Kategorie: Architektur

Architektur | Der Markusplatz in Venedig | Über unsere Koordinationsfähigkeit im Raum

Für ein Raumwunder, das sich vielleicht auch anderswo wiederholen könnte, bietet der Markusplatz in Venedig ein unvergleichliches Experimentierfeld. Der Versuch ist dort oft genug angestellt worden, immer mit demselben – negativen – Erfolg.

s060a

Man nimmt etwa am Punkt A Aufstellung, um den Platz mit geschlossenen Augen in gerader Linie zu durchschreiten.
Der Idealweg würde der punktierten Linie entsprechen; aber selbst wenn man vom Weg abkommt, müsste man doch die gegenüberliegende, die Domseite, erreichen können. Denn der Weg ist nicht all zu lang, er beansprucht etwa zwei Minuten, und so viel Orientierung in gerader Linie traut man sich zunächst auch mit geschlossenen Augen zu. Man hat ja gegenüber 82 Meter Breite zur Auswahl! Die ersten zehn, fünfzehn, auch zwanzig Schritte gelingen auch meistens ganz nach Programm. Allein plötzlich erfolgt eine kleine seitliche Schwenkung, die sich zügig weiter biegt; und wenn der Wanderer die Augen aufschlägt, so erblickt er sich zu seinem Erstaunen auf dem Weg zu den Neuen oder Alten Prokuratien, wo er beim Punkt B oder C landen würde. Ein auch nur annäherndes Überqueren des Platzes in vorgefasster Richtung ist noch niemals Irgendeinem geglückt.

s060b

Aber der Versuch hat neben dem negativen Erfolg auch ein positives Ergebnis, nämlich eine Aufklärung über die Koordinationsfähigkeit des Menschen hinsichtlich seiner Bewegungen im Raum. Er zeigt, in wie hohem Grad wir geneigt sind, unsere Anpassung selbst an die elementarste geometrische Vorstellung zu überschätzen, sobald wir sie aus dem Gehirn auf eine Muskeltätigkeit projizieren. Die »absolute« Raumempfindung hat übrigens im Ohr ihren Sitz. Wussten Sie das? Zur »relativen« Orientierung indes ist, wenigstens beim normalen Menschen, selbst bei geringen Abmessungen die Mitwirkung des Gesichtssinns unerlässlich. Im Gehirn allein ist nichts vorhanden, was auch nur über wenige Schritte die Funktion eines Kompasses übernimmt.

venice-726908_1280

Architektur | Le Corbusier | Notre Dame du Haut

Skizzen | Le Corbusier, Mein Werk, Verlag Gerd Hatje, 1960 | (c) SPADEM/COSMOPRESS
Skizzen | Le Corbusier, Mein Werk, Verlag Gerd Hatje, 1960 | (c) SPADEM/COSMOPRESS

Die Kirche in Ronchamp, auf einem Berg in der Burgundischen Pforte gelegen,dient nicht einer Pfarre, sondern Pilgern. Sie strömen an Festtagen herbei, um vor dem Gnadenbild Notre Dame du Haut zu beten und mit dem Priester das Messopfer zu bringen.

Le Corbusier hat diese Kirche geschaffen. Mittelpunkt des Grundrisses der Kapelle ist ein Dreieck, auf dessen Grundlinie die Altarwand steht. In die Altarwand ist ein Glasgehäuse mit dem Gnadenbild eingelassen, dass es zugleich für den Gottesdienst auf dem Pilgerplatz an der Außenfront dienen kann.
Von der Nord- und Westwand her „fließt“ der Kapellenraum in die halbrunden Nischen und Nebenräume, in denen Altäre stehen. Der Grundriss, der aus Rechtecken, Dreiecken und Halbkreisen besteht, bietet Räume für vier verschiedene Gruppen: im Schiff finden 200 Menschen Platz, in den Kapellen Gruppen von 10, 20 und 30 Gläubigen.

Der Grundriss lässt erkennen, dass die Wände in diesem Bau nicht rechtwinklig aufeinander treffen sondern in spitzen und stumpfen Winkeln; Decken und Wände kurven und biegen sich zu Kreisen und Halbkreisen.

Notre Dame du Haut - Grundriss | | Le Corbusier, Mein Werk, Verlag Gerd Hatje, 1960 | (c) SPADEM/COSMOPRESS
Notre Dame du Haut – Grundriss | | Le Corbusier, Mein Werk, Verlag Gerd Hatje, 1960 | (c) SPADEM/COSMOPRESS

Dem Grundriss entspricht auch der gebaute Raum. So hängt die Decke wie eine große Zeltplane über dem Innenraum und wölbt sich, fast freitragend, auch über den Pilgerplatz. Tiefe unregelmäßige Fensterschächte durchbrechen die Südwand: die Strahlenbündel fallen unter verschiedenen Winkeln weit gestreut in das Innere der Kirche. Die Innenwände der Kapelle sind mit großen Farbflächen bemalt. Alle Bildwerke und Plastiken stammen von Le Corbusier, der damit ein Werk geschaffen hat, das Baukunst, Malerei und Plastik miteinander verbindet.

Unsere Liebe Frau von der Höhe | Notre Dame du Haut

Der 1950 bis 1955 nach Plänen des französisch-schweizerischen Architekten Le Corbusier errichtete Kirchenbau zählt zu den berühmtesten seiner Art in der architektonischen Moderne. Aufgrund seiner zahlreichen visuellen Metaphern, des Reichtums seiner Raumgliederung sowie seines Vorbildcharakters gilt er als Ikone der Architektur. Seit Juli 2016 ist er zudem offiziell als UNESCO-Weltkulturerbe gelistet.

***

Ronchamp ist eine französische Gemeinde im Département Haute-Saône (Region Bourgogne-Franche-Comté) mit ca. 3000 Einwohnern. Ronchamp liegt am Fuß der Vogesen. Er gehört zum Regionalen Naturpark Ballons des Vosges.

Weitere Sehenswürdigkeiten: Die neogotische Pfarrkirche im Ortskern stammt aus dem 19. Jahrhundert, so wie der Puits Sainte-Marie genannte Schacht einer ehemaligen Kohlenzeche, deren Geschichte in dem Bergwerksmuseum Marcel Maulini geschildert wird. Das Steinkohlebecken besteht aus drei übereinander liegenden Kohleadern von 40 cm bis 3 Metern Dicke. Der Abbau erfolgte 1904 bis 1958 bis zu einer Tiefe von 994,64 Metern; seit 1946 war die Zeche verstaatlicht. In der Blütezeit dieser Zeche, 1860, waren hier 1503 Bergleute beschäftigt.

Die offizielle Webseite zur Wallfahrtskirche: http://www.collinenotredameduhaut.com/

Gaston Tarry & der Lösungsalgorithmus für Irrgärten

‘Dessein d’un Labirinthe avec des cabinets et des Fontaines’, Aus: Antione Joseph Dézallier d’Argenville, La Théorie et Pratique du Jardinage, Paris, 1709.
‘Dessein d’un Labirinthe avec des cabinets et des Fontaines’, Aus: Antione Joseph Dézallier d’Argenville, La Théorie et Pratique du Jardinage, Paris, 1709.

trennlinie2Der französische Finanzinspekteur Gaston Tarry (1843–1913) entdeckte 1895 folgenden Lösungsalgorithmus für Irrgärten:

Wenn du einen Gang betrittst, markiere den Eingang mit dem Wort Stopp. Betritt nie einen Gang, der mit Stopp markiert ist.

Betrittst du das erste Mal eine Kreuzung (daran erkennbar, dass an keinem Gang eine Markierung angebracht ist), markiere den eben verlassenen Gang mit dem Wort zuletzt.

Gibt es an einer Kreuzung Gänge, die keine Markierung besitzen, wähle einen beliebigen davon, um weiterzugehen.

Sollte es keine unmarkierten Gänge mehr geben, betritt den mit zuletzt markierten Gang.

Mit dieser Methode wird der Ausgang garantiert gefunden. Sollte der Irrgarten keinen Ausgang besitzen, wird jede Kreuzung besucht und jeder Gang genau zweimal beschritten (einmal in jede Richtung). Der Algorithmus hält dann wieder am Startpunkt. Die Methode von Tarry ist damit – anders als der Pledge-Algorithmus – auch geeignet, von außen in einen Irrgarten einzutreten und ein Ziel im Inneren zu finden. Der Algorithmus von Trémaux ist ein Spezialfall des Algorithmus von Tarry.