Kategorie: Flora

unterwegs | Auf dem Golfplatz des Teufels

Die ersten Siedler, die diese Wüste betraten, riskierten dabei ihr Leben. Heute ist die Landschaft ein Touristenmagnet. Trotzdem glaubt man sich ans Ende der Welt versetzt.

Auf dem Golfplatz des Teufels

Am Weihnachtstag des Jahres 1849 lag – nach der Legende vor den ersten weißen Siedlern, die eine Abkürzung zu den Goldfeldern Kaliforniens suchten, ,ein Tal, das sie später mit den Worten „good bye, Death Valley“ verließen. Das Tal des Todes hatte ihre gesamte Ausrüstung und fast ihr Leben gekostet. Der Treck war in mehrere Gruppen zerrissen, die getrennt versuchten, der Hölle zu entrinnen. Arcane Meadows, Manley Peak, Jayhawker Canyon und viele andere Namen im Death Valley erinnern noch heute an die Familien des Zuges.

Shoshonensiedlung, 1870 | Foto: W. H. Jackson
Shoshonensiedlung, 1870 | Foto: W. H. Jackson

„20 Meilen vom letzten Feuerholz, 20 Meilen vom Wasser, 40 Fuß bis zur Hölle. Gott sei uns gnädig“, lautet ein Spruch aus der amerikanischen Pionierzeit. Namen wie Helis Gate, Dry Bone Canyon, Grave Canyon, Furnace Creek und viele andere lassen erkennen, wie trostlos und wild sich dieses Wüstental den ersten Weißen zeigte. Am „Burned Waggon Point“ verbrannten die Jayhawkers, eine der Familien des Trecks von 1849, ihre Planwagen, um das Fleisch ihres letzten Zugochsen zu braten. Dies war kein Land zum Siedeln. Trotzdem lebten hier seit etwa 1000 Jahren Shoshone-lndianer.

Death Valley | Foto: Alexandra Raddatz
Death Valley | Foto: Alexandra Raddatz

Death Valley im Osten von Kalifornien ist heute bequem im Wagen von Las Vegas (rund 200 Kilometer) oder Los Angeles (rund 340 Kilometer) zu erreichen. An den Einfahrtstraßen stehen auf den Höhenzügen Tanks mit Kühlwasser für die Autos bereit, und Hinweiszettel liegen in Kästen aus: „How to survive in Death Valley” (wie man im Tal des Todes am Leben bleibt), ein Tribut an den modernen Massentourismus, der Menschen auch in die entlegensten Gebiete führt. Die Touristensaison beginnt im Oktober und dauert bis März. Dann findet man hier offene Hotels, Campingplätze und Tankstellen. ln der Hitze des Sommers, in der nur wenige Menschen das Tal besuchen, sind die meisten dieser Einrichtungen geschlossen.

Die Straßen – eine führt von Nord nach Süd durch das insgesamt etwa 250 Kilometer lange Tal, eine andere kreuzt in Ost-West-Richtung – werden täglich von Aufsichtsbeamten der Nationalparks nach liegengebliebenen Autos kontrolliert. Trotz aller Hilfen fordert die Natur auch heute hier noch immer regelmäßig Tote, die meist dem eigenen Leichtsinn zum Opfer fallen. Es gilt: Bei einer Autopanne im Wagen bleiben. Wer sich hier im Sommer ohne Trinkwasser längere Zeit schutzlos der Sonne aussetzt, ist verloren.

Zabriskie Point | Foto: Brigitte Werner
Zabriskie Point | Foto: Brigitte Werner

Obwohl 1922 in einer Wetterstation in Libyen, Al Aziziyah, mit 58 Grad Celsius die „Weltrekordhitze“ gemessen und damit Death Valley (56,7 Grad Celsius im Jahre 1913) „geschlagen“ wurde, ist das Tal des Todes wahrscheinlich der heißeste Landstrich der Erde. Die mittlere Juli-Temperatur beträgt hier 47 Grad, die Bodentemperaturen klettern sogar über 80 Grad Celsius. Auch die Nächte bringen – im Gegensatz zu anderen Wüstengebieten der Erde – durch die spezielle Luftzirkulation in dem tiefen Tal nur wenig Abkühlung, so dass die niedrigsten Nachttemperaturen im Juli noch über 30 Grad liegen. An etwa 100 Tagen des Jahres werden Temperaturen über 38 Grad Celsius gemessen. Hier, im Regenschatten der Sierra Nevada, fallen zudem pro Jahr nur durchschnittlich fünf Zentimeter Regen. Entsprechend niedrig ist die Luftfeuchtigkeit: Selbst wer in der größten Mittagshitze im Death Valley wandert, kommt kaum ins Schwitzen.

Noch ein Rekord: Die Salzpfanne des Bad Water ist mit 86 Metern unter Meereshöhe der tiefste Punkt Nordamerikas. Die Berge dagegen, zwischen die das nur zehn bis zwanzig Kilometer breite Tal eingebettet ist, erreichen in Death Valley ihrem höchsten Punkt, dem Telescope Peak, 3367 Meter. Death Valley liegt in einem Erdbebengürtel, der sich von Feuerland im Westen des amerikanischen Kontinents bis Alaska hinaufzieht. Regelmäßig werden hier Beben registriert. Das Tal des Todes ändert so auch in diesem Erdzeitalter noch ständig sein Gesicht, wie viele der jungen Krater vulkanischen Ursprungs zeigen. Das Gesicht des Tales ist vielgestaltig: Regionen wie von einem anderen Stern mit bizarren Erosionsformen wechseln mit trostlosen Salz- und Sandwüsten ab. Feindselig jedem Leben gegenüber erscheint die Gegend um Bad Water im Süden. Große Salzpfannen überziehen hier das Land.  Ein Aussichtspunkt in den Bergen über Bad Water heißt „Dantes View“. Sah so die Hölle des Dichters aus?

Devils Golf Course | Foto: LoggaWiggler via pixabay
Devils Golf Course | Foto: LoggaWiggler via pixabay

Unmittelbar am Rande der Pfannen, bei einem Chlorid- und Sulfatgehalt des Bodens von mehreren Prozent, findet sich bereits erstes Wachstum: Salzpflanzen. Der Artenreichtum der Flora nimmt mit dem allmählichen Anstieg der Talsohle nach Norden hin zu. So stößt man bei Furnace Creek auf die ersten Mesquite-Büsche (Prosopis strombolifera), deren Bohnen die Ernährungsgrundlage der indianischen Urbevölkerung darstellten. Mit bis zu 20 Meter tiefen Wurzeln hat sich diese Pflanze dem Wüstenklima angepasst. Nördlich von Bad Water liegt der Golfplatz des Teufels, Devils Golf Course: Flaches Land, so weit der Blick in der flimmernden Hitze nach Norden reicht. Der Boden ist zerrissen, wie umgepflügt, und die Schollen sind dick mit Salzausblühungen überkrustet. Diese bizarre Landschaft wurde durch einen flachen See geschaffen, der vor etwa 2000 Jahren austrocknete.

The mating season of the tiny Salt Creek pupfish is in springtime. | National Park Service
The mating season of the tiny Salt Creek pupfish is in springtime. | National Park Service

Vor einigen tausend Jahren, während der Eiszeiten des Pleistozäns, gab es hier mehr Wasser. Man nimmt an, dass Death Valley damals über den Amargosa River mit dem System des Colorado Rivers zusammenhing. Vermutlich dieser Tatsache verdankt Death Valley eine zoologische Attraktion, ein unscheinbares, wenige Zentimeter großes Fischchen, den Pupfisch. Die Tiere, die auch im Colorado River vorkommen, haben hier endemische Rassen entwickelt, die in der Lage sind, Wassertemperaturen bis über 35 Grad Celsius und Salzgehalte, die ein Mehrfaches über dem des Meerwassers liegen, zu ertragen. Aber auch einigen anderen Tierarten gelang es, sich auf das extreme Klima einzustellen. Ohne jedes tierische Leben sind praktisch nur die Salzpfannen im Süden des Tals. Die Flucht vor der Tageshitze mit unerträglichen Bodentemperaturen ist allen Tieren gemeinsam. Nur die Heuschrecken scheinen sich auch in der Sonne wohl zu fühlen.

Kängururatte | Piet Marsfeld
Kängururatte | Piet Marsfeld

Eidechsen, Känguruhratte und Sidewinder – eine Klapperschlangenart, die sich äußerst elegant so fortbewegt, als würde sie auf einem Luftkissen über dem heißen Boden schweben – verkriechen sich tagsüber in Höhlen oder unter Steinen. Eine kleine Leguanart, der Collared Lizard (Halsbandleguan), die hier im Südwesten der USA beheimatet ist, kann Temperaturen bis zu 45 Grad Celsius ertragen. Die Tiere gehen aufrecht auf den Hinterbeinen, wenn der Wüstenboden zu heiß geworden ist. Die wenigen Vogelarten, die im Sommer im Death Valley angetroffen werden, sowie die Coyoten und die Bighornschafe suchen, wenn die Sonne höher steigt, meist in den Bergen Zuflucht.

Halsbandleguan | Foto: Susan Aken
Halsbandleguan | Foto: Susan Aken

Nur widerwillig verlassen die Tiere den schützenden Schatten. Zwei Kolkraben, die ich in den großen Dünen in der Mitte des Tals unter Mittag antraf, hatten sich, dicht aneinandergedrückt, einen winzigen Schattenfleck ausgesucht. Die Vögel, die hier ebenso vorsichtig und scheu sind wie bei uns, flogen erst ab, als ich mich ihnen auf etwa sechs Meter genähert hatte. Wer sich jedoch früh am Morgen im Tal aufhält, kann den Coyoten, der in den Erzählungen der Indianer die Rolle unseres schlauen Fuchses einnimmt, auf seinen Beutezügen beobachten oder Bighorns zur Tränke ziehen sehen.

Zabriskie | Foto: Brigitte Werner
Zabriskie | Foto: Brigitte Werner

Heute führt – wie schon anfangs gesagt – in erster Linie der Tourismus Menschen in dieses Gebiet. Ende des 19. Jahrhunderts wurde hier in mühsamer Arbeit das „weiße Gold der Wüste“, Borax, gefördert. Verfallene Boraxmühlen säumen noch heute die Straßen. Gerüchte von Goldfunden ließen in kürzester Zeit mehrere Städte aus dem Boden schießen. Die Ruinen von Rhyolite beziehungsweise das, was von dieser Ansiedlung nicht zum Aufbau neuer Boomstädte abtransportiert wurde, zeugen heute noch von einer Stadt, die in den Jahren 1905 bis 1908 bis zu 10 000 Einwohner zählte. Damals gab es hier ein Schwimmbad, zwei Krankenhäuser und eine Eisenbahn. Schon 1911 war Rhyolite jedoch eine Geisterstadt. Zahllose Geschichten kursieren noch aus dieser Zeit. Sie handeln von Gold- und Silberfunden, Abenteuern in der Wüste und vom „Twenty mule team“, dem „Zwanzig-Maulesel-Zug“, mit dem der geförderte Borax in zehn bis zwölf Tagen unter härtesten Bedingungen über 200 Kilometer durch die Wüste nach Mojave gebracht wurde. Eine der schillerndsten Figuren aus dieser Zeit, Death Valley Scotty, konnte sich sogar mitten im Tal selbst ein Denkmal setzen: Scotty’s Castle, ein Schlösschen, das heute von der Parkverwaltung betreut wird.

Boraxmühle Death Valley | Foto: Brigitte Werner
Boraxmühle Death Valley | Foto: Brigitte Werner

Etwa die Hälfte des Tales ist heute Nationalpark. Dieses Gebiet steht unter ständiger Aufsicht des Innenministeriums in Washington. Die staatlichen Richtlinien sind darauf abgestellt, die Landschaft in unverfälschter Form zu erhalten.

René Schickele ⊗ Über die Pfingstrose

Pfingstrosen

Pfingstrose-907763_1280-helendraves0Mit der Zeit sind sie eine feine Familie geworden. Nur in auserlesenen Kreisen bekannt und nicht zuletzt wegen dieser Abgeschlossenheit hochgehalten.

Ich habe sie im Garten abseits zu einem Familientag zusammengesetzt. Der Familientag findet um Pfingsten herum statt. Jedes Mitglied kommt einzeln.

Ob sie männliche oder weibliche Namen führen, alle sind Frauen.

Wenn sie endlich versammelt sind, benimmt sich jede, als säße sie ganz allein und lege vor Gott und ihrem Gewissen eine Prüfung in Eleganz und seelenvollem Ausdruck ab.

Möglich, daß Gott und Gewissen nur andre Namen sind für einen Spiegel, den das Menschenauge ebensowenig sieht.
Fast alle sind zart und nachlässig und duften von Liebesbereitschaft. Sie haben eine schwache Gesundheit oder täuschen sie vor.

Pfingstrose-800109_1280-AbelkeManche scheinen so hinfällig, daß sie schier vergehn im Augenblick, wo sie erblühn. Auf ihrer weißen Brust erscheinen dann Blutflecken in Form von züngelnden Flammen.

Einige tragen wie echte Adelige den Namen von Ortschaften und Provinzen (Triomphe de Lille, Straßburg, Gloire de Lorraine, Königswinter, Duchesse de Nemours), die Feinsten werden mit »Durchlaucht« und »Hoheit« angeredet.

Da ich die Namen, wie sie im Gotha der Gärtner stehn, leicht vergesse, habe ich die meisten umgetauft. Diese Namen behalte ich, denn für mich hießen sie schon immer so: »Lendemain«, »Mondschein«, »Entzückende Migräne«, »Morgenröte«, »Die Braut« . . .

»Die Braut« blüht wie eine gefüllte Alabasterschale.

Die Blätter, die die Schale bilden, sind fest, ebenmäßig gerundet und glänzen von einem seidigen Firnis. Die Fülle der inneren Blätter erreicht nicht ganz den Rand der äußeren, so daß sich die Blume wirklich in ihrer eigenen Schale darbietet . . . Im Innern stehn die Blätter dicht gedrängt und gekräuselt – erstarrt in einem Schauer . . .

»Die Braut« schimmert wie Elfenbein, also je nach der Beleuchtung blendend weiß oder gelblich. In dem Weiß gibt es winzige Blutspritzer . . .

Und wo das bißchen Blut sitzt, halten die Blätter sich scheu zur Seite.

Im übrigen ist sie prall wie sonst keine, hält sich ordentlich und verrät als einzige Gemüt und Sinn für Häuslichkeit.

Pfingstrose-139407_1280-stuxDie Fachleute und andre Zeremonienmeister des Gartens empfehlen, die zarten Geschöpfe, die nur aus blühender Haut bestehn, in Korsette zu stecken, indem man den Busch mit einem Drahtring versieht. Darauf sind sie verfallen, weil die Häupter jeder Päonienfamilie die Neigung haben, möglichst weit Abstand voneinander zu nehmen. Und da sie ihren Stuhl nicht rücken können, bleibt ihnen nur die Flucht unter den Tisch. So kann es geschehn, daß sie alle miteinander auf dem Boden liegen. Wenn es dann regnet, werden sie schmutzig . . .

Das Anlegen eines Korsetts konnte ich ihnen nicht zumuten, ich hätte mich für sie geschämt. Dieses Jahr hat es aber so viel gewindet und geregnet, es ist ihnen so schlecht dabei ergangen, daß ich sie nunmehr mit einer Leibgarde von schmalgebauten, steifen sibirischen Iris umgeben werde.

Diese Hellebardiere mögen die Damen auffangen, wenn sie bei ihrem Familientag in Ohnmacht fallen.

Man sollte die Nachbarschaft der Blumen nicht nur nach ihren Farben bestimmen, sondern mindestens ebenso sehr nach ihrem Duft. Mit der Zeit wird der Geruchsinn des Blumenliebhabers (falls er wirklich ein » Amant«, ein Liebhaber ist) fast stärker als das Gesicht, und dann entsteht ein ganz neuer Garten – einer, den die Nase ordnet.

Der Duft der Federnelken mischt sich wunderbar mit dem der Pfingstrosen, auch Goldregen und Rosen vermählen sich gut mit ihnen. Flieder tut ihnen weh, zumal wenn er im Verblühen ist, die Glyzinie schlägt sie tot, und wenn Taglilien in der Nähe stehn, riecht es ausschließlich nach parfümeriertem Pudel.

Pfingstrose-806086_1280-846654Auf die Frage, warum er niemals Pfingstrosen für seine Vasen ins Haus nehme, antwortete ein Gartenfreund: »Unmöglich! Nachts werden sie wild!«

Er sagte es leise, als spräche er von Gespenstern.

Das Wesen der Pfingstrose: Trägheit, aus schwermütigem Leichtsinn geboren . . . Im Grund ist sie eine Odaliske, die unsere Zivilisation überzüchtet und verdorben hat.

Sie will nicht tief gepflanzt sein und wartet nach der Pflanzung gern ein Jahr und länger, bis sie blüht.

Die Stammeltern, der Mann (ein richtiger Mann) rot, die Frau (eine richtige Frau) weiß, finden sich in allen Bauerngärten. Sie zeigen die Vorzüge der Sippe, jedoch unverdünnt, unvermischt und so kräftig, daß die Metzger sie gern in ihre Schaufenster stellen.

Der Schweinskopf verträgt sich nicht schlecht mit ihnen, zumal wenn er mit Lorbeerblättern geschmückt ist.


Redaktion Piet Marsfeld

Himmlische Landschaft – René Schickele
Essays – Erstveröffentlichung – 1933

Der Baum – Ulmen

Foto: Stefan OtteIn Schinsheim in Rheinhessen stand eine Ulme, deren Stamm einen Umfang von fünfzehneinhalb Metern hat. Das heisst, dass diesen Stamm sechzehn Schulkinder gerade umspannen können. Diese Ulme, die man das „Rathaus von Schinsheim“ nennt, ist der stärkste Baum in Deutschland und soll über tausend Jahre alt sein. Ob das Alter stimmt, mag dahingestellt sein. Aber etliche hundert Jahre alt können die Ulmen schon werden, vor allem die Feldulmen, und dazu über dreißig Meter hoch.

Ulmus minor 'Louis van Houtte' - Dyke Road Brighton GB - Foto von Ronnie Nijboer - Quelle: wikipedia

Es sind mächtige Bäume, die man zuverlässig an den immer sehr tief angesetzten Kronen, die fast den ganzen starken Stamm von unten her bis zum Wipfel bedecken, zu erkennen vermag. Die Kronen sind licht und locker, viel feingliedriger als die der Buchen und Eichen. Bei näherer Betrachtung schwindet jeder Zweifel, denn die Blätter der Ulmen haben auffallend ungleiche Hälften, von denen die eine größer und tiefer angesetzt ist als die andere. Die Feldulme, die auch Rotulme, Rüster oder Rüsche genannt wird, wurde früher besonders gern als Alleebaum angepflanzt, bildete dort wundervolle, grüne Säulengänge, die heute hier und da noch zu alten Schlössern und großen Landgütern führen. Die Feldulme wächst nämlich recht schnell, ist mit fünfzig Jahren schon dreißig Meter hoch und mehr als zwei Meter stark. Allerdings ist sie auch einer unserer anspruchsvollsten Bäume, verlangt einen guten, tiefgründigen Boden, mildes Klima, viel Wärme und Luftfeuchtigkeit. Und das ist wohl auch der tiefere Grund dafür, daß sie heute gar nicht mehr so recht gesund ist, sich bei uns einfach nicht mehr wohlfühlt, vorzeitig wipfeldürr wird und so leicht von der Ulmenkrankheit dahingerafft wird.

Großer Ulmensplintkäfer (Scolytus scolytus) - Meyers 1888

Es ist viel über das große „Ulmensterben“ geschrieben, gesprochen und gerätselt worden, bis es gelang, in einem vom Ulmen-Splintkäfer übertragenen Schlauchpilz den Urheber der Krankheit zu entdecken. Vielleicht ist die Ulme aber auch müde, glattweg lebensmüde und der Krankheit aufgeschlossen, weil ihre Zeit auf Erden abgelaufen ist. Denn die Ulme ist ein uralter Laubbaum, der schon grünte, als es in unseren Landstrichen noch Feigen-, Zimt- und Kampferbäume gab, als sich bei uns noch Palmen wiegten und die Mimose das Heidekraut vertrat.

Zeitig im März beginnt die Ulme zu blühen. Als dichte, kugelige Büschel brechen die rötlichen Blüten aus den schwarzen, noch unbelaubten Zweigen, werden vom Winde bestäubt und reifen bereits im Mai – Juni die rötlichen Nüsschen heran. Jede kleine Samennuss liegt in der Mitte eines sie allseitig umfassenden häutigen Flügels, mit dessen Hilfe sie weit davonzufliegen vermag. Hunderttausende und Millionen dieser Samennüsschen schickt die Ulme alle zwei Jahre auf die Reise, aber nur verschwindend wenige finden den guten Grund, den sie brauchen, um fortzukommen. Die Feldulme erkennt man an der längsfurchigen, dunkelgrau-braunen Borke, die in rechteckige Stücke aufreißt und an die Borke der Eiche erinnert. Die Borke der Flatterulme ist dagegen längst nicht so dick, mehr graubraun, längsrissig und blättert in flachen und gekrümmten Schuppen ab. Außerdem unterscheidet sich die Flatterulme von der Feldulme wie von der Bergu1me dadurch, daß ihre Blüten und Früchte langgestielt sind und im Winde flattern. Die Feldulme und noch mehr die Flatterulme sind Flachlandbewohner und fehlen oft bereits schon im hügeligen Mittelgebirge.

Flatterulme - Foto: Peter Bourne

Bescheidener als ihre empfindsame Schwester ist die Flatterulme, die wir deshalb auch oft in dichtverwachsenen Auwäldern antreffen. Dafür ist ihr lichtbraunes Holz aber auch viel geringwertiger als das Holz der Feldulme, das ungewöhnlich fest, zäh, schwer und dazu noch sehr schön gemasert ist. Feldulmenholz wird von der Möbelindustrie hoch bezahlt. Die Stellmacher verwenden es gern für Wagenspeichen. Ein Kind des Bergwaldes ist die Bergulme, Weißulme oder Weißrüster.

Berg-Ulme (Ulmus glabra)Bis zu einer Höhe von 1300 Metern steigt sie in den Alpen empor, ist in allen unseren Mittelgebirgen zu Hause. Es ist gar nicht so leicht, sie von der Feldulme rein äußerlich zu unterscheiden. Wir müssen schon die Blätter vergleichen, die bei ihr ein wenig größer, etwas rauher auf der Oberseite und behaarter auf der Unterseite sind. Auch die Früchte sind größer als bei den anderen Ulmen. Das Holz der Bergulme ist ebenfalls bei der Möbelindustrie wegen seiner schönen Maserung begehrt; es hat keinen schokoladebraunen, sondern einen blaßbraunen Kern. In den Bergen ist die Ulme noch verhältnismäßig gesund und wird weniger von der Ulmenkrankheit befallen wie in der Ebene. Ein Hinweis dafür, daß wahrscheinlich doch die mindere Güte unserer heute überbeanspruchten Ackerböden für das Ulmensterben mitverantwortlich zu machen ist.

Die seltsamen Käuze des Waldes

Waldkauz - Foto: Claudio Petrella
Waldkauz – Foto: Claudio Petrella

Bis gegen Mitternacht war der Himmel von geballtem Gewölk verhangen. Jetzt stößt ein steifer Nordwest in die träge dahintreibenden Wolkenherden, daß sie auseinanderstieben, als wenn der Wolf unter sie gefahren wäre. Sterne blitzen durch die aufgerissenen Lücken. Gleißend tritt der volle Mond hervor. Wie von magischem Licht getroffen, schimmern die letzten, körnigen SchneeDer Waldkauz inseln im Unterholz des Stadtwaldes. Im gleichen Augenblick setzt mit voller Lautstärke ein wahrhaft höllischer Chor ein, ertönt ein grausiges Gemisch von kreischendem Gelächter und dunklem Geheul. Schrille Pfiffe gellen, schnarchendes Fauchen mischt sich ein. Die müden Nachtschwärmer, die von den letzten Faschingsbällen heimwärts streben, sind jäh zusammengefahren und starren mit weitaufgerissenen Augen in die Wipfel. Das Grauen rinnt ihnen über den Rücken. Doch noch ehe sie eine Erklärung gefunden haben, ist der Spuk wie auf den Wink eines unsichtbaren Dirigenten schon wieder verklungen. Schwer lastet die plötzliche Stille. Leise knarren die schwarzen Äste im Winde. Dann kommt es weich und klagend aus der Tiefe des Waldes:

„Huhuhuuuu-ui-uitt!“ Ein sanftes, voller anschwellendes Echo antwortet wie eine dunkle Flöte vom Rande der beleuchteten Waldstraße her. Große Schatten schaukeln um die Wipfel, lautlos, geisterhaft. Kleine, glühende Lichtbälle funkeln auf und verlöschen.

tawny-vulture-702231_640_Maky_OrelGleich darauf bricht es wieder los! Es gellt und pfeift, schnalzt] und knappt, heult und kreischt, faucht und lacht, daß sich den ] Menschen unter der Straßenlaterne die Haare isträuhen. Zehn, zwölf, vielleicht auch zwanzig Waldkäuze sind es, die diese schauerliehen Lieder singen, die dem bleichen Mond, dem nächtlichen Wald und den Gefährtinnen ihre Sehnsucht zurufen und den nahenden Lenz verkünden. In lockeren, weichumflossenen Klumpen hocken 6ie auf den niederen Ästen, verbeugen und verrenken sich, schneiden Grimassen und glotzen glutäugig umher. Ihre großen, schräg nach \ vorn gerichteten und fest in den Höhlen sitzenden Augen zwingen sie, bei jeder Blickwendung den Kopf zu verdrehen. Und wie sie den Kopf verrenken können! Um 180 bis 270 Grad! Es sieht aus, als ob sie sich selbst den Hals umdrehen wollen. Und was für Grimassen sie dabei schneiden! Die Spaziergänger, di sich über die Eulengesänge entsetzten, würden sich vor Lachen ausschütten, wenn sie das sehen könnten. Wie die Schalksnarren^ wie lustige Papageien gebärden sich die nächtlichen Sänger. Diese koboldartige, schnelle Ducken und Aufrecken, das unermüdliche Verbeugen und Verneigen ist wahrscheinlich auch auf die besondere Art des Sehens zurückzuführen. Bei jeder Verbeugung wippt der Schwanz wie bei einer Bachstelze, sträuben sich die Kopffedern und plustert sich der Schleier auf, der die schönen Augen umrahmte Stundenlang währt das Konzert der närrischen Käuze, die der Mangel an natürlichen Nisthöhlen aus den düsteren Wäldern und eintönigen Nutzforsten unserer Zeit immer stärker in die städtischen Anlagen zieht. Hier finden sie noch die schönen, alten Bäume mit geborstenen Stämmen und faulenden Astlöchern, die in den Wäldern nicht mehr geduldet werden. Hier fühlen sie sich auch sicher und umkreisen neugierig den nächtlichen Wanderer oder verfolgen ihn von Wipfel zu Wipfel. Hier können sie sich getrost auch am Tage sehen lassen und ausgedehnte Sonnenbäder nehmen. Denn die Käuze und Eulen sind durchaus nicht tagblind. Sie fliegen im grellsten Sonnenschein mit derselben Sicherheit wie im milden Mondlicht. Und sie brauchen die Sonne wie jedes andere Lebewesen. In einem düsteren Käfig gehen sie schnell zugrunde. Vielleicht ist das Licht überhaupt die einzige „Freude“ des Eulenauges, denn in seiner Netzhaut überwiegen die helligkeitsempfindlichen Stäbchen die farbenempfindenden Zäpfchen derart stark, daß die Eulen wohl kaum Farben zu unterscheiden vermögen.

In diesen Vorfrühlingstagen können die Waldkäuze seihst am Tage keine Ruhe finden. Mögen sie das ganze Jahr hindurch auch ein ziemlich heimliches Lehen führen und sich von den hassenden Kleinvögeln vertreiben lassen, jetzt gehört der Wald ihnen. Und mag der Waldkauz sonst auch ein etwas schwerfälliger und plumper Bursche sein, jetzt ist er genau so wendig, lustig und beweglich wie der drollige Steinkauz. Die großköpfigen, kurzhalsigen, tiefgrauen Gesellen sind immerwährend in Bewegung. Sie dienern um die Weibchen, blinzeln verschmitzt, piepsen zärtlich, liebkosen sich wie die Turteltauben. Sie hacken aber auch mit dem scharfgekrümmten Schnabel nach dem lästigen Nebenbuhler, fauchen ihn an und verfolgen ihn schreiend. Zurückgekehrt, umwerben sie die spröde Schöne, kraulen ihr d’e Federn und sind so rastlos, wie jeder andere Vogel in der Balzzeit. Bis endlich jeder Kauz sein Käuzchen gefunden hat und d;e Lediggeidiebenen sich in ihr Schickaal ergeben und das Feld geräumt haben. Schon vierzehn Tage später, ganz gleich, ob der März noch mit Schnee und Frost aufwartet oder schon sonnige, warme Tage bringt, legt das Weibchen seine zwei bis drei weißen Eier. Es legt sie am liebsten in eine Baumhöhle, zur Not aber auch in ein altes Krähenoder Elsternnest. Sogar Eichhörnchenkobel und künstliche Nistkästen werden angenommen. Denn vom Nestbauen verstehen weder Herr Waldkauz noch seine Frau etwas. Sie tragen auch keine Halme, Haare und Federn zusammen, um die Kinderwiege auszupolstern. Die Eier werden, wenn nicht der alte Nestbesitzer eine Unterlage hergestellt hat, auf den nackten Boden der Höhle gelegt. Die Hauptsache ist, daß Wind und Wetter keinen Zutritt haben und daß es genügend Mäuse in der Umgebung gibt. Denn die Waldkäuze leben fast ausschließlich von Mäusen. Nur ganz ausnahmsweise greifen sie einmal einen schlafenden Vogel. Eher halten sie sich an die fetten und großen Raupen der Schwärmer und der Spinner. Volle vier Wochen brütet das Weibchen und hütet das werdende Leben so treu und brav, daß es sich eher greifen läßt, ehe es wegfliegt. Herr Waldkauz bleibt der liebevolle und aufmerksame Gatte. Reichlich trägt er seiner Frau Atzung zu und überwacht die Höhle. Ende April ist es meistens so weit. Schnell hintereinander purzeln die Küken aus den Eiern, allerliebste und äußerst drollige Kerlchen, die dicken, weißen Wollknäueln gleichen. Sie kommen mit geschlossenen Augen und Ohren zur Welt, sind aber schon quicklebendig und sperren gierend die winzigen Krummschnäbel auf. Nun muß der Wialdkauz zeigen, daß er ein erstklassiger Mäusefänger ist. Die Nacht ist zu kurz für die Jagd. Schon am frühen Nachmittag ist er unterwegs und noch in der Morgendämmerung rege. Sorglich zerreißt das Weibchen die Beute in kleine Happen und berührt damit die Schnabelwinkel der blinden Jungen. Selbst der Kauz hilft füttern. Später trägt auch das Weibchen Beute herzu. Und alle beide verteidigen ihre Brut tapfer und mutig gegen jeden Feind. Ja, sie verlassen die Jungen selbst dann nicht, wenn die Kleinen fortgetragen werden, sondern folgen ihnen und füttern sie noch im Käfig. Nach neun bis zehn Tagen öffnen die jungen Käuze die schönen, tiefdunkelbraunen, großen Augen. Jetzt sprossen ihnen auch schon die seltsamen Zwischenfedern, die auf ihrer Spitze die Erstlingsdunen tragen. In diesem Kleid erscheinen die Jungkäuze grundhäßlich und erinnern an befederte Igel. Ihr Hunger ist kaum noch zu stillen. Ununterbrochen verlangen sie nach Nahrung. Die geplagten Alten sind herzlich froh, wenn die kleine Gesellschaft endlich flügge ist und die Familie das von Mäusen ausgeplünderte Brutgebiet verlassen kann. Inzwischen ist der Mai ins Land gezogen, der Wald wird schon wieder grün, und die Wipfel sind so dicht belaubt, daß die ungeschickten Jungkäuze nicht mehr auf die Höhle angewiesen sind. Sie werden auch jetzt noch geatzt. Sdireiend melden sie sich aus den Bäumen der Umgebung, wenn es etwas zum Fressen gibt. Bald streifen sie mit den Alten weit umher, sitzen nachts gleich den Steinkäuzen vor den erleuchteten Fenstern und lehren die abergläubischen Gemüter unter den Menschen das Gruseln.

Der Baum – Pappeln

Claude Monet - Pappeln im Sonnenlicht - 1887 - Staatsgalerie Stuttgart
Claude Monet – Pappeln im Sonnenlicht – 1887 – Staatsgalerie Stuttgarttrennlinie2

Wie die Schwarzerlen den Bach, so begleiten die Pappeln die Flüsse. Denn auch sie lieben die Feuchtigkeit, brauchen einen nährstoffreichen, tiefgründigen Humusboden, wachsen ebenfalls sehr schnell und erreichen bedeutende Höhen schon in jungen Jahren.

Von unseren einheimischen Pappeln wissen seltsamerweise die meisten Menschen so gut wie gar nichts. Viel bekannter ist ihnen die schmale und gleichsam engbrüstige, die aus dem Orient stammende Pyramidenpappel, die vor allem Napoleon I. gern an markante Landschaftspunkte und längs der großen Überlandstraßen setzte, um seinen Soldaten gute Landmarken zu verschaffen. In den staubigen Ebenen und auf den Höhenzügen kämpft sie schwer um ihr Leben, bekommt bald eine dürre Spitze, verkümmert an der Windseite, treibt tief angesetzte Manschetten und schwenkt zuletzt nur noch eine traurige Wipfelfahne. In den Flussauen dagegen gedeiht sie großartig, kann einen Meter dick, über 30 Meter hoch und etliche hundert Jahre alt werden.

Pyramidenpappel - Foto: Piet Marsfeld
Pyramidenpappel – Foto: Piet Marsfeld

Sie blüht bereits im März bis April, noch vor dem Laubaustrieb.  Ihre Blätter ähneln sehr denen unserer heimischen Schwarzpappel. Im Gegensatz zu der südlichen Pyramidenpappel baut die S c h w a r z p a p p e l — wie auch alle anderen einheimischen Pappeln — eine sehr lockere und breite Krone aus kräftigen Ästen auf und stützt ihren starken Stamm mit hohen Tafel- und Plankenwurzeln. In der Erde streichen ihre Wurzeln dagegen ziemlich flach, sie vermögen dem großen Baum kaum genügend Halt zu verleihen.

In ihrer Jugend erkennen wir die Schwarzpappel leicht an der grauweißen Rinde, im Alter an der tiefgefurchten, längsrissigen und schwarz-bräunlichen Borke, die an die Eichenborke erinnert. Mit 40 bis 50 Jahren hat sie eine Höhe von 20 bis 30 Metern erreicht, verdickt dann ihren Stamm bis auf einen Durchmesser von 2 Metern und kann gut 300 bis 400 Jahre alt werden.

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Im April, noch bevor sie sich belaubt, beginnt sie zu blühen. Dann tragen die männlichen Bäume — alle unsere Pappeln sind getrenntgeschlechtlich — dickwalzige Kätzchen mit leuchtendroten Staubbeuteln, die weiblichen Bäume beträchtlich schlankere und grüngelbliche Kätzchen. Der Same reift im Juni und fliegt mit Hilfe seidigweißer Haarschöpfchen wie Schneeflocken davon.
Die lang gestielten Blätter sind fast dreieckig, oberseits dunkelgrün, unterseits mattgrün. Fast die gleiche Höhe und Stärke, Rinde und Borke, Blüte- und Fruchtzeit wie die Schwarzpappel hat ihre Schwester, die S i l b e r p a p p e l , die sich ihr oft zugesellt, sich aber auch im Moor- und im Sandboden recht wohl fühlt. Wir können sie schnell und einwandfrei an ihren handförmig gelappten, efeuähnlichen, oberseits dunkelgrünen, unterseits weißfilzigen Blättern von der Schwarzpappel unterscheiden.
Noch anspruchsloser ist die Dritte der Familie, die  Z i t t e r p a p p e l oder E s p e , die sich überall anzupassen vermag, als echte Pappel jedoch am liebsten im frischen und feuchten Boden steht. Zierlicher als ihre Schwestern, wird sie nicht älter als 150 Jahre, schließt ihr Wachstum bereits mit dem 60. Lebensjahr ab und ist dann bald kernfaul. Schon von weitem verrät sie sich durch das immerwährende Zittern und Flattern ihrer fast kreisrunden, oberseits dunkelgrünen, unterseits hellgrünen, ungewöhnlich lang und flach bestielten Blätter. Der geringste Windhauch lässt den ganzen Wipfel erbeben und sich beleben, ja, oft zittern ihre Blätter, ohne dass ein Lüftchen weht. Man nimmt an, dass sich dieser Baum in seinen beweglichen Blättern eine Art von Ventilator geschaffen hat, der sofort in Tätigkeit tritt, wenn es ihm zu schwül ist, das heißt, wenn er seine Verdunstung steigern will.

Zitterpappel - Foto: Piet MarsfeldNoch ein anderes Lebenswunder offenbart die Zitterpappel: sie hält sich eine Ameisenschutztruppe! Im Frühjahr nämlich entwickelt sie die ersten Blätter an den Zweigen durchaus nicht langgestielt und flattrig, sondern recht festsitzend und versieht sie mit zahlreichen Honigdrüsen. Dieser Honig lockt die immer auf Süßigkeiten versessenen Ameisen auf die Zweige, verführt sie zum fleißigen Zechen und lässt sie wütend die Raupen und Käfer vertreiben, die ebenso versessen auf junge Pappelblätter sind. So kann es der Zitterpappel nie geschehen, daß sie schon den ersten Laubaustrieb verliert, selbst wenn das Jahr sehr insektenreich ist und ihre Nachbarn gefährlich zerfressen werden.

Da wir in den Kriegs- und Nachkriegsjahren schwere Verluste an unserem Holzbestand erlitten haben, wird der Anbau dieser schnellwüchsigen Pappeln heute sehr gefördert. Ihr Holz ist zwar leicht und weich, wird jedoch von der Papier- wie von der Möbelindustrie gern verwendet und lässt sich sehr gut schnitzen.

Schwarzpappel

Der Baum – Birken

Fritz Overbeck - „Im März (Vorfrühling)“ von 1908
Fritz Overbeck – „Im März (Vorfrühling)“ von 1908

Schon immer ist den Menschen die schöne und helle, die feine und beseelte Birke mit ihrem leuchtend weißen und seidig glänzenden Stamm, ihren hellgrünen und glänzenden Blättern als der Bote des Lichts, des Frühlings und der wiedererwachenden Lebenskraft erschienen. Als schlanker Maibaum wandert sie um Pfingsten in die Dörfer und Städte, schmückt die Häuser, die Kirchen und verschönt die fröhlichen Sitten und Gebräuche, die sich um die Frühlingsfeste ranken.

Birkenstamm - Foto: PrivatSeit Jahrtausenden lebt die alte Sage, dass die letzte große Schlacht, der Entscheidungskampf zwischen Abend und Morgen, unter einem alten Birkenbaum ausgefochten werde. Wenn das Geklirr der Waffen verstumme, bräche das goldene Zeitalter des ewigen Friedens an.  Ebenso alt ist der Glaube, daß man die Krankheiten, an denen man leidet, auf eine Birke übertragen und sich auf diese Weise von ihnen befreien kann. Die Birkenrute gilt im Volksglauben als Lebensrute, sie bringt Segen und Gesundheit ins Haus. Man meint, dass viele starke und wundersame Heilkräfte in der Birke verborgen sind. Ihr Saft, wie ihre Rinde, ihre Knospen, wie ihre Blätter sollen viele schwere Erkrankungen, wie Gicht und Rheuma, Krätze und Ausschlag, Nierenleiden und Wassersucht günstig beeinflussen. Köstlich mundet der Birkenwein aus dem frischen Saft der angezapften Bäume; Birkensaft stärkt auch die Haarwurzeln und — davon sind viele Mädchen auf dem Lande überzeugt — vertreibt die hässlichen Sommersprossen.

Aber immer daran denken: Das unbefugte Anzapfen von Birkenbäumen wird als Baumfrevel bestraft!
Als Baum ist die Birke die Anspruchslosigkeit selbst. Jeder Boden ist ihr recht, der sandige und trockene, wie der moorige und stickige, wenn sie nur ihre Zweige und Blätter ins Sonnenlicht strecken kann. Sie besiedelt die armselige, dürre Heide wie das schwankende, düstere Moor, dringt im Norden bis nach Grönland vor und ist auf Island überhaupt der einzige Baum. Ihre schönste Gestalt erreicht sie in der uns allen wohlbekannten Hängebirke , die auch Weißbirke oder Gemeine Birke genannt wird. Sie bevorzugt die trockenen und sandigen Standorte.

autumn-landscape-993702_1280_AlainAudetIn der Jugend, in der sie nur langsam wächst, hat sie einen schlanken Stamm mit einer weißen, dünnen Korkrinde, die sich leicht schilfert und in Bändern löst. Es ist allerdings streng verboten, junge Birkenstämme um der Rinde willen zu schälen! Im Alter bekommt sie eine tiefrissige, schwarze Borke. Der Stamm geht geradschäftig bis zur höchsten Wipfelspitze hinauf. Die dünnen und biegsamen, im Winde wehenden Zweige hängen stark durch. Sie tragen lang zugespitzte, klebrig-glänzende und balsamisch duftende Blätter von einem im Frühling und Frühsommer wahrhaft festlich leuchtenden Maiengrün.

Schon Ende März beginnt sich die Birke zu belauben und gleichzeitig auch zu blühen. Die männlichen Kätzchen erinnern an die hängenden Troddeln der Haseln und Erlen, werden auch im Sommer gebildet, überwintern und strecken und dehnen sich im Frühjahr mächtig. Die bräunlichen Deckschuppen spreizen sich, und der Wind nimmt den staubartigen Samen mit auf die Reise durch die Wälder und Auen.

Bereits im Juni reifen die Fruchtzapfen, zerfallen bis zum August, und die Samen schweben als beidseitig geflügelte Nüsschen davon. Sie keimen nach zwei bis drei Wochen, nehmen mit dem geringsten Krümchen Erde vorlieb und entfalten sich unbekümmert auf Mauern und Türmen, Ruinen und Felsen. Zum erstenmal blüht die Birke zwischen dem 10. und 15. Lebensjahr. Mit 50 bis 60 Jahren hat sie bereits ihre größte Höhe von 25 bis 28 Metern erreicht. Ganz selten nur wird sie älter als 100 bis 150 Jahre.

border-collie-665162_1280Das gilt auch für ihre etwas widerborstige Schwester, die Besenbirke , die es gern feucht hat, in Sümpfen und Mooren, Brüchen und Auwäldern siedelt und nicht so anmutig wie die Hängebirke ihre Zweige im Winde wiegt. Das kommt vor allem wohl daher, weil sie ihre Äste nicht durchhängen lässt, sondern sie steif und besenartig in die Luft streckt. Aus dem guten und harten Birkenholz werden wertvolle Möbel angefertigt, Holzlöffel, Holzschuhe und Gewehrschäfte geschnitzt, Holznägel für die Schuhmacher gestanzt. Mit dem Gerbstoff der Kinde wird das feine Juchtenleder bearbeitet. Die Reiser aber liefern die widerstandsfähigen Besen, mit denen die Hausfrau Haus und Hof kehrt. Die Birke wird uns also recht nützlich, obwohl sich kein Mensch um ihr Fortkommen kümmern und sorgen muss. Noch nie brauchten in unseren Wäldern die Birken gesät oder gepflanzt zu werden. Sie sind so fruchtbar und lebenstüchtig, dass sie ganz allein durchkommen.

Der Baum – Weiden in ihren vielfältigen Varianten

pasture-653623_1280_FotoRabeDie einheimischen Weidenarten zu kennen und auseinander zu halten, ist gar nicht einfach. Da gibt es, um nur einige zu nennen: Bruchweiden, Silberweiden, Mandelweiden, Lorbeerweiden, Purpurweiden, Grauweiden, Reifweiden, Korbweiden, Salweiden, Aschweiden, Ohrweiden, Schwarzweiden und Kriechweiden.
Aber alle zusammen unterscheiden sich von unseren anderen Laubbäumendurch den oft nur strauchartigen Wuchs, die häufig besenförmige Krone, die dünnen, rutenförmigen Zweige und die kurzgestielten, ungeteilten, meist schmalen und lanzettförmigen, unterseits grau-grünen Blätter.

Eine Weidenart kennt wohl jeder — die Sal- oder Palmweide. Zumindest kennt man ihre zuerst silberweißen und dann goldenen Blütenkätzchen, die schon Anfang März aus den braunen Knospenkapuzen lugen und den nahenden Lenz verkünden. Der Lockung können die frühlingssüchtigen Menschen einfach nicht widerstehen, sie müssen sich ein Sträußchen dieser Blütenzweige mit nach Hause nehmen. Es sollte jeder wissen, dass er damit ein Unrecht begeht, denn die Palmkätzchen stehen unter Naturschutz, weil sie die erste ergiebige Nektar- und Pollenweide der Honigbienen sind. Daran sollten wir denken, wenn uns im Frühjahr der Spaziergang an einem blühenden Weidenbusch vorüberführt.

Paul Baum (1859 - 1932 - Weiden am Wasser (1899)
Paul Baum (1859 – 1932 – Weiden am Wasser (1899)

Die arme Salweide wird trotz aller Ermahnungen und Hinweise jedes Jahr weidlich geplündert, und den Bienen, wie den anderen Frühaufstehern unter den Insekten, den Hummeln und Wespen, Schmetterlingen und Fliegen, bleibt nicht viel, um ihren Hunger und Durst stillen zu können. Vor allem bringen wir uns selbst mit diesem Zweigraub um ein wunderschönes Erlebnis, nämlich um den Anblick einer voll erblühten, im Sonnenlicht wie mit Gold überstäubten Weide, in der es von Insekten derartig wimmelt und kribbelt, summt und schwirrt, dass der ganze Strauch oder Baum wie eine Frühlingsorgel ertönt.
Zudem verderben wir es gründlich mit den Flechtern und Korbmachern, für die die Weidenruten bares Geld sind. Kein anderer Baumzweig ist so biegsam und läßt sich so vielseitig verwenden wie der Weidenzweig. Deshalb werden schon seit langem große Weidenkulturen angepflanzt — vor allem von Korbweiden, Purpurweiden, Silberweiden und Bruchweiden — denn der Bedarf an diesem Material steigt unaufhörlich. Weidenzweige spielen eine beachtliche wirtschaftliche Rolle, während das weiche und schwammige Weidenholz nur wenig gefragt ist.

pussy-willow-502575_640_condesignDie Weiden sind fortschrittliche Bäume, die von der „altmodischen“ Windbestäubung zur „modernen“ Insektenbestäubung übergegangen sind. Gleich den Pappeln sind sie zweihäusig, d. h. es gibt männliche und weibliche Bäume. Die männlichen Bäume tragen ovale, höchstens 3 cm lange und 2 cm dicke Kätzchen, aus denen dichtgedrängt die leuchtend gelben Staubgefäße ragen, die weiblichen Bäume dagegen bis zu 6 cm lange und nur 16 mm dicke Kätzchen mit locker und licht beieinander sitzenden Narben. Verhältnismäßig stattliche Bäume bilden hin und wieder die Sal-, Bruch- und Silberweiden. Sie wachsen sehr rasch, können eine Höhe von 10 bis 24 Metern und eine Stärke von einem Meter erreichen. Älter als 60 Jahre werden sie nur selten, dm Höchstfalle 150 Jahre. Dann sind sie aber schon lange kernfaul, morsch, tief geborsten, fast hohl, und man wundert sich, dass sie immer noch grünen und blühen.

Mittlere bis große Sträucher treiben die Mandelweide, Lorbeerweide , Purpurweide, Grauweide, Korbweide , und Aschweide . An der kleineren Buschform erkennt man die Ohr- und die Schwarzweide.  Zur Erde geduckt ist die Kriech- oder Moorweide. Einen besonders schönen Anblick bietet die rot blühende Purpurweide mit den jungen, roten Zweigen, die außerordentlich lang, dünn und zäh sind. Wir können die Sträucher, die vorwiegend in den Alpen zu Hause sind und dort die Bäche und Flüsse säumen, oft auch als Ziergehölz in den Parkanlagen und Gärten finden.

Alle Weidenarten siedeln gern in nächster Nachbarschaft der Erlen und Pappeln, also in sehr feuchtem, oft sumpfigem und moorigem Grund. Es gibt wohl nur selten einen Bach oder Fluss, Teich oder See, dessen Ufer ganz ohne Weiden sind. Oft bilden sie schier undurchdringliche Buschwälder und festigen mit ihren sehr weit streichenden Wurzeln die Ufer und Dämme.
Da die Weiden alle recht zäh und frosthart sind, steigen sie auch hoch in die Berge und wagen sich bis nach Spitzbergen und  Grönland hinauf. Dort treiben sie dann freilich nur noch winzige Zwergsträucher.
Die Weiden sind fast ausschließlich auf die nördliche Halbkugel beschränkt. Nur die Trauerweide mit den tief herabhängenden Zweigen, die wir von den Parkteichen her kennen, ist ein Gast aus China und Japan, der durch Vermittlung der Länder des Nahen Ostens zu uns gekommen ist.

Der Baum – Erlen

Illustration SchwarzerleDer einzige Baum unserer Heimat, der es wie die tropische Mangrove fertigbringt, gleichsam auf Wurzelstelzen ins Wasser zu steigen, ist die Schwarzerle, überall dort, wo sich die von den Wasserpflanzen dicht durchwachsenen Teiche und Seen in Grasmoore verwandeln, stellt sie sich ein, strebt rank und schlank empor und festigt den schwankenden Grund.

So siegreich ist ihr Vordringen, dass die von ihr besiedelten Flachmoore in wenigen Jahren großen Buschwäldern gleichen und sich in dichte Erlenbrüche verwandeln. In diesen Brüchen vermögen bald auch Weiden, Moorbirken und Moorkiefern zu leben. Haben die Neulinge Fuß gefaßt, hat die Schwarzerle ihre Aufgabe bereits erfüllt, erstickt in der starken Torfschicht und kehrt wieder zu ihrer angestammten Lebensstätte, zu den Bächen und Flüssen, zurück. Hier steht sie dicht an den Ufern, denn sie liebt die Nässe und das rieselnde Wasser, braucht den tiefgründigen, mineralreichen und immerfeuchten Boden. Es gibt kaum einen Bach und kaum einen Fluss, den sie nicht begleitet, vorausgesetzt, dass der Wasserlauf nicht künstlich befestigte und begradigte Ufer hat. Und sie ist auch nicht leicht zu verdrängen, selbst wenn sie gefällt oder zurückgeschnitten wird. Ihre Stümpfe schlagen immer wieder aus, und ihre Ruten bilden dichte Büsche. Die Schwarzerle wächst sehr schnell, ist mit zwanzig Jahren schon 20 bis 25 Meter hoch, kann eine Höhe von 33 Metern und ein Alter von 100 Jahren erreichen. Der schlanke Stamm — meist nicht stärker als einen halben Meter — verläuft geradlinig bis zur höchsten Spitze des Wipfels. Die schwachen Äste strahlen in ziemlich großen Abständen aus und bilden eine längliche bis pyramidenförmige, lichte und lockere Krone. Der Stamm ist in der Jugend dunkelschokoladebraun und bekommt im Alter eine schwarz-braune Borke.

alnus-glutinosa-848856_1280_SchwarzerleZu blühen und zu fruchten beginnt die Schwarzerle bereits zwischen dem 12. bis 20. Lebensjahr. Ihre langgestielten Kätzchen legt sie schon im Sommer an, lässt sie überwintern und streckt sie im zeitigen Frühjahr, im Monat März, noch vor dem Laubausbruch. Dann spreizen sich die violettbraunen Deckschuppen, quellen die goldgelben Staubbeutel und die roten Narben hervor, und der Wind besorgt die Befruchtung.  Im April entfalten sich die wechselständigen, verkehrt eiförmigen, grob doppelgezähnten, oberseits glänzend dunkelgrünen, unterseits helleren Blätter, die in ihren Nervenwinkeln zarte, rostfarbige Bärtchen tragen. Und bald entwickeln sich die eiförmigen, zuerst graugrünen und etwas klebrigen, später dunkelbraunen und unverholzenden Fruchtzäpfchen mit den glänzendbraunen, flachen und rundlichen oder fünfeckigen Samennüsschen, die nur sehr schmale Flügelränder haben. Der Same reift im September bis Oktober, fliegt manchmal schon im Spätherbst aus, bleibt aber meist bis zum Februar oder März am Baum und keimt dann bereits nach vier bis sechs Wochen. Die entleerten, schwarzen und holzigen Fruchtzäpfchen bleiben noch bis zum Sommer an den Zweigen und machen es uns sehr leicht, die Schwarzerle einwandfrei zu bestimmen.

Ihr Holz, das sich an der Luft schnell gelbrot verfärbt und dunkle Zonen aufweist, ist nicht viel wert, ist zu weich, brennt schlecht, bleibt aber im Wasser geradezu unbegrenzt haltbar und wird deshalb gern bei Wasserbauten und als Grubenholz verwendet. Die durstige Schwarzerle hat eine „trockene“ Schwester: die kleinere und zartere W e i ß – oder G r a u e r l e . Im Gegensatz zu der Schwarzerle siedelt sich die Schwester lieber auf flachgründigen und steinigen Hängen an und fühlt sich auf allen Ödländern wohl. Dem kargen Grund entsprechend ist ihr Stamm häufig krumm; sie hat einen sogenannten Spannrücken, bleibt selbst klein und wird nur selten über 50 Jahre alt. Ihre Rinde ist zuerst graubraun, später glänzend silbergrau und verwandelt sich nicht in eine starke Borke. Die Weiß- oder Grauerle blüht oft schon im Februar, hat unterseits graugrüne und filzig behaarte Blätter und trägt kleinere Fruchtzäpfchen mit größeren Samennüsschen.

Picture by Andrea Moro - Courmayeur, pendici del Monte Bianco., AO, Valle d'Aosta, Italia,
Foto: Andrea Moro – Courmayeur, pendici del Monte Bianco., AO, Valle d’Aosta, Italia

Die dritte im Bunde ist die hoch in die Berge kletternde G r ü n e r l e, die Nachbarin der Latsche oder Legföhre, die sich vor Sturm und Wetter tief auf den Boden duckt und mit einem höchstens prügelholzstarken Stamm aufwarten kann. Sie wird meistens nur ein Strauch von 25 bis 50 Zentimeter Höhe, kann günstigstenfalls auch einmal bis drei Meter hoch werden, hat in der Jugend kleine, klebrige Blätter und blüht erst im Mai bis Juni. Sie liebt die feuchten und schattigen Nordhänge der höchsten Berge und bildet hier ein wichtiges Schutzgehölz gegen Steinschläge und Lawinen.

Der Baum – Eschen

branch-739943_1920_Esche_SilberfuchsIn den vom Kienspan flackerig erleuchteten Hütten unserer Vorfahren raunte die Sage von der „Weltesche“, einem gewaltigen Baum, der das ganze weite All zusammenhalte. Sein rauschender Wipfel reiche hinauf bis zum sonnendurchstrahlten Himmelssaal der Götter, seine Wurzeln durchwuchsen das düstere Reich der Unterwelt, seine Zweige breiteten sich über alle Erdteile und Meere. An seinen drei mächtigen Hauptwurzeln aber liege der ewige Quell des Lebens. Und an diesem Quell säßen drei dunkle Schicksalsgöttinnen, spönnen die Lebensfäden der Menschen und besprengten den Baum mit dem lebenspendenden Wasser.

So dachten sich die germanischen Völker den Bau der Welt. Im höchsten Wipfel der Weltesche Iggdrasill sollte sich nach altgermanischer Sage ein Menschenpaar geborgen haben, als die große Sintflut die Erde überschwemmte und der rasende Weltenbrand alles verheerte.  Aus dem Eschenholz, das von weißgelber Farbe und überaus zäh und doch elastisch ist, schnitten sich unsere Vorväter ihre Bogen und Speere, aus ihm fertigten sie die Scheiben der Wagenräder und die Feuerräder, die sie von den Bergen ins Tal rollen ließen. Die Esche war auch ihr Festbaum, den sie zur Zeit der Wintersonnenwende mit bunten Bändern und Früchten schmückten. Und mächtige Eschenblöcke glimmten Tag und Nacht im Herdfeuer.

Gemeine Esche - Foto: Piet Marsfeld

Die Esche ist ein überaus schöner und prachtvoller Baum, besonders wenn sie frei steht und sich ungehemmt entfalten kann. Dann erreicht sie eine Höhe von gut dreißig Metern, einen Stammdurchmesser von reichlich anderthalb Metern und wird 200 bis 250 Jahre alt.

In der Jugend hat sie eine glatte und bräunliche Rinde, im Alter eine rissige, hellgraue Borke. Die starken Äste bauen eine lockere und sehr tief angesetzte Krone auf. Ende April bis Anfang Mai beginnt sie bereits zu blühen. Dann brechen aus ihren knolligen, schwarzbraunen bis schwarzen Knospen die kurzen, dunkelpurpurroten oder violetten Blütenbüschel; man könnte fast sagen, sie „spritzen“ hervor und wachsen sich dann allmählich zu hängenden Träubchen aus. Erst nach der Blüte belaubt sich die Esche mit ihren schönen, großen, gefiederten Blättern, die sie von allen anderen Laubbäumen unterscheiden und die sie im Herbst noch grün abwirft. Bei der Esche gibt es also keine herbstliche Laubverfärbung.

Eschenfrüchte - Foto: Piet Marsfeld Die Eschenfrüchte sind kleine, schmale Nüßchen, die alle von der Natur ihren Propeller in Gestalt eines zungenförmigen Flügels mitbekommen, damit sie der Wind weit genug durchs Land wirbeln kann. Sie hängen lange am mütterlichen Baum.

Am Liebsten hat es die Esche fußfeucht. Sie gedeiht prächtig in Auwäldern, auf nassen Wiesengründen und an Bachufern. In den Alpen klettert sie mit dem Bergahorn an den Bachrändern und auf den feuchten Matten bis in eine Höhe von 1300 Metern. Aus ihrem Holz werden Sportgeräte hergestellt, wie Skibretter, Schlitten, Schläger, Keulen, Kegelkugeln, Bogen, Barren und Speere. Eschenholz wird auch viel im Waggon- und Brückenbau sowie in der Möbelindustrie und in den Stellmacherwerkstätten verarbeitet. Gar nicht verwandt mit der Esche, aber in den Blättern ihr doch ähnlich, ist die E b e r e s c h e , der besungene „Vogelbeerbaum“ der Erzgebirgler. Der Name hat auch nichts mit dem Eber, dem männlichen Schwein, zu tun, sondern entstand aus „Aberesche“, was soviel wie falsche Esche bedeutete.
Die Eberesche begleitet als Alleebaum vor allem die Straßen in den Mittelgebirgen und steigt im Bergrevier bis über die Waldgrenze hinaus. Sie ist viel zäher und anspruchsloser als ihre große Namensschwester, kommt eigentlich auf jedem Boden fort, sie braucht nur viel Licht und Sauerstoff. Sie wächst auch rascher, wird allerdings meistens nur zehn, höchstens sechzehn Meter hoch und selten älter als achtzig Jahre.

Aus ihren großen, dunkelvioletten und filzig behaarten Knospen brechen Ende April die gefiederten Blätter, die zierlicher als die der Esche sind. Im Mai, spätestens im Juni, entfalten sich an den Zweigenden die großen, gewölbten Schirmdolden, die aus zahlreichen, kleinen, weißen, unangenehm riechenden Blüten bestehen. Im Herbst aber verwandeln sich diese aufrecht stehenden Blüten in hängende Fruchtdolden mit leuchtend korallenroten, fast

Esche - Beeren - Foto: Piet Marsfeld

erbsengroßen Beeren. Sie haben gelblichrotes Fleisch, schmecken herb und bitter, enthalten aber viel Zucker, Fruchtsäure und besonders das wertvolle Vitamin C. Die Hausfrauen haben gelernt, das Fleisch der Marmelade aus anderen Früchten beizugeben, den Saft auszupressen und als Vitaminspender auf den Tisch zu bringen. Seit Jahrhunderten schon wird Schnaps aus den Ebereschenbeeren gebrannt. Viel früher als die Menschen sind die Vögel auf den Geschmack dieser wertvollen Früchte gekommen, die Drosseln und alle die geflügelten Wintergäste aus dem hohen Norden, für die im Gezweig der Vogelbeerbäume der Tisch gedeckt ist.

Der Baum – Eichen

Bei unseren Vorfahren, den Germanen, war die Eiche ein heiliger Baum, dem gewaltigen Donar, dem Gott des Donners und des Blitzes, geweiht. Unter alten Eichen wurde öffentlich Recht gesprochen. In heiligen Eichenhainen walteten die weisen Frauen und Priesterinnen ihres Amtes, und kein Unberufener durfte diese Stätten betreten. Wer sich an den Eichen verging, erlitt einem langen und qualvollen Tod. 

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Heute sind die Eichenhaine in Deutschland zu zählen. Sie starben mit den Auwäldern, die bei der Begradigung der Flüsse und Ströme der Axt zum Opfer fielen. Denn die Eiche, vor allem die Stieleiche, die auch Sommereiche genannt wird, hat es gern feucht und liebt reichen, guten Wurzelgrund. Sie schätzt weder das Hügelland noch die windgekämmten Höhen, sondern die Flußwiesen und die ebenen Tiefländer. Hier bohrt sie ihre starke Pfahlwurzel bis zu 2 Meter tief in die Erde und entwickelt erst ziemlich spät die teils schief abwärts gerichteten, teils ziemlich flachstreichenden Seitenwurzeln, die gleichsam eine unterirdische Krone bilden und mindestens die Weite des Wipfels haben.

StieleicheTrotz des guten Nährbodens wächst die Stieleiche nur langsam.  Erst zwischen dem 120. bis 200. Lebensjahr erreicht sie ihre ganze Größe von zwanzig bis fünfunddreißig Metern.  In der Jugend ist ihre Rinde grünlichgrau und glänzend, im Alter tiefrissig, dick, graubraun bis schwärzlich. Die starken, gekrümmten, knorrigen Äste laden weit aus und bauen eine tief angesetzte, stockwerkartige, gelockerte Krone auf. Im Durchschnitt wird die Stieleiche 500 bis 600 Jahre alt, in Ausnahmefällen sogar tausend Jahre und weit darüber. Ihr Stammdurchmesser beträgt im Normalfall zwei bis drei Meter.

Spät erst beginnt die Eiche zu blühen und zu fruchten. Im geschlossenen Waldverband wird sie erst zwischen dem 70. bis 80. Lebensjahr „mannbar“, im Freistand oft schon zwanzig Jahre eher. Alle drei bis sieben Jahre trägt sie jetzt reiche Eichelmast.  Die männlichen Blutenkätzchen, die sich Ende April oder Anfang Mai öffnen, bilden eigenartige, hängende, hellgrüne Klunkertroddeln, die weiblichen Blüten sind sehr kleine, bräunliche, kugelige Knospengebilde, aus denen ein Büschelchen rötlicher Narben lugt. Die Eicheln sitzen meist einzeln, höchstens zu zweit oder dritt an einem langen Stiel (Stieleiche), wachsen Ende Juni aus ihrem Näpfchen, reifen Ende Oktober und sind durch hellbraune Farbe und grünlichgraue Längsstreifen gekennzeichnet. Die Belaubung erfolgt — gleichzeitig mit der Blüte — immer nur an den äußersten Zweigenden, wo die kurzstieligen und gebuchteten Blätter in dichten Büscheln hervorsprießen.

Traubeneiche - Baum des Jahres 2014 - Foto: Piet MarsfeldDie Traubeneiche (Baum des Jahres 2014), die man auch Steineiche oder Wintereiche nennt, blüht erst im Mai, hat langgestielte, oberseits glänzend dunkelgrüne Blätter. Sie braucht nicht so guten Nährboden wie ihre Schwester, meidet die Auen und Ebenen und steigt ziemlich hoch in die Mittelgebirge hinauf. Sie erreicht das gleiche Alter und fast die gleiche Höhe und Stärke wie die Stieleiche, hat aber eine hellere, mehr schuppige und nicht so tiefrissige Rinde. Ihr Stamm strebt fast geradlinig bis zur Wipfelspitze empor; die Astkrone ist ganz geschlossen. Die Eicheln sitzen dichtgedrängt und sehr kurzstielig in den Blattachseln und sind kürzer als die der Stieleiche.

Das harte, zähe und gerbstoffreiche Eichenholz verwendet man mit Vorliebe im Eisenbahn-, Schiffs-, Brücken- und Möbelbau. Es widersteht selbst im Wasser jahrhundertelang der Fäulnis. Aus den Eicheln, die reich an Stärke, Eiweiß und Fett sind, wird Kraftfutter für Pferde, Kühe und Schweine hergestellt. Geröstet ergeben sie den Eichelkaffee, mit Schokolade- oder Kakaopulver gemischt, den in der Hausmedizin gern benutzten Eichelkakao. Die Industrie stellt aus dem Stärkemehl der Eicheln allerlei Klebemittel her und gewinnt aus ihnen Spiritus. Für die Tiere des Waldes sind die Eicheln ein prachtvolles Mastfutter, das sie für den Winter widerstandsfähig macht. Die junge Eichenrinde liefert Gerbstoffe.

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Schon lange ist die Nachfrage nach Eichenholz viel größer als das einheimische Angebot und führte — vor allem nach dem letzten Weltkrieg — zu einem unverantwortlichen Raubbau an den letzten Eichenbeständen. Um dem Eigennutz zu steuern, wurden alle alten Eichen unter Naturschutz gestellt. Der Baum, der mehr als jeder andere in früheren Zeiten unserer Heimat das Gepräge gegeben hat, wird damit hoffentlich vor der gänzlichen Ausrottung bewahrt bleiben.

Der Baum – Von tausendjährigen und jüngeren Riesen

Flußperlmuschel (Margaritifera margaritifera) - Foto: Piet Marsfeld
Flußperlmuschel (Margaritifera margaritifera) – Foto: Piet Marsfeld

Ganz selten erreicht der Mensch ein Alter von einhundert Jahren. In alten Büchern kann man lesen, dass die Flussperlmuschel angeblich sogar einhundertfünfzig, der Elefant bis zu zweihundert und die Riesenschildkröte bis zu dreihundert Jahre alt werden sollen. Diese Lebensdauer wird von Forschern unserer Zeit jedoch ins Reich der Fabel verwiesen. Wenn nun aber einer daher käme und behaupten, würde, dass es heute noch Lebewesen gäbe, die schon vor unserer Zeitrechnung, also vor über zweitausend Jahren, gelebt haben, würden wir ihn sehr kritisch anschauen. Ja, und wenn er sich dann versteifen würde und behauptete, dass er sich noch sehr vorsichtig ausgedrückt habe, daß es sogar drei- bis viertausend Jahre sein könnten, die diese Geschöpfe überdauerten — nun, dann würden wir sicher sein, dass er einem Phantasten auf den Leim gegangen sei.

Denn dieses sagenhafte Geschöpf, das müsste ja noch die Gründung von Rom erlebt haben, das müsste dabei gewesen sein, als sie den Herrn ans Kreuz schlugen, das müsste die Weltstädte Paris, London und Berlin als Fischerdörfer gesehen haben! Und doch gibt es Lebewesen, die dieses Alter erreichen . . .

Es sind die — Bäume!

Drachenbaum Teneriffa Foto: Jens LeiboldtAuf der Insel Teneriffa an der westafrikanischen Küste stand noch vor gar nicht langer Zeit ein Drachenbaum, der nach den vorsichtigsten Schätzungen sage und schreibe fünftausend Jahre alt war! Aber selbst dieser Baum war keine Ausnahme, denn auch die Affenbrotbäume und die Mammutbäume können ein solch ehrwürdiges Alter erreichen. Es wurden Platanen mit viertausend Jahresringen und Zypressen und Eiben mit dreitausend Jahresringen gefüllt.

Auf dem Friedhof von Santa Maria de Tule steht eine Sumpfzypresse, die auf viertausend Jahre geschätzt wird. Auf dem Friedhof der englischen Stadt York pflegt man mit Sorgfalt eine Eibe, die dreitausend Jahre alt ist. Und in den Mammutbaumhainen von Kalifornien stehen Riesen, die auf ein vier tausendjähriges Dasein zurückblicken. Man stelle sich nur einmal vor, was diese Bäume alles erlebt haben, wer alles unter ihren Wipfeln saß.

Während sie still und stetig gen Himmel strebten, zerfielen Riesenreiche der Menschen, sind volkreiche Großstädte mehrmals unter die Erde gesunken und wieder auferstanden, wurden Riesenbauten von Wind und Wetter geschleift, veränderten sich die Küsten der Länder, verlandeten Seen und Moore, versandeten Flüsse und Ströme und wiederholte sich hunderte Male der bunte Reigen der Tier- und Menschengenerationen. Wahrhaftig, gewaltige Lebewesen sind diese Bäume! Und wir können es unseren heidnischen Vorfahren und den Naturvölkern der Gegenwart nachfühlen, daß sie mit ehrfürchtigem Schaudern und in großer Verehrung zu den Bäumen aufschauten und noch aufblicken; daß sie im Rauschen der Wipfel ihre Gottheiten hörten und es als einen Frevel ansahen, die Hand an solche Baumriesen zu legen.

Eibe Krombach - Foto: unbekannt
Eibe Krombach – Foto: unbekannt

Und wenn wir darüber nachdenken, welches Unheil über die Welt gekommen ist, weil die Menschen die Ehrfurcht vor den Bäumen verloren haben, wie ehemals fruchtbare Länder verödeten und verkarsteten, wie trostlose Wüsten rings auf der Erde entstanden, wie verheerende Sandstürme und ungeheure Überschwemmungen im Gefolge des Frevels am Wald auftraten, dann begreifen wir, welch wichtige Rolle die Bäume spielen. In unserer engeren Heimat stehen Wald und Baum schon lange unter streng gehandhabtem Schutz, und die belaubten Riesen der Vorzeit werden als Naturdenkmäler gehegt und gepflegt. Der älteste deutsche Baum ist wohl die zweitausendjährige Eibe bei Krombach an der sächsisch-böhmischen Grenze. Es gibt Fichten und Edeltannen von mehr als hundert Jahren, Linden von 1000 Jahren, Lärchen und Kiefern von 500 Jahren und Silberpappeln von 400 Jahren. Dagegen bringen es Ulme, Ahorn und Birnbaum „nur“ auf 350 Jahre, Buchen und Rosenstöcke auf höchstens 300 Jahre, Eschen auf 250 Jahre, Birken und Apfelbäume auf 200 Jahre und Zitterpappeln, Silberweiden und Buchsbäume auf knappe 150 Jahre.

Dem Alter, das manche Bäume erreichen, entspricht auch ihr Höhen- und Umfangwachstum. Der australische Eukalyptusbaum erreicht eine Höhe von 156 Metern. Zum Vergleich: Der Kölner Dom ist 151 Meter und das Ulmer Münster 167 Meter hoch. Der Mammutbaum wird 142 Meter hoch, unsere Tanne 75 Meter, die Fichte 60 Meter, die Kiefer fast 50 Meter, die Eiche 35 Meter, die Eibe aber „nur“ 15 Meter. Der Stammdurchmesser beträgt im Höchstfalle bei den Edelkastanien 20 Meter, den Platanen 15 Meter, den Mammutbäumen 11 Meter, den Eichen 7 Meter, den Eiben 5 Meter, den Ulmen und Tannen 2 bis 3 Meter. Das heißt also, eine Kastanie und eine Platane können den Umfang eines Einfamilienhauses haben, und durch einen Mammutbaum könnten wir ein Tor schlagen, durch das ein Lastwagen fahren kann.

Welch geheimnisvolle Kräfte sind am Werk, um diesen Riesen Kraft und Bestand zu geben? Wie vollziehen sich Geburt, Wachstum und Tod der belaubten Giganten? In  den nachfolgenden Artikeln wollen wir die Lebensgesetze der Laubbäume unserer Heimat betrachten, von ihrem Äußeren, ihren Erkennungsmerkmalen, ihrer Wesensart und ihren Besonderheiten hören…

Weitere Artikel finden Sie hier: Der Baum

Hochzeitspaläste und ihre Erbauer

Nicht weniger tüchtige Architekten sind auch die australischen Laubenvögel. Ihren Namen verdanken sie ihrer ungewöhnlichen Fähigkeit, aus herumliegenden Gegenständen unterschiedlich gestaltete bizarre laubenartige Bauten zu errichten. Im Vergleich zu ihnen nehmen sich die Großfußhühner wie armselige Stümper aus. Die Laubenvögel sind Vögel mit Geschmack. Ihre Bauten sind, wie man heute sagen würde, individuell projektiert und dazu noch mit verschiedenen Extras versehen.

Das Baugeschehen geht folgendermaßen vor sich : Inmitten niedriger Büsche, auf Lichtungen und an anderen den Vögeln geeignet erscheinenden Stellen legen die Laubenvogelmännchen Fundamente aus kleinen Gerten. In Abständen von ungefähr einem halben Meter stecken sie (oder befestigen sie irgendwie anders) weitere, etwas längere Stöckchen in die Erde. Die oberen Enden biegen sie aufeinander zu, so dass eine Art Laube mit Satteldach entsteht. Zum Abschluss wird die hübsche Behausung mit Moos, Blumen, Blättern, Pilzen, Muschelschalen und anderen Dingen geschmückt, die wohl das Auge des Laubenvogels erfreuen.

Laubenvogel posierend
Laubenvogel posierend
Foto: Brett Donald - Weiblicher Seidenlaubenvogel (Ptilonorhynchus violaceus)
Foto: Brett Donald – Weiblicher Seidenlaubenvogel (Ptilonorhynchus violaceus)

Geschildert ist das alles hier übrigens schnell und einfach: die Vertreter mancher Arten arbeiten aber unermüdlich jahrelang an so einer Laube, und man muss zugeben, überaus produktiv! Einzelne solche Türmchen und Lauben erreichen drei Meter Höhe. Als Europäer zum ersten Mal auf derartige Bauten stießen, vermuteten sie daher, diese seien das Werk von Ureinwohnern, der »Aborigens«.  Die Männchen einiger Arten bringen es zu Fertigkeiten, die die anderer noch übertreffen. So streut der Hüttengärtner vor seiner Laube einen Teppich aus wilden Rosen aus und bestückt ihn mit bunten Früchten. Der Seidenlaubenvogel trägt blaue und gelbe Blüten herbei und streicht anschließend die Laube von innen mit einer Paste eigener Produktion an. Das Rezept ist folgendes: Man nehme etwas Holzkohle, zerkleinere sie mit dem Schnabel, vermische sie mit Speichel, füge das Fleisch einer Frucht zu und streiche mit der blauschwarzen Masse die Innenwände der Laube.

Einige Laubenvogelarten bringen es gar zuwege, bunte Bänder, Zahnbürsten, Messer, Gabeln, Kaffeekännchen und andere  glänzende Gegenstände, bis hin zu Schmuckgegenständen zu stehlen und sie vor der Hütte zu verstreuen. Wie diebische Elstern schleppen sie von überallher alles mögliche heran.

Eryngium campestre – aka – Mannstreu

Der blaue Ritter – Mannstreu

Pflanzliche  Familie: Apiaceae (Umbelliferae) – Doldenbluetler
Andere Namen:  Feldmannstreu, Mann(e)streu, Brachdistel, Ziegenbart, Rabendistel, blauer ritter

Inhaltsstoffe: Saponine, Kalisalze, Spuren von ätherischen Ölen, Phytosterine.

Vorkommen: Hauptsächlich in Mittel- und Südeuropa verbreitet. Bevorzugt in heißen Gegenden, wo er auf trockenen Feldern, Felslandschaften und Straßenändern wächst.

Allgemeines: Es herrscht die verbreitete Meinung, dass der Genuss des Feldmannstreu die Milchproduktion der Ammen zum Versiegen bringt. In der Heilpflanzenkunde kennt man diese Pflanze wegen ihrer harntreibenden und leicht schmerzstillenden Wirkung. Daher wird sie gerne bei Fettleibigkeit, Wassersucht, Herzkrankheiten sowie zur Bekämpfung der Cellulitis verwendet.
Außerdem übt sie einen positiven Einfluss auf die Verdauungsprozesse aus.

Droge: Die Wurzel.

Sammelzeit: Europa.
Die Wurzel wird im September/Oktober, wenn die Pflanze völlig vertrocknet ist, ausgegraben. Trockene Blatt- und Stengelreste werden entfernt und die Seitenwurzeln weggeschnitten. Größere Exemplare werden halbiert.

Aufbewahrung: Die Wurzelstücke an der Sonne oder im Ofen bei niederer Temperatur (40 ° C) trocknen und dann in Papier- oder Stoffsäckchen aufbewahren.

Wirkungen:

  • harntreibend
  • schweisstreibend
  • gegen Ödeme
  • leicht schmerzstillend

Dosierung:
Innere Anwendung:
die Wurzeln – – –  Harn- und schweißtreibend.
Dekokt –  3g auf 100ml Wasser. Zwei bis drei kleine Tassen am Tag (nicht unmittelbar vor oder nach den Mahlzeiten).

Verdauungsfördernd:
Tinktur – 20g auf 100ml 60%igen Alkohol (10 Tage lang ansetzen). 20 bis 30 Tropfen nach den Hauptmahlzeiten in gezuckerten Wasser oder auf einem Stück Zucker.
Weintinktur – 3g auf 100ml Wein (10 Tage lang ansetzen). Zwei Gläschen am Tag.

Die Eiche als 5-Sterne-Hotel mit Vollpension

cork-228449_1280_Ben_Kerckx_KorkeicheEine ausgewachsene, bis zu dreißig Meter hohe Eiche bietet mehr Tieren Unterschlupf und Nahrung als jeder andere europäische Baum. So wurden auf einem Exemplar dreißig verschiedene Vogel-, fünfundvierzig Wanzen- und über zweihundert Falterarten gezählt. Dabei hat jeder Teil des Baumes seine besonderen Untermieter. Zwischen den Wurzeln lebende Blatthorn- und Schnellkäferlarven; winzige Falter, viele mit einer Flügelspannweite von nur zwei Zentimetern, verstecken sich tagsüber in den Rindenspalten und fliegen des Nachts zwischen den Ästen umher, und unter der Borke hausen Käfer und hinterlassen dort unzählige verzweigte Gänge.
Die weichen, saftigen Blätter der Eiche werden von ausgewachsenen Blatthornkäfern und von zahlreichen Schmetterlingsraupen gefressen. Dabei verleiben sich die größeren von ihnen ganze Blattstücke ein, während die kleineren lediglich Gänge in das weichere Blattinnere bohren. Rüsselkäfer, wie die Eichelblattroller, benutzen die Blätter dagegen als Behausung für ihre Nachkommen. Sie beißen ein Blatt zuerst von der einen und dann von der anderen Seite bis zur Blattrippe durch, falten die beiden Hälften zusammen und rollen sie zu einer Röhre, in die später die Eier gelegt werden.

Traubeneiche - Baum des Jahres 2014 - Foto: Piet Marsfeld
Traubeneiche – Baum des Jahres 2014 – Foto: Piet Marsfeld

Viele Blätter bilden zur Abwehr Gallen, deren Vielfalt sich aus den verschiedenen Namen ablesen lässt, die ihnen die Forstleute gegeben haben, beispielsweise Gallapfel, Eichenrose, Napfgalle, Linsengalle und Schlafapfel. Anlass für die Gallenbildung sind immer kleine Insekten, etwa Mücken, Falter oder kleine, weniger als einen halben Zentimeter große Wespen. Sie alle legen ihre Eier in Blätter, die darauf mit verstärktem Zellwachstum reagieren. In dieser Wucherung entwickeln sich dann die Insektenlarven, die oftmals sogar dann noch dort bleiben, wenn das Blatt bereits abgefallen ist, um es erst im folgenden Frühjahr als fertige Insekten zu verlassen. In kleinen Gallen sitzt zumeist nur eine Larve, während sich in größeren bis zu dreißig Exemplare aufhalten.
Die nahrhaften Eicheln, von denen ein einziger Baum jährlich bis zu neunzigtausend hervorbringen kann — während eines langen Eichenlebens also viele Millionen —, dienen als Futter für ungezählte Tiere. Das schadet dem Baum nicht, denn es genügt in jedem Jahrhundert eine einzige Eichel, die tatsächlich zu einem Baum auswächst, um die Eichenpopulation zu sichern, so dass ein ungeheurer Überschuss entsteht. Krähen und Häher pflücken die Eicheln von den Ästen, kaum daß sie reif sind; die gefräßigen Ringeltauben schleppen oft bis zu siebzig Früchte gleichzeitig in ihrem Kropf fort, und Rüsselkäfer bohren mit ihren verlängerten Mundwerkzeugen Löcher in die Früchte der Eiche, um dort ihre Eier abzulegen. Aber selbst wenn eine Eichel von all diesen Angriffen verschont bleibt, fällt sie irgendwann auf den Boden, wo bereits hungrige Mäuse, Eichhörnchen, Rehe oder Wildschweine auf die willkommene Mahlzeit warten.
Viele der Insekten, die sich etwa von den Eichelblättern ernähren, werden wiederum von anderen Tieren gefressen. Wespen, Spinnen und Marienkäferlarven machen Jagd auf Raupen, und auch viele Vögel brauchen für ihre Brut tierische Nahrung. Buntspechte und Baumläufer picken die Insekten aus den Rindenspalten; Kohlmeisen ziehen ihre Jungen genau dann auf, wenn besonders viele Raupen auf den Eichenblättern zu finden sind, wobei einige Vogelarten jeden Tag bis zu dreihundert Raupen benötigen, um ihre hungrigen Jungen satt zu bekommen, und auch viele Zugvögel, etwa Grasmücken oder Nachtigallen, beteiligen sich in den Sommermonaten an der Suche nach Kerbtieren. Und wenn die Eiche älter geworden ist und sich Höhlen und größere Spalten im Stamm auftun, ziehen dort Eulen und Fledermäuse ein, und zwischen den knorrigen Wurzeln graben sich Füchse oder Dachse ihren Bau.

Stieleiche - Foto: Piet Marsfeld
Stieleiche – Foto: Piet Marsfeld

Eichen sind also wahrhaftig die Herren des Waldes, und wie verantwortungsvolle Monarchen sorgen sie für den Lebensunterhalt der unzähligen kleinen Bewohner ihres Reiches.
Aber die reichen Nahrungsgründe, die sich während des Sommers in den nördlichen Breiten auftun, sind nicht von Dauer. Im Herbst werden die Tage kürzer, und die Zugvögel machen sich auf den Weg nach Süden. Die meisten Schmetterlinge und Nachtfalter gehen zugrunde, nachdem sie ihre Eier an sicheren Plätzen abgelegt haben, und auch die Laubbäume werfen ihre frostempfindlichen Blätter ab und setzen ihren Stoffwechsel so weit herab, dass ihr Wachstum fast völlig zum Erliegen kommt. Mit dem Verlust ihrer Blätter verlieren die Eichen vorübergehend auch die Herrschaft über ihr Territorium. Zum ersten Mal seit Monaten fällt wieder Sonnenlicht auf den Waldboden. Aber es gibt zu dieser Zeit nur wenige Pflanzen, die damit etwas anfangen können, da die meisten ebenfalls keine Blätter mehr besitzen und deshalb ihre Aktivitäten einstellen müssen.

 

Die verborgene Lebenswelt der Pflanzen

aloe_veraPflanzen sind in ständiger Bewegung, reagieren auf ihre Umwelt, haben ein Zeitempfinden, kommunizieren und rivalisieren miteinander – nur dass sich dies auf einer anderen Zeitebene als der unseren abspielt: in Zeitlupe.

Daher kommt mir die Diskussion der „militanten“ Vegatarier merkwürdig vor, wenn sie das Leid der Tiere über das der Pflanzen stellen, nur weil sie deren „Schmerz“ nicht sehen können.

Die verborgene Lebenswelt der Pflanzen – die Akazie

Foto: Piet Marsfeld
Foto: Piet Marsfeld

Pflanzen können einander warnen. Wenn sich eine Giraffe an einer afrikanischen Akazie gütlich tut, schickt der Baum innerhalb kurzer Zeit einen Giftstoff in seine Blätter, die ihrerseits Äthylengas freisetzen, um die Akazien im Umkreis von 50 Metern zu warnen. Auf ähnliche Weise sich auch unsere Eichen vor Schädlingen.