeit nur zwanzig, ein von zwanzig schlanken Holzsäulen getragenes Vordach – aber sie spiegeln und verdoppeln ihre Zahl in dem länglichen Teich, der sich wie ein Teppich vor dem Schlösschen ausrollt und blühende Kirschbäume zart gebrochen in sich aufnimmt . . .

Den Nachmittag verbrachten wir im Basar von Isfahan, der erfüllt ist vom Gehämmer der Kupferschmiede, vom Klopfen der Silberschmiede, vom Brausen der Blasebälge. Auf den Galerien trockneten Federschachteln und Buchdeckel und all die Arbeiten der Lackmaler in der Sonne. Ein Miniaturenmaler zeigte uns die Darstellung eines Polospiels, die er in elf Monaten langer Arbeit für die Königin von England gemalt hat: Hundert Pferde in gestrecktem Lauf füllen den Meidan-e Schah, Pappeln begrenzen ihn, und die Säulen des Hohen Tores.

Um halb zehn abends fuhren wir weiter, die ganze Nacht hindurch.

Wieder folgten sich Pass und Ebene, kahle Landschaft, nächtlich blass, und Ketten, die sich als kühne Schattenwerfer in den meergleichen Horizont schoben. Auf den Höhen wehte ein frischer Nachtwind, dann glitt man hinab und folgte dunklen Flussläufen. Und so Stunde um Stunde, nur der Himmel wechselte und war bald wie ein samtener Vorhang, mit Sternen besät, bald von milchigen Wolken erhellt.

In den Tschaichanes, wo wir Tee tranken und harte Eier assen, lagen Chauffeure, in Teppiche gewickelt. Blasse Kinder holten heisses Wasser aus dem Samowar und bedienten uns schweigsam und erstaunt.

Um drei Uhr nachts blieben wir in einem Fluss liegen und arbeiteten wohl eine Stunde lang, um den Wagen wieder auf festen Grund zu bringen.

Erst gegen sechs Uhr begann die Dämmerung. Bergketten tauchten auf, vom dunklen Violett und fast schwarzer Stahlfarbe bis zum Gelb und zarten Blau. Fast in Wolken aufgelöst, trat – zweihundert Kilometer entfernt – endlich der Demawend hervor. Wir warteten auf einem Hügel, bis die Sonne, durch Feuergarben angekündigt, schwarz kreisend über dem roten Rand der Erde aufstieg.

Nun flossen Schatten und Licht übereinander hin; Wärme verbreitete sich, der kahle Boden färbte sich rosa.

Wir kamen nach Kum, der heiligen Stadt, und schon blendete die Sonne unsere übermüdeten Augen.

Dort gab es ein letztes Hindemis: Die Strasse war überschwemmt; man leitete den Verkehr durch die engen Basargassen, Lastwagen und Eselherden stauten sich und verstopften alle Adern. Wir warteten hinter einem Lastwagen eingekeilt, bis man sich entschloss, von jedem Chauffeur zwei Kran einzusammeln, um den Hausbesitzer am Ende der Gasse zu entschädigen; als das Geld beschafft und zur Stelle war, begann man dann munter, die störende Hausecke abzuhacken.

Wir erzählten uns nichts mehr. Die letzte Strecke war schlecht, das Steuerrad schlug in unseren Händen hin und her. Um zwölf Uhr mittags fuhren wir, ausgedurstet und verbrannt, durch das bunte Stadttor von Teheran.

Pahlewi, 15. April 1934

Pahlewi, ein Hafen am Kaspischen Meer. Man schickt von hier den Kaviar nach Europa. Russische Fischerboote liegen im Hafen, die Männer tragen Ölstiefel und pelzgefütterte Kappen.

Drüben, jenseits vom Meerarm, worin die Schiffe gut geborgen schaukeln, gibt es Amtsgebäude, eine Post, eine Bank und Gartenanlagen mit weissgestrichenen Holzgittern. Man fährt in kleinen Ruderbooten hinüber und bezahlt fünf Kran dafür.

Die Stadt hat ein Nebelgesicht. Sobald sich der Nebel verzieht, regnet es in langen Fäden. Den ganzen Tag brennen Öllampen in den kleinen Läden der Hauptstrasse. Es gibt Wodka zu kaufen und natürlich Kaviar.

Es regnet seit drei Tagen. Hinter mir, ganz eingehüllt in Wolken, Nässe, Wasserdampf und Nebelschwaden, liegt der Pass von Kaswin, das Hochland: Persien. Ich bin schon an der Grenze.

Soeben war der Chauffeur da, ein Armenier, und hat sich verabschiedet: Leute aus Russland sind angekommen, er muss sie nach Teheran bringen. Er war ein angenehmer Mensch.

Nun also ist er fort.

Der Nebel sinkt jetzt so dicht, dass man im Hafen die Schiffe nicht mehr erkennen kann, nur die auf- und abschwankenden Maste. An einem Mast hängt nass und schwer eine rote Fahne. Obwohl man ihn für einen Gespenstermast halten könnte, gehört er zu einem russischen Dampfer, und mein Billet lautet auf seinen Namen.

Heute nachmittag um vier Uhr fährt das Schiff nach Baku.

Architektur | Der Markusplatz in Venedig | Über unsere Koordinationsfähigkeit im Raum

Für ein Raumwunder, das sich vielleicht auch anderswo wiederholen könnte, bietet der Markusplatz in Venedig ein unvergleichliches Experimentierfeld. Der Versuch ist dort oft genug angestellt worden, immer mit demselben – negativen – Erfolg.

s060a

Man nimmt etwa am Punkt A Aufstellung, um den Platz mit geschlossenen Augen in gerader Linie zu durchschreiten.
Der Idealweg würde der punktierten Linie entsprechen; aber selbst wenn man vom Weg abkommt, müsste man doch die gegenüberliegende, die Domseite, erreichen können. Denn der Weg ist nicht all zu lang, er beansprucht etwa zwei Minuten, und so viel Orientierung in gerader Linie traut man sich zunächst auch mit geschlossenen Augen zu. Man hat ja gegenüber 82 Meter Breite zur Auswahl! Die ersten zehn, fünfzehn, auch zwanzig Schritte gelingen auch meistens ganz nach Programm. Allein plötzlich erfolgt eine kleine seitliche Schwenkung, die sich zügig weiter biegt; und wenn der Wanderer die Augen aufschlägt, so erblickt er sich zu seinem Erstaunen auf dem Weg zu den Neuen oder Alten Prokuratien, wo er beim Punkt B oder C landen würde. Ein auch nur annäherndes Überqueren des Platzes in vorgefasster Richtung ist noch niemals Irgendeinem geglückt.

s060b

Aber der Versuch hat neben dem negativen Erfolg auch ein positives Ergebnis, nämlich eine Aufklärung über die Koordinationsfähigkeit des Menschen hinsichtlich seiner Bewegungen im Raum. Er zeigt, in wie hohem Grad wir geneigt sind, unsere Anpassung selbst an die elementarste geometrische Vorstellung zu überschätzen, sobald wir sie aus dem Gehirn auf eine Muskeltätigkeit projizieren. Die »absolute« Raumempfindung hat übrigens im Ohr ihren Sitz. Wussten Sie das? Zur »relativen« Orientierung indes ist, wenigstens beim normalen Menschen, selbst bei geringen Abmessungen die Mitwirkung des Gesichtssinns unerlässlich. Im Gehirn allein ist nichts vorhanden, was auch nur über wenige Schritte die Funktion eines Kompasses übernimmt.

venice-726908_1280

Fauna | Der Sperlingsvater der Tuileries

Im Pariser Tuileriengarten gab es viele Jahre lang ein alltägliches Idyll der besonderen Art.
Um die Mittagsstunden erschien ein nachlässig gekleideter, mit einem unmöglichen Filzhut bedeckter und überhaupt wenig anmutig wirkender alter Herr, der sofort der Mittelpunkt einer wahren Vogelwallfahrt wurde. Von allen Seiten flogen die zahllosen Spatzen des Gartens herbei, setzten sich dem Herrn »Pol« auf den Kopf, die Arme, die Hände, und gaben durch ihr ganzes Gebahren zu erkennen, dass zwischen diesem Mann und ihnen eine innige Beziehung obwaltete; vielleicht noch obwaltet, wenn Monsieur Pol noch leben sollte, und falls der Krieg die zarten Fäden zwischen ihm und der Vogelwelt nicht zerstört hat.
Niemals ist beobachtet worden, dass er die Tierchen »abrichtete« oder durch Kunstgriffe zähmte; sie gehörten eben zueinander, wie die Wesen im Urzustand nach dem Bild, das die Dichter vom goldenen Zeitalter entwerfen. Dass Monsieur Pol die Taschen voller Körner und Brosamen hatte, versteht sich von selbst, konnte aber für die Tatsache nur als Begleitmotiv gelten; denn tausend andere füttern die Vögel, ohne im entferntesten einen derartigen Freundschaftsgrad zur gefiederten Welt zu erzielen.

Foto: Gerhard Bögner
Foto: Gerhard Bögner

Das Merkwürdigste aber war, dass die zahllose Schar von Sperlingen ihm gegenüber keine unterschiedslose große Masse bedeutete, sondern individualisiert war, wie die Schüler einer Klasse. Jeder einzelne Sperling hatte seinen Namen und kannte ihn: Jacques, Philippe, Josephe, Mirabeau, Général Hoche, Jean und Jeannette, und jeder folgte dem Namensanruf umgehend.
Monsieur Pol hatte anfänglich mit den Gärtnern zu kämpfen, denen die Menschenaufläufe unbequem waren. Allein die höheren Instanzen verschafften ihm freien Weg wie staatliche Anerkennung, und eines Tags konnte sich der Vogelzauberer seiner piependen Gemeinde als Ritter der Ehrenlegion vorstellen.

Rune Guneriussen | Kunstwerke des Urbanen in der Natur

Rune Guneriussen | Märchenhafte Installationen | Norwegen

Man stelle sich vor, in der Dämmerung einen Wald zu beschreiten  – die Formen des Gehölzes beginnen mit der Dunkelheit der Nacht zu verschmelzen – um dann unvermittelt auf eine Ansammlung von Tischlampen zu treffen, die Ihnen in den Weg leuchten. Dieses schöne und doch ein wenig unheimliche Licht erfüllt den Wald mit einem Glanz, der mit der trüben naturgegebenen Szene brillant spielt, und wenn die Fantasie freien Lauf hat, könnte man denken, man sei bei Alice im Wunderland oder von seltsamen terrestrischen Quallen umgeben.

(c) Rune Guneriussen

(c) Rune Guneriussen

Der norwegische Konzeptkünstler Rune Guneriussen erforscht die Möglichkeit eines Gleichgewichts zwischen menschlichen Kultur und der Natur mittels seinen OutdoorInstallationen mit elektrischen Lampen, gestapelten Büchern, Stühlen & Telefonen, die in kleinen Herden bzw. Schwärmen, die wie empfindungsfähige Wesen gesammelt scheinen. Jedes Werk wird in verschiedenen ländlichen Orten Norwegens aufgebaut und vor Ort fotografiert. Dabei darf kein Haus, kein sonstiger Kultgegegnstand vorhanden sein.

Rune Guneriussen über seine Installationen mit Alltagsgegenständen und wie sie zu Fotos werden, die in den exklusiven Galerien der Welt hängen. Eine Video der Deutschen Welle:

Alle Fotos © Rune Guneriussen

Sybille Pauli | Meine Sudienreise zum Rio Grande & die Schaffung von fotografierten Realitäten

Der Jaraquí ist ein Fluss wie der Apuaú, der Couieras, der Nini und hundert andere. Sie bilden zusammen den Rio Negro und sind Teil meines fotografischen Projektes über diese Region Amazoniens.
Ich sitze am Fluss und frage mich allen Ernstes, warum ich noch versuche, irgend etwas zu fotografieren. ich vergesse mein Thema, meine eigenen Vorgaben und beginne, die Kamera nahezu beiläufig zu gebrauchen, ebenso beiläufig wie das Ruder meines Einbaumes.  Ich beginne,mit meinen Bildern das zu tun, was ich im Geiste schon lange vollzogen habe.ich ergreife Partei für den Fluss, den Wald und die Menschen. Ich frage nicht mehr nach dem Warum, die Bilder kommen von alleine – aus mir heraus.

Amazona | Regenwald
Amazona | Regenwald

Fotografie ist ebenso wenig objektiv wie unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit und die ist, seien wir ehrlich, doch sehr subjektiv. Und wenn viele sich verpflichtet fühlen, in Brasilien Leid und Elend zu finden, so finde ich ohne die Probleme dieses Landes zu leugnen, eine ebenso präsente Realität, auch wenn es vielleicht nur meine Realität ist. Indem ich den Betrachter mit meinen Fotografien berühre, stärke ich Brasilien, ein Land, das wegen polarisierender Berichterstattung nur noch in Begriffen wie Armut, Elend, Karneval und Günstlingsstaat gehandelt wird. Seit Jahren finde ich in Amazonien viel von der Ruhe und Harmonie, die mir so oft abhanden kommen. Meine Fotografien sind Ausdruck dieser Sehnsucht, sichtbar gemacht in Bildern, die hoffentlich über das Zweidimensionale hinaus auch emotionale Spuren hinterlassen. Zum Teil trifft dies auf mich zu; allerdings brauche ich die dreidimensionale Atmosphäre in regelmäßigen Abständen brauche. Und wenn ich nur am Fluss sitze und mich frage, was ich hier überhaupt mache.

unterwegs | Annemarie Schwarzenbach | In Aleppo, Syrien

Aleppo, 8. Dezember

Annemarie Schwarzenbach
Annemarie Schwarzenbach

Hinter uns die kilikischen Waldgebirge, weit weg der nüchterne Höhenrausch, hier die Stadt der sarazenischen Zitadelle, der mächtigen Torbrücke, hallender Gewölbetreppen, der kleinen Falken über dem Trümmerfeld. Von den Mauern sieht man auf die Stadt hinab; eine Strasse läuft rings um den steilen Hügel, da gehen die langsamen Kamele, die schreienden Esel, die Reiter auf weißen Pferden, die Soldaten, große Nubier in Turbanen, die Frauen, schwarz verschleierte Nachtvögel, und die singenden Straßenhändler. Hinter der Strasse die Gassen, die in den gedeckten Basar führen, die Kuppeln der Bäder, die Türme der Moscheen und Höfe mit farbigen Brüstungen voller Teppiche und gelb gefärbter Tücher, unten die Kaufleute und die Kameltreiber, weiße Kamele geduldig ruhend zwischen den Warenballen. Wir besuchten einen reichen Textilkaufmann; hinter dem Kontor, wo er uns Kaffee anbot, waren die halbdunklen Gewölbe angefüllt mit gestreiften Tuchen aus der Türkei, Seide aus Japan, Baumwolle aus Alexandrien, draußen im Hof lagen große verschnürte Ballen blauer Wolle aus Bombay. »Aus der Schweiz kaufen wir Kunstseide«, erklärte er mir, und buchstabierte die Namen Steckborn und Rorschach.
Ein anderer Hof gehörte einem Wollhändler, der syrische Schafwolle nach Europa schickte. »Dieses Jahr«, erzählte er, »haben wir zum erstenmal grosse Geschäfte mit den Sowjets gemacht.«

In den feuchten Gewölben seines Hofs sassen, in Wolken von Staub und eingebettet in Haufen schmutziger Wolle, Beduinenfrauen mit grossen Scheren. »Sie arbeiten wie Tiere«, sagte der Händler und rief Namen auf – die Gerufenen senkten scheu das Gesicht –, er fuhr fort: »Sie bringen das Geld, welches sie bei mir verdienen, ihren Männern. Es ist eine ungesunde Arbeit; die meisten sterben mit 35 Jahren.«

Der Mann mit dem Fes zuckte die Achseln.

Jacques hieß unser junger Freund, ein blasser, kraushaariger Libanese griechischer Abstammung, der uns in Aleppo von früh morgens bis spät in die Nacht begleitete. Am Abend führte er uns in alle Clubs der Stadt, zu den syrischen Nationalisten etwa, wo man kein Französisch, sondern nur Arabisch hörte und wo der europäische Hut verpönt war. Cercle de famille hieß der Club, wo keine Muslime zugelassen waren. Christen und Juden spielten dort Tischbillard, tranken Raki, der mit Wasser gemischt weiß im Glas schäumte, und aßen heiße Würstchen und gebratene Fleischklösse in warmem, aufgeschnittenem Brot.

Am späten Abend sassen wir mit Jacques, seinen Freunden und dem blonden Mädchen Maria bei Ibor, und Jacques erzählte uns von Musslimija: eine kleine Station, ich erinnere mich, traurig in gelbem Dämmerlicht, die Sonne schien zwischen den kahlen Zweigen schwarzer Bäume. Dort ist eine junge Fliegerin gestorben – sie landete, ihre Maschine erlitt einen kleinen Unfall, die Offiziere stürzten herbei, halfen ihr heraus, nichts war geschehen. »Drei Tage Reparatur«, sagte man ihr. Sie ging scherzend mit den Offizieren zur Baracke, man trug ihr Gepäck in ein kleines Zimmer und liess sie allein. Gleich darauf hörte man zwei Schüsse. Sie hatte sich getötet.

Jacques klopfte mit der geballten Hand auf den Tisch. »Ich habe das Mädchen nachher gesehen«, sagte er, verzerrt, »draussen in Musslimija.«

»Sie hiess Marga von Etzdorf«, sagten wir.

»Sie war noch jung . . .«

Ein junger algerischer Offizier begleitete uns auf dem Heimweg – ein auffallend schöner Mensch, blondhaarig, mit hellen Augen, die das Licht des Wassers, des Eises und des afrikanischen Himmels vereinigten. Der weisse Turban umrahmte ein schmales, dunkles Gesicht. Er redete knabenhaft und schwärmerisch, als gelte es die Sterne anzusprechen, dann zu uns, sich besinnend, eindringlich, männlich. »Ich liebe Algier«, sagte er, »und ich bin Soldat. Aber können Sie verstehen, dass dies eine Entschuldigung für den Krieg ist?« Wir beschwichtigten ihn, niemand behauptet das, sagten wir. »Ich habe es mitgemacht«, sagte er eigensinnig, »Krieg ist abscheulich, glauben Sie mir, es geht gegen die Ehre.«

Er blieb stehen und verabschiedete sich. Wir hörten seinen raschen Schritt auf dem Pflaster. Es war drei Uhr – um fünf Uhr musste er bei den Pferden sein.

Einige Tage später fuhren wir nach dem Dorfe Rihanija, welches auf halbem Wege zwischen Aleppo und Antiochia liegt. Dort, als Gast der amerikanischen Expedition, lernte ich in den nächsten Wochen die Grundlagen der praktischen Archäologie.

Wir harten in Rihanija zwei Chauffeure, beides Türken, und beide hiessen Hussein. Wir liebten Hussein den Jüngeren, der während des Fahrens türkische Lieder sang und uns Zigaretten verkaufte, hundert Stück zu zwanzig Centimes.

Aleppo Bazzar | Olivenseife
Aleppo Bazzar | Olivenseife

Wir fuhren während der Weihnachtsferien zu viert mit Hussein durch ganz Syrien und lernten alle Städte von Homs und Damaskus bis Latakia und Antiochia kennen. Keine verdarb uns den Geschmack an unserer Stadt Aleppo, die mit der weitschauenden Warte ihrer Zitadelle zwischen Meer und Wüste liegt, den Taurus im Rücken, nicht weit vom Euphrat: eine Grenzstadt, wo sich Türken und Araber hassen, vertriebene Armenier sich aufhalten und Juden, die nach Palästina wollen; Kaufleute aus allen Gegenden zwischen Japan und Russland, Irak und der Türkei, afrikanische Soldaten und französische Offiziere – alle unfreiwillig hier, alle bereit, über die Grenze zu wechseln, nach Beirut oder Ägypten zu fahren. Ja selbst die bunten Mädchen werden aus Beirut für kurze Zeit nach Aleppo geschickt und kehren in jene mildere und reichere Stadt zurück, wenn sie genug Geld verdient haben.

Daher kommt es, dass in Aleppo mehr gearbeitet wird als in anderen orientalischen Städten. Eine fast europäische Geschäftigkeit herrscht am Tag; am Abend und des Nachts gibt es leicht Streit. Man kann das im Laden von Leon beobachten, dem braven Mann mit den grossen Narben im Gesicht (sie kommen von den berüchtigten Aleppobeulen, im Basarviertel sieht man sie besonders häufig): Leon verkauft Raki, Whisky, Bier, Konserven, Hühner, Gewürze, Oliven und Fische. Des Nachts öffnet er seinen Laden gegen zwölf Uhr, brät Hühner, bereitet Sandwichs für seine späten Gäste und hört wortlos ihren geschwätzigen und streitsüchtigen Disputen zu. Um zwei Uhr, wenn die Bars und Dancings geschlossen werden, ist sein Laden voll von Offizieren und Mädchen, Kutschern und den dicken, französischen Barbesitzerinnen. Solange die Leute sich über Leon lustig machen, geht alles gut. Es wird gefährlich, sobald sie sich gegeneinander wenden. Ich sah dort einen Streit zwischen einem Libanesen und einem türkischen Kutscher. Der Kutscher war ein wüster Bursche, nicht älter als sechzehn. Er schimpfte den Libanesen einen sale Arabe – worauf dieser aufsprang und ihn drohend fragte: »Und du? Du nennst dich Franzose? Du bist nichts als ein Türke.« – Der blonde Algerier brachte die Streitenden auseinander und schob den fluchenden Türken auf die Strasse hinaus.

Zitadelle Aleppo
Zitadelle Aleppo

Die Türken sind hier sehr verhasst. Man hat mir erzählt, dass die meisten Banditen, die des Nachts die Automobile überfallen, aus der Türkei herüberkommen. Vor kurzer Zeit nahm ein französischer Leutnant etwa zehn solcher Leute gefangen und ließ sie auf der Stelle köpfen. Die Fotografie dieser schauerlichen Exekution wurde auf seinen Befehl an der Grenze in jedes Automobil gereicht, das in die Türkei hinüber fuhr. Der Mann ist später ohne Bestrafung versetzt worden.

Dieses Jahr wird es viele Beduinenüberfälle geben, weil die Schafherden durch den langen Regenmangel zusammengeschmolzen sind und die Nomaden schon jetzt Hunger leiden. Für gewöhnlich ist es weniger gefährlich, durch die Wüste zu fahren als des Nachts hier auf den grossen Strassen . . .

Immerhin haben wir mit Hussein, dem Türken, eine Reihe von Nachtfahrten gemacht, ohne dass uns etwas geschehen ist. Wir sind in vier Tagen durch ganz Syrien und zweimal über das Gebirge gefahren. Am ersten Tag verliessen wir Rihanija um fünf Uhr morgens und waren fünfzehn Stunden unterwegs. Ich kann mich an keine merkwürdigere Dämmerung erinnern als an die dieses langen Wintermorgens. Bei uns ist es um diese Jahreszeit um acht Uhr noch dunkel, und der Tag beginnt ohne Aufwand und allmählich – in Anatolien war es ein Feuer, ein Konzert von Farben, ein dramatischer Wechsel. Fast immer gab es Wind und fliehende Wolkenstreifen, und die Hügel, die schwarz die Ebene umkränzten, wurden plötzlich von goldenem Licht übergossen, während die Nacht sich in das sanfte und durchsichtige Blau des Gebirgshimmels auflöste.

Hier aber begann die Dämmerung schon um sechs Uhr, es wurde hell, Hussein drehte das Licht aus – aber die Ebene blieb grau, stumpf und leblos. Wir fuhren eine Stunde, zwei Stunden, ohne dass sich etwas veränderte. Das fruchtbare Ackerland von Rihanija ging in eine felsige Hochfläche über, und diese bald darauf in eine Steinwüste. Ein endloser Tag schien uns zu erwarten, ein grauer Dämmertag in dieser dumpfen Lichtlosigkeit, die an Traumlandschaften erinnerte.

Dann stieg plötzlich, dort, wo wir die irakische Wüste vermuteten, die Sonne wie eine kreisende Kugel empor, unwirklich rasch, ohne Strahlen, nur einen flimmernden Hof gelben Lichts um sich sammelnd. So schwebt das geflügelte Sonnensymbol auf den schönen Reliefs über den Göttern und Königinnen der Hethiter . . .

Simoinskloster bei Aleppo
Simoinskloster bei Aleppo

Nach einiger Zeit kam der Nebel und verschlang gierig das Land. Araberdörfer lagen an der Strasse; die sonderbaren, spitzen Bienenkorbhäuser wirkten nun durchaus gespenstisch, und als wir vor einem solchen Dorf haltmachten, kamen die Männer aus den Hoftüren, in ihre langen Mäntel gehüllt, blieben in einiger Entfernung stehen und riefen uns in ihrer rauhen Sprache ein paar Worte zu. Wir gingen näher, nur um uns von der Wirklichkeit ihrer Höfe und Lehmkuppeln zu überzeugen; sie folgten uns ernst, nun ganz schweigsam, und wieder war uns, als seien es keine Menschen, sondern Traumbilder.

Wir stiegen in den Wagen, einen Augenblick hellte sich alles auf, die Strasse wurde sichtbar, ein weisses Band, welches gerade über die Hügel lief. Gleich darauf war wieder alles von Nebel überströmt, Kamele traten plötzlich auf uns zu, reckten ihre langen Hälse empor oder schritten in stummer Kette, gravitätisch und grotesk, seitwärts durch das Feld.

Wir waren nachmittags in Damaskus; die schönen Ölhaine vor der Stadt versprachen viel, nachher war alles enttäuschend: die nüchternen Strassen, die Geschäfte, Taxihalteplätze, englischen Anschriften. Wir hielten uns nicht auf; eine herrliche Gebirgslandschaft führte uns hinüber in das grosse Tal von Baalbek. Daran hatten wir vielleicht den ganzen Tag gedacht – aber Baalbek gehört zu jenen heroischen Namen, die man nicht leichtfertig ausspricht, zu den Evokationen, den Anrufungen in der Wüste unserer Zweifel. Viele sind nachher enttäuschend, wie die Stadt Damaskus, andere werden gewaltsam profaniert und beraubt und sind anklägerisch wie geschändete Heilige . . . Ich glaube, dass für die üblichen Reisenden Baalbek schon zu den Plätzen gehört, die man gesehen haben muss – Palmyra, weit draussen in der Wüste, ist besser geschützt. Beide werden standhalten und vielleicht einmal vergessen und wiederentdeckt werden.

Ich hatte, wie jedermann, Fotografien von Baalbek gesehen. Aber man kann Dimensionen nicht fotografieren und Erlebnisse der Schönheit und der Vollkommenheit nur unvollkommen vermitteln.

Es war dunkel, als wir in Baalbek ankamen. Wir waren furchtbar müde und dachten, dass kein Bauwerk der Welt solche Strapazen wert sei. Wir stiegen zwischen den Häusern hinunter und folgten einem Fussweg, der einem Bach entlang führte. Aus einer Hütte kam Feuerschein und Gesang. Ein Araber folgte uns eine Weile und verschwand dann im Dunkeln. Nun gab es Bäume; es roch herbstlich nach feuchtem Gras und Nussblättern. Wir sahen zum Himmel empor, der hell und von Wind erfüllt war, und fast zufällig empfingen wir jetzt den mächtigen Anblick des Tempels.

Thronend erhöht der Rumpf über einem Feld zusammengestürzter Säulen; die letzten aufrecht stehenden ruhten gewaltig vollendet im nächtlichen Himmel. Durch eine Bresche in der Mauer erblickten wir eine andere Säulenreihe, ein einsames Bruchstück; aber was wir sahen, war vollkommen und gigantisch und fast übermenschlich. Ein Gefühl von Ohnmacht und Hingerissenheit erfüllte mich ganz – und die »Wüste des Unglaubens« schrumpfte zusammen wie die berühmte Haut des Wildesels. Aber was zurückblieb, war der ewige Zwiespalt jener Stufenreihe vom Verächtlichen bis zum Anbetungswürdigen, die das menschliche Wesen verurteilt und auszeichnet.

Noch in derselben Nacht fuhren wir nach Damaskus zurück, schweigsam diesmal; nur Hussein sang vorn das Lied vom betrunkenen Hodscha und trank dazu den Rest unseres Raki – man sollte nicht glauben, wie gut ihm das nach fast fünfzehnstündigem Fahren bekam. Am nächsten Tag sahen wir einiges in der Paulus-Stadt, aber ohne rechte Lust, denn es waren zuviel Führer da, die uns wie reiche Amerikaner betreuten; als wir jedoch Deutsch sprachen, zeigten sie uns in der Grabkammer des weisen Saladin eine Bronzelampe mit den Insignien Wilhelms II. Auch der Basar gefiel uns nicht. So blieb der Hof der grossen Omajjaden-Moschee mit den grünen Mosaiken, den Landschaften, Wasserläufen und Flüssen von bezaubernder, fast japanischer Zartheit; der Hof selbst aber, ein Festsaal unter dem leuchtenden Himmel, erinnerte uns an Venedig, und die Moschee, die einst eine christliche Kirche war, an die Hagia Sophia und an Byzanz.

Am Nachmittag fuhren wir auf herrlichen Strassen durch die blaue Kette des Libanon und erblickten noch vor der Dämmerung das Meer. Terrassenförmig senkte sich das Gebirge hinab, auf flachen Felsplatten und geschützten Erdhügeln standen die letzten Zedern Salomos; kleine Dörfer wechselten mit Lagern schwarzer, viereckiger Nomadenzelte, tiefer unten sahen die Ortschaften französisch aus; es gab kleine Restaurants an der Strassenseite, auch Tankstellen, Gärtnereien, Weekendhäuser. Die meisten Dörfer, nur im Sommer bewohnt, waren ausgestorben. Dann wieder Wald, und über das dunkle Laub der Orangenhaine hinweg erblickte man Beirut, vorgebaut auf die Landzunge einer weissen Bucht, eine südliche Küstenstadt, geschützt durch das Gebirge, reich an Gärten, Palmen, Pinien, hellen Häusern, kleinen Hotels. Im Hafen schaukelten die Maste der Fischer- und Handelsboote, Dampfer stiessen langatmige Sirenenrufe aus, Matrosen gab es, auch Offiziere und Negersoldaten . . . Bald sassen wir auf der besonnten Terrasse des Hotels Metropol und lernten Machmud kennen, einen Araber, zwanzig Jahre alt, der uns allen die Schuhe putzte. Wir fühlten uns schnell heimisch in Beirut.

Am nächsten Morgen fuhren wir in die Amerikanische Universität, um eine Keilschrifttafel abzuliefern, die man uns in Rihanija anvertraut hatte.

Professor Ingholdt zeigte uns dort sein archäologisches Museum: zuerst die Funde aus Hama, wo er jeden Winter einige Monate für Kopenhagen gräbt, dann die Säle mit den wunderbar vielseitigen Gegenständen aus ganz Syrien, von der Grenze Palästinas bis zur östlichen Wüste und der vielumkämpften Nordgrenze. Nebeneinander und in gleicher Vollendung findet man hier die schönen, bemalten Tongefässe Kretas und Mykenes, ägyptische Götter und den blitzschleudernden Teschup der Hethiter, und allein die Vergangenheit der Seestädte und jener grossen Heerstrasse, deren Reliefs und Bilderinschriften wir am Hundefluss sahen, ist eines der erregendsten Kapitel der orientalischen Geschichte.

Mir scheint dieses Land bei weitem gefährlicher als Anatolien, weil es gemischter und empfänglicher ist – gleichsam weiblich, eine Versuchung und Verführung des Geistes. Dort oben, in der rauheren Landschaft, herrschte eine durchaus männliche Kraft, eine, die sich widersetzte und sich nicht besiegen liess. Alle Durchziehenden, Eroberer und wandernde Völker, mussten dem Boden einen Tribut zahlen; die, welche blieben, veränderten sich und empfingen ihrerseits das Siegel Kleinasiens. Obwohl die Rassenmischung dort kaum geringer ist als in Syrien und die türkischen Einwanderer nur einige tausend betrugen, scheint uns doch die Bezeichnung, jemand sei Türke, durchaus befriedigend, während man jeden Syrer oder Libanesen danach fragt, ob er Araber, Grieche, Armenier, Jude sei.

Was sich dort oben zutrug, war stets Kampf, Sieg, Unterwerfung; Syrien aber war der grosse Raum der Umarmung und eines sonderbar faszinierenden Liebesspiels zwischen den Elementen der alten Kulturen.

Später kam die fruchtbare und leidenschaftliche Vermischung griechischen und orientalischen Geistes, aus der eine Quelle der Lieblichkeit entstand: griechische Anmut mit der religiösen Inbrunst des Ostens gepaart, und die schmalen geneigten Jünglinge vertauschten die lächelnde Trauer ihrer halboffenen Lippen mit der nach innen gekehrten Weisheit des östlichen Antlitzes.

Symbol jener liebenden Eroberung ist immer Alexander.

Wir hatten vom ersten Augenblick an grosse Sympathie für Beirut; das Leben muss dort leicht sein, der syrische Winter dringt nicht bis über den Libanon, und das Meer verspricht die milde Dauer von Riviera und Côte d’Azur. Wir wären gern einige Tage dageblieben, aber Bob bekam ein Telegramm, dass wir spätestens am nächsten Morgen in Rihanija zurück sein sollten. Wir fuhren den ganzen Nachmittag der Küste entlang nordwärts. Wir hatten herrliches Wetter, eine gute Strasse und die wechselnde Aussicht auf Meer und Gebirge. Unterwegs fotografierten wir ein arabisches Dorf, etwa in der Mitte zwischen Tripoli und Latakia. Der Küstenstrich ist dort nicht mehr so fruchtbar wie unten in Beirut; ein starker Wind wehte über die kahle Fläche, wo die niederen, langgestreckten Strohhäuser standen. Die arabischen Bewohner kamen mir sehr schön vor, besonders die halbwüchsigen Mädchen und die Kinder. Die Männer liessen sich gern fotografieren; sie erklärten Bob, dass wir ihnen Bilder schicken sollten, und jeder verlangte, allein aufgenommen zu werden. Mit den Mädchen war es schwieriger. Sie trugen keine Schleier, aber sie wandten das Gesicht ab, sobald sie den Apparat sahen. Als wir weiterfuhren, begleiteten uns alle Männer und Knaben zum Auto und gaben uns die Hand.

Es fing an zu dämmern, als wir nach Tartus kamen, aber wir hatten noch Zeit, die Kathedrale zu sehen, dieses ausserordentliche Bauwerk, welches die Kreuzritter hier zurückgelassen haben: einsamer und halbzerstörter Zeuge inbrünstigen Glaubens. Der grösste Teil der Ornamentik, die in Stein gehauenen Umrahmungen der Fenster und der Türe, sind herausgebrochen – aber irgendwo über einer leeren Fensterhöhle hockt noch ein Affenfrätzchen, ein winziger Verwandter der Chimären von Notre-Dame.

Wir liessen das Tor öffnen und fanden uns staunend in einer gotischen Kathedrale. Nur die griechischen Säulenkapitelle erinnerten daran, dass wir weit weg vom Boden Frankreichs waren. Über eine enge und steile Treppe gelangten wir auf das Dach eines der Seitenschiffe; nun war es schon dunkel, Schatten sanken über Gärten, Felder und Gebirge, aber das Meer glänzte mit tausend Schaumspitzen bis dorthin, wo die Nachtwolken es berührten. Wir fuhren noch zwei Stunden bis Latakia und übernachteten dort in einem grossen Hotel, wo wir die einzigen Gäste waren. Wir rauchten zu dritt eine Wasserpfeife; Bob tat es meisterlich, offenbar mit Erfahrung, aber auch er gab es auf, das Häufchen dunklen Krautes zu Ende zu bringen.

Ich schlief in einem Zimmer, welches auf eine grosse Terrasse mündete. So habe ich einmal in Südfrankreich geschlafen, und am Morgen flogen Schwalben vom Meer her in mein offenes Fenster.

Wir verliessen Latakia vor Morgengrauen und fuhren über das nebelumhüllte Gebirge wieder in die winterlichen Regionen. Hussein war schweigsam und nachdenklich. Erst als der Nebel dichter und der Weg immer schlechter wurde, begann er belustigt mit den Schultern zu zucken und uns einige verächtliche Bemerkungen zuzurufen. Kamele begegneten uns, ihre Treiber hatten die Gesichter zum Schutz gegen Wind und Kälte verhüllt. Endlich senkte sich die Strasse, wir sahen Daphne und das Tal des Orontes in der Tiefe liegen; die Sonne stand bleich über dem Fluss. Hussein begann rascher zu fahren; wir hielten uns in Antiochia nicht auf und kamen um elf Uhr vormittags nach Rihanija.

Quelle: Annemarie Schwarzenbach | Winter in Vorderasien | 1934

Annemarie Schwarzenbach (* 23. Mai 1908 in Zürich; † 15. November 1942 in Sils im Engadin; heimatberechtigt in Thalwil) war eine Schweizer Schriftstellerin und Journalistin.

Architektur | Le Corbusier | Notre Dame du Haut

Skizzen | Le Corbusier, Mein Werk, Verlag Gerd Hatje, 1960 | (c) SPADEM/COSMOPRESS
Skizzen | Le Corbusier, Mein Werk, Verlag Gerd Hatje, 1960 | (c) SPADEM/COSMOPRESS

Die Kirche in Ronchamp, auf einem Berg in der Burgundischen Pforte gelegen,dient nicht einer Pfarre, sondern Pilgern. Sie strömen an Festtagen herbei, um vor dem Gnadenbild Notre Dame du Haut zu beten und mit dem Priester das Messopfer zu bringen.

Le Corbusier hat diese Kirche geschaffen. Mittelpunkt des Grundrisses der Kapelle ist ein Dreieck, auf dessen Grundlinie die Altarwand steht. In die Altarwand ist ein Glasgehäuse mit dem Gnadenbild eingelassen, dass es zugleich für den Gottesdienst auf dem Pilgerplatz an der Außenfront dienen kann.
Von der Nord- und Westwand her „fließt“ der Kapellenraum in die halbrunden Nischen und Nebenräume, in denen Altäre stehen. Der Grundriss, der aus Rechtecken, Dreiecken und Halbkreisen besteht, bietet Räume für vier verschiedene Gruppen: im Schiff finden 200 Menschen Platz, in den Kapellen Gruppen von 10, 20 und 30 Gläubigen.

Der Grundriss lässt erkennen, dass die Wände in diesem Bau nicht rechtwinklig aufeinander treffen sondern in spitzen und stumpfen Winkeln; Decken und Wände kurven und biegen sich zu Kreisen und Halbkreisen.

Notre Dame du Haut - Grundriss | | Le Corbusier, Mein Werk, Verlag Gerd Hatje, 1960 | (c) SPADEM/COSMOPRESS
Notre Dame du Haut – Grundriss | | Le Corbusier, Mein Werk, Verlag Gerd Hatje, 1960 | (c) SPADEM/COSMOPRESS

Dem Grundriss entspricht auch der gebaute Raum. So hängt die Decke wie eine große Zeltplane über dem Innenraum und wölbt sich, fast freitragend, auch über den Pilgerplatz. Tiefe unregelmäßige Fensterschächte durchbrechen die Südwand: die Strahlenbündel fallen unter verschiedenen Winkeln weit gestreut in das Innere der Kirche. Die Innenwände der Kapelle sind mit großen Farbflächen bemalt. Alle Bildwerke und Plastiken stammen von Le Corbusier, der damit ein Werk geschaffen hat, das Baukunst, Malerei und Plastik miteinander verbindet.

Unsere Liebe Frau von der Höhe | Notre Dame du Haut

Der 1950 bis 1955 nach Plänen des französisch-schweizerischen Architekten Le Corbusier errichtete Kirchenbau zählt zu den berühmtesten seiner Art in der architektonischen Moderne. Aufgrund seiner zahlreichen visuellen Metaphern, des Reichtums seiner Raumgliederung sowie seines Vorbildcharakters gilt er als Ikone der Architektur. Seit Juli 2016 ist er zudem offiziell als UNESCO-Weltkulturerbe gelistet.

***

Ronchamp ist eine französische Gemeinde im Département Haute-Saône (Region Bourgogne-Franche-Comté) mit ca. 3000 Einwohnern. Ronchamp liegt am Fuß der Vogesen. Er gehört zum Regionalen Naturpark Ballons des Vosges.

Weitere Sehenswürdigkeiten: Die neogotische Pfarrkirche im Ortskern stammt aus dem 19. Jahrhundert, so wie der Puits Sainte-Marie genannte Schacht einer ehemaligen Kohlenzeche, deren Geschichte in dem Bergwerksmuseum Marcel Maulini geschildert wird. Das Steinkohlebecken besteht aus drei übereinander liegenden Kohleadern von 40 cm bis 3 Metern Dicke. Der Abbau erfolgte 1904 bis 1958 bis zu einer Tiefe von 994,64 Metern; seit 1946 war die Zeche verstaatlicht. In der Blütezeit dieser Zeche, 1860, waren hier 1503 Bergleute beschäftigt.

Die offizielle Webseite zur Wallfahrtskirche: http://www.collinenotredameduhaut.com/

Reisen | Max Dauthendey ¦ Himalajafinsternis

Max Dauthendey ¦ Himalajafinsternis

Aus: Geschichten aus den vier Winden – 1915

Max Dauthendey
Max Dauthendey

Das ist der Fluch und zugleich die Wollust des Reisens, daß es dir Orte, die dir vorher in der Unendlichkeit und in der Unerreichbarkeit lagen, endlich und erreichbar macht. Diese Endlichkeit und Erreichbarkeit zieht dir aber geistige Grenzen, die du nie mehr los werden wirst.
Wenn sich deine Seele, ohne daß dein Leib reist, an einen Ort hin versetzt, in dem du nie warst, so kann sie an dem Ort bald im Sonnenschein, bald im Regen, bald im Winter, bald im Frühling wandern, geisterleicht in einer Geisterlandschaft. Hast du aber den Ort einmal reisend mit deinem Leib erreicht und wirkliche Tage dort erlebt, so bist du dem Gefängnis der Wirklichkeit verfallen. Sobald du dich in späteren Jahren an den bereisten Ort im Geist zurückversetzt, kommst du nicht über die Grenzen der ehemaligen wirklichen Tage hinaus. Du siehst jenen Ort immer wieder, in ermüdender Wiederkehr, in derselben Tages- oder Jahreszeitstimmung, in der du ihn damals gesehen. Du kannst ihn nicht willkürlich mehr verwandeln. Du bist verdammt, ihn ewig genau so zu sehen, wie er sich dir auf der Reise gezeigt hat. Dies ist der Fluch, der die Seele des Reisenden belastet. Die Flügel der Geistigkeit werden ihm von der Wirklichkeit beschnitten. Der Vielgereiste haftet mehr an der Erde als der Niegereiste. Er erscheint mir sterblicher als die übrigen Sterblichen.
Es gibt eine einzige Möglichkeit, den Wirklichkeitsbann des Reisens zu durchbrechen und abzuschütteln. Das geschieht, wenn wir unsterbliche Erlebnisse heimbringen; wenn sich das Schicksal des Reisenden mit Menschenschicksalen fremder Orte so verknüpft, daß der Ort, die Landschaft, das Gesehene ganz an Bedeutung verlieren, ins Nichts sinken, und das am eigenen Schicksal Erfahrene Zeit, Ort und Wirklichkeit überragt.
Solche Erlebnisse sind selten, aber eins, zwei solcher Erlebnisse auf großen Reisen bleiben einem im Blut und Geist haften und überfallen einen zeitweise in der Erinnerung, und solche Erlebnisse können uns modernen Menschen den Schauer, die Ehrfurcht und die Erhebung ersetzen, die die früheren naiven Menschen in Gotteshäusern vor ihren Altären und Göttern empfanden, vor Göttern, die wir Modernen längst zum alten Eisen gelegt haben.

Mount Everest - Himalaya - Nuptse -Lhotse - Sagarmatha Foto: Simon Steinberger
Mount Everest – Himalaya – Nuptse -Lhotse – Sagarmatha Foto: Simon Steinberger

Ehe ich auf meinen Reisen oben im Himalajagebirge gewesen, konnte ich mir diese höchsten Erdzinken immer nur tief in weißem Schnee und unter ewig eisigblauem Himmel vorstellen, ähnlich den Erinnerungsbildern, die ich vom Montblanc, von den Dolomiten und den Schweizer Alpen mit mir trug. Jetzt aber, nachdem ich vor Jahren am Himalaja war, sehe ich dort im Geist keine ehernen Gletscher, keinen eisblauen Himmel mehr. Ich sehe dort die Erde grau in grau wandern, denn es war im Februar, als die Nebel aus der indischen Talsohle wie graue Felder heraufstiegen, Nebel in allen Schattierungen, in Schatten und Beleuchtungen wechselnd. Es war, als flögen die Berge; dann wieder versanken sie. In den Sternennächten wirbelten diese Nebel im Mondschein. Der riesige Himalaja schien sich fortzuwälzen. Bald stellten sich die Nebel wie Riesentreppen auf, schlugen sich zum Himmel hinauf und drehten sich um ihre Achsen wie ungeheuere Windmühlenflügel. Es blieb kein Oben, kein Unten, kein Links und kein Rechts mehr bestehen, als wäre der Himalaja eine Gedankenwelt geworden, in der sich fluchtartig Bilder und Eindrücke, Wirklichkeit und Unwirklichkeit jagten.
Siebentausend Fuß hoch oben in Darjeeling, dem weltbekannten Erholungsort der englisch-indischen Beamten, Offiziere und reichen Kaufleute, waren im Februar die meisten Villen geschlossen. Sie liegen mit ihren Glaswänden und Glasveranden wie aus Bergkristall aufgebaut an der Berglehne der hohen Gelände von Darjeeling. Dazwischen ziehen sich Teegärten mit niedrigem Teegebüsch hin, denn der Tropenbrodem, der vom großen indischen Reiche am Fuße des Himalaja zu den Höhen von Darjeeling heraufraucht, bringt einen Atem von Fruchtbarkeit über diese Südabhänge des Himalaja.
Heimgekehrt nach Europa, wäre ich jetzt, wenn ich an den Himalaja zurückdenke, ewig dazu verbannt, dort droben in Darjeeling den unendlichen, lautlosen, träufelnden Februarregen zu sehen, der aus den Nebelschwaden niedertroff, und ich müßte immer in die nebelwandernden Berge schauen, die mir nie mehr stillstehen würden, wäre mir nicht dort jenes Erlebnis begegnet, das mich zeitlos und weltlos ansieht, nicht gebunden an Tag und Jahreszeiten, sondern nur gebunden an die Allmenschlichkeit, an das Menschenherz, das rund um die Erde, an allen Orten gleich handelnd liebt und leidet, als wäre es ein einziges Herz.
darjeeling-197611_640Eines Nachmittags hatten mich die fünf Tibetaner, die meine Rikscha schoben, nach dem einzigen tibetanischen Tempel gefahren, der an einem Ende des Bergdorfes Darjeeling, nach langen Fahrten, auf verschlungenen Wegen erreicht wird. Der Tempel war einfach wie ein weißgekalktes Scheunenhaus und unterschied sich fast in nichts von tibetanischen Bauernhäusern. Er lag am senkrechten Abhang, von einigen verwilderten Bäumen umstanden, ein wenig einfach, und man hätte ihn ebensogut von weitem für einen kleinen Gasthof halten können.
Ich mußte einen nassen Vorgarten durchschreiten und hörte von weitem einen regelmäßig klingenden Ton. Es war der Laut der Gebetsmühlen, die nach jeder Umdrehung antönen. Unter dem Vordach des Tempelhauses stand eine mannshohe und mannsdicke gelbe Röhre aufgerichtet. Sie war von oben bis unten eng mit Gebeten beschrieben. Ein Tempelknabe in gelber Kutte drehte mit der Hand den gelben Zylinder, der sich auf einem Gestell rund um eine Achse bewegte. Jede Umdrehung des Zylinders galt soviel als das vollständige Ablesen der tausend Gebete, die eingedrängt auf ihr geschrieben waren.
Drinnen im Tempel war es dunkel wie in einem Stall. Hinter dicken Holzgittern standen die geschnitzten Götter, deren alte gebräunte Vergoldung kaum noch glänzte. Da war kein friedlicher Gott darunter. Alle Götter standen oder hockten in wilden verrenkten Stellungen, als wären sie den verzerrten Nebeln draußen nachgebildet.
tibet-811685_640Aus unzähligen Ölnäpfchen, voll kleiner Nachtlichter, flimmerten winzige Flämmchen. Wie die Futtertröge der Götter, so standen sie da vor den Gittern und nährten die speckigen Goldgesichter mit ihrem Ruß und belebten sie mit dem Gewimmel ihrer knisternden Flämmchen.
Nicht an allen Wänden standen Götterbilder. Es waren da Lücken, und dort am berußten und schmutzigen Wandkalk entdeckte ich Photographien, Ansichtspostkarten und Holzschnitte aus illustrierten englischen Zeitungen. Es waren Bilder von englischen, deutschen, französischen, russischen Prinzen und Generälen und Abbildungen von neuerfundenen Maschinen, Bilder, welche von den tibetanischen Priestern heilig gesprochen waren, vielleicht um den Europäern zu schmeicheln, vielleicht auch aus abergläubischer Furcht vor unbekannten fremden Seelenkräften.
Am Fußboden in einer Ecke bemerkte ich geleerte englische Bierflaschen. Ein paar tibetanische Priester mit glattrasierten kahlen Köpfen, in schmutziggelben Kutten, hockten am Boden und rauchten, lehnten mit dem Rücken an der Wand und stierten zur offenen Tür hinaus, zu der ein wenig Tageslicht in den fensterlosen Raum hereinfiel und glasig auf den Augäpfeln der Priester glänzte.
Die knisternden Reihen von Nachtlichtern, die blöden Augen der Priester und hie und da hinter den Gittern ein Götterbauch, an dessen abgenütztem Gold sich die Ölflämmchen spiegelten, der süßliche Tabakrauch aus den Priesterpfeifen und ein noch süßlicherer Geruch von erkaltetem Räucherwerk, die grotesken Papierfetzen aus illustrierten europäischen Zeitschriften, – dieser Wirrwarr von zeitlosem Spuk –, und draußen im Türviereck die ewig im Nebel fortwandernden Himalajaberge wie Spuklandschaften, die bald in den Himmel stiegen, bald zur Erde fielen, ein Nebelgekröse, das plötzlich bis zur Tür herankroch; die gelben Ungeheuer der Gebetmühlen, die sich einförmig drehten und in regelmäßigen Zwischenräumen mit einem dünnen Metallton anschlugen, – all das sah abenteuerlich aus, einfältig und ungeheuerlich zu gleicher Zeit. Denn es bestand schon seit Tausenden von Jahren und schien unvergänglich wie die Götter der Dummheit, die neben den Göttern des Verstandes und des Gefühls ewig die Erde beherrschen.

Foto: Monika Neumann
Foto: Monika Neumann

Aber wie die Abgründe draußen vor der Tempeltür, an deren Rändern das Schwindelgefühl saß, das Menschen, Tiere und Steinmassen in die Himalajaschluchten reißen konnte, so lag hinter dem Gefühl der dumpfen Dummheit, die in dieser stallartigen Tempelstube hockte, zugleich eine kaltblütige Grausamkeit. Sie blickte beinahe schelmisch aus den stieren Augen der kahlköpfigen tibetanischen Priester und grinste grotesk freundlich aus den lachenden Mäulern der Gesichtsmasken der im Halbdunkel hockenden Götterfiguren.
Meine fünf tibetanischen Wagenschieber, die wie Eskimos in sackartigen Kleidern vermummt steckten und von hünenhaften Kräften waren, fuhren mich dann im Rikschawagen zurück, an fast senkrechten Bergwegen hinauf. Dabei wieherten sie wie Pferdchen, meckerten wie Geißböcke und prusteten wie Walrosse. Zugleich verfolgten meinen Wagen drei tibetanische Riesenweiber, die ihre Schmuckketten aus kleinen blauen Türkisen, Brocken Bergkristall und Stücken ungereinigter Silberbronze, mit rötlichem Carneol verarbeitet, vom Hals und von den Armgelenken rissen und mir zum Verkauf vor mein Gesicht hielten. Immer gestikulierend sprangen die Tibetfrauen neben meinen Wagenrädern hin und her, umgeben von einer bellenden Schar wilder Himalajahunde.
Eine der Frauen nahm sich während des Springens die Türkisenohrringe ab, eine andere drehte von ihrer Hand einen plumpen Silberring mit rotem Carneolstein, die dritte zog sich bronzene Haarpfeile aus ihrem ungekämmten, verwilderten und vom Regen nassen Haarknoten. Einige Worte Englisch und hundert geschnatterte tibetanische Worte, durchsetzt mit Hundegebell und begleitet vom Gelächter und Geschnauf meiner schwitzenden Wagenschieber, schallten mir unausgesetzt vor den Ohren.
Endlich kaufte ich dem einen Weib einen Ring ab, und da der Rikschawagen an den Abhangwegen im Fahren keinen Augenblick halten konnte, wurde der bewegte Handel durch Zuwerfen des Ringes und Zurückwerfen des Geldes abgeschlossen.
Zwei der Frauen blieben jetzt zurück. Nur das dritte Weib, das immer noch ihre Haarpfeile verkaufslustig in der Luft schwang, haftete noch an der Seite meines Wagens, vom Gekläff der Hunde umgeben.
Als die Tibetanerin mich kaufunlustig sah, lockte sie mit den Augen, so daß ihr die Wagenschieber tibetanische Scherzworte zuriefen, gegen die sie sich eifrig verteidigte. Da mich die Haarpfeile nicht reizten und des Weibes Augen mich nicht überreden konnten, fuhr sie, immer neben dem Wagen herspringend, mit den Händen in die Falten ihres sackgroben Mantelkleides und fand in irgend einer Tasche eine kleine Silberkette, die mir aber ebensowenig gefiel. Zugleich aber, wie sie die Kette in der Luft schüttelte, flog, zwischen ihren Fingern durch, ein kleines Bronzeamulett, das an einer Darmseite angebunden gewesen, und flog zu mir in den Wagen auf meinen Schoß.
Mit einem Blick sah ich, daß das Amulett ein echtes kleines Bronze-Götzenbild war, nicht größer als ein Fingerglied. Es stellte in viereckigen primitiven Formen zwei winzige Menschen dar, einen nackten Mann, an welchem eine nackte Frau emporkletterte.

Foto: 简体中文
Foto: 简体中文

Ich schloß meine Hand, in die das Amulett gefallen war, griff mit der andern Hand in meine Westentasche, in der ich loses Silbergeld trug, und warf dem Weib ein paar große Silbermünzen zu. Sie sah mich erstaunt an, fing blitzschnell das Geld auf und blieb zurück. Zufällig bog der Wagen um eine Wegecke. Ich konnte jetzt das Weib, das in dem Haufen der bellenden Hunde stillstand, noch einmal von weitem sehen. Sie schüttelte fortwährend den Kopf, als verstünde sie nicht, wie sie zu dem Gelde gekommen sei. Sie hielt die Haarpfeile im Mund zwischen den Zähnen und wickelte die Geldstücke in ein kleines Stückchen gelben Tuches. Vielleicht war es dasselbe Stückchen Tuch, in welchem vorher die Silberkette und das Amulett eingewickelt gewesen.
Ich vergaß die Begebenheit, denn es ereignete sich jeden Augenblick viel Neues in der mich umgebenden Reisewelt. Ich entsinne mich nur, daß, als ich eine halbe Stunde später im Hotel das Amulett betrachtete, mir nicht mehr dieses eine Weib in Erinnerung kam, sondern die zwei anderen, die zurückgeblieben waren, und deren Wangen mit einer roten Masse eingerieben waren. Ich fragte einen der tibetanischen Fellverkäufer, die in der Vorhalle des Hotels bei ihren Pelzwaren kauerten, und die alle Englisch sprachen, mit was sich die Weiber hier die Wangen einrieben, daß sie so braunrot würden. Er sagte, daß die Farbe Ochsenblut sei. Aber nur die Witwen bestreichen sich die Wangen mit Ochsenblut und nur diejenigen Witfrauen, die den Männern zeigen möchten, daß sie wieder heiraten wollen.
Während ich noch sprach, läutete die erste Dinnerglocke im Stiegenhaus des Hotels, die Glocke, welche die reisenden Damen und Herren darauf aufmerksam macht, daß es an der Zeit ist, sich für das Mittagessen, daß um 7 Uhr serviert wird, umzukleiden. Denn auch hoch oben im Himalaja erscheinen die englischen Herren abends in Frack und Smoking und die Damen in Schleppkleidern, tief ausgeschnitten und frisiert, als wären sie für eine Galaoper geschmückt.
Ich ging in mein Zimmer, wo eben ein tibetanischer Zimmerbursche das Kaminfeuer angezündet hatte und jetzt nebenan im Baderaum, welcher zum Zimmer gehörte, Wasser in die Badewanne schleppte.
Der Baderaum hatte einen besonderen Eingang durch einen Balkon, der an der Rückseite des Hauses entlang lief. Nachdem das Bad hergerichtet war, murmelte der tibetanische Diener sein »all right Sir« und verschwand durch die Hintertür des Badezimmers.
Nachdem ich ins Bad gestiegen war und aufrecht im dampfenden Wasser stand und einige Turnübungen ausführte, fühlte ich im Rücken einen eiskalten Luftstrom, als ob jemand die Hintertür des Baderaumes zum Balkon geöffnet habe. Ich rufe auf Englisch: »Tür zu!« Und um mich vor dem eisigen Luftstrom zu schützen, tauche ich im heißen Wasser der Badewanne bis zum Hals unter. Ich bemerke zugleich durch den Dampf, der das Zimmer füllte, den Schatten einer Gestalt und frage: »Wer ist da?«
Nur der Strahl des Kaminfeuers fiel von meinem Schlafzimmer in den Baderaum herein, und ich merkte zu meinem Erstaunen, daß die kleine Lampe, welche der Diener in eine Fensternische gestellt hatte, die aber vorher kaum leuchtete, jetzt vollständig ausgegangen war.
Als ich auf meine zweimaligen Zurufe keine Antwort bekam, erhob ich mich wieder aus dem dampfenden Wasser. Im selben Augenblick fühlte ich wieder den Eishauch von der Türe her, die wahrscheinlich wieder hinter dem Dampfnebel geöffnet worden war. Der menschliche Schatten, den ich vorher gesehen hatte, war aber verschwunden.
Mir schien, wenn ich mir die Gestalt vergegenwärtigte, als wäre es eine Frau gewesen, die vorher eingetreten und die jetzt wieder verschwunden war.
Ich tastete in den Dampfnebel, fragte noch ein paar Mal, beendete dann mein Bad schneller, als ich es sonst getan hätte, wickelte mich ins Badelaken, machte Licht im Schlafzimmer und leuchtete in den Baderaum, fand aber niemand. Dann kleidete ich mich an, klingelte und fragte den Diener, ob man jemand hereingelassen, während ich im Bad war.
Dieser schüttelte den Kopf und wußte von nichts.
Ich vergaß auch diese Begebenheit wieder. Aber nach Mitternacht, als ich mich zu Bett legte, schloß ich vorsichtig alle Türen.
Das Amulett hatte ich genau betrachtet, und nach dem Alter der Darmseite zu schließen, an die es gebunden und die vom Tragen sehr abgenützt war, konnte ich mir vorstellen, daß das Amulett wohl schon mehrere Menschenalter um den Hals verschiedener Personen gehangen und auf der Brust verschiedener Leute geruht haben mußte. Bis diese starke Darmseite sich abnützen und durchwetzen konnte, mußten manche Menschenleben dahingegangen sein.
Die an der Männergestalt emporkletternde kleine Frauengestalt war von geschwärzter Silberbronze. Der Mann schien aus Eisenbronze zu sein.
Klobig, simpel, primitiv war die nußgroße Figurengruppe zusammengeschweißt, wahrscheinlich in irgend einer Bergschmiede tief im Himalajagebirge. Vielleicht war sie in einer tibetanischen Klosterschmiede gearbeitet, in einem jener ungeheuerlichen Klöster, die an unzugänglichen Stellen, an Bergabhängen und Bergseen zerstreut liegen auf der Straße nach Lassa hin, jener Straße, die zu der geheimnisvollsten Klosterstadt der Welt führt.
Ich mußte wieder an das stattliche Tibetweib denken, wie es da mitten im Haufen bellender Hunde gestanden und gedankenvoll mein Geld in das gelbe Tuch gewickelt hatte.
Plötzlich fiel mir ein: nach ihrem verwunderten Gesicht zu schließen, hatte die Frau, als mir das Amulett zuflog, vielleicht gar nicht gewußt, daß sie es mir zugeworfen hatte. Sie hatte eine Silberkette in der Hand geschüttelt, und wenn ich jetzt darüber nachdachte, so schien es mir, als wäre ihr unbewußt das Amulett aus den Fingern geglitten, denn ihr Gesicht war verblüfft und nachdenklich, als sie meine Silbermünzen auffing und einsteckte. Jedenfalls aber hatte ich das Amulett mit meinem Gelde bezahlt, und es war mein. So sagte ich mir und legte mich beruhigt zu Bett.

Foto: 日本語
Foto: 日本語

Ich weiß nicht, wie viel Stunden ich geschlafen hatte, als ich durch einen Knall und ein Scherbenklingen geweckt wurde. Ich fuhr auf und hörte ein Geräusch wie von flatternden Flügelschlägen.
Das Kaminfeuer war vollständig niedergebrannt, und der kleine Glutbrocken leuchtete nicht mehr an die Zimmerdecke und nicht mehr an die Wände, von wo aus das klatschende Flügelschlagen herkam.
Ich machte Licht und sah ein schwarzes Tier, groß wie eine Eule, von Winkel zu Winkel fliegen. Als ich auf einen Stuhl stieg, sah ich, daß es eine große Vampirfledermaus war. Ich öffnete die Schlafzimmertüre, die nach der Treppe ging, weit, und rief ins Treppenhaus hinunter, indessen ich mich in meinen Mantel wickelte. Drunten am Kaminfeuer saßen immer einige Diener, die die Nachtwache hatten. Einer von den Männern kam nun herauf, riß die Bettdecke von meinem Bett und schlug mit dem Tuch nach dem Tier in die Luft und scheuchte die Riesenfledermaus durchs geöffnete Fenster in die Nacht hinaus.
Im Fenster selbst fanden wir dann eine Ecke der Scheibe eingestoßen. Doch unerklärlich war es mir, wie die weiche und zartknochige Fledermaus es fertig gebracht hatte, die harte Fensterscheibe einzustoßen.
In dieser Nacht schlief ich nicht mehr. Ich ließ das Licht brennen und befahl dem Diener, das Kaminfeuer zu schüren. Ich setzte mich dann an den Kamin und las, das heißt, ich wollte lesen, um nicht einzuschlafen. Aber mehrmals mußte ich aufhorchen. Es war mir, als hörte ich Schritte auf dem Balkon, auf welchen das zerbrochene Fenster führte.
Ich sah vom Lesen nicht auf. Ich sagte mir, es wird einer der Diener sein, der sich überzeugen will, ob mein Kaminfeuer noch brennt, und der mich nicht zu stören wagt und deshalb auf dem Balkon herumschleicht und hereinsieht.
Nach einer Stunde war mir, als verbreite sich ein durchdringender Blumengeruch im Zimmer. Ich schloß die Augen, lehnte meinen Kopf im Ledersessel zurück und überlegte, ob die Nachtnebel, die aus den Himalajateegärten und aus der indischen Tiefebene heraufstiegen, solch einen betäubenden Blütengeruch mit sich führen können. Durch das zerbrochene Fenster schien der Geruch mit dem Nebelrauch hereinzuziehen, denn ich sah einen feinen bläulichen Dampf, der vom zerbrochenen Fenster her das Zimmer erfüllte. Ich wollte aufstehen, ein Handtuch oder einen Reiseschal nehmen und die zerbrochene Scheibenecke zustopfen, um den betäubenden Nebel abzuwehren.
Aber es blieb bei dem in meinem Gehirn sich immer wiederholenden Wunsch, aufzustehen. Meine Augen fielen zu. Einige Zeit hielt ich das Buch noch in der einen Hand fest. Aber das Buch schien immer größer und schwerer zu werden. Das Buch wuchs und stand vor mir wie die Wand so groß. Und immer, wenn ich mich aufrichten wollte, stand vor mir das aufgerichtete wandgroße Buch. Es war mir, als wohne ich nicht mehr in einem Zimmer. Ich wohnte in einem Buch. Und ich hatte das Gefühl, dieses Riesenbuch könnte zuklappen und mich zwischen seinen Seiten erdrücken. Das Buch roch so süß wie die Süße aus einem alten Schrank, in welchem getrocknete Blumen und Lavendel lagen. Mit diesem gemischten Gefühl von Süße und drückender Bangigkeit verbrachte ich, wie es mir schien, Jahre, ohne daß sich etwas in meinem Zustande änderte.
Ich wachte durch ein Klopfen auf. Es klopfte irgendwo jemand auf meinen Schädel. Es wurde lange und heftig geklopft. Bald war es mir auch wieder, als klopfe man schon jahrelang. Ich horchte auf. Meine Augen öffneten sich und sahen immer noch Kaminglut. Draußen war es immer noch Nacht. Das Klopfen kam von den verschiedenen Zimmertüren im Korridor. Die Hotelgäste wurden geweckt.
Ich erinnerte mich jetzt, daß unsere Reisegesellschaft, die zehn Damen und Herren, die sich hier in Darjeeling im Hotel zusammengefunden, verabredet hatten, um drei Uhr morgens bei Mondschein aufzubrechen, um auf Paßwegen zu dem zweitausend Fuß höher gelegenen »Tigerhill« zu reiten, wo man den Sonnenaufgang über dem Mont Everest und anderen Riesen des Himalaja erwarten wollte.
Im Zimmer war noch immer der süßliche Dunst. Ich kleidete mich im halbtrunkenen Zustand an. Ein Diener brachte mir dann den Morgentee und sagte, daß die Pferde gesattelt seien und unten an der Veranda warten.
Als ich ein paar Minuten später aufs Pferd stieg, freute ich mich über die klare Bergluft, über den eisklaren Halbmond, der am Himmel hing, und über den reinen Neuschnee, der gefallen war, und ich hatte bald ganz und gar den Blumendunst vergessen und die letzten Stunden jenes schweren Schlafes, der mehr einem Alpdruck als einem gesunden Schlaf ähnlich gewesen.
Auf den schmalen Paßwegen, auf denen die Pferde hintereinander schreiten mußten, schwiegen das Geplauder und Gelächter der Damen und Herren. Es war, als ritten wir nicht auf der Erde, sondern auf Wolken, an Wolkenrändern entlang. Die Mondsichel hatte nicht Kraft genug, die Himalajagründe auszuleuchten. Meere von Finsternis lagen an den Rändern der Paßwege, die nur einige Hufbreiten breit auf den Berggraten entlang zogen. Bäume, die so alt waren, daß sie kein Blatt mehr trieben und nur wie moosbehangene Skelette ragten, waren durch Nebel und Schnee wie vom Erdboden abgeschnitten und hingen in der Luft wie vom Himmel herab. Einige waren wie hausgroße Skelette ungeheuerlicher Fledermäuse. Diese Gespensterbäume und der jasminweiße Mond auf dem grünlichen Nachtäther erinnerten mich wieder an mein Nachterlebnis. Aber die großen geöffneten unergründlichen Himalajaabgründe, die den Eindruck gaben, als könnte man so tief in die finstere Erde hineinsehen, so tief wie in den Nachthimmel, diese Abgründe, an denen die Pferde zagend und tastend und lautlos im glitschigen Schnee wie balancierend zwischen Leben und Tod entlang gingen, verschluckten Rückerinnerungen und Gedanken, diese Abgründe wollten mich einschläfern, stärker noch als der Blumengeruch es vorher getan hatte.

Foto: 日本語
Foto: 日本語

Der warme, schweißdampfende Pferderücken, der mich trug und der mich rüttelte, war das einzige Stück Wirklichkeit, das ich noch fühlte, denn der Traumzustand der Gespensterlandschaft wollte sich mit dem Traumzustand meiner noch nicht völlig wachen Gedanken vermischen und mich in die Abgründe ziehen.
Endlich verflüchtete sich die Nacht, und wir erreichten in der blaugrauen Dämmerung, die dem Sonnenaufgang vorausgeht, die Höhe des Tigerhills.
Tibetanische Diener waren vom Hotel vorausgeschickt worden. Ein großer Holzstoß war angezündet worden, aber das Holz war naß und rauchte mehr als es brannte. Der Schnee war im Umkreis des Feuers weggeschmolzen. Wir versuchten, unsere vom Reiten erstarrten Füße beim Feuer zu wärmen, umwanderten stampfend den qualmenden Holzstoß, vertrieben uns die Zeit mit Teetrinken und warteten auf die ersten Zeichen des Sonnenaufgangs.
Auf einmal sagte jemand neben mir: »Das ist der Schmetterlingshändler!« Der Genannte war ein Deutsch-Engländer aus Darjeeling, der einen tibetanischen Antiquitätenladen dort hatte und zugleich einen Handel mit Himalajaschmetterlingen trieb, von denen er die schönsten Exemplare auf Bestellung nach Europa sandte.
Wie der Mann auf den Tigerhill gekommen, ob er uns auf einer Nachtreise aus dem Inneren des Gebirges begegnet war, oder ob er die Reisegesellschaft von Darjeeling aus begleitet hatte, wußte ich nicht. Ich dachte nur im selben Augenblick, wie ich das Wort »Schmetterlingshändler« hörte, an die seltsame Trommel, die ich in seinem Laden zwei Tage vorher gekauft hatte; eine Trommel, angefertigt aus den Hirnschalen zweier Menschen, aus der Hirnschale eines Mannes und aus der eines Weibes. Jede Schalenhöhle war mit einer Membrane überzogen; an der Wölbung aber waren die beiden Gehirnschalen zusammengeschweißt, so daß sie zwei kleine Trommeln bildeten. Schüttelte man diese, so schlug in jeder Schädelhöhle eine kleine, hinter der Membrane eingesperrte Elfenbeinkugel an die Schädelwand und an die Membrane und trommelte unausgesetzt. Der Schmetterlingshändler hatte mir erzählt:
»Ich habe diese Trommel von einem tibetanischen Priester in einem tibetanischen Tempel gekauft. Es sind die Schädelschalen eines treulosen Mannes und eines treulosen Weibes. Diese Trommel wurde täglich zur Gebetstunde angeschlagen, denn die Treulosen sollen, ewig aneinander gekittet, im Tode keine Ruhe haben. Der Priester, der auf dem Leichenstein beim Tempel die Leichen zu zerschneiden und den Vögeln hinzuwerfen hat, hat das Recht, die Schädelschalen zweier, die die Treue gebrochen haben, nach dem Tode zu solchen Trommeln zu verarbeiten.« –
Mit großer Mühe hatte der Schmetterlingshändler die Trommel aus dem Tempel erhalten.
Machte es die dünne hohe Gebirgsluft, daß meine Ohren jetzt plötzlich aus allen finstern Himalajaabgründen ein Donnern hörten, als seien die Bergschlünde trommelnde Schädelhöhlen von Ungetreuen?
»Hören Sie die Lawinen, die bei Sonnenaufgang sich von den Gletschern lösen und in die Tiefe donnern?« sagte ein Herr neben mir zu einer Dame. Dann war tiefe Stille. Keine Teetasse klapperte, kein Schritt im Schnee knirschte mehr. Die Pferde spitzten die Ohren und schnupperten. Drüben im Nebel, über einem tageweiten Abgrund, erschien der fleischige Arm eines Riesen, die rosige fleischige Brust einer Frau, Nacken, Schultern, Hüften in gigantischen Dimensionen. Es waren die Umrisse des Mount Everest und des Kantschindschanga, die wie ein nacktes Riesenpaar höher als der Mond im Himmel lagen.
»Die Sonne,« flüsterte eine Dame.
tibet-533084_640Ich sah über meine Schulter von den Bergen fort und entdeckte eine rote glühende Lawine, die sich auf Nebelfeldern kaum merklich fortrollte und größer und röter wurde, – die Sonne. Wie eine große rote Sintflut gab sie den Gletschern Blut und machte den Schnee zu Fleisch.
Im selben Augenblick, mitten in diesem feierlichsten Augenblick des Sonnenaufgangs, nahm jemand meine Hand, führte meine Finger in eine Westentasche und sagte: Wo ist das Amulett, das du gestern kauftest? Sehen die großen fleischfarbenen Gletscher dort nicht aus wie die Männer- und die Frauenfigur deines Amuletts, das du der Tibetfrau gestern abkauftest?
Das Amulett war nicht in meiner Westentasche. Aber das Geld, das ich dafür bezahlt hatte, die drei großen Silberstücke, befand sich wieder in meiner Westentasche.
Der Gedanke an das Amulett hatte meine Hand in die Westentasche geschoben.
Wer hat jetzt laut gelacht? Alle Gesichter sahen sich nach mir um. Es wurde mir unheimlich vor mir selbst. Wie ich meinen Pelzrock geöffnet hatte, um das Amulett zu suchen, stieg mir aus der Kleiderwärme wieder jener geheimnisvolle Blumengeruch entgegen. Aber jetzt bei der aufgehenden Sonne, in der Schneefrische des Morgens, erkannte ich in dem Geruch ein betäubendes tibetanisches Tempelräucherwerk, das, in großen Massen eingeatmet, einschläfert und Visionen verschafft, und dieser Geruch steckte noch von der Nacht her in meinen Kleidern.
Auf dem Pferderücken vorhin war mir schon der Geruch stark in die Nase gestiegen. Ich selbst war aber noch zu sehr von der Schlafzimmerluft betäubt gewesen, um seinen Ursprung zu erkennen.
Jetzt wandte ich mich mit einem energischen Ruck an den Schmetterlingshändler, um ihn zu fragen: »Glauben Sie, daß es Amulette gibt, die ihren Besitzern so teuer sind, daß sie sie für nichts verkaufen würden? Glauben Sie, daß, wenn ein tibetanisches Weib ein solches Amulett zufällig von sich geschleudert hätte, es alle Listen seiner listigen Natur anwenden würde, um das Amulett wieder zu erhalten? Glauben Sie, daß es durch Hintertüren in die Häuser eindringen würde und sich nicht scheuen würde ein Fenster einzustoßen, um das Amulett zu erhalten?
Sie werden mir sagen: ›Das zerbrechende Fenster würde jedermann wecken!‹ Aber ich sage Ihnen: Man kann zugleich durch das zerbrochene Fenster eine lebende Fledermaus ins Zimmer werfen, die die Aufmerksamkeit auf sich lenkt und nicht den Gedanken aufkommen läßt, daß ein Mensch mit Absicht das Fenster zerschlagen hätte. Betäubt man dann noch durch eine Räucherstange den im Zimmer Anwesenden, so ist es ein leichtes, nachher mit dem Arm durch die zerbrochene Fensterscheibe in das Zimmer zu langen, den Fensterknopf von innen aufzudrücken, durchs geöffnete Fenster vom Balkon hineinzusteigen, das verlorene Amulett zu suchen, zu finden und, wenn eine Kaufsumme dafür hergegeben war, das Geld wieder hinzulegen und das Amulett mitzunehmen.«
Alles dieses wollte ich mit energischem Entschluß den Schmetterlingshändler jetzt fragen. Ich öffnete den Mund. Aber die Worte, die ich sprechen wollte, verwandelten sich in Atemrauch, und ich hörte in meinen Ohren, daß ich sagte: »Wenn Sie wieder einige seltene Exemplare von Himalajaschmetterlingen haben, können Sie mir dieselben an meine Adresse nach Europa senden.« Dabei nahm ich aus meiner Westentasche dasselbe Silbergeld, womit ich gestern schon das Amulett bezahlt hatte, und bezahlte im voraus den Preis für drei Schmetterlinge.
Ich hatte nichts mehr gesprochen. Die Sonne war bald wieder in Nebeln verschwunden, und wir ritten im Tageslicht, das aber mehr dem Mondlicht glich, an den nebelnden Abgründen zurück nach Darjeeling.
Das Amulett fand ich nicht mehr. Es war nicht auf meinem Tisch zu Hause im Hotelzimmer, nicht in meinen Taschen, nicht in meinen Koffern.
Ich erinnerte mich jetzt, daß, als ich gestern abend nach dem Diner durch die Billardsäle zu den Spielzimmern gegangen war, wo die befrackten Herren und die dekolletierten Damen an den grünen Spieltischen vor den lodernden Kaminen saßen, mich einen Augenblick eine Sehnsucht gepackt hatte, fortzukommen aus den europäischen Sälen, die man hier in Asien sogar noch hoch im Himalaja für verwöhnte Millionäre und Milliardäre hingestellt hat.
Ich war dann auf die breite Hotelterrasse hinausgetreten und hatte dem Hexenspiel der rollenden Bergnebel über den Schluchten zugesehen und den Sternen, die über den bewegten Nebeln zu tanzen schienen. Dann fielen ein paar Regentropfen, mit Schneeflocken untermischt, aus fortflüchtenden Nebelwellen, die um den Mond kreiselten.
Als ich wieder ins Hotel zurückgehen wollte, war mir, als sähe ich ein großes Tier unter der Terrassenbrüstung um die Hausecke laufen. Gestern abend hatte ich gedacht, es sei ein Hund. Jetzt wußte ich aber, daß es ein Mensch gewesen, der auf allen vieren ging, eine Frau, wahrscheinlich die Frau, deren Amulett ich besaß, die während der ganzen Nacht um das Hotel geschlichen war, und die sich mit aller List das Amulett aus meinem Zimmer von meinem Tisch geholt hatte.
Dies bedachte ich jetzt nach der Rückkunft vom Mondscheinritt im Hotel und sehnte mich, mit jemandem darüber zu sprechen. Aber meine europäischen Reisegefährten schienen mir alle zu banal, als daß ich Lust gehabt hätte, sie in die Mystik dieses Nachterlebnisses einzuweihen.
Nachmittags um drei Uhr sollte mein Zug abgehen, der mich zum Abend wieder hinunter in die Kaffeegärten und Zuckerrohrpflanzungen Indiens bringen würde, und der am nächsten Morgen mit mir in Kalkutta eintreffen sollte.
Auf dem Weg zum Bergbahnhof konnte ich mich nicht enthalten, die Rikscha am Laden des Schmetterlingshändlers warten zu lassen. Ich stieg aus. Als ich die Ladentüre öffnen will, wird seltsamerweise dieselbe schon von Innen aufgemacht, und an mir vorbei läuft ein tibetanisches Weib heraus. Ich hätte aber die Frau kaum wiedererkannt, da mir alle Tibetanerinnen untereinander so ähnlich schienen, sowie auch die Neger und Chinesen für den Europäer immer einander ähnlich sehen, hätte die Frau nicht mit einer heftig erschrockenen Bewegung in die Brustfalten ihres Mantelrockes gegriffen, als wolle sie dort etwas beschützen, was ich ihr hätte entreißen können. Mir schien, als ob sie hohläugiger und blasser wäre als am Tage vorher. Laut mit sich selbst sprechend und mit den Ellenbogen in die Luft fuchtelnd, als müßte sie hundert Hände abwehren, die sich nach ihr streckten, stürzte sie die Bergstraße hinunter fort, begleitet vom Gelächter meiner Rikschaschieber, welche das Gebaren der Frau noch sonderbarer fanden als ich.
Im Laden kam ich nicht dazu, dem Schmetterlingshändler vom Amulett zu sprechen, denn ehe ich noch den Mund öffnen konnte, zeigte er mir in einem geschnitzten Kästchen einen aufgespießten sogenannten Handflächenschmetterling. Jene Frau hatte ihm eben den seltenen Schmetterling verkauft. Er wurde in einem Kästchen aus Kampferholz aufbewahrt, denn der Geruch dieses Holzes schützt die Schmetterlinge gegen zerstörende Witterungseinflüsse. Durch Generationen hindurch kann man einen solchen Schmetterling im Kampferholz bei vollem Glanz erhalten. Auch diese Frau hatte den Schmetterling schon lange als ein Erbstück ihrer Familie besessen. Warum sie ihn verkaufen wollte, da er doch unbezahlbar war, konnte der Schmetterlingshändler nicht begreifen, denn ein Handflächenschmetterling wird alle hundert Jahre einmal im Gebirge gefunden. Auf seinen Flügeln sind dunkle Linien, deren Zeichnung den Linien in der Handfläche einer Menschenhand gleichen.
»Diese Frau,« sagte der Schmetterlingshändler, »muß vielleicht für irgendeine eingebildete Schuld ein Tempelopfer bringen, da sie mit einem solchen Schmetterling ihren besten Familienschatz verkauft, um Opfergeld zu erlangen.«
Ich erstand den Schmetterling. Und kaum hatte ich ihn in Händen, so wurde mir auch, ohne daß ich fragte, eine Erklärung über meinen Amulettverlust zuteil.
Der Schmetterlingshändler erzählte mir, daß jene Frau eine sogenannte »ewige Witwe« sei, eine von jenen, die ihre Wangen nicht mit Ochsenblut bemalen und nicht mehr das Verlangen haben, einen anderen Mann als den Gestorbenen zu lieben. Um aber auch des Toten sicher zu sein, daß dieser ihr im nächsten Leben treu wird, wie sie ihm treu sein will, trägt eine solche Frau an einer unzerreißbaren Darmseite ein Amulett an der Brust, welches ein Menschenpaar darstellt. Wenn die Witwe aber dieses Amulett verliert, – denn ein Amulett wird eine Frau nie verkaufen, – hat sie damit die Treue des Toten verloren und wird ihren Geliebten im nächsten Leben nicht wieder finden.
Ein solches Amulett wird niemals verkauft, und sollte es verloren gehen, so setzt eine jede tibetanische Frau ihr Leben daran, um das kostbare Amulett der Treue wieder zu erhalten. –
Während dieses Nachmittags, als ich im Zug saß und in die finsteren Abgründe des Himalaja hinunterfuhr, sah ich im Dampf, der aus der Lokomotive kam, und der in den Dschungelwäldern und an den Urwaldästen hängen blieb, hunderte Male die Gestalt jener ewigen Witwe, wie sie bald gebückt und geduckt suchte, und wie sie aufgerichtet forttanzte über die Urwaldwipfel, wie sie die Arme an die Brust drückte und nach dem Amulett fühlte, das ihr die Treue und die Liebe ihres Geliebten im nächsten Leben versprach.
Dann, als es dunkel wurde und ich draußen keinen Wald und keinen Dampf mehr sah, betrachtete ich lange bei der trüben Wagenlampe den großen Handflächenschmetterling in dem Kampferkästchen, dessen Linien so verschlungen sind wie die Schicksalslinien in den Handflächen der Menschen und dessen Linien in dunkle Nachtränder auslaufen, in unergründliche Finsternisse, ähnlich den Himalajaabgründen, die voll Finsternis und Aberglauben draußen dicht bei den Schienengeleisen der Bergbahn drohten.

Joseph Roth ¦ Ein Bootsmann ¦ Eine Reportage aus Frankreich

Joseph Roth ¦ Ein Bootsmann
Eine Reportage

Der Bootsmann ist alt. Seine Arme hängen schlaff wie Flossen von seinen krummen und schiefen Schultern. Seine Augen sind klein und haben den weißen Schleier, den das hohe Alter über menschliche Augen zieht. Sie haben schon genug gesehn. Aus den harten Ohrmuscheln wächst graues Moos. Die Hände sind wie zwei sehr alte Gesichter. Die Handrücken sind braungelb, und ihre dünne Haut bis zum äußersten gespannt. Die Stimme des Alten aber ist jung geblieben und männlich. Er spricht sehr kurze, sehr einfache Sätze, wie sie in Lesebüchern für Kinder stehn. Ihre Melodie ist immer ein bisschen fragend, das letzte Wort fällt jäh ab, von einer beträchtlichen Höhe – und kommt dennoch heil an:

Calvi auf Korsika - Foto: Patrick Blaise
Calvi auf Korsika – Foto: Patrick Blaise

»Ich bin aus Korsika, Herr. Korsika ist der Garten von Frankreich. Ich bin Landsmann Napoleons. Und hier ist sein Bild. Diese Münze habe ich aus dem Krieg. Von 1870. Ich war bei der Marine. Ich kenne alle diese Schiffe. Auf vielen bin ich gefahren. Ich war in vielen Ländern. In Russland auch. In England, in Deutschland, in Spanien, in Syrien, in Konstantinopel. Ich war niemals in Paris. Nach Paris kommt man nicht mit dem Schiff. Ich bin nur einmal mit der Bahn gefahren. In der zweiten Klasse. Da fährt man gut.
Ich bin fünfundsiebzig Jahre alt. Wenn ich zehn Jahre jünger wäre, bliebe ich nicht hier. Ich habe fünf Franken täglich Pension. Seit sechs Tagen sind Sie mein erster Gast. Dieses Boot hat dreihundert Franken gekostet, da hab‘ ich das Segeltuch selbst geflickt. Diese Stricke hab‘ ich selbst gedreht. Die Ruder kosten sechzig Franken das Stück. Dann hab‘ ich das Boot getauft. Auf den Namen meines Vaters. Er hieß Jacques. Da steht ›Jacques‹. Mit weißer Farbe.

Mein Vater war ein Kapitän. Auf der ›Sphinx‹. Da drüben steht sie. Wir sind zwei Brüder. Mein Bruder war auch Kapitän. Jetzt ist er in Pension. Er bekommt eine große Pension. Ich schlafe bei ihm.
Ich wollte nicht in die Marineschule. Ich wollte gleich in die Welt. Deshalb bin ich heute arm. Meine Schwägerin ist gut. Um acht Uhr essen wir Nachtmahl. Dann lese ich Romane. Ich lese den ›Grafen von Monte Christo‹. Ich glaube diese Geschichte nicht. Es ist Phantasie.

Kathedrale & Museum, Marseille -  Foto: Blandine Schillinger
Kathedrale & Museum, Marseille – Foto: Blandine Schillinger

Da sehen Sie unsere Kathedrale. Ein schönes Haus. Ich war zweimal dort. Ich geh‘ nicht oft in die Kirche. Alle Religionen sagen dasselbe. Ich bin ein Katholik. Aber ich war in einer Synagoge. Ich war in einer Moschee. Die Mohammedaner sagen Allah. Die Juden sagen Jehova. Wir sagen lieber Gott. Es ist immer dasselbe. Mein Freund ist ein Jude. Er war im Gefängnis. Seine Frau hat ihn betrogen. Er hat ihren Liebhaber beinahe erschlagen. Jetzt leben beide. Die Frau ist gestorben.

Da fahren die Fischer. Sie kommen erst morgen Mittag zurück. Sie haben viele Netze mit. Ein guter Tag zum Fischen. Bei uns sind mehr Angler als Fische. Probieren Sie einmal zu angeln. Vielleicht haben Sie Glück. Weil Sie ein Fremder sind.
Für tausend Franken könnte ich mir einen Motor in meinen »Jacques« bauen. Dann könnt‘ ich nach Korsika fahren. Unten ist es um die Hälfte billiger als in Marseille. Das ist eine teure Stadt. Aber ich zahle keine Miete.

Hier haben Sie meine Visitenkarte. Ich heiße Bouscia Pascal. Ein korsischer Name. Wir sprechen so ähnlich wie Italiener. Wir verstehn auch die Spanier. Alle Sprachen stammen aus dem Lateinischen. Englisch stammt aber aus dem Deutschen. Latein ist die älteste Sprache. Aber mein Freund sagt: Chinesisch ist älter.

Marseille - Alter Hafen - Gute Mutter. Foto: Marie Mauron
Marseille – Alter Hafen – Gute Mutter. Foto: Marie Mauron

Ich werde Sie im alten Hafen absetzen. Da können Sie abends spazierengehn. Lassen Sie das Geld zu Hause. Wenn Sie Geld haben …

Ich fahre jetzt nach Hause. Wir haben heute marinierte Heringe und junge Bohnen. Dann werde ich lesen. Um zehn werde ich schlafen gehn. Mit meinem Bruder werde ich nichts reden. Ich lebe schon fünf Jahre bei ihm. Das letzte Mal habe ich vor zwei Jahren gesprochen. Damals bekam er den vierten Enkel. Im Dezember kommt sein fünfter.

Am Sonntag kommt meine Schwester aus Ajaccio. Sie bringt mir Tabak. Ich aber brauche eine Pfeife.

Leben Sie wohl, Herr. Steigen Sie vorsichtig aus. Springen Sie nicht! Lassen Sie das Geld zu Hause!«

Frankfurter Zeitung, 17. 10. 1925

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde • Kairos Fischmarkt

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde 
Kairos Fischmarkt

August von Siegen - Marktstand - vermutlich Kairo - um 1850
August von Siegen – Marktstand – vermutlich Kairo – um 1850

In Kairo waren viel Wunderdinge, die mich erfüllt, und auf die Frauen,
Die schwarz verhüllt, wie verschleierte dunkle Gefahren, musste ich immer neu und voll Scheu hinschauen.
Es war Sommernacht dort im Januar, und über der Straßen Schar
Hing der türkische Halbmond, wie eine goldene Schaukel,
Und Wetterleuchten flog, wie feurig Gegaukel, hin durch die Nacht,
Wie ein Frauenblick über Schleier zufliegt und unsicher macht,
Über den du dann nachgedacht, ob der verschleierte Mund dabei weint oder lacht.
Die Nacht ist’s, die Kairo wollüstig regiert. Wenn sich die Sonne überm Nil in die Wüste verliert,
Wird ein Stadtteil, der Fischmarkt, zur Küste, wo feurige Lüste landen.
Dann wird des Dunkels Macht ein hitziges Weib und bietet tausend Brüste unbedacht.
In schluchtige Gassen, in die der Mond und die Sterne tief abwärts, wie auf den Meeresgrund, schauen,
Stauen sich vor den vergitterten Fenstern die Männer, die sich ohne Herz zu lieben getrauen.
Hinter den Gittern sitzen zum Scherz, in bunten Lappen, wie gebrüstete Pfauen,
Die Frauen, denen nach Männerfleisch und Männerblut mit geilem Grauen gelüstet.
Männer, Knaben und Greise drängen sich an sie heran, wie an eine Lieblingsspeise;
Schuldlos und schuldig zugleich, denn der Sinnlichkeit Reich ist voll Einfalt und voll Verbrechen der Wildheit.

Theodor Wundt auf Wanderschaft | Krakau & Wieliczka

Der Sommer 1882 brachte mich dann auf ein Vierteljahr zu einem Kavallerieregiment nach dem Osten, wo es allerhand neue Eindrücke, insbesondere auch recht feudaler Art gab. Ich lernte da ferner das Leben auf den großen Gütern und seine Vertreter kennen, für die ich mich als Süddeutscher naturgemäß besonders interessierte. Sie imponierten mir auch mit ihrer unzerstörbaren Lebenskraft, ihrer Bestimmtheit in allem und jedem, ihrer Zähigkeit und Konsequenz, die sich überall so entschlossen durchzusetzen wusste. Sprach da nicht die Tat gegenüber den doch etwas verworrenen Berliner Ideen, und war dieses scheinbar völlige Aufgehen in dem Staatsgedanken nicht vielleicht das, was mir als dunkles Ziel vorschwebte? Nebenbei kam auch mein Herz in Wallung und eine kleine Idylle entspann sich, die vielleicht ernsthaft geworden wäre, wenn nicht … Aber ein solches »Wenn nicht« ist ja meist vorhanden.

Wieliczka - Salzbergwerk - Kapelle. Foto: Ron Porter
Wieliczka – Salzbergwerk – Kapelle. Foto: Ron Porter

Als ich dann zum Schluss 14 Tage freie Zeit für mich hatte, schwankte ich lange, was ich tun solle. Nach dem Manöver-Wanderleben von Gut zu Gut erschien mir die Großstadt wieder besonders anziehend. Warum also nicht nach Berlin zurückfahren, wo ich meine Bequemlichkeit hatte und mir alles winkte, was mein Herz begehrte? Was hatte ich denn noch draußen in der Welt verloren, in dem fernen Osten, wo sich so wie so kein anziehendes Reiseziel bot! Aber da reizte wieder das Unbekannte, und der Wandertrieb siegte. Und so merkwürdig es vielleicht klingen mag: Wenn mich in Schottland der Norden angezogen hatte, so war es jetzt der Osten, gerade weil er so unbekannt und verrufen war. Krakau, mein erstes Reiseziel, erinnerte mich in mancher Hinsicht an Italien. Die engen Straßen, die hohen mittelalterlichen Häuser mit den großen, von Galerien umgebenen Innenhöfen, die zahlreichen Kirchen und Türme, das stattliche Schloss, die fremdartigen Gestalten mit ihren bunten Trachten auf den stark belebten Straßen, das alles hatte für mich einen südlichen Anstrich und gefiel mir. Wenn nur der Schmutz nicht gewesen wäre! Nun ja, ich war eben verwöhnt, hatte es auf allen meinen bisherigen Reisen, wo ich stets komfortabel leben konnte, viel zu gut gehabt. Aber so oft ich mir das auch sagte, zu einer reinen Freude kam es nicht, und immer wieder überlegte ich mir, ob ich nicht doch nach Berlin zurückfahren solle. Da, auf dem Cosciusco-Hügel, dem polnischen Nationaldenkmal in der Nähe der Stadt, wurde ich doch ergriffen durch einen überwältigenden Rundblick. Vor mir die weite Ebene mit ihren unbegrenzten Fernen, dazwischen das Silberband der Weichsel, die sich bis zum Horizont durch das grüne Gewoge der unermesslich sich ausdehnenden Wälder schlängelte, dort die Türme Krakaus im Sonnenglanz und über der kahlen Hochfläche der Babia Gura die wilden Zacken der Hohen Tatra! Ja, das war es! Was ging mich Krakau mit all seinen Sehenswürdigkeiten an! Dort im Gebirge lag mein Ziel. Das brachte wieder Leben in mich, und ich zog sofort entschlossen los.
Freilich, so ganz einfach war die Sache nicht.

Dass mich auf der Eisenbahnfahrt nach Wieliczka zwei Bauernfänger mit dem Kümmelblättchen zu fangen versuchten, war schon nicht gerade ermunternd. Der Gedanke, in die Gesellschaft von solchen Strolchen mit ihren abgetretenen Hosen und rabenschwarzen Fingernägeln zu kommen, hatte etwas recht Peinliches für mich. Immerhin habe ich selten dümmere Gesichter gesehen, als die der beiden Gentlemen, die wie begossene Pudel das Weite suchten, nachdem sie so gar nichts erreichten.
Das Salzbergwerk von Wieliczka mit seinen von Fackeln beleuchteten Gängen, mächtigen Hallen, malerischen Kapellen und Salzsäulen war hochinteressant, und die Fahrt über den weiten, unterirdischen See, dessen turmhohes Gewölbe in dem Feuer von bengalischen Lichtern und Raketen erstrahlte, feenhaft. Wie das glitzerte und sprühte auf dem dunklen Wasser, bis hinauf zu den weiten Kuppeln! Auch der Tanz mit der hübschen, feurigen Polin war pikant genug, und nur ungern kam ich wieder ans Tageslicht, wo mich sofort wieder dieser entsetzliche Schmutz anstarrte, den ich nicht ertragen konnte.

Also weiter! Mein Ziel, Zakopane, war rund 90 Kilometer entfernt. Davon wollte ich trotz der bald einbrechenden Nacht wenigstens noch ein Stück herunterlaufen.

So begann die Tour, auf der ich das Wandern lernen sollte…..

 

Aus: Theodor Wundt: Ich und die Berge – Erstveröffentlichung: 1917

Heinrich von Maltzan • Meine Wallfahrt nach Mekka • Einleitung von Fritz Gansberg

Heinrich von Maltzan - Grafik von Hermann Scherenberg - 1871
Heinrich von Maltzan – Grafik von Hermann Scherenberg – 1871

1860 unternahm Heinrich von Maltzan als Muslim getarnt eine Pilgerfahrt nach Mekka. Als Tarnung diente ein Pass, den sich Maltzan durch Bestechung eines algerischen Arabers besorgt hatte. Dieses Vorgehen war notwendig, weil der Besuch der heiligen Stadt des Islam für Nichtmuslime bei Todesstrafe verboten war und ist. Nach dem Tod des offiziellen Passbesitzers veröffentlichte Maltzan 1865 einen Bericht über diese Reise. 

Heinrich von Maltzan wurde am 6. September 1826 in Dresden geboren und starb am 22. Februar 1874 in Pisa. Er war ein deutscher Forschungsreisender, Ethnograph, Sprachforscher und Reiseschriftsteller.

trennlinie2

Vorrede an die [jungen] Leser – Eine Einleitung von Fritz Gansberg

G ö t z e n d i e n s t !

[avatar user=“SybillePauli“ size=“medium“ align=“right“]Redaktion: Sybille Pauli[/avatar]

Gewiss habt ihr schon davon gehört. Gewiss kennt ihr auch aus dem Museum die fratzenhaften Gestalten, die sich die armen Wilden in ihre Tempel stellen, und denen sie mit größter Ehrfurcht nahen; sie knien davor nieder und beten sie an, sie suchen sie gnädig zu stimmen durch ein Opfer, sie bringen ihnen dampfende Speisen, die freilich der Tempeldiener nachher wegholt und anderweitig verwendet, und sie bitten sie um Hilfe in der Gefahr. Wie kann es nur Menschen in den Sinn kommen, Puppen von Holz oder Stein göttlich zu verehren? Wie können sie nur auf den Gedanken kommen, diese in bunte Lappen gewickelten Fratzen könnten ihnen helfen, ja könnten ihnen noch da helfen, wo menschliche Hilfe vollkommen unmöglich ist? Puppen sollen das Wetter machen können, sollen den durstenden Feldern Regen schicken und den Blitz vom Hause abwehren können! Puppen, die man in der Schlacht voranträgt, sollen die feindlichen Pfeile in Verwirrung bringen, sollen die Herzen der Feinde erzittern machen, sollen Krankheit und Unruhen im feindlichen Lager anstiften können! Verwundert schütteln wir den Kopf über solche Kindereien, über solchen Aberglauben. Wir wissen längst, dass sich die Natur nicht durch den Glauben und durch fromme Wünsche besiegen lässt, dass der Feind nur durch stärkere Waffen, durch geübte Truppen und durch mutiges Draufgehen in die Flucht geschlagen werden kann. Wir wissen, dass das Wetter von Naturkräften gemacht wird, die sich nicht kommandieren lassen, wissen, dass Sonnenschein und Regen nicht kommen und gehen, wie wir wollen, sondern wie sie wollen. Wir denken, dass es den Menschen wohl noch einmal gelingen wird, auf die Kräfte, die das Wetter machen, ein wenig Einfluss zu gewinnen; wir sind aber zufrieden, wenn uns heute annähernd vorausgesagt werden kann, was der morgige Tag bringen wird: Sturm oder Stille, Niederschläge oder Trockenheit. Und diese Götzen können alles – sie sind Wettermacher, Krieger, Ärzte, Propheten und Künstler in einer Person! Wie ist nur solcher Aberglaube in die Menschheit eingedrungen und hat sich dort so hartnäckig festgesetzt? Denn so leicht lassen sich die Wilden ihren Glauben nicht ausreden. Tritt zufällig das gewünschte Ereignis ein, so ist das natürlich der übermenschlichen Kraft ihres Götzen zu verdanken; tritt das Ereignis nicht ein, so ist der Götze seinem Stamme – nicht gnädig gesinnt; dass er zaubern kann, hat er ja in tausend Fällen bewiesen; er kann ihnen wohl helfen, er will es nur nicht! So bewegen sich ihre Gedanken immer im Kreise herum, und alle unsere Überredung und Belehrung ist einfach in den Wind gesprochen. Und überall bei den Wilden ist der Wunderglaube verbreitet; ja er findet sich auch noch bei den Völkern, die bereits durch ihre Einrichtungen und Erfindungen bewiesen haben, dass sie die Wege kennen, die einzig und allein zu Wundern führen, die durch Fleiß, Geschicklichkeit und Ausdauer Dinge geschaffen haben, die das Staunen der Nachbarvölker erregen, die diesen einfach als Zauber- oder Wunderdinge erscheinen müssen. Auch bei klugen und mächtigen Völkern findet sich noch Wunderglaube. Ich glaube, er findet sich auch noch bei uns. Wie ist nur der Wunderglaube in die Menschheit hineingeraten?

Mekka-view-66973_640Ein wenig finden wir diese schwierige Frage in der vorliegenden Erzählung von einer Pilgerfahrt nach Mekka beantwortet. Mekka bildet den Mittelpunkt und das größte Heiligtum für alle die vielen Millionen Menschen, die an Mohammed und an seine Lehre glauben. An einen Götzen glauben sie nicht mehr, sie glauben an einen Gott. Gott ist für sie eine Person, die allmächtig und allgegenwärtig ist, die die ganze Welt geschaffen hat und täglich und stündlich neue Wesen ins Leben ruft, die hoch über den Wolken in einer Wunderwelt thront, die aber auch in der kleinsten Hütte wohnt, und die jedes Wort kennt, ganz einerlei, ob es schon gesprochen ist oder noch in Gedanken verborgen ruht. Jede Religion ist zuerst einmal eine große Erkenntnis gewesen, ein plötzliches, gewaltsames, herrliches Verstehen dessen, was in der Natur und im Menschenherzen vor sich geht. Dieser gewaltige Gott, von dem man sich kein Bild machen kann und machen darf, gehorcht nicht wie ein Götze den Launen der Menschen, die heute gutes Wetter und morgen eine Schlacht und übermorgen einen anderen kleinen Vorteil mit seiner Hilfe erringen möchten. Er regiert die Welt nach ewigem Plan, und da gehen die Dinge ihren großen, ruhigen Gang, nicht wie der Einzelne möchte, sondern wie es der ganzen Menschheit letzten Endes zum Besten dient. Und was sind die Wünsche von heute und morgen, wenn es sich um das Glück deines ganzen Lebens handelt?! Jede glückliche Stunde deines Lebens, jeden Sonnenstrahl und leisen Windhauch dankst du dem allmächtigen Gott; aber er schickt dir auch bittere Leiden, Schmerzen und Krankheiten, um dich zu prüfen, und er lohnt dir dein treues Ausharren durch endliche ewige Seligkeit. Wie natürlich ist dieser Glaube; das ganze Leben stellt er unter die Gesetzmäßigkeit der Natur, nur der Tod schließt noch ein Wunder ein, ein Wunder, das aber auch die heidnischen Wunder in ihrer Gesamtheit aufwiegt! Und wie stark macht dieser Glaube! Die ärgsten Verfolgungen machen ihn nur immer stärker, denn – »Gott will dich ja nur prüfen!« Wie mächtig muss aber erst eine Gemeinde von Gläubigen werden, ein Volk von Gläubigen; kein Heidenvolk kann vor ihm bestehen bleiben. Die Glaubensboten wandern über hohe Berge, übers weite Meer, um die neue Lehre hinauszutragen; die große Masse der Gläubigen folgt ihnen mit dem Schwerte, um, wenn nötig, mit blutiger Strenge die Gemeinde Gottes zu vergrößern. So ist auch der Islam, die Religion der Mohammedaner, siegreich von Land zu Land vorgedrungen, um überall den Götzenglauben auszurotten, die Altäre zu stürzen und die heidnischen Tempel zu verbrennen, um überall Menschen zu erziehen, die Gutes tun, nicht um von heute bis morgen Vorteil dadurch zu gewinnen, sondern im Hinblick auf die letzte große Belohnung, die Gott den Gläubigen zuwenden wird. Fast scheint es schon, als übten diese Menschen das Gute um des Guten willen. Sie fühlen sich glücklich in der Gemeinschaft der Gläubigen, bauen herrliche Versammlungshäuser, die gegen den Alltag abschließen und schon beim Eintritt Andacht erwecken, und die Freude an den Erscheinungen in der Natur und in der Geschichte der Menschheit, die sie alle als Werke Gottes erkannt haben, führt sie zur Kunst und Wissenschaft. Aber dann beginnt auch sachte, sachte wieder der Wunderglaube. Wo kann man diesen allmächtigen Gott verehren? Sicher überall, denn er ist ja allgegenwärtig. Wo kann man ihn am besten verehren? Da, wo er zuerst geschaut wurde, wo er sich zuerst offenbarte, an der Wiege oder am Grabe des Propheten. Auch das ist so sicher, daß es keines besonderen Beweises bedarf. Wenigstens einmal im Leben sollte mithin jeder Gläubige zum Grabe des Propheten wallfahrten, einmal auch so Gott von Angesicht zu Angesicht schauen, wie es der heilige Stifter der Religion tat. Dann ist dem Gläubigen der höchste Lohn sicher, dann mag ihm auch manche böse Tat verziehen sein. So finden wir denn die Gläubigen in gewaltiger Ansammlung auf Pilgerfahrten zum Zentralheiligtum ihrer Religion. Auf solchen Pilgerfahrten aber findet der Wunderglaube tausendfältige Nahrung, hier wächst er riesengroß. Da treffen sich die Gläubigen aus allen Provinzen ihres großen Reiches; aller Augen sind auf das ferne, glänzende Ziel gerichtet, alle Erwartungen sind auf das höchste gespannt. Schon gehen von Mund zu Mund die Berichte der Wunderdinge, die dort an heiliger Stätte geschehen sein sollen: Krankheiten sind geheilt worden, Unglück ist abgewendet worden. Die Anstrengungen der Reise machen die Aufregung, die alle Pilger angesteckt hat, noch größer. Gott will es, dass wir leiden, ehe wir selig werden; darum vorwärts, verachtet die Schmerzen! Einer versucht es dem andern in der Überwindung von Leiden zuvor zu tun; ein allgemeiner Wetteifer entsteht, zu dursten, zu hungern, sich zu peinigen, und reißt alle Bedächtigen und Zweifler mit sich fort. Endlich ist der große Augenblick erschienen.

mecca-109852_640»Es war die erste Tagesdämmerung,« so wird in diesem Buche erzählt, »jene Zeit, welche nicht mehr Nacht und noch nicht Tag ist, jene Zeit, in der man nicht einen weißen Faden von einem schwarzen soll unterscheiden können. Dieses matte, rosige Licht dauerte vielleicht nur eine Minute. Aber diese Minute genügte uns, um auf dem zarten, matt gefärbten Himmelsrande eine graue Masse mit undeutlichen Umrissen sich abzeichnen zu sehen. Beim Anblick dieser grauen Masse brach auf einmal ein fürchterlicher, unaussprechlicher Jubel aus allen Kehlen los. Ein tausendfaches »Labik« begrüßte die Erscheinung. Mekka, die neunmal heilige Stadt, Mekka, in dem jeder Stein heilig ist, Mekka, in dem die Kaaba liegt, die Kaaba, das Heiligste auf Erden, die Wiege des Islam, die feste Burg Gottes auf Erden, Mekka war es, das aus allen Kehlen mit donnernden Rufen begrüßt wurde. Eine Begeisterung, wie ich sie noch nie in meinem Leben gesehen hatte, gab sich kund. Viele Pilger warfen sich auf die Erde nieder, streckten die Arme sehnsüchtig nach der schwarzen Häusermasse aus oder bedeckten den Wüstensand mit brünftigen Küssen. Die meisten weinten, schluchzten oder seufzten in lauten, gellenden Tönen.«

mecca-66985_640Aber auch die Ankunft an der heiligen Stätte lässt keine Ernüchterung aufkommen. Schon der Gedanke, an der Stätte zu weilen, vor dem Stein zu knien, vor dem Tausende vor dir gekniet haben, zu dem Millionen von Herzen täglich beten, hat etwas Verwirrendes an sich. Dazu kommt die riesige Ansammlung von Menschen, die hier für wenige Tage aus allen Richtungen zusammenfluten. Und aufs neue verstärkt sich die Aufregung, denn nun gilt es, eine Menge von religiösen Übungen auszuführen, wenn nicht die ganze Pilgerfahrt vergeblich sein soll. Und die Begeisterung der Masse reißt alle Vernunft wie in einem wilden Strom mit sich fort. In einem solchen Schwarm wütender, entzückter Menschen ist der einzelne fähig, Hunger und Durst zu vergessen, Frost und Hitze zu verachten und körperliche Leistungen zu vollbringen, über die man sich später, in Zeiten ruhiger Besinnung, einfach – wundert. Da kann auch wohl der übermächtig sich fühlende Wille im Menschen seiner Krankheit Herr werden. Solche Heilungen, die sich oft auf den Pilgerfahrten ereigneten, sind gewiß Wunder, aber sie sind – natürliche Wunder. – So sind ja auch alle großen Taten zustande gekommen, alle Eroberungen, Entdeckungen und Erfindungen: tausend Schwierigkeiten waren zu überwinden, tausendmal verzagte der Mensch, aber immer wieder trieb ihn der Gedanke vorwärts, der Gedanke an den Sieg, an den Ruhm, an das Glück! – Mit welchen Erinnerungen werden die Pilger in ihre Heimat zurückkehren! Wie wird sich dort alles, was sie an der heiligen Stätte schauten, verklären und vergolden! Und wie leicht können sich nun die wunderbaren Vorfälle, die dort schon das Entzücken der Pilger bildeten, in der Heimat ins Fabelhafte und Übernatürliche vergrößern, um nun wieder die Sehnsucht und das Verlangen, die heiligen Stätten zu betreten, in Tausenden ihrer Brüder lebendig zu machen!

mekka-minarets-15079_640Aber diese gewaltige Aufregung und Begeisterung ist nicht von Dauer. Sie kommt und geht; sie steigt an wie die Meeresflut, und sie fließt wieder zurück und macht einer großen Ernüchterung Raum. Die Menschheit erwacht aus einem glühend schönen Traum und findet sich im grauen Alltag wieder, im Alltag, der keine Wunderdinge verschenkt, der nur Treue, Fleiß und Ausdauer belohnt und auf ganz andere Weise zu Wundertaten führt – nicht durch gewaltsame Anstrengungen und unerhörte Selbstpeinigungen, sondern durch treue Beobachtung der Naturgesetze, durch fleißige Umschau bei den Meistern, und durch unermüdliches Probieren und Studieren.

Der Islam, der nicht mehr in diese Welt passt, wird alt. Seine Reiche zerfallen. Seine Kirchen sinken in Schutt und Trümmer. Seine Gläubigen werden müde, verzagt und gleichgültig. Sie träumen den alten Traum weiter, und auch der dumpfe Fall der Kirchenmauern kann sie nicht aufrütteln. Gott hat es so gewollt! »Ihr Leben war so kurz berechnet.« –

Und andere Völker übernehmen nun die Führung. Und nun fängt unter den Ruinen der Götzendienst leise wieder an. Die Leute verstehen die Pilgerfahrt nicht mehr; eine große Versammlung sollte sie sein, in der die Gläubigen aller Länder sich ihre Freuden, ihre Hoffnungen, ihre Erfahrungen mitteilen, um gestärkt im Glauben wieder zurückzukehren. Die Nachkommen wissen nichts von einer solchen Vereinigung und Verbrüderung der Gläubigen; sie sehen nur noch die toten Dinge, vor denen die Heilungen und Wunder passierten. Und solcher Heiligtümer gibt es bald eine ganze Menge. Da ist die heilige Kirche, die unzerstörbar ist und die Herzen aller Gläubigen wie ein Magnet anzieht. Da ist in einer der Wände der Kirche der schwarze Stein, der Mittelpunkt des ganzen Reiches, der ein Engel ist und seit der Erschaffung der Welt hier ruht. Da ist der heilige Brunnen, der sich niemals entleert und wenn Millionen daraus trinken, und dessen Wasser alle Krankheiten heilt. Da sind noch viele, viele Heiligtümer, die angebetet werden und von denen sich eine heilkräftige und wunderbare Wirkung erhoffen lässt. Man muss aber auch in der rechten Weise vor diesen heiligen Gegenständen seine Andacht verrichten, denn sonst helfen sie nicht; ein einziges falsches Wort kann alles verderben. Darum ist es gut, dass sich Gehilfen finden, die den Pilger in den vielen Irrwegen eines solchen Gottesdienstes zurechtweisen. Wer aber alle Worte richtig gesprochen und alle vorgeschriebenen Handlungen ausgeführt hat, dem wird auch die große Belohnung nach dem Tode zuteil. Man muss nur warten können! Und die größten Tugenden werden nun Geduld und Ergebenheit in den Willen Gottes, der doch das Leben der Menschen schon im voraus bis ins kleinste fest bestimmt hat! Was kümmern diese Glücklichen noch die kleinen Obliegenheiten und Geschäfte des Tages: So lange sich noch Essen und Trinken findet und ein leidliches Gewand, und so lange das Dach nicht einstürzt, so lange können sie sich dem ungestörten Traum von der späteren Glückseligkeit hingeben. Und die Völker, die für einige Jahrhunderte durch die feurige Kraft des neuen Glaubens lebendig geworden waren, versinken wieder in den alten Dämmerzustand, sind wieder heidnisch, treiben Götzendienst.

So mag auch in dem Götzendienst der armen Wilden einmal Sinn und Vernunft gewesen sein. Die fratzenhaften Gestalten sind vielleicht Abbilder des großen, schon längst verstorbenen Urvaters und Gründers der Gemeinde, dessen Anordnungen, Taten und Worte noch immer in aller Munde sind, dessen »Geist« noch jetzt im Dorfe umgeht. Oder sie sind die erdichteten Figuren der großen Naturkräfte, von deren Spiel und Gunst alles abhängt, der Sonne, des Meeres, der fruchtbaren Mutter Erde. So wird auch im Götzendienst im tiefsten Grunde ein schöner Sinn gelegen, ein Morgenrot der Erkenntnis geleuchtet haben; aber über die Nachkommen sank die Dämmerung des Kinderglaubens herab, und der Gottesdienst endigte in einem Possenspiel.

Gewiss, dieser kindische Aberglaube fordert unseren Spott heraus, und unser trefflicher Erzähler lässt es nicht daran fehlen. Aber wenn wir recht auf den Grund dieser Verirrungen sehen, so finden wir, daß doch überall dieselben Hoffnungen und dieselben Zweifel das menschliche Herz bewegen, bei den Wilden so gut wie bei den Menschen unserer Heimat. Und dann lernen wir auch den Götzendienst verstehen. Und alles verstehen heißt – alles verzeihen!

Bremen 1909

Fritz Gansberg

Walter Benjamin • Städtebilder • San Gimignano

San Gimignano 
Dem Andenken an Hugo von Hofmannsthal

San Gimignano Toskana GeschlechtertürmeWorte zu dem zu finden, was man vor Augen hat – wie schwer kann das sein. Wenn sie dann aber kommen, stoßen sie mit kleinen Hämmern gegen das Wirkliche, bis sie das Bild aus ihm wie aus einer kupfernen Platte getrieben haben. »Abends versammeln sich die Frauen am Brunnen vorm Stadttor, um in großen Krügen Wasser zu holen« – erst als ich diese Worte gefunden hatte, trat aus dem allzublendenden Erlebten mit harten Beulen und mit tiefen Schatten das Bild. Was hatte ich vorher von den weißflammenden Weiden gewußt, die am Nachmittage mit ihren Flämmchen vor dem Stadtwalle wachen? Wie enge mußten sich vordem die dreizehn Türme behelfen, und wie besonnen nahmen sie von nun ab jeder seinen Platz ein, und zwischen ihnen war es noch sehr geräumig.
Kommt man von fern, so ist die Stadt plötzlich so unhörbar wie durch eine Tür in die Landschaft getreten. Sie sieht nicht danach aus, als solle man ihr je näherkommen. Ist es aber gelungen, so fällt man in ihren Schoß und kann vor Grillengesumm und Kinderschreien nicht zu sich finden.
San Gimignano Italien Tuscany Architektur AntikeWie sich im Lauf von vielen Jahrhunderten ihr Gemäuer immer dichter zusammenzog; kaum ein Haus ohne die Spuren großgerundeter Bogen über der schmalen Pforte. Die Öffnungen, aus denen jetzt schmutzige Leinentücher zum Schutze gegen Insekten wehen, waren bronzene Tore. Reste der alten Steinornamentik ließ man gottverloren im Mauerwerk stecken, das ein heraldisches Aussehen davon bekam. Ist man durch die Porta San Giovanni getreten, so fühlt man sich in einem Hofe, nicht auf der Straße. Selbst die Plätze sind Höfe, und man scheint sich auf allen geborgen. Was so oft in der südlichen Stadt begegnet, wird doch nirgends spürbar wie hier: daß ihr Mensch, was er zum Leben braucht, sich erst mühsam vergegenwärtigen muß, so sehr macht die Linie dieser Bogen und Zinnen, der Schatten und der Flug der Tauben und Krähen ihn das Bedürfnis vergessen. Ihm wird schwer, sich dieser übertriebenen Gegenwart zu entringen, des Morgens den Abend und in der Nacht den Tag vor sich zu haben.
Überall wo man stehen kann, kann man auch sitzen. Nicht Kinder allein, sondern alle Frauen haben ihren Platz auf der Schwelle, ganz körpernah am Grund und Boden, seinen Sitten und vielleicht seinen Göttern. Der Stuhl vor der Haustür ist schon Wahrzeichen städtischer Neuerungen. Von den krassen Sitzgelegenheiten der Cafés vollends machen einzig und allein die Männer Gebrauch.
San Gimignano Italien ArchitekturSo habe ich nie vorher Sonnen- und Mondaufgang in meinem Fenster gehabt. Wenn ich nachts oder nachmittags auf dem Bett liege, gibt’s nur Himmel. Ich beginne, gewohnheitsmäßig kurz vor Sonnenaufgang zu erwachen. Dann erwarte ich, wie die Sonne hinterm Gebirge emporkommt. Da gibt es diesen ersten flüchtigen Augenblick, in dem sie nicht größer ist als ein Stein, ein glühendes Steinchen auf dem Gebirgskamm. Was Goethe vom Monde sagte: »Glänzt dein Rand herauf als Stern« – hat noch niemand von der Sonne begriffen. Ihrer aber ist nicht Stern, sondern Stein. Die Früheren müssen die Kunst besessen haben, diesen Stein als Talisman bei sich zu bergen und damit die Stunden zum Glück zu wenden.
Ich schaue von der Mauer der Stadt. Das Land brüstet sich nicht mit Bauten und Siedlungen. Es ist viel da, aber beschirmt und beschattet. Die Höfe, an denen nichts als die Notdurft gebaut hat, sind nicht nur in der Zeichnung, sondern in jedem Ton von Ziegel und Fensterglas so vornehm wie kein Herrenhaus in der Parktiefe. Die Mauer aber, an die ich lehne, teilt das Geheimnis des Ölbaums, dessen Krone als harter brüchiger Kranz sich mit tausend Breschen dem Himmel öffnet.

trennlinie2

Quelle:Walter Benjamin: Städtebilder
Suhrkamp Verlag – edition suhrkamp
Buch 17 – 1963

Walter Benjamin • Städtebilder • Marseille

Marseille 

La rue … seul champ d’expérience valable.
André Breton

Marseille Frankreich Stadt Mittelmeer
Marseille Frankreich Stadt Mittelmeer

Marseille – gelbes, angestocktes Seehundsgebiß, dem das salzige Wasser zwischen den Zähnen herausfließt. Schnappt dieser Rachen nach den schwarzen und braunen Proletenleibern, mit denen die Schiffkompanien ihn nach dem Fahrplan füttern, so dringt ein Gestank von Öl, Urin und Druckerschwärze daraus hervor. Der ist vom Zahnstein, der an den wuchtigen Kiefern festbackt: Zeitungskioske, Retiraden und Austernstände. Das Hafenvolk ist eine Bazillenkultur; Lastträger und Huren menschenähnliche Fäulnisprodukte. Im Gaumen aber sieht es rosa aus. Das ist hier die Farbe der Schande, des Elends. Bucklige kleiden sich so und Bettlerinnen. Und den entfärbten Weibern der rue Bouterie gibt das einzige Kleidungsstück die einzige Farbe: rosa Hemden.

Marseille Zentrum Der Alten Liebe Museum»Les bricks« – so heißt das Hurenviertel nach den Leichtern, die hundert Schritt davon an der Mole des alten Hafens vertäut sind. Ein unübersehbarer Fundus von Stufen, Bögen, Brücken, Erkern und Kellern. Er scheint auf seinen richtigen Gebrauch, die zweckentsprechende Verwendung, noch zu warten. Allein er hat sie. Denn dies Depot von ausgedienten Gassen ist das Hurenviertel. Unsichtbar verlaufen die Striche, die das Terrain scharf und eckig wie afrikanische Kolonien unter die Berechtigten abteilen. Die Huren sind strategisch placiert, auf einen Wink bereit, Unschlüssige zu umzingeln, den Widerspenstigen wie einen Ball von einer Straßenseite zur anderen sich zuzuspielen. Wenn er sonst nichts bei diesem Spiele einbüßt, ist es sein Hut. Ist einer schon so tief in diesen Häuserkehricht eingedrungen, um auf das Innerste im Gynäzeum, die Kammer zu geraten, wo die erbeuteten Embleme der Männlichkeit: Canots, Melonen, Jägerhüte, Borsalinos, Jockeimützen auf Konsolen gereiht oder an Rechen geschichtet hängen? – Durch Kneipen hindurch trifft der Blick auf die See. So zieht die Gasse durch eine Reihe unbescholtener Häuser wie von schämiger Hand gegen den Hafen gedeckt sich dahin. An dieser schämigen, triefenden Hand aber glänzt, ein Siegelring am harten Finger eines Fischerweibs, das alte hôtel de ville. Hier haben vor zweihundert Jahren Patrizierhäuser gestanden. Ihre hochbusigen Nymphen, ihre schlangenumwundenen Medusenhäupter überm verwitterten Türrahmen sind jetzt erst deutlich, Zunft- und Gildenzeichen geworden. Es sei denn, man hätte Schilder darüber gehängt, wie die Hebamme Bianchamori das ihre, auf dem sie, an eine Säule gelehnt, allen Kupplerinnen des Viertels die Stirne bietet und lässig auf ein stämmiges Bübchen weist, das im Begriff steht, sich aus einer Eierschale zu befreien.

Marseille Frankreich Meer MediterraneanGeräusche. – Oben in den menschenleeren Straßen des Hafenviertels sitzen sie so dicht und so locker wie in heißen Beeten die Schmetterlinge. Jeder Schritt schreckt ein Lied, einen Streit, Klatschen triefenden Leinzeugs, Brettergerassel, Säuglingsgejammer, Klirren von Eimern auf. Nur muß man sich allein hierher verloren haben, um ihnen mit dem Kescher nachzufolgen, wenn sie taumelnd in die Stille entflattern. Denn noch haben in diesen verlassenen Winkeln alle Laute und Dinge ihr eigenes Schweigen, wie es um Mittag auf Höhen ein Schweigen der Hähne, ein Schweigen der Axt, ein Schweigen der Grillen gibt. Aber die Jagd ist gefährlich, und zuletzt bricht der Häscher zusammen, wenn ihn wie eine riesenhafte Hornisse von hinten ein Schleifstein mit dem zischenden Stachel durchbohrt.
Notre Dame de la Garde. – Der Hügel, von dem sie herabblickt, ist der Sternenmantel der Gottesmutter, in den die Häuser der Cité Chabas sich einschmiegen. Nachts bilden die Laternen in seinem samtenen Innern Sternenbilder, die noch keinen Namen haben. Er hat einen Reißverschluß: die Kabine unten am stählernen Bande der Zahnradbahn ist das Kleinod, aus dessen gefärbten Butzenscheiben die Welt zurückstrahlt. Ein ausgedientes Fort ist ihr heiliger Fußschemel, und ihren Hals umgibt ein Oval wächserner, verglaster Votivkränze, die wie Reliefprofile ihrer Vorfahren aussehen. Kettchen von Dampfern und Seglern bilden die Ohrgehänge, und aus den schattigen Lippen der Krypta drängt sich ein Schmuck rubin- und goldfarbener Kugeln, an dem die Pilgerschwärme wie Fliegen hängen.

Kathedrale Der Großen Marseille Mucem
Kathedrale Der Großen Marseille Mucem

Kathedrale. – Auf dem unbetretensten, sonnigsten Platz steht die Kathedrale. Hier ist es ausgestorben, trotzdem im Süden, zu ihren Füßen, La Joliette, der Hafen, im Norden ein Proletarierviertel dicht anstößt. Als Umschlagplatz für ungreifbare, undurchschaubare Ware steht da das öde Bauwerk zwischen Mole und Speicher. An vierzig Jahre hat man darangesetzt. Doch als dann 1893 alles fertig war, da hatten Ort und Zeit an diesem Monument sich gegen Architekten und Bauherrn siegreich verschworen, und aus den reichen Mitteln des Klerus war ein Riesenbahnhof entstanden, der niemals dem Verkehr konnte übergeben werden. An der Fassade sind die Wartesäle im Innern kenntlich, wo Reisende I.–IV. Klasse (doch vor Gott sind sie alle gleich), eingeklemmt wie zwischen Koffer in ihre geistige Habe, sitzen und in Gesangbüchern lesen, die mit ihren Konkordanzen und Korrespondenzen den internationalen Kursbüchern sehr ähnlich sehen. Auszüge aus der Eisenbahnverkehrsordnung hängen als Hirtenbriefe an den Wänden, Tarife für den Ablaß auf die Sonderfahrten im Luxuszug des Satan werden eingesehen, und Kabinette, wo der Weitgereiste diskret sich reinwaschen kann, als Beichtstühle in Bereitschaft gehalten. Das ist der Religionsbahnhof zu Marseille. Schlafwagenzüge in die Ewigkeit werden zur Messezeit hier abgefertigt.

Marseille Kirche "Die Gute Mutter"

Marseille Kirche „Die Gute Mutter“

Das Licht von Grünkramläden, das in den Bildern Monticellis ist, kommt aus den Innenstraßen seiner Stadt, den monotonen Wohnvierteln der Eingesessenen, die etwas von der Traurigkeit von Marseille wissen. Denn die Kindheit ist der Quellenfinder der Trübsal, und um die Trauer so ruhmreich strahlender Städte zu kennen, muß man in ihnen Kind gewesen sein. Dem Reisenden werden die grauen Häuser des Boulevard de Longchamp, die Fenstergatter des Cours Puget und die Bäume der Allées de Meilhan nichts verraten, wenn ihn nicht ein Zufall in die Totenkammer der Stadt, den Passage de Lorette führt, den schmalen Hof, wo im schläfrigen Beisein einiger Frauen und Männer die ganze Welt zu einem einzigen Sonntagnachmittag zusammenschrumpft. Eine Immobiliengesellschaft hat ihren Namen in das Portal gemeißelt. Entspricht nicht dieser Binnenraum genau dem weißen angepflockten Rätselschiff im Hafen – »Nautique«, die nie ins Meer sticht, um dafür alltäglich an weißen Tischen Fremde mit Gerichten, die viel zu sauber und wie ausgewaschen sind, zu speisen?

Marseille Alter Hafen Gute MutterMuscheln- und Austernstände. – Unergründliches Naß, das als schmutziger Guß reinigend über schmutzige Balken strömt, übers Warzengebirge rosiger Muscheln von der höchsten Konsole herab, zwischen Schenkeln und Bäuchen glasierter Buddhas, an gelben Zitronenkuppeln vorüber, ins Sumpfland der Kressen und durch die Waldung französischer Fähnchen sprudelt, um endlich als die beste Würze des zuckenden Tiers unsern Schlund zu berieseln. Oursins de l’Estaque, Portugaises, Marennes, Clovisses, Moules marinières – all das wird unaufhörlich gesiebt, gruppiert, gezählt, geknackt, verworfen, angerichtet, verkostet. Und der träge, stupide Makler des Binnenhandels, Papier, hat nichts in dem entfesselten Element, der Brandung schäumender Lippen zu suchen, die immer gegen die triefenden Stufen ansteigt. – Aber drüben, am andern Quai, zieht der Gebirgszug der »Andenken« sich entlang, das mineralische Jenseits der Muscheln. Seismische Kräfte haben dies Massiv von Glasfluß, Muschelkalk, Emaille aufgetürmt, in dem die Tintenfässer, Dampfer, Anker, Quecksilbersäulen und Sirenen ineinanderstecken. Der Druck von tausend Atmosphären, unter dem hier diese Bilderwelt sich drängt und bäumt und staffelt, ist die gleiche Kraft, die sich in harten Schifferhänden nach langer Fahrt an Frauenschenkeln und Frauenbrüsten erprobt, und die Wollust, die auf den Muschelkästen ein rotes oder blaues Sammetherz aus der Steinwelt heraustreibt, um es mit Nadeln und Broschen spicken zu lassen, die gleiche, die am Zahltage diese Gassen erschüttert.

Marseille Château D ' If Insel
Marseille Château D ‚ If Insel

Mauern. – Zu bewundern die Disziplin, der sie in dieser Stadt unterworfen sind. Die besseren im Zentrum tragen Livree und stehen im Solde der herrschenden Klasse. Sie sind mit schreienden Mustern bedeckt und haben sich in ihrer ganzen Länge vielhundertmal dem neuesten Anis, den »Dames de France«, dem »Chocolat Menier« oder Dolores del Rio verschrieben. In den ärmeren Vierteln sind sie politisch mobilisiert und stellen ihre geräumigen roten Lettern als Vorläufer roter Garden vor Werften und Arsenale.

Der Verkommene
– der nach Einbruch der Nacht an der Ecke der rue de la République und des Vieux Port seine Bücher verkauft, ruft in den Passanten schlechte Instinkte auf. Es kitzelt sie, sich so viel frisches Elend zunutze zu machen. Und es gelüstet sie, mehr von solch namenlosem Unglück zu erfahren, als das Bild der Katastrophe, die es uns vorstellt. Denn wohin muß es mit einem gekommen sein, der, was ihm von Büchern geblieben ist, vor sich auf den Asphalt geschüttet hat und nun hofft, einen, der hier spät noch vorbeikommt, möchte ein Sehnen nach Lektüre beschleichen? Oder ist alles ganz anders? Und hält hier eine arme Seele Wacht, die uns stumm anfleht, den Schatz aus dem Trümmerhaufen zu heben? Wir hasten vorbei. Aber wir werden an jeder Ecke von neuem stutzen, denn immer hat der südliche Händler den Bettlermantel so um sich geschlagen, daß mit tausend Augen das Schicksal uns daraus ansieht. Wie fern sind wir der tristen Würde unserer Armen, der Kriegsbeschädigten des Konkurrenzkampfs, an denen Senkel und Dosen mit Stiefelwichse wie Kordons und Medaillen hängen.
marseille_stadtVorstädte. – Je weiter wir aus dem Innern heraustreten, desto politischer wird die Atmosphäre. Es kommen die Docks, die Binnenhäfen, die Speicher, die Quartiere der Armut, die zerstreuten Asyle des Elends: das Weichbild. Weichbilder sind der Ausnahmezustand der Stadt, das Terrain, auf dem ununterbrochen die große Entscheidungsschlacht zwischen Stadt und Land tobt. Sie ist nirgends erbitterter als zwischen Marseille und der provençalischen Landschaft. Es ist der Nahkampf von Telegraphenstangen gegen Agaven, Stacheldraht gegen stachlige Palmen, Nebelschwaden stinkender Korridore gegen feuchtes Platanendunkel brütender Plätze, kurzatmigen Freitreppen gegen die mächtigen Hügel. Die lange rue de Lyon ist der Pulvergang, den Marseille in die Landschaft grub, um sie in Saint-Lazare, Saint-Antoine, Arenc, Septêmes auffliegen und mit Granatsplittern aller Völker- und Firmensprachen überschütten zu lassen. Alimentation Moderne, Rue de Jamaïca, Comptoir de la Limite, Savon Abat-Jour, Minoterie de la Campagne, Bar du Gaz, Bar Facultatif – und über all dem der Staub, der hier aus Meersalz, Kalk und Glimmer sich zusammenballt und dessen Bitternis im Munde dessen, der es mit der Stadt versucht hat, länger vorhält als der Abglanz von Sonne und Meer in den Augen ihrer Verehrer.

trennlinie2

Quelle: Walter Benjamin: Städtebilder Marseille
Suhrkamp Verlag – edition suhrkamp
Buch 17 – 1963

Cats Gedankenwelt: Polen • Ein Land voller Gegensätze

Vier oder fünf Kleidungsschichten müssen es schon sein!
Vier oder fünf Kleidungsschichten müssen es schon sein!

Polen gehört zu den umstrittensten Staatsgebieten der europäischen Geschichte und das Land musste gerade in den letzten Jahrhunderten eine Menge Rückschläge einstecken. Andererseits gelten die großen Städte auch dort als wichtige Politik- und Handelszentren mit langer Tradition. Auf unserer Silvesterreise haben wir den Sprung zu unseren Nachbarn herüber gewagt, um Land und Leute besser kennenzulernen. 

Holocaust, Sowjet-Besetzung und Freiheitskämpfe – so lehren einen die Geschichtsbücher weitgehend die Geschichte eines Landes, das irgendwie immer der Prellbock zwischen Großmächten zu sein schien. Dazwischen wird oft übersehen, dass auch glanzvolle Zeiten und Orte die Geschichte Polens bestimmt haben – eben solche Orte wie Danzig (polnisch: Gdánsk), Posen (Poznan) oder Stettin (Szczecin), die mein Mann und ich über Silvester bereist haben. Und wir wären nicht wir, wenn wir nicht neben den typischen Touristenattraktionen auch feine Details aus von unserer Reise mitbringen würden.

Ein rauer Wind

Einsame Häuser am Straßenrand - auf dem Land ist Polen dünn besiedelt
Einsame Häuser am Straßenrand – auf dem Land ist Polen dünn besiedelt

Wer im Winter nach Nordpolen fährt, muss sich warm anziehen – nach einem bisher eher milden Winter in Deutschland schlug uns bei Ankunft bei unserer Zwischenstation Stettin eine ziemlich kalte Brise entgegen. Deswegen war nach den zwei Reisetagen und an unserem ersten wirklichen Erkundungstag in Danzig erst einmal Shopping angesagt – und zwar die wärmsten Wintersachen, wie wir finden konnten! Wobei mein Mann mehr gefunden hat als ich; Frauensachen in größerer Größe scheinen leider in manchen Einkaufszentren Mangelware zu sein. So habe ich mich von Anfang an eben an einen „Zwiebellook“ gewöhnt, mit vier bis fünf Kleidungsschichten übereinander. Vermutlich ist meine ausgeprägte Kälteempfindlichkeit (ich nenne mich immer „die größte Frostbeule auf diesem Planeten“) der entscheidende Unterschied zwischen mir und den Einheimischen – denn die scheinen das raue Klima perfekt wegzustecken. Ich erinnere mich mit einem Schmunzeln an mein fassungsloses Gesicht, als ich an Silvester lauter Frauen jeden Alters mit offenen Pumps, Feinstrumpfhosen und Miniröcken gesehen habe. „Ich würde erfrieren“, murmelte ich nur, und mutmaßte noch: „Vermutlich füllen sich morgen die Praxen wegen der vielen Fälle von Blasenentzündung.“ Mein Mann grinste nur: „Wahrscheinlich kennen sie es nicht anders und – naja, schick sieht es ja schon aus.“ Typisch Mann eben – wer soll es ihnen verdenken? Ich sollte übrigens erwähnen, dass er, ebenso typisch, mit zwei bis drei Schichten Kleidung weniger auskommt als ich.

Eitel, hilfsbereit und ziemlich stur

Touristenmagnet Altstadt: Polens Städte bestechen durch ihre Architektur
Touristenmagnet Altstadt: Polens Städte bestechen durch ihre Architektur

Vielleicht sind die einheimischen Frauen ja gar nicht mal so viel kälteresistenter – sondern nur eitel genug, um die wetterbedingten Extreme kurzzeitig zu verdrängen? Eines ist uns jedenfalls aufgefallen: Wie man es osteuropäischen Frauen nachsagt, achten zumindest viele Polinnen stark auf ihr Äußeres und ihr Styling. Selbst bei -12 Grad sind überall sorgfältig geschminkte, figurbetont gekleidete und modern frisierte Frauen unterwegs. So schlecht der Ruf der Eitelkeit auch sein mag – ich persönlich empfinde sogar einen gewissen Respekt vor Menschen, die auch angesichts dieses eisigen Gegenwinds so viel Zeit und Disziplin in ihr Auftreten investieren. Selbst dann, wenn sie es auf Berufswegen vielleicht gar nicht „müssen“. Ein zweiter Charakterzug, der uns bei manchen Menschen auf unseren Wegen aufgefallen ist, ist diese gewisse Eigenwilligkeit, fast schon als eine leichte „Sturheit“ zu bezeichnen. So behauptete ein Pizzadienst in Stettin, „in diesen Stadtteil fahren wir nicht“, auch wenn der Flyer direkt in der Pension auslag.

P1060008
Vieles spielt sich in Polen auf der Schiene ab

In Gdynia, einer der „Drillingsstädte“ Gdánsk, Gdynia und Sopot, erklärte ein gestresster Kellner uns ziemlich mürrisch: „Kitchen is closed“, um dann, fünf Minuten später, einheimischen Gästen große Teller mit Dorschfilets auf den Tisch zu stellen. Vielleicht hatte der Mann einfach etwas gegen Touristen oder Deutsche? Diese Frage werden wir wohl nie zureichend beantworten können. Ein weiteres, eher erstaunliches Beispiel von Eigensinn ist eine Autobahnauffahrt, die vom Stettiner Außenbezirk auf die Schnellstraße führt. Zwar hatte man die Auffahrt anscheinend zu Zeiten des Kommunismus stillgelegt, das war aber nichts, was die Anwohner aufhalten könnte. Alternativ wurde einfach eine „Umleitung“ über einen planierten Trampelpfad im Wald eingerichtet. So ungewöhnlich es auch scheint, über einen Feldweg mitten durch den Wald auf eine Autobahn zu fahren – immerhin funktioniert es. Oder, wie mein Mann es ausdrückt: „Wo ein Pole durch will, findet ein Pole auch einen Weg.“ Selbst dann, wenn er ihn selbst freischaufeln muss. Diese resolute Art kann viele Einheimische aber auch recht liebenswert machen – denn immerhin verbindet ein großer Teil der Menschen diesen Durchsetzungswillen auch mit einer großen Hilfsbereitschaft.

Schiene schlägt Straße

Die Bahn - Mittel der Wahl in Polen
Hochhaussiedlungen erinnern an Zeiten des sowjetischen Kommunismus

Wenn ich schon auf den Verkehr zu sprechen kommen soll, so verstehen wir nun, warum ein polnischer Bekannter uns geraten hat, längere Strecken besser mit dem Zug zurückzulegen als mit dem Auto. Der einfache Grund: Die Straßenführung gerade in Nordpolen hat ebenso wie die Einwohner und das Wetter ihre Eigenheiten. Was nämlich bei unseren Nachbarn die „Autobahn“ ist, würde hierzulande gerade als von Ortschaften unterbrochene Landstraße durchgehen. An den Schlaglöchern und der Straßenbeschaffenheit erkennt man im Übrigen auch ganz gut, welche (ländlichen) Bereiche nur wenig öffentliche Gelder erhalten und dass die Zubringer zu den Großstädten eine Menge mehr finanzielle Zuwendung erhalten. Selbst, wenn diese zur Rush Hour auch hemmungslos überfüllt sind und rund 40 Kilometer einen locker zwei Fahrtstunden kosten können. „Gut, dass wir ab morgen Zug fahren können“, seufzte ich schließlich erleichtert, als wir endlich in Danzig-Oliwa auf dem Hotelparkplatz standen – denn sowohl das Stop-and-go vor ewig roten Ampeln als auch ziemlich riskante Überholmanöver mancher Einheimischer können ein bekennendes „Landei auf Großstadttour“ schon ganz schön schlauchen. Ehrlich gesagt bin ich auch in deutschen Großstädten ansonsten eher die Fortbewegung mit Bus, Bahn und Metro gewöhnt und verstehe zum Beispiel nicht, warum zum Henker man in einer Stadt wie New York freiwillig stundenlang im Stau stehen kann.

Stadt, Land, Meer - Polen bietet landschaftliche Vielfalt
Stadt, Land, Meer – Polen bietet landschaftliche Vielfalt

Aber so sind die Menschen eben verschieden. Betritt man das erste Mal in Polen einen Bahnhof im städtischen Raum, wird es offensichtlich, dass auch die Polen eher ein Volk von Bahnfahrern sind. Im Gegensatz zu deutschen Bahnhöfen sind die polnischen im Allgemeinen gepflegter; die S-Bahn nach Danzig fährt pünktlich und reibungslos alle größeren Stadtteile bis ins Umland ab und auch im Fernverkehr ist man auf der Schiene einfach schneller. Und während wir – auch aufgrund der Gepäckmenge – die Hin- und Rückfahrt an zwei Tagen Fahrzeit erledigten, dauerte die Fahrt von Gdánsk nach Poznan, wo wir einen Bekannten besuchten, gerade einmal zweieinhalb Stunden mit der Schnellbahn.

Eine Landschaft der Gegensätze

Zahlreiche Monumente um Danzig herum erinnern an eine bewegte Vergangenheit
Zahlreiche Monumente um Danzig herum erinnern an eine bewegte Vergangenheit

Ein Gutes hat eine Autofahrt durch Polen allerdings – bei der holprigen „Überlandfahrt“ erkennt man deutlich alle Aspekte, die das Land ausmachen. Manche Dörfer wirken wie ausgestorben und erinnern mit ein paar wenigen, teils zu Imbissen ausgebauten Häusern eher an Relikte aus einer Zeit, in der Landwirtschaft noch den Großteil des gesellschaftlichen Lebens bestimmte. Eine Einöde, die sich zum Teil über Kilometer erstreckt, umgeben von Wald und Wiesen. Naturwüchsig, aber eben unwegsam zum Leben. Zwischendurch ein paar Industriegebiete, über das Land verteilte Ballungszentren, in denen sich alle möglichen Branchen im herstellenden Gewerbe tummeln. Hier hat der Westen voll Einzug gehalten – das „große M“ und das rote KFC-Logo sind omnipräsent. Schließlich die Großstädte mit ihrem weitläufigen Einzugsgebiet. In den Außenbezirken Hochhäuser aus Ostblockzeiten zwischen Hotels, Restaurants und Einkaufszentren, in den Innenstädten Jugendstilbauten und kunstvolle Architektur aus „goldenen Zeiten“. Arm und Reich nah beieinander, Nobelrestaurants in der Nähe von Eckkiosken, wo billiger Fusel, abgepackte Brötchen und Bier im Sixpack für wenige Zloty zu haben ist. Oder sollte man sagen: Polen ist einfach ein Land in der Schwebe zwischen Relikten einer kommunistischen Vergangenheit und dem Vormarsch eines typisch amerikanischen Lebensstils? Welche Wege unsere Nachbarn in der Zukunft gehen werden, wird sich zeigen – bis dahin bleibt es wohl bei einem Land der Gegensätze mit einem rauen Klima und herzlichen, etwas sturen Einwohnern. Also ein liebenswertes, abwechslungsreiches Fleckchen Erde.

Sybille Pauli • Unser Urlaub steht an – aber wohin?

Sybille_PauliHallo Frau Pauli. Mein Lebenspartner & ich wollen zwischen Januar und März 2016 (noch nicht genau klar wann) in die Ferien! Das Reiseziel  ist uns ehrlich gesagt “Schnuppe” – Hauptsache es ist schön warm und man kann ausgiebig baden & Sonne tanken. Ok, vielleicht noch ein wenig shoppen und Sightseeing wäre klasse! Haben Sie Tipps für uns? Dom. Rep., Thailand, Mexiko oder doch lieber Florida?! Können Sie uns aus eigener Erfahrung etwas empfehlen? Liebe Frau Pauli, es wäre schön, wenn Sie uns den nervigen Gang ins Reisebüro ersparen würden. Seit gefühlten 10’000 Stunden habe ich im Internet durch zig Reiseseiten klickt und den Überblick total verloren und fast die Lust die Koffer zu packen. Ich freue mich über Ihre Tipps, Karla 36 – Berlin

trennlinie2

Liebe Karla,

einer 36jährigen, die ihren Freund als Lebenspartner bezeichnet, muss ich einfach helfen, da kann ich nicht anders.

Leider schreiben Sie mir überhaupt nichts über Ihr Reisebudget. Aber die erwähnten Reiseziele machen klar, dass Sie sich einen Langstreckenflug leisten können und ich Sie darum nicht ans Steinhuder Meer schicken muss.

Nun denn. Wenn Sie mich fragen, dann lautet die Antwort schlicht und ergreifend THAILAND. Und nicht nur deshalb, weil es eine der Destinationen ist, die Sie selbst ins Spiel gebracht hatten, sondern weil ich ein bekennender Thailand-Fan bin. Für mich ist ein Urlaub dort der Inbegriff vom paradiesischen Sein. Es stimmt dort alles.

Das Wetter ist warm bis heiß. – Das Wasser ist warm bis heiß. – Die Anreise ist unkompliziert. – Das Essen ist einfach GÖTTLICH!!!

Zudem sind die Menschen sind sehr freundlich und zuvorkommend.

Die politische Lage ist weitgehend stabil; abgesehen vom Grenzgebiet zu Kambodscha. Dort ist  die Lage seit längerem angespannt ist.

Die medizinische Versorgung ist hervorragend (wenn Sie sich nicht gerade in der absoluten Pampa, mitten im Regenwald aufhalten). Sie müssen keine übergroße Sorge vor Malaria haben (wenn Sie sich nicht gerade mitten im Regenwald aufhalten und sich nachts mit einem Moskito-Netz schützen.)

Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist unschlagbar. Nirgendwo bekommen Sie mehr Paradies für weniger Geld.

Die wirtschaftliche Lage Thailands hat sich in den letzten Jahren stark verbessert. Die Weltbank hat Thailand 2011 offiziell zum Land mit “gehobenem mittleren Einkommen” erklärt. Das hat auch Einfluss auf Ihren Urlaub. Auf der einen Seite sind Sie eine wertvolle Einkommensquelle für den wichtigen Tourismussektor, auf der anderen Seite werden Sie nicht tagtäglich mit bitterer Armut konfrontiert.  

trennlinie2

Soviel zu den vernünftigen Gründen. Nun aber zur konkreten Ferienplanung:

Sie fliegen mit Thai Airways – das Essen ist einfach gut und der Service an Bord um Welten freundlicher als bei vielen anderen Fluglinien – nach Bangkok. Dort bleiben Sie ein paar Tage und shoppen, was das Budget hergibt. Ihren Hunger nach Kulturellem stillen Sie bitte auch dort, denn auf den Ferieninseln ist davon nicht viel zu finden. Besuchen Sie den Kaiserpalast! Kratzen Sie etwas Gold vom Tempel und staunen Sie über die unglaublich schönen Wandmalereien. Danach fliegen Sie weiter nach Koh Samui und nehmen ein Boot auf die nahe Insel Koh Phangan. Dort habe ich im Frühjahr einen „Liebesurlaub“ verbracht. Die  Schönheit der Insel ist kaum zu ertragen. Je nachdem, ob Ihnen mehr nach Halligalli ist, buchen Sie ein Bungalow am Haad Rin Beach, wo die Vollmondpartys steigen, oder aber Sie suchen sich einen der ruhigeren Strände aus. Wir waren am Thong Nai Pan Beach; der ist beschaulich und für Sie vielleicht etwas zu ruhig. Testen Sie es einfach aus.

Hotels finden und buchen Sie z.B. unter Asiarooms.com oder aber Sawadee.com.  Asiarooms hat den Vorteil, dass Sie bis kurz vor der Anreise kostenfrei stornieren können. Den Reality Check machen Sie am besten bei Holidaycheck, wo Sie viele wertvolle Gästereviews und ungeschönte Fotos von Hotels finden können. Und wenn immer möglich, bleiben Sie mindestens 2 Wochen und buchen für jede Woche ein anderes Hotel: auch den großartigsten Ort hält man kaum länger als 7 Tage aus.

Wo auch immer Sie Ihren Urlaub verbringen, schicken Sie mir bitte eine Postkarte und schreiben Sie mir, ob es Ihnen gefällt!

Eine schöne, sinnliche Reise wünscht Ihnen Sybille Pauli.

Konya – Annemarie Schwarzenbach: Winter in Vorderasien

Konya

3. Dezember 1933

Genug Licht zum Schreiben, Feuer, eine Schaffelldecke, Raki – nicht mehr braucht man und nicht weniger, wir haben es genau erfahren. Draussen liegt Schnee, im Hof des Seldschuk-Palas laufen die Truthühner mit gesträubten Kragen umher. Über den Dächern sieht man die blassrosa Kuppel einer Moschee im grauen Schneeflocken-Himmel; es ist ein bezaubernd trauriger Anblick.

Wir haben seit Ankara eine vierundzwanzigstündige Bahnfahrt hinter uns. In Eskischehir waren die Fenster der Zuckerfabrik erleuchtet, und Rauch stieg feurig aus den Schloten. Arbeiter in Pelzen standen an der Böschung, dort, wo ein Getreidesilo gebaut wird. Ein junger österreichischer Ingenieur beaufsichtigte den Bau, wir kannten ihn von Ankara, und er holte uns am Bahnhof ab. Wir sassen mit ihm in der Baracke, die sich Bufé nennt, und warteten auf den Nachtzug von Haidarpascha. Der Ingenieur sah müde und abgezehrt aus. Er erzählte die ganze Zeit, ich weiss nicht mehr was. Wahrscheinlich von seiner Frau und seinen Kindern, die er in Wien hat. Ob sich das lohnt, dachte ich – was gehen ihn schliesslich die Getreidesilos an und was Eskischehir? »Und Sie fahren also nach Osten«, sagte er, gesprächig, das Rakiglas in der Hand. »Aber ich werde mich trösten. Ich liege in einer halben Stunde in meinem Bett, während Sie noch zwölf Stunden im Zug . . . Haben Sie Schlafwagen? Aber der Zug führt ja gar keinen Schlafwagen.«

Endlich, nach einer Stunde, fuhren wir ab.

Die Fremden kennen Konya nur im Frühjahr oder im Sommer. Es ist eine alte Seldschukenhauptstadt, seiner Moscheen wegen berühmt. Auch die Kreuzritter haben Konya erobert . . .

dance-410468_1280_GuenterRuopp_DerwischeEs begann zu schneien, als wir im Kloster der Derwische waren. Wir standen in dem hohen dunklen Raum, der, unter einer der runden Kuppeln, ihre Moschee enthielt; unter der zweiten aber drehten sie sich. Sie drehten sich, den einen Arm an die Brust gelegt, den anderen ausgestreckt, in langen grünen Gewändern, das Haupt leicht zurückgeworfen, so wie ihr Meister Dschelal al-Din Rumi es sie gelehrt hat. Er dichtete dazu und besang die Sterne und das in Sehnsucht kreisende Herz der Menschen. Nun liegt er, riesig aufgebahrt, neben seinem Sohn im gleichen Raum, in der Pracht einer Grabkapelle, die der grüne Turm überwölbt, deren Wände von goldenen und farbigen Schriftzeichen bedeckt sind, deren Säulen herrlich geschmückt sich im Dunkel verlieren; unten hängen Öllampen und ziselierte Silbergefässe, man geht über alte Teppiche aus Smyrna und Kula, aus Persien und Afghanistan; aber über den mächtigen Sarkophag des Heiligen und seines Sohnes ist ein schwarzes Tuch ausgebreitet, und oben zu ihren Häupten stehen die schwarzen Turbane wie Kuppeln einer Moschee.

Die Türken treiben sonst wenig Totenkult – hier ist er ein feierliches Schrecknis. Rings um den grossen Dschelal al-Din Rumi ruhen seine Söhne in 65 Sarkophagen aus Stein und aus Marmor, mit Fayencen, köstlichen Teppichen und Geweben bedeckt.

konya museum mevlana-kloster
Konya – Museum Mevlana-Kloster

Jetzt ist es ein Museum. Man zeigte uns alles: die Bücher und die Gewänder und die herrlichen Stoffe aus Persien, die Seidenteppiche aus Brussa, die grossen, mattfarbigen aus Smyrna, die gestickten Mäntel der Jürüken, die geschnitzten Türen, die Kelims und die Gebetsstreifen. Man hätte sich vor einer gemalten Seite eines Buches vergessen können wie beim Anhören von Musik. Ja, nicht anders war die sanft auflösende und hinreissende Wirkung jener Goldranken im blauen Grund, jener Knospen in wunderbarer Verteilung, jenes Auf und Nieder, jener Verschlingung und Verteilung der Ornamentik . . . oder auch: nur Gold auf dem matten Pergament . . . Aber da, wo sich die Derwische gedreht haben, liegen helle grosse Teppiche mit weniger und einfacher dunkelgrauer Zeichnung.

Man führte uns zum Direktor des neuen Museums. Er sass in seinem Zimmer und diktierte etwas, und durch das Fenster sah man in den alten Derwischgarten. Zwischen den Beeten stehen griechische Säulen und Statuen, die meisten sind zerbrochen; jetzt lag Schnee auf ihren Schultern, und als wir wieder hinaus und in die Stadt gingen, war der ganze Hof mit Schnee bedeckt und die Strassenflucht grauweiss. Es schneite in dicken, nassen Flocken. Wir gingen in ein Bad, man führte uns durch die heissen, niederen Kuppelräume, Tücher lagen auf den Steinbänken ausgebreitet; in kleinen Nebengelassen wurden die Badenden getrocknet und massiert. Oben, über den Betten, hing die Fotografie des Ghasi; die einzige, die es gibt.

Selimiye-Moschee
Selimiye-Moschee

Es folgten alte kostbare Türen und Moschee-Eingänge, die ich auf Fotografien gesehen hatte: von Sonne beleuchtet, mit schrägen schwarzen Schatten. »Aber es schneit«, sagte ich. Kinder liefen uns nach, barfuss. Und Greise wuschen sich an kleinen Brunnen die blaugefrorenen Füsse. Wagen kamen uns entgegen, mit Säcken beladen, und auf jedem Sack lag ein wenig Schnee. Die Kutscher trugen weisse Schafpelzmützen, das Leder nach aussen, und schwangen ihre Peitschen; die Pferde liefen, was sie konnten. Als wir in einer Seitengasse standen und das Tor einer Medresse (einer alten Schule) betrachteten, fuhr eine Droschke vorüber, die Pferde trabten lautlos; unter dem schwarzen Verdeck sass eine Frau mit einem schönen, jungen Gesicht.

Zuletzt sahen wir die Moschee mit dem blassrosa Dach; der schneegraue Himmel war schon verschlossen. Dann kam gleich die Dunkelheit. Eine Winternacht in Konya. Ich bin froh, dass ich schreiben und Raki trinken kann. Aber jetzt bin ich damit fertig; wir müssen Holz im Ofen nachlegen. Die Nacht wird noch lang sein.

minaret-64783_1280_hans

5. Dezember 1933

Wir verliessen Konya um drei Uhr nachts. Es war eisig kalt; am Tag hatte es geschneit, jetzt knirschte die dünne Schneeschicht unter den Rädern des Wagens, der uns zum Bahnhof führte. Im Hotel war es so kühl gewesen, dass kein Holzfeuer genügte, um die Zimmer zu erwärmen. So sassen wir nahe am Ofen, zusammen mit einem Deutschen, den irgendwelche Geschäfte nach Konya verschlagen hatten, und tranken Raki. Von Zeit zu Zeit brachte der Rusk, der russische Hausdiener, heissen Kaffee in kleinen, henkellosen Schalen.

Dann kam die Fahrt zum Bahnhof: eine lange Allee, mit dünnen Bäumen besetzt, Schnee in den harten Radspuren – links die helle Kuppel einer Moschee, sonderbar fremdes Gebilde in der Winternacht, vor dem Bahnhof, in weissen Ledermänteln, die Kutscher, und, zerfetzt, frierend, die Hammal, die sich auf unser Gepäck stürzten. Punkt drei Uhr ging das Licht aus. Das sei so in Konya wurde uns erklärt, und die Reisenden des Taurus-Express müssten sich damit abfinden. Im Schein einer Petroleumlampe warteten wir, bis, eine halbe Stunde verspätet, der Zug einlief. Die Wagen waren überfüllt, in den Abteilen schliefen Offiziere, Matrosen, ganze Familien, Körbe mit Säuglingen schaukelten zwischen den Gepäcknetzen. Ein Hauptmann kam im Gang auf uns zu. »Ich habe Sie in Kayseri gesehen«, sagte er und nannte den Namen eines Freundes, bei dem wir oben in Anatolien zu Gast gewesen waren. Er brachte uns in seinem Abteil unter, wo ausser uns noch ein Tscheche sass, ein Ingenieur, wie sich herausstellte, unterwegs nach Mossul und Bagdad.

Gespräche gingen hin und her; wir schliefen kaum, bis die Sonne durch die beschlagenen Scheiben drang und die schnelle Dämmerung der braunen Ebene der farbigen Flut des Morgens wich. In Ulukisla standen die Bauern in Pelze gehüllt am Bahnhof; ein Soldat brachte uns Tee, eine Minute lang atmeten wir draussen die frische Gebirgsluft. Und nun lagen die weissen, glänzenden Ketten des Taurus vor uns. Wie Traumgebilde stiegen sie aus der Ebene empor, den Fuss von Nebel umwallt, die phantastischen Spitzen und Zacken gelb, rosa und schwarz leuchtend, vom Licht getroffen, das sie wie Metallspiegel zurückwarfen. Der langsame Anstieg begann; bald neben uns, bald seitlich abirrend führte die alte Taurusstrasse empor; wir sahen Reiter, Eselkarawanen, Wagen, weiter oben nur noch Hirten mit ihren grossen Schafherden. Der Ingenieur erzählte uns, dass der Taurus voller Schätze sei – die nussgrossen Edelsteine im Serail zu Stambul seien zum Teil von unbekannter Beschaffenheit und könnten weder aus dem Kaukasus und dem Ural, noch aus Südafrika stammen, sondern müssten hier in den Gebirgen des Landes ihren nunmehr vergessenen Ursprung haben . . . Dann begann er grosssprecherisch von seinen Abenteuern in allen Teilen der Welt zu erzählen – von den Räubern in Nordafrika, den heimlichen »Lasterhöhlen« Stambuls, von den Taschendieben der Levantestädte und den grossen Jägern oben in Kanada. Jetzt hatte er sich verheiratet und fuhr in den Irak, um im Petroleumgebiet zu arbeiten. »In einem Jahr werde ich meine Frau nachkommen lassen«, sagte er zuversichtlich. Sie wartete in Prag . . .

Inzwischen reihten sich die Tunnel, liessen kurze Durchblicke auf die besonnten Felsmassen; nach einem grossen Tunnel sahen wir die ersten Bäume: Föhren, vom Wind gekrümmt, spärlich auf runden Hügeln verteilt, aber ihrer wurden immer mehr, und als der Zug einigen Schleifen abwärts folgte, war es schon ein Wald. Zwei Monate hatten wir vor uns die baumlose Hochebene gehabt – jetzt konnten wir uns am dunklen Grün nicht satt sehen, der felsige Gebirgsboden tat es uns an, die Flecken grauen Flechtwerks, die hohen Wurzeln, der Blick in Schluchten, wo gefallene Stämme übereinanderlagen. Und der Blick wurde immer weiter, wir folgten dem Rand eines bewaldeten Talkessels, von der Station des Gebirgsdörfchens Hadschikiri aus sah man, durch eine ungeheure Felskluft, das Meer.

Zuerst glaubten wir uns zu täuschen: Da schimmerte etwas, ein schwarzer Spiegel, und blendete die Augen. Die Sonnenstrahlen wurden davon angezogen und sammelten sich wie ein Speerbündel an jener Stelle. Es war das Meer.

Acıgölsee Konya - Kato
Acıgölsee Konya – Kato

Im Abteil nebenan wurde die Kinderwiege heruntergeholt. Ein kleines Mädchen lief mit einem Wasserbecken und einem Rasierpinsel durch den Gang, der Vater rasierte sich, während ein dicker kleiner Junge ihm den Spiegel hielt. Die Mutter packte; Bündel, Pakete, Tonflaschen, Körbe häuften sich. Endlich, kurz vor Adana, zog der Vater die Pantoffeln aus und verlangte herrischen Tons nach seinen Schuhen. Dann war die Familie bereit, und wir fuhren in Adana ein. Unser Hauptmann verliess uns; die Familie warf die Gepäckstücke zum Fenster hinaus. Orangenverkäufer liefen schreiend den Wagen entlang. Dann erfuhr der Tscheche plötzlich, dass unser Wagen nicht mehr weiterfahre. Hammal stürzten herbei, der Umzug vollzog sich in Eile. Auf dem anderen Geleise erwarteten uns alte, europäische Wagen. Bagdat stand in gelben Buchstaben darauf. Während der Zug rangierte, liessen wir uns draussen die Schuhe putzen, kauften Wasser und gingen in der Sonne spazieren. Vorbei mit der Kälte, dem Schnee, dem Hochebenenwind. Hier war Mittelmeer; laue Luft umgab uns. Palmen und riesige Kakteen standen in den Gärten.

Der Zug füllte sich. Offiziere, Geschäftsleute, Offiziere; keine einzige Frau. Wir durchfuhren die fruchtbare Baumwollebene; wandten wir uns nach rückwärts, so sahen wir an ihrem Rand, langsam versinkend, die silbrigen Ketten des kilikischen Taurus. Noch vier Stunden trennten uns von der syrischen Grenze. Als wir gerade Eier, Brot und Orangen auspackten, erschien in unserem Abteil ein dunkelhaariger Bursche in genagelten Skistiefeln und Knickerbockers. Er legte die Hand an die Mütze, setzte sich dann und nahm die Mütze ab. »Sprechen Sie Spanisch?« fragte er, »Rusk, Hebräisch?«

Mausoleum Mevlana - Konya
Mausoleum Mevlana – Konya

Wir schüttelten die Köpfe. »Sprich Spanisch«, sagten wir, worauf er uns in einem Kauderwelsch französischer, italienischer und spanischer Brocken auseinandersetzte, dass er nach Syrien wolle, während sein Pass, wie wir feststellten, ein Transitvisum über Syrien und Irak nach Persien aufwies. »Nach Beirut«, erklärte der Junge, »von dort Palästina« – dabei legte er den Finger an den Mund. Wir riefen unseren Tschechen, der sich mit dem Jungen auf serbisch verständigen konnte. Er war spanischer Jude, hatte einen jugoslawischen Pass und wollte nach Palästina. Als Jude hatte er aber kein Visum für Syrien bekommen – nach Palästina wollte er sich ohnedies auf illegalem Wege über Beirut einschmuggeln –, und ein Freund in Stambul hatte ihm geraten, sich das Transitvisum für Persien zu verschaffen, um dann irgendwie in Syrien den Zug zu verlassen. »Es war ein schlechter Rat«, sagten wir ihm, »man wird dich zurückschicken.« Er hörte aufmerksam, wortlos zu, dachte lang nach und begann dann mit plötzlicher Heftigkeit zu erklären. Er habe neun englische Pfund, sagte er, wir sollten dem Passbeamten sagen, dass er keinesfalls nach Persien könne, nur nach Beirut zu seinem Konsul oder in eine Hafenstadt, Iskenderun zum Beispiel; dann wolle er sich weiterhelfen.

Wir hielten an der Grenze. Fevzipascha. Wir befanden uns wieder im Gebirge, es wurde kalt, die Dunkelheit brach unerwartet ein. Wir sahen die Lichter von Militärbaracken, Offiziere standen auf den Geleisen und umarmten Kameraden, die in unseren Zug stiegen – wir erfuhren, dass sie nach Persien als Instruktore versetzt worden waren. Passbeamte standen in den Gängen; draussen bettelte ein halbnackter Junge, wir reichten ihm ein Brot heraus, worauf er es unter den Arm presste und wie ein Tier in der Dunkelheit verschwand.

Dann läutete die Glocke, die Offiziere standen stumm grüssend an den Fenstern, der Zug setzte sich in Bewegung.

Der junge Jude erschien wieder unter der Türe, gefolgt von einem französischen Passbeamten. Wir erklärten ihm, so gut es ging, die Situation. »Unmöglich«, sagte der Beamte wütend, »ich kenne die Burschen, zwanzig sind schon auf diese Weise nach Palästina gelangt.«

»Aber was wollen Sie mit ihm tun?«

»Wir werden ihn zwingen, ein Billet nach Mossul zu lösen, oder er wird mit Gendarmen nach Stambul zurückgeschickt.«

Der Junge folgte mit gierigem Ernst dem Gespräch.

Stadtansicht Zitatelle - Aleppo
Stadtansicht Zitatelle – Aleppo

»Sie wissen, dass er nicht nach Persien will«, sagten wir, »er hat dafür auch nicht genug Geld. Man wird ihn gar nicht hereinlassen, denn dafür müsste er fünfzig englische Pfund vorweisen.«

Es war nichts zu machen. Der Junge wollte nicht nach Stambul zurück. Kurz vor Aleppo hielt der Zug, die Offiziere stiegen aus; auf dem Nebengeleise wartete der Wagen nach Terschuan. Wir verabschiedeten uns von unserem Ingenieur. Dann sahen wir, wie ein Beamter den kleinen »Hebreux« in einen Wagen dritter Klasse schob und seinen Pass einem Offizier reichte. »Geben Sie auf ihn acht«, rief er, »er muss transit nach Persien . . .« Schreien, Rufen; Pfiffe und Glockenzeichen. Langsam glitten die Wagen aneinander vorbei. Hinter uns blieben die Waldgebirge, Kilikien, der schneebedeckte Taurus. Nachtkälte drang durch die Fenster, im Gang standen die Franzosen, von Zigarettenrauch eingehüllt. Um halb zehn Uhr abends erreichten wir Aleppo.

Cats Gedankenwelt: Eine Bahnsinnsgeschichte – Teil 2

Bahnreisende können viel erleben
Bahnreisende können viel erleben

Es ist eine Weile her, dass ich die skurrilsten Geschichten von meinen Bahnreisen hier zum Besten gegeben habe. Seitdem ist auf Schienen wieder einiges passiert; Erheiterndes, Nerviges, oder auch einfach nur Absurdes. Daher geht der „Bahnsinn“ hier in eine zweite Runde.

Vor allem Langstrecken- und Wochenendpendler kennen das zu gut – Bahnfahren gleicht manchmal einem Überraschungsei, man weiß nie, was man bekommt. Gäbe es eine soziologische Studie über Bahnfahrer, würde vermutlich folgendes herauskommen: Bahnfahrer und vor allem die Pendler unter ihnen sind oftmals (gezwungenermaßen) stressresistent, regen sich weniger über Kleinigkeiten wie kurze Verzögerungen auf und zeigen sich in unglücklichen Situationen äußerst gesellig und solidarisch. Kein Wunder, denn häufiges Reisen mit dem „Unternehmen Zukunft“ erfordert eben genau solche „Soft Skills“ – Geduld, Gelassenheit, kreative Lösungen und eine ausgeprägte Hilfsbereitschaft gegenüber anderen Mitreisenden. Nicht zu vergessen eine gute Prise Humor – wie ich letztens erst wieder feststellen durfte.

Total tote Hose: Manchmal geht es einfach nicht weiter!

Normalerweise beträgt meine Pendelstrecke, die ich an manchen Freitagen und den meisten Sonntagen zurücklege, nur rund 250 Kilometer und dauert dreieinhalb bis vier Stunden. Das ist gut aushaltbar und bietet einem einen gewissen Zeitpuffer, um zum Beispiel einen Blogbeitrag zu schreiben. Doch die Deutsche Bahn wäre ja nicht die Deutsche Bahn, wenn immer alles nach Plan liefe (bei wem tut es das schon). Manchmal kommt man gar nicht erst so los, wie man es sich vorstellt – so wie einmal vor ein paar Monaten, als der Zug gerade losgefahren war und nach einer Station bereits umkehren musste. Grund: eine erst einmal irreparable Weichenstörung. Uns blieb letztendlich nichts übrig, als uns doch noch zu später Stunde ins Auto zu setzen und nach Norddeutschland zu düsen, damit ich am nächsten Tag zur Arbeit erscheinen konnte.

Zugegeben, die Fälle, in denen man so gar nicht mit der Bahn oder dem entsprechenden Schienenersatzverkehr vom Fleck kommt, sind recht selten. In der Regel kommt man irgendwie an – trotz mancher Fahrplanänderung oder Verspätung. Wenn aber etwas beginnt, schief zu laufen, dann gilt meist Murphys Gesetz und eine Panne kommt selten allein. Hin und wieder landet man auch buchstäblich „am Arsch der Welt“ – so wie ich und 50 andere Fahrgäste letztens im Regionalzug in Richtung Oldenburg. Eigentlich hatte ich meine Route nach bestem Wissen und Gewissen geplant, sogar den etwas teureren ICE über Kassel ausgewählt, um zu viele Umstiege zu vermeiden. Bei einer halben Stunde Aufenthaltszeit kann je eigentlich kaum etwas, passieren, dachte ich. Außer, dass es statt 35 Minuten Wartezeit auf den ICE auf einmal zwei Stunden werden sollten. Wenn auf der Anzeigetafel am Bahnsteig geradezu hämisch die Leuchtschrift erscheint: „ICE XYZ – etwa 90 Minuten Verspätung“, wissen erfahrene Bahnreisende, was zu tun ist. Also sich entweder ärgern und sich ein Restaurant mit Sitzgelegenheit suchen, oder aber nach der schnellstmöglichen, „zweitklassigen“ Regionalverbindung schauen.

Wer keinen Humor hat, sollte das Bahnfahren seinlassen - sonst droht Bluthochdruck!
Wer keinen Humor hat, sollte das Bahnfahren seinlassen – sonst droht Bluthochdruck!

Ich hatte also (erst einmal Glück) – eine halbe Stunde später als eigentlich geplant fuhr doch noch eine Regionalbahn. Voll, eng und stickig, aber immerhin: Besser als gar nicht vorankommen. Dann kurz vor Ahlhorn die Durchsage, ein umgestürzter Baum versperre ab Ahlhorn die Strecke, „Bitte steigen Sie in Ahlhorn in die bereitgestellten Ersatzbusse“. Naja, denke ich mir dann immer, das kommt bei Sturm eben mal vor. Übrigens auch schon einmal so vorgekommen im letzten Winter, als die Züge von Bremen nach Oldenburg einen ganzen Tag lang wegen Sturmschäden auf der Strecke nicht fuhren. Ich freute mich insgeheim also schon auf einen komfortablen Bussitz – auch wenn mein Anschlusszug so oder so weg sein würde. Aber warum fährt man auch eine Stunde eher los, ein guter Bahnfahrer weiß: Pufferzeit muss sein.

Was danach passierte, hätte jedoch niemand der noch inzwischen rund 50 Mitreisenden erwartet. Anstatt uns bis nach Oldenburg zu fahren, hielt der zuständige Busfahrer nach einer ewig scheinenden Kurvenfahrt über Ortschaften, deren Namen ich vorher noch nie gehört hatte, an einem einsamen Ort namens Huntlosen. „Huntlosen“ klingt übrigens nicht nur so, als sei dort der Hund begraben – Dorf und Bahnhof sehen auch genau so aus. Es mag zweifellos ein schöner Ort für motorisierte Familien sein, die idyllisch wohnen wollen – als Knotenpunkt für wartende Zuggäste ist er aber schlicht ungeeignet, ohne Süßigkeiten- und Getränkeautomat und ohne Bahnhofstoilette. „Da kommt gleich ein Zug zur Weiterfahrt“, hat man uns versichert. Also warteten wir. Es war inzwischen fast Mitternacht und kein Zug in Sicht. Um Viertel nach zwölf, nachdem wir fast eine Stunde am zugigen Bahnsteig mitten in der Pampa gewartet hatten, machte sich die Karawane wieder zur Bushaltestelle auf, um dort wieder peitschendem Regen und Sturm zu trotzen. Die Ersten witzelten schon über eine „unerlaubte Demo am Arsch der Welt“, die Zweiten riefen nach Freibier und die Dritten riefen bereits ihre Kumpels, Mitbewohner und Familien an, damit diese wieder aus ihren Betten aufstanden und sie von diesem Bahnhof, wo einfach der versprochene Bus nicht kommen wollte, abholten.

Idiotensichere Toilettentüren sind die Regel - aber es gibt auch Ausnahmen
Idiotensichere Toilettentüren sind die Regel – aber es gibt auch Ausnahmen

Tatsächlich kam ein Bus vorbei – nur war dieser schon voll. Die Fahrerin versprach, „da kommt gleich noch einer“. Also wieder Warten – und zwar bis Viertel nach eins am Morgen. Inzwischen spielte ich mit dem Gedanken, mir ein Hotel in Oldenburg zu nehmen und einen Erstattungsantrag bei der Bahn einzureichen. Doch dann hatte ich in dem ganzen Schlamassel noch Glück. Irgendwann gegen halb eins sprach mich nämlich ein junger Mann an: „Entschuldigung, ich habe gerade gehört, Sie müssen auch nach Delmenhorst?“ Er wollte seinen Mitbewohner anrufen – leider hatte sein Handy keinen Akku mehr. Handy laden am Laptop gegen Mitfahrgelegenheit bis vor die Haustür, das hielt ich für einen fairen Deal. So kam es, dass ich mit zwei fremden Soldaten in ein Auto einstieg, etwas, das ich unter „normalen“ Umständen nicht tun würde. Aber ungewöhnliche Situationen erfordern besondere Mittel.

Wie entspannt man mit der Bahn reist, hängt von Strecke und Verkehrslage ab
Wie entspannt man mit der Bahn reist, hängt von Strecke und Verkehrslage ab

Dass der Bus nach Oldenburg doch noch kam, sahen wir, nachdem wir diverse Taxiunternehmen in Delmenhorst und Oldenburg für andere Mitfahrer angerufen hatten und diese wieder abbestellen mussten, als der Bus schließlich unverhofft in Sichtweite kam. Ende gut, alles gut – dennoch, als ich meinem besorgten Ehemann zu Hause meine sichere Ankunft vermelden konnte (etwa gegen zwei Uhr nachts), sagte er nur: „Na, das war ja mal wieder eine Bahnsinnsgeschichte!“ Manchmal passieren auch innerhalb des Zuges die seltsamsten Dinge; so kam es letztens, dass ein Betrunkener sich derart ungünstig in der Toilette eingeschlossen hatte, dass die Feuerwehr ihn am Zielort hinaus sägen musste. Und da sage noch einer, die Türen bei der Deutschen Bahn seien idiotensicher. Der erste basserstaunte Kommentar des Bahnangestellten: „Das habe ich ja in meinen letzten zehn Dienstjahren nicht erlebt!“ Hin und wieder erlebt man in der Bahn eben Dinge, von denen man nicht wusste, dass es sie gibt. Habt ihr über die Feiertage auch kuriose, „bahnbrechende“ Erlebnisse gehabt? Dafür ist natürlich Platz in den Kommentaren. Egal, wohin die Reise euch also führt: Kommt gut an!

Teheran • Annemarie Schwarzenbach: Winter in Vorderasien

Teheran

März 1934

iran-716331_1280_braininKeine Jahreszeit hätte sich besser eignen können, um die Bekanntschaft Persiens zu machen, als dieser herbe und liebliche Frühling! Die Sonne hat schon einige Kraft, aber die Luft ist frisch und immer von leichtem Wind bewegt. Die grossen Hochebenen sehen aus wie dem Himmel entrissen, die Gebirge an ihrem Rand glänzen in überirdischen Farben – aber trotzdem ist das Land nicht urweltlich, sondern präsentiert sich als alter, geschichtlicher Boden und weckt abwechselnd Ehrfurcht und Neugier. Man versteht immerhin, dass es den Arabern so leicht gelang, die Perser von ihrer Vergangenheit zu trennen und ihnen ihre Religion zu nehmen und durch den Islam zu ersetzen; und man versteht noch besser, dass später die Legenden Firdausis zur nationalen Tradition erhoben wurden, ohne dass es jemandem einfiel, an ihrer mehr als geschichtlichen Wahrheit zu zweifeln. Denn jedes Geschehnis muss hier einen gleichsam übernatürlichen Charakter erhalten, und es konnte keinen Anstoss erregen, Städte, Tempel und Paläste Göttern und Heroen zuzuschreiben, wie auch die Throne, die Grabmäler und die Bilder, die man in Felsen eingehauen fand und deren Inschriften von niemandem mehr gelesen wurden . . .

persepolis-588885_1280_bakhramianMan liest sie heute, und wenn die Ausgrabungen fortschreiten, Ekbatana und Rhagai freigelegt werden und Persepolis seine letzten Geheimnisse hergibt, wird man alles beim rechten Namen nennen und den Ereignissen ihren rechten Platz zuweisen können. Aber die Tatsache wird nur bestätigt werden, dass dieses den irdischen Massen entrückte Land der Schauplatz aller riesenhaften und furchtbaren, zuweilen auch erhabenen menschlichen Geschehnisse wurde, gerade, als ob die Menschen der Nähe des Himmels nicht gewachsen wären und in taumelnde Selbstüberhebung gerieten. In diesem Zustand machte die Legende sie zu Halbgöttern – Persien war damals die Heimat eines unruhigen, hochfahrenden und begabten Volkes geworden, dessen Jünglinge ich gern von Hölderlin beschrieben wüsste; sie waren ritterlich und schwärmerisch, vom Wert ihrer kriegerischen Tugenden überzeugt, dabei von verletzlichem Stolz. Man lehrte sie »mutig sein und gut reiten« – aber diese Ideale verblassten während der jahrhundertelangen Fremdherrschaft von Türken und Mongolen. Ihre Heimat war das »Tor von Asien« und unendliche Völkerzüge wälzten sich über seine Hochebenen, nicht ohne etwas davon zurückzubehalten; sei es auch nur die Erinnerung an seine Grösse. Für alles büssten die Perser. Mit der Dynastie des Schah Abbas begann eine neue nationale Geschichte, aber es war die einer langen Degeneration. Eine solche Verfeinerung der Kunst, mit der sie sich fast ausschliesslich beschäftigten, ist immer schon das Zeichen der Abwendung von den groben, handfesten Aufgaben des Kriegführens und vom nationalen Ehrgeiz.

arch-745678_1280_AmirSenator
Azadi-Bogen, Teheran

Die Perser verraten heute eine Genügsamkeit, wie sie Völker eigen ist, die eine grosse Aufgabe hatten und ihre Rolle erfüllten, und nun bereit sind, in den grossen Schoss der Geschichtslosigkeit zurückzukehren. Es mag etwas orientalische Indolenz mit dabei sein, doch soll man sie nicht mit der Erschöpfung aus tieferen Ursachen verwechseln. Die Inder erfanden nach einem verwandten Schicksal eine Religion der Passivität und beschwören die unendliche Auflösung in unsere endliche Zeit. Die Perser aber sind heute noch, wenigstens in religiösen Gefühlen, eines Fanatismus fähig, der wie ein Aufflackern bedrohter und im Kern schon angegriffener Energien ist. Sonst aber warten sie, anscheinend ohne grosse Hoffnungen, darauf, dass die Pforten des Paradieses sich ihnen öffnen.

Ali, ihr Prophet, und ihr Liebling Hussein tragen Märtyrerkronen, doch kennen sie nicht die Verklärung des Leidens, die dem Christentum eigen ist, und haben deshalb auch keinen Trost demütiger Herrlichkeit zu vergeben.

Wirksamer ist jener unbenennbare Zustand des Keif, der die Grenzen zwischen angenehmen und leidenden Empfindungen verwischt, den schwachen Willen des Individuums auslöscht und ihm eine körperlose Hand aus den Wolken leiht . . .

Arkadij Awertschenko | Mein Reisebegleiter

Es gibt Menschen, zu denen man sich vom ersten Augenblick an hingezogen fühlt. Ihre Stimme, ihr Lächeln rufen blindes Vertrauen hervor. Und wenn man eine Stunde in ihrer Gesellschaft verbracht hat, möchte man glauben, daß man sie schon viele Jahre kennt. Ich habe einmal einen solchen Menschen getroffen. Es war ein Erlebnis, das man nicht vergißt.

trennlinie2

Ich fuhr damals in der zweiten Klasse des Nachtzuges nach dem Städtchen Pitschugino, wo ich einen Vortrag über Aviatik halten sollte.

Im Abteil befand sich außer mir noch ein junger Mann, der mir von Anfang an gefiel.

Er lächelte mich freundlich an und sagte:

»Ich glaube, wir bleiben zu zweit. Das ist angenehm, nicht wahr?«

»Ja«, erwiderte ich angeregt. »Ich bin ein Feind überfüllter Coupés. Wo haben Sie übrigens Ihr Gepäck?«

Er lachte hellauf.

»Alles, was ich habe, trag‘ ich bei mir. – Wohin reisen Sie?«

»Nach Pitschugino. Ich soll dort einen Vortrag über Aviatik halten. Mein Name ist Worobjew!«

»Sehr angenehm«, bemerkte mein Begleiter. »Ich fahre ebenfalls geschäftlich nach Pitschugino. Mit Vergnügen werde ich Ihrem Vortrag beiwohnen. Wo findet er denn statt?«

»Im Saal der Aviatischen Gesellschaft. Ich bekomme zweihundert Rubel dafür.«

»Oho! Das ist eine schöne Summe. Um diesen Betrag kann man die ganze Aviatische Gesellschaft fliegen lassen!« sagte lachend mein Reisebegleiter.

Ich schaute auf die Uhr und gähnte.

»Man sollte eigentlich jetzt ein wenig schlafen. Wo bleibt der Kondukteur? Ich liebe es nicht, wenn man mich aus dem Schlaf weckt!«

»Legen Sie sich ruhig auf die Bank nieder«, sprach mein Nachbar und nahm eine Zeitung aus der Tasche. »Ich werde lesen. Und wenn Sie wollen, zeige ich Ihre Fahrkarte dem Kondukteur, damit er Sie nicht stört.«

»Machen Sie sich doch keine Ungelegenheiten!« rief ich.

»Ach, ich schlafe sowieso nicht!«

Ich streckte mich auf der Bank aus und gab meinem Reisebegleiter die Fahrkarte. Dann stand ich wieder auf, nahm meinen Koffer herunter, öffnete ihn und zog ein Schlafkissen hervor.

Der junge Mann schaute mir voll kindlicher Neugierde zu und rief entzückt:

»Was für ein wunderschöner Koffer!«

»Ja, das ist ein ausgezeichnetes Stück. Ich habe es in Berlin gekauft. Da ist ein Abteil für Wäsche, hier eines für Kleider, da eine Tasche für Mundvorrat und hier eine für Banknoten, Paß und Dokumente. Ich habe diesmal meinen Paß nicht mitgenommen, aber ich glaube, daß man mir in Pitschugino keine Schwierigkeiten machen wird!«

»Das kann man nicht wissen. Der dortige Polizeimeister ist sehr streng. Ich fahre nie ohne meinen Paß.«

Er zog ihn aus der Tasche und schwenkte ihn vergnügt.

»Sie werden ihn verlieren, Sie großes Kind! Man sollte Ihnen den Paß fortnehmen und ihn aufbewahren.«

Sein sympathisches Gesicht wurde ein wenig besorgt:

»Hm, ich werde ihn nicht verlieren. Aber man kann ihn in der Nacht stehlen. Was fange ich dann an?«

»Geben Sie ihn her! Ich werde den Paß in meinem Koffer verstecken! Haben Sie Geld?«

»Woher soll ich Geld haben? Da ist mein Paß, und verstecken Sie ihn in Ihrem Koffer.«

Er schaute noch einmal neugierig herüber und sagte:

»Wenn ich einmal reich bin, fahre ich nach Berlin und kaufe mir so einen Koffer. Wo haben Sie ihn her?«

Ich nannte die Firma und sagte zu ihm:

»Sie sind ein fescher Kerl!«

Er lächelte verlegen:

»Auch Sie gefallen mir, nur aus diesem Grund habe ich Ihnen meinen Paß anvertraut.«

Ich gähnte, lehnte mich zurück, wünschte meinem Reisebegleiter angenehme Ruhe und schlief bald ein.

****

Nach einer Weile fühlte ich, wie jemand mich kräftig schüttelte und eine heisere Stimme mir zurief:

»Sie, Herr, wachen Sie doch auf!«

Ich öffnete die schläfrigen Augen und sah vor mir den Kondukteur.

»Was wünschen Sie?« brummte ich.

»Ihre Fahrkarte!« erwiderte der Kondukteur. Ich stand auf, sah meinen Reisebegleiter mir gegenüber sitzen und ruhig die Zeitung lesen.

»Hören Sie«, sage ich zu ihm, »haben Sie dem Kondukteur nicht meine Fahrkarte gezeigt?«

Er schaute mich erstaunt an und sagte in kühlem Ton:

»Was für eine Fahrkarte?«

»Mein Gott, ich habe Ihnen doch früher meine Fahrkarte gegeben!«

»Sie mir? Wann denn?«

»Vor einer Stunde. Sie sagten doch, ich sollte Ihnen meine Karte geben, wenn ich nicht aus dem Schlaf geweckt werden wollte.«

»Ich soll von Ihnen eine Fahrkarte genommen haben, Herr? Sie träumen! Ich habe nur meine eigene Karte, und die hab‘ ich dem Kondukteur vorgewiesen! Vielleicht haben Sie jemand anderem Ihre Karte gegeben!«

Das Gesicht meines Mitreisenden gefiel mir nicht mehr . . .

»Junger Mann«, erwiderte ich, »das ist eine bodenlose Frechheit!«

»Schauen Sie lieber in Ihren Taschen nach!« erwiderte er kühl und las dann ruhig seine Zeitung weiter.

An dem Gesicht des Kondukteurs konnte ich feststellen, daß er meinen Worten keinen Glauben schenkte und mich für einen blinden Passagier hielt. Um einem Skandal aus dem Wege zu gehen, zog ich meine Brieftasche und sagte dem Kondukteur:

»Wahrscheinlich habe ich die Karte verloren. Geben Sie mir eine andere!«

Der Kondukteur schüttelte mißtrauisch den Kopf und gab mir eine neue Karte, für die ich einen Zuschlag zahlen mußte. Dann verließ er das Abteil.

»Herr, was bedeutet das?« fragte ich meinen Nachbar.

Er summte ein Liedchen vor sich hin, zog den Rock aus, legte ihn auf die Bank, reckte sich und ließ sich dann nieder.

»Gauner!« rief ich ihm zu.

Er lächelte, zwinkerte freundschaftlich herüber und schloß die Augen.

»Ich dachte, daß Sie ein anständiger Mensch sind«, rief ich voll Wut, »und Sie erweisen sich als Hochstapler! Schämen Sie sich nicht? Warum schweigen Sie? Sie sind ein gewöhnlicher Eisenbahndieb, den man ins Gefängnis stecken sollte! Hol Sie der Teufel!«

Ein Schnarchen war die Antwort.

Ich war empört und schimpfte eine ganze Stunde lang. Dann wurde ich müde, lehnte mich zurück und dachte im Einschlafen: Wart nur, du Gauner! Deinen Paß werde ich der Polizei übergeben . . .

****

Ich erwachte ziemlich spät. Mein Reisebegleiter war schon auf, aß mit Appetit ein belegtes Brötchen und trank ein Glas Tee.

»Darf ich Ihnen ein Schinkenbrötchen anbieten?« sagte er mit freundlichem Lächeln, als ob nichts vorgefallen wäre.

»Scheren Sie sich zum Teufel!«

Er schaute mich an und sprach:

»Hm, das Wetter bessert sich, es hat aufgehört zu schneien.«

Ich übersah ihn vorläufig, saß in meiner Ecke und wartete, bis er den Paß zurückverlangen würde. Aber er sprach kein Wort über den Paß und verzehrte mit Seelenruhe seine Schinkensemmel.

Inzwischen studierte ich das Material für meinen Vortrag.

Endlich unterbrach mein Reisebegleiter das Schweigen:

»Die Aviatik muß eine sehr interessante Sache sein. Die Zeitungen schreiben sehr viel über Flieger!«

»Ich bitte, mich in Ruhe zu lassen!« erwiderte ich.

»Diese Flugzeuge, Luftschiffe und die übrige Aviatik befinden sich noch in den Kinderschuhen«, fuhr er gelassen fort. »Und da behauptet man, daß die Luft bereits bezwungen sei.«

»Das ist keine Wissenschaft für Eisenbahndiebe!« bemerkte ich voll Wut. Seine Frechheit entwaffnete mich jedoch.

»Die nächste Station ist Pitschugino«, sprach er, »wir müssen dort den Zug verlassen!«

Gleich wird er um seinen Paß bitten, dachte ich.

Aber er zog seinen Mantel an, legte die Zeitung in die Seitentasche, nickte mir freundlich zu und ging in den Korridor.

Der Zug blieb stehen.

Ich kleidete mich an, nahm meinen Koffer und verließ den Waggon. Da kein Träger auf dem Perron stand, mußte ich ihn selber tragen. Plötzlich hörte ich hinter mir Schritte, jemand packte mich bei der Hand:

»Ist er das?«

»Ja, das ist er!« ertönte die wohlbekannte Stimme meines Reisebegleiters. »Stellen Sie sich vor, er hat meinen Koffer ergriffen und ist davongerannt. Was sagen Sie dazu, Herr Wachtmeister?«

Ich versuchte mit Mühe die Hand fortzureißen.

»Das ist ein alter Trick«, fuhr der junge Mann fort, »Herr Wachtmeister, verhaften Sie den Herrn!«

»Was unterstehen Sie sich? Das ist mein Koffer! Ich kann genau angeben, was er enthält . . .«

»Machen Sie sich nicht lächerlich. Ich habe diesen Koffer in Berlin gekauft. Und weil ich ihn in Ihrer Anwesenheit einigemal geöffnet habe, wissen Sie vielleicht den Inhalt. Aber wenn das Ihr Koffer ist – sagen Sie mir doch, wessen Paß in der Geheimtasche liegt? Sie schweigen? Was für ein Paß befindet sich also im Koffer? Auf wessen Namen lautet der Paß?«

Mein Mitpassagier hob den Koffer auf und sagte zum Wachtmeister: »Nehmen Sie den Mann mit. Er wird gewiß seine Tat bereuen. Gott mit ihm!«

Dann verschwand er mit meinem Koffer, und ich wurde abgeführt . . .«

****

Ich schlief die ganze Nacht mit Verbrechern zusammen, in aller Frühe wurde ich verhört. Dabei fiel zufällig mein Blick auf eine Zeitung, die auf dem Tisch des Polizeioffiziers lag. Ich las eilig folgende Notiz:

»Der gestern gehaltene Vortrag des Herrn Worobjew aus Petersburg über ›Moderne Aviatik‹ endete mit einem großen Skandal. Es erwies sich, daß der Vortragende keine Ahnung von seinem Thema hatte. Das zahlreiche Publikum brüllte vor Lachen, als der Vortragende die Wörter Aerostat mit Aeroplan verwechselte und ähnlichen Unsinn sprach.

Bedauerlich ist jedoch, daß der Lektor sich das Honorar im voraus bezahlen ließ und während des Skandals damit durchging.«

Selbstverständlich konnte ich meine Schuldlosigkeit beweisen. Aber mein wunderschöner Koffer war fort und mein Ansehen als Aviatikfachmann dahin!

Sagt, was ihr wollt! Ich halte nichts mehr von den Menschen . . .

***

Aus: Arkadij Awertschenko | Was für Lumpen sind doch die Männer | Paul Neff Verlag

Arkadi Timofejewitsch Awertschenko * 15. Märzjul./ 27. März 1881greg. Sewastopol; † 12. März 1925 Prag) war ein russischer Schriftsteller und Satiriker.

Stefan Zweig: Reisen in Europa ⊗ Frühling in Sevilla

Stefan Zweig: Reisen in Europa ⊗ Frühling in Sevilla
1919

city-866367_1280_chriniEs gibt Städte, in denen ist man nie zum erstenmal. Durchwandert man ihre unbekannten Straßen, so ist doch überall ein Grüßen wie von Erinnerungen, ein Rufen wie von verwandten Stimmen. Ihr Antlitz – denn Städte können wie Menschen sein, traurig und alt, lächelnd und jung, drohend und schlank, geschmeidig und zermürbt – kennst du von einer Schwesterstadt oder von einem Bild, einem Buch, einem Lied, einem Traum. Und so ist Sevilla. Irgendwie ist es lieb und vertraut; und mit einem Male fällt einem der Name Salzburg ein. Und nicht nur Mozarts Name ist es, der von Figaros flinker Gestalt getragen, mit zierlichen Notenbändern die fernen Städte verbindet zu einem Bunde zärtlichen Genießens. In Wuchs und Stimme, in Art und Gebärde haben sie geschwisterliche Weise. Es ist in beiden eine so starke poetische Gewalt, daß sich das Provinzlerische in ihnen zu einem Lieblichen und Begehrenswerten wandelt, daß die moderne häßliche Straßenkultur sich nicht brüsk vordrängt, sondern in sanfter Anpassung sich dem Verjährten gesellt. Altadelige Art ist in ihnen; schlank wie Pagen sind die Türme, und die Glocken so hell wie frische Mädchenstimmen. Alles klingt hell in den lichten Straßen wieder, wie ein Lächeln ist solch eine Stadt in das Grüne gebettet. Nur ist im Süden das Bild viel weicher und üppiger; die Palmen mit grünen Fächern das ganze Jahr in den Straßen, und breit quillt, zu Gärten und Alleen vertropfend, die farbige Fülle einer wunderbaren Flora in die Stadt. Die Musik, mit der beide Städte durchdrungen sind, hat sich in Salzburg zweimal, dreimal zu grandiosen Kunstwerken destilliert, Michael Haydns Grab und Mozarts Wiege scheinen die Ruhepunkte, um die dies Leben schwingt; in Sevilla löst sich der Sinn des Musikalischen nicht in die bleibende Form. Aber alle Gassen klingen von Musik, von guter und übler, stets trällert ein Liedchen in der Luft oder klimpert eine Gitarre. Das Leben scheint hier rascheren Takt und die Menschen helleres Blut zu haben; nirgends gibt es mehr hungrige Magen als in Andalusien und doch, Sevilla glüht in wunderbaren Farben, blinkt in Heiterkeit und winkt mit vielen Fahnen, hier könne man sehr glücklich sein.

metropol-parasol-965813_1280_SabiStegIst dies schon die spanische Art? Ja und nein. Denn Spanien ist nur Landkarteneinheit, von der Wirklichkeit aber in zwei fast schematische Gegensätze zerschnitten, die sich wieder in tausend Einzelkontraste lösen. Auch das Spanien Pizarros und Torquemadas lebt noch, der finstere, fanatische Geist Kastiliens hat nur neue Formen gefunden, in denen sich seine stolz-grausame Art entfaltet. Denn das sind keine Gitarrenschläger, die die dunkeln verfallenden Städte des Nordens bewohnen, das graue Toledo, das, mit Wällen umgürtet, drohend hingehängt ist im Gestein, das der Tajo zornig durchbricht; das sind die Mönche von einst und die harten Granden, die Menschen, in denen das graue, öde Land mit seinen jähen und unwilligen Felssteinen einen Schein von Leben gewonnen hat. Nur einen Schein: denn etwas Sarghaftes haben viele der älteren Städte, etwas Mönchisches die Menschen. Denkt man an Sevilla, an die frohe Welle, in der sich die Lustbarkeit etwa in den Karnevalstagen ergießt, so fühlt man ganz das Grauen, das sich im Norden Spaniens noch bis in die Lustbarkeiten verkriecht. Mitten im Herzen von Madrid, der modischen Stadt, die böse Mahnung. Wie in unserem Prater ist dort Korso im Buen-Retiro; aber wo sind die flüchtigen, geschmeidigen Bewegungen der Pferde, das helle Trappeln, das scharfe Sausen, wo sind die farbigen Bilder gezügelter Eile? Breit, schwer, in einem traumhaften Trab poltern die großen karossenhaften Wagen vorbei, ungeheuer steif, würdevoll und korrekt. Festgefroren oben die galonnierten Diener mit fanatischen Augen wie Mönche des Zurbarän. Schwer fällt der Schatten des Eskorial über das ganze Land Kastilien; und kommt man nach Andalusien, so ist es einem, als sei man in die Sonne getreten. In hundert Spiegeln glänzt der Gegensatz. Dort das Spanien des ›Don Carlos‹, der ›Jüdin von Toledo‹ und Victor Hugos ›Torquemada‹, dröhnende, wildschöne Visionen. Und Sevilla? Zuerst sucht man den heiteren Laden des ›Barbiers‹, sehnt sich auch sehr, unter den vielen blinkenden Häusern das eine zu entdecken, wo Don Juan jenes Abenteuer hatte, das Lord Byron mit so entzückender Umständlichkeit in seinem Epos erzählt. Figaro singt hier seine Liedchen, die Habañera Carmens trällert drein, aller Heiterkeit Symbole hat die Kunst in diese Straßen gestellt, durch die schon einst der ingenioso Hidalgo Don Quichote de la Mancha auf seiner braven Rosinante getrabt. Nicht Dolche kauft man hier wie in Toledo, sondern Gitarren und Kastagnetten zu guter Erinnerung. Nicht Spaniens Symbol ist Sevilla, aber Spaniens Lächeln.

sevilla-874458_1280_jake_aertsSelbst der Kampf ist hier Versöhnung geworden. Wohl sind nach jenem gigantischen Ringen der fünf Jahrhunderte die Mauren – tränenden Auges, wie die Sage berichtet – aus dem Süden Spaniens gewichen, aber noch wirkt ihre Art hier überall in einem heimlichen Leben. Nicht verachtet wie in Kastilien, sondern verwertet ist hier ihre Kunst; und ihr größtes Meisterstück, die Kunst des Lebens, jene träge, sensuelle und voluptuöse Weise des Genießens hat sich wunderbar ausgeglichen mit der heiteren Lebensführung der Andalusier. In hundert Bauten zeigt sich die Versöhnung, Moscheen wurden zu Kirchen, die Giralda, jenes entzückende schmale Minarett, donnert heute mit frommen Glocken zur Kathedrale herab, die sich ihm andrängt. Aber am geistreichsten ist die Vereinung in den Häusern. Wohl sind sie in maurischer Art, nieder und schmucklos, mit flachen Dächern und viereckigem Hof. Doch das Geheimnisvolle und Dunkle ist hier ins Heitere gewandt. Fenster und Balkone durchbrechen die bei den Arabern geschlossene Wand und bringen die Helle in die Stuben hinein. Hell und blank ist auch der Anstrich, und nicht ängstlich verschlossen das Tor; man sieht durch den Gang, der mit farbigen Fayencen belegt ist, und munter glänzt, in den Patio, den Vorhof, hinein, wo ein Springbrunnen seinen lichten Schaum über Blumen plätschert, umrahmt von Palmen und dunkeln Sträuchern. So arm ist hier kein Haus, daß es nicht seine Blumen hätte; selbst im alten Gettoviertel, wo Murillos Haus steht, glühen die farbigen Büschel. Von den Balkonen tropfen lange Gewinde fast in die Straßen herab, in heiteren Reihen durchziehen wie bunte Soldaten Alleen die ganze Stadt. Eine wunderbare Farbenpalette ist hier entfaltet dadurch, daß die grüne Welle in die ärmsten Gassen einbricht und überall die hellen Blütenfunken sprühen. Brennen sie doch selbst – gleich einer Kohle im dunklen Herd – im Haar der Mädchen, Feuernelken und rote Rosen, stolz getragen und zärtlich bewahrt.

seville-1020596_1280_fanny3319Und sie selbst, die Frauen, haben, ganz in Blumen gebettet, etwas von dem schönen und flüchtigen Leben der Blumen in sich. Scheinen sie doch von der Ferne oft wie Blüten in ihren grellen Kleidern und in dem flackernden Bauschen der Mantillas, die sie so unnachahmlich tragen. Und an das Zittern der Blütenstengel, an das sanfte Schwanken der Halme, wenn sie der Wind umschmeichelt, denkt man, wenn man ihren geschmeidigen Gang bewundert, dieses verlockende Wiegen, diesen heimlichen Tanz. Die ganze heiße Glut der Sonne scheint aus ihren Augen zu sprühen, die mit raschem Blitz den Neugierigen streifen, aber – hélas, schon Théophile Gautier hat es bemerkt – »une jeune Andalouse regardera avec ses yeux passionnés une charrette qui passe, un chien, qui court après sa queue«. Selbst in den Augenblicken der Gleichgültigkeit scheinen sie leidenschaftlich, vermöge dieses Augenglanzes und der unwillkürlichen Wollüstigkeit ihrer Bewegungen. Und so wie sich ihre Sprache nicht umformt zum Gesang, sondern ohne Mühe und Anstrengung hinwendet, so löst sich spontan aus ihren runden Gebärden, aus ihrem hinwellenden Gange der Tanz. Sieht man in den ärmlichsten Kaffees den Flamenco, dann weiß man erst, wie häßlich, wie schematisch die eingefressenen Gebärden unseres Theaterballetts sind, die auf ein paar angelernten Lazzi basieren und sich höchstens noch um Künsteleien erweitern können. Hier ist Tanz, was er sein soll: eine Kunstform, fast selbsttätig entstanden aus den anmutsvollen Bewegungen des Körpers, aus den Gesten des Begehrens und den rhythmischen Reizen, eine Kunst nicht der Beine, sondern eine Freude an der Linie, der Biegung, Entfaltung aller Möglichkeiten menschlicher Schönheitsformen. cathedral-869410_1280_rosavigal0Alle kleinen Symbole der Weiblichkeit verwerten sich in diesen Tänzen, der Fächer, die Mantilla, der Schleier, und vor allem das Kleid, das die Bewegungen nachzeichnet, dämpft und rundet. Die meisten dieser Tänzerinnen sind nur wenig geschult, manche auch recht eintönig in den einleitenden, rein plastischen Gebärden. Wenn aber dann, erwachend beim Knattern der Kastagnetten, die wilde und doch nicht laszive Sinnlichkeit dieser zigeunerischen Tänze aufschießt, löst sich aus der Glut eine so packende Gewalt, daß sie einem das Blut rascher durch die Adern jagt, ein magischer Taumel, betörender Musik ähnlich oder dem wühlenden Föhn. Durch seine menschliche Wirkung tritt hier der Tanz wieder in die Reihe der Künste zurück, während er bei uns noch ganz unter dem Zeichen des Amüsements steht, er ist unserem Empfinden näher, weil er getränkt ist von Leidenschaft und Schönheit, von rein menschlich-primitiven Lebensäußerungen und nicht von stilisierten. Darum ist Melodie und Gesang dieser Tänze nur ein Nebensächliches und Unwertiges, eintönige Strophe etwa, wie die der arabischen Begleitlieder. Nur liebt es der Andalusier, diese Sprüche mit Scherzpointen zuzuspitzen und das amoureuse Moment stark zu betonen. Denn ein wenig ist Sevilla noch immer Don Juans lockere Stadt, prunkvoll nicht, aber fanatisch in seiner Frömmigkeit, heiter, aber nicht strenge in seiner Sittlichkeit. Eine hübsche Legende sagt da mehr, als alles; über dem Tore der großen Tabakfabrik, durch das täglich viertausend Arbeiterinnen aus- und eingehen, alte und junge, hübsche und häßliche, hält ein steinerner Engel, die Fama, eine Posaune. Und das Volk munkelt, wenn einmal ein ganz tugendhaftes Mädchen durch das Tor schritte, so würde die Posaune erdröhnen. Bis jetzt soll es noch nicht geschehen sein, obzwar der geduldige Engel schon hundertfünfzig Jahre die Posaune hält. Nicht nur Figaro, sondern auch Don Juan scheint hier unsterblich.

space-825551_1280Mit diesem Lächeln seines Lebens hütet aber Sevilla eine sehr ernste und große Vergangenheit. Ein wenig sind vielleicht schon die Farben verblaßt, aber noch bleiben die Osterfeste berühmt in der ganzen Welt, diese prunkvollen Aufzüge und seltsamen Gebräuche der fernen Jahrhunderte. In leisen Wellen dringt das moderne Leben ein; der uralte Goldturm der Mauren sieht nun breite Meeresschiffe die leisen Wellen des gelben Guadalquivir hinaufziehen und auf der Giralda hoch oben, wo einst der Muezzin die Frommen zum Gebete rief, harrt ein ungeahntes Bild auf den Beschauer. Eine helle Stadt, weit weit hinein ins Grün verstreut, glänzt auf mit der Pracht ihrer wunderbaren Gärten, mit der Kette breiter Straßen in die Ferne gehängt; kaum kann man sie überblicken. Nun, da sich so üppig die Palette der Farben entfaltet, begreift man, daß Velásquez und Murillo Kinder dieser Stadt sind und ewige architecture-1015178_1280_corso666Verkünder ihrer Schönheit, so wie Lope de Vegas Dramen ihre Geschichte und die Musiker ihre Heiterkeit vermeldet haben. Hier könnte wohl dem spanischen Volke der Dichter geboren werden, der ihm not tut, ein Heiterer, Freier, ein weiser Spötter wie Cervantes, oder ein Zauberer wie Sevillas Maler, denn die Stadt schenkt hier so vieles, die Freude am bunten Leben, den Rhythmus frisch bewegten Geschehens und das Allegro innerlicher Heiterkeit. Warum sollte nicht ein so Wunderbares in einem Ort geschehen, der selbst wie ein Wunder ist? »Quien no ha visto Sevilla, no ha visto maravilla« – bis zur Unerträglichkeit hört man hier den stolzen Adelsspruch, den sich die Stadt gegeben; und doch kann man ihre Eitelkeit nicht schelten. Denn ist es nicht ein Wunder, wenn Menschen und vieler Jahre Schicksal wirken, meinend, eine Stadt zu bauen, und es schließlich ein Lächeln wird auf dem Antlitz des Lebens?

Stefan Zweig: Reisen in Europa ⊗ Ypern

Stefan Zweig: Reisen in Europa ⊗ Ypern
1928

NL: foto gemaakt door w:nl:gebruiker:Paul Hermans, licentie GNU/FDL , Lakenhal van w:nl:Ieper
NL: foto gemaakt door w:nl:gebruiker:Paul Hermans, licentie GNU/FDL , Lakenhal van w:nl:Ieper

Vor Jahren und Jahren war ich einmal in dieser nun so tragisch berühmten Stadt. Man ratterte zwei oder drei Stunden lang von Brügge mit einer wackeligen Dampfvizinalbahn, kam abends an, ein sehr vereinzelter Fremder, der Mühe hatte, irgendeinen Gasthof aufzustöbern: die Leute schliefen schon um neun Uhr, und nur ein paar kleine Estaminets zwinkerten Petroleumlicht aus halbgeschlossenen Fensterläden. Der große Platz vor den Hallen schwarz und leer, ein viereckiger Teich. Stille. Wahrhaftig, man hätte sich nicht gewundert, wäre plötzlich ein mittelalterlicher Nachtwächter aus dem Schatten getreten, um meistersingerische Schlafmützenweis‘ durch die Gassen zu tuten. Riesig aber wuchteten aus diesem Schweigen die quadratischen Massen jenes herrlichen Gebäudes hervor, der Stadthalle; sie und die Kathedrale zu sehen, war ich eigens gekommen, drei Vizinalbahnstunden weit in diese behäbige und vergessene Provinzlerei.

Jetzt flammt der Name Ypern, der »ville martyre«, auf allen Plakaten von Lille bis Ostende, von Ostende bis Antwerpen und weit ins Holländische hinein: Gesellschaftsreisen, Automobilexkursionen, Separattouren überschreien sich in Angeboten, täglich sausen zehntausend Menschen (und vielleicht mehr!) für ein paar Stunden herüber: Ypern ist die great show Belgiens geworden, eine schon gefährliche Konkurrenz für Waterloo, ein Man-muß-es-gesehen-Haben aller Touristen. Widerstand regt sich als erstes Gefühl, solchem Wirbel nachträglicher Schlachtenbummler sich einzudrängen. Aber Verantwortung mahnt, nichts zu übersehen, was die Geschichte unserer Zeit sinnlich verlebendigt; nur wenn wir uns stark und bewußt orientieren, werden wir der furchtbaren Vergangenheit und damit der Zukunft gerecht.

Also nach Ypern. Aber in keinem der Massenautomobile, darin gemietete Führer in vorgeschriebener Route täglich Kirchhöfe, Monumente, Ruinen und zweihunderttausend Tote in wohlassortiertem Programm abschnurren. Lieber den kleinen Umweg nach Nieuport hinüber. Breite, bequeme Straßen, asphaltgegossenes glattes Gummiband zuerst, wo die Luxuswagen, geräuschlos federnd, von Badeort zu Badeort sausen, wahrscheinlich ohne rechts und links die schon langsam versandenden Spuren des Krieges überhaupt zu bemerken. Denn man muß scharf hinsehen, um sich zu vergegenwärtigen, daß, was jetzt als dünne Wasserschnur Zickzack durch die Felder läuft, vier Jahre lang Laufgraben war für geduckte Bataillone. Daß der runde, blaue Wolken spiegelnde Tümpel dort, aus dem gelbgefleckte Kühe mit ihren rosenweichen Nüstern gemütlich Wasser lecken, einem menschenmörderischen Trichtereinschlag eines schweren Geschützes sein Dasein dankt.

Ja, man muß anfangs noch scharf hinsehen, um all diese Mementos zu bemerken (denn die Zeit löscht in der nachgiebigen Erde die Spuren fast so schnell wie in den vergeßlichen Gehirnen der Menschen). Aber bald in der Nähe von Nieuport, der einstigen Hauptfront, mehren sich beängstigend die Zeichen. Immer mehr dieser troglodytischen Höhlen, dann schon zerspellte Bäume mit weggegiftetem Laub, skeletthafte Arme anklägerisch in den Himmel hebend. Immer mehr und immer mehr der weggeworfenen und zerstampften Wellblechdecken, der gestützten Unterstände …

Die Stadt ohne Herz

Rasch also auf Ypern zu. Rechts und links fließendes Gold von reifendem Getreide, körnerschwer: wieder spürt man’s, auch in der Natur lebt immer alles Lebendige von den Toten. Kranke Wälder mit abgefressenem Laub, vom Gasgift vergilbt, strecken ihre Stummel wie hilfeschreiend einem entgegen. Und an den vielen Friedhöfen rechts und links von der Straße spürt man unverkennbar: der Brennpunkt vierjährigen Kampfes muß schon nah sein. Kreuze, Kreuze, steinerne Armeen von Kreuzen, erschütternd durch den Gedanken, daß unter jedem dieser blankpolierten, rosenumflochtenen Steine ein Mensch ruht, der ohne diesen Wahnwitz noch heute, vierzigjährig, fünfzigjährig, in voller Gesundheit, Blüte und Kraft stünde. Denn ohne diesen Gedanken möchte man sie sonst schön nennen, diese beinahe musikalisch in die leere Landschaft hineinkomponierten Totenhaine, australische, kanadische, englische, belgische, französische und deutsche.

Ieper_-_Saint_George's_Memorial_Church_1
Saint George’s Memorial Church, herdenkingskerk in Ieper – Saint George’s Memorial Church in Ieper, West Flanders, Belgium Urheber User:LimoWreck

Ein paar enge Straßen noch, und man ist auf dem Marktplatze. Alles steht da wie einst, schön erneuert, frischer vielleicht noch, nur – entsetzlich – die gigantische Stadthalle ist weg, dieser zyklopische Riesenbau, der Stolz Belgiens, um den einstens die ganze Stadt mit ihren Häuserchen sich scharte wie Kücken um die Henne. Dort, wo diese Herrlichkeit heroisch wuchtete, Jahrhunderten trotzend, steht jetzt ein Nichts, ein paar rauchige Steinstümpfe, wie kariöse Zähne schwarz und zerfressen gegen den Himmel gebleckt. Das Herz der Stadt ist ausgerissen, und man denke es sich aus im Vergleich, daß in Berlin statt des Schlosses und der Linden ein schottriger Trümmerhaufen läge.

Schaurig das anzusehen. Schauriger noch als die Photographien in den Schaufenstern, die Ypern 1918 in einer Flugaufnahme zeigen, als eine Kraterlandschaft, eine einzige Schuttwucherung. Aber diese schaurige Wirkung der Nichtwiederherstellung gerade dieses mächtigsten Baues entspringt einer Absicht, denn es ist bestimmt, daß dieses eine und gewaltigste Gebäude der belgischen Kriegswelt für ewige Zeiten Trümmerhaufen verbleiben soll, ähnlich wie die Heidelberger Ruine, damit Geschlechter und Geschlechter sich des Geschehenen erinnern. Wahrscheinlich beabsichtigte ein Gefühl der Rache, damit den Abscheu und das Ressentiment gegen die Eindringlinge zu verewigen, das Martyrium dieser Stadt noch Generationen zu zeigen. Aber mag diese Absicht die ursprüngliche gewesen sein – die Wirkung wird eine andere. Was als Denkmal des Krieges bestimmt war, wirkt nun schon als Denkmal gegen den Krieg, und dieses zerschmetterte, beinahe zu Schutt und Staub zermörserte Kunstdenkmal erweist sich als die denkbar furchtbarste Mahnung für alle, die ihre Heimat lieb haben, nie mehr die heiligsten Werke ihrer Geschichte solchen mörderischen Zerstörungen auszusetzen.

Meningate

Sein erlauchtestes Kunstwerk ist damit Ypern genommen. Niemand wird in Hinkunft mehr, wie wir einstens, hinpilgern in die abseitige Stadt, einzig um, maßvoll und mächtig, dieses herrliche Hallenwerk mit seinen breiten Schultern dastehen zu sehen. Aber für das verlorene Denkmal hat Ypern ein neues gewonnen, und daß ich es gleich voraussage, ein seelisch wie künstlerisch überwältigendes: das Meningate, errichtet von der englischen Nation für ihre Toten, ein Denkmal, so ergreifend wie nur eins auf europäischer Erde.

Belgie_ieper_menenpoort_nachtAuf der Straße, die vormals zum Feinde führte, ist dies riesige Tor errichtet, hoch und marmorhell. Es schattet und deckt ein paar Meter weit die Straße, jene einzige des umschlossenen Ypern, wo in Sonnenbrand und Regen die englischen Regimenter an die Front rückten, wo die Kanonen, die Lazarettwagen, die Munition zugeführt und unzählige Särge heimgekarrt wurden. In schlichten römischen Maßen, mehr Mausoleum als Triumphbogen, wölbt sich das breite Tor. Auf der Vorderseite, der Feindrichtung zugewandt, liegt auf dem First ein Marmorlöwe, die Pranke wuchtig niedergelegt wie auf eine Beute, die er nicht lassen will; auf der Rückseite, der Stadt zugewandt, erhebt sich ernst und schwer ein marmorner Sarkophag. Denn dieses Denkmal gilt den Toten, den sechsundfünfzigtausend englischen Toten bei Ypern, deren Gräber nicht gefunden werden konnten, die irgendwo in einem Massengrabe vermodern, unkenntlich von Granaten zerfetzt, oder im Wasser verfaulten, all jenen, die nicht wie die anderen auf den Friedhöfen rings um die Stadt ihre hellen, weißen, geschliffenen Steine haben, eigenes Wahrzeichen letzter Ruhestatt. Ihnen allen, den Sechsundfünfzigtausend, hat man diesen Marmorbogen als gemeinsames Grabmal gewölbt, und alle diese sechsundfünfzigtausend Namen sind eingegraben mit goldenen Lettern in den marmornen Stein, so viele, so unendlich viele, daß, ähnlich wie auf den Säulen der Alhambra, die Schrift zum Ornamente wird. Ein Denkmal also nicht dem Siege, sondern den Toten, den Opfern dargebracht, ohne jeden Unterschied, den gefallenen Australiern, Engländern, Hindus und Mohammedanern, verewigt in gleichen Maßen und in gleicher Größe, in demselben Stein, für denselben Tod. Kein Bildnis des Königs, keine Erwähnung von Siegen, keine Kniebeuge vor genialen Feldherren, kein Schwatz von Kronprinzen, Erzherzögen, nur lakonisch großartige Stirninschrift: Pro rege, pro patria. In dieser wahrhaft römischen Einfachheit wirkt dieses Grabmal der Sechsundfünfzigtausend erschütternder als alle Triumphbogen und Siegesdenkmäler, die ich jemals gesehen, und diese Erschütterung mehrt sich noch am Anblick der immer wieder neu gehäuften Kränze der Witwen, der Kinder, der Freunde. Denn eine ganze Nation pilgert alljährlich zu dieser gemeinsamen Grabstätte der unbegrabenen und verschollenen Soldaten.

Kirmes über den Toten

English: Panoramic image of Ypres in Belgium from 1919, showing town destruction caused by World War I. Photo by W.L. King, Millersburg, Ohio. By courtesy of Military Intelligence Div., General Staff, U.S. Army
English: Panoramic image of Ypres in Belgium from 1919, showing town destruction caused by World War I.
Photo by W.L. King, Millersburg, Ohio. By courtesy of Military Intelligence Div., General Staff, U.S. Army

Ein Wallfahrtsort der englischen Nation ist Ypern heute geworden. Man kann es verstehen, wenn man diese Tausende und aber Tausende von Gräbern, wenn man diese tragische Stelle der Sechsundfünfzigtausend gesehen. Aber gerade die Fülle des Verkehres gefährdet arg die Ehrfürchtigkeit des Eindruckes, und mitten in der Ergriffenheit wehrt sich das Gefühl gegen die zu gute, zu präzise funktionierende Organisation. Auf dem Marktplatze staut sich ein Autopark wie vor einer Oper, die grünen und gelben und roten Massenautos, diese fahrenden Bassins, schütten stündlich Tausende von Menschen in die Stadt, ganze Touristenarmeen, die mit lautsprechenden Führern die »Sehenswürdigkeiten« (zweihunderttausend Gräber!) betrachten. Für zehn Mark kriegt man alles, den ganzen Krieg von vier Jahren, die Gräber, die großen Kanonen, die zerschossene Stadthalle, mit Lunch oder Diner und allem Komfort und nice strong tea, wie es auf allen Schildern angeschrieben ist. In allen Buden wird mit den Toten kräftig Geschäft gemacht, man bietet Galanteriewaren aus, gefertigt aus Granatsplittern (die vielleicht einem Menschen die Eingeweide zerrissen haben), hübsche Schlachtfeldandenken, deren entsetzlichste Probe ich in einem Schaufenster sah: einen Bronze-Christus, das Kreuz gefertigt aus aufgelesenen Patronen. In den Hotels spielt Musik, die Kaffeehäuser sind voll, auf und nieder sausen die Autos, die Kodakverschlüsse klappern. Trefflich ist alles organisiert, jede Sehenswürdigkeit hat ihre Dutzend Minuten, denn man muß ja spätestens um sieben Uhr in Blankenberghe zurück sein und in Ostende, um den Smoking noch anziehen zu können für das Diner.

Das ist furchtbar durchzudenken, fast so würgend wie der Gedanke an die Toten, daß, wie die Erde ihren Dung hat von den Leichen, auch die Lebendigen an den Toten verdienen, daß die sorglosen Nachfahren sich die erschütternden Qualen einer halben Million Brüder so bequem, so gut organisiert ansehen können wie eine Kinovorstellung. Daß sie dieselben Straßen in gut gefederten Autos sausen, die jene, bepackt wie die römischen Ziegelsklaven, monatelang verschmutzt und verschweißt, durchschritten. Daß sie in gut ventilierten Gaststuben alle die Refreshments prompt serviert bekommen, die jenen in ihren nassen, dreckigen Erdhöhlen wie Nektar und Ambrosia erschienen wären. Daß sie einer halben Million Menschen vierjähriges Martyrium in einer halben Stunde, die Zigarette im Munde, bequem und zufrieden um zehn Mark betrachten können und dann mit ein paar Dutzend Ansichtskarten das Erlebnis als ein sehenswertes rühmen.

Dennoch!

Dennoch: es ist gut, daß an einigen Stellen dieser Welt noch ein paar grauenhaft sichtbare Zeichen des großen Verbrechens übrig sind. Es ist im letzten Grunde gut sogar, daß hunderttausend Menschen hier bequem und sorglos alljährlich vorüberknattern, denn immerhin, ob sie wollen oder nicht, diese unzähligen Gräber, diese vergifteten Wälder, dieser zerschmetterte Platz erinnern. Und alles Erinnern wird selbst der primitivsten, der gemächlichsten Natur irgendwie bildnerisch. Alles Erinnern, in welcher Form und Absicht auch immer, drängt das Gedächtnis wieder zu jenen furchtbaren Jahren zurück, die nie vergessen und verlernt werden dürfen. So empfand ich es auch als erziehlich und richtig, daß in Belgien jedes Jahr am 4. August, morgens um neun Uhr, zu ebenderselben Stunde, da 1914 die Deutschen einrückten, alle Glocken zu läuten beginnen, die Sirenen aller Fabriken pfeifen und einige Minuten lang die Arbeit stockt. Die Behörden, die dies verfügten, haben das wohl im nationalen, im patriotischen Sinne verfügt, nicht im kriegsgegnerischen; aber immerhin, auch diese Maßnahme hilft erinnern, sie gibt dem trüben, hindämmernden Gewissen einen Ruck und Stoß. Und man könnte es nur begrüßen, wenn alle einstmals kriegführenden Länder Europas diesen feierlichen Gebrauch übernehmen würden, wenn alljährlich auch in Deutschland und Frankreich genau zur Stunde der Kriegserklärung die Glocken läuteten, alle Sirenen gellten und die Arbeit für Minuten ruhte – für fünf Minuten der Besinnung, der Erinnerung und der Empörung.

Mark Twain Ψ Rigi – die Königin der Berge

Eine Rigibesteigung

Der Rigi kann per Eisenbahn, zu Pferde oder zu Fuß erstiegen werden, je nach Belieben des Reisenden. Ich und mein Freund warfen uns in Touristenanzüge und fuhren an einem herrlichen Morgen per Dampfboot den See hinauf. In Wäggis, einem Dorfe am Fuße des Berges, ¾ Stunden von Luzern, gingen wir ans Land.

rigi-264423_1280_sputnnik72Bald ging’s behaglich und stetig den schattigen Fußweg hinauf und unsere Zungen waren, wie gewöhnlich, bald in schönster Bewegung. Alles ließ sich herrlich an, und wir versprachen uns nicht wenig, sollten wir doch zum erstenmal den Genuß eines Sonnenaufgangs in den Alpen erleben; das war ja der Zweck unserer Tour. Wir hatten anscheinend keinen triftigen Grund zu eilen, unser Reisehandbuch hatte den Weg von Wäggis bis zum Gipfel als nur 3 ¼ Stunden weit angegeben. Anscheinend sage ich, weil uns Bädeker schon einmal angeführt hatte.

Als wir etwa eine halbe Stunde gegangen waren, kamen wir in die richtige Stimmung für das Unternehmen und trafen Anstalt zum Steigen, das heißt, wir mieteten einen Burschen zum Tragen der Alpenstöcke, Reisetaschen und Überzieher, wodurch wir die Hände frei bekamen.

Wahrscheinlich haben wir häufiger im schönen, schattigen Gras geruht, um ein paar Züge aus unseren Pfeifen zu thun, als unser Führer gewohnt war, denn plötzlich fuhr er uns mit der Frage an, ob wir ihn nach dem Tarif oder für’s Jahr mieten wollten. Wir sagten, er möge immer voran gehen, wenn er Eile habe. Er erwiderte, Eile habe er eigentlich nicht, doch möchte er den Berg hinauf kommen, so lange er noch jung sei. Wir sagten ihm, er möge nur vorausgehen, das Gepäck im obersten Hotel abgeben und unsere baldige Ankunft melden. Er meinte, Zimmer wolle er für uns schon bestellen; wenn aber alles voll sei, wolle er ein neues Hotel bauen lassen und dafür sorgen, daß Maler- und Gipserarbeit trocken wären, bis wir ankämen. Unter solchen spöttischen Bemerkungen verließ er uns und war bald unsern Augen entschwunden.

Um 6 Uhr waren wir schon ein gutes Stück in der Höhe und die Aussicht hatte an Reiz und Umfang bedeutend zugenommen. Bei einem kleinen Wirtshause machten wir Halt, genossen im Freien Brot, Käse und ein oder zwei Liter frischer Milch, und dazu das großartige Panorama; – dann setzten wir uns wieder in Bewegung.

Nach 10 Minuten begegneten wir einem Engländer mit heißem, kupferrotem Gesicht, der in mächtigen Sätzen den Berg herabstürmte, indem er sich an seinem Alpstock immer eine tüchtige Strecke vorwärts schwang. Atemlos und schweißtriefend hielt er bei uns an und fragte, wie weit es bis Wäggis drunten am See sei. –

»Drei Stunden!«

»Was? der See scheint ja so nahe, als ob man einen Kieselstein hineinwerfen könnte. Ist das ein Wirtshaus?«

»Ja.«

»Das ist recht! Ich kann es nicht noch einmal drei Stunden aushalten.«

Auf meine Frage, ob wir wohl nahe am Gipfel seien, rief er: »Meiner Treu! Ihr habt ja eben erst angefangen zu steigen!«

Ich schlug deshalb meinem Reisegenossen Harris vor, auch in besagtem Wirtshaus zu bleiben. Wir drehten um, ließen uns ein warmes Nachtessen bereiten und verlebten mit dem Engländer einen lustigen Abend.

felsenweg-189713_1280_zellmaDie deutsche Wirtin gab uns hübsche Zimmer und gute Betten, und ich und mein Freund legten uns nieder mit dem Entschluß, früh genug aufzustehen, um unsern ersten Sonnenaufgang in den Alpen nicht zu versäumen. Aber wir waren todmüde und schliefen wie Nachtwächter; folglich war es, als wir am Morgen erwachten und ans Fenster stürzten, für den Sonnenaufgang schon zu spät: – es war halb 12 Uhr. Das war ein harter Schlag, doch trösteten wir uns mit der Aussicht auf ein gutes Frühstück und beauftragten die Wirtin, den Engländer zu rufen; aber sie erzählte uns, daß dieser unter allerlei Verwünschungen schon bei Tagesanbruch auf und davon gegangen sei. Wir konnten nicht auf den Grund seiner Erregung kommen. Er hatte die Wirtin nach der Höhe des Wirtshauses über dem See genau gefragt und sie hatte 1495 Fuß angegeben; diese Zahl mußte ihn ganz außer Rand und Band gebracht haben, denn er habe hinzugefügt: »In einem Lande, wie diesem, können Narren und Reisehandbücher einem in 24 Stunden mehr Bären aufbinden als sonstwo in einem Jahre.«

Gegen Mittag nahmen wir den Weg wieder unter die Füße und strebten frischen gewaltigen Schrittes dem Gipfel zu. Als wir etwa 200 Meter marschiert waren und anhielten, um zu rasten, blickte ich beim Anzünden meiner Pfeife von ungefähr nach links und entdeckte in einiger Entfernung eine Rauchsäule, die wie ein langer schwarzer Wurm lässig den Berg hinaufkroch. Das konnte nur der Rauch einer Lokomotive sein. Auf unsere Ellbogen gestützt, stierten wir das uns völlig neue Mirakel dieser Bergbahn an. Es erschien unglaublich, daß das Ding schnurgerade aufwärts kriechen konnte auf einer schiefen Ebene, steil wie ein Dach; es geschah aber vor unsern Augen: ein leibhaftiges Wunder. –

Noch ein paar Stunden, und wir erreichten ein schönes zephyrumsäuseltes Hochthal, wo die Dächer der kleinen Sennhütten mit großen Steinen belegt waren, um sie am Grund und Boden festzuhalten, wenn die großen Stürme toben. Weit weg am andern Ufer des Sees konnten wir einige Dörfer erblicken und jetzt zum erstenmal ihre zwerghaften Häuser mit den Bergriesen vergleichen, an deren Fuße sie schliefen.

Wenn man sich inmitten eines solchen Dorfes befindet, kommt es einem ziemlich ausgedehnt vor und die Häuser erscheinen stattlich, selbst im Verhältnis zu den hereinragenden Bergen; aber von unserm hohen Platze aus, welch eine Veränderung! Die Berge erschienen massenhafter und großartiger, dagegen waren die Dörfer so klein geworden, beinahe unsichtbar und lagen so dicht am Boden, daß ich sie nur vergleichen kann mit winzigen Erdarbeiten von Ameisen, überschattet von dem himmelanstrebenden Bau eines Münsters. Die Dampfboote, welche drunten den See durchschnitten, erschienen in der Entfernung nur noch so groß wie Kinderspielzeug und vollends die Segel- und Ruderboote wie winzige Fahrzeuge, bestimmt für die Elfen, die in Lilienkelchen haushalten und auf Brummhummeln zu Hofe reiten.

Wir gingen weiter und stießen bald auf ein halbes Dutzend weidender Schafe unter dem Gischt eines Gießbaches, der wohl hundert Fuß hoch sich am Felsen herabstürzte. Doch horch! Ein melodisches »Lal … l … l … lal, … loil-lahi-o-o-o!« trifft unser Ohr. Wir hören zum erstenmal das berühmte Alpenjodeln inmitten der wilden Gebirgsgegend, in der es heimisch ist. Es ist jenes seltsame Gemisch von Bariton und Falsett, das wir zu Hause Tiroler Triller nennen.

Das Gejodel war hübsch und munter anzuhören und bald erschien der Jodler – ein Sennbub von 16 Jahren. In unserer Freude und Dankbarkeit gaben wir ihm einen Franken, damit er weiter jodle. Er jodelte und wir lauschten. Beim Weitergehen jodelte er uns großmütig außer Sicht. Ebenso der zweite, auf den wir eine Viertelstunde später stießen, und dem wir seine Kunst mit einem halben Franken bezahlten.

Von nun an begegneten wir alle zehn Minuten einem Jodler; dem ersten gaben wir 8 Cts., dem zweiten 6, dem dritten 4, dem vierten 1 Cts., Nummer 5, 6, 7 erhielten gar nichts! Für den Rest des Tages erkauften wir das Stillschweigen der übrigen Jodler mit 1 Fr. per Kopf. Man bekommt es unter solchen Umständen doch schließlich satt.

Zehn Minuten nach 6 Uhr erreichten wir die Kaltbadstation, wo ein geräumiges Hotel mit Verandas steht, die einen weiten Umblick auf Berge und Seen gestatten. Wir waren nicht so sehr ermüdet, aber, um am andern Morgen ja den Sonnenaufgang nicht zu verschlafen, machten wir unsere Mahlzeit so kurz als möglich und eilten zu Bett. Es war unaussprechlich angenehm, unsere steifen Glieder in den kühlfeuchten Betten auszustrecken. Und wie fest wir schliefen! Kein Schlaftrunk wirkt so trefflich, wie eine solche Alpenfußtour.

Morgens erwacht, waren wir beide mit einem Sprung aus den Federn und an den Fenstern; wir zerrten die Vorhänge zurück, erfuhren aber leider eine neue herbe Enttäuschung: Es war nämlich schon halb 4 Uhr mittags. In sehr mürrischer Laune kleideten wir uns an, wobei jeder dem andern die Schuld in die Schuhe schob. Harris meinte, wenn ich ihm gefolgt wäre und wir den Reisediener mitgenommen hätten, wäre uns dieser Sonnenaufgang nicht entgangen. Ich behauptete dagegen, daß dann einer von uns hätte aufbleiben müssen, um den Diener zu wecken, außerdem hätten wir Mühe genug mit uns selbst auf dieser Klettertour, auch ohne die Sorge für den Reisediener.

mountains-369019_1280_SweetaholicDas Frühstück regte unsere Lebensgeister wieder etwas an, besonders auch die beruhigende Versicherung im Bädeker, oben auf dem Rigi brauche der Reisende nicht besorgt zu sein, daß er den Sonnenaufgang verschlafe, er werde vielmehr bei Zeiten von einem Mann geweckt, der mit einem großen Alphorn von Zimmer zu Zimmer gehe und seinem Instrumente Töne entlocke, die Tote zu erwecken imstande seien; und noch eine andere Bemerkung des Reisehandbuches tröstete uns, die Versicherung nämlich, daß oben in den Rigi-Hotels die Gäste sich morgens nicht ganz anzukleiden brauchen, sondern sich einfach ihrer roten Bettteppiche bemächtigen und mit diesen, wie Indianer drapiert, ins Freie stürmen. O, das muß schön und romantisch sein! – 250 Personen auf dem windigen Gipfel gruppiert, mit fliegenden Haaren und wehenden roten Bettteppichen, in der feierlich ernsten Gegenwart der schneeigen Bergspitzen, beleuchtet von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne, das muß ein herrlicher und denkwürdiger Anblick sein! Unter diesen Umständen war es fast ein Glück, kein Unglück, daß wir die frühern Sonnenaufgänge verfehlt hatten. Nach dem Reisehandbuch waren wir nun 3228 Fuß über dem Spiegel des Sees und konnten somit volle Zweidrittel unserer Wanderung als vollendet betrachten. Wir brachen l/4 nach 4 Uhr nachmittags von neuem auf; etwa hundert Schritte über dem Hotel verzweigte sich die Bahnlinie, der eine Arm ging gerade aufwärts den steilen Berg hinan, der andere bog nach rechts ab in ziemlich sanfter Steigung; wir folgten dem letzteren über eine Meile, bogen um eine Felsenecke und kamen in Sicht eines neuen hübschen Hotels. Wären wir gleich weitergegangen, so hätten wir den Gipfel erreicht, aber Harris wollte allerhand Erkundigungen einziehen. Er wurde belehrt – und zwar falsch, wie gewöhnlich, – daß wir umkehren und den andern Weg gehen müßten. Dies kostete uns eine schwere Menge Zeit.

Wir kletterten und kletterten; wir kamen wohl über vierzig Hügel, aber immer erschien ein neuer so groß wie die frühern. Es begann zu regnen; wir wurden durch und durch naß und es war bitter kalt. Dampfende Nebelwolken deckten bald den ganzen Abgrund zu; der Eisenbahndamm, auf welchen wir stießen, war unser einziger Wegweiser! Manchmal krochen wir längs desselben ein Stück weit fort, allein als sich der Nebel etwas zerteilte, bemerkten wir mit Schrecken, daß wir uns mit dem linken Ellbogen über einem bodenlosen Abgrund befanden, weshalb wir eiligst wieder den Bahndamm zu erreichen trachteten.

Die Nacht brach ein, rabenschwarz, nebelig und kalt. Etwa um 8 Uhr abends hob sich der Nebel etwas und ließ uns einen ziemlich undeutlichen Pfad erblicken, der links aufwärts führte. Diesen Weg einschlagend, waren wir eben weit genug weg vom Eisenbahndamm, um denselben nicht wieder finden zu können, als auch schon wieder eine Nebelwolke herabschoß und alles in undurchdringliches Dunkel hüllte.

Wir befanden uns an einem rauhen, dem Unwetter vollkommen preisgegebenen Ort, und waren genötigt, auf- und abzugehen, um uns warm zu machen, obgleich wir dadurch Gefahr liefen, gelegentlich in einem Abgrund zu verschwinden.

Um 9 Uhr machten wir die wichtige Entdeckung, daß wir jeden Pfad verloren hatten. Wir krochen auf Händen und Knieen umher, konnten ihn aber nicht mehr finden; somit setzten wir uns wieder in das nasse Gras und warteten das Weitere ab. Plötzlich jagte uns eine ungeheure dunkle Masse, die vor uns auftauchte, nicht geringen Schrecken ein; sie verschwand aber alsbald wieder im Nebel, es war, wie wir später erfuhren, das längst ersehnte Rigi-Kulm-Hotel, aber die nebelhafte Vergrößerung ließ es uns als den gähnenden Rachen eines tödlichen Abgrundes erscheinen.

Da saßen wir nun eine lange Stunde mit klappernden Zähnen und zitternden Knieen, den Rücken gegen den vermeintlichen Abgrund gekehrt, weil von dorther etwas Zugluft zu verspüren war. Dabei ereiferten wir uns leidenschaftlich, denn jeder wollte dem andern die Dummheit in die Schuhe schieben, den Bahnkörper verlassen zu haben. Nach und nach wurde der Nebel dünner und als Harris zufällig um sich blickte, stand das große, hell erleuchtete Hotel da, wo vorher der Abgrund gewesen war. Man konnte beinahe Fenster und Kamine zählen.

Unser erstes Gefühl war tiefer, unaussprechlicher Dank, unser zweites rasende Wut, weil das Hotel wahrscheinlich schon seit dreiviertel Stunden sichtbar gewesen war, während wir pudelnaß dasaßen und uns zankten.

Ja, es war das Rigi-Kulm-Hotel auf dem Gipfel des Rigi, und wir fanden dort die Zimmer, die unser Bursche für uns bestellt hatte, – allerdings bekamen wir zuvor die hochmütige Ungefälligkeit des Portiers und des sonstigen Dienstpersonals gründlich zu kosten.

Wir verschafften uns trockene Kleider, und während unser Abendbrot bereitet wurde, irrten wir einsam durch eine Anzahl höhlengleicher Wohnräume, von denen eines einen Ofen besaß. Dieser Ofen in einer Ecke des Zimmers war von einer lebendigen Wand der allerverschiedensten Menschenkinder umgeben. Da wir nun nicht ans Feuer herankommen konnten, wandelten wir in den arktischen Regionen der weiten Säle umher, unter einer Menge Menschen, die schweigend, in sich verloren und wie versteinert das Problem zu ergründen suchten, warum sie wohl solche Narren gewesen waren, hierher zu kommen. Einige davon waren Amerikaner, einige Deutsche, die weitaus überwiegende Mehrzahl aber waren Engländer. In einem der Räume drängte sich alles um die › Souvenirs du Righi‹, die dort feilgeboten werden. Ich wollte zuerst auch ein geschnitztes Falzbein mit Gemshorngriff mitnehmen; ich sagte mir jedoch, daß mir der Rigi mit seinen Annehmlichkeiten wohl auch ohnedies in guter Erinnerung bleiben würde, – und erstickte deshalb das Gelüste.

Das Abendessen erwärmte uns, und wir gingen sofort zu Bette – d. h. nachdem ich an Bädeker noch einige Zeilen geschrieben hatte. Derselbe ersucht nämlich die Touristen, ihn auf etwaige Irrtümer in seinem Reisehandbuch aufmerksam zu machen. Ich schrieb ihm, daß er sich, indem er den Weg von Wäggis bis zum Gipfel nur zu 3 ¼ Stunden angebe, just um drei Tage geirrt habe. Eine Antwort habe ich nie erhalten, auch ist im Buche nichts geändert worden – mein Brief muß also wohl verloren gegangen sein.

Wir waren so todmüde, daß wir sofort einschliefen und uns nicht regten noch bewegten, bis die herrlichen Töne des Alphorns uns weckten. Man kann sich denken, daß wir keine Zeit verloren, sondern schnell ein paar Kleidungsstücke überwarfen, uns in die praktischen roten Teppiche wickelten und unbedeckten Hauptes in den pfeifenden Wind hinausstürzten. Wir erblickten ein großes hölzernes Gerüste, gerade am höchsten Punkte der Spitze. Dorthin lenkten wir unsere Schritte, krochen die Stufen hinauf und standen da, erhaben über der weiten Welt, mit fliegenden Haaren und im Wind flatternden roten Teppichen.

»Mindestens fünfzehn Minuten zu spät!« sagte Harris mit trauriger Stimme, »die Sonne steht schon über dem Horizont.«

»Schadet nichts,« erwiderte ich, »es ist dennoch ein großartiger Anblick und wir wollen ihn noch weiter genießen, bis die Sonne höher steht.«

Einige Minuten waren wir tief ergriffen von dem wunderbaren Anblick und für alles andere tot. Die große, klare Sonnenscheibe stand jetzt dicht über einer unendlichen Anzahl weißer Zipfelmützen – bildlich gesprochen. Es war ein wogendes Chaos riesiger Bergmassen, die Spitzen geschmückt mit unvergänglichem Schnee und umflutet von der goldenen Pracht des zitternden Lichtes, während die glänzenden Sonnenstrahlen durch die Risse einer der Sonne vorgelagerten schwarzen Wolkenmasse, gleich Schwertern und Lanzen aufschossen zum Zenith.

Wir konnten nicht sprechen, ja kaum atmen; wir standen in trunkener Verzückung und sogen diese Schönheit ein, als Harris Plötzlich schrie: » Verd – sie geht ja unter!«

Wahrhaftig, wir hatten das Morgenhornblasen überhört, hatten den ganzen Tag geschlafen und waren erst am Blasen des Abendhorns aufgewacht: das war niederschmetternd.

Auf einmal sagte Harris: »Allem Anschein nach ist nicht die Sonne der Gegenstand die Aufmerksamkeit der unter uns versammelten Menschen, sondern wir, hier oben auf diesem Gerüst, in diesen eselhaften Teppichen. 250 fein gekleidete Herren und Damen starren uns an und kümmern sich kein Haar um Sonnenauf- oder Niedergang, so lange wir ihnen ein derartiges lächerliches Schauspiel bieten. Die ganze Gesellschaft will ja vor Lachen bersten und das junge Mädchen dort wird nächstens platzen. In meinem Leben ist mir kein solcher Mensch vorgekommen wie Sie!«

»Was habe ich denn gethan?« erwiderte ich erregt.

»Sie sind um halb 8 Uhr abends aufgestanden, um den Sonnenaufgang zu sehen, ist das nicht genug!?«

»Und haben Sie nicht dasselbe gethan? möchte ich wissen; ich bin immer mit der Lerche aufgestanden, bis ich unter den versteinernden Einfluß Ihres ausgetrockneten Gehirns kam.«

»Schämen Sie sich nicht, in diesem Aufzug auf einem vierzig Fuß hohen Schaffot auf dem Gipfel der Alpen zu stehen, unter uns eine endlose Zuschauermenge? Ist das der Schauplatz für derartige Expektorationen?!« So ging der Streit in diesem Maskenanzug fort. Als die Sonne untergegangen war, schlichen wir uns ins Hotel zurück und wieder zu Bett. Wir begegneten dem Hornbläser auf dem Wege dahin, und er versprach, uns morgen sicher zu wecken.

Er hielt Wort, wir hörten das Alphorn und standen sofort auf; es war finster und kalt. Als ich nach dem Zündhölzchen umhertappend mit schlotternden Händen eine Anzahl Dinge zerbrach und zu Boden warf, wünschte ich, die Sonne möchte bei Tag aufgehen, wo es hell, warm und angenehm ist.

Es gelang uns endlich, uns bei dem zweifelhaften Licht zweier Kerzen anzukleiden; doch konnten wir mit unsern zitternden Händen nichts zuknöpfen; ich überlegte, wie viel glückliche Menschen in Europa, Asien, Amerika etc. jetzt friedlich in ihren Betten ruhten und nicht aufzustehen brauchten, um den Rigi-Sonnenaufgang zu sehen. In diesen Gedanken versunken, hatte ich etwas zu ausgiebig gegähnt, so daß ich mit einem meiner Zähne an einem Nagel über der Thür hängen blieb. Während ich auf einen Stuhl stieg um mich loszumachen, zog Harris die Vorhänge zurück und sagte – »O! welches Glück! wir brauchen ja nicht einmal das Zimmer zu verlassen – da unten liegen die Berge in ihrer ganzen Ausdehnung.«

Das war erfreulich; in der That, man konnte die großen Alpenmassen sich in unsichern Umrissen gegen das schwarze Firmament abheben und einen oder zwei Sterne durch das Morgengrauen schimmern sehen. Gut angekleidet und warm versorgt in den wollenen Teppichen stellten wir uns am Fenster auf mit brennenden Pfeifen und in unterhaltendem Geplauder, in behaglicher Erwartung eines Sonnenaufgangs bei Kerzenbeleuchtung. Nach und nach verbreitete sich ein leichtes ätherisches Licht in unmerklicher Zunahme über die luftigen Spitzen der Schneewüste, – doch auf einmal schien ein Stillstand eingetreten zu sein; ich sagte:

»Mit diesem Sonnenaufgang scheint es einen Haken zu haben. Es will nicht recht gehen. Was meinen Sie, daß schuld sei?«

»Ich weiß nicht, es macht den Eindruck, wie wenn irgendwo Feuer wäre. Ich sah nie solch einen Sonnenaufgang.«

»Nun, was mag wohl der Grund sein?«

Harris sprang jetzt mit einemmal auf und rief: – »Ich hab’s! Ich hab’s! wir sehen ja dorthin, wo gestern abend die Sonne unterging!«

»Vollkommen richtig! Warum haben Sie das nicht früher gemerkt? Jetzt haben wir wieder einen verfehlt; und alles durch Ihre Dummheit. Ja! Das sieht nur Ihnen gleich, eine Pfeife anzuzünden und den Sonnenaufgang im Westen zu erwarten.«

»Es sieht mir auch gleich, den Irrtum entdeckt zu haben; Sie hätten das doch nie gemerkt! Ich muß alle diese Dummheiten entdecken!«

»Sie machen sie alle! Aber wir wollen die Zeit nicht mit Streiten verlieren, vielleicht kommen wir doch noch rechtzeitig!« Allein es war zu spät, die Sonne war schon weit oben, als wir auf den Platz kamen. Wir begegneten der heimkehrenden Menge – Herren und Damen in allerlei komischer Bekleidung und mit frierenden Gesichtern.

Etwa ein Dutzend waren noch auf dem Platze. Sie suchten mit Reisehandbuch und Panorama jeden Berg zu bestimmen und die verschiedenen Namen und Formen ihrem Gedächtnis einzuprägen.

Es war ein betrübender Anblick.

Nach meiner Schätzung brauchten wir einen Tag, um zu Fuße nach Wäggis oder Bitznau zu kommen; soviel war aber sicher, daß wir mit der Bahn etwa eine Stunde brauchen würden und deshalb wählte ich das Letztere.

Eine herrliche Thalfahrt auf der schwindelnden Bergbahn, die uns eine Wunderwelt gleich einer Reliefkarte zu unsern Füßen ausgebreitet sehen ließ, bildete den würdigen Schluß unserer ereignisreichen Rigibesteigung mit ihrem verunglückten Sonnenaufgang. ‹

Stefan Zweig: Reisen in Europa ∅ Brügge

Stefan Zweig: Reisen in Europa ∅ Brügge
1904

Es ist schwer, des Abends durch die dunkelnden engen Straßen dieser träumerischen Stadt zu gehen, ohne sich in leise Melancholie zu verlieren, in jene süße Wehmut der letzten herbstlichen Tage, die nicht mehr die lauten Feste der Früchte haben, sondern nur das stille Schauspiel willigen Hinsterbens und verlöschender Kraft. Getragen von der steten Welle frommer Abendglockenspiele flutet man mählich hinein in dieses uferlose Meer rätselhafter Erinnerungen, die hier an jeder Türe und jedem verwitterten Walle aufrauschen. Lässig pilgert man so, bis man sinnend plötzlich die ganze Größe eines Schauspiels fühlt, darin der eigene sorgsam gedämpfte Schritt das Wirkende und Lebendige scheint, während die großen Gewalten stumm als finstere Kulissen stehen. Und keine Stadt gibt es wohl, die die Tragik des Todes und des noch mehr Furchtbaren, des Sterbens, mit so zwingender Kraft in ein Symbol gepreßt hat, wie Brügge. Dies fühlt man so ganz in den Halbklöstern, den Beguinagen, dahin viele alte Leute sterben gehen, denn was einen die herben Konturen der Straßen am Abend nur ahnen lassen, das zeichnet sich hier in müden, stumpfen, vom Widerglanz des Lebens nur matt erhellten Blicken: daß es ein Leben ohne Hoffnung und Sicht in die Ferne gibt, ganz versunken in gleichgültiges Zurückstarren zur Vergangenheit. Und unvergeßlich ist die Art dieser Menschen, die das matte Blühen der kleinen Klostergärtchen unbewegt überschauen, ohne sich fragend einem Fremden zuzuwenden. Und gleich wunderbar ist das Dämmerbild der untätigen uralten Straßen.

Was aber seltsam ist: diese Stille ist hier nicht nur dem Abend gegeben, der sie mit seinen vielen Träumen und sehnsüchtigen Erinnerungen durchflicht, sondern unablässig scheint ein grauer Schleier über diese alten Giebeldächer gebreitet zu sein, darin sich alles Laute und Derbe verfängt, eine Sordine, die Lärm zu Raunen, Jubel zu Lächeln und den Schrei zum Seufzer dämpft. Wohl ist das Leben nicht ganz erloschen in der Mittagshelle der Straßen: Karren und Wagen stolpern über das Pflaster, Menschen mühen sich um das tägliche Brot, Cafés, Restaurants und Estaminets erweisen sogar sehr zahlreich das Bemühen nach irdischem Wohlergehen, aber dennoch liegt kein Lächeln über Stadt und Menschen. Nirgends diese dörflerische Fröhlichkeit der flandrischen Städte, der klappernde Holzschuhtanz singender Kinderscharen hinter dem aufspielenden Leierkasten, nirgends das bunte Flackern prahlerischer Gewandung. Und immer diese Dämpfung der Laute. Ist man das kühle und dunkle Treppengewinde des Beffrois, der breitschultrig und nackensteif wie Roland der Riese am Hallenplatze steht, hinaufgestiegen, leise beklommen durch das dumpfe Dunkel, und sieht man dann in freudigem Erschrecken das in leuchtenden Farben ergossene Licht, so fehlt doch in dem hellen Umkreis des tiefruhenden Treibens die Stimme. Von der weitgebreiteten Stadt und ihrer holden Umkränzung weht nur ein summendes Brausen empor, undeutlich und zauberisch wie die Vinetaglocken über dem sonntäglichen Meere. Und so scheint dieses bunte Gewimmel ziegelroter Dächer, zackiger Giebel und weißglitzernder Fensterborde nichts als ein Spielzeug, von lässiger Hand ins grüne Gelände geschüttet. Lieblich und leblos mutet dieses Schachtelwerk getürmter Häuser und runder Klöster an, geschickt untermischt mit kleinen Bezirken grünüppiger Gärten und breiter Alleen, die allmählich hineinführen ins blühende flandrische Land, darin schon die großen Mühlen – der holländischen Landschaft unentbehrliches Requisit – mit wirbelnden Flügeln stehen. Aber auch von dieser Höhe, die das Spielerische und Ziervolle der Stadt hervorhebt, kann man nicht die tragische Gebärde übersehen, die einen die stumme Traurigkeit der Straßen verstehen läßt. Das ist jener sehnsüchtig zum fernen Meere ausgereckte Arm, der breite Kanal, mit dem der versandete Hafen die segenbringende Flut zu erreichen strebt. Die tragische Geschichte Brügges fällt einem ein: die blühende Jugend, da alle Reeder hier ihre Kontore hatten, Hunderte bewimpelte Schiffe den Hafen durchsegelten, da Könige demütig mit den Schöffen verhandelten und Königinnen, heimlichen Neides voll, die prunkvollen Gewandungen der Bürgerinnen bestaunten. Und dann der langsame Niedergang: die langjährigen Kriege, Seuchen und Streitigkeiten und schließlich das Meer, mit dem alles Glück langsam von den Mauern zurückwich. Nun liegt es weit, an klaren Tagen ein silberner Streif am Horizont. Und in der Stadt sind die Farben verblaßt; nur noch die Altardecken haben die purpurne Glut schwerer Brokate bewahrt, sonst ist der Nonnen Kleidung auch die der Stadt geworden, in der das Gelärme des Hafens und das Getöse menschenvoller Tavernen für immer verstummt ist. Jählings versteht man die abwehrende Gebärde, mit der sich diese Stadt einsam mit ihrer älteren Schwester Ypern abseits von allen andern stellte, die im Zeichen neuer Zeit Gewalt und Ehrengaben der Kultur an sich gerissen hatten. Während Antwerpen, Hamburg, Brüssel und die andern Schwesterstädte in kriegerischen Mühen die Fahne des Lebens entfalteten, hat sich Brügge immer fester eingehüllt in die dunkle Kutte seiner Einsamkeit und umgürtet mit dem alten Bande seiner Mauern. Und Jahrhunderte so finster und unbeweglich stehend, ganz der Vergangenheit gehörend, hat es jene majestätische und finstere Attitüde eines mönchischen Riesen gewonnen, die zugleich Wehmut erweckt und ungemeine Ehrfurcht gebietet, und die das Wunderbare und Verlockende dieser Stadt bedeutet.

Das Gefühl des Ephemeren und Unbeständigen, das den einzelnen hier befällt, wenn er sich von so großen Vergangenheiten überschattet sieht, hat in diesen Mauern in langem und unablässigem Walten jenes Abhängigkeitsbewußtsein unter den Menschen erzeugt, darauf alle Religion beruht. Die Straßen mit den vielen Denkmälern verschollenen Lebens mahnen zu heftig zur Demut, als daß sich die einzelnen, aufwachsend in diesem Banne, dem Glauben entziehen könnten. Und so hat hier alles Wunderbare nicht die Wendung ins Ewige zurück, sondern zu Gott und den Symbolen der katholischen Kirche. Ein Glaube waltet in dieser Stadt, finster, stark und herbe wie die Kirchen selbst, die schmucklos in unerschütterlicher Starre vor Gott stehen, ganz ohne den gewohnten spielerischen Schmuck gotischen Spitzenwerks und koketter Türmchen. Meßbücher und Heiligenbilder zieren die Läden, fromme Rufe zum Gebet hallen fast unablässig in Glockentönen herab. Jeden Augenblick huschen Mönche und Nonnen mit leisem Gruß aneinander vorüber, schaurig im ersten Augenblicke wie Boten des Todes in ihrem leisen schwarzen Hasten; kommen sie aber langsam näher, die langen Reihen anvertrauter Kinder behütend, und sieht man unter den weißen Hauben oder dem Schatten der breiten Hüte die ruhigen, friedlichen Gesichter, so fühlt man, daß nur die Mahnung der Größe und des Todes so unablässigen Ernst schaffen konnte und ein so herbes Bild des Lebens in die Züge zu zeichnen vermochte. Und immer wieder Glockenklingen und Heiligengestalten an stillen Brücken. Doch auch in dem schweren Dunkel dieses Glaubens zittert ein purpurnes mystisches Licht. Das ist die hingebungsvolle Feier der großen Mirakel, die innige Zärtlichkeit des Mariendienstes und jene leise Poesie der heiligen Dinge, die nur die einfältige Glut schlichter Menschen dichtet. Unendlich wirkungsvoll muß der Tag sein, da der edelsteinbesetzte Schrein mit den Tropfen des Erlöserblutes feierlich aus der Kapelle getragen wird und die stumme Stadt mit Begeisterung durchfunkelt und in allen diesen Menschen, die für irdische Dinge ohne Lächeln sind, die große, stille Glückseligkeit spendender Gnade auslöst. Ist es nicht schon lieblich, jene Wege zu gehen, die alle so weiche, zärtlich klingende Namen haben, den unvergleichlichen Quai de Rosaire entlang, vorbei an den »mildtätigen Schwestern«, an Notre Dame, der Beguinage. dem Hospital zum »Minnewater«, dem Liebessee? Es ist dies ein dunkler, still ruhender Teich, an dessen Ufer ein finsterer runder Turm sich lehnt wie ein entschlafener Wächter. In der schwarzen Flut scheint der Himmel zu ruhen, und weiße Wolken wandern darüber hin wie Boten des Paradieses. Ein wie Feierliches und Großes muß diesen Menschen die Liebe sein, da sie dieser träumerischen und seraphischen Landschaft den wundervollen Namen gegeben!

Überhaupt läßt sich schwer etwas Traurig-Schöneres ersinnen als die Kanäle von Brügge. Ergreifend ist ihr Anblick, und sie rühren in ihrer Stummheit, ganz ohne die geschwätzige Romantik der Kanäle Venedigs wirken sie, die vom nächtlichen Gleiten schwarzer Gondeln raunen, vom Blitzen mondlichterhellter Dolche, von heimlichen Tribunalen, versteckten Türen, einsamen Serenaden –, diesem ganzen verblichenen Requisit der Novellen um 1830. Ein paar Verse von George Rodenbach gibt es, die so vollkommen ihre melancholische Schönheit gefeiert haben, daß man sie sich im Hinschreiten langsam vorsagt, als wären sie die heimliche Melodie dieser schwarzen umschatteten Gewässer. Das ist jene wehmütige Elegie »Au lieu des vaisseaux grands, qui agitaient en elles«, leise zärtliche Verse, die Rodenbachs Wirken so ganz mit Brügge verknüpft haben, daß man dem Maler recht geben muß, der sein Porträt (im Luxembourg) auf dem Hintergrunde dieser träumerischen Landschaft schuf. Aber auch viele andere ernste, milde, feierliche Bücher wären schön zu lesen auf den steinernen Uferbänken, im Schatten der großen Kastanienbäume, die ihr Bild im dunklen Wasser sinnend zu betrachten scheinen; denn die Kanäle sprechen nicht und rauschen nicht, sie lauschen nur. Getreulich tragen sie das Bild der Häuser, deren efeuumsponnene morsche Mauern sich an ihr Ufer lehnen, sie spiegeln den traurigen Glanz der gewölbten Brücken und der hohen Türme, aber sie wissen nicht einmal das zage Plätschern anschlagender Zitterwellen zu sagen. Schweigen und Schweigen. Sie sind das Ewig-Finstere, aber in ihrem schwarzen Spiegel liegt der Himmel gefangen, sie tragen das Transzendente, das Unirdische und Sternenhelle hinab in die Stadt des Grauens und der Stille.

Und zwischen dem widerflimmernden Wolkenflug ziehen manchmal die leisen Reihen weißer Schwäne, dieser wundervollen, ernsten Tiere, in deren Schweigen und Sterben auch ein Mirakel sich birgt. Unbeschreiblich ist die Wirkung dieses lichten ernsten Gleitens in dem todesschwarzen Gewässer: kein Dichter wüßte eine so blendende und doch so harmonische Antithese, wie sie hier der Zufall schuf. Und man bestreitet auch dem Zufalle dieses Recht: ein paar Legenden erzählen über die Herkunft dieser wilden, stillen Schwäne. Nach der einen sollten sie für einen Herzogsmord Sühne sein, nach der andern waren sie bestimmt, die in Streitigkeit sich verlierenden Bürger an die einstmalige, leichtsinnig vergebene Kraft der dahinschwebenden Segel zu erinnern. Doch es scheint vergebliches Mühen, dieser überraschenden Schönheit Willen und Sinn zu verleihen und sie mit dem faltigen Gewand der Legende zu umhüllen.

Denn alles in dieser Stadt der Träume und des Todes lockt leise in seinem Dämmer den Sinn der Mystik an. Hat sie selbst schon etwas der Wirklichkeit Entrafftes, so spinnen sich leicht um ihre Schicksale, die im Schöße ferner Jahrhunderte ruhen, romantische Ranken und blühende Gedichte. Und diese Dichtung wird, wenn sie eine lebendige Gestalt umflicht, eine Legende, und nicht selten eine Legende, die in ihrer Schönheit droht, Geschichte zu verbessern. So hat sich auch eine rührende Legende um den größten Schöpfer dieser Stadt bemüht, um Hans Memling, der selbst in seinem frommen Gemüte nichts sann, als das Wirkliche fromm und lieblich zu machen und dem Unerreichbaren einen Abglanz in der Sehnsucht zu geben, die seine Seele durchzitterte. Trotz aller Dementis der Kunstgeschichte will man hier wissen, daß Hans Memling, aus der Schlacht bei Nancy schwerverwundet zurückkehrend, im Hospital St. Jean treue Pflege gefunden und zum Danke jene berühmten Bilder geschaffen habe, die – ein unvergleichlicher Schatz – in dem verwitterten alten Hause sich bergen. Und, leise bedrückt von der steten Traurigkeit der Straßen, ging ich wieder hin, um an ihrer knospenhaften Lieblichkeit und innigen Reinheit jenen Duft des Frühlings zu genießen, der in dieser Stadt wie eine Unmöglichkeit scheint. In einer kleinen Stube stehen sie alle beisammen – viel stärker wirkend in dieser Vereinigung, als in der Ausstellung der Primitiven – ein lichter Streif gewebt in das trauervolle Tuch dieser Stadt. Schwer fällt es, einem den Vorzug zu geben, sei es jener Madonna, die dem Jesusknaben ernstlieblich den Apfel niederreicht, sei es dem vielberühmten Altarschreine, der die Geschichte der heiligen Ursula mit frommen, noch ein wenig kindlichen Lippen erzählt. Ganz zart muß diese Künstlerseele gewesen sein – ein wenig erinnernd an die des zweiten Verkünders von Brügge, an George Rodenbach, nur nicht so bewußt, sondern schlicht der Himmelsliebe hingegeben und erfüllt von zärtlichen Visionen. Mag nicht dies vielleicht der Sinn der Legende sein, daß dieser Zarte, vom Leben verwundet, in die klösterlichen Mauern der schon damals frommen Stadt kam und hier sein heimliches Schaffensglück fand?

Vor dem Zurückwandern durch die abendlich drohenden Straßen der stillen Stadt ging ich von den Bildern noch für einen Augenblick, das eigentliche Spital zu besehen. Ein enger Hof führt hin zwischen Heiligengestalten, die sich zu neigen scheinen. Kleine Beete sind darin mit zarten, ein wenig matten Blumen. Von den kühlen Gängen aus kann man hinter den grauen Vorhängen die weißen Krankenbetten in schmalen Reihen sehen. Auch hier diese schwere Stille. Nonnen mit weißen Hauben gehen leise vorüber. Im Garten draußen aber ein paar Genesende in den langen grauen Spitalsgewändern, ruhende Frauen und ein paar spielende Kinder. Und dazwischen ein paar funkelnde Flecken der sinkenden Sonne. Die Kinder waren nicht sehr laut, doch sprangen sie haschend aneinander vorbei, während die Genesenden mit jener eifrigen Neugier ihnen nachstaunten, die nur das erwachende Leben schenkt. Und als ich hier nach den vielen Stunden stillen Wanderns das helle silberne Kinderlachen hörte, wenn auch widerhallend von den Wänden des Todes, war mir, als sei mir ein Glück geschehen. Eine leise Angst befiel mich, in diese große, grabeskühle Stadt zurückzugehen, deren Symbole mich mit so wundervoller Gewalt umfingen, und ein unendliches Mitleid mit den Menschen, die hier im Dunkel leben und dem Unbegreiflichen entgegensterben. Und selten habe ich so stark die abgenutzte Weisheit der Schulfibeln empfunden, daß der Tod etwas sehr Trauriges sein muß und das Leben eine unendliche Gewalt, die auch den Unwilligen zur Liebe zwingt.

Ankara – Annemarie Schwarzenbach: Winter in Vorderasien

Ankaratrennlinie2

26. Oktober 1933

ankara-71878_1280_AnkaraUmland_tpsdaveAsphaltstrassen führen von der neuen Hauptstadt in die Steppe und die Anstiege und Schluchten aus braunem, unbewachsenem Erdreich. Unendliche Farbenskalen spielen an fernen Horizonten, der Himmel selbst ist so gross wie über dem Meer und spannt sich, ein durchsichtig seidenes Gewölbe mit langen Wolkenstreifen, über dem trostlosen Land.

Es ist eine öde Hochgebirgslandschaft: Zwischen den letzten flachen Gipfeln der Welt führt die Strasse ins Unbekannte, wo man ewig im Kreise geht . . .

Manchmal gibt es eine Wasserader, ein bescheidenes Rinnsal; da grünen einige Büsche, neigen sich schwache Bäume, wächst ein zarter Rasenteppich: Leben und Wachstum genug; ein Pferd weidet am Bachufer, sein Reiter liegt im kleinen Schatten und schläft. Weiter draussen, in einem Becken zwischen Felshügeln, wird das grosse Stauwerk der Stadt Ankara gebaut. Eine Mauer aus Eisenbeton wächst gewaltig empor, aber das Wasser ist noch nicht gefunden, welches das Becken füllen soll. Nun wartet die Mauer, ein verirrter Gigant.

Als wir im Ford, der sinkenden Sonne entgegen, heimwärts fuhren, erblickten wir von weitem die ersten Kamele.

Annemarie_Schwarzenbach_PorträtSie standen in langer Kette auf einem Hügelrücken, dunkel und gross im leeren Himmel. Wir riefen Hassan zu, dass er halten solle, sprangen aus dem Wagen und liefen die Anhöhe hinauf. Die Tiere standen und lagen, einige reglos, andere bewegten beim Fressen die sonderbaren Langhälse auf und ab, taten ein paar Schritte und liessen sich in die Knie nieder.

Als ich mich einem Kamel bis auf zwei Meter genähert hatte, um es zu fotografieren, wandte es mir sein uraltes Faltengesicht mit feuchtglänzenden Augen zu und folgte mir; ich fühlte seine wiegende Grösse in meinem Rücken.

Die Treiber, Mongolentypen, lachten uns an. Als wir, ausser Atem, wieder beim Wagen anlangten, war der Hügel schwarz, und die gereckten Hälse und dunklen Höcker schienen leuchtend umrissen wie auf überbelichteten Filmbildern.

Es ist die Zeit der grossen Kamelkarawanen, die zum Salzsee aufbrechen und durch die einsamen Hochebenen das weisse, im Sommer verkrustete Salz zu den Städten der Menschen bringen. Ein Aufbruch ohne Kalender, dem Zug der Vögel vergleichbar und den Wanderungen der Tierherden. Denn solche Völker, umgeben von einer kargen und übermächtigen Natur, bewahren sich das Gefühl für Notwendiges und die fromme Abhängigkeit von den Mächten der Erde und des Himmels. Da wird das einzelne Leben geringer bewertet, man handelt ohne Eile und Ehrgeiz; was aber mit den grösseren, von natürlichen Bedürfnissen vorgeschriebenen Handlungen zusammenhängt, tut man ernst und unwandelbar, wie einen religiösen Akt.

monument-471329_1280_d97jroDrei Tage brauchen die Kamele von hier bis zum Salzsee. Langsam, wiegend, begleitet vom Ruf ihrer Treiber und dem dumpfen Klang der Glocken, ziehen sie zwischen den meergleichen anatolischen Hügeln hindurch, während oben die Flugzeuge pfeilgeschwind vom Bosporus herfliegen und täglich die Diplomaten aus der ganzen Welt mit dem Taurus-Express eintreffen. Sie verlassen den Zug am kleinen, windigen Bahnhof, werden von neuen Autos in die neue Stadt gefahren; die Räume des Ankara-Palace füllen sich, Wiener spielen Johann Strauss in roten Fräcken; draussen beflaggen eifrige Pfadfinder alle Strassen und Gebäude, ein blutroter Block mit Hammer und Sichel steht drohend an einer Kreuzung . . . und Soldaten, Soldaten kampieren rings um die Stadt, in runden weissen Zelten, die der Nachtwind schüttelt, in rasch errichteten Baracken, in offenen Lagern.

Dies sind die Vorbereitungen für den 29. Oktober, den Festtag der jungen, türkischen Republik. Eine Hymne wird gesungen: Jeder Bauer, jeder Soldat, jeder Schuljunge weiss sie auswendig. Nadolny kommt aus Berlin, Titulescu aus Bukarest, und Litwinow schickt seine Vertreter, junge Russen in feldgrauen Blusen. Und alle erleben staunend das Schauspiel der Stadt Ankara, die, so versichert man uns, das schlagende Herz der Türkei sein wird. Da thront noch die Burg mit mächtigen dreigekanteten Seldschuken-Mauern auf dem Hügel, häufen sich die steilen Gassen des alten dörflichen Angora; eine Moschee lehnt sich an die Ruine des Augustus-Tempels . . .

Unten aber wächst die Stadt in die Ebene und erobert sie, Strassen laufen asphaltiert und ohne Ziel und verlieren sich als Feldwege in den Hügeln; eine Promenade führt, kilometerweit, in das Regierungsviertel, wo das Innenministerium Holzmeisters breit die Front beherrscht; davor wird ein Forum entstehen, man wird Obelisken aufrichten; links davon sollen, in kurzer Zeit, die Ministerien von Handel, Industrie, Landwirtschaft ihre Plätze einnehmen. Unheimlich ist dies alles, sinnlos, imponierend wie die Ereignisse einer Film-Wochenschau. Der Mensch greift ein . . .

Und nun rollen des Nachts hölzerne Taxicabs durch die dunklen Strassen, elegante Frauen lassen sich vom Palace zum Club bringen; unter viel Gelächter, »denn bei uns«, sagen sie, »werden die Kälber in solchen Wagen befördert«. Sie erschauern ein wenig und verstummen, als man unter dem Russenblock hindurchfährt, wo Arbeiter in rötlichem Lampenschein die Dekorationen für den Aufzug der Tausenden fertigstellen.

Dies alles ist Ankara, der steingewordene Wille des Ghasi. Ein paar Stunden davon entfernt, in der Steppe, ein anatolisches Dorf.

MAnnemarie_Schwarzenbach_Privataufnahmean stelle sich einen Hügel vor, von unregelmässigen, rohen Grabsteinen bedeckt. Dahinter die Sonne, verhüllt und milchig. Einen gelben Schäferhund, feig wie die Hunde im Orient, der schattenhaft rasch zwischen den Gräbern hindurchläuft. Einige Stellen aufgewühlt: Knochen, ein Schädel. Wenn man sich umwendet, sieht man unten und den jenseitigen Hügeln hinangebaut das Dorf. Graue Lehmbauten, in der Farbe des Bodens. Ein grauer, metallener Himmel, Wolken, vom scharfen Wind vorübergejagt. Ganz oben steht ein Greis unter der offenen Türe seines Hauses und hebt die Hand an die Augen. Dann wütendes Gebell, und um die Ecke biegen Reiter, zehn oder zwanzig, in eine Staubwolke gehüllt. Sie singen laut, während sie den Hügel hinabtraben. Unten springen sie von ihren kleinen Pferden, immer noch singend: die neue Hymne für den 29. Oktober. Ihre Pferde tragen schwere Sättel, buntbestickte Satteltaschen, Mäntel, rote Schlafsäcke. Um den Hals blaue Perlenketten, als Schutz gegen böse Geister.

Jetzt belebt sich das Dorf. Die Frauen, in langen Hosen, das Gesicht unter gelben Tüchern verborgen, schauen aus engen Hoftüren. Die Männer stehen in einem Haufen beisammen, reglos. Sie wechseln mit den Reitern kein Wort, gehen ihnen nicht entgegen. Der Wind weht ihnen Staub und Sand ins Gesicht. Sie sind dunkelbraun, rasiert, flachäugig. Alle in Lumpen gekleidet, ihre Kleider waren nie neu. An einer Hausmauer sitzen die kleinen Knaben in einer langen Reihe. Die Mauer schützt sie vor dem Wind. Sie sitzen still nebeneinander und beobachten die Reiter. Grössere haben die Pferde am Halfter genommen und führen sie umher. Die Reiter stehen auf dem freien Platz und singen.

Aus einer der Lehmhütten kommt ein Mann und fragt, ob wir Kaffee haben wollen. Herr W. unterhält sich mit ihm. »Wohin gehen die Reiter?« fragt er.

»Sie kommen aus Kaletschik und reiten nach Ankara zum Fest.«

Kaletschik ist eine alte Stadt, sie hat einen Burghügel, der wie eine Basaltpyramide emporsteigt; oben sieht man die Reste der Seldschuken-Festung. Unten liegt die Stadt. Die Reiter haben einen ganzen Tag bis in dieses Dorf gebraucht. Morgen werden sie in Ankara sein.

Wir trinken den heissen Kaffee. Der Greis ist von seinem Haus heruntergekommen und unterhält sich mit Herrn W. Die anderen Männer hören schweigend zu. Dann steigen wir in unser Auto und fahren weg.

Es wird Abend. Wir fahren an den Arbeitern vorbei, die die Strasse verbessern. Sie laden jetzt ihre Betten auf die kleinen Esel, nehmen die Schaufeln auf den Rücken und ziehen die Strasse entlang. Viele kampieren schon im Feld, sie schichten die Betten auf, kauern um ihr Feuer und warten auf die Dunkelheit. Viele singen und jauchzen uns zu. Und immer wieder überholen wir Reiter, Bauern, Greise, Jünglinge, die nach Ankara unterwegs sind. Einmal im Leben wollen sie den Ghasi sehen . . .

Einem biblischen Brunnen begegnen wir. Da fliesst Wasser in einen schmalen, langen Trog; dahinter eine Mauer, zwei Bäume, ein wenig Gras. Frauen sitzen am Trog, verhüllt, auf ihre Tonkrüge gestützt.

Von einer Anhöhe aus überblicken wir das gelbe Land. An den Hügeln lagern wie weisse Schatten grosse Schafherden. Das Licht bricht sich an den Wolken, eine eigentümliche Nachthelle erfüllt den Himmel, anwachsend bis zu sanfter Mondklarheit. Dann ist es Nacht. Kurden lagern an der Strasse, ihre Weiber hocken um runde Kupferkessel, deren Rand, eine kreisrunde Scheibe, über dem dürftigen Feuer leuchtet.

Von weither tönt das kreischende Drehen der »Nachtigallen«, der geduldige Gesang der Ochsenkarren seit hundert und tausend Jahren auf allen Wegen des grossen Landes. Esel trotten, verhüllte Frauen mit Säuglingen tragend – stumm und eilig ziehen sie vorüber, dem heiligen Land zu.

Aber wer weiss wirklich, wohin die Strassen führen, und wer kennt die Namen der Städte, der uralten, versunkenen und wiedererstandenen?

ankara-70528_1280_mfkDer Weg wird sich ausdehnen, die Strasse sich endlos über Hügel wellen, immer am Horizont der rötliche Glanz der namenlosen Stadt. Und Esel, Kamele, Reiter werden vor uns herziehen, hinter uns auf allen Wegen die schwarzen Ochsenkarren aufbrechen; ihr Gekreisch wird vielfältig sein, und das Echo der Felstäler wird es verhundertfältigen. Nun ist es schon ein gewaltiger Aufbruch, selbst das Land setzt sich in Bewegung, die Hügel drehen sich um ihre Achse in einer sanften, schwingenden Kreisellinie, die steinigen Bachbette eilen wasserlos, aber wie von Wellen auf- und niedergehoben; die bebauten Felder schrumpfen ein, die jungen Kulturen vertrocknen, die Bäume werden gelb und neigen sich schweigend dem Steppenboden zu; aber der Steppenboden selbst streckt gelbe Zungen aus, die fressen sich wie sickerndes Wasser und wandernde Flamme bis in die namenlosen Städte-Strassen; nun schiesst Unkraut aus den Ritzen der Pflastersteine, nun fallen die Gebäude langsam in Schutt, Staub hüllt die sinkenden Mauern ein, die Leute leben noch, essen in den Lokalen unter erblindeten Fensterreihen; über ihnen droht die Burg; die Kurden, die Verschleierten, die Räuber, die Bettler kommen hügelabwärts, breiten sich aus wie Fledermäuse, singen ihre traurigen Gesänge – da rumpeln die Ochsenkarren an, da ist die Steppe wieder in der Stadt; noch stehen die Soldaten, die eisern Gehorsamen, aber Unruhe ergreift sie vor ihren hölzernen Wachthäuschen, sie sehen: ein Sturm trägt ihre runden Zelte fort, sie stehen auf verlorenen Posten und warten auf das Signal der Ablösung, das niemals ertönen wird . . .

Die Europäer fürchten sich in diesem Land. Keiner von ihnen wird heimisch; daran ändern Jahre nichts.

Man stellt ihnen grosse Aufgaben, sie lösen sie, ohne dass der Erfolg sie zufriedener macht.

Als man, vor einigen Jahren, in Ankara noch täglich Schaffleisch oder Hühner zu essen bekam, gerieten die Herren einer bedeutenden Firma eines Abends an den Eisschrank, aus dem sie Selterswasser holen wollten. Statt der Flaschen fanden sie darin, sorgfältig gerupft und zusammengebunden, die Hühner für das Mittagessen des nächsten Tages. Die Herren rissen die Hühner heraus und schleuderten sie in einem sinnlosen Zornanfall an die frisch getünchten Wände ihres Speisezimmers. Es war eine Hassorgie.

Seither kann man in Ankara Schweinebraten und Apfelstrudel essen wie in Wien. Man lässt nichts mehr an den Hühnern aus.

Man hat hübsche Wohnhäuser, Tennisplätze, einen Klub, gute Pferde. Man besitzt noch dies und jenes, und man lebt in einem Land, welches an seine Zukunft glaubt und an die Güter der Vernunft, der Zivilisation und des Fortschritts, die man in Europa so erniedrigend preisgibt.

Das Land wird von einer Auswahl geistig hochstehender Männer regiert, von aufrichtigen Demokraten, die kein anderes Ziel kennen, als ihr Volk möglichst bald mündig zu machen.

Und die Europäer, die man beruft, um an dieser Aufgabe mitzuwirken, dürfen glauben, dass sie bald überflüssig werden. Keiner zweifelt an dem Land, am Volk. Aber jeder zweifelt an seiner Aufgabe. Das ist die Furcht . . .

Ich kam gestern erst in der Dunkelheit von einem Spaziergang zurück. Es wird hier so rasch Nacht und ganz anders als in unsern Ländern: mit einem Konzert von Farben, die strichweise den Himmel überfluten, und dies mit solcher Gewalt, dass unter ihnen Hügel und Täler es gleichsam erschauernd über sich ergehen lassen.

In Europa beansprucht uns die Natur fast niemals unfreiwillig, und wenn einmal ein Gewitter unerwartet und mit grosser Macht ausbricht, sind wir davon betroffen wie von einer übernatürlichen Äusserung.

Hier ist die Natur immer gegenwärtig und stets stärker als die Menschen.

Als wir gestern am frühen Vormittag draussen bei der Zementfabrik auf die Pferde warteten, die von den Burschen herausgeführt werden sollten, äusserte sich dies augenfällig und eindringlich. Es waren viele Personen mitgekommen: die Damen von den Gesandtschaften, Kinder, Diener, Burschen. Man unterhielt sich und rauchte; ein fahrendes Buffet wurde eingerichtet, die Zeit verging.

Da erschienen plötzlich, weit drüben auf der Anhöhe, die Pferde. Sie tauchten über den Hügelrand empor, eine Schar von dreissig Tieren, dunkel, sonderbar gross, umwettert von weissem Licht, versanken dann wieder in den Schatten und trabten durch den glatten Talgrund auf uns zu.

Wir galoppierten; endlos schien der sanfte Wechsel von Hügel und Ebene, von abgeernteten Feldern und trockenen Sandflächen voll hoher Disteln, über welche die Pferde mit kleinen Sprüngen hinwegsetzten. Wir ritten schnell genug, ein scharfer Wind pfiff und sauste, ich fühlte mich von allem Missbehagen befreit und fragte mich, was hier den Fremden, den Europäern nicht geheuer sein könne.

Da sah ich über mir einen Falken in grossem Kreis durch das Gewölbe schweben. Einen Augenblick verwirrte mich das Licht – der Flügel des Vogels wuchs und verdeckte den leuchtenden Himmel wie die Sonnenscheibe der Mondschatten. Ich sah auf, da schwebte der Vogel wieder reglos in der Höhe. Das war die Gefahr, dachte ich, fand mich ein wenig abseits von den anderen und trabte zu ihnen zurück.

Istanbul Θ Annemarie Schwarzenbach: Winter in Vorderasien Θ Ein Reisebericht

Istanbul

15. Oktober 1933

istanbul-799752_640_ozguriks_IstanbulDie Griechen haben das Wort erfunden, schwer und volltönend wie eine farbige Abendstunde vor dem Erlöschen: Melancholie. Der Balkan war voll davon – nur eine Ahnung liess uns die flüchtige Durchfahrt von Ländern, Grenzen, Gebirgen und Hauptstädten –, aber welche unerlöste Folge von Stunden, welch langsamer Abend, welches Einschlafen unter dem Druck dieser grauen Berge und bräunlichen Ebenen! Schafherden weideten überall, die Maisfelder standen in herbstlicher Dürre. Die Bauern sandten unverständlich schweigsame Blicke unserer verschlossenen Wagenreihe nach, die Frauen verbargen ihre vorgewölbten Leiber unter dickgefütterten Jacken, ihre zerfurchten Klagegesichter unter dunklen Kopftüchern.

Ich versuchte, mich an die Namen der grossen Bulgarenzaren zu erinnern, der blutigen Schlachten mit den Byzantinern, an die türkischen Eroberer.

Da begann an einem elenden Bahnhof eine Bläserkapelle zu spielen. Es war schon dunkel, die Leute standen im Wind und bliesen, während der Zug sich in Bewegung setzte . . . ein Volkslied vielleicht . . . traurig und verloren wehten die Töne uns nach.

Heute morgen erwachten wir dann in einer neuen, urfremden Landschaft. Diese kahlen Hügelreihen, dieses Steppengras, diese zu weissen Wolken, von Windstössen gejagt – das war schon Asien, begrüsste uns schon wie rauher Nomadenschrei. Hirten, in Pelze gekleidet, die lange Flinte über der Schulter, jagten wie besessen auf ihren kleinen Pferden neben dem Bahngeleise her, während die Ochsen in träger Ruhe mit breiten Hörnern und hellem Fell in der Morgensonne lagen. Bald tauchte das Meer auf – eine tiefblaue Bucht –, leuchtend wie drüben an der verwandten Küste Südfrankreichs; hinausblickend wusste man: unendlich weit jenes geliebte Europa, und fühlte sich wehmütig angerührt.

istanbul-808394_640_mofik_IstanbulMauern tauchten auf, byzantinische Reste, gegen Meer und Land gewendet. In ihren Breschen und Höhlen hatten Hirten ihre Zeltdächer aufgespannt, kleine Rauchsäulen stiegen schwankend in den bewegten Himmel. Und plötzlich war es Stambul, das mit der Kuppel der Hagia Sophia (ein Kindheitstraumbild), mit glänzenden Ufern, Schiffen, Segeln und einem Meer weisser Häuser, von hellblauem Dunst verschleiert, aus der Spiegelflut emporstieg . . . Man wird in den Strassen der Stadt vom Eindruck des Zeitlosen, Ungewissen und Preisgegebenen überfallen wie von einer Versuchung. Wie oft spielt man mit dem Gedanken, das gewohnte Dasein an einer Stelle willkürlich abzubrechen, sich von den alten Orten, Freunden, Tätigkeiten zu trennen, in Anonymität unterzutauchen – und wie weit ist man stets wieder von dieser Versuchung des Schicksals entfernt!

Hier, die Stadt an der Grenze Asiens, die Meerespforte, das glänzende Schwert zwischen Osten und Westen: sie ist wie eine Drohung überpersönlicher, ja übermenschlicher und zeitloser Abläufe.

Hier werden Völker aus den östlichen Ebenen gesammelt und hinübergeworfen nach Europa, Religionen formen und scheiden sich und erstarren zu goldenem Bilderdienst.

Hier landen Flotten, werden demütige Kreuzritter zu Thronräubern und östlichen Herrschern, Hellenen und Barbaren folgen aufeinander, und nichts ist der Einzelne oder ein Porphyrogennetos . . .

istanbul-217974_640_christheisen_IstanbulWir waren in den Moscheen, Basars und Handwerkervierteln. Wir sahen Bettler, kleine Mädchen, Wasserträger, Blinde und Betende, Popen, Makler, Fischverkäufer, Truthahntreiber – wir sahen all das Längstbekannte: den farbigen Orient, das Nie-ganz-zu-Erfahrende. Vielleicht ist es uns gelungen, eine gute Aufnahme des alten Mannes zu machen, welcher im Hof der Beyazit-Moschee sitzt: in einem hellroten, zerschlissenen Seidenmantel, die Hand zum Handeln und Geldeinnehmen ausgestreckt wie zur würdigsten Verrichtung und einen Weisheitsblick auf uns richtend, voll schmerzerfahrener Gelassenheit und ganz ohne Hohn.

Auch alte Frauen haben oft diesen Blick – man erinnert sich dann daran, dass die Türken ein Herrenvolk waren und Levantiner und Griechen, auch Ägypter, für sich handeln liessen.

Im grossen Basar war es sehr still. Die Leute priesen ihre Waren kaum zweimal an und liessen uns weitergehen – bis in die tiefsten und dunkelsten Gewölbe, wo Messingtöpfe, Lampen und Schwertklingen aus dem Dunkel der Nischen leuchteten . . .

Dort sassen alte Männer neben zerlumpten Knaben, deren Augen wie Tieraugen glühten; sie schwiegen oder wiegten sich ein wenig und sangen. Manchmal hatten sie, zu Haufen aufgestapelt, alten Hausrat, darunter schöne, wenn auch meistens verdorbene und erblindete Stücke.

istanbul-217967_640_christheisen_IstanbulIn alten Büchern sah man Miniaturen, deren zarte Goldlinien kaum noch erkennbar waren im vergilbten Papier; feingeflochtene Armbänder mit Türkisen und Korallen, wunderbar nebeneinander anzusehen; alte Klingen, zerbrochene Teller, in Farben bemalt, die man heute nicht mehr finden würde; russische Ikonenbilder mit rötlichgoldenen Heiligengesichtern und grossäugigen Gotteskindern; köstlich bestickte Fetzen alter Leinwand; irgendwo, in einem besseren Laden, einen türkischen Frauenmantel, schilfgrün und golddurchwirkt, mit offenem, stehendem Kragen, weiten, lang zulaufenden Ärmeln, für ein schlankes, hochgewachsenes und schmalschultriges Mädchen bestimmt.

Gegen Abend waren wir wieder auf dem grossen, grasbewachsenen Platz der Suleymaniye. Der Himmel, an dieser Stelle wie ein Baldachin über dem gobelingestickten Gemälde vom Goldenen Horn, über langen Brücken, angehäuften Barken, dem Galataturm und der ansteigenden Stadt Pera, den grünen Gärten des Serails, den blauen, bewegten Flächen des Bosporus, den reichen Ufern und Inseln und den gelben Küstenzügen, die schon Anatolien, Steppe, Asien aus der Ferne beschwören . . .

istanbul-217975_640_christheisen_IstanbulEin Gebetsrufer sang von einem der weissen, leuchtenden Minarette. Seine Stimme hallte klagend, schwebte langsam von der Höhe herab, verklang, als er sich auf die andere Seite des Turmes wandte. Drüben, über Galata und Beyoglu, stieg ein leichter Nebel auf und verhüllte die Häusermassen. Auf unserer Seite war die Luft durchsichtig, leicht bewegt und kühl. Wir sahen auf die runden Bleikuppeln der alten Volksküchen des Kalifen hinunter, in die enge Strasse, wo die Schmiede in den Mauerarkaden ihre dürftigen Werkstätten eingerichtet hatten. Ihr Hämmern tönte dumpf, daneben Klappern von Eselhufen und Holzsandalen und langgezogene Abendrufe der Strassenhändler. Ein Mann ging langsam über den Platz, eine Katze auf dem Nacken. Als er sich an einem der Brunnen die Füsse wusch, miaute sie ängstlich, sprang herab und strich durch das niedere Gras davon.

Die Gerüche in der Handwerkerstadt waren so durchdringend, dass mir beinahe übel wurde. Nicht nur Fische in flachen Körben: blauschillernde, grosse Tiere; nicht nur tausend Gewürze, Fleischmassen, Öle, Käse- und Quarkbuden, Melonen, Pfeffersäcke, Bier, gärender Traubenmost; nicht nur ungezählte Garküchen mit ihrem penetranten Hammelfettgeruch, ihren dampfenden Herdlöchern, Tomaten- und Fleischschüsseln, alles in gelber Fettsauce schwimmend – daneben noch, auf der Strasse, in den Buden und Werkstätten, kleine offene Feuer, Pfannen mit Gesottenem und Gebratenem, Fischkoteletts, überzuckerten Klössen, in Öl gedrehten Auberginen: ein erstickender Schwall schwerer Gerüche neben Staubwolken, Schmiederuss und feuchtem Wäschedampf. In den Fenstern der Garküchen sah man manchmal, neben Hühner- und Taubenleichen, nackte Hammelköpfe mit leeren Augenhöhlen wie heidnische Symbole über den dampfenden Schüsseln aufgerichtet.

istanbul-775137_640_AdemAY_IstanbulInmitten der Handwerkerstadt fanden wir die kleine Moschee, zu der eine Treppe zwischen den Häusern und Läden emporführt. Wir zogen die Schuhe aus und gingen hinein; ein Raum von unendlich reinen Ausmassen und beruhigender Wirkung empfing uns. Wände und Säulen waren ganz mit den köstlichen blauweissen Fayencekacheln verkleidet: eine Ablenkung zuerst, sanfte Verwirrung stiftend – dann aber hinüberleitend zu Abstraktion und Andacht.

Ein Türke zeigte mir einen alten, handgemalten und handgeschriebenen Koran. »Nur so lange darf man an dem heiligen Buch schreiben«, sagte er mir, »als man sich vom Denken fernhalten kann. Sobald der Gedanke die innere Ruhe stört, muss man mit der Arbeit abbrechen.«

Um die Abendstunde kamen viele Leute in die Moschee: alte Männer, Zerlumpte und phantastisch Gekleidete, ehrbare Handwerker und fettleibige Händler, Aristokraten und Gaunergesichter. Niemand beachtete uns. Durch die offenen, vergitterten Fenster drangen der Lärm der Strasse, Geschrei, Zank, Anpreisung und Feilschen herauf. Die Alten aber, auf hellen Teppichen kniend, verrichteten in tiefer Ruhe ihre mannigfachen Gebetsübungen.

Istanbuler Impressionen

Schakaljagden – Annemarie Schwarzenbach: Winter in Vorderasien

Schakaljagden

Bagdad, 26. Februar 1934

Ein harter Rückfall in den Wüstenwinter. Kein Chauffeur erklärt sich bereit, nach Persien hinüberzufahren. Schnee liegt auf den Pässen.

Vor zwei Wochen hatte der Frühling fast österlich begonnen; in den Palmenhainen waren die Wiesen hellgrün leuchtende Teppiche, am Weg nach Kadhimain sassen die Pilger in den kleinen Cafés am hohen hellgelben Flussufer, der Rauch ihrer Wasserpfeifen stieg leicht gekräuselt zu den wiegenden Palmstämmen, die mit ihren Kronen den bleichen Tagesmond berührten.

Boote trieben friedlich flussabwärts, am Abend spielten Farben in hundert neuen Tönen; die warmen Lehmmauern neigten sich über den tiefen, gedämpften Fluss, und der Himmel war eine lichte Kuppel.

Man versicherte mir, dass in weniger als acht Tagen die persischen Pässe frei seien.

Mittlerweile wurden in Hinaidi, dem Fliegerlager der Engländer, Jagden geritten.

Man traf sich in Hinaidi selbst oder ausserhalb, bei Lancasterbridge, bei Rustam Farm. Man ritt zu zwanzig, zu dreissig, hinter einer schönen Meute grosser braungefleckter Hunde. Niemandem konnte ernsthaft daran liegen, einen Schakal zu töten: Sie sind harmlose Burschen, dunkle huschende Wollballen, nicht grösser als ein Fuchs, aber bescheidener, ohne eine Reineke-Legende, ohne Franz Kafkas Vision, die ihren heimlichen Höhlenbau preist.

Sie lieben es, in Ruinen zu hausen: Unten in Warka hielten sie einen Schakal, der die Zikurrat bewohnte und sich während mehrerer Grabungswinter zutraulich verhielt. In Babylon sah man auch zuweilen ein spitzschnauziges Haupt auftauchen, hinter Mauern und Schlacken, dann wieder scheu verschwinden.

Die Jagd war ein reales Vergnügen, eine handfeste Erregung; es war nötig, sich von der bleiernen Schläfrigkeit zu befreien, die die schlaffe Luft aus der Sandwüste und der träge Lauf des mittäglichen Tigris erzeugten. Es galt, sich draufgängerisch auszutoben.

Manchmal dauerte es lange, bis die Hunde einen Schakal auftrieben. Kläffend, mit erhobenen Schwänzen, rasend erregt, schossen sie nach allen Seiten; man verlor sie, suchte sie am Flussufer und in den ummauerten Gärten, trieb sie wieder zusammen. Ritt im Schritt und Trab über die grossen, noch karg bewachsenen Flächen, über Brücken, durch schlafende Dörfer. Dort gerieten Pferde und Esel und angepflockte Fohlen in Erregung, brachen in wieherndes Geschrei aus, Rudel von grossen Hunden rasten mit Gebell zwischen die Pferdebeine; schwarze Büffel erhoben drohendes Gebrüll.

Endlich, auf freiem Feld, setzten sich wie auf ein heimliches Signal die Pferde in Galopp. Noch hatte man kein Horn gehört, die Hunde noch nicht erblickt, die irgendwo weit vorn plötzlich in gestrecktem Lauf einem winzigen, dunklen Ball nachjagten.

Nun strebten die Reiter, eben noch lässig verstreut, zueinander. Seite an Seite befand man sich mitten im Rennen. Kanäle, trockene und wassergefüllte, schmale, fast unsichtbar im Gelände, und breite mit unbequemen Erdwällen, folgten immer schneller aufeinander. Aber auch die Geschwindigkeit wuchs immer noch; nun lagen die besten Pferde an der Spitze und fegten über die Gräben, fast ohne dass der Reiter es bemerkte.

Manchmal dauerte ein solches Rennen mehr als drei Meilen. Der Wollball huschte durch trockene Kanäle, tauchte weit entfernt im Feld wieder auf. Manchmal schien man ihn von zwei Seiten fassen zu können, erkannte schon die spitzige Schnauze, sah die schwarzglänzenden Augen der kleinen Kreatur. Oder sah man sie nicht?

Meistens entging uns der Schakal, es gab Löcher in den Lehmmauern der Gärten, selbst schmale Tore, und drin war es dunkel, kühl, geborgen. Wie rasend sprangen die Hunde an der Mauer hoch. Wir führten die schweissbedeckten Pferde im Schritt umher.

Manchmal gab es auch Zwischenfälle. In der Erregung des Rennens wurden die Pferde gleichsam blind, stürzten in Gräben oder erblickten sie zu spät und brachen aus. Der Master fiel und brach sich die Schulter; fast bei jeder Jagd gab es mehr als einen Sturz. Einmal gerieten wir in weiches Gelände, fünf Pferde sanken ein. Nie werde ich den Anblick eines der Tiere vergessen, welches, bis zum Hals im Lehm versunken, von Schaum und Schweiss bedeckt, uns aus schreckhaft erweiterten Augen ansah. Es hatte allen Widerstand aufgegeben; Todesangst hatte es ergriffen, es rührte sich nicht mehr. Herren und Reitknechten gelang es nach einer halben Stunde, das Pferd zu befreien. Es stand jetzt ganz ruhig und liess sich zudecken und mit den anderen Pferden wegführen.

Dann kamen die Kälte und der Staubsturm, und die nächsten Jagden mussten ausfallen. Nervosität lag in der Luft. Das Kabinett reichte seine Demission ein, der junge König wollte die Minister nicht anerkennen. Zwei der alten Minister verliessen ihre Posten, langjährige Gegner. Bei S. Bey spielten sie, Sonntag nachmittags, Bridge am gleichen Tisch.

Der Bürgermeister von Bagdad liess mir durch den städtischen Ingenieur zeigen, was von der Residenz Harun al-Raschids – der glänzendsten, reichsten und märchennahsten Stadt des Orients – übrig geblieben ist.

Dann nahm der Sturm zu, und man sass im Hotel gefangen. Am Morgen war der Tigris eine lehmfarbige, gurgelnde Flut, das andere Ufer unsichtbar, alles in gelben Staub wie in dichten Nebel gehüllt.

Staub drang durch die Fenster und Türfugen, es herrschte eine trockene Kälte; Kohlenbecken standen wieder im Esssaal, und in meinem Zimmer malte das Kaminfeuer nachts grosse, lebendige Schatten an die Wände.

Die Sonne leuchtete gegen Mittag fahl durch den Staubnebel, und die Stadt sah nun noch merkwürdiger aus: Die Häuser waren gelbe Schemen, der Fluss vermischte sich mit dem Himmel und verlor seine Ufer im Ungewissen, die Feuer der Garköche an den Strassenecken waren winzige, rötliche Punkte in der Finsternis, die Droschken mit vermummten Kutschern unter riesigem schwarzem Dach flogen wie Fledermäuse undeutlich vorüber. So wird sich, dachte ich, das Ende der Welt ankünden, mit der Auflehnung junger Könige, rieselndem Sand, Staubgeruch und gelber Erstickung.

Inzwischen schlug die Kälte in Wärme um, der Frühling kam von Osten; laue Winde strichen über die Bergpässe, Schnee löste sich auf, füllte die Bachbette und stürzte rauschend ins Tiefland. Eines Abends kamen drei Italiener aus Teheran an. Sie hatten eine Nacht in einem Chan am Peitak-Pass zugebracht; sonst waren sie ohne Hindernis und Unterbrechung gefahren.

Zwei Tage später wurde ein Wagen gemietet und auf fünf Uhr des nächsten Morgens bestellt. Mein Gepäck liess ich grösstenteils in Bagdad zurück.