Kategorie: Umwelt-Natur-Technik

Sassnitz | Von Blumentöpfen, Pudding- und Mördersteinen

Die Bezeichnung „Puddingstein“ hatte der deutsche Geologe v. Hagenow bereits 1839 eingeführt wissenschaftlich bearbeitete. Große, röhrenförmige Feuersteine (Flinte) hatte v. Hagenow so genannt, weil sie unwillkürlich an einen großen, umgestülpten Pudding erinnern. Heute wird der Name in der Literatur für Feuerstein-Kongiomerate mit kieseligem Bindemittel verwendet.

Foto: Piet Marsfeld

Die außergewöhnliche Form der Flinte regte die findigen Bewohner der Insel Rügen dazu an, sie als Blumentöpfe für ihre Hausgärten zu benutzen, was ihnen den Namen „Sassnitzer Blumentöpfe“ einbrachte. Doch auch auf der dänischen Kreideinsel Mön finden sie derartige Verwendung. Man kann sie, schön mit Stechpalmen und Petunien bepflanzt, dort in den Parkanlagen des Schlösschens Liselund bewundern. Doch auch die Fischer erkannten frühzeitig den Nutzen des röhrenförmigen Steines und benutzten ihn als Anker.

Im Urgeschichtsmuseum in Stade an der Untereibe befindet sich ein „Ankerstein von Stade“. Uber ihn ist in älterer Fachliteratur viel geschrieben worden, und man rätselte dem Geheimnis nach, wie wohl das „Bohrloch“ in den Feuerstein, der bekanntlich außerordentlich hart ist, hineinproduziert worden sei. Doch die neuen Erkenntnisse der Wissenschaft machten bald den natürlichen Ursprung der „Bohrung“ deutlich. Was den Fischern als billiger Ankerstein willkommen war, brachte andere Küstenbewohner auf die Idee, unliebsame Zeitgenossen durch Zuhilfenahme des Flintringes aus dem Wege zu räumen und im Meer zu versenken. in der angelsächsischen Literatur sind die Röhrenflinte als Paramoudra-Flinte bekannt, was soviel wie „Mördersteine“ heißt.

Diese vielfach verwendbaren und die Fantasie beflügelnden Paramoudra-Flinte können beachtliche Größen in der Länge und im Durchmesser erreichen. Ursprünglich war ihr zentraler Hohlraum von Kreide erfüllt. Doch durch das Wirken der Erosion, Meeresbrandung und Verwitterung löste sich die Kreide schnell auf. So kann man sie nun als Flintröhren an den Geröllstränden der Kreide-Steilküsten finden.

Foto: Ch.Pagenkopf | Feuersteinform, auch „Sassnitzer Blumentopf“ genannt | CC-BY-SA-3.0 via wikipedia

In den Hauptfeuersteinlagen der Rügener Kreideprofile treten die Paramoudra-Flinte teilweise häufig auf. im Schreibkreide-Profil von Hemmoor (Niederelbe) liegt das Maximum der Paramoudra-Bildungen etwa 30 bis 40 Meter über der Grenze Unter-/Ober-Maastrichtien, die durch eine markante Tuffitlage gekennzeichnet wird. Hier kommt es zur Bildung von Riesenflinten mit einem Durchmesser bis zu einem Meter und Längen von vier Metern. Ihre Gesamtverbreitung erstreckt sich über den gesamten Ablagerungsraum der oberen Oberkreide, von den Inseln Rügen und Mön über die Kreidegruben Hemmoor und Lägerdorf (Schleswig-Holstein) bis hin zur südenglischen Kreide von Dover und Cromer.

Ebenso unterschiedlich wie die Bezeichnungen und vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten sind auch die Hypothesen über die Entstehung der Riesenflinte. in der deutschsprachigen, wissenschaftlichen Literatur war man lange Zeit geneigt, an die Deutungen des Geologen W. Deecke zu glauben, der von großen, zusammengesunkenen Becherschwämmen sprach.

Nach den neusten Untersuchungen deutscher und englischer Wissenschaftler ist diese Theorie jedoch nicht mehr zu halten. Bei den Paramoudra-Flinten haben wir Kieselausfällungen vor uns, die sich um die Grabgänge eines unbekannten, im Sediment lebenden Erzeugers gebildet haben. So wurden sie mit dem wissenschaftlichen Namen Bathichnus paramoudrae belegt.

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Foto: falco via pixabay

Sassnitz (früher Saßnitz) ist ein Erholungsort und Hafenstadt auf der Halbinsel Jasmund im Nordosten der Ostseeinsel Rügen.

Weitere Sehenswürdigkeiten

Nationalpark Jasmund mit Königstuhl – Sassnitz liegt direkt am Südhang das Jasmund. Der Nationalpark beginnt direkt am Rand der Altstadt.

Stadthafen – Gerne besucht wird hier besonders der alte Fischereihafen. Hier flaniert man über die fast 2 km lange Mole oder kehrt auf gemütlichen Gastronomieschiffen zu Abend ein. Erwähnenswert in ein Gang über den gewundenen „Hafensteg“ von der Stadt zum Hafenbereich. Vom Bauwerk hat man einen netten Blick hinunter auf den Hafen.

Kurpromenade mit Seebrücke

Altstadt – Gelegen auf den ersten Ausläufern des Hochufers findet man hier teilweise noch schöne Bäderarchitektur. Die Altstadt von Sassnitz wurde seit der Wende noch nicht „komplett runderneuert“ und renoviert, wie dies in anderen Orten wie z. B. Binz der Fall ist. Diesbezüglich machte sich wohl der fehlende Sandstrand direkt im Bereich der Altstadt bemerkbar. Aber auch wenn nicht alles perfekt ist wie in anderen Badeorten auf Rügen, so ist die Altstadt mit Ihren Gassen dennoch auf jeden Fall einen Spaziergang wert.

Findling „Klein Helgoland“ – Der Findling liegt laut Wikipedia „370 m ostnordöstlich des Sassnitzer Kurplatzes, 15 m vom Ufer entfernt“; Volumen: 41 m³; Gewicht: 110 t

Tierpark Sassnitz – Der Tierpark Sassnitz liegt am Rande der Stadt, etwas versteckt in den alten Buchenwäldern des Nationalparks Jasmund. Einheimische und exotische Wildtiere. Mit Streichelgehege für Kinder.

Alaris Schmetterlingspark

U-Boot Museum HMS Otus – Im Hafen ist ein altes ausgemustertes britisches U-Boot, die HMS OTUS (Oberon Class) zu besichtigen.

Alexander Moszkowski | Des Mathematikers Diophantos‘ Rätsel

Diophantos aus Alexandria lebte wahrscheinlich in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts n. Chr. und war der Verfasser eines arithmetischen Werks, das für ein Jahrtausend die Summe des arithmetischen und algebraischen Wissens zog. Noch heute spricht man von diophantischen Gleichungen. Ihm wurde die folgende Grabschrift gesetzt.

Durch arithmetische Kunst lehret sein Alter der Stein.
Knabe zu bleiben verlieh ein Sechstel des Lebens ein Gott ihm;
Fügend das Zwölftel hinzu, ließ er ihm sprossen die Wang‘;
Steckte ihm drauf auch an in dem Siebtel die Fackel der Hochzeit,
Und fünf Jahre nachher teilt er ein Söhnlein ihm zu.
Weh! Unglückliches Kind, so geliebt! Halb hatt‘ es des Vaters
Alter erreicht, da nahm’s Hades, der schaurige, auf.
Noch vier Jahre den Schmerz durch Kunde der Zahlen besänft’gend,
Langte am Ziele des Seins endlich er selber auch an.

Diophantos, Arithmetica in der 1296 geschriebenen Handschrift Rom, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vaticanus graecus 191, fol. 388v
Diophantos, Arithmetica in der 1296 geschriebenen Handschrift Rom, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vaticanus graecus 191, fol. 388v

Die Auflösung der Gleichung ersten Grads ergibt, dass Diophantos 84 Jahre alt geworden ist. Er war bis zum 14. Jahr ein Kind, bis zum 21. Jüngling und heiratete mit 33 Jahren. Im 38. Jahr wurde ihm ein Sohn geboren, der im Alter von 42 (½ von 84) Jahren starb, als der Vater selbst 80 Jahre alt war.

Aus: Alexander Moszkowski: Das Buch der 1000 Wunder | Kapitel 125

Diophantos von Alexandria (altgriechisch Διόφαντος ὁ Ἀλεξανδρεύς Dióphantos ho Alexandreús) war ein antiker griechischer Mathematiker. Er gilt als der bedeutendste Algebraiker der Antike.
Es ist nicht genau bekannt, wann Diophantos lebte. Die Angaben schwanken zwischen 100 vor Chr. und 350 nach Chr. Da Diophant jedoch Hypsikles von Alexandria zitierte, muss er nach 150 v. Chr. gelebt haben, aber vor 364 n. Chr., da Theon von Alexandria Diophants Werk erwähnte. Es wird weiterhin vermutet, dass er um 250 nach Chr. lebte, da er seine Arithmetica einem Dionysios widmete, bei dem es sich um Dionysios den Großen handeln könnte, der 248 nach Chr. Bischof von Alexandria wurde.
Über das eigentliche Leben des Diophant weiß man so gut wie nichts. Bekannt sind lediglich seine Werke.
Diophant fand gebrochen rationale Zahlen als Lösungen algebraischer Gleichungen mit mehreren Unbekannten. Heute nennt man dagegen algebraische Gleichungen, für die ganzzahlige Lösungen gesucht werden, diophantische Gleichungen. Ebenfalls nach ihm benannt ist die Theorie der diophantischen Approximation. [Quelle: wikipedia]

Der Mondkrater Diophantus ist nach ihm benannt:

Diophantus ist ein Einschlagkrater auf der nordwestlichen Mondvorderseite, am westlichen Rand des Mare Imbrium. Er liegt südlich von Delisle und nordwestlich von Euler. Foto: Die Krater Diophantus & Delisle (Detail eines LRO – WAC MondMosaiks) | NASA / LRO LROC TEAM

Peter Jensen | Über unsere falschen Vorstellungen von Erlebnissen

Wo vorher nicht war, herrscht jetzt ein Begriff | Über falsche Vorstellungen. die wir uns von Erlebnissen machen.
Wir haben weniger Erlebnisse, als wir meinen. Wenn wir Erlebnis wie folgt definieren: dass ein Geschehen von jemandem in einer bestimmten Weise als beeindruckend empfunden wird.

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Scan: Oberholster Venita

Fragt man die Leute: Was ist Dein größtes Erlebnis?, so geraten sehr viele – die keine Kriegserlebnisse in sich tragen – in eine Art Verlegenheit. Entweder schieben sie die einfachen Dinge mit den einfachen Namen ein: Tod, Geburt, die Stellen, an denen das biologische Brett durch das Daunenkissen des Alltags sticht, oder es kommen – ganz umgekehrt – winzige Details zum Vorschein, in ihren Einzelheiten rätselhaft fixierte Nichtigkeiten.
Es regnet auf die Dächer von Venedig, ein grüner Baum steht mit roten Beeren verziert an einer Wegkehre, im Kindergarten hat einer einen runden Reifen senkrecht zwischen zwei Sitzbänke geklemmt und fühlt sich dahinterstehend als Graf Zeppelin. Das Erlebnis wird gemessen an einer Memoriearbeit, die völlig irrational ist. Jede Person lässt sich als ein Gefüge von Punkten und Rastern denken, die, auf die Unendlichkeit der Welt gelegt, mit den Figuren der Welt nur da und dort zur Deckung kommt und an ein paar seltenen Stellen gleichsam Moiré-Strukturen wie beim Clicheur ergibt; diese Moiré-Strukturen sind die Erlebnisse. Sind es Punkte, an denen man seine Identität entdeckt, sich als definiert begreift, das heißt: sich endlich als objektive Singularität erkennt?

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Moiré-Effekt bei Überlagerung zweier Punktmuster gleicher Teilung, gegeneinander verdreht

Man kann auch ein anderes Spiel treiben: Statt sich zu fragen, welches Erlebnisse gewesen seien, fragt man einander, was man am liebsten getan hätte. Man nimmt die Geschichte als einen Katalog erstaunlicher Taten, wählt daraus aus. Man darf kein Schicksal und keine Biografie wählen, sondern ein Werk. Es gilt also nicht zu sagen: Ich wäre gern Rubens oder Alexander der Große oder Helmut Schmidt gewesen; aber man darf sagen: Ich hätte gern Cosi fan tutte geschrieben oder den Eiffelturm gebaut.

Auch bei diesem Spiel sieht man die Leute zögern; fürchten sie, geheime Absichten bekannt zu haben? Oder versuchen in Windeseile alle Konsequenzen abzuwägen? Ich habe auch erst zu fragen begonnen, als ich mir meine eigene Variante ausgedacht hatte: Ich hätte gern das metrische System erfunden. Es muss eine rare Genugtuung gewesen sein, die Dimensionen der Länge, des Raumes und des Gewichtes in eine Konkordanz gebracht zu haben. Ich erinnere mich an das Vergnügen, das ich empfand, als ich in einem Laboratorium sah, wie die Laboranten des Ausdruck cc (cubic centimeter) verwendeten, obwohl er in ihrem anderen Maßsystem Importware war. So in sich überzeugend ist die völlig künstliche Ordnung des metrischen Systems – man bedauert fast, dass sie nicht auch auf die Dimensionen der Zeit und des Winkels angewendet wurde.

Der Reiz, das metrische System erfunden zu haben, läge darin, Urheber einer Ordnung zu sein, einer Ordnung höheren Ranges, die bisher unabhängige Größen in Relation bringt. Materiell ereignet sich nichts in der Welt, weder werden die Tische höher noch die Birnen schwerer; nur die Einsicht macht einen Sprung. Es wird eine Lücke überdeckt, es wird eine Kette geschlossen; wo vorher nichts war, herrscht jetzt ein Begriff.

MINT | Wenn Metalle verbrennen

Aluminium verbrennt
Foto: Anton Hirschner | digitalisiert

Aluminium verbrennt in Luft explosionsartig, wenn es als feines Pulver zerstäubt und angezündet wird. Der Staub wurde von rechts her in die Flamme geblasen. Der Mittelpunkt der Explosion ist aber viel weiter links, weil sich der Staub zuerst so weit ausbreiten musste, dass genug Luft zwischen die einzelnen Teilchen gelangte und die Explosion zünden konnte. Die feine Struktur zeigt die heftige turbulente Gasbewegung an, die infolge der hohen Temperatur von gegen 2000 Grad entstanden ist.

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Natrium-Metall verbrennt mit Wasser
Foto: Anton Hirschner | digitalisiert

Natrium-Metall verbrennt mit Wasser Doch braucht es dazu einen Kunstgriff: es muss auf Löschpapier gelegt werden, damit die Verbrennungswärme nicht zu schnell fortgeführt wird. Dann kann sich das entstehende Wasserstoffgas am heißen Natrium entzünden und brennt mit gelber Flamme.

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Die brennende Stahlfeder
Foto: Anton Hirschner | digitalisiert

Eine Stahlfeder brennt lichterloh, wenn sie in reinem Sauerstoff entzündet wird. Dabei sprühen glühende Oxydteilchen nach allen Seiten und zerplatzen oft mitten im Raum. Die Flaschenwände trüben sich durch Rostbeschlag.

Fauna | Der Uhu und die Hühnerküken

Nicht schlecht staunten die Mitarbeiter einer Vogelschutzwarte an der Nordsee, als der alte brave Gehege-Uhu – der dort sein Gnadenbrot bekommt – plötzlich in Brutstimmung kam, sich eine Mulde ausscharrte und dort – mangels Gatten – etliche unbefruchtete Eier legte, die er bebrütete. Natürlich bekam die Uhu-Frau ihr Futter weiter gereicht: lebende Hühnerküken aus einer Großbrüterei.

Nun aber staunten die Beobachter zum zweiten Mal: Anstatt die Küken zu verzehren, nahm sie die Uhu-Frau an Kindes statt an, ließ die kleinen Gelben auf sich herumturnen und wärmte sie; auch unter ihrem Gefieder.

unterwegs | Auf dem Golfplatz des Teufels

Die ersten Siedler, die diese Wüste betraten, riskierten dabei ihr Leben. Heute ist die Landschaft ein Touristenmagnet. Trotzdem glaubt man sich ans Ende der Welt versetzt.

Auf dem Golfplatz des Teufels

Am Weihnachtstag des Jahres 1849 lag – nach der Legende vor den ersten weißen Siedlern, die eine Abkürzung zu den Goldfeldern Kaliforniens suchten, ,ein Tal, das sie später mit den Worten „good bye, Death Valley“ verließen. Das Tal des Todes hatte ihre gesamte Ausrüstung und fast ihr Leben gekostet. Der Treck war in mehrere Gruppen zerrissen, die getrennt versuchten, der Hölle zu entrinnen. Arcane Meadows, Manley Peak, Jayhawker Canyon und viele andere Namen im Death Valley erinnern noch heute an die Familien des Zuges.

Shoshonensiedlung, 1870 | Foto: W. H. Jackson
Shoshonensiedlung, 1870 | Foto: W. H. Jackson

„20 Meilen vom letzten Feuerholz, 20 Meilen vom Wasser, 40 Fuß bis zur Hölle. Gott sei uns gnädig“, lautet ein Spruch aus der amerikanischen Pionierzeit. Namen wie Helis Gate, Dry Bone Canyon, Grave Canyon, Furnace Creek und viele andere lassen erkennen, wie trostlos und wild sich dieses Wüstental den ersten Weißen zeigte. Am „Burned Waggon Point“ verbrannten die Jayhawkers, eine der Familien des Trecks von 1849, ihre Planwagen, um das Fleisch ihres letzten Zugochsen zu braten. Dies war kein Land zum Siedeln. Trotzdem lebten hier seit etwa 1000 Jahren Shoshone-lndianer.

Death Valley | Foto: Alexandra Raddatz
Death Valley | Foto: Alexandra Raddatz

Death Valley im Osten von Kalifornien ist heute bequem im Wagen von Las Vegas (rund 200 Kilometer) oder Los Angeles (rund 340 Kilometer) zu erreichen. An den Einfahrtstraßen stehen auf den Höhenzügen Tanks mit Kühlwasser für die Autos bereit, und Hinweiszettel liegen in Kästen aus: „How to survive in Death Valley” (wie man im Tal des Todes am Leben bleibt), ein Tribut an den modernen Massentourismus, der Menschen auch in die entlegensten Gebiete führt. Die Touristensaison beginnt im Oktober und dauert bis März. Dann findet man hier offene Hotels, Campingplätze und Tankstellen. ln der Hitze des Sommers, in der nur wenige Menschen das Tal besuchen, sind die meisten dieser Einrichtungen geschlossen.

Die Straßen – eine führt von Nord nach Süd durch das insgesamt etwa 250 Kilometer lange Tal, eine andere kreuzt in Ost-West-Richtung – werden täglich von Aufsichtsbeamten der Nationalparks nach liegengebliebenen Autos kontrolliert. Trotz aller Hilfen fordert die Natur auch heute hier noch immer regelmäßig Tote, die meist dem eigenen Leichtsinn zum Opfer fallen. Es gilt: Bei einer Autopanne im Wagen bleiben. Wer sich hier im Sommer ohne Trinkwasser längere Zeit schutzlos der Sonne aussetzt, ist verloren.

Zabriskie Point | Foto: Brigitte Werner
Zabriskie Point | Foto: Brigitte Werner

Obwohl 1922 in einer Wetterstation in Libyen, Al Aziziyah, mit 58 Grad Celsius die „Weltrekordhitze“ gemessen und damit Death Valley (56,7 Grad Celsius im Jahre 1913) „geschlagen“ wurde, ist das Tal des Todes wahrscheinlich der heißeste Landstrich der Erde. Die mittlere Juli-Temperatur beträgt hier 47 Grad, die Bodentemperaturen klettern sogar über 80 Grad Celsius. Auch die Nächte bringen – im Gegensatz zu anderen Wüstengebieten der Erde – durch die spezielle Luftzirkulation in dem tiefen Tal nur wenig Abkühlung, so dass die niedrigsten Nachttemperaturen im Juli noch über 30 Grad liegen. An etwa 100 Tagen des Jahres werden Temperaturen über 38 Grad Celsius gemessen. Hier, im Regenschatten der Sierra Nevada, fallen zudem pro Jahr nur durchschnittlich fünf Zentimeter Regen. Entsprechend niedrig ist die Luftfeuchtigkeit: Selbst wer in der größten Mittagshitze im Death Valley wandert, kommt kaum ins Schwitzen.

Noch ein Rekord: Die Salzpfanne des Bad Water ist mit 86 Metern unter Meereshöhe der tiefste Punkt Nordamerikas. Die Berge dagegen, zwischen die das nur zehn bis zwanzig Kilometer breite Tal eingebettet ist, erreichen in Death Valley ihrem höchsten Punkt, dem Telescope Peak, 3367 Meter. Death Valley liegt in einem Erdbebengürtel, der sich von Feuerland im Westen des amerikanischen Kontinents bis Alaska hinaufzieht. Regelmäßig werden hier Beben registriert. Das Tal des Todes ändert so auch in diesem Erdzeitalter noch ständig sein Gesicht, wie viele der jungen Krater vulkanischen Ursprungs zeigen. Das Gesicht des Tales ist vielgestaltig: Regionen wie von einem anderen Stern mit bizarren Erosionsformen wechseln mit trostlosen Salz- und Sandwüsten ab. Feindselig jedem Leben gegenüber erscheint die Gegend um Bad Water im Süden. Große Salzpfannen überziehen hier das Land.  Ein Aussichtspunkt in den Bergen über Bad Water heißt „Dantes View“. Sah so die Hölle des Dichters aus?

Devils Golf Course | Foto: LoggaWiggler via pixabay
Devils Golf Course | Foto: LoggaWiggler via pixabay

Unmittelbar am Rande der Pfannen, bei einem Chlorid- und Sulfatgehalt des Bodens von mehreren Prozent, findet sich bereits erstes Wachstum: Salzpflanzen. Der Artenreichtum der Flora nimmt mit dem allmählichen Anstieg der Talsohle nach Norden hin zu. So stößt man bei Furnace Creek auf die ersten Mesquite-Büsche (Prosopis strombolifera), deren Bohnen die Ernährungsgrundlage der indianischen Urbevölkerung darstellten. Mit bis zu 20 Meter tiefen Wurzeln hat sich diese Pflanze dem Wüstenklima angepasst. Nördlich von Bad Water liegt der Golfplatz des Teufels, Devils Golf Course: Flaches Land, so weit der Blick in der flimmernden Hitze nach Norden reicht. Der Boden ist zerrissen, wie umgepflügt, und die Schollen sind dick mit Salzausblühungen überkrustet. Diese bizarre Landschaft wurde durch einen flachen See geschaffen, der vor etwa 2000 Jahren austrocknete.

The mating season of the tiny Salt Creek pupfish is in springtime. | National Park Service
The mating season of the tiny Salt Creek pupfish is in springtime. | National Park Service

Vor einigen tausend Jahren, während der Eiszeiten des Pleistozäns, gab es hier mehr Wasser. Man nimmt an, dass Death Valley damals über den Amargosa River mit dem System des Colorado Rivers zusammenhing. Vermutlich dieser Tatsache verdankt Death Valley eine zoologische Attraktion, ein unscheinbares, wenige Zentimeter großes Fischchen, den Pupfisch. Die Tiere, die auch im Colorado River vorkommen, haben hier endemische Rassen entwickelt, die in der Lage sind, Wassertemperaturen bis über 35 Grad Celsius und Salzgehalte, die ein Mehrfaches über dem des Meerwassers liegen, zu ertragen. Aber auch einigen anderen Tierarten gelang es, sich auf das extreme Klima einzustellen. Ohne jedes tierische Leben sind praktisch nur die Salzpfannen im Süden des Tals. Die Flucht vor der Tageshitze mit unerträglichen Bodentemperaturen ist allen Tieren gemeinsam. Nur die Heuschrecken scheinen sich auch in der Sonne wohl zu fühlen.

Kängururatte | Piet Marsfeld
Kängururatte | Piet Marsfeld

Eidechsen, Känguruhratte und Sidewinder – eine Klapperschlangenart, die sich äußerst elegant so fortbewegt, als würde sie auf einem Luftkissen über dem heißen Boden schweben – verkriechen sich tagsüber in Höhlen oder unter Steinen. Eine kleine Leguanart, der Collared Lizard (Halsbandleguan), die hier im Südwesten der USA beheimatet ist, kann Temperaturen bis zu 45 Grad Celsius ertragen. Die Tiere gehen aufrecht auf den Hinterbeinen, wenn der Wüstenboden zu heiß geworden ist. Die wenigen Vogelarten, die im Sommer im Death Valley angetroffen werden, sowie die Coyoten und die Bighornschafe suchen, wenn die Sonne höher steigt, meist in den Bergen Zuflucht.

Halsbandleguan | Foto: Susan Aken
Halsbandleguan | Foto: Susan Aken

Nur widerwillig verlassen die Tiere den schützenden Schatten. Zwei Kolkraben, die ich in den großen Dünen in der Mitte des Tals unter Mittag antraf, hatten sich, dicht aneinandergedrückt, einen winzigen Schattenfleck ausgesucht. Die Vögel, die hier ebenso vorsichtig und scheu sind wie bei uns, flogen erst ab, als ich mich ihnen auf etwa sechs Meter genähert hatte. Wer sich jedoch früh am Morgen im Tal aufhält, kann den Coyoten, der in den Erzählungen der Indianer die Rolle unseres schlauen Fuchses einnimmt, auf seinen Beutezügen beobachten oder Bighorns zur Tränke ziehen sehen.

Zabriskie | Foto: Brigitte Werner
Zabriskie | Foto: Brigitte Werner

Heute führt – wie schon anfangs gesagt – in erster Linie der Tourismus Menschen in dieses Gebiet. Ende des 19. Jahrhunderts wurde hier in mühsamer Arbeit das „weiße Gold der Wüste“, Borax, gefördert. Verfallene Boraxmühlen säumen noch heute die Straßen. Gerüchte von Goldfunden ließen in kürzester Zeit mehrere Städte aus dem Boden schießen. Die Ruinen von Rhyolite beziehungsweise das, was von dieser Ansiedlung nicht zum Aufbau neuer Boomstädte abtransportiert wurde, zeugen heute noch von einer Stadt, die in den Jahren 1905 bis 1908 bis zu 10 000 Einwohner zählte. Damals gab es hier ein Schwimmbad, zwei Krankenhäuser und eine Eisenbahn. Schon 1911 war Rhyolite jedoch eine Geisterstadt. Zahllose Geschichten kursieren noch aus dieser Zeit. Sie handeln von Gold- und Silberfunden, Abenteuern in der Wüste und vom „Twenty mule team“, dem „Zwanzig-Maulesel-Zug“, mit dem der geförderte Borax in zehn bis zwölf Tagen unter härtesten Bedingungen über 200 Kilometer durch die Wüste nach Mojave gebracht wurde. Eine der schillerndsten Figuren aus dieser Zeit, Death Valley Scotty, konnte sich sogar mitten im Tal selbst ein Denkmal setzen: Scotty’s Castle, ein Schlösschen, das heute von der Parkverwaltung betreut wird.

Boraxmühle Death Valley | Foto: Brigitte Werner
Boraxmühle Death Valley | Foto: Brigitte Werner

Etwa die Hälfte des Tales ist heute Nationalpark. Dieses Gebiet steht unter ständiger Aufsicht des Innenministeriums in Washington. Die staatlichen Richtlinien sind darauf abgestellt, die Landschaft in unverfälschter Form zu erhalten.

„Dapat durian runtuh“ | Glück muss man haben | Die Durian-Frucht

Der Indonesier, der Glück hat, hat nicht Schwein, sondern Durian – „Dapat durian runtuh“, lautet die Redensart. Bei der Durianfrucht scheiden sich freilich, wie am Schwein, die Geister. Weniger indes die Nasen: Die kopfgroßen, igeligen Fruchtkapseln des Durianbaums, die reifen jedenfalls, stinken fäkalisch; an ihrem üblen Duft kommt auch ein Versuch zur Ehrenrettung der Frucht nicht vorbei.

„Dapat durian runtuh“ | Glück muss man haben

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Foto: Adrega

Die Amerikaner erschnuppern an ihr Knoblauch, die Nasen anderer Nationen faule Zwiebeln, gärenden Kohl oder überreifen Käse – jeder nach seinem nationalen oder privaten Vorurteil.
Durio zibethinus – Zibetbaum – heißt die Pflanze – nach dem Zibet, dem Drüsensekret der gleichnamigen Schleichkatzen, das ebenfalls Latrinengeruch verströmt.
Doch genau wie der Zibet – als Duftträger in der feinen Parfümerie – ist auch die Durianfrucht zu Besserem berufen, als die Nase zugeben will. Kenner rechnen das zarte, rahmweíße Fleisch, das die kastaniengroßen Samen wie ein Mantel umhüllt, zu den erlesensten Gaumenfreuden und wählen die Durian zur Königin aller tropischen Früchte. Chinesische Durianschlemmer nennen hren Genuß und den von Schwalbennestern in einem Atemzug. Für Duriansüchtige gibt es das Dilemma zwischen Geruch und Geschmack nicht, die Vorfreude auf den cremigen Samenmantel lässt sie ohne Nasenrümpfen zusammen mit Durians in einem Autobus oder einem Bahnabteil reisen.

Foto: Jess Foami
Foto: Jess Foami

Der andere Teil der Menschheit, der ja auch schon rein vokabularisch nicht immer ganz sicher zwischen „riechen“ und „schmecken“ unterscheidet, wünscht in solchen Situationen freilich, daß es Nichtdurian-Abteile gäbe – oder plädiert für ein Verbot der Stinkfrucht. Die Luxuskarawanserei in Medan, Nordsumatras Hauptstadt, verbietet mit Absatz 6 der Hausordnung Besuch nach 22 Uhr und mit Absatz 2 das Mitnehmen von Durian aufs Zimmer. Mit der Durian nimmt’s der Concierge ganz genau: Was hilft es, daß er ein Auge zudrücken will, die Nase lässt die Sünde keinesfalls zu.
Die Enzyklopädie, die ich konsultierte, behauptet mit wohlwollendem Schulterklopfen, dass die übelriechende, wohlschmeckende Durian von den Einheimischen geschätzt werde. lch kann den Enzyklopädisten beim Verlag versichern, dass auch Zugereiste bald auf den Geschmack der Frucht kommen. Bei einem Schweizer Freund häufen sich bei jedem Durian-Nachtisch auf dem Teller die glattgeschleckten Samen zu Bergen. Durianzecher klagen manchmal über einen warmen Kopf und Schweißausbrüche. Die Frucht hat offenbar eine koffeinähnliche Wirkung. Zum Frühstück genossen, unterdrückt sie Hungergefühle für den Rest des Tages.
Die Heimat des Durianbaums ist die lnselflur zwischen dem südostasiatischen Festland und Australien; zuerst wuchs er vermutlich auf Borneo oder Sumatra. Heute wird der Baum – freilich ohne Veredelung – zwischen Indien und Neuguinea angebaut. Sogar in Afrika soll es Durianbäume geben. Der Duft reifender Durians lockt Erzfeinde der Schöpfung wie Tiger und Elefant in paradiesischer Eintracht unter den Baum; der Friede endet erst mit der Rauferei um die gefallene Frucht. Die Durian bedroht das Uberleben des indonesischen Krokodils als Art: die Fänger machten sich den Umstand zunutze, daß das Krokodil einem Durian-Köder nicht widerstehen kann. Der Duft reifender Durians lockt Tapir, Fledermaus und Ameise – die halbe Tierwelt. Aber eben: nur die halbe Tierwelt. Durianverächter nehmen mit Befriedigung zur Kenntnis, daß sich auch Hund und Hauskatze angeekelt abwenden.

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Foto: reginaspics via pixabay

Nur bei den Botanikern ist der Ruhm der Durian frei vom Streit der Nasen und Gaumen. Der Durianbaum liefert unter den lebenden Pflanzen ein Prachtbeispiel für einen primitiven Bedecktsamer.
Da geeignete fossile Belege für die Frühgeschichte der Bedecktsamer fehlen, ist der Baum der Wissenschaft teuer. Eine Deutung des Ursprungs der Bedecktsamer trägt sogar seinen Namen: die Durian-Theorie.

Wie gern würde ich Ihnen mit diesem Beitrag eine Duftprobe übermitteln. Vielleicht gelingt es technisch in naher Zukunft ja. Diese reiche ich dann nach.

Fauna | Über den C-Falter & das Pfifolter von Otto von Greyerz

Der C-Falter ist der Schmetterling mit dem kürzesten Namen. Das kleine, weiße halbrunde Mal auf der Unterseite seiner Hinterflügel ist charakteristisch und namengebend. Er ist einer unserer seltsamsten Tagschmetterlinge, nicht durch seine Farben, sondern durch die Form extravagant. Die Konturen seiner Flügel lösen sich auf in Buchten und Zacken; wenn er mit zusammengelegten Flügeln ruht, wird er fast unsichtbar in seiner Umgebung. Der C-Falter gehört zu den Frühaufstehern im Jahr. Er überwintert übrigens als Falter.

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Pfifolter | Otto von Greyerz

Aus meiner Kindheit liegt mir das seltsame Wort noch in den Ohren, jedoch nicht auf der Zunge. Man bekam es in der Stadt von Landleuten zu hören, brauchte es aber selber nicht, man sagte dafür Summervogel; doch auch das wich vor dem französischen papillon und später, endgültig, vor dem hochdeutschen Schmetterling. Aber hatte dieses Wort etwa mehr Sinn? Was konnte ein so zartes, seidenbeflügeltes Tierchen mit «schmettern» zu tun haben! Da lag es doch näher, bei Pfifolter, und namentlich bei der Nebenform mit a: Pfifalter, an den Falter zu denken. Wenn das Tierchen ruhig auf einer Blume saß, konnte man doch beobachten, wie es seine Flügelchen, als ob es atmete, langsam auf- und zufaltete. Und man hätte recht geraten: der Pfifolter ist seinem Namen nach ein Falter. Althochdeutsch lautet das Wort «fîfaltra» und ähnlich in allen altgermanischen Sprachen.
Aber Pfi — wie unpassend! und wie sinnlos! Das haben unzählige auch empfunden und darum versucht, einen Sinn hineinzulegen, wenn es schon ein Unsinn war: Beinfalter, Weinfalter, Zweifalter, Feuerfalter und natürlich auch Pfeifenfalter! Am sinnigsten war noch Feinfalter, aber auch damit ist es nichts; denn Fifalter — und auf diese Wortform muß man zurückgehen, das pfi- erklärt sich als Verschmelzung der Mehrzahl mit dem Artikel: d’Fifalter — beruht auf einer uns Alemannen wohlbekannten Wortbildungsart: der Wiederholung der Stammsilbe mit verändertem Vokal. Durch solche Wiederholung bilden wir gi-gampfe und das Gigampfi (zu gampfe), bippääpele und Bippääpeler (zu bäppele: mit Bäppeli, Milchbrei füttern), verminggmänggele und es Gminggmangg (zu mangge), gigaarsche (wohl zu gaare: knarren, kreischen). Wie man sieht, wird in diesen Wörtern nicht immer die ganze Stammsilbe, sondern nur der Anfangskonsonant mit folgendem i (gi-, bi-) wiederholt; und so ist es auch in Fi-Falter.
Dieses Spiel mit i und a ist uns aus der hochdeutschen wie aus der mundartlichen Wortbildung wohlbekannt: man denke an das Nebeneinander von knirren und knarren, kritzen und kratzen, kribbeln und krabbeln, zwicken und zwacken, flimmen und flammen, an Zusammensetzungen wie Wirrwarr, Ticktack, Zickzack, Singsang, Tingel-tangel, Wischiwaschi, an schweizerdeutsches zittere und zattere, schlirgge und schlaargge, gyre und gaare, ziberle und zäberle, Verbindungen wie grimsele-gramsele, bisi-bäsi, tyri-täri, gidi-gadi-gaudi, wibi-wäbi-wupp (in jenem wohlbekannten alten Kinderlieb). Dieses letzte Beispiel führt uns auf den Vokaldreiklang, der dieser ganzen Bildung zugrunde liegt: es ist die Ablautreihe der 3. starken Zeitwortbiegung (i — a — u): finde fand gefunden, schwimme schwamm geschwommen (älter geswummen), zwinge zwang gezwungen usw. Nach diesem Dreiklang sind, mit gleicher Grundbedeutung, aber doch verschiedener Bedeutungsschattierung gebildet worden: knirren knarren knurren, bimmeln bammeln bummeln (vgl. bim bam bum), auch älteres krimpfen, Krampf und krumm (mit den Nebenformen krump und krumpf).
Und wie steht’s mit den andern Namen: Schmetterling und Papillon? Wenn man weiß, daß in deutschen Mundarten für Schmetterling auch Milchdieb, Molkendieb, Buttervogel, Butterfliege (engl. buttefly) gesagt wird und daß im östlichen Mitteldeutschland Schmetten (aus tschechischem smetana) Milchrahm bedeutet, daß ferner Schmant, eine mundartliche Nebenform von Schmetten, in dem Worte Smantlecker, dem niederdeutschen Namen für Schmetterling vorkommt, so liegt es nahe, dieses hochdeutsche Wort von Schmetten abzuleiten, jedenfalls näher, als von schmettern. Der Schmetterling galt im Volksglauben als ein elfen- oder hexenartiges Wesen, das Milch, Rahm und Butter stahl oder sie verzauberte. Sein Name wäre also ähnlich gebildet wie der des Hänflings, des Hanfsamen fressenden Vogels.
Das lateinische papilio, das sich in frz. papillon erhalten hat, ist ebenfalls (wie Fifalter) durch Silbenverdoppelung entstanden (pa-pil-io), nur daß hier die Verdoppelungssilbe (pa-) den vollen, die Stammsilbe (pil-) den geschwächten Vokal hat. Der Ursprung des Wortes, wie auch seine Verwandtschaft mit ital. parpaglione und farfalla (beides = Schmetterling) ist nicht aufgeklärt.

Fauna | Der neuseeländische Kiwi und sein SuperEi

Neuseeländische Kiwi-Weibchen wiegen nicht viel mehr als normale Haushühner. Ihre Eier allerdings bringen das Sieben- bis Achtfache unseres gewohnten Frühstückseis auf die Waage.

Karuwai the kiwi on Maungatautari mountain. (North Island brown kiwi, Apteryx mantelli)
Karuwai the kiwi on Maungatautari mountain. (North Island brown kiwi, Apteryx mantelli)

Wie lange muss ein 25 Kilogramm schweres Ei kochen, bis es hart ist? Die Frage ist eigentlich müßig, denn gefiederte Monster, die halbzentner schwere Eier legen, gibt es nicht. Selbst Straußeneier bringen es ››nur« auf 800 bis 1600 Gramm.
Aber: Würde das Straußenei 20 Prozent des Vogelgewichts ausmachen – und eine Straußendame bringt es auf 125 Kilogramm -, dann wären wir bei dem genannten halben Zentner. Und dieses Verhältnis zwischen Körper- und Eigewicht gibt es bei den neuseeländischen Kiwis tatsächlich!
Sie sind eine höchst seltsame, bisher verhältnismäßig wenig erforschte, urtümliche Vogelgattung. Auf den ersten Blick haben die Tiere kaum etwas mit ihren fliegenden Verwandten gemein. Ihnen fehlen Schwanz, Brustbein, Flügel und sogar die Federn. Zumindest sieht das auf den ersten Blick so aus, denn die ››Bekleidung« scheint aus sorgfältig gekämmten, strähnigen Haaren zu bestehen.
In Gefangenschaft lassen sich diese nachtaktiven Vögel gut halten. Und das war das Glück der Wissenschaftler von der Otorohanga Zoological Society in Neuseeland. Aufgrund sorgfältiger Beobachtungen konnten sie ziemlich genau Vorhersagen, wann »ihr« Kiwi-Weibchen ein Ei legen würde.

Ohne dem wertvollen Tier zu schaden, wollten sie Lage und Größe des Eis im Vogelkörper orten und filmen. 24 Stunden vor der Geburt gelang ihnen eine sensationelle Röntgenaufnahme. Sie zeigt die geradezu unglaublichen Dimensionen des Eies. Es wog 415 Gramm und damit exakt 19,27 Prozent (ein Fünftel also) des Vogelkörpers. Die Länge betrug 126, der Durchmesser 76 Millimeter. Aber damit noch nicht genug: Es war schon das zweite Ei in kurzer Zeit. Und innerhalb von 96 Tagen legte das Weibchen vier solcher Rieseneier.
In nur gut drei Monaten produzieren die Kiwis also etwa 80 Prozent ihres Körpergewichts als Gelege. Eine erstaunliche Energieleistung!

Unsere gewöhnlichen Haushuhnrassen brauchen sich dahinter allerdings nicht zu Verstecken. Sie bringen uns zwar keine 400 Gramm schweren Frühstückseier auf den Tisch. Ihre Jahresproduktion ist jedoch deutlich höher als die der Kiwis. So legt zum Beispiel das weit verbreitete »Leghorn« jährlich etwa 200 Eier mit einem Gewicht von je 55 Gramm. Das macht elf Kilogramm bei einem Körpergewicht von zwei Kilogramm. Solche Eier sind in zehn Minuten hart gekocht.

Kiwis sind in jeder Hinsicht merkwürdige Vögel: flügellos, scheinbar behaart statt befiedert, halbblind, aber mit einem guten Riecher ausgestattet – sie erschnüffeln ihre Nahrung, vorwiegend Würmer.

Fauna | Fossilien mit Haut und Haaren aus der Grube Messel

Fossil eines Singvogels mit erhaltenem Federkleid aus der Grube Messel | Größe 30 cm
Fossil eines Singvogels mit erhaltenem Federkleid aus der Grube Messel | Größe 30 cm

Fossilien mit Haut und Haaren

Messel gilt als unvergleichliche Informationsquelle für die Wissenschaft.
Die dunklen Ablagerungen in der Grube stammen von einem Süßwassersee, der hier während des Mittleren Eozäns, vor rund 50 Millionen Jahren, inmitten eines tropisch-subtropischen Urwalds lag. Die durchschnittlichen Jahrestemperaturen betrugen 20 bis 30 Grad Celsius – Funde von Palmen, Lorbeergewächsen und zahlreichen Krokodilarten zeu-
gen von diesem ungewöhnlich warmen Klima, das im See zu einem
starken Algenwachstum führte. Die Folge: Die oberen Wasserschichten
waren arm an Sauerstoff, und darunter herrschte sogar extremer Sauerstoffmangel.
Das begünstigte die Entstehung des Bitumens und verhinderte die rasche Verwesung herabgesunkener Tierkadaver und Organismen. Diese wurden in einzigartiger Weise konserviert.

Weichkörpererhaltung (zum Beispiel des Mageninhalts oder der Hautumrisse), aber auch Haare, Federn und bei Insekten und Pflanzen sogar überlieferte Farben machten aus Messel ein einzigartiges Archiv der Erdgeschichte. Überdies sind nur an zwei Prozent aller Wirbeltierfundstellen Skelette so vollständig erhalten wie hier. Besonders interessant sind auch Chemofossilien – komplizierte organische Verbindungen, die entweder zu Algen oder Bakterien gehören oder charakteristisch sind für andere Lebewesen, die selbst nicht erhaltungsfähig waren.

Messeler Fossilien weisen ein ungewöhnlich großes Artenspektrum auf. Der See wurde nämlich auch vielen Uferbewohnern und fliegenden Tieren zum Grab und nicht nur den Wasserbewohnern selbst.

Architektur | Der Markusplatz in Venedig | Über unsere Koordinationsfähigkeit im Raum

Für ein Raumwunder, das sich vielleicht auch anderswo wiederholen könnte, bietet der Markusplatz in Venedig ein unvergleichliches Experimentierfeld. Der Versuch ist dort oft genug angestellt worden, immer mit demselben – negativen – Erfolg.

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Man nimmt etwa am Punkt A Aufstellung, um den Platz mit geschlossenen Augen in gerader Linie zu durchschreiten.
Der Idealweg würde der punktierten Linie entsprechen; aber selbst wenn man vom Weg abkommt, müsste man doch die gegenüberliegende, die Domseite, erreichen können. Denn der Weg ist nicht all zu lang, er beansprucht etwa zwei Minuten, und so viel Orientierung in gerader Linie traut man sich zunächst auch mit geschlossenen Augen zu. Man hat ja gegenüber 82 Meter Breite zur Auswahl! Die ersten zehn, fünfzehn, auch zwanzig Schritte gelingen auch meistens ganz nach Programm. Allein plötzlich erfolgt eine kleine seitliche Schwenkung, die sich zügig weiter biegt; und wenn der Wanderer die Augen aufschlägt, so erblickt er sich zu seinem Erstaunen auf dem Weg zu den Neuen oder Alten Prokuratien, wo er beim Punkt B oder C landen würde. Ein auch nur annäherndes Überqueren des Platzes in vorgefasster Richtung ist noch niemals Irgendeinem geglückt.

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Aber der Versuch hat neben dem negativen Erfolg auch ein positives Ergebnis, nämlich eine Aufklärung über die Koordinationsfähigkeit des Menschen hinsichtlich seiner Bewegungen im Raum. Er zeigt, in wie hohem Grad wir geneigt sind, unsere Anpassung selbst an die elementarste geometrische Vorstellung zu überschätzen, sobald wir sie aus dem Gehirn auf eine Muskeltätigkeit projizieren. Die »absolute« Raumempfindung hat übrigens im Ohr ihren Sitz. Wussten Sie das? Zur »relativen« Orientierung indes ist, wenigstens beim normalen Menschen, selbst bei geringen Abmessungen die Mitwirkung des Gesichtssinns unerlässlich. Im Gehirn allein ist nichts vorhanden, was auch nur über wenige Schritte die Funktion eines Kompasses übernimmt.

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Unsere Erde | Der Weltuntergang von 1524|25

Der Weltuntergang von 1524/25

Dass die Erde nicht ewigen Bestand haben kann, wissen wir. Viel früher noch als die großen astronomischen Umänderungen mit ihr vorgehen, wird alles Leben auf unserm Heimatstern erloschen sein. Der Menschheit bleibt also nur eine gewisse Spanne Zeit bis zu ihrer Vernichtung. Doch dieser Untergang dürfte sich kaum katastrophal, sondern ganz allmählich abspielen, und sicherlich liegt selbst sein Beginn noch ungeheure Zeiten von uns Heutigen entfernt.
Das hat aber die Sternkundigen des Mittelalters nicht abgehalten, oft genug den Untergang der Erde innerhalb kurzer Zeit vorauszusagen. Bei dem großen Ansehen, das die astrologischen Windbeutler in jener düstern Periode genossen, war es kein Wunder, dass sie durch solche Prophezeiungen schlimmste Verwirrung in vielen Köpfen anrichteten. Wenn die Menschen fest überzeugt sind, dass alles Lebende in kurzem mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden wird, so haben sie gewiss alle Ursache, sich absurd zu gebären. Viele kuriose Berichte über solche Weltuntergangsperioden sind uns erhalten.

Johannes Stöffler (Ioannes Stoflerus)
Johannes Stöffler (Ioannes Stoflerus)

Ein ziemlich komischer Hergang dieser Art sei hier dem von Bürgel wiedergegebenen Bericht des Chronisten Haftitz nacherzählt:
„Im Jahre 1518 hatte der damals hochberühmte Sterndeuter Stöffler prophezeit, dass im Februar des Jahres 1524 eine große Sintflut alles Irdische vernichten werde. Stöffler hatte berechnet, dass Saturn, Jupiter und Mars im Februar des genannten Jahrs im Hinweiszeichen der Fische zusammenkommen würden, und diese Annäherung der Planeten musste nach seiner Meinung unfehlbar eine Sintflut herbeiführen. Eine allgemeine Niedergeschlagenheit bemächtigte sich der Bevölkerung in allen Landen, und je näher der ominöse Termin rückte, um so mehr stieg die Angst, und um so törichter bewegten sich die vom Weltuntergang Bedrohten.
Handel und Wandel wurden arg dadurch in Mitleidenschaft gezogen. Die Bauern bestellten ihre Felder nicht mehr, man unternahm keine größeren Arbeiten mehr, die Schuldner mochten nicht bezahlen und verjubelten angesichts des nahen Tods lieber das Geld, und aus eben diesem Grund lieh auch niemand mehr etwas her. Sehr klug taten die Reichen! Sie reisten ins Gebirge, um dort den Wassern zu entgehen, und einige ließen sogar eine Arche Noah bauen.
Aber der Februar 1524 verging, und die Sintflut kam nicht. Alles atmete auf, und es war, als ob ein entsetzlicher Alp von allen genommen wäre. Nur im Kurfürstlichen Schloß zu Berlin-Cölln an der Spree herrschte nach wie vor dumpfe Beklemmung und Angst. Kurfürst Joachim I., der sich selber mit Sterndeuterei beschäftigte und in einem Schloßtürmchen sogar eine Art Sternwarte besaß, hatte durch seinen hochgelahrten und hochgeschätzten Hofastrologen Johann Carion erfahren, daß sich Stöffler verrechnet habe, und daß die Sintflut erst am 15. Juli 1525 zu erwarten sei. Sie werde auch nicht die ganze Erde, sondern nur die deutschen Lande und speziell das flach gelegene Berlin-Cölln heimsuchen. Der Kurfürst befahl, diese Prophezeiung geheim zu halten, und als am 15. Juli nachmittags eine Wolkenwand im Westen hochstieg, öffneten sich plötzlich die Schloßportale, und eine ganze Reihe von Staatskarossen raste in aller Eile dem Berliner Ararat, dem Kreuzberg, zu, der ja damals noch ziemlich weit draußen vor den Toren der Stadt lag. Die kurfürstliche Familie, die hohen Beamten und die Staatskasse sollten auf der schwindelnden Höhe des genannten »Bergs« in Sicherheit gebracht werden.

Tafelbild des Johannes Stöffler im Stile eines Ideal- und Standesportraits, entstanden 1614 für die Tübinger Professorengalerie
Tafelbild des Johannes Stöffler im Stile eines Ideal- und Standesportraits, entstanden 1614 für die Tübinger Professorengalerie

Die guten Bürger standen starr vor Staunen ob dieses seltsamen Beginnens. Als man aber später erfuhr, was die hohen Heerschaften zur Flucht veranlasst hatte, trat lähmendes Entsetzen ein und nicht geringe Wut darüber, dass die edlen Herren sich so aus dem Staub gemacht hatten ohne Warnung für den Bürger, der sozusagen wie eine Maus ersaufen konnte und durfte. Gegen Abend kam ein kleiner Gewitterregen, und es wurde den Herren auf dem Ararat en miniature recht ungemütlich und bänglich; als aber die Sonne wieder durch die Wolken brach, da ermannte sich der einzige Mann unter den Herrschaften, die Kurfürstin Elisabeth, und überredete ihren Gemahl zur Heimkehr, da offenbar der Weltuntergang abgesagt worden sei.
Man fuhr also, von der Bürgerschaft der Schwesterstädte nicht eben freudigen Blicks begrüßt, ins Schloß zurück, und – welch seltsamer Zufall – kurz vor der Schloßeinfahrt fuhr plötzlich der Blitz eines heraufziehenden Gewitters nieder, tötete den Reitknecht und erschlug die vier Pferde vor dem kurfürstlichen Wagen.
Totenbleich wankte der Kurfürst ins Schloss, wäre er doch beinahe ein Opfer seiner Furcht geworden!”

Fauna | Das wirbelnde Meerschweinchen

Die Raumfrage, so gefasst: lässt sich der Raum als solcher sinnlich wahrnehmen? bildet eins der schwierigsten Probleme der Lebenskunde und leitet weiterhin in die tiefsten Gründe der Erkenntnistheorie.
Es handelt sich hier nicht um abtastbare, den Raum erfüllende Körper, sondern um den Raum selbst, der nach bekannter Lehrmeinung eine Denkform »a priori«, eine Vorstellung außerhalb der Erfahrung darstellt.
Stünde dies unwiderleglich fest, so käme ein menschlicher, ein animalischer Sinn als direkter Empfänger und Wahrnehmer des absoluten Raums gar nicht in Betracht. Es ist aber im Gegenteil nachgewiesen worden, dass dieser Sinn existiert, und zwar auf Grund eines Experiments im Forschungsgebiet des großen Physikers Ernst Mach.
Dieser von Cyon angestellte Versuch führt zu einem ganz verblüffenden Ergebnis: jener Sinn ist nicht – wie man zunächst vermuten könnte – im Auge, sondern im Ohr lokalisiert!
Rüsten wir uns zu diesem Versuch. Wir nehmen vier Meerschweinchen, setzen sie in einen Rotationsapparat und wirbeln sie mit ungeheurer Geschwindigkeit im Kreis umher. Von diesen vier Geschöpfen ist das eine ganz gesund und normal; beim zweiten wurde vorher ein bestimmter Teil im rechten Ohr, das sogenannte »Labyrinth«, zerstört, beim dritten wurde dieselbe Operation am linken Ohr vorgenommen, und dem vierten fehlen beide Labyrinthe.
Die Tiere werden samt ihrem Futter in die mit Glaswänden umgebene Zentrifuge gesperrt und mehreren hundert Umdrehungen in der Minute ausgesetzt.

Und nun begibt sich das Erstaunliche.
Das doppelseitig operierte Tier nimmt von der Drehung gar keine Notiz, frißt vielmehr ruhig und unverdrossen. Das linksseitig operierte hört bei Rechtsdrehung zu fressen auf, läßt sich’s aber bei Linksdrehung gut schmecken, das rechtsseitig operierte verhält sich umgekehrt. Nur das ganz gesunde Meerschweinchen protestiert gegen jede Nahrungsaufnahme, solange überhaupt gedreht wird. Dieses hat sich die Raumempfindung bewahrt, während seine Genossen teilweise oder gänzlich raumtaub gemacht worden sind.
Zur Beobachtung des experimentellen Vorgangs gehört eine Spiegelvorrichtung, die durch Gegenrotation die Bewegung umkehrt. Trotz der enormen Kreisbewegung erscheinen die Meerschweinchen mit ihrer Nahrung, als ob sie durchaus in Ruhe befindlich wären. (Der Spiegel arbeitet so vollkommen synchron, daß man durch ihn eine Zeitung bequem lesen könnte, selbst wenn sich das Blatt zehnmal in der Sekunde drehte.)
Im Vergleich mit allen anderen Sinneserfahrungen beweist das Experiment: der Raum an sich wirkt auf den Organismus und in diesem einzig durch das Ohr. Das Tier, dem beide Labyrinthe fehlen, zeigt durch seinen guten Appetit, daß eine jähe und sonst geradezu betäubende Raumveränderung für seine Wahrnehmung nicht mehr existiert. Vergegenwärtigt man sich das Verhalten des ganzen Quartetts, innerhalb dessen jedes Meerschweinchen als Kontrolle des anderen auftritt, so gelangt man unweigerlich zu dem Schluß: der Raum ist sinnfällig und offenbart sich als etwas Wirkendes durch einen Teil des Gehörorgans.
Diese Erkenntnis verdankt man den Meerschweinchen, die sich einer so peinlichen Operation unterwarfen, um bei der Auffindung einer ins Gebiet der Philosophie schlagenden Wahrheit mitzuhelfen.

Fauna | Der Hummeltrompeter

Der Hummeltrompeter

An großen Hummelnestern kann man im Sommer am frühen Morgen, etwa zwischen ½4 und 4 Uhr, eine seltsame Beobachtung machen. Da sieht man auf dem Dach des Nests, gerade über dem Flugloch eine kräftige Hummel sitzen, die dort ein kolossales Gebrumme aufführt. Der Volksmund hat das in solcher Weise tätige Tier Hummeltrompeter genannt und wollte damit der Meinung Ausdruck geben, dass es eine Art Torwächter sei, der an jedem Morgen den ganzen Bau durch seinen Lärmruf wecke.
Aber wenn auch diese Anschauung nicht das richtige trifft, so ist die tatsächliche Aufgabe des Hummeltrompeters doch nicht weniger interessant. Er stellt nämlich einen Ventilator dar, der durch sein emsiges Flügelschlagen, das 30 bis 60 Minuten währt, einen Luftstrom aus dem Nest herauswirbelt. Auf diese Weise fördert er aus dem Bau die schlechten Gerüche, schädliche Gase, heiße Luft heraus und bewirkt durch Verringerung des Wasserdampfgehalts eine Kondensation des eingebrachten Honigs.
Es handelt sich hier schon um die Ausübung einer sozialen Tätigkeit, die Handlung eines einzelnen Individuums zum Wohl des Ganzen, also um den Ansatz zu einem Insektenstaat, wie er dann bei den Bienen aufs höchste entwickelt erscheint.

Menschenbilder | Laura Bridgman & Charles Dickens | Wie eine taubblinde Frau die Sprache findet

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Laura Bridgman | Daguerreotype by Southworth & Hawes | ca. 1855

Laura Bridgman, eine dreisinnige Amerikanerin, war etwa 12 Jahre alt, als sie erfuhr, dass sie sich von anderen Kindern unterschied und dass sie nur drei Sinne besaß, nämlich den Tastsinn und außerdem ein bisschen Geruch und Geschmack. Sie hatte damals schon das Wort denken (think) halb als Verbum, halb als Substantiv kennen gelernt und gebrauchte es auffallend häufig für die Anstrengung des Denkens, die sie lokalisiert in ihrem Kopf empfand. So sagte sie z. B.: »Mein Denken ist müde.« Als sie nun erfuhr, sie habe nur drei Sinne, rief sie (der Ausdruck »rufen« ist wohl nur als abkürzendes Wort zu verstehen): »Ich habe vier Sinne: Denken und Nase und Mund und Finger« . . . Das Denken war ihr etwa ein Substantiv, und sie konnte den Kopf gar wohl als das Sinneswerkzeug der Denkarbeit betrachten, wie die Nase als Sinneswerkzeug der Geruchsarbeit.
Lauras Gedächtnis war außerordentlich gut entwickelt. In ihrem vierzehnten Lebensjahr wurde ihr mittels der Fingersprache ein kindliches Lesestück vorgelesen, und Laura musste es am nächsten Tag aus dem Gedächtnis niederschreiben. Diese Niederschrift hält sich im wesentlichen so genau an das Original, dass eine solche Leistung einem vollsinnigen Kind gleichen Alters nicht immer gelingen würde. Laura ist also ein Beweis dafür, dass ein außerordentliches Gedächtnis alle oder doch die meisten Assoziationen, deren Verbindungen unsere Welterkenntnis oder Sprache ausmachen, auch ohne Gesicht und Gehör an den Tastsinn binden kann.
Aus Anlass eines besonderen Falls von Taubstummheit in Verbindung mit einem operierten Starblinden, der zunächst eine Kugel und einen Würfel nicht unterscheiden konnte, bemerkt der bedeutende La Mettrie: wäre der Taubstumme auch noch blind gewesen, so wäre er ganz ohne Ideen geblieben. Diese Behauptung kann durch die Geschichte der Amerikanerin als widerlegt gelten. Ein Wesen wie Laura Bridgman wäre freilich kaum glaubhaft erschienen, hätte sie nicht wirklich gelebt und gelehrte Zeitgenossen in Erstaunen gesetzt.
Zum Kapitel der Ersatz-Sinne gehört auch der Fall einer anderen Taubstummblinden, Julia Brace. Als sie zu Doktor Howe, dem Lehrer der Bridgman, kam, war sie schon zu alt, um noch sprechen zu lernen. Dafür hatte sie ihren Geruch in Stellvertretung so ausgebildet, daß sie aus einem Haufen Handschuhe ein zusammengehörendes Paar und sogar die Handschuhe zweier Schwestern herausfinden konnte.
Allerdings wird das Innenleben dieser Julia für einen vollsinnigen Menschen schwer vorzustellen sein. Und wir finden keine Begriffsbrücke zu ihrer Leidensschwester Laura, die sich doch an die immerhin artikulierteren Tastempfindungen halten konnte bis zu dem Grad, dass sie in der Fingersprache Selbstgespräche hielt und sogar in der Fingersprache träumte!

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Charles Dickens: Aufzeichnungen aus Amerika
Aus Kapitel 4.

Die Bostoner Perkins-Institution und das Massachusetts-Asyl für Blinde. Dickens beschreibt seine Erlebnisse.
Ich besuchte die Anstalt an einem sehr schönen Wintermorgen; über mir ein italienischer Himmel, und die Luft so klar und hell, dass selbst meine Augen, keineswegs die besten, die kleinen Linien und Verzierungen an entfernten Gebäuden erkennen konnten. Gleich den meisten andeern öffentlichen Anstalten dieser Klasse in Amerika befindet sich auch diese eine oder zwei englische Meilen vor der Stadt, an einem angenehmen, gesunden Plätzchen, und ist ein luftiges, geräumiges, schönes Gebäude. Es ist auf einer Anhöhe erbaut, von welcher aus man den Hafen übersehen kann. Als ich einen Augenblick an der Tür still stand und sah, wie frisch und frei die ganze Landschaft war – wie leichte glänzende Schaumblasen über die Wellen dahintanzten und jeden Augenblick zur Oberfläche empor quollen, als wenn die Welt unten, wie die oben, sich des heitern Tages freue und in dessen Lichtfülle hinüberströmen wolle: wenn ich von Segel zu Segel auf ein Schiff in der offenen See schaute, ein kleines winziges Fleckchen von reinem Weiß, wenn ich auf die einzige Wolke am stillen, tiefen, fernen Blau des Himmels blickte – und mich herumdrehend einem blinden Knaben in das Antlitz sah, das er in derselben Richtung hielt, als ob auch er in sich ein Gefühl der herrlichen Aussicht habe, so fühlte ich eine Art Kummer, dass der Ort so hell und freundlich war, und ein sonderbarer Wunsch kam über mich, dass er um des Blinden willen dunkler sein möchte. Freilich war dies nur für den Augenblick eine bloße Phantasie, allein trotzdem wurde sie mir deutlich bewusst.
Die Kinder waren eben an ihren täglichen Beschäftigungen in den verschiedenen Zimmern, mit Ausnahme einiger weniger, die man schon entlassen hatte und welche spielten. Hier, wie in vielen anderen Anstalten trägt keiner Uniform, was mir aus zwei Gründen sehr erfreulich war. Erstens, weil ich überzeugt bin, dass nur sinnlose Gewohnheit und Mangel an Nachdenken uns mit den Livreen und bunten Lappen, die wir zu Hause so gern sehen, versöhnen kann. Zweitens, weil der Mangel solcher Sachen dem Besuchenden jedes Kind in seinem eigenen Charakter zeigt, da sich dessen Individualität hier nicht bei einer hässlichen, einförmigen, steten Wiederholung desselben Anzugs verliert; und dies ist wahrlich ein wichtiger Grund. Die Weisheit, ein wenig harmlosen Stolz auf das Äußere anzuregen, oder die wunderliche Albernheit, Menschenliebe und Lederhosen für unzertrennliche Gefährten zu halten, bedürfen keiner Erörterung.
Ordnung, Reinlichkeit und Bequemlichkeit walteten in jedem Winkel des Gebäudes. Die verschiedenen Klassen, die sich um ihre Lehrer versammelt hatten, beantworteten die ihnen vorgelegten Fragen mit Schnelligkeit, Intelligenz und einem Geiste muntern Wetteifers, der mir sehr gefiel. Die Spielenden waren fröhlich und lärmten wie andere Kinder. Es schienen unter ihnen mehr geistige und zärtliche Freundschaften zu existieren als unter anderen jungen Leuten, die nicht unter ähnlicher Trübsal leiden; doch hatte ich das erwartet. Dies ist ein Teil des großen Planes der gnadenvollen Rücksicht Gottes.

In einem Teile des Gebäudes befinden sich Arbeitsgemächer für Blinde, deren Erziehung beendigt ist und die irgendeine gewerbliche Beschäftigung erlernt haben, welche sie jedoch wegen ihres traurigen Schicksales nicht in einer gewöhnlichen Fabrik verrichten können. Hier waren mehrere beschäftigt, Bürsten, Matratzen usw. zu verfertigen; die Heiterkeit, Betriebsamkeit und Ordnung, die in jedem anderen Teile des Gebäudes wahrzunehmen war, zeigten sich auch hier.
Auf das Läuten einer Glocke begaben sich die Zöglinge sämtlich, ohne Führer, in einen geräumigen Musiksaal, wo sie auf einem zu diesem Zwecke errichteten Orchester ihre Sitze einnahmen und mit offenbarem Vergnügen dem Präludium auf einer Orgel horchten, das einer von ihnen spielte. Als dies beendigt war, machte der Spieler, ein neunzehn- oder zwanzigjähriger Bursche, einem Mädchen Platz, und zu ihrer Begleitung sangen alle eine Hymne und nachher eine Art Chor. Es erweckte höchst traurige Gefühle, sie so zu sehen und zu hören, so glücklich ihre Lage auch ohne Zweifel war; ich sah, daß ein blindes Mädchen (das gerade durch Krankheit des Gebrauchs seiner Glieder beraubt war) dicht neben mir saß, das Gesicht auf die singende Versammlung gerichtet, und still weinend zuhorchte.
Merkwürdig ist es, die Gesichter der Blinden zu beobachten und zu sehen, wie frei sie von aller Verstellung oder Verheimlichung ihrer Gedanken sind; ein Sehender möchte hierbei erröten, wenn er die Maske betrachtet, die er trägt. Abgerechnet einen leichten Schatten von Ängstlichkeit, der sich stets in ihrem Antlitz ausdrückt und den wir auch in unsrem Gesicht bemerken können, wenn wir im Finstern unseren Weg ausfindig zu machen suchen, drückt sich jede Idee, so wie sie in ihnen entsteht, mit Blitzesschnelle und in ihrer natürlichen Wahrheit in ihren Mienen aus. Wenn eine Ballgesellschaft oder eine Versammlung bei Hofe nur ein einziges Mal sich so wenig der Sehkraft bewußt wäre wie Blinde, welche Geheimnisse würden an den Tag kommen, und als ein wie großer Beförderer der Heuchelei würde dieselbe Kraft erscheinen, deren Verlust wir so sehr beklagen!

Dieser Gedanke kam über mich, als ich in einem anderen Zimmer mich vor einem blinden, tauben und stummen Mädchen niedersetzte, dem der Geruch und fast auch der Geschmack fehlte: vor einem schönen jungen Geschöpf, begabt mit jeder menschlichen Fähigkeit und Hoffnung, empfänglich für Güte und Liebe, und bloß im Besitz eines einzigen äußeren Sinnes – des Gefühls. Da sah ich sie vor mir, gleichsam wie in einer Marmorzelle eingemauert, unzugänglich für den kleinsten Lichtstrahl oder den leisesten Ton, und ihre arme weiße Hand sah hervor durch einen Riß des Steins, irgendeinem guten Menschen um Hilfe zuwinkend, damit eine unsterbliche Seele geweckt werde.
Lange schon, ehe ich sie sah, war die Hilfe gekommen. Ihr Antlitz strahlte von Intelligenz und Vergnügen. Ihr Haar, von ihren eigenen Händen geflochten, war um einen Kopf geschlungen, dessen geistige Fähigkeiten in der schönen Kontur und der hohen, freien Stirn desselben sich herrlich ausdrückten; ihr Kleid, von ihr selbst geordnet, war ein Muster der Sauberkeit und Einfachheit; die Arbeit, an der sie eben gestrickt, ruhte neben ihr; ihr Schreibbuch lag auf dem Pulte, auf das sie sich stützte. – Aus wie kümmerlichen Resten eines Menschenleibes hatte sich langsam dieses sanfte, zarte, schuldlose, dankbare Wesen erhoben!
Gleich den andern Bewohnern des Hauses hatte sie ein grünes Band um ihre Augen gebunden. Eine Puppe, die sie angekleidet hatte, lag neben ihr auf dem Boden. Ich hob dies Spielwerk auf und sah, daß sie ein grünes Band, wie sie selbst trug, gemacht und der Puppe um die Augen gebunden hatte.
Sie saß innerhalb eines kleinen Kreises von Schulpulten und Bänken und schrieb ihr Tagebuch. Bald hatte sie diese Arbeit beendigt, und nun begann sie eine lebhafte Unterhaltung mit einer Lehrerin, die neben ihr saß. Dies war eine Lieblingslehrerin der Armen. Hätte sie ihr Gesicht sehen können, sie würde sie sicher nicht weniger geliebt haben.
Aus einer schriftlichen Mitteilung desselben Mannes, der sie zu dem gebildet hatte, was sie ist, habe ich einige unzusammenhängende Bruchstücke ihrer Geschichte entnommen. Es ist eine sehr schöne, rührende Erzählung und ich wünschte, ich könnte sie dem Leser vollständig vorlegen.

Ihr Name ist Laura Bridgman. Sie wurde in Hanover in New Hampshire am 21. Dezember 1829 geboren. Sie wird als ein sehr munteres, hübsches Kind mit hellen, blauen Augen geschildert. Bis zum Alter von anderthalb Jahren war sie jedoch so klein und schwächlich, dass ihre Eltern kaum glaubten, sie aufziehen zu können. Sie war harten Krankheitsanfällen unterworfen, welche ihren zarten Körper aufs äußerste mitnahmen; das Leben hing nur noch an einem Faden. Doch im Alter von anderthalb Jahren schien sie sich zu erholen, die gefährlichen Symptome ließen nach, und zwei Monate später war sie vollkommen wohl.
Jetzt entfalteten sich ihre Geistesfähigkeiten, bisher in ihrem Wachstum gehemmt, mit reißender Schnelle, und während der viermonatigen Gesundheit, die sie nun genoß, scheint sie (soweit wir der Erzählung einer liebenden Mutter glauben dürfen) einen bedeutenden Grad von Intelligenz gezeigt zu haben.
Allein plötzlich wurde sie abermals krank; die Krankheit wütete fünf Wochen lang mit großer Heftigkeit; dann entzündeten sich Augen und Ohren, und der Inhalt derselben lief aus. Aber obschon Gesicht und Gehör für immer verloren waren, hatten doch die Leiden des armen Kindes ihr Ende noch nicht erreicht. Fünf Monate mußte sie in einem verfinsterten Zimmer das Bett hüten; es währte ein Jahr, ehe sie ohne Hilfe selbst gehen konnte, und zwei Jahre, ehe sie den ganzen Tag aufrecht sitzen konnte. Man bemerkte jetzt, daß ihr Geruchssinn fast gänzlich zerstört und ihr Geschmack ebenfalls sehr abgestumpft war.
Erst als das arme Kind vier Jahre alt war, schien ihm die körperliche Gesundheit wiedergegeben zu sein, und erst jetzt konnte es in das Leben und die Welt eintreten.
Allein in welcher Lage befand sich das arme Mädchen! Die Dunkelheit und das Schweigen des Grabes herrschten um sie: keiner Mutter Lächeln rief ihr Lächeln hervor, keines Vaters Stimme lehrte sie, Laute nachahmen – Brüder und Schwestern waren für sie bloße Formen, die ihrem Griffe widerstanden, die jedoch in nichts von den Möbeln im Hause sich unterschieden, außer durch Wärme und durch das Vermögen, sich selbst bewegen zu können; und in diesen Beziehungen unterschieden sie sich nicht einmal von der Katze oder dem Hunde.
Aber der unsterbliche Geist, der ihr eingepflanzt worden war, konnte weder sterben noch verstümmelt werden; und obwohl ihm die meisten Mittel, sich mit der Welt in Verbindung zu setzen, abgeschnitten waren, begann er doch sich durch die noch übrigen zu offenbaren. Sobald sie laufen konnte, fing sie an, das Zimmer und dann das Haus zu untersuchen; sie lernte die Form, die Dichte, das Gewicht und die Wärme jedes Körpers kennen, auf den sie ihre Hände legen konnte. Sie folgte ihrer Mutter und befühlte deren Hände und Arme, wenn sie im Hause beschäftigt war; ihre Neigung zur Nachahmung bewog sie, aus freien Stücken alles zu wiederholen. Sie lernte selbst ein wenig nähen und stricken.«
Es wird indes kaum nötig sein zu erwähnen, daß die Mittel und Wege, sich ihr mitzuteilen, sehr beschränkt waren und daß die moralischen Wirkungen ihres elenden Zustandes sich bald zu zeigen begannen. Wer nicht durch die Vernunft gebildet werden kann, der kann bloß durch Gewalt in Schranken gehalten werden; und dies, in Verbindung mit ihrem traurigen Schicksale, würde sie bald in eine schlimmere Lage versetzt haben, als die der Tiere ist, welche ohne rechtzeitige, unverhoffte Hilfe umkommen müssen.
Um diese Zeit war ich so glücklich, von dem Kinde zu hören, und eilte sogleich nach Hanover, um es zu sehen. Ich fand eine wohlgebildete Gestalt, mit einem stark ausgeprägten, nervös sanguinischen Temperament und einem großen, schöngeformten Kopf; der ganze Körper war in gesunder Tätigkeit. Die Eltern waren leicht zu bewegen, sie nach Boston kommen zu lassen, und am 4. Oktober 1837 brachten sie sie in die Anstalt.
Eine Zeitlang war sie sehr bestürzt; nachdem man ungefähr zwei Monate gewartet hatte, bis sie mit ihrer neuen Umgebung bekannt und mit den Hausbewohnern etwas vertrauter geworden war, wurde der Versuch gemacht, ihr eine Kenntnis von willkürlichen Zeichen beizubringen, wodurch sie andern ihre Gedanken mitteilen konnte.
Zu diesem Ende konnte man zweierlei Wege einschlagen. Man mußte entweder eine Zeichensprache wählen, wobei man die natürlichen Zeichen benutzte, durch die sie sich schon auszudrücken wußte, oder sie die gewöhnlich angewandte, gänzlich willkürliche Sprache zu lehren suchen, das heißt, man mußte ihr für jedes Ding ein Zeichen geben oder ihr eine Kenntnis von Buchstaben beibringen, durch deren Zusammensetzung sie ihren Begriff von dem Dasein und der Art und Weise des Daseins irgendeines Dinges ausdrücken konnte. Das erstere wäre leicht, allein von nur geringem Nutzen gewesen; das letztere schien sehr schwer, aber wenn es erreicht war, mußte es sich als sehr brauchbar erweisen. Daher wählte ich das letztere.
Den ersten Versuch machte ich damit, daß ich auf allgemein gebrauchte Dinge, wie zum Beispiel Messer, Gabeln, Löffel, Schlüssel usw. Zettel kleben ließ, auf welchen der Name des Gerätes in erhabenen Buchstaben gedruckt war. Diese Buchstaben befühlte sie sehr sorgfältig und unterschied natürlich gar bald, daß die gekrümmten Linien des Wortes Löffel ebensosehr von den gekrümmten Linien des Wortes Schlüssel unterschieden waren, wie die Form des Löffels von der des Schlüssels.
Dann wurden kleine besondere Zettel, worauf dieselben Worte gedruckt waren, ihr in die Hände gegeben, und sie bemerkte bald, daß sie den auf die Geräte geklebten ähnlich waren. Sie bezeigte ihre Wahrnehmung dieser Ähnlichkeit dadurch, daß sie den Zettel ›Schlüssel‹ auf den Schlüssel und den Zettel ›Löffel‹ auf den Löffel legte. Hierin wurde sie durch das natürliche Zeichen der Billigung, durch Klopfen auf den Kopf, aufgemuntert.
Dasselbe Verfahren befolgte man mit allen Gegenständen, die sie in die Hand nehmen konnte; und bald lernte sie, die richtigen Zettel auf dieselben zu legen. Es versteht sich indessen, daß die einzige Geisteskraft, die sich hier übte, die Kraft der Nachahmung und des Gedächtnisses war. Sie erinnerte sich, daß der Zettel ›Buch‹ auf ein Buch gelegt war; sie wiederholte das Verfahren erst aus Nachahmung und dann aus dem Gedächtnis; dabei hatte sie bloß den Beweggrund der Liebe zum Beifall, aber, wie es schien, ohne geistige Wahrnehmung irgendeiner Beziehung zwischen den Dingen.
Nach einiger Zeit wurden ihr statt Zettel die einzelnen Buchstaben auf besonderen Stücken Papier gegeben: diese wurden so nebeneinandergelegt, daß man das Wort ›Buch‹, ›Schlüssel‹ usw. herauslesen konnte; dann wurden sie in einen Haufen gemischt, und man gab ihr ein Zeichen, die Buchstaben selbst so zu legen, daß man die Worte ›Buch‹, ›Schlüssel‹ lesen könnte, und dies tat sie auch.
Bis jetzt war das Verfahren mechanisch gewesen und der Erfolg ungefähr ebenso groß, wie wenn man einen recht klugen Hund mehrere Kunststücke lehrt. Das arme Kind hatte in stummem Staunen dagesessen und geduldig alles nachgeahmt, was ihr der Lehrer vormachte. Aber jetzt schien ihr das Licht der Wahrheit aufzugehen; ihr Verstand begann zu arbeiten: sie bemerkte, daß sie jetzt Mittel hatte, sich ein Zeichen von etwas, was vor ihrer Seele stand, zusammenzusetzen und dies einer andern Seele zu zeigen, und sogleich strahlte ihr Antlitz von menschlicher Vernunft; sie war nicht mehr einem Hunde oder Papagei zu vergleichen – der unsterbliche Geist ergriff jetzt begierig das neue Glied der Vereinigung mit andern Geistern! Ich könnte fast den Augenblick angeben, als diese Wahrheit in ihrem Gemüt aufdämmerte und Licht über ihr Antlitz goß. Ich sah, daß das große Hindernis nunmehr beseitigt war und daß von nun an nur Geduld und Ausdauer erforderlich seien, denn das allerdings schwer zu erreichende Ziel lag offen und klar vor mir.
Das Resultat ist soweit schnell erzählt und leicht zu begreifen; allein das Verfahren war es nicht, denn viele Wochen scheinbar vergeblicher Arbeit vergingen, ehe man so weit kam.
Wenn ich eben sagte, daß ein Zeichen gemacht wurde, so soll das soviel heißen, daß der Lehrer die Handlung verrichtete; sie befühlte dabei seine Hände und ahmte dessen Bewegungen nach.
Nachher wurde ein Satz Metalltypen angeschafft, auf deren Enden sich die verschiedenen Buchstaben des Alphabets befanden, sowie auch ein Brett, in welches viereckige Löcher geschnitten waren, in die sie die Typen setzen konnte, so daß die Buchstaben bloß auf der Oberfläche gefühlt werden konnten.
Wenn man ihr nun irgendeinen Gegenstand reichte, zum Beispiel einen Bleistift, eine Uhr, so wählte sie die zu dem Worte gehörenden Buchstaben, ordnete sie auf ihrem Brette und schien sie mit Vergnügen zu überlesen.
Auf diese Weise wurde sie mehrere Wochen geübt, bis ihr Wortreichtum ausgedehnter wurde. Dann wurde der wichtige Schritt getan, sie zu lehren, die verschiedenen Buchstaben statt mit der unbehilflichen Vorrichtung des Brettes und der Typen durch die Lage ihrer Finger darzustellen. Sie lernte dies schnell und leicht, denn ihr Verstand hatte begonnen zu arbeiten, und ihre Fortschritte waren bedeutend.
Dies war die Zeit – ungefähr drei Monate nach ihrer Aufnahme –, als der erste Bericht von ihr gemacht wurde, worin angegeben wird, sie habe eben das Fingeralphabet gelernt, wie es die Taubstummen brauchen, und daß es Vergnügen und Verwunderung errege zu sehen, wie schnell, richtig und begierig sie mit ihren Übungen weitergehe. Ihre Lehrerin gibt ihr einen neuen Gegenstand, zum Beispiel einen Bleistift, läßt sie ihn erst untersuchen, um einen Begriff von seinem Gebrauch zu erhalten; dann zeigt sie ihr, wie der Name desselben buchstabiert wird, indem sie ihr die Zeichen der Buchstaben mit ihren eigenen Fingern vormacht. Das Kind ergreift ihre Hand und befühlt ihre Finger, so wie die verschiedenen Buchstaben gebildet werden; es hält den Kopf etwas auf eine Seite, wie jemand, der angestrengt horcht; seine Lippen sind halb geöffnet, es scheint kaum zu atmen; die Spannung seines Antlitzes verändert sich nach und nach in ein Lächeln, sowie es die Lektion begreifen lernt. Es hält dann seine kleinen Finger empor und buchstabiert das Wort in der Fingersprache; dann ergreift es seine Typen und ordnet die Buchstaben, und zuletzt, um ganz sicherzugehen, nimmt es alle Typen, aus denen das Wort besteht, und legt sie auf oder neben den Bleistift, oder was sonst der Gegenstand der Lektüre sein mag.
Das ganze folgende Jahr wird damit verbracht, die begierigen Fragen der armen Schülerin nach den Namen aller Gegenstände, die sie in die Hand nehmen konnte, zu beantworten, sie im Gebrauche des Fingeralphabets zu üben, auf jede mögliche Weise ihre Kenntnis der physischen Beziehungen der Dinge zu erweitern und ihre Gesundheit gehörig zu pflegen.
Am Ende dieses Jahres ward ein Bericht von ihr erstattet, wovon Folgendes ein Auszug ist:
›Es ist jetzt außer allem Zweifel, daß sie nicht den kleinsten Lichtstrahl sehen, nicht den geringsten Ton hören kann und nie gezeigt hat, daß sie den Sinn des Geruchs besitze. So ruht ihre Seele in Finsternis und Stille, wie in einem verschlossenen Grabe um Mitternacht. Von schönen Aussichten, angenehmen Tönen und gefälligen Farben kann sie sich keinen Begriff machen; trotzdem erscheint sie so glücklich und mutwillig wie ein Vogel oder ein Lamm; die Anwendung ihrer intellektuellen Fähigkeiten oder die Auffassung eines neuen Begriffes machen ihr lebhaftes Vergnügen, das sich in ihren ausdrucksvollen Zügen deutlich widerspiegelt. Sie scheint sich nie zu grämen, sondern zeigt immer die heitere Munterkeit der Jugend. Sie liebt Scherz und Lustigkeit, und wenn sie mit den übrigen Kindern spielt, so übertönt ihr heiteres Lachen alle übrigen.
Wird sie allein gelassen, so scheint sie am glücklichsten, wenn sie ihr Strickzeug oder ihre Näherei bei sich hat; sie beschäftigt sich dann wohl stundenlang. Hat sie keine Beschäftigung, so unterhält sie sich augenscheinlich durch Phantasiegespräche oder damit, daß sie sich vergangene Eindrücke zurückruft. Sie zählt an ihren Fingern oder buchstabiert die Namen von Dingen, die sie vor kurzem gelernt hat, in der Fingersprache der Stummen. In diesen einsamen Selbstgesprächen scheint sie zu urteilen, zu überlegen und zu folgern; buchstabiert sie mit ihrer rechten Hand ein Wort falsch, so schlägt sie sich sogleich mit ihrer linken darauf, wie der Lehrer, zum Zeichen der Mißbilligung; buchstabiert sie es richtig, so klopft sie sich selbst auf den Kopf und sieht zufrieden aus. Sie buchstabiert zuweilen vorsätzlich mit der linken Hand ein Wort falsch, sieht einen Augenblick lang recht schelmisch aus, lacht dann und schlägt mit der Rechten die Linke, um sie zu korrigieren.
In einem Jahre hat sie eine große Geschicklichkeit in dem Gebrauch des Fingeralphabets der Stummen erlangt und buchstabiert die Worte und Sätze, die sie kennt, so schnell und gewandt, daß nur die, welche sich an diese Sprache gewöhnt haben, den schnellen Bewegungen ihrer Finger folgen können.
So wunderbar aber auch die Schnelligkeit ist, mit welcher sie ihre Gedanken in die Luft schreibt, so ist es noch mehr die Ruhe und Genauigkeit, womit sie die solchergestalt von andern geschriebenen Worte liebt; sie nimmt dabei die Hände der letztern in die ihrigen und folgt jeder Bewegung der Finger, so wie Buchstabe auf Buchstabe deren Bedeutung ihrer Seele zuführt. Auf diese Weise unterhält sie sich mit ihren blinden Gespielen, und nichts kann deutlicher die Kraft der Seele zeigen, alles zu dem erforderlichen Zweck anzuwenden, als eine Zusammenkunft zwischen diesen Blinden. Denn wenn schon große Geschicklichkeit und hohes Talent bei Mimikern dazu erforderlich ist, um Gedanken und Gefühle durch die Bewegungen des Körpers und den Ausdruck des Gesichts zu malen, wieviel größer muß nicht die Schwierigkeit sein, wenn beide von Dunkelheit umgeben sind und der eine noch dazu nicht hören kann!
Wenn Laura mit vor sich hingestreckten Händen durch einen Gang geht, so kennt sie sogleich jeden, dem sie begegnet, und geht mit einem Zeichen, daß sie ihn erkannt, an ihm vorüber: aber wenn die ihr begegnende Person ein Mädchen ihres Alters oder vielleicht ein Liebling von ihr ist, so fliegt augenblicklich ein heiteres Lächeln des Erkennens über ihre Züge; beide umschlingen sich, drücken sich die Hände und tauschen mit schnellen Fingerbewegungen gegenseitig ihre Gedanken aus. Da gibt es Fragen und Antworten, Verkündigungen von Freude oder Sorge, Küsse und Scheidegrüße, just wie zwischen kleinen Kindern, die alle Sinne haben.‹
Während dieses Jahres – sechs Monate, nachdem sie das Elternhaus verlassen hatte, kam ihre Mutter, sie zu besuchen; die Szene ihres Wiedersehens war sehr interessant.
Die Mutter blickte eine Weile mit überströmenden Augen auf ihr Kind, das, ganz unwissend über ihre Gegenwart, im Zimmer umherspielte. Jetzt rannte Laura gegen sie an, begann sogleich die Hände ihrer Mutter zu befühlen, ihr Kleid zu untersuchen, um zu sehen, ob sie sie kenne. Doch da ihr dies nicht gelang, wandte sie sich von ihr ab wie von einer Fremden; die gute Frau konnte den Schmerz, den sie fühlte, als sie sah, daß ihr eigenes geliebtes Kind sie nicht mehr kannte, nicht verbergen.
Sie gab hierauf dem Kinde eine Perlenkette, die sie zu Hause zu tragen pflegte, welche Laura sogleich wiedererkennte; sie wand sie mit großer Freude sich um den Hals und suchte mich begierig auf, um mir zu sagen, sie wisse, daß die Kette aus ihrem Vaterhause sei.
Die Mutter versuchte jetzt, sie zu liebkosen, allein die arme Laura stieß sie zurück und zog es vor, bei ihren Gespielinnen zu bleiben.
Jetzt wurde ihr ein anderer Gegenstand aus dem väterlichen Hause gegeben, und sie fing an, sehr aufgeregt zu werden; sie untersuchte die Fremde genauer und gab mir zu verstehen, daß sie wisse, diese Person komme aus Hanover; sie ließ sich sogar ihre Liebkosungen gefallen, verließ sie jedoch bei dem geringsten Zeichen mit Gleichgültigkeit. Jetzt wurde es peinlich, den Kummer der Mutter zu sehen; denn obwohl sie gefürchtet hatte, daß sie nicht erkannt werden würde, so war es doch zu schmerzlich und kränkend für ein Mutterherz, sich wirklich von ihrem geliebten Kinde mit Gleichgültigkeit behandelt zu sehen.
Nach einer Weile, als die Mutter ihr wieder nahte, schien eine unbestimmte Idee aus Lauras Seele zu schießen, daß dies keine Fremde sein könne; sie betastete daher die Hände derselben sehr eifrig, während ihr Antlitz den Ausdruck gespannten Interesses annahm; sie wurde totenblaß und dann plötzlich rot; die Hoffnung schien mit Zweifel und Ängstlichkeit zu kämpfen, und nie malten sich streitende Leidenschaften stärker auf einem menschlichen Antlitz. In diesem Augenblick peinlicher Ungewißheit zog die Mutter sie zu sich und küßte sie voll Liebe; jetzt leuchtete dem Kinde auf einmal die Wahrheit ein; alles Mißtrauen, alle Ängstlichkeit schwand, als sie sich mit dem Ausdruck der höchsten Freude an den Busen ihrer Mutter warf und sich ihren liebenden Umarmungen überließ.
Jetzt blieben die Perlen und jedes Spielzeug, das ihr angeboten wurde, gänzlich unbeachtet; ihre Gespielen, um derentwillen sie einen Augenblick vorher gern die Fremde verließ, strebten jetzt vergebens, sie von ihrer Mutter hinwegzuzerren; und obschon sie mit ihrem gewöhnlichen augenblicklichen Gehorsam auf mein Zeichen mir nachfolgte, so geschah dies offenbar nur mit schmerzlichem Zaudern. Sie hielt sich fest an mich, wie bestürzt und furchtsam; und als ich sie nach einem Augenblick wieder zu ihrer Mutter nahm, sprang sie in ihre Arme und umschlang sie mit lebhafter Freude. Die nachherige Trennung zwischen beiden zeigte sowohl die Liebe als auch die Intelligenz und Entschlossenheit des Kindes.
Laura begleitete ihre Mutter bis zur Türe, wobei sie sie fest umschlungen hielt; als beide an die Schwelle kamen, blieb sie stehen und fühlte rings umher, um zu wissen, wer in der Nähe sei. Als sie die Lehrerin bemerkte, welche sie sehr liebt, erfaßte sie diese mit der einen Hand, während sie sich mit der andern krampfhaft an ihre Mutter anklammerte. So blieb sie einen Augenblick stehen; dann ließ sie die Hand ihrer Mutter fahren, hielt das Schnupftuch an ihre Augen, wandte sich um und hielt sich schluchzend an die Lehrerin. Indessen entfernte sich die Mutter, nicht weniger bewegt als ihr Kind.
In früheren Berichten ist bemerkt worden, daß sie verschiedene Grade des Verstandes in andern unterscheiden kann und daß sie bald eine Neuangekommene mit Verachtung behandelte, wenn sie nach ein paar Tagen ihre Geistesschwäche bemerkte. Dieser nicht liebenswürdige Zug ihres Charakters hat sich in dem vergangenen Jahre immer mehr und mehr entwickelt.
Zu ihren Freundinnen und Gespielinnen wählt sie diejenigen Kinder, die verständig sind und am besten mit ihr reden können; hingegen ist sie nur höchst ungern in Gesellschaft derjenigen, denen es an Intelligenz mangelt, wenn sie nicht etwa ihrer zu ihren Absichten bedarf, was sie offenbar gern tut. Sie benutzt sie, läßt sich von ihnen bedienen, auf eine Art, wie sie wohl weiß, daß sie es nicht von andern verlangen kann; überhaupt zeigt sie auf mehrfache Weise ihr sächsisches Blut.
Sie hat es gern, wenn andere Kinder, nämlich solche, die sie leiden mag, von den Lehrern beachtet und geliebkost werden; doch darf dies nicht zu weit getrieben werden, sonst wird sie eifersüchtig. Sie will ihren Teil auch haben, welcher, wenn auch nicht der des Löwen, doch immer der größere ist; und wenn sie ihn nicht erhält, sagt sie: ›Meine Mutter wird mich lieben.‹
Ihre Neigung zur Nachahmung geht so weit, daß sie Handlungen vornimmt, die ihr ganz unbegreiflich sein müssen und die ihr kein anderes Vergnügen gewähren können als die Befriedigung einer innern Fähigkeit. Man hat sie halbe Stunden lang sitzen, ein Buch vor ihre gesichtlosen Augen halten und die Lippen dabei bewegen sehen, wie sie bemerkt, daß Sehende es machen, wenn sie lesen.
Eines Tages behauptete sie, ihre Puppe sei krank; sie hätschelte sie auf alle mögliche Weise und gab ihr Arznei ein; dann brachte sie sie sorgfältig zu Bett und legte eine Flasche mit heißem Wasser zu ihren Füßen, wobei sie in einem fort recht herzlich lachte. Als ich nach Hause kam, bestand sie darauf, daß ich zur Puppe hinginge und ihr den Puls fühlte; und als ich ihr sagte, sie solle ihr ein Zugpflaster auf den Rücken legen, schien sie sich ganz erstaunlich zu freuen und kreischte fast vor Entzücken.
Ihre geselligen Gefühle und ihre Neigungen sind sehr stark; wenn sie bei der Arbeit oder beim Lernen neben einer ihrer kleinen Freundinnen sitzt, unterbricht sie sich alle Augenblicke in der Arbeit, um ihre Nachbarin mit großem Eifer und rührender Wärme zu küssen.
Allein gelassen, beschäftigt und unterhält sie sich und scheint ganz zufrieden; ja so stark scheint das natürliche Streben ihrer Gedanken zu sein, sich in das Gewand der Sprache zu kleiden, daß sie in der Fingersprache oft Monologe hält, so langsam und beschwerlich dies auch ist. Jedoch nur wenn sie allein ist, verhält sie sich ruhig; denn wenn sie gewahr wird, daß sich noch jemand im Zimmer befindet, ruht sie nicht eher, als bis sie dicht neben ihm sitzen, seine Hände erfassen und durch Zeichen mit ihm sprechen kann.
Es ist erfreulich, in intellektueller Beziehung bei ihr einen unersättlichen Durst nach Kenntnissen und eine schnelle Auffassung der Beziehungen der Dinge untereinander zu beobachten. Noch mehr Vergnügen macht es, in ihrem moralischen Charakter ihre beständige Fröhlichkeit, ihre hohe Freude über ihr Dasein, ihr rückhaltloses Zutrauen, ihr Mitgefühl mit fremdem Leiden, ihr Selbstbewußtsein, ihre Wahrheitsliebe zu bemerken.«
Dies sind einige Fragmente aus der einfachen, aber höchst interessanten Geschichte von Laura Bridgman. Der Name ihres großen Wohltäters, der ihre Geschichte niedergeschrieben hat, ist Dr. Howe. Ich glaube sicherlich, daß es wenig Personen gibt, die, nachdem sie diese Bruchstücke gelesen, den Namen dieses Mannes je mit Gleichgültigkeit werden aussprechen hören.
Außer dem Bericht, aus dem ich einen Auszug entnommen habe, ist noch ein zweiter von Dr. Howe erschienen. Er schildert die schnellen geistigen Fortschritte seiner Schülerin während des nächsten Jahres und führt ihre kleine Geschichte bis zu Ende des vorigen Jahres fort. Es ist erstaunlich: Wie wir in Worten träumen und Unterhaltungen mit Luftgestalten fortspinnen, worin wir für uns und die Schatten reden, die uns in diesen nächtlichen Visionen erscheinen, so gebraucht Laura, da sie keine Worte hat, ihre Fingersprache im Schlafe. Und man hat beobachtet, daß, wenn ihr Schlummer unterbrochen oder sehr durch Träume gestört wird, sie ihre Gedanken auf unregelmäßige und verwirrte Weise durch ihre Finger ausdrückt, gerade wie wir unter ähnlichen Umständen undeutlich murmeln würden.
Ich blätterte in ihrem Tagebuch und fand es mit schöner, leserlicher, fester Hand geschrieben und in einem Stil, der ohne weitere Erklärung ganz verständlich war. Als ich sagte, daß ich sie gern selbst schreiben sehen möchte, gebot ihr der Lehrer, der neben ihr saß, in ihrer Sprache, ihren Namen ein paarmal auf einen Streifen Papier zu schreiben. Als sie dies tat, bemerkte ich, daß sie mit ihrer Linken stets der Rechten, in welcher sie die Feder hielt, nachfolgte. Es war durchaus keine Linie angegeben, allein sie schrieb trotzdem grade.
Bis jetzt wußte sie noch nichts von der Gegenwart eines Fremden, doch als sie ihre Hand in die des Herrn legte, der mich begleitete, schrieb sie sogleich dessen Namen in die Handfläche ihres Lehrers. Ihr Tastsinn ist in der Tat jetzt so ausgebildet, daß sie eine Person, mit der sie einmal bekannt geworden ist, fast nach jedem noch so langen Zeitraum wiedererkennt. Dieser Herr war, glaube ich, nur sehr selten in ihrer Gesellschaft gewesen und hatte sie sicher seit mehreren Monaten nicht mehr gesehen. Meine Hand stieß sie sogleich zurück, wie sie dies mit jedem Manne macht, der ihr fremd ist. Allein meine Frau hielt sie mit Vergnügen bei der Hand fest, küßte sie und untersuchte ihr Kleid mit mädchenhafter Neugier.
Sie war munter und fröhlich und zeigte viel unschuldige Schalkhaftigkeit im Umgang mit ihrem Lehrer. Ihr Entzücken, als sie eine ihrer liebsten Spielgenossinnen – selbst ein blindes Mädchen – erkannte, die schweigend und in freudiger Erwartung der kommenden Überraschung einen Sitz neben ihr einnahm, bot eine schöne Szene dar. Dies entlockte ihr, wie einige Male andere unbedeutende Umstände während meines Besuchs, einen häßlichen Laut, der fast peinlich zu hören war. Als ihr aber der Lehrer die Hand auf den Mund legte, enthielt sie sich dessen sogleich und umarmte ihre Gespielin lachend und liebevoll.
Ich war vorher in einem andern Zimmer gewesen, wo eine Anzahl blinder Knaben sich schwang, kletterte und mit verschiedenen Spielen unterhielt. Als wir eintraten, riefen sie alle dem Hilfslehrer, der uns begleitete, zu: »Sehen Sie einmal mich, Mr. Hart! Bitte, Mr. Hart, sehen Sie einmal!« So bezeigten sie auch hierin den ihrem Zustande eigentümlichen Wunsch, gesehen zu werden. Es befand sich ein kleiner lachender Bursche unter ihnen, der fern stand und sich mit gymnastischen Übungen zur Kräftigung der Arme und Brust unterhielt, woran er sich höchlich ergötzte, besonders wenn er etwa beim Ausstrecken seines rechten Armes mit einem anderen Knaben in Berührung kam. So wie Laura Bridgman war dieses Kind taubstumm und blind.
Dr. Howes Beschreibung des ersten Unterrichts dieses Zöglings ist so frappant und so eng mit Laura selbst verknüpft, daß ich mich nicht enthalten kann, einen kurzen Auszug daraus zu geben. Der arme Knabe heißt Oliver Caswell, ist dreizehn Jahre alt und war im vollen Besitz all seiner Sinne, bis er drei Jahre und vier Monate alt war. In dieser Zeit bekam er das Scharlachfieber: nach vier Wochen wurde er taub, einige Wochen darauf blind und in sechs Monaten stumm. Er bezeigte sein ängstliches Gefühl über diesen letzten Verlust dadurch, daß er oft die Lippen anderer Personen befühlte, wenn sie redeten, und dann seine Hand auf seine eigenen legte, als wollte er sich überzeugen, daß er sie noch in der rechten Lage habe.
»Sein Durst nach Kenntnissen«, sagt Dr. Howe, »offenbarte sich, sobald er in die Anstalt kam, durch seine eifrige Untersuchung eines jeden Dinges, das er in seiner neuen Umgebung fühlen oder riechen konnte. Als er zum Beispiel auf das Register eines Ofens trat, bückte er sich sogleich nieder, betastete es und entdeckte bald die Art und Weise, wie sich die obere Platte auf der unteren bewegte; allein dies war ihm nicht genug; er legte sich nieder auf das Gesicht, beleckte erst die eine und dann die andere Platte und schien zu merken, daß sie von verschiedenem Metall waren.
Seine Zeichen waren sehr ausdrucksvoll, und seine Natursprache, Lachen, Schreien, Seufzen, Küssen, Umarmungen usw., war vollkommen.
Einige der analogen Zeichen, die er sich (geleitet von seiner Nachahmungsfähigkeit) selbst gemacht hatte, waren sehr deutlich und leicht verständlich, zum Beispiel die wellenförmige Bewegung seiner Hand für die Bewegung eines Kahnes, die kreisförmige für die eines Rades usw.
Das erste, was man tat, war, ihm den Gebrauch dieser Zeichen abzugewöhnen und dafür rein willkürliche zu lehren.
Die Erfahrung benutzend, die ich in andern Fällen gemacht hatte, unterließ ich mehrere Schritte, die ich bei dem früheren Verfahren angewandt hatte, und begann sogleich mit der Fingersprache. Ich nahm daher mehrere Gegenstände, die kurze Namen haben, zum Beispiel Dose, Uhr usw., rief Laura zu meiner Unterstützung herbei, ergriff seine Hand und legte sie auf einen der Gegenstände; dann machte ich mit meiner eigenen die Buchstaben ›Uhr‹. Er befühlte eifrig meine Hand mit seinen beiden, und als ich die Buchstaben wiederholte, versuchte er augenscheinlich, die Bewegungen meiner Finger nachzuahmen. Nach einigen Minuten gelang es ihm, die Bewegungen meiner Finger mit der einen Hand zu fühlen und mit der andern mir nachzuahmen, wobei er herzlich lachte, wenn ihm dies gelang. Laura zeigte sich dabei sehr gespannt; überhaupt war es interessant, beide zu betrachten. Ihr Gesicht verkündete lebhafte, ängstliche Aufmerksamkeit, und ihre Finger verschlangen sich so eng mit den unsrigen, daß sie jeder Bewegung folgen konnte, ohne uns dabei zu hindern; Olivier stand aufmerksam dabei, hielt den Kopf etwas zur Seite und das Gesicht emporgerichtet, seine Linke erfaßte die meine, und seine Rechte hielt er ausgestreckt; bei jeder Bewegung meiner Finger verkündete sein Gesicht die gespannteste Aufmerksamkeit; man sah eine gewisse Ängstlichkeit in seinen Zügen, wenn er es versuchte, die Bewegungen nachzuahmen; dann stahl sich ein Lächeln auf sein Gesicht, wenn er glaubte, sie nachmachen zu können, welches in ein freudiges Lachen überging, sobald es ihm gelang und wenn er fühlte, daß ich ihm auf den Kopf und Laura ihm herzhaft auf den Rücken pochte und dabei fröhlich emporsprang.
Er lernte mehr als ein halb Dutzend Buchstaben in der halben Stunde und schien mit seinem guten Erfolg zufrieden, wenigstens damit, daß er Beifall erhielt. Dann begann seine Aufmerksamkeit zu ermatten, und ich fing an mit ihm zu spielen. Es war offenbar, daß er hierbei immer nur die Bewegungen meiner Finger nachgeahmt und seine Hand auf die Dose, Uhr usw. gelegt hatte, ohne weitere Wahrnehmung der Beziehung zwischen den Zeichen und dem Gegenstand.
Wenn er des Spielens müde war, nahm ich ihn wieder an den Tisch, und er war gern bereit, das Verfahren der Nachahmung von neuem zu beginnen. Er lernte bald die Buchstaben für Dose, Uhr usw. machen, und da ich ihm dabei wiederholt den bezüglichen Gegenstand in die Hand gab, bemerkte er endlich die Beziehung zwischen demselben und dem Worte; denn wenn ich die Buchstaben ›Dose‹ oder ›Uhr‹ machte, ergriff er allemal den rechten Gegenstand.
Die Wahrnehmung dieser Beziehung war jedoch bei ihm nicht von dem heitern Strahl der Intelligenz, der glühenden Freude begleitet, welche diesen schönen Moment bei Laura bezeichneten. Ich legte nun die Gegenstände auf die Tafel, ging mit den Kindern einige Schritte weg davon, buchstabierte mit Olivers Fingern das Wort ›Dose‹, und Laura ging und holte den Gegenstand herbei, Der Kleine schien dadurch sehr unterhalten und sah recht aufmerksam und heiter aus. Ich ließ ihn hierauf die Buchstaben ›Brot‹ machen; augenblicklich ging Laura und holte ihm ein Stück. Er roch daran, hielt es an seine Lippen, richtete mit listigem Blick den Kopf empor, schien einen Augenblick nachzudenken und lachte dann aus vollem Halse, als wollte er sagen: ›Aha! jetzt weiß ich, wie daraus was zu machen ist.‹
Es war jetzt klar, daß er Fähigkeit und Neigung zum Lernen hatte und bloß ausdauernder Aufmerksamkeit bedürfe. Ich übergab ihn daher einem verständigen Lehrer und zweifelte gar nicht an seinen schnellen Fortschritten.«
Wohl mag dieser Menschenfreund das einen schönen Augenblick nennen, wo eine ferne Aussicht auf ihren jetzigen Zustand in der umdunkelten Seele Laura Bridgmans zu schimmern begann. Während seines ganzen Lebens wird ihm dieser Augenblick eine Quelle reinen, unverwelklichen Glückes sein und wird nicht weniger hell am Abende seiner der leidenden Menschheit gewidmeten Tage strahlen.
Die Neigung zwischen beiden – dem Lehrer und der Schülerin – ist ebenso fern von aller gewöhnlichen Aufmerksamkeit und Rücksicht, wie die Umstände, unter welchen sie entstand und gepflegt wurde, fern von den gewöhnlichen Vorfällen des Lebens sind. Er beschäftigte sich jetzt damit, Mittel und Wege zu ersinnen, um ihr höhere Kenntnisse und einen Begriff von dem großen Schöpfer jenes Weltalls beizubringen, in welchem, so dunkel und still es für sie auch ist, sie sich ihres Daseins so innig freut.
Ihr, die ihr Augen habt und nicht seht, die ihr Ohren habt und nicht hört; ihr, die ihr seid wie die Heuchler mit trübseligen Mienen und die ihr euer Antlitz verzerrt, um die Menschen glauben zu machen, daß ihr fastet, lernt reinen Frohsinn und ruhige Genügsamkeit von den Taubstummen und Blinden. Ihr selbstgewählten Heiligen mit finstern Stirnen, dies gesichtslose, gehörlose, sprachlose Kind kann euch Lehren geben, denen zu folgen euch wohl anstünde. Laßt seine arme Hand sanft auf eurem Herzen ruhen; denn vielleicht hat sie eine ähnliche Heilkraft wie die des großen Meisters, von dessen Liebe und Sympathie für die ganze Welt nicht einer unter euch so viel weiß wie viele der Schlechtesten unter jenen Gefallenen, gegen die ihr mit nichts freigebig seid als mit dem Geschrei der Verdammung!
Als ich aufstand, um aus dem Zimmer zu gehen, kam ein hübsches kleines Kind hereingerannt, um seinen Vater zu begrüßen. Für den Augenblick machte ein Kind mit sehenden Augen unter dem blinden Haufen fast einen ebenso schmerzlichen Eindruck auf mich wie vor zwei Stunden der blinde Knabe vor dem Hause. Oh, um wieviel heller und heiterer schien mir jetzt die Landschaft draußen, im Vergleich mit der Dunkelheit so vieler jugendlicher Wesen drin!
*
In Süd-Boston, wie es genannt wird, in einer vortrefflichen Lage, befinden sich mehrere wohltätige Anstalten nebeneinander. Eine derselben ist das Staatshospital für Geisteskranke, das auf bewundernswürdige Weise nach jenen aufgeklärten Grundsätzen der Güte und Aussöhnung geleitet wird, die vor zwanzig Jahren für die ärgste Ketzerei gegolten hätten und welche mit so vielem Erfolg in unsrem Armenasyl zu Hanwell beobachtet werden. »Man muß Vertrauen selbst gegen Geisteskranke zeigen«, sagte der Arzt des Hospitals, als wir in den Galerien umhergingen, während sich seine Patienten ungezwungen um uns versammelten. Von denen, die die Weisheit dieses Satzes bezweifeln oder leugnen, wenn es überhaupt solche gibt, kann ich bloß sagen, daß ich nicht aufgefordert werden möchte, als Geschworner über sie zu entscheiden, ob sie geisteskrank sind oder nicht; denn ich würde sie sicherlich bloß auf dieses Zeugnis hin für sinnlos halten.
Jede Abteilung in dieser Anstalt ist wie eine lange Galerie gebaut, nach welcher sich zu beiden Seiten die Schlafgemächer der Patienten öffnen. Hier arbeiten sie, lesen, spielen Kegel und andere Spiele, und wenn das Wetter ihnen nicht erlaubt auszugehen, bringen sie den ganzen Tag hier zu. In einem dieser Säle saßen, als wenn es so sein müßte, unter einer Menge schwarzer und weißer geisteskranker Weiber des Arztes Gattin und eine andere Dame nebst ein paar Kindern. Beide waren schön, und man konnte gleich auf den ersten Blick bemerken, daß ihre Gegenwart hier einen höchst wohltätigen Einfluß auf die Kranken übte, die sich um sie gruppiert hatten.
Den Kopf an den Kaminsims gelehnt, mit großer Würde und höchst vornehmer Miene, saß eine ältliche Frau, mit so vieler Lappen und bunten Schnitzeln behängt wie Madge Wildfire. Besonders war ihr Kopf ringsum so besteckt mit Stückchen Gaze, Kattun, Papierstreifen und allerhand zusammengesuchten Läppchen, daß er wie ein Vogelnest aussah. Sie strahlte von falschen Juwelen und trug eine ohne Zweifel echt goldene Brille; als wir uns ihr näherten, legte sie mit vielem Anstand eine seht alte, zerrissene Zeitung in ihren Schoß, in welcher sie vermutlich eine Schilderung ihrer eigenen Vorstellung an irgendeinem auswärtigen Hofe gelesen hatte.
Ich habe sie deshalb so genau beschrieben, weil ich sie als Beispiel für die Art und Weise des Arztes, sich das Vertrauen seiner Patienten zu erwerben und zu erhalten, anführen will.
»Diese Dame«, sagte er laut, indem er mich bei der Hand nahm und mit großer Höflichkeit zu der phantastischen Gestalt hinführte, wobei er auch nicht durch den flüchtigsten Seitenblick oder das leiseste Flüstern ihren Argwohn erregte, »diese Dame ist die Gastgeberin dieses Hauses. Es gehört ihr. Niemand weiter hat was darin zu befehlen. Es ist eine große Anstalt, wie Sie sehen, und erfordert eine große Anzahl von Dienern. Sie lebt, wie sie bemerken, im vornehmsten Stil. Sie ist so gütig, meine Besuche anzunehmen und meiner Frau und Familie zu erlauben, daß wir hier wohnen. Sie ist äußerst höflich, wie Sie bemerken« – auf diesen Wink verbeugte sie sich sehr herablassend –, »und wird mir das Vergnügen gönnen, Sie ihr vorzustellen: ein Herr aus England, Madame, just von England angekommen, und zwar nach einer sehr stürmischen Überfahrt: Mr. Dickens – die Dame des Hauses!«

Fauna | Der Sperlingsvater der Tuileries

Im Pariser Tuileriengarten gab es viele Jahre lang ein alltägliches Idyll der besonderen Art.
Um die Mittagsstunden erschien ein nachlässig gekleideter, mit einem unmöglichen Filzhut bedeckter und überhaupt wenig anmutig wirkender alter Herr, der sofort der Mittelpunkt einer wahren Vogelwallfahrt wurde. Von allen Seiten flogen die zahllosen Spatzen des Gartens herbei, setzten sich dem Herrn »Pol« auf den Kopf, die Arme, die Hände, und gaben durch ihr ganzes Gebahren zu erkennen, dass zwischen diesem Mann und ihnen eine innige Beziehung obwaltete; vielleicht noch obwaltet, wenn Monsieur Pol noch leben sollte, und falls der Krieg die zarten Fäden zwischen ihm und der Vogelwelt nicht zerstört hat.
Niemals ist beobachtet worden, dass er die Tierchen »abrichtete« oder durch Kunstgriffe zähmte; sie gehörten eben zueinander, wie die Wesen im Urzustand nach dem Bild, das die Dichter vom goldenen Zeitalter entwerfen. Dass Monsieur Pol die Taschen voller Körner und Brosamen hatte, versteht sich von selbst, konnte aber für die Tatsache nur als Begleitmotiv gelten; denn tausend andere füttern die Vögel, ohne im entferntesten einen derartigen Freundschaftsgrad zur gefiederten Welt zu erzielen.

Foto: Gerhard Bögner
Foto: Gerhard Bögner

Das Merkwürdigste aber war, dass die zahllose Schar von Sperlingen ihm gegenüber keine unterschiedslose große Masse bedeutete, sondern individualisiert war, wie die Schüler einer Klasse. Jeder einzelne Sperling hatte seinen Namen und kannte ihn: Jacques, Philippe, Josephe, Mirabeau, Général Hoche, Jean und Jeannette, und jeder folgte dem Namensanruf umgehend.
Monsieur Pol hatte anfänglich mit den Gärtnern zu kämpfen, denen die Menschenaufläufe unbequem waren. Allein die höheren Instanzen verschafften ihm freien Weg wie staatliche Anerkennung, und eines Tags konnte sich der Vogelzauberer seiner piependen Gemeinde als Ritter der Ehrenlegion vorstellen.

Architektur | Le Corbusier | Notre Dame du Haut

Skizzen | Le Corbusier, Mein Werk, Verlag Gerd Hatje, 1960 | (c) SPADEM/COSMOPRESS
Skizzen | Le Corbusier, Mein Werk, Verlag Gerd Hatje, 1960 | (c) SPADEM/COSMOPRESS

Die Kirche in Ronchamp, auf einem Berg in der Burgundischen Pforte gelegen,dient nicht einer Pfarre, sondern Pilgern. Sie strömen an Festtagen herbei, um vor dem Gnadenbild Notre Dame du Haut zu beten und mit dem Priester das Messopfer zu bringen.

Le Corbusier hat diese Kirche geschaffen. Mittelpunkt des Grundrisses der Kapelle ist ein Dreieck, auf dessen Grundlinie die Altarwand steht. In die Altarwand ist ein Glasgehäuse mit dem Gnadenbild eingelassen, dass es zugleich für den Gottesdienst auf dem Pilgerplatz an der Außenfront dienen kann.
Von der Nord- und Westwand her „fließt“ der Kapellenraum in die halbrunden Nischen und Nebenräume, in denen Altäre stehen. Der Grundriss, der aus Rechtecken, Dreiecken und Halbkreisen besteht, bietet Räume für vier verschiedene Gruppen: im Schiff finden 200 Menschen Platz, in den Kapellen Gruppen von 10, 20 und 30 Gläubigen.

Der Grundriss lässt erkennen, dass die Wände in diesem Bau nicht rechtwinklig aufeinander treffen sondern in spitzen und stumpfen Winkeln; Decken und Wände kurven und biegen sich zu Kreisen und Halbkreisen.

Notre Dame du Haut - Grundriss | | Le Corbusier, Mein Werk, Verlag Gerd Hatje, 1960 | (c) SPADEM/COSMOPRESS
Notre Dame du Haut – Grundriss | | Le Corbusier, Mein Werk, Verlag Gerd Hatje, 1960 | (c) SPADEM/COSMOPRESS

Dem Grundriss entspricht auch der gebaute Raum. So hängt die Decke wie eine große Zeltplane über dem Innenraum und wölbt sich, fast freitragend, auch über den Pilgerplatz. Tiefe unregelmäßige Fensterschächte durchbrechen die Südwand: die Strahlenbündel fallen unter verschiedenen Winkeln weit gestreut in das Innere der Kirche. Die Innenwände der Kapelle sind mit großen Farbflächen bemalt. Alle Bildwerke und Plastiken stammen von Le Corbusier, der damit ein Werk geschaffen hat, das Baukunst, Malerei und Plastik miteinander verbindet.

Unsere Liebe Frau von der Höhe | Notre Dame du Haut

Der 1950 bis 1955 nach Plänen des französisch-schweizerischen Architekten Le Corbusier errichtete Kirchenbau zählt zu den berühmtesten seiner Art in der architektonischen Moderne. Aufgrund seiner zahlreichen visuellen Metaphern, des Reichtums seiner Raumgliederung sowie seines Vorbildcharakters gilt er als Ikone der Architektur. Seit Juli 2016 ist er zudem offiziell als UNESCO-Weltkulturerbe gelistet.

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Ronchamp ist eine französische Gemeinde im Département Haute-Saône (Region Bourgogne-Franche-Comté) mit ca. 3000 Einwohnern. Ronchamp liegt am Fuß der Vogesen. Er gehört zum Regionalen Naturpark Ballons des Vosges.

Weitere Sehenswürdigkeiten: Die neogotische Pfarrkirche im Ortskern stammt aus dem 19. Jahrhundert, so wie der Puits Sainte-Marie genannte Schacht einer ehemaligen Kohlenzeche, deren Geschichte in dem Bergwerksmuseum Marcel Maulini geschildert wird. Das Steinkohlebecken besteht aus drei übereinander liegenden Kohleadern von 40 cm bis 3 Metern Dicke. Der Abbau erfolgte 1904 bis 1958 bis zu einer Tiefe von 994,64 Metern; seit 1946 war die Zeche verstaatlicht. In der Blütezeit dieser Zeche, 1860, waren hier 1503 Bergleute beschäftigt.

Die offizielle Webseite zur Wallfahrtskirche: http://www.collinenotredameduhaut.com/

MakroVideo | Schwebfliege bei der Nahrungsaufnahme

 

An den modernden Wurfboden einer Fichte schmiegt sich der Mann an und harrt mit halb geschlossenen Augen. Müdigkeit reißt seinen Kopf herab, er wirft ihn wieder hoch. Seltsame Bilder tauchen vor ihm auf, die ihm seine überreizten Nerven vormalen. Die rote Spinne, die dicht vor seinen Augen hängt, erscheint ihm als ein rotes Stück Wild, das dort hinten auf der Lichtung steht, bis er lächelnd seinen Fehlblick gewahr wird. Und wieder werden seine Augen groß, denn da unten schwebt der Schwarzstorch. Aber es war nur eine Schwebfliege, die vor seiner Stirn in der Luft stand. Dann hört er Lieder aus dem Gebrumme der Fuhren, Lieder aus seiner Burschenzeit, und dazwischen einen schluchzenden Ruf von einer, die einst von ihm unter Tränen Abschied nahm. Und Wellen hört er schlagen gegen das Schiff, das ihn der Blonden entführte. – Aus: Hermann Löns: Tiergeschichten

Menschenbilder | Vom Wandregal meines Kinderzimmers zur Bionik ¦ Gastbeitrag

Das Zimmer, in dem ich aufwuchs hatte ein großes Wandregal. Neben den üblichen Bestandteilen eines Kinderzimmer sind dort so einige skurrile Erinnerungsstücke abgelegt worden: Fußballtrophäen (die Art, die sie einem allein für die Teilnahme überreichen – also keine Siegerpokale), verschiedene Henkelmänner, und ein Paar Stepptanz-Schuhe, die ich während einer Grundschulaufführung von „Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten“ trug. Der prominenteste Platz war jedoch für ein altes Paar Rennwagen reserviert – eines in blau, das andere in rot.

Diese Autos haben für mich eine besondere Rolle in meiner Adoleszenz gespielt. Sie wurden montiert und hatten nur eine Aufgabe: zu repräsentieren. Zufriedengeben wollte ich mich damit dann doch nicht. Wenn meine Mutter in die Wäscherei ging, drehte ich die Schrauben heraus, die die Wagen auf ihren Sockeln fest hielt um ein Rennen zu veranstalten.
Mein bevorzugter Veranstaltungsort war der Flur der zur Küche führte. Er hatte solide Dielen, und war ein perfekter Ort für Blau und Rot um richtig auf Touren zu kommen. Auf dieser Strecke erlebte ich einige ziemlich mutige, ja waghalsige Kämpfe. Die beiden Autos taten alles um zu gewinnen; oft ineinander verheddert um sich dann loszureißen oder sie nahmen riskante Abkürzungen unter den Möbeln hindurch. Die Auseinandersetzungen wurden besonders brutal, wenn ich eine kleine Rampe aus Comic-Büchern gebaut hatte; dann verlagerte sich der Kampf zeitweilig in der Luft.
Am Ende aber zollte die Härte der Rennen ihren Tribut. In meiner Pubertät angelangt, wurden die Autos bis zur Unkenntlichkeit zerschrottet. Die vorderen Kotflügel wurden durch die Kollisionen mit den Fußleisten abgerissen, und es gab sogar Zahnabdrücke auf ihren Reifen, verursacht durch meinen Hund Calvin, der die Rennen all zu oft als Spielaufforderung sah. Zu diesem Zeitpunkt erschien es nur fair, sie endlich in ihren verdienten Ruhestand zu schicken. Ich ließ sie nur auf ihren Sockeln stehen und den Staub des Frieden über sie rieseln.

Die Erfahrung, die ich mit diesen Autos hatte bei mir mehr als den Spieltrieb geweckt. Es war der Beginn einer lebenslangen Liebe zu Modellbauten. Nach Blau und Rot kam das Piratenschiff; ein perfekte Ausgabe der Blackbeard; eine Miniatur-Rakete und ein paar Dinosaurier in angemessener Größe. Wenn es sich um ein Modell von etwas war, das einmal real existierte, war ich vollkommen fasziniert. Ich liebte und liebe diese Kunstfertigkeit, die in der Herstellung der Nachbauten steckt. Heute lasse ich Dronen fliegen und entwickle eigene Modelle.

Seither beschäftigt mich eine grundlegende Frage: Ist es möglich, wirklich überzeugend und massetauglich die Feinheiten der Natur reproduzieren? Eine schwierige Frage. Genau wie die Frage, ob Rot oder Blau der Schnellste war. Vermutlich hat mich das dazu bewogen Bionik zu studieren und die Übertragung von Mechanismen und Techniken der Natur zu meinem Lebensinhalt zu machen. Derzeit belege ich Gastsemester in den USA.

–  Jörg Francke derzeit Kalifornien

René Schickele ⊗ Über die Pfingstrose

Pfingstrosen

Pfingstrose-907763_1280-helendraves0Mit der Zeit sind sie eine feine Familie geworden. Nur in auserlesenen Kreisen bekannt und nicht zuletzt wegen dieser Abgeschlossenheit hochgehalten.

Ich habe sie im Garten abseits zu einem Familientag zusammengesetzt. Der Familientag findet um Pfingsten herum statt. Jedes Mitglied kommt einzeln.

Ob sie männliche oder weibliche Namen führen, alle sind Frauen.

Wenn sie endlich versammelt sind, benimmt sich jede, als säße sie ganz allein und lege vor Gott und ihrem Gewissen eine Prüfung in Eleganz und seelenvollem Ausdruck ab.

Möglich, daß Gott und Gewissen nur andre Namen sind für einen Spiegel, den das Menschenauge ebensowenig sieht.
Fast alle sind zart und nachlässig und duften von Liebesbereitschaft. Sie haben eine schwache Gesundheit oder täuschen sie vor.

Pfingstrose-800109_1280-AbelkeManche scheinen so hinfällig, daß sie schier vergehn im Augenblick, wo sie erblühn. Auf ihrer weißen Brust erscheinen dann Blutflecken in Form von züngelnden Flammen.

Einige tragen wie echte Adelige den Namen von Ortschaften und Provinzen (Triomphe de Lille, Straßburg, Gloire de Lorraine, Königswinter, Duchesse de Nemours), die Feinsten werden mit »Durchlaucht« und »Hoheit« angeredet.

Da ich die Namen, wie sie im Gotha der Gärtner stehn, leicht vergesse, habe ich die meisten umgetauft. Diese Namen behalte ich, denn für mich hießen sie schon immer so: »Lendemain«, »Mondschein«, »Entzückende Migräne«, »Morgenröte«, »Die Braut« . . .

»Die Braut« blüht wie eine gefüllte Alabasterschale.

Die Blätter, die die Schale bilden, sind fest, ebenmäßig gerundet und glänzen von einem seidigen Firnis. Die Fülle der inneren Blätter erreicht nicht ganz den Rand der äußeren, so daß sich die Blume wirklich in ihrer eigenen Schale darbietet . . . Im Innern stehn die Blätter dicht gedrängt und gekräuselt – erstarrt in einem Schauer . . .

»Die Braut« schimmert wie Elfenbein, also je nach der Beleuchtung blendend weiß oder gelblich. In dem Weiß gibt es winzige Blutspritzer . . .

Und wo das bißchen Blut sitzt, halten die Blätter sich scheu zur Seite.

Im übrigen ist sie prall wie sonst keine, hält sich ordentlich und verrät als einzige Gemüt und Sinn für Häuslichkeit.

Pfingstrose-139407_1280-stuxDie Fachleute und andre Zeremonienmeister des Gartens empfehlen, die zarten Geschöpfe, die nur aus blühender Haut bestehn, in Korsette zu stecken, indem man den Busch mit einem Drahtring versieht. Darauf sind sie verfallen, weil die Häupter jeder Päonienfamilie die Neigung haben, möglichst weit Abstand voneinander zu nehmen. Und da sie ihren Stuhl nicht rücken können, bleibt ihnen nur die Flucht unter den Tisch. So kann es geschehn, daß sie alle miteinander auf dem Boden liegen. Wenn es dann regnet, werden sie schmutzig . . .

Das Anlegen eines Korsetts konnte ich ihnen nicht zumuten, ich hätte mich für sie geschämt. Dieses Jahr hat es aber so viel gewindet und geregnet, es ist ihnen so schlecht dabei ergangen, daß ich sie nunmehr mit einer Leibgarde von schmalgebauten, steifen sibirischen Iris umgeben werde.

Diese Hellebardiere mögen die Damen auffangen, wenn sie bei ihrem Familientag in Ohnmacht fallen.

Man sollte die Nachbarschaft der Blumen nicht nur nach ihren Farben bestimmen, sondern mindestens ebenso sehr nach ihrem Duft. Mit der Zeit wird der Geruchsinn des Blumenliebhabers (falls er wirklich ein » Amant«, ein Liebhaber ist) fast stärker als das Gesicht, und dann entsteht ein ganz neuer Garten – einer, den die Nase ordnet.

Der Duft der Federnelken mischt sich wunderbar mit dem der Pfingstrosen, auch Goldregen und Rosen vermählen sich gut mit ihnen. Flieder tut ihnen weh, zumal wenn er im Verblühen ist, die Glyzinie schlägt sie tot, und wenn Taglilien in der Nähe stehn, riecht es ausschließlich nach parfümeriertem Pudel.

Pfingstrose-806086_1280-846654Auf die Frage, warum er niemals Pfingstrosen für seine Vasen ins Haus nehme, antwortete ein Gartenfreund: »Unmöglich! Nachts werden sie wild!«

Er sagte es leise, als spräche er von Gespenstern.

Das Wesen der Pfingstrose: Trägheit, aus schwermütigem Leichtsinn geboren . . . Im Grund ist sie eine Odaliske, die unsere Zivilisation überzüchtet und verdorben hat.

Sie will nicht tief gepflanzt sein und wartet nach der Pflanzung gern ein Jahr und länger, bis sie blüht.

Die Stammeltern, der Mann (ein richtiger Mann) rot, die Frau (eine richtige Frau) weiß, finden sich in allen Bauerngärten. Sie zeigen die Vorzüge der Sippe, jedoch unverdünnt, unvermischt und so kräftig, daß die Metzger sie gern in ihre Schaufenster stellen.

Der Schweinskopf verträgt sich nicht schlecht mit ihnen, zumal wenn er mit Lorbeerblättern geschmückt ist.


Redaktion Piet Marsfeld

Himmlische Landschaft – René Schickele
Essays – Erstveröffentlichung – 1933

Wilhelm Bölsche ℜ Eiszeit und Klimawechsel

Eiszeit und Klimawechsel

Der Wanderer im Riesengebirge, der auf einem früher fast ungangbaren, neuerlich etwas gebesserten Pfade von der sogenannten großen in die kleine Schneegrube klettert, sieht sich vor dem bedeutsamsten Landschaftsbild.

Tief herabschleifende und schattende Wolken, eine im Riß auftauchende unermeßliche Fernsicht sonnenbeglänzter Talweiten, das bezeichnende Knieholz (Legföhren), das sich wie ein tiefgrünes Riesenmoos zwischen die grauen Verwitterungsscherben des Gesteins schmiegt, erwecken den unzweideutigen Eindruck großer Höhe. Wo der zerfressene Granitgrat sich in die kleine Grube senkt, erscheint in dieser eine liebliche Alpental-Matte, je nach der Jahreszeit mit violettbraunem Türkenbund, rosig angehauchtem weißem Berghähnlein (Narzissenanemone) und den hohen Stauden tiefblauen Eisenhuts und Enzians in dichtem Pflanzenfilz über murmelnden Wassern. Unwillkürlich sucht der Blick im tiefsten Grunde der Matte den Gletscher, der aber fehlt.

Um so deutlicher prägen die Spuren sich aus, daß er einmal da war. Man glaubt noch zu erkennen, wo er zuletzt, den großen Grubenkessel ausräumend, geruht hat, – sieht niederschauend vor den ersten dickpelzigen Gebirgsfichten unten den gewaltigen Schuttring, den er schmelzend, ersterbend, zurückweichend als Seiten- und Stirnmoräne aus dem Gestein, das ursprünglich in sein kriechendes Eis eingebacken war, gehäuft. Ein kleiner Schneefleck zeigt sich öfter auch sommerlich noch am innersten Grubenhang erhalten, – offenbar mangelte sehr wenig, den Eisriesen selber wieder aufzuerwecken. Hier, wo die Volkssage Rübezahl umgehen läßt, scheint auch sein Gespenst noch greifbar zu spuken.

Aber am Knieholzpfad zwischen den Granitscherben fesselt ein kleines Pflänzchen, das, bescheiden an den Boden geschmiegt, mit rötlichen, nach Vanille duftenden Glöckchen nickt. Es ist die vielbesagte Linnaea borealis, und sie ist in der Tat ein noch lebender Zeitgenosse des alten Gletschers selbst. Mit einer weißen Steinbrechart auf dem Basaltgang der andern Grubenseite, der dem Botaniker noch köstlicheren Saxifraga nivalis, und ein paar ähnlichen Seltenheiten ist sie noch zugehörig zu der wirklichen Hochalpenwelt, die vormals hier bestand. Die eigentliche Heimat dieser Irrgäste, im Geiste weithin über die ganze deutsche Tiefebene da unten und die Ostsee dazu gesucht, sind Island, Lappland, Norwegen, Schweden, wo einst diese unscheinbare und doch so liebliche Linnaea den Namen des großen Linné selber erhielt. Von dort sind die verscheuchten Polarkinder bis hierher getrieben worden vom unaufhaltsam vorrückenden Eis.

So erzählen sie uns noch, daß damals nicht nur Gletscher hier wie ungeheure Eiszapfen des nie tauenden Firnschnees herabhingen, sondern daß auch jene ganze Meeresfläche und Ebene von Skandinavien bis zum deutschen Sudetenfuß unter einer einzigen unermeßlichen blauen Glasschale von Inlandeis (Binneneis) lag. Als das wieder schwand, sind sie am eigenen Gletscher des Gebirges noch geblieben. Und als auch der endlich schmolz, dauerten sie allein – die Winzigen, Vergessenen neben dem sich weiter wendenden Schritt der Riesenzeit – bis heute. Diese Pflänzchen sind nicht bloß starres Gespenst, die sind noch lebendig zu uns hereinragende Zeugen – – der Eiszeit.

Mit einem einzigen Blick glaubt man, an solchem lehrreichen Fleck gelagert, die große Frage dieser »Eiszeit« nicht bloß naturgeschichtlich, sondern auch rein geschichtlich in den Stufen ihres Werdens im Menschengeiste zu überfliegen.

Es sind heute nicht ganz hundert Jahre, daß kein geringerer als Goethe (der bekanntlich auch ein recht tüchtiger Geolog war) die Worte niederschrieb: »Zu dem vielen Eis brauchen wir Kälte. Ich habe eine Vermutung, daß eine Epoche großer Kälte wenigstens über Europa gegangen sei. – Damals gingen die Gletscher des Savoyer Gebirges bis an den (Genfer) See, (wobei) sie die noch bis auf den heutigen Tag auf den Gletschern niedergehenden langen Steinreihen, mit dem Eigennamen Goufferlinien benannt, ebensogut durch das Arve- und Dransetal herunterziehen und die oben sich ablösenden Felsen unabgestumpft und -abgerundet in ihrer natürlichen Schärfe bis an den See bringen konnten, wo sie uns noch heutzutage bei Thonon scharenweise in Verwunderung setzen.« [Fußnote] Die denkwürdige Stelle ist datiert vom 5. November 1829, Goethes Gedanken zur Sache gehen aber mindestens um ein Jahrzehnt weiter zurück.

In diesen paar Sätzen ist gleichsam schon die »Urzelle« der ganzen Eiszeitlehre enthalten. An ein paar natürliche Scherben knüpft sie an, ähnlich denen des kleinen Moränenwalles dort, den der sterbende Schneegrubengletscher hinterlassen, wie ein schmelzender Schneemann einen Schmutzfleck hinterläßt. Bloß ein paar größere Scherben noch, einzelne Riesenscherben wie ungeheure Blöcke groß. Solche Scherben lagen rings um die Schweizer Hochalpen zerstreut, vielfach weitab von den heutigen Gletschern. Trotzdem sahen sie mit ihren scharfen Bruchflächen nicht aus, als seien sie vom Wasser verrollt. Eine kühne geologische Idee, die damals umging: die ganzen Alpen seien einer wilden vulkanischen Explosion verdankt, bei der solche Blöcke wie vulkanische Wurfbomben herumgespritzt wären, fand auch nicht jedermanns Beifall. (Goethe nannte sie eine »vermaledeite Polterkammer«.) So kam man auf genau den Gedanken, mit dem Partsch uns viel später hier die Schneegruben enträtselt hat: die Schweizer Gletscher waren einst auch bis dahin gegangen, wo heute die Blöcke liegen. Sie hatten die riesigen verwitternd abgesprengten Felsscherben des Hochgebirges, die oben auf sie gestürzt oder unten von ihrer stets rutschenden Sohle eingeklemmt worden waren, selber damals soweit verschleppt. Größere Gletscher offenbar, als heute, – Ergebnis einer offenbar feuchtkälteren Zeit. Schlichten Schweizer Gemsjägern soll die einfache Logik zuerst gekommen sein, – vielleicht ist sie von ihnen zu den damals noch spärlichen fremden Gebirgskletterern (bei denen auch Goethe war) weitergegeben worden.

Aber solche ungeschlachten Steinkerle lagen, fremd ihrem Ort, auch da unten mitten im norddeutschen Sand bis zur Ostsee herab verstreut, – wer sollte sie dahin gebracht haben? Der Volksscherz läßt sie in einer Nacht vom Teufel verschleppt sein; aber das konnte wohl schon in des Walpurgisdichters Zeiten nicht mehr gut als wissenschaftliche Theorie gelten. Ein märkischer oder mecklenburgischer Geheimvulkanismus, der aus (allerdings vorhandenen) tiefen Bodenlöchern heraus gewirkt hätte, schien noch weniger rätlich als in den Alpen. Durfte man also annehmen, auch die alten Riesengebirgsgletscher hier wären in jener Kältezeit etwa so riesig gewesen, daß sie bis Fürstenwalde bei Berlin gereicht hätten? Wo doch ein solcher Block lag, der eine der sogenannten Markgrafensteine, aus dessen 1600 Zentner schwerem Teilstück man die 7 m klafternde Granitschale im Berliner Lustgarten gemacht und noch ein paar andere städtische Denkmäler dazu?

Dem Gedanken widersetzte sich schon zu Goethes Tagen entschieden eins. Das Gestein dieser norddeutschen Irr- oder Erratischen Blöcke entsprach nicht unsern deutschen Gebirgen hier, wohl aber wie ein abgebrochener Henkel seiner Tasse denen des fernen Skandinavien. Hätten also schwedische und norwegische Gletscher über die ganze Ostsee fort bis Berlin gereicht? Vor dieser Kühnheit staute sich noch einmal die Theorie, hören wir abermals dazu Goethe selbst, der auch hier an der Spitze marschierte. »Bergrat Voigt zu Ilmenau, – als wir uns lange über die wunderbaren Erscheinungen der Blöcke über Thüringen und über die ganze nördliche Welt ausgebreitet öfter besprachen und wie angehende Studierende das Problem nicht loswerden konnten, geriet auf den Gedanken, diese Blöcke durch große Eistafeln herantragen zu lassen; denn da es unleugbar schien, daß zu gewissen Urzeiten die Ostsee bis ans sächsische Erzgebirge und an den Harz herangegangen sei, so dürfte man natürlich finden, daß bei laueren Frühlingstagen im Süden die großen Eistafeln aus Norden herangeschwommen seien und die großen Urgebirgsblöcke, wie sie unterwegs an hereinstürzenden Felswänden, Meerengen und Inselgruppen aufgeladen, hierher abgesetzt hätten. Wir bildeten mehr oder weniger dieses Phänomen in der Einbildungskraft aus, ließen uns die Hypothese eine Zeitlang gefallen, dann scherzten wir darüber; Voigt aber konnte von seinem Ernst nicht lassen.« Voigt ist schon 1821 gestorben, die Gespräche müssen also weiter zurückliegen. Jedenfalls hat aber auch Goethe die Sache später nicht immer bloß scherzhaft genommen. Und in den 30er Jahren hat der Engländer Lyell sie als eigene sogenannte Drift-(Treibeis)Theorie so nachhaltig in die Fachgeologie eingeführt, daß sie fast ein halbes Jahrhundert dort herrschend bleiben sollte. Aber die wahren Wunder der Eiszeit waren doch noch größer als selbst diese Theorie.

Wenn Gletscher sich langsam dahinschieben (und immer schieben sie sich so, oben belastet vom neu vereisenden Firnschnee, unten abschmelzend wie eine zähflüssige Riesenträne), so schreiben sie auf ihre Unterlage eine seltsame Hieroglyphenschrift. Die eingebackenen Steinscherben ihrer Sohle polieren und schrammen wie Nägel eines groben Bergschuhs den darunterliegenden Fels. Es hat lange gedauert, bis man auch dieser Naturschrift Herr wurde, wie der Geschichtsforscher mühsam erst Keilschrift und echte Hieroglyphen entziffern gelernt hat. Wer sie aber durchschaut hat, der weiß, daß, wo ehemals ein Gletscher gekrochen ist, man an dieser geheimen Radierung und Krakelschrift sein Dasein noch ablesen kann, auch wenn er längst dahingeschwunden, – genau so, wie wir die Taten der alten assyrischen und ägyptischen Könige noch lesen, Jahrtausende, nachdem sie mit ihrer ganzen Generation vergangen. Und es geschah im Jahre 1875 (Goethe ruhte allerdings jetzt längst in seiner Fürstengruft), daß ein Schwede, Torell, eine solche Hieroglyphenschrift auch mitten in der Mark entdeckte. Rüdersdorf heißt der Ort. Nahe dem blauen Müggelsee, vom hohen Turm sieht man noch den Rauch von Berlin. Muschelkalkfels stößt als willkommener Baustein hier inselhaft aus dem unendlichen Sandmeer der Reichsstreusandbüchse. Auf der empfindlichen Haut dieses alten Kalksteins aber fand jener Schwede damals bei flüchtigem Besuch die Hieroglyphe des Gletschers, hier waren nicht Eisberge oder Eisschollen hoch hinweg gefahren, sondern der alte Gletscher selbst hatte in fester Fron auf den Schichtenköpfen des noch älteren Bodengesteins gelastet, es bald streichelnd und polierend, bald kratzend, wie das auch bei menschlicher Fron wohl üblich ist. Heute steht ein Gedenkstein, selber ein schwedischer Findling, in der Nähe der ewig bedeutsamen Stelle, nachdem der rastlos weiterschreitende Bergwerksbau die eigentliche Urkunde längst getilgt. Als am Abend jenes Tages aber Torell in der Sitzung der Deutschen Geologischen Gesellschaft zu Berlin seinen Bericht erstattete, da starb die Drifttheorie nach vieljährigen treu geleisteten Diensten. Und es entstand dafür jetzt wirklich jener kolossale Gedanke des europäischen Binneneises, das von Skandinavien mit einheitlicher Gletschertatze bis in die Mark und noch weiter gelangt. Das ganz gewaltige Bild der »Eiszeit« stieg auf, noch unverhältnismäßig größer, als es Goethe geahnt.

Wie Grönland bis auf ein paar kleine Felsspitzen (Nunataker nennen sie’s im Lande) untergegangen, versunken ist in einer einheitlichen Eismasse, so damals Skandinavien. Und dieses Eis dachte sich von der ungeheuren skandinavischen Hochburg schräg herunter wirklich über den Platz der heutigen Ostsee hinweg, in die Nordsee hinaus, über Kola ins nördliche Eismeer hinüber. Es floß (mit jenem gespenstisch starren Fließen des Gletschers) über Finnland in die wehrlos platten Ebenen Rußlands ein zum Ural, in lang ausgreifenden Pranken zur Wolga bei Nischninowgorod, südlich von Moskau bei Tula zum Don, bei Kiew zum Dnjepr; die heute berühmt gewordenen Rokitnosümpfe lagen an seiner Bahn, die vielbesprochenen Lysa-Gora-Höhen bildeten einen solchen Nunatak in ihm. Nachdem ganz Norddeutschland verschlungen war, erschien die Eiswelle im Oderquellgebiet. Hier unten quoll sie in den Hirschberger Kessel; noch heute schneidet die jedem Sommergast vertraute Krummhübeler Lomnitz dort eine Grundmoräne von abgesenktem heimischem Riesengebirgsschotter und skandinavischen Wanderscherben an. Sie erstarrte vor dem Gebirgssaum, schritt über Dresden, am Thüringer Wald entlang, begrub den späteren Sitz Goethes, bog vom Harz zum Rheinischen Schiefergebirge ab, um über die Rheinmündung die Themse zu erreichen, bis das schottische Eis mit dem skandinavischen zusammenschlug. Sechs Millionen Quadratkilometer blauen Gletschereises (falls man solches Eismeer, das an seiner Ausgangsstelle nicht mehr zwischen Gebirgen lagerte, sondern über sie hinwegging, noch als Gletscher bezeichnen will) schoben sich so über Europa, – im nordischen First sicher ein paar tausend Meter dick. Man erschauert, wenn man sich denkt, wie diese blinkende Mauer auftauchte. Nichts Lebendiges blieb, wo sie hinschritt, schon vor ihrem nahenden Eishauch verkümmerte weithin die blühende Vegetation zur armseligen Moossteppe (Tundra). Kein Traum eines Tamerlan mit seinen Siegessäulen aus Menschenknochen kommt gegen die Schrecken dieser Welteroberung auf …

Schweizer Forscher (Venetz, Charpentier, vor allem ein vielbefehdeter, übertrieben gefeierter, aber auf jeden Fall bedeutender Mann, Louis Agassiz) hatten inzwischen dem alten Gedanken Goethes von der »Epoche großer Kälte« eine immer handgreiflichere Gestalt gegeben, – Schimper das unmittelbare Wort Eiszeit (zuerst in einem Gedicht 1837!) geschaffen. Man hatte ihren Ort in der Reihenfolge der geologischen Zeitabschnitte ungefähr bestimmt: nicht mehr in den alten Sauriertagen, sondern verhältnismäßig jung, im sogenannten Diluvium. [Fußnote] Wenn man von dem Abschluß der sogenannten Tertiärzeit bis an die ersten Nebel überlieferter Geschichte versuchsweise einmal noch eine halbe Million Jahre rechnete, so ging dahinein auch noch dieses ganze aufregende Ereignis. Wie sich neuerlich herausgestellt hat, ist der Mensch (mit vorgeschichtlicher Kultur) noch Zeuge seines gesamten Verlaufs gewesen, wenn er’s auch in keiner Chronik eingezeichnet hat. Eine hochpolare Tier- und Pflanzenwelt begleitete neben ihm die Eisränder, Beweis, daß wirklich grönländische Verhältnisse bei uns eingekehrt waren. Die dick bepelzten Mammutelefanten und Schneenashörner haben sich daraus am stärksten eingeprägt. Eigentlich beweisender sind aber noch die mustergültig arktischen kleinen Pflänzchen, wie Zwergbirke, Polarweide, Silberwurz, aus deren Reihe auch das verschlagene Volk der Schneegruben hier stammt.

Aber die ganze Gewalt des Vorgangs sah man doch erst, als man sich an jenes ungeheure europäische Binneneis gewöhnen mußte. Es war nur noch wie eine Ergänzung, daß auch Nordamerika in anscheinend gleicher Zeit eine entsprechende und sogar noch größere (südlich bis in Breiten, wo bei uns Sizilien liegt, vorgerückte) Eisdecke getragen hatte, – während allerdings eine dritte erwartete Vereisung auf dem asiatischen Sibirien sich nicht zeigen wollte. Immerhin müßte die Erdkugel bei der nötigen Schiefsicht damals von fern bereits einen argen Eindruck beginnender Ganzvereisung gemacht haben. Während gleichzeitig die Einzelspuren oder mit unserem Bilde Hieroglyphen, nachdem man sie einmal lesen gelernt, sich auch im engeren immer unzweideutiger aufdrängten.

Skandinavien, auf dessen wohl höheren Gebirgen sich in der Fülle der Zeit das einzigartige Schauspiel vollzogen vom Zusammenwachsen der Firnschneefelder mit den Gletschern selbst, war allenthalben abgehobelt wie durch einen dämonischen Kunstschreiner des alten Asengeschlechts. Wenn man seine Fjorde als heute ins Meer versenkte alte Gletschertäler faßte, so glaubte man noch jetzt seine Urvergletscherung geradezu von der Karte ablesen zu können. Bei uns in Deutschland aber waren die großen Irrblöcke von da drüben nur die Rosinen eines feineren Teigs, der als sogen. Geschiebelehm überall noch ausgewalzt lag, soweit das Eisungetüm sein Lager gehabt. Wie seine letzten derberen Auswürfe bezeichneten Endmoränenringe stationenweise die äußerste Statt des Unholds. Die weiche Kreide der heutigen Ostseekante hatte er sich sielend geknetet und in anhaftenden ganzen Platten verschleppt. Seine jahrtausendelang abrinnenden Tropfen hatten jene tiefen Löcher (Gletschermühlen, Pfuhle, Sölle) in den Boden gebohrt, an die sich in der Jugend der Deutung einmal die Sage von norddeutschem Vulkanismus geknüpft. Unter seinem Eisbauch selber hatten sich Rippelungen in Gestalt fächerförmiger Hügelreihen und in der eigenen Kriechrichtung gehender Wälle (sogenannte Drumlins und Osar) gebildet. Unendliche Sande waren von seinen abgehenden Schmelzwassern weit vor die Grenzwälle seines eigentlichen Bettes verschwemmt worden. Wo er zwischen sich und dem Gebirge diese Wasser gestaut und zugleich die zur Ebene strebenden deutschen Ströme eingeengt, waren endlose Zeiten die gelben Schmutzfluten an ihm entlang gewirbelt, einem fernen Nordseeausschlupf zu: so hatten sich jene ungeheuren versandeten »Urstromtäler« gestaltet, wie sie heute noch der entschwundenen Eiskante getreu von der Weichsel zur Elbe ziehen, von Pygmäenflüßchen der Epigonenzeit wie der »Maus im Käfig des Löwen« (Ausspruch von Berendt) bewohnt. Bild um Bild, die doch alle nur das eine größte vertiefen konnten, wie es sich in jener entscheidenden Stunde blitzhaft vor Augen gestellt.

Die fortschreitende Geschichte menschlicher Wissenschaft möchte man aber bezeichnen als eine immer weiter hinausgeschobene Ursachenfrage. Goethe zu seiner Seit genügte es noch, daß eine »Epoche großer Kälte« die Ursache der Irrblöcke war. Seither ist immer lebhafter gefragt worden, was die Ursache der großen Kälte selbst gewesen sein könnte. Ja, diese Frage erfreut sich sogar weit über die Fachgelehrsamkeit hinaus heute einer gewissen Volkstümlichkeit. Nicht nur gibt es eine ganze Bibliothek wissenschaftlicher Bücher darüber, sondern es arbeitet auch beständig eine Menge mehr oder minder berufener freiwilliger Helfer aus weitesten Volkskreisen daran mit. Wer Gelegenheit hatte, selbst irgend etwas über die Eiszeittatsachen zu veröffentlichen, der hat das wohl mit einigem Schrecken erfahren: ungezählte Manuskripte in bedenklich umfangreichen Postpaketen mit und ohne Rückporto pflegen sich bei ihm zu versammeln, deren Sender alle verkünden: Auch ich ein Maler, – auch ich habe eine Lösung der Eiszeit gefunden. Einerseits lockt dazu, daß die strenge Forschung selbst bekennen muß, zu einem so auffälligen, ja einzigartigen Ereignis der Naturgeschichte immer noch keinen sicheren Grund zu wissen. Lesen wir doch in dem angesehensten und jedenfalls dicksten deutschen Sammelwerk von heute darüber, der ausgezeichneten Lethaea geognostica, von Geinitz‘ Hand den Satz in Sperrdruck: » Man kennt die Ursachen der Eiszeit nicht.« Andererseits berührt das Problem die Wetterfrage, die seit alters eine Volksfrage ersten Ranges gewesen ist. Das Wetter ist dem Landmann zu seinem Wohl und Weh eine hervorragend praktische Sache. Immer wieder halten sich alte Überlieferungen, es sei besser geworden oder es sei schlechter geworden. Es gibt wohl keinen schlichtesten Menschen, der nicht auch nur auf Grund seiner eigenen Lebenserfahrungen einmal versucht hat, in das ewig Wechselnde, Chaotische, Unberechenbare dieses Wetters irgendein Gesetz hineinzudeuten. Nirgendwo haben wir im Alltag so das Gefühl, ständig einer großen Lotterie ausgeliefert zu sein, und so sehr den Wunsch zugleich, irgendeine Rechnung zu ergrübeln, mit der man sicher die Bank sprengen könnte. In der Eiszeit aber scheinen sich gleichsam alle Wunder dieses Wetters zu vereinigen. Etwas wie eine uralte Volksangst unserer Ahnen scheint darin aufzuleben: vom Weltwinter, der alles vernichtete. Zugleich meint man, wer ihr Geheimnis löste, müßte auch den Wetterzauber von heute in Händen haben.

Nun ist solches Mitdenken im weiten Kreise an sich keineswegs zu verachten. Man soll sich immer freuen, wenn der Sinn für eine naturwissenschaftliche Frage im Volke geweckt ist. Schließlich fällt der geniale Gedankenblitz wirklich oft wahllos, der Laie kann auf das Ei des Kolumbus kommen, zumal wenn, wie hier, die strenge Forschung auch einstweilen nichts als mehr oder minder unbewiesene Vermutungen hat. Was aber zu jeder, ob nun wissenschaftlichen oder freien Mitarbeit als unumgängliche Voraussetzung nötig ist, wenn auch nur der kleinste wahre Fortschritt erzielt werden soll, das ist zweierlei.

Zunächst darf nicht ins Blaue dabei »erfunden« werden. Jede vernünftige Erklärung auf solchem naturgeschichtlichen Gebiet hat heute ihre gewisse Methode, die geachtet sein will. Etwas auf eine Ursache zurückzuführen, heißt zunächst, es an etwas sonst schon Bekanntes anschließen. Es heißt aber nicht, zu dem einen Unbekannten ein neues Unbekanntes als Ursache »erfinden«. Also, um ein drastisches Beispiel zu nehmen, es ist keine Erklärung, wenn ich etwa sagen würde: die Eiszeit entstand, weil damals die Vulkane der Erde plötzlich angefangen hatten, statt glühender Lava Eis zu speien. Oder: sie mußte kommen, weil ein Komet die Erde streifte, der Kälte aushauchte, von solchen Eisvulkanen wissen wir so wenig etwas, wie von solchen Kältekometen, in den gangbaren Gebrauch der Wörter »Vulkan« und »Komet« wird hier rein zum Zweck etwas hineinphantasiert, und die Benutzung der Wörter ist dann bloß ein Scheinspiel, das den Hörer betrügt. Die Beispiele wirken kraß, und doch sind eine Masse von Eiszeitdeutungen aus Laienkreisen und selbst manche oberflächlich wissenschaftlichen damit durchaus in ihrem Unwert bezeichnet.

vie zweite Bedingung ist dann, daß, wer sich an die Frage ernstlich heranmacht, eine Reihe Nebenfragen kennt, die bei heutigem Stande unserer Kenntnis untrennbar damit verknüpft sind. Weiß er bloß im Sinne Goethes, daß zur Erklärung der eben kurz gekennzeichneten diluvialen Tatsachen eine »Epoche großer Kälte« angenommen wird, so ist er heute doch noch nicht reif zum Weiterraten. Denn es haben sich dem einen Rätsel seither eine bestimmte Anzahl anderer angegliedert, die, an sich erst recht interessant, doch auf alle Fälle mitgelöst, also vorweg mitgekannt sein wollen. Ich bezeichne hier kurz ein paar auch dieser Hauptpunkte, die Goethe selbst noch nicht wissen konnte, die aber gerade den Reichtum andeuten, zu dem die ständig weiter schürfende Wissenschaft heute auch auf diesem Gebiete gelangt ist.

Als Goethe von seiner »Epoche großer Kälte« sprach, schwebte ihm zweifellos ein recht tüchtiges Maß Kälte vor. Wer sollte es nicht erwarten, wenn er die Alpengletscher bis in den Genfer- und Bodensee und schwedisches Eis bis ins Hirschberger Tal denkt. Agassiz, der als bibelgläubiger Mann immer eine Neigung spürte, in der Eiszeit eine Unterlage der weltumstürzenden Sintflut zu entdecken, hätte gern die ganze Erde unter furchtbarsten Minusgraden erfrieren lassen. Ein nüchterner Kopf wie Neumayr hat dagegen nachgerechnet, daß man schon mit einem Temperatursturz von bloß 5 – 6° C im Durchschnitt weniger als heute alle wirklich sicheren Erscheinungen der Eiszeit in Europa auslösen könnte. Die Schweizer Schneegrenze würde sich um mehr als 1000 m tiefer legen, und die heutigen Alpengletscher müßten bis Lyon und Ulm rücken, während am Titisee im Schwarzwald und hier aus den Schneegruben Gletscher flössen. Mehr als diese im Höchstmaß 6° abwärts brauchte also keine Theorie zu erklären, während man freilich zugleich sieht, wieviel schon solche paar Grad gegen unser so viel verlästertes gegenwärtiges Klima bedeuteten.

Aber nicht einmal dieser Tiefstand soll während der ganzen Eiszeit angedauert haben. Als in der sogenannten Höttinger Breccie, einem alten verkitteten Bachschutt bei Innsbruck, zwischen zwei abgelegten Schotterhäuten des Eisriesen eine Einlage mit noch erkennbaren Resten pontischer Azaleen und des italischen Erdbeerbaumes ( Arbutus), den Horaz besingt und der ganz gewiß nicht nach Eiszeit ausschaut, gefunden wurde, kam zuerst die Lehre von den »Interglazialzeiten« auf, – wärmeren Schaltzeiten, die sich mehrfach noch in die eigentliche Kälteepoche hineingeschoben hätten, über diese weniger gestrengen Zwischenlagen gehen ja die Meinungen der Sachkenner heute noch ziemlich weit auseinander. Die einen rechnen mindestens drei solcher Schaltkapitel, womit wir folgerichtig eigentlich vier getrennte diluviale Eiszeiten hätten statt einer. Das Schulverslein gleichsam, das Penck und Brückner nach Flüssen des bayrischen Alpenvorlandes dafür geschaffen, zählt sie als Günz-, Mindel-, Riß-, Würm-Eiszeit her, wobei je eine günzmindelische, mindelrißliche und rißwürmliche Wärmepause den Einschlag gebildet hätten; die Rißkälte soll die schlimmste gewesen sein. Wer ganz kühn ist, läßt in den Interglazialzeiten überhaupt alle Schrecknis wieder heruntertauen, Binneneis und Riesengletscher schwinden, so daß wirklich jede neue Eiszeit wie ein neues Wunder vom Himmel gefallen wäre. Nun ist kein Zweifel, daß es in den Randgebieten des großen Eises überall so aussieht, als hätten gewisse Pausen tatsächlich in das Hauptdrama irgendwie hineingespielt. In Spanien und Frankreich, wo niemals Binneneis gelegen hat, aber auch am deutschen Südrand glaubt man eine ältere, wärmeliebere, fast noch afrikanisch anmutende Tierwelt jedesmal wieder einziehen zu sehen wie auf der Spur eines milderen Frühlingslüfterls, das plötzlich dem vernichtenden Eishauch für ein Weilchen entgegenarbeitete. Und gleichzeitig scheinen im Alpengebiet die Gletscher ähnlich den Schnecken in ihre Häuser zurückgekrochen zu sein wie unter einem geheimnisvollen klimatischen Gegenbefehl. Auch die Spuren trockener Steppenzeiten schalten sich recht verwunderlich in das Diluvium ein, deren Stürme in den Randzonen unendlichen gelben Staub (sogen. Löß) gehäuft und die man schwer anders unterzubringen weiß, als eben auch in solcher wärmeren Interglazialstimmung. Aber die Zweifler von der andern Partei meinen, daß es sich bei alledem mehr oder weniger nur um eine Randerscheinung gehandelt habe, bei der das Haupteis nicht rückte noch regte. Solche Südgärtlein zwischen dem Eis wie das Idyll der Höttinger Breccie könnten nach ihnen den wunderbaren »Eiswäldern« Alaskas entsprochen haben, wo heute noch in der Tat große Fichten-, Birken- und Ahorn-Urwälder samt ihrem Unterholz und Heidelbeergestrüpp nur durch eine dünne Isolierschicht erdreichen Moränenschutts getrennt unmittelbar auf dem kriechenden Gletscher wachsen. Die Sache ist noch im Fluß. Inzwischen muß aber, wenn auch nur die Freunde der zeitweise größeren Randwärme recht behalten sollen, irgend etwas da doch in die Eiszeit im Ganzen hineingewirkt haben, das zeitweise etwas am Thermometer rückte, – und auch diese Interglazialfrage muß die Erklärung also miterklären.

Ein dritter Punkt betrifft dann, wie sich auch während der schlimmsten Eiszeit im Norden die übrige Erde verhalten habe. Als weiland Herr Agassiz das Eiszeitthermometer seiner Schweiz gar nicht grauenhaft tief genug sehen konnte, da erwartete er bestimmt, daß auch in den tropischen Urwäldern am Orinoko zuletzt noch Kritzelhieroglyphen und Geschiebelehm auftauchen müßten. Davon kann nun in der Weise heute wieder keine Rede sein. Aber was man allmählich auch dazu wirklich gefunden hat, das waren starke Vergletscherungs-, d.h. Gletschervergrößerungsanzeichen für die Diluvialzeit auch gewisser Gebiete der Südhalbkugel. Auch die Alpen Neuseelands hatten zu irgendeiner Stunde damals stärkere Gletscher, die Berge Australiens, das südamerikanische Feuerland, das antarktische Kerguelenland tragen deutlich lesbare diluviale Eishieroglyphen. Sollte das genau gleichzeitig mit dem Nordeis gewesen sein, so würde es besagen, daß die Eiszeit »bipolar« war, das heißt, daß ihr Klimasturz über beide Erdpole zugleich ging. Oder, was auf die wichtigste Folge hinausläuft: daß eine gewisse Abkühlung damals um die ganze Erde schritt, wenn sie auch natürlich mit ihren paar Grad Kältesturz nicht gleich den Äquator mitvereisen konnte. Immerhin meint man neuerlich auch bis in diese Äquatorialländer doch etwas verfolgen zu können wie eine gleichzeitige starke »Pluvialzeit«, also eine extrem nasse Regenperiode, die man an alten Flußläufen der Sahara, höherem Nilstand und viel üppigerer Seenfüllung im äquatorialen Afrika wie an einem geologischen Pegel ablesen will. Und die erfolgreichen tropischen Hochalpenfahrten Hans Meyers von Leipzig, der uns zuerst den Kilimandscharo bestiegen hat und am Chimborasso und Kotopaxi viel weiter geklettert ist als selbst Humboldt, haben auch an diesen tropischen Schneeriesen allenthalben jetzt verlassenen Moränenschutt erwiesen, der auf eine niedrigere Schneegrenze und also größere Gletscher der Diluvialzeit gedeutet worden ist. Auch das muß der Eiszeitenträtseler also als möglich aufnehmen, wenn es auch dazu nicht an Gegnern fehlt. Sie fragen, warum nicht bei richtig bipolarem Verlauf das südliche Landeis noch viel weiter ging, z.B. in Südamerika entsprechend über ganz Argentinien, Paraguay und Bolivien floß, oder ob jene Gletscherschwankungen am Kilimandscharo nicht bloß Lokalerscheinungen unter örtlichen kleinen Temperaturperioden, die bis heute dauern, sein könnten usw. Wobei aber gerade solche Lokalgründe, etwa andersartige Land- und Wasserverteilung, auch wieder das Eiszeitbild der Südkugel schon damals von dem unserer Nordhalbkugel verschieden gestaltet haben könnten auch bei echt bipolarem Verlauf. Man bleibt auch hier in Debatten, aber berücksichtigt müssen diese Fragen werden, ob so, ob so.

Nun aber noch zwei ganz große Dinge, zeitlich nicht auf die diluviale Eiszeit selber fallend, aber schlechterdings nicht mehr von ihr zu trennen, seit man sie hat. Goethe waren auch sie noch durchaus fremd, aber wie hätten sie ihn erregen müssen!

Die diluviale Eiszeit war, um immer noch einmal das Leitmotiv anklingen zu lassen, für ihn eine »Epoche großer Kälte«, heute ist’s entschieden wieder wärmer bei uns. An sich ist schon das wieder eine recht beherzigenswerte Tatsache: der große Schüttelfrost unseres Planeten ist also doch noch einmal vorübergegangen, wie er, wenn die Interglazialzeiten wirklich bestanden haben, auch in sich selbst bereits fieberfreiere Momente gehabt hätte. Ob unsere Wiedererwärmung in geschichtlicher Zeit noch zugenommen, darüber streitet man sich ja auch wieder. Es wäre ganz gewiß sehr interessant. Aber gerade die besten Kenner schwanken. Afrika und Zentralasien sind auch seit Völkergedenken wohl sicher noch mehr ausgetrocknet, dort klänge also ersichtlich noch jene Pluvialzeit vor uns weiter ab. Dagegen hat sich das früher gerne behauptete klimatische Dürrwerden der Mittelmeerländer wenigstens im größern Umfang nicht als stichhaltig erwiesen; wo es seit dem klassischen Altertum eingetreten sein sollte, hat Verkarstung des Bodens durch leichtfertiges Abholzen der Wälder, Zerstörung alter künstlicher Wasserleitungen und allgemeiner Fluch orientalischer Mißwirtschaft den Löwenanteil gehabt, also Mensch gegen Natur, nicht Natur gegen den Menschen. Wenn es umgekehrt gelegentlich ein Beweis für erneute Temperatur abnahme sein sollte, daß vor 800 bis 900 Jahren der Weinbau bei uns noch viel weiter nördlich gegangen wäre, so hat sich freilich auch das als böser Trugschluß herausgestellt, denn nicht Klimawechsel, sondern Wirtschafts- und Kulturgründe (Geschmack an feineren Weinsorten und billigere Transportmittel) haben auch hier die eigene Zucht eingehen lassen. Und eine kleine periodische Wetterschwankung, die anscheinend durch die ganze historische Zeit geht (ich komme unten noch auf sie), darf ebenfalls nicht hierher gezogen werden. Ganz unzweideutig aber jetzt ist wieder der echt geologische Befund: vor der Eiszeit war’s unvergleichlich viel wärmer in großen Gebieten der Erde als heute dort nach ihr.

Vor – oder wenn man von uns aus rückwärts denkt, hinter der Diluvialzeit mit ihrem großen Klimasturz liegt in der Sprache des Geologen die Tertiärzeit. Schon da, wo die Diluvialzeit in diese Tertiärzeit übergeht, also zeitlich einmal wieder schätzungsweise jenseits der letzten halben Million Jahre von uns zurück, merkt man aus allen Anzeichen, wie das Klima sich offenbar wieder hebt. Es geht zunächst mindestens wieder auf den heutigen Stand. Schon dabei wird man aber etwas stutzig, wenn riesige Elefanten damals bei uns lebten, so wird man das noch nicht ohne weiteres auf milderes Wetter deuten, denn kältefeste Elefanten haben auch noch in der Eiszeit selbst bei uns ausgedauert. Aber das Nilpferd schwamm in der Themse, das wir heute in unsern nordischen Tiergärten nur in geheizten Becken über den Winter bekommen. Und sowie wir jetzt noch ein Stück tiefer in die Tertiärzeit selber hineingehen, werden auch die gesteigerten Wärmezeichen unzweideutig.

Die Pflanzenwelt, die stets das feinste Thermometer bildet (haben wir doch von den lappländischen Pflänzchen hier am Schneegrubenhang noch die Eiszeit selber abgelesen), wird bei uns in Europa zunächst subtropisch, wie man das nennt, also als rückte der Mittelmeerrand bis zur Ostsee; und dann wird sie in weiten Teilen überhaupt ganz tropisch, als kämen Wendekreis und Gleicher zu uns ins Land. Auf der Höhe der Zeit wachsen in Südfrankreich kolossale Fächerpalmen mit anderthalb Meter langen Blattwedeln neben Drachenbäumen, Pisangs, Kampfer und Zimmet, Aralien, afrikanischen echten Akazien aller Art, der Ceibabaum (Bombax) mit seinen Baumwollfrüchten wird charakteristisch, wie er es heute mit seinen gewaltigen Stammsäulen für die heißesten Tropenwälder Kameruns oder Brasiliens ist. Bei Verona stehen Eukalypten, Sandelholzbäume, Cäsalpinien. Über ganz Deutschland zogen sich die Palmenhaine bis in die Bernsteinwälder jenseits des heutigen Samlandes, Sabal, Phönix, am schönen Rhein sogar Kokos, aus den englischen Küstensümpfen hoben sich die kurzstämmigen Nipas und warfen ihre Schwimmfrüchte ins Brakwasser wie jetzt bei den Tigern und Krokodilen des Gangesdeltas, Pandanus, Bambusrohr, Baumfarne vervollständigten das Bild, und auch über die tropische Tierwelt kann diesmal wohl kein Zweifel sein, wenn man in diesen Wäldern von bunten Papageien, goldschimmernden mexikanischen Trogons, dem südafrikanischen Kranichgeier (Sekretär), Salanganen (den Schwalben der berühmten »eßbaren« Vogelnester) neben den Tapiren, Zwerghirschen und Okapis des tiefsten Tropendschungels hört. Warm, wie das Land, muß der Ozean der Küste gewesen sein, so daß noch am Nordrand des vergrößerten tertiären Mittelmeers Korallentiere ihre hohen Riffe türmen konnten, deren überlebende Gattungen heute in den Südmeeren eine beständige Wasserwärme von 20° erfordern. Ist die diluviale Eiszeit ein klimatisches Wunder, das nach Erklärung schreit, so wächst uns hier mindestens ein ebenso großes, wenn auch genau entgegengesetztes zu, ohne dessen Berücksichtigung jede Erklärung dort immer nur halb sein kann.

Die tertiäre Wärme, selber einmal fest zugestanden (und das ist sie heute ohne Widerspruch), umschließt aber noch ein engeres Problem in sich. Wenn wir im Diluvium grönländische Eisdecken auf mehr als halb Europa und Nordamerika sehen, so werden wir zunächst den Pol selbst für diese Zeit erst recht unter Eis begraben denken. Umgekehrt im Tertiär: wenn hier die Tropen bis zu uns nach Deutschland rückten, werden wir fragen, ob es damals überhaupt einen Eispol gegeben haben könnte. Und in der Tat wissen wir von vereisten Gebieten dieser Zeit nichts, wohl aber sehen wir in den unzweideutigsten Funden eine Pflanzenwelt sich damals selbst bis in hohe arktische Breiten hinaufziehen, die auch dort noch auf eine ganz gewaltig erhöhte Wärme deutet. Der große Schweizer Paläontolog Heer, menschlich eine der liebenswürdigsten Forschergestalten neuerer Zeit, hat seit den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts mit von Fall zu Fall immer verblüffenderen Mitteilungen in diesen Sachverhalt eingeführt.

Kühne Polarforscher, die unter den namenlosen Schauern ihrer Pionierzüge da oben noch Zeit gefunden, vorweltliche Pflanzenabdrücke auf altem Tertiärgestein zu sammeln, versahen ihn mit dem nötigen Material, das unter seiner kundigen Deutung nun zum Ereignis wurde. Am 82.° nördlicher Breite, im nordamerikanischen Grinnelland, äußerster Fleck damals des geographisch Erreichten auf dem Wege zum Pol selbst, mit einem Jahresmittel gegenwärtiger Temperatur von –20° C, zeigten sich alttertiäre Wälder von Taxodium distichum (Sumpfzypressen, heute nur noch in den südlichen Mississippisümpfen heimisch), Pappeln, Linden, Haselnuß, Schneeball, Fichten, Kiefern, Eiben, die einen See mit wallendem Schilfrohr und Teichrosen etwa wie unsern Friedrichshagener Müggelsee umschlossen. Auf Spitzbergen wuchsen neben Massen von Pappeln großblättrige Eichen und Ahorne, aber auch Walnuß, Platane, Magnolie, Zypresse und der jetzt noch wegen seiner Domturmhöhe berühmte, aber wie ein aussterbender Urrest auf ein paar Haine der kalifornischen Sierra Nevada beschränkte Mammutbaum ( Sequoia oder Wellingtonia). Grönland selber hatte beim 70.° den schönen, lichtgrünblättrigen chinesischen Gingko, immergrünen Lorbeer und Weinreben, als bewege man sich zwischen der lieblichen Flora von Montreux. Gewiß: man wandelte hier oben auch damals nicht mehr unter Palmen, aber noch immer nahe der Grenze mindestens der subtropischen Welt. Und damit auch diesmal die Sache »bipolar« aussehe, haben sich seit Heers Tagen entsprechende Waldspuren mit riesigen Zypressenstämmen und Buchenlaub im Bereich des Südpols gefunden.

Auf den ersten Blick sieht auch das alles ja nur wie eine Bestätigung der allgemeinen tertiären Wärme aus. Aber es steckt noch eine besondere »Crux« darin, wie die alten Philologen vor ihren unlösbaren Textstellen sagten. In so hohen Breiten gibt es bekanntlich gar wundersame Beleuchtungsverhältnisse. Eine mehrmonatige Dauernacht beginnt sich wie ein schwarzer Fittich über die verarmte Erde zu breiten. Jene Polarforscher wissen nicht genug davon zu erzählen, wie eigentümlich diese verkehrte Welt auf Menschengemüt und Menschenkraft wirkt. Wie aber sollen immergrüne Waldungen solche Polarfinsternis ausgehalten haben? Mag man die Wärme im ganzen auch dort noch so sehr steigern, so bleibt doch der gewaltige Gegensatz dieser sonnenlosen Dauernacht, in der die Temperatur extrem fallen mußte. Selbst die Tropen, an den Pol versetzt, würden in diesem Sinne nicht mehr Tropen sein. Und der reine Lichtmangel selbst? Man hat an Tropengewächse erinnert, die in dunkeln Treibhäusern überwinterten, oder an die Legföhren und Alpenrosen des Hochgebirgs, die unter ihrem Schnee auch kein Licht erhielten. Aber hier ist das dunkle Treibhaus besonders geheizt oder die Pflanze ohnehin ein wetterhartes Wintergewächs. Auf jeden Fall würde man machtvolle Anpassungswandlungen für da oben erwarten, – während doch die Dinge ganz und gar so erscheinen, als hätten sie sich am wirklichen Müggel- oder Genfer See abgespielt. Die Biologen haben denn auch immer den Kopf geschüttelt zu diesem halbdunkeln Paradies. Will man ehrlich sein, so muß doch auch hier jede echte Wettertheorie erst etwas Geheimnisvolles entzaubern.

Unterdessen gibt aber selbst die ganze Tertiärfrage nicht den Schluß, – hinter ihr wächst nochmals heute das Unberechenbarste auf. Läge es doch nahe, aus der paradiesischen Erdwärme von dazumal nun auf ähnlichen Stand wenigstens für den weiteren Erdgeschichtsrest zu schließen. Hinter dem Tertiär dehnen sich zeitlich die großen Blütenalter der drachenhaften Saurier, und diese Saurier waren als Reptile nach gangbarem Schluß alle »wechselwarm«, also nur recht munter und lebensfähig, wenn ihnen die Sonne ordentlich aufs Blut brannte. Und in der Tat sehen wir auch in Jura und Kreide zunächst wieder dicke Wälder von Sagopalmen (Zykadeen), die uns heute wie ein Südseeidyll anmuten, bis Grönland und Franz-Joseph-Land wachsen. Ein ganz geringer Zonengegensatz soll sich allmählich zwar geltend gemacht haben, doch würde (abgesehen vom argen Schwanken der Deutungen) das nicht anders sein als im Tertiär, wo auch polar zwar Magnolien, aber doch keine Palmen mehr standen. Jedenfalls schwamm der berühmte Ichthyosaurus zu seiner Zeit ruhig bis nach Spitzbergen, und an allen deutschen Rüsten grüßten ihn wieder die bunten Korallenriffe des Heizwassers. Über das noch ältere Klima der Steinkohlenzeit ist dann noch Streit. Früher hielt man’s überall für geradezu extrem tropisch bis ins äußerste Sibirien und Nordamerika hinauf. Dann bestritt man das, weil sich Torfmoore (wie man sie für die Steinkohle brauchte) im echten Tropenklima nicht halten sollten. Dann wieder ist auch das widerlegt worden, und heute hält man wenigstens für die Fülle der Zeit ein bei sehr großer Feuchtigkeit gemäßigt warmes Klima für das Wahrscheinlichste. Im ganz alten Silur kommen schließlich nochmals nordische Korallenriffe vor, jetzt sogar auch sie hochpolar, wobei für diese jede dunkle Tiefe scheuenden Pflanzentiere auch die Lichtfrage noch einmal wiederkehrte. Alles gut, aber so leicht stimmt die Rechnung abermals nicht. Die Folgerung wäre, daß alle jene ehrwürdigen Tage bis zum grauesten Lebensbeginn und wohl gar Ur-Sonnenstand der Erde nun gar kein Eis gekannt hätten. Grade das werfen neuere Funde aber erst recht um.

Wenn auf Neuseeland heute mal ein Gletscher bis in den dort noch fast steinkohlenhaften Farnwald langt, so könnte schließlich von sehr hohen Gebirgen aus so etwas ja auch in der echten Steinkohlenzeit gelegentlich geschehen sein. Aber darum allein kann sich’s unmöglich handeln bei dem, was zuerst 1856 im südlichen Vorderindien, also ausgespart jetzt in den heutigen wirklichen Tropen, auskam. Dort stießen englische Geologen auf unzweideutige Eisspuren. Auf älterem Gestein lag eine tonig-sandige Schicht, im Innern dicht durchspickt mit für diese Gegend fremden, lose verschleppten Gesteinsscherben von bezeichnender Schrammung, – also die alte Sachlage: Geschiebelehm. Bloß aber, daß dieser Geschiebelehm diesmal nicht diluvial war, sondern selber schon uralt. Er gehörte zu den sogenannten Gondwanaschichten von der Grenze der Steinkohlenzeit und der nächsthöheren Permzeit, dort als Talchirschichten bezeichnet. Als ungefähr 20 Jahre später auch dort die gleiche Entdeckung anschloß, durch die sich Torell in Rüdersdorf berühmt gemacht: Nachweis noch älteren geglätteten Grundgesteins durch die Schleifarbeit des Gletschers selber, der den Geschiebelehm gebracht, blieb kein Zweifel, daß es sich um eine große Oberflächenvereisung auch für damals handeln mußte. Und als sich in der Folge noch zwei Tafeln solcher Eisschrift ziemlich weit herum im Lande fanden (eine davon schon fern im Salt Range oder Salzgebirge am oberen Indus), schien erwiesen, daß diese Vereisung zu ihrer Zeit über ganz Vorderindien gegangen, wie die diluviale über Norddeutschland. In besagten Salzbergen mußte sie gegen ein nördlich hier anschließendes Meer abgebrochen sein, noch glaubte man deutlich auf die Erlebnisse einer immer erneut gefrorenen Schlammküste zu sehen, wo die miteingefrorenen Blöcke zu seltsamen spiegelglatten Flächen abgeschliffen worden waren.

Aber wieder: wie die diluviale Vereisung sich nicht auf Europa beschränkt, sondern auch über Nordamerika hatte verfolgen lassen, so sollte es auch diesmal nicht bei Indien bleiben. Ganz die gleiche Lage für gleiche Zeit konnte seit 1870 im südlichsten Afrika nachgewiesen werden, also jenseits jetzt des Äquators nach der andern Seite bis über den Wendekreis hinaus. Dort entsprach die unterste Lage des sogen. Karroogesteins im Kapland genau der indischen Talchirschicht, und auch diese afrikanische Dwykaschicht, wie man sie nach einem Fluß dort nannte, bildete richtiger Geschiebelehm auf abgehobeltem Urland. Ja eine dritte Ecke tauchte im australischen Gebiet auf. Dort hatte das uralte Eis das ganze Südostviertel von der Mitte bis zur Küste von Südaustralien, Viktoria, Neusüdwales und bis nach Tasmanien hinein verhobelt, um schließlich auch an einem geheimnisvollen nordöstlichen Eismeer, in das seine Eisberge schwammen, zu enden. Verknüpfte man diese drei Schauplätze im Geist und sah den Eisblink über das ganze Zwischengebiet schreiten, wo allerdings jetzt der Indische Ozean blaute, so blieb keine Wahl vor dem Ungeheuren: man stand vor einer zweiten, so viel früheren Eiszeit, einer permischen ungefähr.

Die Tatsache solcher schon einmal um 20 und mehr Millionen Jahre der diluvialen voraufgegangenen Ur-Eiszeit, auf die erst noch wieder jene hohe Erdwärme der Sauriertage und des Tertiärs gefolgt wäre, hat allerdings zunächst etwas geradezu Niederschmetterndes. Die Widersprüche des Klimas scheinen damit auf dem Gipfel. Ich erinnere mich noch aus kleiner eigener Erfahrung, wie ich vor etwa 20 Jahren gelegentlich in einem Aufsatz dieser Permeiszeit gedachte und darob von einem wissenschaftlichen Kritiker, der noch nicht verfolgt, was da anwuchs, böse angefahren wurde, ich solle doch nicht so offenkundigen Unsinn ans Volk verzapfen. Und doch standen die Grundtatsachen damals schon fest und stehen heute fester als je; jedes Lehrbuch verzeichnet sie. Dabei ist aber schließlich gar nicht so sehr der entlegene Zeitpunkt dieser Voreiszeit das so ganz Merkwürdige geblieben, sondern ihr Ort. Man muß sich zum Verständnis einen Augenblick die Erdkarte jener Steinkohlen- und Permzeit vergegenwärtigen. [Fußnote]

Jene drei Ecken: Indien, Kapland und Australien, lagen damals aller Vermutung nach eingegliedert in einen großen Erdteil, den Sueß nach jenen indischen Schichten das Gondwanaland genannt hat. Irgendwie angegliedert war ihm wohl auch Südamerika. So bildete es einen kolossalen südlichen Block, der Jahrmillionenlang halb ringförmig einem entsprechenden nördlichen, in dem Nordosten, Europa und Nordamerika steckten, gegenüberlag, durch einen Meeresgürtel, der in der Fortsetzung unseres Mittelmeers Asien durchquerte, die Tethys, gesondert. Über diese weite südliche Landfläche werden wir uns nun auch jene Eisdecke erstreckt denken müssen, wobei verwunderlicherweise die Richtung der Eishieroglyphen nicht dafür spricht, daß sie sich vom Südpol bis an den Äquator herunterdachte. Die Eisfirst scheint vielmehr stark gegen den Äquator selbst zu gelegen zu haben, so daß das Eis über Südafrika von Norden floß, während es über Indien die Gestade der Tethys und über Australien die des Stillen Ozeans vereiste. Soll die First doch mit dem Südpol in Verbindung gedacht werden, so müßte dieser Pol damals bis über die Mitte des Indischen Ozeans verschoben gewesen sein. Will man aber die Vergletscherung gar bis Südamerika dehnen, wo neuerlich in Brasilien ebenfalls starke Eisspuren entdeckt worden sind, so wäre damals Eis sozusagen als Halbring mit dem Äquator um die Erde geflossen. Unwillkürlich fragt man vor dieser unerhörten Vorstellung, wie denn die gleichzeitigen Dinge im Nordpolargebiet gewesen sein sollten. Nun, von einer allgemeinen Vergletscherung etwa auch bei uns in Europa kann wohl nicht die Rede sein. Immerhin sind im permischen Rotsandstein Westfalens unzweideutige Gletscherspuren örtlich nachgewiesen worden. Sie könnten einem einzelnen vergletscherten Gebirgsgebiet verdankt sein, aber auch dessen Dasein spräche für einen gewissen Klimasturz auch da drüben. Mag in den letzten Punkten noch einiges schwanken: so viel bleibt, daß jede künftige Eiszeittheorie, die nicht sofort totgeboren sein will, auch das Wunder dieser Permeiszeit mitumfassen und deuten muß, mindestens mit ihrer Lage zum Äquator und ihren drei Haupt-Fixpunkten Indien, Südafrika, Australien.

Wobei immerhin auch schon hingewiesen sei auf ein letztes dräuendes Gespenst einer noch weiter abliegenden dritten Eiszeit in der vollends entlegenen algonkisch-kambrischen Zeit, der man gegenwärtig auf der Spur. Das wäre nochmals eine weite, weite Kette von Jahrmillionen zurück. Abermals müßte das Klima vor der Permeiszeit in den Wärmegraden hoch heraufgegangen sein, um dann (rückwärts geschaut) nochmals in entsetzlichem Fall abzusinken. Wie fern das gewesen wäre, liest man am Lebensbuch der Erde: dort herum beginnt für uns die erste unzerstörte Überlieferung von Leben überhaupt, noch scheint es keine Landpflanzen und Landtiere gegeben zu haben, Morgenrot liegt über allem. Und doch auch da schon, unter diesen, man möchte sagen, auch noch nahezu mythischen Verhältnissen, die geheimnisvoll beredte Gletscherschrift auf Nordamerika, der Gegend unseres Nordkaps, dem fernen Spitzbergen, der öden Lenamündung in Sibirien, ja im späteren Permgebiet des gleichen Südafrika und Südaustralien selbst, vielleicht sind es mehrere Eiszeiten, nordische, Äquatoriale, die uns da verschwimmen, denn so unfaßbar lang waren jene Urtage, die ein Wort wie algonkisch und kambrisch umgreift, daß vielleicht für ganze Abstände wie permisch zu diluvial darin noch einmal Raum gewesen ist. Jedenfalls aber, wenn sich auch diese Dinge bestätigen, wächst damit die Wahrscheinlichkeit, daß wir es im Ganzen der Erdentwicklung bei diesen Eiszeiten mit periodischen, über ungeheure Abstände hin fortgesetzt wiederkehrenden Erscheinungen zu tun haben – und auch das muß fortan jede Theorie in Rechnung ziehen.

Wir wenden uns zu solchen Theorien jetzt selbst. Denn das ist vollends Grundnotwendigkeit jedes neuen Erklärungsversuchs, daß ein gewisser auserwählter Kreis bester schon vorhandener Deutungen vorher durch und durch gedacht sei, – sei es selbst, daß keine davon schon für endgültig richtig gelten soll. Gedankenschweiß fast ohnegleichen steckt in diesen klassischen Deutungen bisher, und schon um seinetwillen sollen sie uns ehrwürdig sein in der menschlichen Geistesgeschichte. Durch Himmel und Erde ist der Blick geschweift, diese alten Wunder zu deuten, – und zwar war es der Himmel, an dem er zunächst gar lange haften sollte.

Es sind ein paar einfache Bilder, die sich da vor Augen stellen. Einfach und doch von kosmischer Erhabenheit. Im eisig kalten Raum schwebt unsere Erde. Eisig ist dabei nur ein stammelndes Wort. Es handelt sich um Kältegrade, bei denen die Bestandteile unserer Luft gerinnen würden. Die Ziffer wird heute meist nicht fern von dem sogenannten absoluten Nullpunkt, also –273° C, angesetzt. Durch diese Gegenhölle weht der feine kosmische Staub, aus dem sich vielleicht Welten ballen, stürzen die Meteorblöcke, in die vielleicht Welten wieder zerfallen sind. Hindurch äugen wie Blumen des sich erschließenden und wieder abblühenden Weltengartens die blauen, gelben und roten Fixsternsonnen. Aber nur eine davon ist uns so nahe, daß sie uns wirklich vom Bann dieser erbarmungslosen Raumeskälte erlösen kann: unsere eigene Sonne. Schon in Tagen, da man von diesem wahren Sachverhalt nichts ahnte, pries frommer Glaube sie als das Segensauge der Gottheit für uns. Der Landmann dachte dabei an sein Korn, seine Traube, die sie reift. Um aber den ganzen Gegensatz zu empfinden, muß man jene Schilderungen unserer Polarfahrer lesen: wie sie die Monde der Polarnacht hindurch mit ihrem Schiff im Eis eingekeilt saßen, inmitten völliger Verödung des Lebens, bloß gerettet durch die paar Stückchen mitgebrachter Steinkohle (also alter Sonnenwärme der Urwelt selbst, in Stein gebannt), bis endlich das Gestirn wieder aus dem roten Dämmer blickte. Sie haben etwas durchgemacht von einer wirklichen »Eiszeit«. Und so ist es ein nächster Gedanke, auch Sonne und Eiszeit in der Theorie zu verknüpfen. Ob die Sonne damals ihr segnendes Auge für eine Weile geschlossen haben könnte oder doch bloß blinzelte, so daß die Polarwüste mehr Macht gewann?

Es ist aber noch ein anderes da vorweg zu erwägen. Was auch kein alter Sonnenanbeter mit noch so viel Metamorphosen seinen Göttern und Helden ansinnen konnte, das ist uns geläufig: unsere Erdkugel ist in entlegensten Tagen wohl selber einmal eine kleine Sonne gewesen, die sich selbst geleuchtet, sich selbst gewärmt hat. Heute ist der Rest nach gangbarer Meinung in die schaurigen Tiefen unter der Erstarrungsrinde eingemauert. Aber könnte die alte Titanin nicht auch von da drinnen noch lange auf unser Klima eingewirkt haben?

Der Gedanke gipfelt darin, daß wir ehemals noch eine Fußheizung gehabt hätten. So mußte es warm sein bis zum Pol, denn der innere Ofen legte vielleicht noch bis zum Doppelten der Sonnenhilfe zu. Und erst als die Zentralglut sich immer dicker abkapselte, bedeckten sich die Pole mit Schnee, die Eiszeit kam und wird immer furchtbarer wiederkehren. Die Theorie ist eine der ältesten, scheint noch immer die einfachste und ist doch am leichtesten zu widerlegen.

Sie erklärt nicht, warum das Klima sich seit der Eiszeit wieder gehoben hat. Heizte der innere Ofen seit Ende des Tertiärs bereits so schwach, daß die Sonne des Eises nicht mehr Herr werden konnte: warum sind wir dann nicht in der Eiszeit geblieben? Sie steht ebenso ratlos vor der Permeiszeit. Um sie zu deuten, müßte sie ein periodisches Nachlassen und Wiederaufflackern des Erdofens annehmen, das seit Jahrmillionen bereits wärmere und kältere Erdzeiten wechseln ließ. Das aber wäre eben ein Beispiel schon jener oben gerügten Phantasiearbeit, – um die Annahme der inneren Heizung zu retten, wird bloß zum Zweck eine zweite, völlig unbewiesene Annahme: periodischer Wechsel solcher Heizung, gemacht. Doch selbst ohne das wäre die Bodenheizung, ich möchte sagen, technisch gar nicht so leicht zu verstehen, wie es auf den ersten Anblick scheint. Gewiß hat die Erde seit Urtagen gelegentlich und örtlich mit Hitze von innen heraus gewirkt. Diabas, Porphyr, Basalt sind als glühende Lava durch die Erdenzeiten geflossen. Heiße Quellen haben mollige Badestuben gebildet, wie wir deren eine schon im Tertiär von Steinheim in Schwaben nachweisen können, zu der von weither die Urpferde, Flußschweine und Nashörner der Gegend sich wie zu einem »Badeort« versammelten, während die Hitze des Wassers die einwohnenden Schnecken (Planorbis) zu seltsamen Formverwandlungen trieb. Aber um wirklich den Erdboden so zu heizen, daß von innen etwa noch einmal die ganze äußere Sonnenwärme hinzugebracht würde, müßten (mit Frechs Rechnung) schon bei 10 m Tiefe des Sandstein- oder Kalkbodens 1000° C oder volle Rotglut unter unsern Füßen herrschen, was größere Baumwurzeln bereits mit Sengen bedrohte. Umgekehrt kennen wir aus den algonkisch-kambrischen Urtagen Sandsteinablagerungen von 2000 m Dicke, die nicht die geringsten inneren Verbrennungen (sogen. Kontaktspuren) zeigen, als wenn Wärme durch sie bis zur Oberfläche aufgestiegen wäre (Walther). Es wird nichts übrig bleiben, als daß unsere »innere Sonne« schon so ganz früh gleich Lava unter dünner Haut bis zur Unkenntlichkeit abgesperrt war.

Wenn aber die Sonne allein die gütige Geberin war, könnte nicht auch ihr Füllhorn im langen Zeitenlaufe nachgelassen haben? An ferne Sonnengestade führt uns der Gedanke. Auf die zauberhaft schöne Tropeninsel Java mit ihren Palmenparadiesen und dampfenden Vulkanen. Dort wurden im Tuff einer wohl frühdiluvialen Vulkankatastrophe jene seltsamen Knochen des halb affen-, halb menschenhaften Wesens Pithekanthropus gefunden. Die Fundstätte ist interessant für die Eiszeit selbst, die in fluchtartigen Tierwanderungen und einer Flora größerer Feuchtkühle damals, scheint es, schon bis dort hinüber anklang. Uns aber fesselt der Mann, der den einzigartigen Fund getan: Eugen Dubois. Gleichzeitig da drüben in den Tropen hat er auch das beste neuere Buch über die Sonnentheorie (solare Theorie) der Eiszeit geschrieben (erschienen 1893).

Die Sonne, so dachte sich damals der geistreiche und vielseitig kundige holländische Forscher, ist ein Fixstern wie die andern, bloß weiter entfernten unseres nächtlichen Firmaments. Auch sie muß im kalten Raum beständig fortschreitend erkalten. Zwar ersetzt sie für die Beobachtung kurzer Zeiträume ihren Wärmeverlust nach dem ewigen Kraftgesetz wieder durch eigene Zusammenziehung; aber auch das hat Grenzen. Schon sehen wir im Raum neben ihr jene blauen, gelben, roten Schwestersonnen. Sie selbst ist gelb. Von den blauen Sonnen nimmt man an, daß sie noch heißer sind als sie, von den roten, daß sie schon weniger warm. Sie war einmal blau und wird abglühend rot werden, ehe sie ganz erlischt wie jene Gespenstersterne im All, deren Dasein wir nur rechnend noch aus ihren Schwerewirkungen erschließen. Eine oft benutzte Theorie nimmt an, daß die Sonnenflecke bereits Anzeichen des beginnenden roten Stadiums bei ihr sind. Diese Sonnenflecke scheinen sich periodisch zu vermehren: vielleicht stehen wir dem endgültigen Rotstand schon sehr nahe. Wie wir Sterne haben, die periodisch heller und wieder schwächer glänzen, schwankt vielleicht auch die Sonne bereits in größeren Zwischenräumen zwischen Gelb und Rot auf und ab. Rot bedeutet stärkeres Auftreten chemischer Verbindungen, die weniger Wärme strahlen. Nun übertragen wir das auf geologische Zeiten. In älteren Tagen leuchtete die Sonne uns noch blau und gab damals also ebenfalls viel mehr Wärme. Unsere Tropen wurden dabei doch nicht überheizt, denn eine dichtere, sehr wasserdampfhaltige Atmosphäre milderte dort das tiefere Eindringen der violetten Strahlen, während die Wärmezirkulation eben durch deren Energie verstärkt und so die abströmende Wärme vornehmlich den Polen zugute gebracht wurde. Mit dem späteren Tertiär aber trat die Sonne ins gelbe Stadium, in das sich sehr bald auch schon rote Schwankungen mischten. Gelb gab das heutige Klima, Rotschwankungen dagegen begünstigten Eiszeiten, die einander folgten, von gelben Interglazialzeiten jedesmal mit einer Art Aufflackern unterbrochen. In einer solchen Interglazialzeit leben wir heute. Noch längere Zeit mögen die Schwankungen anhalten, bis kurz vor Ende des Sonnenlebens die kalten Perioden rasch anwachsen und endlich die Sonne dauernd rot und zuletzt ganz dunkel wird, wobei eine letzte nicht endende Eiszeit sich für uns zur Götterdämmerung erfüllt; nicht schön, aber danach hat der Forscher nicht zu fragen. Dubois hat daran noch interessante Exkurse über Wirkung des blauen und gelben Lichts auf Entwicklungsbeschleunigung und Pflanzenchlorophyll geknüpft, die Stahl nachher unter anderm Gesichtspunkt wieder aufgenommen, die uns hier aber nicht zu beschäftigen brauchen. Die geologischen Zeitziffern hat er zu kurz gegriffen, um seine Sonnenperioden hineinpressen zu können, wie er sie sich astronomisch dachte; doch ließe sich da leicht das eine am andern strecken. So bleibt kein Zweifel, daß die Theorie hübsch wirkt, bis – ja bis man sie doch auch wieder an den Tatsachen prüft.

Die Permeiszeit oder gar die kambrische würden nötig machen, daß wir uns seit damals bereits inmitten der Rotschwankungen befänden. Mit ihrem Auf und Ab an Warm, Gemäßigt, Kalt müßte die Erde durch ein Wechselspiel ihrer Sonne von Blau, Gelb, Rot in beständigem Durcheinander gegangen sein, wozu keine bekannte Sternstufe irgendeinen Vergleich bietet. Das Heranziehen der Sonnenflecke als Anzeichen immerfort dräuender »Rotscheiben« im Himmelsapparat unterliegt für sich Schwierigkeiten. Gewiß: periodisch wechselnde Vorgänge kommen hier kosmisch in Betracht. Diese Sonnenflecke zeigen heute eine überaus interessante regelmäßige Periode von allerdings kurzer Dauer. In jedesmal rund elf Jahren sinken sie zu einem Minimum herab und steigern sich wieder bis zu einem Maximum. Feine Schwankungen deuten an, daß wahrscheinlich diese Periode sich in ein paar geringfügig größere von 35 und 72 Jahren einordnet. Zwischen diesem Sonnenfleckzyklus und gewissen irdischen Erscheinungen besteht nun auch ein unzweideutiger Zusammenhang. Mit den Sonnenflecken sinken und vermehren sich Störungen der Magnetnadel bei uns, magnetische Gewitter, Nordlichter. Und seit man das weiß, ist immer wieder auch versucht worden, einen Einfluß auf unser Wetter nachzuweisen. Die mittlere Jahrestemperatur sollte entsprechend etwas schwanken, etwas mehr oder weniger Regen sollte fallen, die Zyklone sollten sich abhängig zeigen, von alledem ist bisher aber nur ein loser und dunkler Bezug geblieben.

Den ausgezeichneten Forschungen von Brückner verdanken wir den Nachweis, daß in dem ganz engen Verlauf unseres Wetters von heute sich auch eine allerdings höchst merkwürdige kurze Periode geltend macht. Brückner beobachtete zuerst am Spiegel des Kaspischen Meers eigentümliche Zu- und Abnahmeschwankungen im Verlauf von rund 35 Jahren. Es ergab sich, daß sie verursacht waren durch periodisch verschiedene Dauer der Eisbedeckung und Höhe des Wasserstandes der einmündenden Ströme. Das aber wieder führte auf eine 35jährige Periode kühlerer Regenwitterung. Nasse Kältejahre waren z.B. für Rußland 1745, 1775, 1810, 1845, 1880, trockene Wärmejahre 1715, 1760, 1795, 1825, 1860 (nach Hann). Mit geringer Einschränkung hat sich das dann als ein allgemein gültiges Witterungsgesetz durchführen lassen, und eine ganze Masse gewöhnlicher Aussagen und Überlieferungen von einem seit einem Menschenalter bereits merkbar gewordenen vermeintlichen Dauer-Niedergang oder -Aufstieg des Klimas haben in dieser »Brücknerschen Periode« ihre sehr harmlose Erklärung gefunden. Man kann die Ziffer tatsächlich bis in die Statistik unserer Getreidepreise hinein verfolgen. Und sicherlich ist es die bedeutendste Witterungstatsache, die wir bisher kennen, mehr wert, als tausend Wetteransagen tierischer wie menschlicher Laubfrösche.

Wenn man nun aber fragt, was diese Brücknersche Periode veranlasse, so stehen wir wieder vor dem Tor. Und es könnte höchstens eben ein Anhalt sein, daß die Ziffer 35 auch in jenem Sonnenfleckenzyklus eine Rolle zu spielen scheint. Das ist aber auch wieder alles, was wir wissen. Die winzige Schwankung der Brücknerschen Periode für alle Eiszeiten, Pluvialperioden, Wärmesteigerungen der Geologie verwerten, hieße ihr selbst eine ungeheure zyklische Steigerung andichten, zu der das harmlose Periödchen doch nicht den leisesten Anlaß gibt. Selbst dann aber bliebe für Dubois‘ Folgerungen unsere Unkenntnis, was Sonnenflecke eigentlich sind. Für ihn bedeuten sie ohne weiteres Sonnenverdunkelungen mit Kältewirkung. Andere sehen dagegen in diesen »Flecken« genau entgegengesetzte Gebilde. Nach Arrhenius‘, des großen Astrophysikers, Ansicht handelt es sich in den starken Sonnenfleckenzeiten um verstärkte Sonneneruptionen, die unsere Lufthülle zeitweise stärker mit Sonnenstaub versetzen, der dann als magnetischer Störenfried wirkt. An sich könnte solcher vermehrte kosmische Staub ja irdische Wolkenbildung anregen oder auch selber nach Art der berühmten Aschenwolke des Krakataua-Vulkans, die jahrelang unsere Dämmerfarben vertiefte, das Sonnenlicht vorübergehend stärker abblenden und so die Wärmestrahlung schwächen, daß indirekt unser Klima sänke. Von den berühmten Erforschern der Inseln Ceylon und Celebes, den Vettern Sarasin in Basel, ist gelegentlich solche Abblendungstheorie durch Staub als Eiszeitursache wirklich aufgestellt worden, wobei ihre Urheber aber nur an irdischen Vulkanstaub dachten, – ein Anklang an eine Vulkantheorie der Eiszeit, die uns noch beschäftigen soll. Aber für Arrhenius sind seine Sonnenflecke grade Zeichen verstärkter Sonnenstrahlung, und das höbe die Staubwirkung vielleicht wieder auf oder spräche gar dafür, daß die Maxima der Sonnenflecke unter Umständen stärkere Erwärmungszeiten bedeuten könnten, genau umgekehrt zu Dubois. Man kommt auf den toten Punkt, der doch bezeichnend ist für verschiedene Eiszeitlehren: daß man nämlich mit dem gleichen Prinzip je nachdem die Existenz der Eiszeit und auch ihre Nichtexistenz beweisen kann, – dem Vorsichtigen Beweis, daß hier wohl im ganzen noch keine richtige Spur ist.

Wenn die Innensonne und die Außensonne nicht helfen wollen, so könnte man einen Augenblick erwägen, daß es ja noch »Übersonnen« gibt, kosmische Gewalten, an denen Sonne wie Erde gemeinsam hängen. Eine alte und hartnäckige Theorie sucht die Ursache der Eiszeiten im Raume als solchem. Die Sonne, bekanntlich selbst bewegt, soll mit uns abwechselnd durch wärmere und kältere Raumgebiete hindurchschneiden. In dieser nackten Grundform, wie sie gewöhnlich beliebt, ist die Theorie einfach sinnlos, denn wir haben nicht den geringsten Anlaß, den Raum, in dem bis in die fernsten Weiten die Sterne erkaltend von Blau zu Rot und Dunkel herabbrennen, an sich anders als gleichmäßig kalt anzunehmen. Man müßte schon den Fall setzen, daß die erhöhte Wärme von einer fremden Sonne stammte, der unsere Sonne sich periodisch näherte. Tatsächlich ist aber selbst die nächste Fixsternsonne ( Alpha Centauri am Südhimmel) mehrere Billionen Meilen weit von uns entfernt. Von einer Zentralsonne, der uns auch eine stark elliptische Sonnenbahn nicht so ganz weit entführen könnte, sehen wir nichts, und sehr gut könnte die Sonne auch um einen Gleichgewichtspunkt kreisen, in dem gar keine wärmende Masse stände. Wir gingen seit der Diluvialzeit doch schon wieder auf solchen neuen Wärmestern los: warum sähen wir ihn nicht am Firmament? Oder man müßte an feines Nebelgewölk denken, das wir mit unserer Sonne zeitweise passierten. Seit wir vermuten, daß die echten Nebelflecke (Gasnebel) uns näher stehen und wirklich wohl wie Gewölk zwischen den Fixsternsonnen eingelagert sind, hat das etwas mehr für sich. Für gewöhnlich wird aber diese Nebelmaterie so fein sein, daß aus ihr so wenig Wirkungen entstehen können wie aus jenem berühmten Schweif des Halleyschen Kometen. Dichtere Stellen dagegen würden sich umgekehrt wohl eher in chemischen Zumischungen oder großen, alles vernichtenden Katastrophen äußern, wie man ja das jähe Aufflammen sogen. »neuer Sterne« auf solchen Eintritt eines Weltkörpers in eine dichte Nebelwolke gedeutet hat. Vielleicht noch am meisten hat die Idee für sich, daß ein mittelfeiner Nebelstoff auch als Sonnenabblender wirkte und so Eiszeiten bei uns schüfe; Nölke hat an diesem Faden gesponnen. Aber sind nun unsere im Lauf der Jahre so rasch wechselnden Nebelfleckentheorien selber richtig? Immer muß lose Theorie wieder die Theorie stützen! Man wird nebenbei beachten, daß keine dieser Meinungen jene Lichtfrage der Polarlande im Tertiär berührt. Dazu ist gelegentlich an eine räumlich sehr viel ausgedehntere Sonne gedacht worden, die sich etwa noch bis über die heutige Merkurbahn erstreckt haben könnte. Die Ablösung des Planeten Merkur im Sinne der Kant-Laplaceschen Theorie müßte dann erst in der geologisch kurzen Zeit seither erfolgt sein, – eine Annahme, die an Ungeheuerlichkeit wirklich nichts zu wünschen übrig läßt.

Inzwischen gibt es aber noch einen ganz anderen Weg, die Sonne für uns kühler oder wärmer zu machen, ohne daß man an ihr selber dabei in Gedanken herumzuheizen brauchte. Wenn wir schon von der Sonnenbahn reden, warum dann nicht von der Bahn der Erde selbst? Ich kann einen Ofen, der an sich gleich bleibt, doch als wärmer oder kälter empfinden, indem ich mich ihm mehr nähere oder mich mehr entferne. Wenn auch die Erde auf ihrer Bahn dem Sonnenofen im Zeitenlaufe bald etwas näher, bald etwas ferner gestanden hätte? Es ist ein ganzes Blütenfeld von Theorien, die hier aufgesproßt sind.

Die Erdbahn ist bekanntlich so wenig ein genauer Kreis, wie die Erde selbst eine vollkommene Kugel; diese reinsten Idealformen hat die Natur auch bei ihren großartigsten kosmischen Kunstwerken nicht durchzusetzen vermocht. Sie ist eine Ellipse, bei der die Sonne nicht genau im Mittelpunkt steht, und das bedingt, daß schon bei jedem gewöhnlichen Jahresumlauf die Erde dieser Sonne auf der einen Halbbahn etwas näher kommt und auf der andern etwas ferner bleibt. Nun stellen wir schon auf solchem einfachen Umlauf alljährlich auch eine entschiedene Wärmeänderung bei uns fest: große Gebiete unserer Erde erleben in Gestalt von Sommer und Winter etwas wie eine ständige Tertiärzeit und Eiszeit im kleinen. Es wäre einleuchtend, daß solcher Winter jedesmal käme, wenn wir der Sonne ferner, Sommer, wenn wir ihr näher sind. So einfach stehen aber wiederum bekanntlich die Dinge nicht. Sommer und Winter liegen für uns zunächst daran, daß die Erde aus einem an sich rätselhaften Grunde schief auf ihrer Bahn steht. Infolgedessen bietet sie der Sonne während ihres Umlaufs nicht immer freie Front dar, sondern gleichsam zwei schräge Katzbuckel, von denen immer nur der eine die halbe Bahn lang überhaupt gutes Licht und gute Wärme aufgebrannt bekommt und dann wieder der andere. Wie unabhängig für sich diese Sache läuft, zeigt am besten, daß wir auf dem Nordbuckel grade sommerlich gut stehen, wenn wir im ganzen der Sonne am fernsten sind, – zugekehrt ist hier eben weit wichtiger als nahe. Ganz belanglos sind aber doch auch fern und nahe wieder nicht. Nahe gibt ein klein wenig Wärme darauf. Dazu bummelt nach festem Weltgesetz die Erde fern etwas mehr als nahe, und folglich hat der Buckel, der fern Sommer und nahe Winter hat, etwas wärmere Winter und längere Sommer. Gegenwärtig genießt diesen Vorteil unsere Nordhalbkugel. Aber auch dahinein mischt sich noch etwas Eigentümliches, das jetzt nicht mit dem gewöhnlichen Jahr erschöpft ist. In einem Zyklus von zwanzig und einigen tausend Jahren zieht die Sonnen- und Mondschwere den vorgeschwollenen Dickbauch der Erde so herum, daß der Buckel, der soundso lange Fernzukehr hatte, auf gleiche Dauer Nahzukehr bekommt und umgekehrt. Es ist wie ein himmlischer Ausgleich, daß nicht einer immer bloß den Vorteil haben soll. Hat ihn heute der Norden, so wird ihn in den nächsten paartausend Jahren an der großen Weltenuhr der Süden bekommen. Präzession nennt man den Wechsel; im einzelnen spielt noch mehreres an Astronomischem mit hinein, das uns aber hier nicht weiter zu kümmern braucht.

Es war nun im Jahre 1842, daß in Frankreich ein Buch erschien, von einem Pariser Mathematiklehrer, sonst nur durch brauchbare Lehrbücher bekannt, Alphonse Joseph Adhémar, das nicht nur eines der frühesten, sondern auch merkwürdigsten der ganzen Eiszeittheorie sein sollte. Noch heute liest es sich wie ein spannender Roman Jules Vernes, und fast bedauert man, daß seine handfesteste Folgerung zur gelegentlichen kosmischen Aufrüttelung der Menschheit nicht wahr ist. In diesem Buche wurden zum erstenmal die Präzessionstatsachen für die wirkliche Eiszeit verwertet, – mit einer kleinen Hexerei, die noch eine ganze Pandorabüchse auf die Menschheit schüttete. Jede der Präzessionsperioden (die Adhémar mit einem bestimmten Abzug auf 21 000 Jahre rechnet) belegte abwechselnd einmal die Nord- und einmal die Südhalbkugel mit längeren und härteren Wintern. Darin häufte sich einmal hier, einmal dort stärker das Polareis, – wie das, nebenbei bemerkt, ein preußischer Offizier, Rohde, schon zu Anfang des Jahrhunderts einmal klar entwickelt hatte. Diese Häufung aber, lehrt unser Pariser Mathematikus, bedeutet jedesmal für die betreffende Halbkugel eine Eiszeit. Als der Zyklus uns zum letztenmal traf, rückten unsere Nordgletscher entsprechend vor. Seit Jahrtausenden sind wir jetzt wieder wärmer, dafür liegt gegenwärtig der Südpol unter kolossaler Eisglocke. Seit fernen Urweltstagen ist das so, und ewig wird es so sein. Mit dem nächsten halben Stundenschlage der Präzession werden auch wir abermals nordische Eiszeit erleben. Aber die Sache hat noch eine Klausel, und hier wird die Prophezeiung hochdramatisch. Jeder Pol, der das stärkere Eis hat, ändert damit den Schwerpunkt der Erde. Die Wasser strömen zu ihm hin: deshalb liegt heute das große Südeis inmitten uferlos blauenden Ozeans, während im Norden weites Land ragt. Kommt die Eiszeit neu zu uns, so wird sich’s umlagern, das Südmeer neu zu uns heraufstreben. Aber allemal der letzte Akt solcher Neuverlagerung geht durch furchtbare Gewalt. Da birst erwärmt der letzte Eisblock in seinen Wassern, blitzschnell springt das Schwerezentrum ganz über, und in grausiger Katastrophe stürzen die Wasser ihm nach. Beim letzten nordischen Einbruch wurden so Elefanten bis ins sibirische Eis verschwemmt. Der letzte Südeinbruch aber war wohl die Noachische Sintflut. Heute rückt das Zeigerlein der Wage schon leise wieder nach Norden zurück. In 6300 Jahren ist der große antarktische Eisbruch mit neuer Sturzflut zu erwarten, – Menschheit, bereite dich, anstatt inneren Streit zu führen, baue Archen und Luftschiffe oder schlage deine Wohnung bei den Gemsen des Gebirgs auf!

Das kleine Buch wirkt, wie gesagt, noch heute bezaubernd, keines hat seinerzeit so durchgeschlagen, schien so einfach, löste so bis auf die Ziffern exakt. Schade nur, daß es dem nüchternen Urteil um so weniger standhält. Für unsere wahren geologischen Zeiträume erscheint der Präzessionszyklus unendlich viel zu winzig. Ließe er sich vielleicht noch in die diluvialen Interglazialzeiten hineindenken: mit wieviel Eiszeiten müßte er uns beglückt haben bis zur wirklichen Permeiszeit! Aber Adhémars Beweisführung ist schon in sich hinfällig. Auch das dickste Polareis würde den Schwerpunkt der Erde schwerlich ändern können. Ganz unmöglich aber erscheint der geringe Winterunterschied bereits als Ursache einer einseitigen Eiszeit.

Und doch hat die Bewegung nicht ruhen wollen, als müsse sich irgendwie hier noch einmal etwas Verbessertes anknüpfen lassen. Etwas, das den Schwereroman und seine phantastischen Sintfluten fortließ, dafür aber den zu kurzen Präzessionszyklus an einen größeren schloß und die Vereisung innerhalb der Präzession besser begründete. Der Schotte James Croll bezeichnet mit seinen höchst verdienstvollen Arbeiten zur Eiszeit, die sich seit Mitte der 60er Jahre folgten, diese Stufe der Theorie. Croll ging davon aus, daß es bei der Erdbahn tatsächlich noch einen Zyklus gebe außer der Präzession und ihren näheren Anschlüssen. Die Ellipsengestalt der Bahn selbst schwankt in großen Zeiträumen. Heute nähert sie sich mehr der Kreisform, zu andern erdgeschichtlichen und künftigen Tagen muß sie dagegen noch stärker von ihr abweichen, noch exzentrischer werden. Dieser Zyklus mag über Jahrhunderttausende, ja Jahrmillionen reichen, und seine Höhezeiten und Mindestzeiten mögen jede allein ganze Reihen des kleinen Präzessionswechsels umfassen. Alle jene guten oder schlechten Wirkungen der gewöhnlichen Lage müssen sich aber, lehrt Croll, in solchen extremen Zeiten entsprechend extrem vermehren: sehr kalte und endlos lange Winter z.B. für die im Präzessionszyklus jeweilig schlecht gestellten Erdseiten, kurze und warme für die guten. Und hier erst sieht unser diesmal sehr besonnener, selber gar nicht ausschweifender Urteiler die wahre Ursache auch von Eiszeiten. Sie treten nur in riesigen Zwischenräumen ein, wenn nämlich die Abschweifung der Erde von der Sonne im Höchstmaß steht, und zwar treffen sie dann je in halben Präzessionszyklen eine Reihe von Malen rasch hintereinander jede Erdhalbkugel. Über den Gegensatz der beiden Halbkugeln in der kritischen Zeit glaubte Croll dabei noch manches Anregende aussagen zu können, wobei ihn seine reiche Begabung als Klimakenner trug. Gegen die harten Winter der ungünstigen Halbkugel kamen ihre kurzen Sommer nicht auf. Große Schneemassen blieben dort liegen. Die verschlechterten dann (ein sehr richtiger Gedanke) selber wieder weiter das Klima. Die Passatwinde änderten sich, die warmen Strömungen flossen nicht mehr nach der kalten Seite ab; auch der Gedanke an solche Meeresströmungen (z.B. Versagen des Golfstroms) sollte fortan ein Leitgedanke der verschiedensten Eiszeittheorien bleiben. Umgekehrt vereinigte sich drüben alles Gute: während etwa die Nordhälfte unter Eiszeit schmachtete, blühte die andere in paradiesischer Pracht.

Zweifellos: Troll hatte mindestens zwei Klippen mit Glück umschifft, an denen Adhémar gescheitert. Und bis heute folgen ihm angesehene Geologen und Astronomen nach. Andererseits mußte sich aber auch zu ihm die Kritik geltend machen. Sie bestritt die Einzelheiten jenes allzu hell gemalten Gegenparadieses, schließlich war das aber ja nicht die Hauptsache. Doch sie bestritt auch selbst bei größter Exzentrizität immer noch die Nötigung der Eiszeit drüben. Hann, einer unserer besten deutschen Klimaforscher, meint, auch ein viermal stärker als heute gedachter Gegensatz der Hemisphären könne doch noch nicht hier das Paradies und dort die Eiszeit heranzaubern. Neumayr, der geniale Wiener Geolog, hat auch die sehr großen Ziffern des Exzentrizitätszyklus noch immer nicht für erdgeschichtlich brauchbar erklärt. Falle das letzte Höchstmaß vielleicht wirklich mit der diluvialen Eiszeit zusammen, so folgten sich die vornächsten Maxima in Abständen von dreiviertel und zweieinhalb Millionen Jahren, und das bliebe noch in der Tertiärzeit, die doch keinerlei Eisspuren zeigt. Und alle, die an »Bipolarität« der Eiszeiten glaubten, haben beklagt, daß bei Troll so wenig wie bei dem alten Adhémar jemals Nordeiszeit und Südeiszeit zusammentreffen Könnten. Auch jetzt blieb also noch als Aufgabe: vielleicht die Rechnung weiter zu bessern, mit irgendeiner Hilfserklärung die Kälte abermals zu mehren und die Bipolarität doch irgendwie als Möglichkeit zu retten.

Inzwischen brachte ein Kölner Realschullehrer, Schmick, einen neuen Gedanken ins Spiel: die Exzentrizität der Erdbahn müsse Einfluß auf die Umdrehung (Rotation) der Erde haben. Diese Rotation wird leicht gebremst durch verstärkte Fluterscheinungen unserer Meere, – solche wirksameren Flutwellen aber weckt die Sonne bei mehr exzentrischer Bahn. Daraus zog der norwegische Botaniker Axel Blytt den Schluß, daß in solcher Seit etwas verlangsamter Rotation die Zentrifugalkraft am Äquator abnehmen und alle Flüssigkeit sich mehr polwärts ausbreiten müsse, – ein Anklang an Adhémar, doch ganz neu gewendet. Nun war es schon eine alte Idee des Begründers neuerer Geologie Lyell gewesen, daß starke Verlandung am Äquator große Heizflächen für die Erdwärme schaffen und mildes Gesamtklima begünstigen müsse, während umgekehrt viel Wasser dort feuchte Zeiten mit starkem Schneefall in den kühleren Zonen, also eiszeitartige Erscheinungen, bringe. Ein Blick auf die Karten früherer Weltalter, wie sie die Schule von Sueß in Wien gab, legte nahe, daß wirklich seit grauen Tagen bis zu uns heran eine gewisse Tendenz zu solchem Wechselspiel bald mehr verlandeten Äquators und überschwemmter Pole, bald umgekehrt äquatorialer Meere und polaren Landes geherrscht habe. Dann aber drängte sich ein merkwürdiger Schluß auf. Die Zeiten sehr exzentrischer Erdbahn, in denen das Wasser vom Äquator fortfloß, waren nicht die geeigneten für eine Eiszeit, sondern umgekehrt die der geringen Exzentrizität, in denen die Rotation sich hob und die Fliehkraft die Wasser am Äquator sammelte. Schon der amerikanische Geolog Becker hatte gelegentlich Zweifel geäußert, ob nicht doch solches Minimum mit einer mittleren Temperatur auf der Erde passender sei, falls sich noch eine unmittelbare Eis-Ursache hinzufinden ließe; letztere hatte er allerdings in Schwankungen der Erdschiefe selbst gesucht. Aber die Frage entstand doch noch, ob die Verdunstungsfeuchte der Äquatormeere allein in den kühleren Zonen Eiszeiten zu erzeugen vermöchte. Hier mußte noch eine Hilfe einsetzen. Blytt, als er zuerst auf das Abströmen nach den Polen kam, hatte dabei (reichlich kühn) auch an Lavamassen des Erdinnern gedacht, die im Polargebiet stürmisch vordringen und die Wasser stauen müßten. Von da schien nur ein Schritt zu dem anschaulicheren Gedanken, daß jeder wirklichen Eiszeit eine polnahe große Gebirgsbildung vorausgegangen sein müsse, an der sich die vermehrte Luftfeuchte zu Schnee und Gletschereis kondensieren könnte. Große äquatoriale Wasserbedeckungen haben auch in Alttertiär und Kreide stattgefunden, ohne daß es doch zu Eiszeiten kam: damals fehlten eben große Erdgebirge, während kurz vor der Diluvial- und Permeiszeit solche frisch entstanden waren. Die Theorie gibt zugleich eine hübsche Stellung zur Bipolarität. Da die große Meeresfeuchte nach beiden Polen wirkt, kann sie bipolar erkälten, sie muß es aber nicht, falls nur gegen den einen Pol zu Gebirge ragen, zum andern dagegen nicht.

Es sind längst jetzt im wesentlichen Gedanken eines neuen Eiszeitdeuters, was ich hier vortrage, – von dem in Berlin wohnenden emeritierten Lehrer Max Hildebrandt wieder in einem der besten neueren Eiszeitbücher 1901 niedergelegt. Zum Ganzen wird man aber auch hier mit einem feinen Lächeln bemerken, wie vieldeutig die Dinge mindestens noch sind: wird doch mit dem Mindestmaß der Exzentrizität abermals das gleiche bewiesen, das oben vom Höchstmaß kommen sollte. Und im Engern lassen sich, so geistvoll die Begründung ist, gewisse Bedenken nicht verschweigen. Die permische Eiszeit mit äquatorialem Landeis paßt nicht hinein, und ob die geringe Rotationsänderung wirklich so große Wasserverlagerungen bewirken kann, bleibt problematisch, wie Arldt wohl mit Recht betont hat; hier aber hängt schließlich Wohl und Weh des Ganzen. Andererseits wird man nicht verkennen, daß der astronomische Zusammenhang mit der eigentlichen Eiszeitfrage auf diesem Wege bereits ein überaus loser wird. Wechselnde Land-, Wasser- und Gebirgsverteilung der geologischen Vergangenheit geben tatsächlich den Ausschlag, und deren Ursache könnte auch in rein irdischen Verhältnissen gesucht werden. [Fußnote]

In der Geschichte der Forschung kehrt ein bedeutsamer Augenblick öfter wieder. Man hat sich lange um Beantwortung einer Frage bemüht. Immer neue Versuche sind gemacht, die Tatsachen ihr anzupassen, die Deutung zu verfeinern, aber die Sache verwickelt sich. Da legt plötzlich einer die Stirn in die Hand und sagt: Halt, ist nicht in der ganzen Fragestellung noch ein Fehler? So war’s, als das ptolemäische Weltsystem in immer kniffeligere Rechnungen führte und Kopernikus einfach umdrehte und die Sonne in die Mitte setzte. So, als Kolumbus durchaus in sein Mittelamerika hatte Japan und die Sundainseln hineinsehen wollen und die folgenden fragten, ob hier nicht ein ganz neuer Erdteil entdeckt sein könnte? Auch die Theorie der Eiszeit sollte noch einmal solche Damaskusstunde erleben, wo es schien, als sei ihr Problem falsch, und es ist nicht ihr wenigst lehrreiches Kapitel, das hier einsetzt.

Wir sind aus astronomischen Sonnenweiten immer mehr auf die Erde selbst als Himmelskörper herabgestiegen. Schon bei jenem merkwürdigen Drehzyklus der sogenannten Präzession entschied ja nicht mehr so sehr die eigentliche Bahn um die Sonne, als eine gewisse Richtungsumschaltung an unserer eigenen irdischen Achse. In soundso viel tausend Jahren schaukelte die schiefe Erde sich immer einmal wieder grade so herum, daß ihre Achse genau entgegengesetzt schief zur Sonne und den Sternen zu stehen kam, als zuvor. Dabei pflegt allerdings ein, ich möchte fast sagen, hergebrachtes Mißverständnis mitunterzulaufen, dem fast jeder unterliegt, der sich diesen schwierigen astronomischen Dingen zum erstenmal hingibt. (Die meisten Lehrbücher stellen die Sache rein mathematisch dar und machen sie damit leider vollends unverständlich; denn der unbefangene Blick verlangt mit Recht zuerst gegenständliche Anschauung und nicht Ziffern.) Es wird nämlich angenommen, bei jenem Kreiselspiel der Jahrtausende, das unsere Erde da herumtrundelt wie einen wahren himmlischen Brummkreisel, verändere sich auch die Schiefe ihrer Achse als solche mit: wir ständen also mal noch schiefer und mal wieder aufrechter dabei. Das ist indessen keineswegs der Fall: die Drehachse unseres dicken Brummkreisels weist nur entsprechend nach und nach auf immer andere Sterne da draußen hin: ist’s heute der danach benannte Polarstern im Kleinen Bären, so dereinst einmal die herrliche Wega. Und an diesem schon in geschichtlicher Zeit merkbaren Fortzittern am Himmel hat man den ganzen Sachverhalt überhaupt herausbekommen. Die Schiefe der Achse selber aber bleibt davon genau so unberührt wie die einer auch von Natur zufällig schiefen Wetterfahne, die ein Wirbelwind einmal ganz um sich selbst herumtreibt, so daß ihre Spitze jetzt dahin und jetzt entgegengesetzt deuten muß, ohne daß er sie doch dabei an sich schiefer oder grader rücken könnte. Eben dieses Mißverständnis führt aber, richtig geleitet, doch auch wieder auf einen tatsächlichen Sachverhalt.

Nicht wegen der Präzession, aber aus eigenem Grunde schwankt nämlich auf einige Jahrzehntausende hin ein klein wenig wirklich auch die Achsenschiefe. Im planetarischen Balancespiel zittert gleichsam auch der Plan, in dem die Erde läuft, etwas gegen ihre Achse. Kippt diese schiefe Achse heute um rund dreiundzwanzigeinhalb Grad von der senkrechten Lage über, so mögen es zu andern Tagen gegen fünfundzwanzig und wieder zu andern nur etwas unter zweiundzwanzig sein. Das ist gewiß nicht viel, und doch haben sich auch hier gelegentlich Eiszeittheorien eingehakt, wenn auch ohne besonderen Erfolg. An der Achsenschiefe hängen, wie gesagt, unsere Jahreszeiten und damit gewiß tiefste Grundlagen unserer gesamten klimatischen Ordnung. Wenn die Präzession hier nur gleichsam die Reihenfolge vertauschte, so rüttelte eine wirklich geradere oder schiefere Achse am Bestande selbst. Andererseits ist jener sicher errechnete Betrag aber tatsächlich so gering, daß er auch nur verschwindend winzig wirken kann. Jenes kleine Mehr an Schiefe, nach Jahrtausenden immer einmal wiederkehrend, würde vielleicht den Unterschied der extremen Jahreszeiten etwas verschärfen, den Pol um ein ganz Geringes stärker erwärmen können. Und umgekehrt. Wobei über die Einzelheiten sogar noch starke Meinungsverschiedenheit besteht. Daß das aber auf keinen Fall schon Wärmezeiten oder Eiszeiten erzeugen kann, zeigt wieder die Kürze der Periode, die beispielsweise die wirkliche warme Tertiärzeit mit Dutzenden von Eiszeiten hätte durchsetzen und noch in die historische Überlieferung hätte hineinwirken müssen. Es könnte sich also im besten Falle auch nur um eine kleine Hilfshypothese handeln, die als solche denn auch bisweilen ernst genommen worden ist. Man könnte sie zur Not bei den Wärmeeinlagen der Interglazialzeiten mitspielen lassen, und Hann hat mit einem Schiefenmaximum vor zehntausend Jahren noch eine Kleinigkeit wie das damalige weitere Vordringen der Haselnuß in Skandinavien in Verbindung setzen wollen.

Anders, wenn man auch hier wieder irgendeine mythische Riesensteigerung annehmen dürfte. Es ist nicht zu leugnen, daß auch sie nicht ganz in der Luft hinge. Mit einiger Überraschung ist nämlich seit längerer Zeit schon bemerkt worden, wie verschieden sich im Punkte Achsenschiefe die einzelnen Planeten unseres Systems zueinander verhalten. Der auch sonst uns angeblich so ähnliche Mars steht zwar fast genau so wie wir, bloß heute in einem Schiefenmaximum von rund fünfundzwanzig Grad gekippt. Der riesige Jupiter dagegen ragt verwunderlicherweise nahezu in voller Paradestellung aufrecht in seiner Bahn. Und umgekehrt wieder der ferne Uranus scheint so vollkommen umgekippt zu sein, daß er nicht mehr bloß schief steht, sondern bäuchlings platt in der Ebene seines Laufes liegt. Schwerlich, daß auch diese auffälligen Gegensätze auf einer Steigerung jener kleinen Verschiebungsperioden zwischen Bahnplan und Achse beruhen könnten. Ein geheimes Gesetz scheint sich hier auszusprechen, das in der persönlichen Bildungsgeschichte der einzelnen Planeten selbst gewaltet haben dürfte. Aber man könnte fragen, ob es nicht auch die Erde einst anders berührt habe? Wenn nun auch sie einmal grade gestanden hätte, wie der große Jupiter, und erst nachträglich schief geworden wäre? Es ist ein altes Rätsel, das die Köpfe immer wieder bewegt hat: warum überhaupt diese Schiefe?

Emerson und Theodor Arldt, der hochverdiente Geograph der geologischen Vergangenheit, haben in der Tat angenommen, daß wir einst jupiterhaft aufrecht ragten. In der mythischen Urperiode vor Entstehung der Lebewesen und wohl selbst der Meere soll es gewesen sein, wie ja Jupiter selber heute noch in einem sonnenhafteren Urstande zu verharren scheint. Und erst bei dem weiteren Erkaltungs- und Zusammenziehungsvorgang der Erdkruste, der in einer eigentümlich ungleichmäßigen (tetraedrischen ) Richtung erfolgt sein soll, sei auch die Drehachse durch einseitige Verlagerung schief herübergezogen worden. Auf die Einzelheiten dieses geistreichen Gedankens braucht hier nicht eingegangen zu werden, da an sich diese Theorie unsere Eiszeitfrage gar nicht berührt. Denn wenn die Aufrechtlage wie die Schiefstellung ganz noch in die, wie ich mich ausdrückte, mythische Urzeit vor Beginn allen Lebens fallen, so können sie auch unsere permischen oder tertiären oder diluvialen Wärme- und Kälteverhältnisse nicht mehr beeinflußt haben. Und höchstens könnte man einen Augenblick fragen, ob nicht der Theorie zum Trotz solche Jupiterstände und vielleicht größeren Schiefen auch später noch wirklich hineingespielt haben? Selbst wenn man das Ungeheure zugäbe, daß die Achse noch bis zum Ausgang der Diluvialzeit Riesensprünge von Ganzgrade zu uranushafter Entgleisung gemacht hätte, kann ich doch nicht finden, daß man damit viel erklärte. Die beispiellosen Äquator- und Polargegensätze oder tollen Jahreszeitwidersprüche solcher ganz verkehrten Welt würden zweifellos auch das jüngere geologische Klima noch weidlich um und um gekrempelt haben, doch in bizarrer Eigenart, die nun wieder mit dem Wirklichkeitsbilde nichts zu tun hätte. Ganz durchgedacht hat übrigens diese wilden Folgen, soviel ich sehe, bisher noch keiner, so daß sie immerhin auch noch zur wohlwollenden Diskussion ständen.

Inzwischen bietet aber jene Emerson-Arldtsche Idee, soweit sie sonst vom Thema lenkt, doch noch einen schlechtweg bedeutsamen Punkt. Indem sie nämlich im mythischen Alter an der Drehachse rückt, läßt sie nicht eigentlich den ganzen Erdkörper schief sinken, sondern zerrt die Achse in ihm selbst seitwärts ab, – so daß der Pol ein Stück weit über die Erdkarte wandert. Lag der Nordpol bei ursprünglich jupiterhafter Gradstellung der Achse etwa nahe der heutigen Beringstraße in Asien, so läßt sie ihn erst mit der im Erdball sinkenden Achse an seine heutige Stelle oberhalb Grönlands rücken. Wobei natürlich mit den Polen auch der Äquator sich entsprechend verschoben haben müßte. Solange der Nordpol noch an der Beringstraße saß, muß auch dieser Äquator einen anderen Erdgürtel durchzogen haben, der vielleicht in jupiterhaften Tagen der Aufrechte unter dem Einfluß regelmäßiger großer Mond- und Sonnengezeiten eine besonders bedrohte Bruchzone der Erdrinde gewesen ist. Die spätere Bruchzone des großen Mittelmeers (Tethys), das in allen geologischen Epochen noch eine so merkwürdige Rolle gespielt hat, [Fußnote] hätte ungefähr noch der Richtung dieses Ur-Äquators entsprochen, dessen Umgegend immer empfindlicher als andere geblieben wäre.

Klein erscheint der Schachzug, den dieser Gedanke noch zu den andern fügt, und doch ist er von der größten Tragweite über das Ganze hinaus. Mit ihm erwächst – zunächst ganz allgemein und geologisch irgendeinmal – die Möglichkeit, daß der Pol als solcher (und mit ihm der Äquator) seine Lage geändert haben könnte im Verhältnis zu den Ländern der Erde! Im gleichen Augenblick aber erhellt sich wie mit einem Blitz das, was ich oben eine neue Fragestellung genannt habe.

Wir sind bei unserer ganzen Betrachtung bisher von einer festen Voraussetzung als der selbstverständlichen ausgegangen. »Eiszeit« bedeutete uns (wir hören wieder den alten Goethe sprechen) »eine Epoche großer Kälte«. Vom Pol zum Äquator ging ein gewaltiger Klimasturz, daß der Pol sich gleichsam ins Riesige vergrößerte, Eis bis zu uns drang. Umgekehrt in einer Wärmezeit wie im Tertiär floß eine heißere Welle vom fernen Äquator herauf, brachte Palmen zu uns und Magnolien bis an den Pol. Die Frage aber ging, wer dieses Plus oder Minus an Temperatur jedesmal geschaffen. Jetzt aber: wenn nun das Klima selbst nie anders gewesen wäre als heute? Die Pole nur wie heute kalt, der Äquator warm und dazwischen die gemäßigte Zone? Aber der Pol, der Äquator beweglich? Wenn der Pol, der heute Grönland und Franz-Joseph-Land vereiste, in der Diluvialzeit einfach näher bei uns gelegen hätte, Skandinavien in Binneneis begrabend wie Grönland, die Nordsee zur Eiswüste erstarrend gleich jener, in deren Grauen sich Nansen gewagt? Oder wenn sich im Tertiär der Äquator einfach selber ein Stück weit höher zu uns heraufbog? Mit seiner Wärme des Palmenlandes? Weil der Pol diesmal seine Schneefelder fern auf der Beringstraße oder noch weiter blinken ließ? Wie das Ei des Kolumbus erscheint plötzlich diese neue Lösung – Lösung durch eine veränderte, eine selber auf den Kopf gekehrte Fragestellung …

In der Arldtschen Theorie ist natürlich diese Folgerung selbst noch nicht gezogen. Grade seine Art der Polwanderung durch Schiefenverlagerung der Drehachse hält er ja nur in der fernen Urzeit für möglich, während in den eigentlichen geologischen Epochen der Folge solche gigantische Zerrung, die die ganze Rotationsachse mitzog, viel zu umstürzlerisch gewesen wäre und sich in anders sichtbaren Spuren hätte eingraben müssen. Gleichwohl ist die ganze Logik bereits darin, und entsprechend war diese auch schon vor ihm in mehreren andern scharfen Köpfen unabhängig aufgetaucht, sobald auch sie irgendwie an das Achsenproblem gerührt hatten.

Klar tritt sie unter andern hervor bei Melchior Neumayr (1887). Neumayr ist in der Verwertung allerdings auch noch sehr vorsichtig. Es wird nur versuchsweise auch einmal so geprobt. Also z. B. die Permeiszeit: man könnte ihre Eisfelder in den Randländern des Indischen Ozeans erklären, wenn man am Ende den Südpol nahe zu Ceylon wandern ließe. Dann käme aber der Nordpol nach Mexiko, wozu doch dem umsichtigen Geologen die nahen Farnwälder, die sich in den nordamerikanischen Kohlenfeldern verewigt, nicht passen wollen. Hier ist bereits ein Wichtiges gefaßt: läßt man nämlich den einen Pol wandern, so muß immer auch der andere mit und die Sache muß stets doppelt passen; ob die Eiszeiten als Klimasturz stets »bipolar« waren, darüber herrscht noch Streit; wenn aber nur der wie heute vereiste Nordpol wandert, muß der Südpol, wo immer er dabei mit hinkommt, auch ein Eisfleck sein und umgekehrt. Für die Diluvialzeit ist Neumayr ganz zweifelnd. So nah zur Gegenwart scheint auch ihm ein solches Theater wie eine Polverschiebung doch allzu gewagt. Aber die warme Tertiärlandschaft bei uns und bis Grinnelland hat’s ihm wirklich etwas angetan. Zunächst sieht es ja auch da aus, als sollte man unmöglich durchkommen. Allzuweites Verschieben des Pols schien auch hier nicht zulässig. Der alte Herr hatte aber bereits betont, die immergrünen Tertiärwälder schienen einen geschlossenen Ring um die heutige Pollage zu bilden, in der keine Lücke zum Hinausschieben sei. Und der englische Geolog Houghton hatte das in das hübsche Bonmot gefaßt: diese alten Wälder hielten den Pol wie eine Rotte Dachshunde eine Ratte zum Nichtentkommen eingekreist. Neumayr glaubte aber doch den Finger auf eine verdächtige Stelle legen zu können, und zwar kam er dabei auch ungefähr auf Nordasien, gegen das der Pol im Meridian von Ferro um etwa 10 Grad damals verschoben gewesen sei. Dann lag keiner der entscheidenden arktischen Pflanzenfunde nördlicher als bis zum 73. Grad, was allerdings immer noch 3 Grad mehr blieb, als heute auch vom letzten Kümmerwalde zu unserm Pol erreicht wird. In Alaska und Japan aber sollte die Pflanzenwelt wirklich einen nordischeren Anstrich gezeigt haben als sonst so weit herab im Ring, was also zu der damals hier polnäheren Lage paßte. Der letztere Gedanke ist nachher von Nathorst besonders ausgebaut worden, der mit seinem Wanderpol aber noch um 10 Grad weiter nach Ostasien hineinging. Die Einzelheiten der ganzen Konstruktion aber haben immer wieder der Kritik seither mit Für und Wider unterlegen ohne Abschluß. Eine gewisse Spitzfindigkeit hat sich nicht herausbringen lassen. Europa kam inzwischen bei Neumayrs Deutung um 8-10 Grad weiter vom Pol ab als heute, was seine Palmeninvasion immerhin dem Verständnis etwas näher rückte.

Was den vielgenannten Wiener Geologen aber nun am entschiedensten anzog, war auch ihm die Frage: wie solche Polverschiebung in solcher immer noch verhältnismäßig späten Zeit ursächlich zu denken sei und ob sie zu denken sei? Ab sah er für sein Teil wohl unzweideutig von einer wirklichen Schiefenänderung der Drehachse im Sinne Emerson-Arldt. Wenigstens erwähnt er mit keinem Wort deren besondere tolle Jahreszeiten- und Zonenfolgen im Spiel. Dafür aber stützt er sich auf theoretische Gedankengänge des berühmten Mailänder Astronomen Schiaparelli und praktisch ganz besonders auf etwas, womit nun in der Tat hier noch einmal ein zweites und engeres Kapitel beginnt. Wir müssen dazu noch einen Augenblick auch astronomisch ausholen.

Jener kastilische König im 13. Jahrhundert, der zu seinen Astronomen das geflügelte Wort sprach: wenn er vom Schöpfer befragt worden wäre, hätte er das himmlische System weniger verwickelt geschaffen, zielte auf die zum Teil überflüssigen Wirrnisse des ptolemäischen Weltbaues, aber im Grunde hatte er eine ewige Wahrheit erfaßt. Jener Ptolemäus ist gefallen, aber die Forschung hat immer neue Schraubereien, die uns Not machen, aufgedeckt. Und eine der verblüffendsten waren da vor ein paar Jahrzehnten (grade kurz ehe Neumayr schrieb) auf unserer unerschöpflichen Erdkugel die sogenannten Polhöhenschwankungen. Es kam zutage, daß diese unsere Erde nicht bloß im Präzessionszyklus immer wieder ihren Polarsternen fortlief und im besagten echten Schiefenzyklus gegen ihre Bahn anders eingestellt wurde, sondern auch noch sozusagen in sich selbst ständig höchst absonderlich wackelte. Anfang der 80er Jahre meldete die Berliner Sternwarte, die sich gleich allen andern eine Säule im Meere der Unruhe dünkte, zum erstenmal den befremdlichsten der Befunde an: daß bei ihr die Polhöhe sich bewege oder, mit andern Worten, die geographische Breite von Berlin um ein weniges mit ihr fortkrieche. Pulkowa, Gotha, Prag bestätigten als lauter ebenso wankend gewordene Säulen. Da die Geschichte immer noch zu Kühn erschien, wurde Markuse 1891 für ein Jahr nach Honolulu auf den Sandwichinseln, also an die möglichst antipodisch fernste Gegenecke der Nordhalbkugel, gesandt, um eine große Kontrollmessung zu Berlin vorzunehmen. Das Ergebnis war diesmal schlagend: der alte Heraklit hatte einmal wieder beschämend recht mit seiner Weisheit, daß alles fließt. Die eigentümliche Zitterbewegung umfaßte tatsächlich die ganze Erde. Es schwankt gewissermaßen dabei die reale Erdmasse an ihrer idealen Drehachse. Die Drehachse behält ihre Richtung auf den gleichen Stern bei, astronomisch wird also eigentlich nichts verändert. Aber irdisch zittert doch immer wieder ein anderes Stückchen Erdkarte über den Drehpol, und damit verschiebt sich natürlich die Gesamtlage aller Erdenorte zu diesem Pol entsprechend mit, – die ganze Erdkarte wackelt. Die genauere Messung ergibt allerdings, daß das Zittern nicht nur ein ganz geringes ist, sondern daß es auch insofern zunächst ein richtiges »Zittern« bleibt, als in den paar Beobachtungsjahren seither immer wieder nur kurze Bewegungskurven ineinander zurückgelaufen sind. Die äußersten Abstände betrugen dabei noch keine zwanzig Meter. In solchem Spielraum kreiselt also einstweilen für unsere Kenntnis, wenn man’s noch einmal so ausdrücken soll, die Erdkarte über dem wahren Pol mit ihrer Spitze hin und her, ohne sich doch im ganzen – wenigstens gegenwärtig – für eine dauernde und einseitige Bewegung vom Pol fort zu entscheiden.

Man hat sich natürlich sofort den Kopf zerbrochen, woher diese offenbar nicht neue, sondern nur neu entdeckte Zitterei kommen könne, und findet die Ursache meist in gewissen periodischen Mehr- oder Wenigerbelastungen der Kugelseiten durch Luftdruckverschiebungen, wie sie unsere Barometer schon andeuten, und ähnlichem. Die Hauptträgheitsachse der Erde und die Umdrehungsachse schlagen dadurch eben auch periodisch ein klein wenig gegeneinander aus. Immerhin zeigen sich aber doch auch schon in der kurzen Beobachtungszeit der paar Jahrzehnte mancherlei unerklärte Besonderheiten dabei. Und jedenfalls konnte nicht ausbleiben, daß schon früh auch hier eine Frage gestellt wurde, die jetzt abermals in unser Problem trifft.

Diesmal änderte sich die Drehachse als solche nicht, verschob also auch nicht ihre Schiefe im Erdkörper. Aber die Erdkugel als solche lief etwas über die Achse hin und her. Heute bloß hin und her auf ein paar Meter. Aber wenn auch das nun in alten Erdentagen auch einmal oder öfter zu einem wirklichen Darüberfortlaufen in bestimmter Richtung geworden wäre? Auf Grund irgendwelcher größeren geologischen Ursachen? Man sieht auf den ersten Blick, daß auch das zu einer Art von »Polwanderung« führen müßte! Zum Himmel blieb zwar der Pol diesmal gleich. Aber irdisch, im Sinne der Erdkarte, zogen immer andere Länder oder Meere über ihn hinweg, so weit und lange jene große Abbiegung sich dehnte. Auch auf diesem Wege konnte das heutige Polarland vom Pol fortwandern und das Gebiet etwa der Beringstraße seine Stelle einnehmen. Da die Vereisung stets an den Drehpol anschloß, lag dann scheinbar der Eispol auf dieser Beringstraße, wie oben, während (alle Breiten schwanken ja mit, wenn die höchste über den Pol gleitet) wir in Europa gleichzeitig weit dem warmen Äquator zugedreht lagen. Oder umgekehrt: wir konnten mit dem Zuge der beweglichen Karte dem Pol zu gondeln, unter sein Eis gezogen werden, während die Beringstraße jetzt unten in das Klima der milden Südsee tauchte. Ausgeschaltet aber war bei diesem Lauf der Karte über den Pol alles, was früher beim wirklichen Lauf des Pols über die Karte infolge Absinkens des Achsenwinkels an verwegenen klimatischen Sonderzutaten sich hätte einstellen müssen. Es gab jetzt tatsächlich nur Äquatorwärme und Polareis wie heute auch über alle Geologie fort, aber eben: es gab sie an immer wieder andern Orten der Erde, und das täuschte uns Eiszeiten und Tertiärparadiese vor ….

Kein Zweifel, daß für unsern Neumayr diese Art der Theorie seinerzeit schon als die einzig diskutable erschienen ist, falls auch in späteren geologischen Perioden wirklich noch Polverlagerung mitgespielt haben sollte. In Einzelheiten, wie man sich auch das jetzt denken sollte, ist er indessen, schwankend wie er zu letzterem Punkt eben doch schließlich blieb, nicht eingegangen. Mit um so größerem Nachdruck aber sollten hier jetzt wesentlich gleichzeitig mit Arldts Darlegungen mehrere unabhängige Gedankengänge innerhalb des großen geistigen Kampfes um die Eiszeit einsetzen. Ich greife davon eine zu etwas genauerer Betrachtung heraus, die sich besonders rasch durch ein glückliches Leitwort auch in weiteren Kreisen Eingang zu schaffen gewußt hat und schon deshalb klare Kennzeichnung an dieser Stelle fordert: – die sogenannte Pendulationstheorie.

Im Jahr l901 erschien in dem 27. Jahresbericht des Vereins für Erdkunde zu Dresden eine kleine Abhandlung des Dresdener Ingenieurs Paul Reibisch über ein neues »Gestaltungsprinzip der Erde«. Es handelte sich nur um ein paar Seiten, aber mit reichem Inhalt.

Der Verfasser geht zunächst ohne jeden Bezug zu Eiszeit und Klimafragen von der einfachen Tatsache der Verschiebung von Wasser und Land auf der Erde aus. Die Tatsache ist eigentlich der Anreger aller Geologie gewesen, wie sie schon vorher die Sintflutsagen beherrscht hat. Kein Zweifel, daß in den geologischen Epochen der Vergangenheit sich vielfältig an Stelle heutigen Landes Ozean gebreitet hat und umgekehrt. In neuerer Zeit haben verdiente Forscher das aber in richtigen geologischen Karten festgelegt, die den Unterschied für bestimmte ältere Zeiten ziemlich übersehen lassen. Indem Reibisch solche Karten für Europa in der Jura- und Kreidezeit betrachtet, scheint sich ihm nun ein Gedanke aufzudrängen.

Das Europa der Jurazeit erscheint ihm wie hineingeschoben in einen größeren Wasserberg. Seine Niederungen sind überschwemmt, nur die heutigen Erhebungen ragen als Inselarchipel vor. Auf der Karte der späteren Kreidezeit ist es dann, als beginne umgekehrt das Land sich aus einem etwas flacher werdenden Meer herauszuschieben. Wobei es in beiden Fällen viel weniger nach einem gewaltsamen neuen Empordrängeln des Landes selbst aussieht, als wirklich einem einfachen Eintauchen und Wiederauftauchen in voller Breite. Ganz ähnliche Sachlagen aber scheinen sich auch heute noch in gewissen Gebieten der Erde abzuspielen. So scheinen in der südlichen Hälfte des Stillen Ozeans jenseits des Äquators die zahllosen polynesischen Inseln immer noch tiefer in die Wassermasse hineingepreßt zu werden; Darwin hat bekanntlich seine ganze berühmte Korallentheorie darauf begründet, daß die Korallentiere ständig höher bauen müßten, weil ihre Küsten immer tiefer ins Wasser schnitten. Umgekehrt in der Nordhälfte dieses Stillen Ozeans arbeitet sich ebenso ersichtlich das Land seit Jahrhunderten aus den abflauenden Fluten heraus. Da die Wassermenge des Weltmeers als solche wohl unveränderlich ist, fragt sich, was für ein geheimes Gesetz hier walten könnte, das seit alters bald Wasserberge vor Ländern staut, bald diese Länder wie ragende Schiffe aus den verflachten Wassern führt, vorausgesetzt immer, daß die Dinge wesentlich am Wasserstande liegen.

Dieses Gesetz würden aber nach Reibisch jetzt sehr gut jene Bewegungen der Länder und Meere über den Pol, geologisch und heute noch fortwirkend gedacht, geben können. Nehmen wir an, die kleinen Polhöhenschwankungen haben wirklich noch eine solche große Steigerung hinter sich. Der Pol wahrt seine Stellung zum Himmel, die Achse ihre gewohnte Schiefe; aber über den Fleck des Pols zieht immer neuer Boden. Dann muß noch eine Erscheinung in Kraft treten, die wir bisher nicht beachtet haben. Am Pol ist infolge der Zentrifugalkraft die Erde bekanntlich abgeplattet, am Äquator vorgeschwollen. Land wie Meer haben sich ursprünglich darauf eingestellt. Wenn aber jetzt neue Länder und Meere über den Pol oder auch den Äquator rücken, so wird ein gewisser Konflikt unvermeidlich. Das bewegliche Wasser wird sich zwar sogleich neu nach der Zentrifugalkraft ordnen, am Pol flach auseinandergehen, auf dem Äquator einen dicken Wulst bilden. Das Land aber wird zunächst nicht so rasch nachkommen können. Auf sehr lange Dauer würde es sich ja wohl ebenfalls einigermaßen plastisch erweisen. Ich will dabei erwähnen, daß nach guten englischen Berechnungen zuletzt sogar eine solide Eisenkugel von Erdgröße sich durch innerste Verschiebungen abplatten müßte, und Schiaparelli wollte Polverschiebungen überhaupt nur bei einer im ganzen irgendwie plastischen Erde zugestehen. Aber zunächst wird ein Gegensatz bleiben, und er wird sich darin äußern, daß sich das noch nicht abgeplattete Land gegen den Pol zu aus den schon wieder abgeflachten Wassern höher heraushebt, während es umgekehrt gegen den Äquator in den Wasserwulst eintauchen muß. Sogleich erscheinen uns jene Bilder wieder: der Südteil des Stillen Ozeans geht offenbar heute äquatorwärts und ersäuft entsprechend sein Land, – der Nordteil aber wandert zum Pol und entläßt deshalb seine Feste aus sich. Europa auf jenen Karten aber verfolgen wir bei einer alten Doppelwanderung: im Jura lag es offenbar stark äquatorwärts eingetaucht, in der letzten Kreide dagegen hatte es Richtung gewechselt und stieg polwärts heraus. Wenn wir heute das antipodische Südseegebiet zum Pol rücken sehen, so werden wir sogar vermuten, daß wir jetzt erneut auf der Tauchfahrt nach Süden begriffen sind.

Eben daran aber wird für Reibisch noch eine interessante Wahrscheinlichkeit hell. Dieses periodische Auf- und Abpendeln ein und desselben Erdteils mit seinen Küsten herauf und herunter im Laufe schon von ein paar geologischen Zeitaltern scheint darauf zu deuten, daß die ganze Wanderbewegung über den Pol keine unbegrenzte Drehung ist, sondern selber ein bestimmtes Hin- und Herpendeln in nicht allzulangen Ausschlägen darstellt. Die Länder und Meere, die jetzt in bestimmter Richtung über den Pol drängen, machen nach gewissem Zeitraum wieder kehrt und drängen zurück. So ist Europa seit der Jurazeit einmal ganz herausgegangen und bereits wieder umgekehrt. Wenn es dereinst abermals kurswechselt, so wird auch drüben der Stille Ozean seine Richtung umdrehen. Diese Pendelausschläge der Karte zeigen aber nur, was die Erde im ganzen macht. Auch sie beschreibt eine Pendelbewegung zu ihrer Drehachse, als würde sie außer ihrer regelmäßigen und raschen Tagesdrehung noch von einer dämonischen Macht zwischen zwei Fingern gehalten und langsam ein Stück über die Pole vor- und zurückgedreht. Man kann sich die Sache leicht an einem kleinen Globus vormachen, den man im Äquator mit einer Nadel durchsticht und schwingen läßt. Wenn Europa dabei grade auf dem größten Schwingungskreise laufen soll, so muß der eine Schwingpol ungefähr auf Ekuador in Südamerika und der andere auf der Insel Sumatra liegen, und mit diesem Bilde hat man tatsächlich den Kern der ganzen seither so vielbesagten »Pendulationstheorie« erfaßt. Der Rest sind bei Reibisch nur einfache Folgerungen, darunter allerdings eine jetzt noch für uns entscheidend wichtige.

Wenn die Pendulation schon durch die ganze Geologie heraufkommt, so muß der Schwingungskreis über Europa (etwa der zehnte Grad östlich von Greenwich, der Deutschland schneidet und sich fern über den Pol zur Beringstraße und dem Stillen Ozean verlängert) seinen Ländern am meisten Abenteuer gebracht haben, denn hier ging’s zwischen Äquator und Pol immerzu auf und ab. Die konservativsten Ecken dagegen müssen die Schwingpole selbst gewesen sein. Während dort die Fortentwicklung des Lebens blühte, haben sich hier noch altertümliche Tiertypen bis heute lebend erhalten, wie der uralte Molukkenkrebs (Limulus) und der vom Mitteltertiär an unveränderte Tapir. [Fußnote] Hier muß ewiges Tropenparadies geblüht haben. Indem diese Klimafrage berührt wird, rührt aber auch Reibisch unvermeidlich an die Eiszeit selbst. Europa auf seinen Pendelfahrten erlebte nicht nur Wasser- und Landabenteuer, sondern notgedrungen auch klimatische. Es ist wichtig, daß die Pendulation bei Reibisch nicht erfunden wird, bloß um diese Klimadinge zu erklären, desto glatter aber scheinen sie sich ihr zunächst einzufügen.

Solange Europa äquatorwärts gependelt war, mußte es auch Tropenhitze haben. Unsere alten Saurier haben sich wohl darin gesonnt. Und auch als mit Spätkreide und Frühtertiär die abflauenden Wasser beginnende Polumkehr verrieten, ging es zunächst durch warme Zonen zurück. Daß dabei aber auch Spitzbergen, Grönland und Grinnelland grünen Wald trugen, ist ebenso selbstverständlich, lagen sie doch damals vom Pol fort noch lange über die gemäßigte Zone hinausgependelt, während im Zeichen des wahren Pols erst die Gegend hinter der Beringstraße stehen mochte. Und spielend wird hierbei etwas mitgelöst, das uns bisher fast in allen Eiszeittheorien so verzweifeltes Kopfzerbrechen gemacht: die Lichtfrage. Wenn etwa der Boden Spitzbergens damals wie auf einer ungeheuren Drehbühne an die Stelle des heutigen Südeuropa geschoben war, so hatte er eben keine lange Polarnacht und konnte unbehindert seine Magnolien und Zypressen tragen, wie die heutigen Hügel von Bologna. Man wird das Glück der Theorie an dieser Stelle nicht unterschätzen! Nun aber, als die Bühne zurückdrehte und auch da noch weiter drehte als heute, kam Skandinavien genau so folgerichtig in Polareis und die »Eiszeit« brachte alle ihre Schrecken zu uns, – nicht weil’s wirklich kälter auf der Erde geworden war, sondern bloß einfach, weil wir jetzt näher auf den ewig vereisten Drehpol selbst hinaufgependelt waren. Damals dräute uns die Polarnacht, und die Moschusochsen Grönlands fanden bei uns die baumlose Moossteppe der arktischen Öde. Zwei Forderungen hatten nach Reibisch in allen Eiszeittheorien von je eine Hauptrolle gespielt: ein Klima, wie es viel nordischeren Breiten entspräche – und eine gesteigerte Erhebung des Landes über den Meeresspiegel. Beides bietet die Pendulationstheorie, indem sie wirklich in die hohen Breiten zaubert und zugleich das ungebrochene Land immer steiler aus dem abgeplatteten Meer herausrücken läßt.

Der Rest der Abhandlung dient im letzteren Punkt dann noch einigen vorsorgenden Beschränkungen zur Abwehr allzu leichter Einwürfe. Wirkliche Hebungen und Senkungen auch des Erdbodens selbst aus inneren pressenden oder eruptiven Gründen müssen natürlich das allgemeine Bild im einzelnen stets durchkreuzt und verschoben haben, auch ist das wandelnde Festland, wie gesagt, nicht unbedingt unnachgiebig. Die erlahmende Zentrifugalkraft bei zum Pol rückenden Landmassen und Seeböden wird die Tragfähigkeit der Oberfläche entspannen und Einbrüche begünstigen. So ist das nördliche Eismeerbecken ein solcher junger Einbruch, der dann für sein Teil wieder durch Seitendruck heute noch Spitzbergen und Skandinavien hebt in scheinbarem Widerspruch zu ihrer doch jetzt schon wieder äquatorialen Pendulation. Diese örtlichen Schwankungen müssen eben stets von dem großen »Gestaltungsprinzip« in Abzug gebracht werden, wenn die Sache richtig stimmen soll. Geschickt, wie das alles gruppiert ist, übt es eine glänzende Wirkung aus.

Erst 1905 und 1907 ließ Reibisch dieser gehaltvollen ersten Mitteilung noch zwei weitere kurze Abhandlungen am gleichen Ort folgen, mit denen einstweilen seine Arbeit zur Sache abschloß. Die zweite Studie verfolgt weiter jenes Verhalten des Landes bei polarer und äquatorialer Pendulation mit ihrem Einfluß auf Gebirgsfaltung, Erdbeben, Spalten- und Karstbildung, – während die dritte noch einmal der Eiszeit im besonderen gewidmet ist. Grade vor dieser »Eiszeit« werden wir jetzt aber in die Schwierigkeiten auch dieser Theorie eingeführt. So verblüffend diesmal alles zu klappen schien, hatte sich doch schon bei der ersten Behandlung ein Widerspruch gezeigt, auf den jetzt noch einmal genauer eingegangen wird.

Nach dem gangbaren Tatsachenbilde lag in der Diluvialzeit gleichzeitig zu Europa auch Nordamerika unter ungeheurem Eis. Dieses Eis reichte dort von Labrador bis gegen Alaska und bedeckte die Vereinigten Staaten bis an den Zusammenfluß des Ohio und Mississippi, 15 Millionen Quadratkilometer Land unter sich begrabend. Wenn aber Europa damals sein Eis erhielt, weil es näher zum Pol gependelt war, – wie konnte Nordamerika vereist sein, das doch dann schon wieder weit über den Pol hinaus gependelt sein mußte? Reibisch versucht indessen noch einmal zu parieren. Zunächst schränkt er das räumliche Maß von Europas Nordpendeln selber stark ein. Nur dreieinhalb Grad mehr seien dazu nötig gewesen, also so viel, daß Berlin heute etwa auf die Breite Südschwedens rückte. Dann hätte die riesige gleichzeitige Landerhöhung, die unter anderem die Nordsee in ein steiles Hochplateau mit den Shetlandinseln als Gebirgsstock verwandelte, reichlich zum Binneneisstrom gelangt, der auf Europa floß. Tatsächlich aber sei die nordamerikanische Vergletscherung überhaupt nicht mit unserer zusammengefallen! Sie sei eben älter! Amerikanische Geologen nähmen in ihr drei zeitlich einander folgende Stufen an, die sich räumlich von West nach Ost ablösten, als habe die Kälte zuerst das westliche Felsengebirge angehaucht, dann die Mitte neben der Hudsonsbai und endlich Labrador. Das entspreche aber genau dem langsamen Vorbeiziehen Nordamerikas am Pol schon zu Zeiten, da Europa mit seiner Pendulation noch weit südlich zurück war. Auch das klingt zunächst gut, wenn schon das »Hineinsehen auf der Karte nicht jedem so ganz leicht werden wird. Was man aber zwischen den Zeilen verstehen muß, ist, daß das nordamerikanische Eis dann gar nicht im Diluvium gewesen wäre, sondern noch im Tertiär! Als bei uns noch die Affen und Giraffen des Tropenwaldes hausten, begannen drüben schon die Gletscher über Alaska aufzublinken, das als erstes auf der großen Nordfahrt die Nähe des Pols erreicht hatte und zu spüren bekam. Und während wir erst langsam die halbtropische und gemäßigte Zone durchwanderten, floß dort das Binneneis des nahe passierten Pols, bereits alles erkältend und die öde Moostundra vor sich her breitend, bis zum Mississippi.

Man sieht auf den ersten Blick, was für eine Umwälzung aller unserer geologischen Begriffe bisher das bedeutete. Auch in Nordamerika bedingte der vorrückende Eisrand eine völlige Umgestaltung der Tierwelt, die unserer diluvialen in Europa entsprach. Jetzt müßten diese amerikanischen Eiszeittiere (also wollhaarige Mammute, Moschusochsen u.dgl.) alle auch schon tief im Tertiär gelebt haben. In diesem Tertiär belebten aber für unsere geltende Anschauung bisher unendliche Scharen nicht eiszeitlicher Säugetiere aller Art die grünen Steppen und Wälder drüben. Riesige Knochenlager, wie sie kaum wieder auf Erden so vorkommen, geben uns von ihrem beispiellosen Reichtum ein überwältigendes Bild. Schichtenweise folgten sie sich, lösten einander ab, wie man stets glaubte, im Verlauf des Tertiärs. Dort war es, wo sich jene wunderbaren Stammbäume (z.B. der des Pferdes) fast lückenlos haben zurückverfolgen lassen. Auch das müßte jetzt alles umdatiert werden, man weiß nur nicht recht, wohin man damit zurückgehen soll. Soll man für die älteren Geschlechter bis in die Drachentage der Kreide hinunter, während doch keine Spur der alten Riesendrachen selbst sich mehr zwischen die völlig andersartigen Knochenfunde mischt? Das alles aber nicht aus eigenen Gründen, sondern nur um der Pendulation willen! Gewiß: jene Vermutung ist merkwürdig, daß die »Eiszeit« sich in Nordamerika stufenweise von West nach Ost bewegt habe, vorausgesetzt, daß sie richtig ist, worüber, genau gesagt, doch auch noch Streit besteht. Man würde die Sache unter die mancherlei bisher rätselhaften Einzelsonderheiten des großen Eiszeiträtsels verbuchen müssen, und ich gebe Reibisch durchaus recht, daß sie nach einer räumlichen Kältewanderung aussieht, die anders lief als die nordsüdliche in Europa. Niemals aber würde sie bloß aus sich auf die grundumstürzende Vermutung führen, daß das ganze nordamerikanische Diluvium tiefes Tertiär gewesen sei, wie es die Konsequenz der Pendulation hier fordert.

Kühne Gedanken jedenfalls! Unwillkürlich senkt man einen Augenblick das Blatt und schaut im Sinn nach der andern Eiszeit hinüber, – jener fernen der Permzeit. Wenn Europa damals auch polwärts gependelt war, worauf seine Eisspuren deuten könnten und wie es auch Reibisch annimmt, so konnte wohl unmöglich gleichzeitig Südafrika vergletschert sein. Und es müßte auch hier das einheitliche Bild erst unserer gangbaren Geologie zum Trotz auseinandergerissen werden, – wie denn Reibisch wirklich diese südafrikanische Vereisung vom Perm fort bis in die Jura- und Kreidezeit rücken möchte; wozu doch auch hier die anschließenden altertümlichen Farne und Reptile wieder nicht passen. Die Vergletscherung Indiens mit ihren so auffälligen Spuren muß aber überhaupt höchst problematisch erscheinen wegen der unmittelbaren Nähe zu dem einen der ewig tropisch, ewig polfern gedachten Schwingpole der Theorie auf Sumatra. Andererseits kann man aber diese indische Gletscherschrift doch nicht einfach der Theorie wegen streichen. Und man wird jedenfalls begreifen, daß von seiten der Geologen auch der geistvollen Pendulationsidee noch reichlich Fehde angesagt werden mußte. Und wird bei aller Anerkennung ihres genialen Gedankenblitzes nicht übersehen, daß auch sie noch nicht so sehr alle Eiszeittatsachen erklärt, als sie erst für sich wesentlich umgruppieren muß.

Inzwischen war der Lehre aber ein begeisterter Prophet erstanden in dem Leipziger Zoologieprofessor Heinrich Simroth, der ihr 1907 ein eigenes umfangreiches Werk (»Die Pendulationstheorie«) widmete. Simroth erweitert zunächst die schlichten geologischen Schlüsse Reibischs in einer für sich geistreichen, wenn auch, wie mir scheinen will, nicht immer glücklichen Weise, spielt aber dann die Hauptsache auf das Gebiet der Tierkunde und allgemeinen Entwicklungslehre über. Das uns bekannte Leben begann nach ihm einst in den Tropen. Es breitete sich zunächst also im ganzen Tropengürtel aus. Dann entführte aber die einsetzende Pendulation einzelne Arten mit ihrem Boden polwärts. Ein Teil ging im Kampf mit dem neuen Zonenklima ein, andere bogen wieder seitwärts aus, ein gewisser Stamm aber fand grade so die Anregung zu lebhafter Neuanpassung und Fortentwicklung. Der entschiedenste Schauplatz war dabei der meistbewegte Schwingungskreis, der über Afrika, Europa und den Stillen Ozean ging. Im Engeren blieb doch noch wieder das kleine Europa mit seinem reichen Wasser- und Landwechsel dem starren Block Afrika wie dem reinen Südseewasser über, – Europa ist, wie später die Hochburg der Kultur, so bereits seit Urtagen für Simroth das vorbestimmte Land aller Entwicklung gewesen, wobei die polaren Pendulationen besonders stark empor gesteigert zu haben scheinen, während die äquatorialen mehr in die Breite üppigen und abenteuerlichen Formen- und Größenspiels führten; man ahnt, daß im polaren Wege der Mensch entstanden sei, während auf äquatorialem die grotesken Riesensaurier lagen. Auch dieser Gedankenflug, dem Simroth den ganzen Schmuck seiner reichen Kenntnis und Phantasie verliehen, hat unverkennbar Verlockendes. Sicher bewährt, würde er nicht nur die Entwicklungslehre überraschend fördern, sondern auch der Pendulation eine große Hilfe sein. Aber diese Pendulation steht und fällt nicht mit ihm, und wir können die neue große Fachfehde der Zoologen und Botaniker, die sich unabhängig nun wieder daran geknüpft, hier ruhig als von unserm eigentlichen Thema zu weit fortführend auf sich beruhen lassen. Wesentlich sind dagegen noch ein paar Ideen Simroths zur Pendulation selbst.

Die einzelnen Schwingungsausschläge verteilt er genau auf unsere bekannten Epochen der Erdgeschichte. Im Altertum des Erdlebens (Paläozoikum) sollen wir polar gependelt sein, im Mittelalter (Mesozoikum) äquatorial, im Tertiär wieder polar, und heute soll’s, wie gesagt, abermals äquatorial gehen. Nun waren aber diese Weltalter ganz ungeheuerlich an Länge verschieden: das älteste endlos gegen das mittelste, dieses mittlere aber wieder riesenlang zum Tertiär. Die Pendulationen, wenn sie sich dort deckten, müßten also in Wahrheit auch nicht regelmäßig, sondern ganz verschieden, einst langsamer und nachher immer schneller erfolgt sein. Das aber bringt auf die Frage, was überhaupt zur Pendulation geführt haben könnte, und hier hat Simroth nun einen ganz kühnen Einfall gehabt. Die Pendulation sollte auf einem uralten Stoß beruhen, den die Erde erhalten.

In einer der stets höchst witzigen und anregenden, wenn auch stofflich heute öfter veralteten Geschichten Jules Vernes kommt ein zweiter Mond der Erde vor. Mondfahrer, die in einem hohlen Projektil aus einer riesigen Kanone geschossen sind, werden von ihm aus der Richtung gelenkt. Jules Verne mit seinem Geschick des überall Herumstöberns stützte sich dabei auf eine halb vergessene und wissenschaftlich nicht durchgedrungene Rechnung eines französischen Physikers, der aus Mondstörungen wirklich auf das Dasein eines wegen Winzigkeit bisher unbeobachteten zweiten Erdmöndchens geschlossen hatte. Solches Möndchen sollte nach Simroth nun in Urtagen gar auf die Erde heruntergestürzt sein und in die damals noch dünne Kruste den Block eingeschlagen haben, der nachmals Afrika bildete. Ganz neu war auch diese Idee nicht, wie ich denn vor mindestens 30 Jahren schon einmal gelesen habe, Australien sei von einem Kometen abgesetzt worden. Jetzt bei diesem Stoß Simroths sei aber nicht nur überhaupt die Erde erst schief gestellt worden, sondern es schwankten seitdem auch ihre Achsen in der Weise gegeneinander, wie es die Pendulation ungefähr voraussetzt. Die Sache ist in Simroths Buch etwas reichlich unklar ausgedrückt, und Theodor Arldt hat sie in der Folge einer, wie man wohl sagen darf, vernichtenden physikalischen Kritik unterzogen. Das Nachzittern eines solchen Stoßes über hundert und mehr Millionen Jahre fort bei ganz unfaßbar langsamen Anfangsausschlägen hat ja für das erste Nachdenken schon etwas Bängliches. Arldt zeigt aber, daß er nur die Erdbahn, Erdschiefe und tägliche Erddrehung hätte ändern, im übrigen aber präzessionsartige Gesamtschwankungen auslösen können, die mit Pendulation nichts gemein haben. Vorausgesetzt, daß ein sich nähernder Mond sich nicht überhaupt nach den vom jüngern Darwin entwickelten Gesetzen in Spiralwindungen bewegt und längst vorher in einen Meteoritenring aufgelöst hätte; und ganz abgesehen von den ungeheuren Schmelzwirkungen einer solchen Stoßkatastrophe. Simroth hat denn auch später selbst seiner kleinen Julesverniade eine etwas andere Wendung gegeben und bis zu seinem leider während des Kriegs erfolgten Tode einer magnetischen Hilfstheorie gehuldigt. Nachdem die Erde als kleiner Magnet durch einen Stoß verschoben war, sollte die Sonne als großer Magnet wieder in parallele Lage zu bringen bestrebt sein, was sich in der Pendulation äußere. Wird man bei der ganzen Pendulation schon bisweilen an des alten Adhémar Sintflutgemälde mit seinen Schwerpunktverlegungen erinnert, so wirkt es an dieser Stelle erheiternd genug, daß eben bei Adhémar gelegentlich auch bereits eine solche kosmische Magnetphantasie vorkommt: 1799 habe einer die Erde pendeln lassen, weil die Kometen ihren Magnetkern hin und her zögen. Reibisch selbst hat seine Ansicht von den wirkenden Ursachen der Pendulation übrigens bisher nicht veröffentlicht, und alles in allem wird man der ursprünglichen Theorie wohl nur nützen, wenn man die Stoßgeschichte wieder möglichst von ihr fortdenkt.

Unterdessen war aber längst noch wieder etwas Neues in die lehrreiche Debatte geraten. Arldt in jener kritischen Studie betonte, es gäbe immerhin noch eine vage Stoßmöglichkeit: wenn nämlich die Erde nicht einheitlich gebaut wäre, sondern mit ihrer Rinde gegen den Kern verschoben werden könnte. Dann könnte ein ganz flacher Stoß die Rinde vielleicht ein Stückchen weit über den ruhig weiter drehenden Kern geschoben haben, und indem Ausgleichsspannungen sie wieder zurückzögen, möchte wenigstens einmal etwas Pendulationsartiges entstehen. Er selbst maß auch dem keine große Wahrscheinlichkeit bei, aber man konnte vom Stoß absehen und doch in der Rindenverschiebung an sich etwas Fesselndes finden.

Dem Leser, dem vielleicht schon die Pendulation selbst etwas zu viel war, mag ja vollends hier graueln: nun sollen ihm nicht bloß die Achsen wackeln, sondern gar die ganze Erde sozusagen in Fleisch und Bein zu zwei Stücken zerbrechen, die übereinander klappern wie in einer japanischen Vexierkugel. Die Grundlage der Geschichte ist indessen wieder weit weniger toll, als es ausschaut.

Es kommt nämlich zunächst nur darauf an, wie man sich das Innere der Erde vorstellt, und darüber gibt es bekanntlich mehrere gut zu begründende Ansichten. Eine ziemlich gangbare nimmt allerdings nach unten zu eine geschlossene Folge aller Übergänge von Fest durch Flüssig zu Gasförmig ohne jede Trennungsfläche an, und an solcher Kugel, die praktisch als strenge Einheit zu gelten hätte, könnte sich nichts verschieben. Aber grade neueste Forscher von Ruf glauben auch wieder an einen festen Metall-(Eisen-)kern, auf dem eine oberflächliche Steinkruste liegt, die vielleicht in 1500 Kilometern Tiefe scharf abgesetzt und in der Sohle selber plastisch wäre. Unsere allerneuesten Rechnungen über Leitung der Erdbebenwellen im Erdinnern sprechen recht stark hierfür, und damit ginge es schon. Wie es aber oft mit der »Duplizität« von Entdeckungen ist, daß zwei zu gleicher Zeit auf gleiches kommen, so war fast zugleich (unbedeutend später) mit Reibischs erstem Heft ein schmuckes Buch erschienen, das wirklich die ganze Sache von hier aufzurollen versuchte. »Die Äquatorfrage in der Geologie«, von P. Damian Kreichgauer S. V. D., Lehrer der Mineralogie und Geologie in St. Gabriel bei Mödling in Niederösterreich, gewidmet dem hochwürdigen Herrn Generalsuperior usw. Das Werk stammt, wie man sieht, diesmal aus streng katholischem Kreise, befleißigt sich aber nach dem Vorbilde des bekannten vortrefflichen Vatikanastronomen Pater Secchi in allen kosmogonischen Fragen einer durchaus achtenswerten wissenschaftlichen Unbefangenheit.

Auch der Pater Kreichgauer, der an Kant-Laplace keinen Anstoß nimmt und geologisch überall im Bilde ist, geht gleich unserm kosmischen Ingenieur Reibisch davon aus, daß die Drehachse selber sich nicht geändert hat, wohl aber immer wieder andere Länder und Meere Drehpole und Äquator überkrochen haben. Das aber konstruiert er jetzt ernstlich so, daß der Erdkern seine Drehung behält, dagegen die Rinde auf ihm rutscht. Der Erdkern ist ihm flüssiges Eisen, da Druck die Metalle verflüssige. Darauf schwimmt die Rinde, unten nachgiebig und an ihren Spalten verschiebbar wie eine lose verbackene Eisschollenschicht. Sie in Bewegung zu setzen, bedarf’s keiner Mondstöße, sondern nur der eigenen Schubkraft, wie sie durch ungleiche Belastung, Faltenwurf und zentrifugale Zerrung immer wieder erzeugt wird. Dann aber legt sie weite Strecken zurück mit allem, was auf ihr ist, – »Waldung, sie schwankt heran, Felsen, sie lasten dran«, wie es im »Faust« heißt. Und dem Pater entgeht nicht, daß auch so vermeintliche »Eiszeiten« entstehen müßten, wenn die treibende Bank andere Landschaften über die kalten Drehpole führt. Wobei er gewissenhaft verzeichnet, daß schon ein anderer vor ihm, der Jesuitenpater Kolberg, an solchen Rindenzug zur Erklärung gedacht habe, während ihn selbst doch die Pole weniger interessieren als der alte Äquator. Durch was für wechselnde Gegenden sich dieser Äquator in den Erdaltern gespannt, sucht er noch an den verklungenen Gebirgen abzulesen, die immer eine äquatoriale Falte geliebt, oder aus den Bändern roten Sandsteins, die, in der Wärme gebildet, heute noch uralte Gleicherzonen zu künden scheinen.

Da aber offenbart sich ihm nun vor seiner reisenden Schollendrift der Jahrmillionen keine auf und ab wippende Pendulation, sondern er meint, die ganze Rinde sei um und um getrieben, bis das Gebiet des alten Nordpols regelrecht zu dem des Südpols geworden, also für den äußeren Anblick die ganze Erdkarte sich auf den Kopf gestellt habe. Ich mußte, als ich’s las, an verträumte Stunden mit August Strindberg denken, der bekanntlich ab und zu in paradoxer Naturgeschichte dilettierte: wie er mir einmal begreiflich zu machen suchte, der Mond drehe sich langsam von Pol zu Pol. In der Vision des Paters Kreichgauer erschien das leibhaftig für unsere ungeheure Erde, die zwischen Vor-Kambrium und Diluvium ihre Pole vertauschte. Manches in den verschiedenen Pollagen, das der Pendulation Kopfzerbrechen macht, gibt sich so in der Tat noch anschaulicher. In mehrerem ist aber doch auch wieder merkwürdig, wie der Pater unbewußt in Schritte lenkt, die auch der Ingenieur getan. Auch bei ihm schiebt sich die Rinde in ganz ähnlichem Hauptkreis über die Pole, von zwei Tropenstellen aus gedreht, die unmittelbar an Reibischs Schwingungspole erinnern, – bloß daß er seine Schollen freier treiben und ausbiegen lassen kann, als in Reibischs starrem System möglich wäre. Und die diluviale Eiszeit muß entsprechend auch er zeitlich zerstückeln, bis ihre nordamerikanischen Akte sich schon durch das ganze Tertiär ziehen. Hier aber war es nun wieder Simroth, der allen Ernstes eine nachträgliche Kombination aus Rindenrundfahrt und Pendulation selber versucht hat. In einem Nachtrag zu seinem Pendulationsbande meint er, auch die Pendulation könne schließlich ganz gut als eine reine Rindenbewegung, wenn schon eine bloß pendelnde, gedeutet werden, unter der unbeschadet der metallene Erdkern seine alte Drehung bewahrte, womit immerhin eine Brücke gegeben war, auch diese Pendulation irgendwie in Kreichgauers Sinn auf rein irdische Ursachen ohne kosmischen Roman zurückzuführen.

Simroth hat an der gleichen Stelle aber noch eine interessante Anlehnung gesucht.

Bei unserem geologiebeflissenen Pater ist, wie gesagt, seine Krustenbewegung im einzelnen viel willkürlicher: so läßt er sie z.B. im Tertiär und Diluvium nördlich eine richtige Kurve beschreiben, die den Eispol wirklich abbiegend über das arktische Amerika und rund um Grönland führt. Da möchte man fast fragen, ob nicht einzelne Krustenschollen hier gesondert herumgesteuert sein könnten. Auf diesem Gebiet ist aber nichts so paradox, daß es nicht auch einmal ernstlich verfochten werden sollte. Wenn nun ganze Erdteile sich geologisch von der Stelle bewegten, hin und her schwämmen, zerbrächen und in den Stücken voneinander abtrieben? Man braucht bloß an die Gebirgsfalten zu denken, um sich zu sagen, was für unheimliche Beweglichkeit jedem »Festlande« schon an sich innewohnt. Jede Falte muß soundso viel vorher flach gebreitetes Land zu sich herauf gestaut haben. Wieviel Ebene mag zusammengerückt sein, den ungeheuren Himalaja zu bilden, – die wieder herauskäme, wenn man seine Falten zurückglätten könnte. Man sieht schon auf dem Wege die einzelnen Länder geologisch vor- und zurückkriechen, wie ein Polyp seine Hangarme breitet und sich dann wieder zum Klumpen ballt. Aber das gliedert sich vielleicht nur in ein noch viel größeres Bild.

Wem ist auf der Karte nicht einmal aufgefallen, daß Grönland wie ein an einem Spalt abgerücktes Stück Nordamerika aussieht? Oder Südamerika, als sei es mit der Schere aus Westafrika herausgeschnitten? Die ganze Ostküste des Atlantischen Ozeans scheint sich auf der andern Seite gradezu fortzusetzen: Afrikas große Tafel in dem Tafellande Südamerikas, die Bruchzone unseres Mittelmeers in der mittelamerikanischen, Europas Ebenen in den Prärien, Skandinaviens Berge in den Bergen Grönlands. Alle neuere Geologie hat hier an versunkenes Zwischenland gedacht. Eine nordische und eine südliche Atlantis, die einmal untergegangen, während die Pfeiler hüben und drüben stehen blieben. Aber der Boden des Atlantischen wie aller Ozeane scheint nicht so einfach bloß auf versunkenes Festland zu weisen. Schweremessungen deuten eine andersartige, schwerere Gesteinsmasse da unten an. Es ist, als sei eine tiefere Schicht der Erdrinde hier überall angeschlagen. Die Erdteile scheinen sie voneinanderrückend einfach freigegeben zu haben wie den Grund einer ungeheuren gähnenden Spalte. Aber sie geht offenbar ganz in der Tiefe auch unter diesen Erdteilen selbst weiter. Im Meeresgründe oberflächlich vernarbt, ist sie da drunten plastisch-flüssig. Aus ihr quillt angeschlagen die heißflüssige Lava. Die Erdteile aber, kolossale Brocken viel leichteren Gesteins, wurzeln in diesem Tiefenfluß. Sie hängen darin lose im Gleichgewicht wie riesige Eisberge im Meer.

Dazu aber muß man sich nun noch einmal eine gewisse Theorie der Erdrinde überhaupt machen. Nife, Sima und Sal kommen in Betracht. Die Worte klingen ja zunächst wie aus der Mythologie der Edda. In Wahrheit hat sie unser größter zeitgenössischer Geolog, Sueß, zum eigensten praktischen Gebrauch geschaffen. Den Erdkern soll uns wieder eine Eisenkugel bilden, – sagen wir nach der Natur der Meteorsteine, die zum Teil vielleicht Trümmer solcher anderen Weltkörperkerne sind, aus Nickeleisen. Nickel mit Ferrum, d. i. Eisen, gibt abgekürzt Nife. Auf diesem Nifegrund erst ruhe die Rinde. Aber diese Rinde besteht zunächst selber wieder aus einer unteren schweren Schicht, in der Tiefe zähflüssig. Das ist jene, die unter den Meeresböden hergeht und in der die Erdteile stecken. Silizium (Kieselstoff) und Magnesium mögen sie wesentlich zusammensetzen, – daher Sima. Ursprünglich schwamm auf ihr einheitlich die oberste Decke, im Verhältnis zu dem schweren Fluß darunter schaumig leicht, etwa wie Eis oder Bimsstein. Silizium mit Aluminium als Hauptbestandteil, – daher Sal. Aber diese Sal-Decke zerriß früh schon in lose Brocken: das sind unsere Kontinente. Wo sie, durch Faltung gekürzt, sich trennten, Raum ließen, da bildete das vernarbte Sima die Ozeanböden. Die Festländer selbst aber hängen als Sal-Trümmer noch mit den Sockeln schwebend eingetaucht im flüssigen Tiefensima. Warum sollen sie nicht gelegentlich noch bis heute auf ihm sich auch bewegen, fortschwimmen, abtreiben können? So noch in gar nicht ferner Zeit erst Amerika von Europa-Afrika fort und Grönland wirklich von Amerika. Angeblich sollen sich sogar kleine jährliche Beträge herausrechnen lassen, um die dieses Auseinanderrücken gegenwärtig noch andauert.

Es sind Gedankengänge, die Alfred Wegener in Marburg so oder ähnlich gegeben hat (1912 in »Petermanns Mitteilungen«). Das »Prinzip der horizontalen Beweglichkeit der Kontinente« nennt er’s. ihm selber erscheint’s paradox, aber doch denkenswert. Natürlich gibt es mancherlei nahe Einwände dagegen, von denen er selbst einen hervorhebt: warum nicht jede Verschiebung der Erdteile heißflüssiges Tiefensima entblöße, das, ehe es selber zu Ozeanboden erstarrt, die entsetzlichsten Lavakatastrophen erzeugte. Er meint, unterseeische Lavaergüsse pflegten sanft zu verlaufen, in stärkeren Fällen der Urwelt aber habe wohl wirklich hier auch wilderer Vulkanismus angeknüpft, – wohl keine schlagende Erklärung. Aber vergegenwärtigen mag man sich auf jeden Fall, was auch das noch wieder in das Eiszeitproblem tatsächlich hineintragen würde. Schon jene einfache Faltenraffung könnte Länder heute weit vom Pol fortgezerrt haben, die einst ausgebreitet unter seinen Eiswirkungen lagen. Oder ganze Erdteile könnten mit der Eisschrift auf dem Buckel in die weite geschwommen sein, endlose Meere fürder zwischen sich und den Pol setzend. Denken wir uns so doch noch einmal in die Wunder der Permeiszeit zurück! Teile von Südamerika, Kapland, Indien, Australien hätten einst einen engverwachsenen Landblock gebildet, der damals dicht unter dem Südpol wurzelte und dessen Eisschrift empfing. Später aber wäre er gänzlich voneinander geschaukelt wie ein berstender wirklicher Eisberg, – ein Stück wäre bis ans heutige Südamerika geschwommen, eins in Australiens gegenwärtige Lage, eins wäre von Afrika zu sich gerafft und eins gar durch die kolossale Landeinziehung bei Gelegenheit der Himalajafaltung bis in die Breite des heutigen Indiens geholt worden. Überall an diesen fernen Stellen aber läsen wir vom mitgebrachten Gestein noch die Schrift des Eispols. Ich sage nicht, daß es ohne weiteres so war, aber verstehen könnte man, daß es auch so einmal hätte werden können. Penck selber, der große Kenner der südlichen Eiszeiten, hat der örtlichen Schollenverschiebung im Indischen Ozean den Rang einer brauchbaren Arbeitshypothese zuerkannt. Und so meinte denn auch Simroth, wenigstens die indischen Gletscherspuren, die ihm so gar nicht in seine Pendulation passen wollten, mit solcher Wegenerschen Zerrung aus dem Hauptspiel herausdrängeln zu können.

Wir aber mögen hier wieder die Grenze sehen, wo für unsern Zweck auch diese Theorien ungefähr abgeschritten sind. Man beherrscht die neue Fragestellung, merkt aber, wie auch sie noch nicht ohne weiteres löst, sondern ein Heer neuer Vermutungen herauszaubern muß, die alle ihr Glück, aber auch alle ihre Bedenken haben. Hinter den Pendulationen des Erdkolosses erscheint nach wie vor das Pendeln der Gedanken, hinter der sich drehenden Kruste und den schwimmenden Erdteilen das Schwimmen und Drehen vermeintlicher und echter Beweisstücke. Gern aber, wie beim Kampf um den wirklichen Nord- oder Südpol, folgt man den tapfern Männern, die, jeder in seiner Art, sich durch den Wust der Widersprüche gekämpft.

So reich und unterhaltend diese Theorien wieder sind: man fühlt doch, daß der Gedanke sich auch vor ihnen noch einmal auf die Wanderschaft begeben konnte. Allerdings jetzt mit immer mehr verengtem Kreis. Man kann die letzten kosmisch-astronomischen Ideen, die an dem Pol hingen, auch noch über Bord werfen und bleibt dann ganz bei der Erde, wie sie heute schwebt, wandelt und sich dreht. In allen Zeiten ihrer Geschichte, wenigstens soweit Leben und Eiszeiten in Frage kommen, läßt man sie so schweben, wandeln und sich drehen, genau wie heute. Und fragt bloß, ob nun irdisch-geologische Gründe auf ihr selbst zu Eiszeiten geführt haben könnten. Auch von Theorien gilt ja manchmal das alte: »Bleibe im Lande und nähre dich redlich.« Lyell, von dem ich vorhin sprach, hat seinerzeit mit höchstem Erfolg gelehrt, man solle auch bei den scheinbar wunderbarsten Begebnissen der Vergangenheit naturgeschichtlich möglichst eine schlicht dem heutigen entsprechende Ursache voraussetzen, ehe man durch alle Himmel und zu weltumstürzenden Wandlungen schweife, heute noch begibt sich bei uns mancherlei, das doch im kleinen mächtig. Der Tropfen höhlt den Stein, in Jahrtausenden verwittert der Fels, versandet eine Bucht, hebt sich leise die Küste; auf geologische Zeiträume erstreckt, kann das aber auch Ungeheures vielleicht erklären, vor dem man zuerst fassungslos stand. Ob nun mit solchen einfach irdischen Mitteln auch die ganze Eiszeit zu packen wäre …?

Schon bei jenen kühnsten kosmischen Deutungen sahen wir gelegentlich einzelne Hilfserklärungen gleichsam kleine Anleihen hier herüber machen. Das kosmisch bedingte diluviale Eis sollte immerhin verstärkt worden sein durch Ausbleiben warmer Strömungen. Oder die Gebirge Skandinaviens sollten höher geragt und so bessere Ausgangspunkte weitreichender Vereisung geboten haben. Das Eis, einmal gegeben, sollte selber das Wetter verschlechtert haben, das nun fortzeugend wie der Fluch der bösen Tat neues Eis aus sich gebären mußte, wenn aber diese Hilfen allein schon gelangt hätten?

Hier ist zunächst ein Kreis ganz »zahmer« Theorien entsprungen. Sie versteifen sich besonders auf jene besagten paar Grad Kälte mehr, die es zu dem ganzen Diluvialeis bloß gebraucht hätte. Ob man diese lumpigen sechs Grad oder noch nicht einmal soviel nicht tatsächlich im Sinne Lyells aus einer ganz kleinen örtlichen Änderung gegen heute erzielen könnte?

Wenn man eine Karte unserer gegenwärtigen Meeresströmungen zur Hand nimmt, so gewahrt man im oberen Teil des Atlantischen Ozeans ein wunderbares System sich gegenseitig bekämpfender Warm- und Kaltwasserleitungen. Die großen tropischen Äquatorialströmungen, nach dem Erdgesetz der Passatwinde westlich gedrängt, stauen sich an den Antillen und in dem Mexikosack vor der mittelamerikanischen Landbrücke und ergießen ihre abgelenkten Heizwasser als wärmenden Golfstrom hoch hinaus bis gegen die Westküsten Nordeuropas. Umgekehrt strömt es eisig kalt im Labradorstrom aus der Davisstraße und an Ostgrönland vorbei gegen Nordamerika zu. Heute überwiegt in dieser seltsamen Kanalisation, die den freien Ozean noch einmal wie mit ungeheuren Nutzadern von besonderer Temperatur durchsetzt, für uns die wärmere Leitung. Aber man braucht nicht die Pole zu verlegen und die ganze Erde hin- und herpendeln zu lassen, wenn man sieht, daß schon ganz geringe Landverschiebungen, wie sie jede Geologie annimmt, an diesem natürlichen Heizsystem gründlich rütteln könnten. Wenn die Landenge von Panama aufbräche, stürzten jene tropischen Äquatorialfluten in den Stillen Ozean ab und der ganze Golfstrom hörte aus zu bestehen. In der älteren Tertiärzeit hat solches Tor fern da unten wirklich einmal bestanden, während es freilich im Diluvium selbst längst verrammelt war. Aber bis in dieses Diluvium hinein ragte wohl noch eine mehr oder minder schmale Landbrücke, die Europa von Schottland über die Färöer und Island an Grönland schloß. Auch dann muß der Golfstrom seinen Hauptberuf verfehlt haben, er konnte mit seinen Ausläufern nicht nach Norwegen durch, – umgekehrt aber würde ein Teil der eisigen Grönlandwasser sich hinter jener Atlantisbrücke sehr zu unsern Ungunsten gestaut haben. Erfolg mußte sein, daß an die skandinavischen Küsten immer wachsendes Polareis trieb, bis sich die Gebirge dort, ins Mark erkältet, mit Gletschern bedeckten wie Grönland selbst.

Wenn man aber zugleich wieder an die nicht auszusagenden Schuttmengen denkt, die dieses Skandinavien ebenso wie unsere Alpen während der Diluvialzeit selber ausgestreut und also verloren hat, so wird man abermals auch ohne Pendulationstheorie denken müssen, daß die Gebirgskämme dort anfangs überall noch ein Stück höher gelegen haben, gekrönt von dem festen Stein, der nachmals als zerbrochene Schuttflut ihren Flanken entrann. Für Skandinavien ist auch immer wieder erwogen worden, ob es nicht eben durch die beispiellose Last von über zwei Kilometern Eisdicke selbst erst gleichsam tiefer untergetaucht, also im Ganzen gesenkt worden sei. Auf jeden Fall muß aber diese höhere Lage ihrerseits zunächst die »Vergrönlandung« unterstützt haben. War aber einmal ein skandinavisches Grönland geschaffen, so mußte das wieder die bedeutsamsten Folgen für ganz Europa haben.

Das wirkliche Grönland bricht heute gegen die unabsehbar offene See mit ihrer geheimen Warmwasserheizung ab. Vor dem skandinavischen Grönland lag dagegen schutzlos das übrige Europa, in dessen Ebenen das Eis wie an einer schrägen Rutschfläche weithin einsinken konnte. Über dem wachsenden Eisfeld aber mußten sich bestimmte meteorologische, die auflagernde Luft und ihre Schichtung und Bewegung betreffende Verhältnisse geltend machen. Das Inlandeis mußte eine kolossale Abkühlung der Luft über sich schaffen, die sich im Sommer wie Winter als eine dauernde »Antizyklone«, wie der Meteorolog das nennt (Gebiet mit hohem Lustdruck im Innern), äußerte. Die tauenden Winde wurden abgehalten, die ganze Luftdruck- und Luftströmungslage Europas gegen heute auf den Kopf gestellt, – alles aber so, daß (der Gedanke tauchte bereits bei Croll auf) der Eiszustand sich selber tatsächlich immer neu regeln und weitererzeugen mußte. Gleichzeitig erhöhten die verlagerten schwachen Luftdruckzonen im südlicheren Europa die Niederschläge, es gab Regenzeiten und auf den Gebirgen auch dort mehr Schnee und anwachsende Vergletscherung, wie sie die riesigen Moränen (Schuttreste) der diluvialen Alpengletscher noch jetzt so anschaulich vor Augen stellen.

Ich fasse auch hier wieder verschiedene Einzeltheorien in ein möglichst einheitliches Bild zusammen. Im engeren findet man die Golfstromidee u. a. bei dem kenntnisreichen Kölner Astronomen Hermann J. Klein entwickelt, dessen Wetterwarte aus dem Dach der »Kölnischen Zeitung« mir persönlich noch zu den lebhaftesten Jugenderinnerungen gehört und dem man mit atemloser Spannung einst bei seinen wunderbaren Nachrichten von Veränderungen auf dem scheinbar grabesstarren Monde folgte. Während die meteorologischen und sonstigen Folgerungen am klarsten von Geinitz, zweifellos einem der allerbesten Kenner unserer europäischen Eiszeitspuren, neuerdings auch zusammengefaßt von M. Semper gegeben worden sind. Nach allem Gesagten wird der Leser aber die Achillesferse auch dieses »bescheidenen« Gedankengangs herausfühlen. Es stimmt alles verblüffend einfach, wenn man eben bloß bei Europa bleibt. Nordamerika fordert schon eine eigene unabhängige »Lokaltheorie«. Alles weitere aber wird überhaupt nicht erklärt. Nicht die äquatorialen Pluvialzeiten, nicht die Meyersche Mehrvergletscherung am Kilimandscharo und in Ekuador, nicht die Bipolarität. Das Rätsel der tertiären Wärme, die Lichtfrage werden gar nicht angeschnitten, die permische Eiszeit müßte wieder auf einem neuen Lokalzufall von damals beruhen. Nicht einmal die wärmeren Interglazialzeiten finden eine Stelle, wie denn charakteristischerweise grade Seinitz auch bis heute ihr hartnäckigster Leugner geblieben ist. So sieht man, falls nicht noch überraschende neue Einfälle hinzukommen sollten, die »Bescheidenheit« zur »Armut« werden.

In gewissem Sinne wird es allerdings immer von Wert sein, diese reine Lokaldeutung bis in ihre letzten Möglichkeiten durchzudenken, denn sie wird stets eine Hilfstheorie »nebenher« sein. Wir sahen das schon bei Croll und sonst, aber es wird auf jede Erklärung, sei sie, wie sie sei, zutreffen. Auch wenn die Eiszeiten im ganzen eine noch so besondere Ursache für sich hatten, müssen doch örtliche geographische Ursachen, müssen engere, in der meteorologischen Lage begründete Dinge hineingewirkt haben. Man denke an das Bild irgendeiner kleineren Naturkatastrophe, etwa einer Überschwemmung, von heute. Ihr eigentlicher Anlaß mag in höheren Gewalten liegen: ihre örtliche Bahn wird sich doch nach gegebenen Flußnetzen richten, wird sich stauen vor einem in den Weg gestellten Gebirge, wird schlimmer oder leichter werden, je nach der Unterstützung oder Hemmung durch den Fleck, wo sie spielt. Der genius loci gleichsam, wie man im Altertum sagte, der Geist des Orts, wird seine Hand dabei haben. Ob eine warme Meeresströmung noch obenein fehlte, als es im Norden kälter wurde, oder ob zu einer im ganzen wärmeren Zeit auch noch (wie im zerstückelten Europa älterer Erdalter) ein ausgesprochen milderes Inselklima trat, das kann nie ganz belanglos gewesen sein und so auch nicht eine Forschung, die hierauf Gewicht legt. Gleichwohl versteht man, wie es locken mußte, auch rein irdisch und im Sinne Lyells doch noch wieder eine universalere Theorie aufzustellen, die auch reicheren Ansprüchen genügte. Der Charakterkopf, der hier auftaucht, gehörte zu den führenden Geistern neuzeitlicher Naturforschung. Sein entscheidender Gedanke aber reicht mit einer Vorgeschichte wieder über ein ganzes Jahrhundert zurück.

Jede Wissenschaft hat gelegentlich ihr Märchen, das sich vorübergehend in sie einschmuggelt. Wir sind bei unserem eigenen Stoff ja wohl schon durch mehrere Beispiele gegangen. Ein solches Märchen war aber in der neueren Geologie die ungeheure Kohlensäuremenge der Steinkohlenzeit. Man sah die mächtigen Kohlenflöze, durch Pflanzen zu Stein gebunden. All der Kohlenstoff mußte doch einmal in der Luft gewesen sein, aus der ihn die Wälder von damals erst langsam herausgefressen hatten. So kam die Legende von einer dicken Urwolke von Kohlensäure, die anfangs um die Erde gelagert habe, bis Pflanzenarbeit die Luft so weit reinigte, daß höhere Wesen atmen konnten. Das wilde Bild wurde gewohnheitsmäßig mit einer dauernden Bodenheizung und einer dieser Wärme verdankten Wasserdampfwolke verknüpft, auch sie so dick, daß die Sonne nur als rötlicher Fleck darin stand und im ewigen Dämmer bloß lichtscheues Tiervolk, Molche, Termiten und Kakerlaken ihr Wesen treiben konnten. In all diesen Ausschmückungen handelte es sich aber tatsächlich um ein Märchen, und es schien leicht, das zu beweisen. Neumayr hat in den 80er Jahren von geologischem Ideenschutt gesprochen, der da wieder abgeräumt werden müsse. Das Unhaltbare der Bodenheizung haben wir schon besprochen. In dem kellerartig überdicken Dampfdämmer hätte kein Farnblatt grünen können. Und speziell die Kohlensäureschwängerung müßte in diesem phantastischen Umfang alle Kalkschichten der Meere von damals chemisch aufgelöst und die Tierschöpfung von vornherein unmöglich gemacht haben. Steinkohle aber konnte sich auch ohne das bilden. Noch heute ziehen Pflanzenleichen, Gesteinsverwitterung und organische Kalkbildung beständig eine Menge Kohlensäure aus der Luft, im gleichen Prozentverhältnis ersetzt sie sich indessen wieder aus den natürlichen Gasausströmungen, die jeden vulkanischen Ausbruch begleiten, abgesehen von geringeren Quellen. Warum soll dieser einfache Wechsellauf nicht von je bestanden haben? Das Märchen schien für immer eingesargt, und doch sollte in ihm, wie so oft, noch eine sehr merkwürdige Anregung stecken.

Allgemein lenkte es ja den Blick auf etwas, das wir bei all unsern Eiszeitbetrachtungen bisher noch nicht erwogen haben, obwohl es geologisch auch stets mitgespielt haben muß: – nämlich die chemische Zusammensetzung unserer irdischen Lufthülle. Es ist rund jetzt hundert Jahre her, daß der Physiker Fourier über diese Lufthülle eine überraschende Lehre aufstellte. Pouillet und Tyndall haben sie nachher vervollkommnet. Ihr Sinn aber betraf ein Wärmeverhältnis. All unsere Erdwärme erhalten wir von der Sonne. Wie wir sie indessen behalten, dazu spielt diese Lufthülle entscheidend mit. Sie wirkt nämlich wie die Scheibe eines Treibhauses. Gleich solcher läßt sie das helle wärmende Sonnenlicht, das von oben einfällt, die »helle Wärme« gleichsam, unbehindert bis zu ihrem Erdengrunde durchströmen; wenn aber von der erwärmten Erde nun die »dunkle Wärme« wieder zurückströmen möchte, so wehrt sie dem Flüchtling den Paß, ganz genau wie die schützende Treibhausscheibe einer inneren Ofenheizung. Seltsam nun aber: diese Glasrolle der Luft, so unendlich segensreich für uns, hing selber wieder an ihrer chemischen Zusammenmischung. Zwei verhältnismäßig geringe Bestandteile in ihr stellten sie erst im engeren her: nämlich eben der in ihr schwebende Wasserdampf und die Kohlensäure.

Unwillkürlich denkt man dabei doch noch einmal an das Märchen zurück. Gab es damals wirklich einen auch nur um weniges dickeren Kohlensäure- und Wasserdampfgehalt in der Luft, so hätte man die zweifelhafte Bodenheizung entbehren können. Das verdickte Glasfenster hielt dann allein schon so viel Sonnenwärme mehr zurück, daß die Erde sich darunter wie in einem Treibhause erhitzen mußte. Dabei hätte aber der Wasserdampf (den man ja überhaupt nicht zu dick machen durfte) schon als ein Ergebnis dieser Wärme selbst gelten können, und man käme auf die Kohlensäure als den Grundheizer. Mehr Kohlensäure damals, mehr Wärme …

Es war im Jahre 1895 zu Pavia de Marchi, der hier die Frage aufwarf, ob in dem abgetanen Märchen nicht doch noch ein Kerngehalt gesteckt haben könnte. In der Erdgeschichte wechselten wärmere mit kälteren Perioden. Wenn das nun bei völlig gleichbleibender astronomischer Erdstellung und Sonne doch irgendwie auf eine solche »Fensterfrage« unserer Erde gegenüber der Sonne hinausgelaufen wäre? Mit andern Worten: ob sich nicht die Durchlässigkeit unserer Atmosphäre für Wärme periodisch im geologischen Lauf geändert haben könnte? De Marchi selbst ließ dabei offen, was der eigentliche Regulator gewesen sein sollte. Hier aber zog jetzt ein viel Bedeutenderer die Folgerung: Svante Arrhenius erklärte bereits im nächsten Jahr (1896) in einer Abhandlung des englischen Philosophischen Magazins die Kohlensäure unmittelbar für den geologischen Proteus, dessen Verwandlungen den ganzen Klimawechsel der Vergangenheit von den ältesten Tagen an bedingt hätten.

Svante Arrhenius, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen schwedischen Botaniker von Ruf, ist geboren am 19. Februar 1859 zu Wijk bei Upsala, hat aber in seinem Bildungsgang eine vollgültige deutsche Schulung für sein Spezialfach, die Elektrochemie, genossen. Er wirkt heute auf der Höhe seiner Kraft an der Universität Stockholm. In reifen Jahren noch zu immer umfassenderen Fragen der Weltphysik vorgeschritten, hat er bis in weiteste Kreise Aufsehen gemacht durch seinen großzügigen Versuch, den Kant-Laplaceschen Gedanken durch ein vertiefteres »Werden der Welten« zu ersetzen. Über den wunderbaren Druck, den, entgegengesetzt zur Schwere, der Lichtstrahl selber ausübt und durch den sich der Stoff in die fernsten Abgründe des Raumes vertreibt; über die Unsterblichkeit des Lebens in diesem Raum; über die ewige Selbstwiedererweckung des Alls gegenüber dem arbeitlähmenden Weltentod durch Wärmeausgleichung (Entropie) und wieviel anderes mehr hat er, auch vom Gegner bewundert, eine funkelnde Fülle genialer Gedanken ausgestreut. Man durfte auf jeden Fall eine große Anregung erwarten, als grade dieser reiche Geist sich auch an die Eiszeitfrage zu rühren vermaß.

Das Märchen klingt auch bei Arrhenius nur eben an. Im Uranfang hat es wohl wirklich noch etwas mehr Kohlensäure gegeben, die dann langsam erst abgebaut wurde, aber hier liegt nicht das Entscheidende. Von gewisser früher Zeit an hat das Wechselverhältnis von Kohlensäureverbrauch und Kohlensäureersatz jedenfalls auch geologisch bereits gewaltet, ohne daß mehr da war, als auch die Tiere vertragen konnten. Gleichwohl ist der Ausgleich noch gewissen Schwankungen in den geologischen Epochen unterlegen gewesen. Zuzeiten war etwas mehr erzeugt worden, als gleich verbraucht werden konnte, zu andern hatte die Nachfrage die Produktion übertroffen. Je nachdem aber hatte sich das atmosphärische Treibhausfenster mehr geschlossen oder aufgetan. Erfolg: die Gesamttemperatur der sonnenbestrahlten Erdoberfläche war dort etwas herauf-, hier etwas heruntergegangen. Dort wärmere Zeit (z.B. Tertiär), hier kühlere (Perm oder Diluvium). Unzweideutig: man stand vor einer neuen Eiszeittheorie. Einer rein irdischen ohne jede astronomische Zutat. Aber einer ebenso unverkennbar universalen.

Svante Arrhenius, der Chemiker, überraschte dabei durch seine Einzelrechnungen. Keine Rede von den Überschwänglichkeiten des Märchens, und doch kleine Ziffern, die Räder der Weltgeschichte drehten. Nähme man alle Kohlensäure aus unserer Luft fort (sie beträgt bloß 0,03 Volumprozent darin), so würde die Temperatur der Erdoberfläche um etwa 21° sinken. Da infolge der so entstandenen größeren Kälte aber auch der freie Wasserdampf abnähme, der gleichen Wärmeschutz wie die Säure gewährt, käme die Erwärmung noch einmal um fast ebensoviel herunter. Man sieht auf den ersten Blick die ungeheure Abhängigkeit unserer wirklichen Sonnenheizung von dem Kohlensäurefenster. Soweit aber braucht man nicht entfernt zu gehen. Schon bei einer Teilsumme, die das organische Leben von sich aus noch keineswegs bedrohte, müßte ein Klimasturz von 5-6 °C eintreten, also genug für eine diluviale Eiszeit. Während umgekehrt ein gewisses Anwachsen tertiäre Wärme sicherte. Dort etwas schlechter geschlossenes Fenster, hier Ausnutzen des ganzen Scheibenschutzes. Die Folgen aber die bekannten riesigen: dort europäisches Binneneis, hier Kokospalmen in Deutschland. Mit nur etwas Schiebung in jenen 0,03 Volumprozent. Daß aber an sich kleine Schiebungen möglich sind, beweist schon die gegenwärtige Tätigkeit unserer Industrie, die in den letzten hundert Jahren merkbar hineingearbeitet haben muß. »Der Kohlensäuregehalt der Luft ist so unbedeutend, daß die jährliche Kohlenverbrennung, die jetzt (1910) ungefähr 1100 Millionen Tonnen erreicht und rasch anwächst (sie betrug im Jahre 1860 140, 1890 510, 1894 550, 1899 690, 1904 890 und 1910 1100 Millionen Tonnen), der Atmosphäre etwa ein Sechshundertstel ihres Kohlensäuregehaltes zuführt. Obgleich das Meer durch die Absorption von Kohlensäure hierbei wie ein mächtiger Regulator wirkt, der ungefähr fünf Sechstel der produzierten Kohlensäure aufnimmt, so ist es doch ersichtlich, daß der so geringe Kohlensäuregehalt der Atmosphäre durch die Einwirkung der Industrie im Laufe von einigen Jahrhunderten merkbar verändert werden kann.« Daraus ergibt sich, daß keine Stete im Kohlensäuregehalt besteht, sondern auch geologische Ungleichheiten wahrscheinlich sind. Fragt sich bloß, wer sie dort im natürlichen Hergang bewirkt haben könnte. Darüber aber kann nach dem oben Gesagten wieder kein Zweifel sein. Die nachhelfende Quelle der natürlichen Kohlensäure sind immerzu die Vulkane der Erde gewesen, besonders in den sogenannten Mofetten (man denke an den vergiftenden Hauch der berühmten Hundsgrotte bei Neapel) und den Kohlensäuerlingen, die den großen Ausbrüchen noch lange und zäh nachfolgten. Hier waltet von je rastlos ein natürlicher Entgasungsvorgang der Innenerde selbst. Soll es also zeitweise zu einem Mehr gekommen sein, so muß ein periodisch verstärkter Vulkanismus als die Ursache gedacht werden.

Wir haben früher schon einmal gesehen, wie der Vulkanismus leise anpochte bei den Eiszeitdeutungen. Hier erscheint er selbst als der Wärme-, nicht als der Kältezauberer, indem er Kohlensäure einblies und damit der Erde zeitweise bessere Treibhausfenster einsetzte. Aber ein nächstliegender Gedanke zeigt, daß er wenigstens indirekt auch wieder Kälteperioden einleiten möchte, die den wärmeren folgen mußten. Der Vulkanismus ist, wenn auch nicht die eigentliche Ursache, so doch vielfach der Vorbote neuer Gebirgsbildungen auf Erden. Wo die Erdrinde sich zu neuen Bergfalten staut, da pflegen gewaltige Bodenverschiebungen voraufzugehen, an deren Bruchspalten die entlasteten Lavamassen der Tiefe aufbegehren. Neue Gebirgsbildung aber schafft für ihr Teil bald unendlichen Verwitterungsschutt, der im feuchten Klima umgekehrt jetzt reichlich Kohlensäure bindet. Im warmen Meer schreitet entsprechend die tierische und pflanzliche Kalkbildung mit ebensolcher Bindung rasch fort. Der Pflanzenwuchs aber nimmt einen ungeheuren Aufschwung, sich breitend in der feuchten Wärme und gemästet gradezu vom frisch erschlossenen Vulkan- und Verwitterungsboden wie von der vermehrten Luftkohlensäure selbst. Das alles versteinert gleichsam Säure, zieht sie wachsend wieder aus der Luft heraus, um sie erneut im Boden einzusargen. Aus dem eigenen Übermaß gräbt die Kohlensäurezeit sich selber ihr Grab. Läßt jetzt die vulkanische Quelle eine Weile nach, so öffnet sich das Fenster und ein allgemeines Sinken des Klimas wird unvermeidlich: Eiszeit. Bis abermals eine Periode von Vulkanismus das Spiel neu beginnt. So regelt eins das andere in ewigem geologischem Wechsel. Warme und kalte Kapitel müssen sich unablässig folgen in dem verhängnisvollen Lauf der Erdgeschichte, – Zeiten rot von Lava, mit neuen blauen Bergen, mit unendlichem Pflanzengrün des Urwaldes und ragenden Korallenriffen, – und Zeiten des erdteilweiten Binneneises, der erloschenen Krater, der zerbröckelten Bergruinen, der kargen Moossteppe am Gletscherfuß.

Was Arrhenius als Chemiker nicht so vermochte, das hat ein anderer, Geolog von Beruf und begeisterter Anhänger zugleich der Idee, in den wirklichen Verlauf der geologischen Entwicklung hier Stufe für Stufe hineinzuzeichnen versucht, – Fritz Frech in Breslau, der verdiente Mitbearbeiter jener umfassenden Lethaea, den jetzt leider der verheerende Weltkrieg mitten aus der Arbeit dahingerafft.

Zweimal mindestens, meint Frech, zeige sich jener ganze Kreislauf wirklich aufs anschaulichste geologisch entwickelt. Nachdem in den algonkisch-kambrischen Vortagen, wo wir zuerst von Eis hören, vielleicht schon einmal ein ganzer Zyklus abgelaufen, wachsen im Silur und Devon (also gegen die Steinkohlenzeit zu) die vulkanischen Ausbrüche, heute noch im Diabasgestein verewigt, wieder gewaltig an. Entsprechend steigert sich ständig das Klima: es steht offenbar andauernd unter dem Treibhausglas. Eine gleichmäßige Wärme umspannt die Erde, von allen Zonengegensätzen frei ist die Tierwelt im Meer (Korallenbauten gehen bis gegen den Pol), die farnhafte Pflanzenwelt zu Lande gedehnt. Die Pole selbst sind frostlos, der Äquator doch nicht überheizt, da der Wasserdampf in Wolken- und Nebelgestalt die allzu strenge Strahlung dort sänftigt; die allgemeine Klimabesserung kommt wesentlich den gemäßigten und kalten Zonen zugut. Gewiß steht der Kohlensäuregehalt auch so nicht bei den Märchenmaßen von 30 und mehr Prozent. Frech denkt an 8-9° Wärme mehr in der Nähe der Pole als vollauf genügend. Unter solchen guten Zeichen beginnt dann die Steinkohlenzeit selbst, in ihr aber schlagen die Dinge jetzt entscheidend um.

Einerseits nehmen die vulkanischen Ereignisse und damit die Zuschüsse aus dem großen Grundgasometer eine ganze Weile fast bis zum Erlöschen ab. Andrerseits ziehen Kohle- und Kalkbildung, vor allem aber die chemischen Verwitterungsvorgänge jetzt wirklich fortgesetzt und zunehmend ungeheure Kohlensäuremengen aus dem Luftbestande heraus. Durchaus im Sinne der Theorie setzt diesmal eine riesige Gebirgsbildung ein. »In der Mitte der Karbonzeit (Steinkohlenzeit) entstanden im mittleren und westlichen Europa ausgedehnte Hochgebirge, und der Aufwölbung folgte eine verhältnismäßig rasche Erniedrigung dieser mitteleuropäischen Alpen. Hand in Hand mit der Abtragung durch Wildbäche, Bergstürze und fließendes Wasser geht die chemische Umwandlung der massenhaft von den Höhen in die Niederungen verfrachteten Gesteine, deren Hauptbestandteil Kieselsäureverbindungen (Silikate) bildeten. Das feuchte Klima bedingt eine rasche Karbonatisierung (d.h. eine Verdrängung der Kieselsäure durch Kohlensäure) dieser kieselsauren Verbindungen und somit in Kombination mit Kalk- und Kohlenbildung einen Verbrauch an Kohlensäure, wie er wohl selten in der Erdgeschichte stattgefunden hat.« Dabei erstreckte sich die Gebirgsbildung nicht, wie die Worte glauben lassen könnten, bloß auf Europa: an jenes variskische Gebirge, das alpenhaft von den Sudeten bis Südfrankreich durch ganz Mitteleuropa zog, schloß sich im sogenannten armorikanischen eine Kette, die über eine Atlantis bis Nordamerika reichte, und so fort.

Folgerichtig aber sehen wir nun um die Wende zur Permzeit Kälte sich anmelden. Die permische Eiszeit erfolgt, – – genau am rechten Ziel. Die Kohlensäure ist hochgradig erschöpft, das Fenster klafft, die Wärme strömt, alles weithin erkältend, unbehindert ab. Bis endlich die Vulkanschlote neu zu arbeiten beginnen und von unten herauf abermals Gas blasen, unter dessen neuem Treibhausschutz sich jetzt die großen Scheusale der Drachenzeit im Mittelalter der Erdgeschichte wieder wohlig fühlen können wie die Krokodile hinter den Scheiben unserer geheizten Aquarienbecken. Bereits im Perm selbst (in der Epoche des sogenannten mittleren Rotliegenden) fanden auf der Nordhemisphäre gewaltige Neuausbrüche statt. Rieseneruptionen der Trias- und Juratage (neuerlich immer deutlicher geworden) vervollständigten dann besonders in Amerika das Werk. Jedenfalls blühte gegen den Jura zu wieder Paradies bis zum Pol. Der Ausgang dieser warmen Mittelepoche bleibt allerdings etwas undeutlich. In die Kreidezeit hinein machen sich Zonenunterschiede geltend, als ginge das Klima erneut rückwärts. Das Aussterben der Drachen mag damit zusammen hängen. Doch ehe es auch diesmal zu einer Eiszeit kommt (die Gebirgsbildung fehlt hier in der Kette), qualmen bereits wieder frische Massenausbrüche empor, wie die kolossalen Basalte des indischen Dekhan, die den Luftgehalt offenbar genügend angereichert haben. Und jetzt folgt im Tertiär der zweite ganz reine Beweiszyklus.

Im ältesten Abschnitt, dem Eozän, Tropenpracht bis zu uns, in Grinnelland Sumpfzypressen. Im zweiten, dem Oligozän, abermals etwas Abstieg. Da platzen die bekannten enormen Basaltergüsse des Mitteltertiärs los, und unverzüglich stellt sich im Miozän noch einmal ein Abglanz wenigstens des Paradieses her. Indessen nicht auf lange. Diesmal ist nämlich wirklich wieder eine ganz große Gebirgsbildung Hand in Hand, deren Verwitterung nachhelfen kann. Die Alpen, die Kordilleren, der Himalaja heben sich und verwittern schon, derweil sie steigen. Alles ist also neu verbündet gegen die Kohlensäure, genau oder noch auffallender wie in der Steinkohlenzeit, und schon senkt sich auch im letzten Tertiär in reißendem Temperatursturz das Klima. Schluß: die diluviale Eiszeit, – das Fenster stand wieder weit offen. Der Vulkanismus hatte eine Weile wieder deutlich pausiert. Schon im Jungtertiär werden die Vulkanspuren dünn. Das Diluvium selbst aber ist für Frech ausgesprochenster Stillstand. »Zwei verschiedene Beobachtungsreihen, einerseits das Fehlen eruptiven Materials in Ablagerungen der Gletscher (den Moränen und Sanden), andrerseits die landschaftlichen Formen der jüngeren Vulkanberge, führen zu demselben Schlusse. Der bezeichnende Typus eines während der Eiszeit tätigen und gleichzeitig durch starke Schneeschmelze erniedrigten und abgetragenen Vulkanberges ist außerordentlich selten. Die zahlreichen geologisch jungen, aber nicht mehr tätigen Vulkane von bedeutender Höhe zeigen ganz vorwiegend steile Neigungswinkel und sind somit erst nach der Eiszeit gebildet.« Bis sich jetzt auch da wieder etwas regt. Noch in geschichtlicher, ja jüngster Zeit hat der Vulkanismus unverkennbar erneut zugenommen. Die Gasfabrik arbeitet wieder. Und so leben wir auch schon in wärmere Tage hinein, das Treibhausfenster ist abermals geschlossen, und wer weiß, wann wir wieder Kokosnüsse am Rhein und Walnüsse in Spitzbergen ernten werden.

Unmöglich kann man die glänzenden Seiten auch dieser Theorie verkennen, die man nach dem Muster der Kant-Laplaceschen als die Arrhenius-Frechsche zu bezeichnen pflegt. Ohne die Wagnisse der Astronomie, die am Globus rückt, gibt sie eine geologisch ganz große und einheitliche Linie, löst spielend die Kältezeiten wie die Wärmezeiten, erfindet nicht Hilfshypothesen zum Zweck, sondern knüpft an wirkliche Periodizitäten, wie den Vulkanismus und die Gebirgsbildung, an. Grade durch letzteres erweckt sie sogar die Hoffnung auf ein noch zu findendes tieferes Gesetz. Denn wenn es eines Tages glückte, für Vulkanismus und Gebirgsbildung eine tiefere Notwendigkeit – etwa in Perioden der sich zusammenziehenden Erde – zu entdecken, so wäre man auch mit ihr noch ein Stück weiter, wäre auch nur genau das Bild durchführbar, wie es Frech für Steinkohle und Tertiär aufgerollt, so würde geologisch alles Beste dessen erfüllt sein, was man eine Arbeitshypothese nennt, – also ein vorläufig einmal zugrunde zu legender Faden, der Erfolg verspricht. Noch mit dem Schwänzchen, daß aus dem Gedanken etwas Optimistisches lacht. Mögen uns Kulturleuten von heute noch so viel Vulkankatastrophen nach dem Muster von Pompeji oder Martinique zeitweise die Kreise verkehren: eigentlich wäre es doch nur das nötige Zeichen dafür, daß die Natur uns schon wieder die große Treibhausscheibe einsetzt, die Berlin oder Stuttgart unter Palmen bringt, nachdem unsere Altvordern Mammute jagen mußten. »Man hört,« so sagt uns Arrhenius, »oft Klagen darüber, daß die in der Erde gehäuften Kohlenschätze von der heutigen Menschheit ohne Gedanken an die Zukunft verbraucht werden; und man erschrickt bei den furchtbaren Verwüstungen an Leben und Eigentum, die den heftigen vulkanischen Ausbrüchen in unserer Zeit folgen. Doch kann es vielleicht zum Trost gereichen, daß es hier, wie so oft, keinen Schaden gibt, der nicht auch sein Gutes hat. Durch Einwirkung des erhöhten Kohlensäuregehaltes der Luft hoffen wir uns allmählich Zeiten mit gleichmäßigeren und besseren klimatischen Verhältnissen zu nähern, besonders in den kälteren Teilen der Erde; Zeiten, da die Erde um das vielfache erhöhte Ernten zu tragen vermag zum Nutzen des rasch anwachsenden Menschengeschlechtes.«

Erst wenn man sich von einer gewissen Sturzwelle der Überraschung wieder frei gemacht, wird man dafür zugänglich, daß auch diese geistvolle Idee nicht alles löst, also einstweilen auch noch stark der Kritik unterliegen muß.

Es ist ihr Zauber, daß sie von einem höchst scharfsinnigen Chemiker ersonnen und einem kundigen Geologen auf die Tatsachen angewendet worden ist. Aber gerade so muß sie sich auch den Doppelangriff von Chemikern und Geologen gefallen lassen. Auf der einen Seite ist Arrhenius‘ engere Kohlensäurerechnung angezweifelt worden. Eine sehr beträchtliche Abnahme der Kohlensäure könne zwar das Klima gegen heute etwas herabsetzen, niemals aber könne eine Zunahme es bei uns tropisch machen. Denn jene wärmeerhaltende Kraft der Kohlensäure habe ihr bestimmtes Maß, wo sie alle verfügbaren Strahlen zurückhalte. Das aber sei bei dem heutigen Zustande schon überreichlich erfüllt. Für ein Mehr seien gar keine Strahlen da. So könne auch noch soviel Kohlensäure mehr nichts weiter nützen: das Treibhausfenster, bei heutiger Dicke vollkommen, sei mit noch soviel Zusatz an Dicke nicht auszubessern, sondern leiste nur grade ebensoviel. Wenn das wahr wäre, fiele mindestens der universale, Tropentage wie Eiszeiten bei uns gleichmäßig gut erklärende Zug der Theorie dahin. Es muß aber gesagt werden, daß die Debatte schwebt und Arrhenius seine Rechnung im ganzen Umfang aufrecht erhalten hat.

Geologisch gilt wohl als das schwerste Bedenken, daß jene parallele Periodizität des Vulkanismus nicht in dem Maße stimme. Die Eruptionen sollen viel regelloser durch die geologischen Zeiten verteilt sein, nicht immer bloß mit den warmen gehen. Oder sie sollen sich trotz Frech grade gegen die kalten häufen. Da müßten am Ende gleich die Eiszeiten selbst an den Eruptionen liegen. Und man ist auch dazu mit Gegentheorien nicht müßig gewesen, die nun Arrhenius-Frech im eigenen Felde zu schlagen suchten, indem sie auch von dem Vulkanismus ausgingen, aber wieder umgekehrt schlossen. Ich habe schon einmal die gelegentliche Idee der Vettern Sarasin erwähnt, daß der Vulkanismus zeitweise mit seinem krakatauahaften Aschenstaub die Sonne abgeblendet und das Klima kühl gemacht haben könnte. Aber die großen Vulkanexplosionen treiben alle Male auch kolossale Säulen von Wasserdampf in die Luft. Für Arrhenius würde das nur die Wärme noch steigern. In solcher kühlen Zeit aber sollte es zu Pluvialperioden und Schneezeiten geführt haben. Eine schon ältere Theorie meinte sogar mit solchem Vulkandampf allein, der an himmelhohen Gebirgen zu Gletschereis wurde, zur Eiszeit zu kommen, und der Gedanke hat wenigstens als Hilfshypothese immer wieder gefesselt. Im ganzen nähert man sich hier offenbar wieder dem Meister Hildebrandt, bloß ohne Kosmisches. Ich will nun nicht behaupten, daß diese Gegentheorien an sich überzeugender wären. Aber man sieht wieder auf die leise Gefahr der Idee, die aus ungefähr gleichen Voraussetzungen noch die extrem gegensätzlichsten Schlüsse zaubert. Der ganze »Vulkanismus in der Geologie« ist eben doch noch nicht so geklärt, wie Frech sich dachte.

Gar keine Deutung gibt aber Frech jedenfalls für die immergrünen Wälder innerhalb der langen Polarnacht, – wie will er sie auch mit ein paar Grad besser erhaltener Sonnenwärme mehr über die Schauer der ganz sonnenlosen Monate bringen; hier scheint mir noch ein grundlegender Einwurf zu stecken. Und erklärt wird ebensowenig das Rätsel in der geographischen Lage der Permvereisung, – gingen ihre Gletscher eines allgemeinen Klimasturzes wegen wirklich über den Äquator, so hätte damals wohl die ganze Erde unter Eis liegen müssen. Andrerseits wäre es allerdings schon ein Gewinn, wenn auch nur die geologische Reihenfolge, wie Frech sie so anschaulich zu machen wußte, ungefähr zu Recht bestände. Man könnte dann fragen, ob nicht der eine oder andere Ursachenposten darin noch durch einen besseren bisher unbekannten ersetzt werden könnte. Wenn auf starken Vulkanismus wirklich immer wärmere Zeiten und auf lebhaften Pflanzenwuchs und große Gebirgsverwitterung immer Kälte gefolgt wäre, so könnten wir hier einer entscheidenden Sache auf der Spur sein, auch wenn selbst der von Arrhenius eingefügte hypothetische Faktor der Kohlensäure als solcher nicht stimmte. Oder es könnte sogar in der Reihenfolge selbst noch verschoben und gebessert werden: immer doch sähen wir eine große Linie. Wem also die astronomischen Fragen zu weit und die Polschiebungen zu verwegen sind und wer gleichwohl eine umfassende geologische Schau möchte, der wird doch wohl irgendwie hier das Schifflein seiner Eiszeitgedanken anketten müssen.

Wobei ich noch ein Wort zu der Zukunftshoffnung sagen möchte. Im ganzen klingt hier ja wieder etwas von jenem »Unmittelbaren« aller Wetterphilosophie durch. Wird das Klima besser werden, unsern Enkeln reichere Ernten schenken? Wir haben gesehen, wie die verschiedenen Eiszeittheorien hier ganz verschiedene Antworten geben. Bei Reibisch pendeln wir Europäer bereits seit Jahrtausenden wieder äquatorwärts, während allerdings den Nordamerikanern der Boden unter den Füßen tückisch, zum Pol läuft. Bei Dubois stecken wir dagegen alle miteinander bloß in einer verdächtigen Interglazialzeit, an deren Ende uns recht jämmerlich wieder der Eisriese holen könnte. Ich denke nun, wenn man im allgemeinen, auch unangekränkelt von einzelner Theorie, auf die Erdgeschichte zurückschaut, sieht, wie dort eine schier unabsehbare Folge der Jahrmillionen eine stärkere Wärme hat, nur durchbrochen von wenigen und kurzen Eiszeiten, – so wird man für wahrscheinlicher halten, daß auch wir, die eben aus solcher Eiszeit kommen, abermals auf »Wärmer« losmarschieren. Es hat etwas Anschauliches in diesem Sinne, daß unsere gegenwärtigen weißen Polarkappen bloß noch gleichsam abnorme Überreste unserer letzten Eisperiode wären, die abklingen werden, wie die große südliche Pluvialperiode wohl noch geschichtlich vor unsern Augen abgeklungen ist. Dann gäbe es in der Zukunft wirklich einmal jene nordwestlichen Durchfahrten da oben, die man in Franklins Tagen so schmerzlich suchte und dann mit Eis verbarrikadiert fand. Und wer will eine Volkswirtschaft ausdenken, die ohne die Schäden der Tropen ihren Segen bei uns erntete?

Aber zu alldem muß eines unabänderlich gesetzt werden, das auch auf Arrhenius im ganzen Umfang zutrifft. Man darf sich, auch wenn solche Dinge wahr sind, nicht dem Glauben an eine unmittelbare Nähe hingeben. Das Neuheranrücken solcher Klimaperioden geht mit geologischem Maß, und das ist, an kleinem Menschenmaß gemessen, ungeheuer. vom Ausgang der diluvialen Eiszeit trennen uns erst vielleicht 30 000 Jahre, – bis zum echten Tropentertiär zurück aber sind’s sicher über zwei Millionen. Danach mag man sich die Wiederkehr ausrechnen. Es scheint gesorgt, daß wir noch etwas Spielraum zur Vorbereitung auf die neuen Palmen haben. Inzwischen dürften wir noch durch zahllose Ketten kleinerer Klimaschwankungen gehen, wie sie die Brücknersche und vielleicht einige noch etwas längere ausdrücken. Wenn ein denkender Beobachter (Wilhelm Schuster), dem kleine Anzeichen von nordwärts gerichteten Tierwanderungen in unsern Tagen auffielen, das Wort von einer »neuen Tertiärzeit« geprägt hat, so dürfte das auch nicht so wörtlich zu verstehen sein, sondern mehr mit Bezug auf solche wärmere Zwischenschwankung, die von dem feinen »inneren Thermometer« der Tiere schon vorgefühlt würde, ehe wir sie beachteten. Und vielleicht ist es ein besserer Maßstab für die wirkliche Dauer jener großen Dinge, wenn man sich sagt, daß Deutschland vielleicht nicht eher wieder Kokos und Brotfrucht ernten wird, als bis die heutigen Alpen, Körnchen um Körnchen abgetragen, wieder im Meer liegen. Immer vorausgesetzt, daß die Sache selber stimmt!

Im wesentlichen aber erscheint damit der Kreis der gesamten zurzeit gangbarsten Eiszeittheorien erfüllt, wir brauchen kein Ignorabimus (ewiges Nichtwissenkönnen) auszusprechen – es ist schon philosophisch faul, geschweige denn rein naturgeschichtlich –, um doch zu empfinden, daß Paris den Schönheitsapfel der Wahrheit noch an keine mit ganz gutem Gewissen vergeben kann.

Es gibt Leute, die den Wert der Wissenschaft davon abhängen lassen, ob sie schon alles gelöst habe, so daß jeder, der nur ein Buch zur Hand nimmt, in nervöser Blasiertheit mit allem fertig sein kann. Sie haben nie den eigentlichen Reiz und Zauber kennengelernt, der in der Wahrheitssuche liegt, – in dem Anteil an jenem ungeheuren unvollendeten Netz, an dem schon so viele Forschergeschlechter vor dir gewebt haben und noch so unzählige nach dir weben werden, und an dem du heute auch in Gedanken mitweben darfst, eben so deine Person in die Arbeit der Jahrtausende mit ihrer wahren Geistesunsterblichkeit verflechtend. Andere wünschen jene Erfüllung, weil sie von den Ergebnissen der Forschung unmittelbare praktische Macht erwarten, neue Beherrschung der Naturkräfte zum größtmöglichen Nutzen bereits des Augenblicks. Auch zu diesen letzteren Problemen gehört aber die Eiszeit nicht, sie kann warten.

Blicken wir noch einmal auf Goethes Tage zurück, von denen wir ausgingen, so wird klar, wie jung die ganze Wissenschaft der Geologie in unserm heutigen Sinne noch ist, in der auch sie als eine einzelne, wenn auch überaus anziehende Frage hängt. Goethe, mit den größten Forschern seiner Zeit befreundet, erlebte in reifen Jahren noch den ersten tastenden, oft fehlgehenden Versuch, jene geologischen Schichten und Epochen, von denen wir jetzt im Verlauf so oft gesprochen: Jura, Kreide, Tertiär, Diluvium, notdürftig voneinander zu sondern und an gewissen Versteinerungen (Leitfossilien) wiederzuerkennen. Im Alter half er tätig mit bei der ersten Farbengebung einer geologischen Karte von Deutschland, er nahm lebhaftesten Anteil an der frühesten wirklich wissenschaftlichen Wiederherstellung eines ausgestorbenen Tieres, wie des Pterodaktylus oder des Megatherium. Er kämpfte noch mit, ob der Basalt ein feuriger Vulkanerguß oder ein Wassergebilde sei und ob diese Vulkane selbst bloß aus zufällig in Brand geratenen Kohlenflözen beruhen könnten. Im gleichen Jahr, da »Werthers Leiden« geschrieben wurden, stellte Kapitän Cook zum erstenmal fest, daß auch der Südpol (bei dem man in Dantes Tagen noch den Eingang zur Hölle gesucht hatte) unter ewigem Eise lag gleich dem Pol des Nordens.

Es ist eine ungeheure Arbeit, die in diesen Dingen seither getan ist, man kann nicht noch mehr verlangen. Auch das Menschheitsgehirn hat ein gewisses geologisches Maß im kleinen, das seine Bäche und Bahnen erst in einer gewissen Zeit tieft, seine Geisteskörnchen eins ums andere zu Quadern häuft. Zu den noch nicht hundert Jahren seit Goethes Tod sind nach unsäglichen Mühen, Opfern und Entsagungen die beiden Polpunkte ganz oder doch ungefähr errungen worden. Auch das Problem der Eiszeit hat etwas von solcher geistigen Polarfahrt. Der Sucher darf sich nicht abschrecken lassen, wenn er selber zunächst noch einfriert, nicht von der Stelle kommt oder von loser Scholle ganz wo anders hingetragen wird, als er wollte.

Auerhuhn ω Tierisch wild und leider bedroht

Auerhahn - Foto: Sven LindholmDie Turnierarena der Kampfläufer wird oft Balzplatz genannt. Doch dieser Ausdruck stammt von den Auerhühnern. Während die Kampfläufer ein fast geräuschloses Schauspiel veranstalten, ergehen sich die Auerhähne in einer Fülle von Geräuschen. Sie balzen.

Auf den offenen Heideflächen oder tief in den Heidehügeln haben sie ihre Plätze, die sich, wie man weiß, von Generation zu Generation vererben können, länger als ein Menschenalter währt. Sie sind anscheinend seßhafter als die Kampfläufer, von denen man bisher nur weiß, daß sie einen Platz bis zu sechs Jahre hintereinander benutzt haben.

Früh im März beginnt das Balzspiel der Auerhähne. In der ersten Morgendämmerung hört man ein lebhaftes Kullern und blubberndes Gurgeln, das in Seufzer übergeht und dann mit heiserem Zischen abbricht. Ihre Kehllaute kann man mit dem Krächzen des Raben oder mit dem Meckern der Ziegen vergleichen. Man sagt, daß die Vögel den in Jütland gebräuchlichen Namen Orrhahn bekommen haben, weil ihr Balzruf wie orr orr klingt. Doch in Wirklichkeit besteht der Gesang des Auerhahnes nicht aus einem einzelnen Laut. Bald klingt er wie ein schwacher Eselsschrei, bald wie Fröschequaken, er ist nach allen Seiten zu hören, noch bevor man die Vögel sehen kann. Aber jedesmal, wenn das Kullern mit dem Zischen abbricht, weiß man, daß an der Grenze ihrer Territorien zwei Vögel einander genau gegenüber hochfliegen. Jeder Hahn hat seine eigene Domäne, die viel größer ist als der gemeinsame Platz der Kampfläufer. Sie unterscheiden sich von den Kampfläufern auch dadurch, daß sie nicht gemeinsam kämpfen. Der einzelne Vogel kämpft seinen eigenen Kampf an der Grenze seines Gebietes.  Wenn es hell wird, sieht man die Hähne mit zitterndem, leierförmigem Schwanz, in dem die Deckfedern aufgerichtet stehen wie weiße Spiegel. Die Hautfalten über dem Schnabel sind mit Blut gefüllt und recken sich aufrecht wie feuerrote Kämme. Die sausenden Schwingen schleifen über die Erde, und mit einwärts gerichteten Zehen trippeln die Hähne voreinander her, bis sie zornig in die Luft fliegen und mit offenen Schnäbeln zischen. Sie halten sich nicht so lange oben wie die Kampfläufer, sondern gleiten schwerfällig auf die Erde, dann fliegen sie wieder hoch. Manchmal geraten sie aus dem Takt, dann ist einer oben, der andere unten. An fünf oder sechs verschiedenen Stellen im Heidekraut kämpfen je zwei Vögel miteinander, und ihr Balzen dringt weit über die Heide. Das ruft die Hennen herbei, und wie bei den Kampfläufern sind sie es, die die Wahl treffen und sich ihre Gefährten unter den Hähnen wählen, die Besitzer eines Gebietes sind.

Auherhahn & Henne - Foto: Ruth LeiboldtSchon bald aber hört aller Zusammenhalt zwischen Henne und Hahn auf. Die Hennen verschwinden in der Heide, um Nester zu bauen, während die Hähne ihren Balztanz noch lange fortsetzen. Ober den Zweck dieses Nach-Tanzes sind sich die Zoologen nicht einig. Einige meinen, der Tanz sei das eigentliche Leben des Hahnes, er liebe ihn so sehr, daß er nicht aufhören könne, selbst wenn er ein Weihchen errungen habe. Andere behaupten, der Tanz gehe weiter, damit das Weibchen vielleicht noch einmal angelockt werde. Was davon stimmt, weiß bis heute wohl keiner. Das Verhalten und Leben der Auerhühner birgt noch viel Unerforschtes.

Bei anderen Vögeln in anderen Weltteilen gibt es ein ähnliches Spiel, das auf eigene Art entstanden ist. Die Natur wiederholt ihre Einfälle, doch jedesmal erfindet sie neue Einzelheiten. Noch prächtiger als unser Auerhahn sind seine amerikanischen Verwandten, die auf den großen Salzsteppen inmitten der Rocky Mountains leben. Es gibt verschiedene Arten, doch am merkwürdigsten ist der Salbei-Auerhahn „Sage Grouse“, der von den Blättern der Salbeibüsche in diesen Steppen lebt.

Die Balzplätze dieses Vogels erstrecken sich über große Flächen. Jede Einzelheit im Federkleid des Salbei-Auerhahns ist zum Imponieren geschaffen. Wenn er balzt, steht der Schwanz aufrecht wie ein Fächer, die Flügel wölben sich um den Körper wie ein Panzer, und ein mächtiges Kissen heller Federn liegt über der Brust und gibt dem Vogel ein Aussehen voller Kraft und Mut.

Man kann mehrere Hundert solcher aufgeplusterten Gestalten, jede wie mit einem Panzer und gezogenen Lanzen ausgerüstet, jnit rhythmischen Tritten umhertanzen sehen. Sie begnügen sich dabei nicht nur mit Kehllauten. Alle paar Schritte hin und zurück werfen sie den Kopf nach hinten, während die steifen Nackenfedern gegen die ausgebreiteten Flügel streifen. Das hört sich jedesmal an wie brausender Wellenschlag, und unaufhörlich wird es wiederholt.

Auerhahn - Foto: Piet Marsfeld
Fotos: Piet Marsfeld

Auf der Brust tritt die Speiseröhre wie zwei Luftsäcke hervor, die ständig gefüllt werden. Nach drei Atemzügen entleeren sie sich mit einem Geräusch, als wenn Steine ins Wasser fallen. Diese scharfen Blubbertöne hört man regelmäßig zwischen den „Wellenschlägen“. So imponieren sich die Hähne gegenseitig und halten sich im Abstand. Geschieht es trotzdem, daß ein Vogel von den Büschen aus, die den Balzplatz umgeben, eindringen will, um sich einen Platz zu erkämpfen, dann rücken die beiden Rivalen dicht zusammen und schlagen kräftig mit den Flügeln gegeneinander. Der Staub der trockenen Steppe wirbelt um sie, es können ein paar Federn fliegen — doch ehe größerer Schaden geschehen ist, zieht sich einer von beiden zurück. Bei Sonnenaufgang kommen dann die Hennen, um sich einen Partner zu suchen.

Der Irbis aka Schneeleopard Ω Ein schützenswertes Wesen

snow-leopard-725384_1280_steffiheufelderDer Irbis wird auch Schneeleopard genannt, doch ist er eigentlich gar kein Leopard, obwohl er ihm ähnelt. Sein rauchgraues Fell ist schwarz gefleckt, die Wolle lang und flauschig, besonders am Bauch, wo sie bis zwölf Zentimeter lang werden kann. Der Irbis kommt im Altai, Pamir und Tienschan vor, in Tibet, im Himalaja und in der Mongolei. Im Sommer ist er in viertausend, ja sogar noch in sechstausend Meter Höhe anzutreffen. Im Winter kommt er, den Herden der Huftiere folgend, stellenweise bis auf sechshundert Meter Höhe herunter.
Das Revier eines Irbisses ist groß, andere Artgenossen gelten als Rivalen und werden darin nicht geduldet. Gehen Schneeleoparden gemeinsam auf Jagd, so sind es Männchen und Weibchen oder auch ein Weibchen mit herangewachsenen Jungen. Gewöhnlich halten sie sich im Rhododendrondickicht, auf alpinen Matten und auf kahlen Felsen an der Schneegrenze auf.

snow-leopard-725389_1280_steffiheufelderStundenlang lauert der Irbis auf oder unter einem Felsen Schneeschafen und Wildziegen auf. Ganz allgemein aber ist er ein universeller Jäger: Er schlägt alles, von Mäusen bis zu Yaks. Er schleicht sich an die Beute an und stürzt sich dann in gewaltigen Sprüngen auf sie: Sechs Meter und weiter kann ein Irbis in einem Satz wie ein Vogel über den Boden dahinfliegen.
Irbisse jagen in der Dämmerung und nachts, selten bei Tage. Sic ruhen in Höhlen, in Felsspalten, manchmal sogar in verlassenen Horsten von Geiern auf niedrigen Bäumen. In der Zeit von April bis Juni bringt das Irbisweibchen zwei, drei, selten fünf Junge zur Welt. Die ersten Tage krabbeln diese, eng aneinander geschmiegt, auf der weichen Wolle umher, die die Mutter sich vorher am Bauch ausgezupft und mit der sie die ganze Höhle ausgekleidet hat, was bei Katzen selten ist. Am wehsten bis neunten Tag öffnen sich die Augen der Jungen, und zehnten Tag tappen sie auf unsicheren Beinen umher, ohne jedoch dabei die Höhle zu verlassen.
Der Irbis hat einen sehr langen und sehr buschigen Schwanz, wie kein anderes Raubtier ihn hat. Früher fragte man sich, wozu so ein Luxus wohl gut sei. Doch dann zeigte sich, dass der Natur auch hier kein »Konstruktionsfehler« unterlaufen ist. Wenn Irbisweibchen mit seinen Jungen ruht, presst es diese an sich und bedeckt sie von oben noch mit dem Schwanz wie mit einer Daunendecke. Dort, wo die Irbisse leben, ist es nämlich empfindlich Zwei Monate nach der Geburt verlassen die Irbisjungen zum ersten Mal vorsichtig ihre Höhle. Vor ihrer Behausung empfangen sie die Mutter mit der Beute, sie zanken sich darum und reißen einander die Fleischstückchen weg. Im Juli/August gehen sie der Mutter zusammen auf die Jagd. Kommt der Winter, überlässt die Mutter die jungen Irbisse nicht sich selbst. In der Regel leben sic alle zusammen. Möglicherweise gesellt sich auch der Vater ihnen, im Zoo jedenfalls kümmert er sich um die Kleinen.

snow-leopard-725385_1280_steffiheufelderSeines schönen dichten Felles wegen wird der Irbis überall gejagt. In der Sowjetunion und in Indien ist er zwar schon seit langem gesetzlich geschützt, doch Irbisfelle gelangen trotzdem den Weltmarkt, obwohl die internationalen Handelsorganisa(Ionen dpn Verkauf solcher Felle verboten haben. Der Irbis ist fast so groß wie ein Leopard, ein altes starkes Tier kann fünfundsiebzig Kilogramm wiegen, meist aber bringt der Irbis nur die Hälfte auf die Waage. Körpergröße und einige Besonderheiten stellen ihn in die Nähe der Großkatzen (von Tigern, Löwen und Leoparden), doch hat er auch einiges von den Kleinkatzen. Zum Beispiel schnurrt er, wenn er guter Laune ist, wie es auch Puma und Nebelparder tun. Einige Zoologen bezeichnen Nebelparder, Puma und Schneeleopard als  Kleinkatzen. Heute dürften insgesamt nicht mehr als tausend Irbisse leben.

Blinde Instinkte – Ungewöhnliches im Alltäglichen

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In geschlossener Formation bewegen sich auf der Suche nach Futter die Raupen der Kiefernprozessionsspinner. Dicht aufgerückt folgt jede Raupe der vor ihr kriechenden, wobei sie diese mit ihren Härchen berührt. Die Raupen sondern dünne Spinnfäden ab, die den Nachfolgenden als eine Art Leitseil dienen. Die Leitraupe führt diese ganze hungrige Armee auf neue »Weideplätze« in die Wipfel von Kiefern.
Der namhafte französische Naturforscher Jean Fabre hat einmal den Kopf der vordersten Raupe an den »Schwanz« der in der Kolonne geschoben. Die bisher vordere ergriff das »Leitseil« und verwandelte sich sogleich aus einem »Anführer« in einen »Gemeinen«, folgte jener Raupe dichtauf, mit der sie jetzt Kontakt hatte. Kopf und Schwanz der Kolonne waren so  miteinander verbunden, und die Raupen krochen nun sinnlos im Kreise am Ort – am Rand einer großen Vase entlang. Warum konnten sich die Raupen nicht aus dieser unsinnigen Situation befreien‘? Man legte Futter neben sie, aber sie beachteten es gar nicht.
Eine, zwei Stunden vergingen,. es vergingen Tage, die Raupen aber krochen und krochen wie unter einem Bann immerfort ihre Runden. Eine ganze Woche zogen sie so ihre Kreise, dann zerfiel die Kolonne: Die Raupen waren derart entkräftet, dass sie sich nicht mehr weiterbewegen konnten.

Mistkäfer - Foto: zdenetMistkäfer haben viele Leute schon einmal gesehen, aber nicht  jeder hat sie bei der Arbeit beobachtet. Die Mistkäfer formen aus Kot Kugeln und rollen sie mit den Hinterbeinen —vornweg die Kugel und hinterher im Rückwärtsgang der Käfer. Die Kugeln aus Kot minderer Qualität, wenn man so sagen will, dienen dem Käfer als Nahrung. Er vergräbt eine solche in einer kleinen Höhle, kriecht selbst hinein und bleibt dort mehrere Tage sitzen, bis er die ganze Kugel aufgefressen hat.
Für die Frnährung der Larven wählen die Käfer den besten Mist vorzugsweise Schafsmist. Seinetwegen tragen sie regelrechte Kämpfe aus und stehlen fremde Kugeln. Hat einer sein Eigentum erfolgreich verteidigt oder dem Nachbarn die Kugel weggenommen, rollt er diese schnell weg. Der Käfer verfügt über erstaunliche Kräfte. Selbst wiegt er nur zwei Gramm, die Kugel aber kann bis zu vierzig Gramm schwer sein.  Der englische Verhaltensforscher R. W. Hingston hat die Fähigkeiten von Mistkäfern folgendermaßen getestet: Zwischen eine kleine Höhle und einen Käfer, der gerade seine Kugel auf sie zu rollte, stellte er ein Stück steifes Papier, das nur zwei Zentimeter über den Höhleneingang hinweg ragte. Die Käfer (Hingston unternahm diesen Versuch mit vielen Käfern) stemmten sich gegen das Hindernis und versuchten, es zu durchbrechen. Nicht einer von ihnen kam darauf, das Blatt Papier seitlich zu umgehen. Sie gingen stur auf die Barriere los und versuchten, sie zu durchlöchern. Drei Tage lang stemmten sie sich mit aller Kraft gegen das Papier, am vierten ließen viele, da sie sich nicht auf direktem Wege zu ihrer Höhle durchschlagen konnten, ihre Kugeln im Stich. Einige allerdings setzten das nutzlose Unterfangen auch noch die folgenden Tage fort. Nun ja, Käfer sind, so wird manch einer vielleicht meinen, eben dumm.
Da scheint die Tätigkeit von solitären Wespen schon einen überdurchschnittlichen »Verstand« zu erfordern. Sie machen auf die verschiedensten Insekten Jagd (viele auch auf Spinnen), lähmen ihr Opfer durch einen Stich mit dem Stachel und tragen es zu ihrer Höhle. Dort legen sie auf dem Körper des so konnservierten Beutetiers ihre Eier ab und verscharren es. Mit diesen geschickten Chirurgen« hat Hingston ein höchst einfaches Experiment unternommnen, das zeigt, wie starr hier der Verhaltensablauf ist.
Aus dem unterirdischen Versteck, in dem die Wespe ihr Opfer mit dem Ei abgelegt hatte, holte er sowohl die Beute als auch das Wespenei heraus, als die Wespe die Höhle gerade verschließen wollte. Hatte sie bemerkt, dass das Versteck leer war? Keineswegs.
Als ob nichts geschehen wäre, schüttete sie das leere Erdloch zu. Eine der Wespen bei diesem Experiment trat beim »Versiegeln« ihrer Vorratskammer in dem Durcheinander sogar auf das zuvor von ihr herangebrachte und von Hingston aus der Höhle herausgenommene Beutetier, beachtete dieses aber überhaupt nicht und arbeitete unbeirrt weiter an ihrem Erdloch, obgleich diese Arbeit ja nun völlig sinnlos geworden war. Mörtelbienen bauen ihre Nester gewöhnlich auf Bäumen und tarnen diese so geschickt im Farbton der Borke, dass sie kaum auszumachen sind. Mitunter aber errichten sie ihre Wohnstätten auch in Häusern, zum Beispiel an einer polierten Kaminverkleidung oder auch an der Holztäfelung eines Zimmers. In diesem Fall gereicht ihnen ihre übliche Tarnung jedoch nur zum Schaden, da sie farblich vom Ton des polierten Holzes abweicht. Begreifen die Mörtelbienen, daß sie hier ihre übliche Tarnung unterlassen müssen ? Nein. Einem inneren Antrieb und nicht dem Verstand folgend, nehmen sie wie gewohnt ihre Tarnung vor, die allerdings in diesem Falle das Nest sehr auffällig macht.
Wollkrabbe_kleinTarnung ist auch bei der Wollkrabbe, der Dromia, Brauch. Ausgewachsene Krabben tragen ständig ihre »Tarnhemden«. Die einen bedecken sich oben mit einer auf dem Meeresgrunde auf-gesammelten Muschelschale, andere schmücken ihren Rücken mit einem Schwamm. Es gibt auch Krabben, die geschickt mit den Scheren kleine Zweige von Wasserpflanzen oder Hydroidpolypen abrasieren und sie sich »aufpflanzen«, wobei sie sie mit den Hinterfüßen festhalten. Urplötzlich wird so aus einer Krabbe ein Busch!
Im Aquarium sammeln die Dromia, falls es dort weder Wasserpflanzen noch Polypen gibt, jedweden Abfall und legen ihn sich ebenfalls auf den Rücken. Gibt man farbige Stoffstückchen, es können sogar rote sein, in das Aquarium, sammelt die Krabbe auch diese auf und schmückt sich obenauf mit ihnen. So kommt es zu einer Enttarnung, doch die Krabbe »weiß« das nicht.

Viele Vögel lassen sich leicht folgendermaßen irritieren: Man braucht in ihrer Abwesenheit nur ihr Nest zur Seite zu rücken. Zurückgekehrt, suchen sie dieses an der alten Stelle, wobei sie ihr eigenes Nest, das lediglich ein, anderthalb Meter weit von seinem früheren Standort entfernt wurde, völlig ignorieren. Wird das Nest an die Stelle zurückversetzt, wo es sich vor dem Experiment befunden hat, benutzen die Vögel es unbeirrt weiter. Wird das Nest nicht zurückversetzt, bauen sie ein neues.
dunnock-100008_640_Heckenbraunelle_HansVögel kennen auch ihre eigenen Eier schlecht. Adler, Enten und Hühner beispielsweise können einen beliebigen Gegenstand bebrüten, sofern er nur annähernd wie ein Ei geformt ist. Schwäne versuchen sogar, Flaschen anzubrüten, Möwen Steine und Tennisbälle, die man ihnen anstelle ihrer Eier in ihre Nester gelegt hat.
Man hat die Eier im Nest einer Gartengrasmücke gegen die Eier eines anderen Singvogels, der Braunelle, ausgetauscht. Daraufhin legte die Gartengrasmücke ein weiteres Ei, das den anderen Eiern im Nest überhaupt nicht ähnelte. Die Gartengrasmücke betrachtete interessiert das »verdächtige« Ei und warf es hinaus. Sie hielt es für ein fremdes!
Auch die Kuh kann nicht immer ihr Neugeborenes von einer groben Nachahmung unterscheiden (später verwechselt eine Kuh ihr Kalb allerdings mit niemandem und nichts mehr!). Der britische Zoologe Frank Lane schreibt dazu folgendes : Einer Kuh wurde ihr Kalb weggenommen, und die Mutter schien es sehr zu vermissen. Als Ersatz stellte man ihr den mit Heu ausgestopften Balg eines Kalbes in den Stall, Die Kuh beruhigte sich und begann die grobe Imitation zu belecken, und das mit so großer Zärtlichkeit, dass die ausgestopfte Kalbshaut zerriss und das Heu herausfiel. Da fraß die Kuh seelenruhig das Heu und nach und nach so ihr ganzes »Kalb« auf.

Ratten werden zu den »klügsten« Nagern gezählt. Wie es mit ihrer »Klugheit« bestellt ist, zeigt folgende für uns lustige Episode :
roof-rat-961502_640cwhiteharpEine weiße Ratte war mit dem Nestbau beschäftigt. Vom Baufieber gepackt, durchstöberte sie auf Suche nach geeignetem Materialden Käfig und stieß plötzlich auf ihren eigenen langen Schwanz. Sofort packte die Ratte ihn mit den Zähnen und trug ihn ins Nest. Danach ging sie aufs neue auf Suche, den Schwanz zog sie dabei selbstverständlich hinter sich her. Die Ratte »fand« ihn ein zweites Mal, trug ihn ins Nest, und das wiederholte sich sage und schreibe zwölfmal. Jedesmal, wenn die Ratte auf ihn stieß, ließ ein sturer innerer Antrieb sie diesen einer kleinen Rute ähnlichen Gegenstand aufnehmen. Und doch sieht es so aus, als hätte man im Tierreichein vernunftbegabtes Wesen gefunden! In Amerika lebt die kleine Wüstenratte Neotoma albigula. Kein Raubtier wagt sich in ihre Höhle, denn in den Wänden stecken Dornen, deren Spitzen zum Eingang gerichtet sind. Diese stachligen Barrieren baut die Ratte selbst. Sie klettert auf einen Kaktus, nagt die Dornen ab, trägt sie zu ihrem Loch und rammt sie mit den Spitzen zum Eingang zu in die Wände. Wenn das kein kluges Verhalten ist!
Man gebe der Neotoma aber statt der Kaktusdornen andere spitze Gegenstände, beispielsweise Stecknadeln oder kleine Nägel, die ja die Kaktusdornen als Mittel zum Versperren durchaus ersetzen könnten, aber darauf kommt die Neotoma nicht. In ihrem Verhaltensprogramm ist festgelegt, nur Kaktusdornen zubenutzen. Doch da taucht ein gewandter Räuber auf, ein Skunk. Die Neotoma nimmt Reißaus und flüchtet instinktiv zu ihrem Loch.
Das aber ist weit! Sie macht kehrt und versteckt sich flink im stachligen Kaktusdickicht.

Wie das? Wieso kann ein Tier, das doch gerade seine totale Unfähigkeit zu »vernünftigem« Handeln demonstriert hat, bei Gefahr jedoch den besten Weg zu seiner Rettung wählen?
Diese scheinbare Unvereinbarkeit im Verhalten von Tieren vermochte der bekannte russische Physiologe Iwan Pawlow zu erklären. Er stellte fest, dass das Verhalten höherer Tiere nicht nur von Instinkten gesteuert wird. Wirbeltiere und einige Wirbellose verfügen nämlich über die Fähigkeit, sich Fertigkeiten, die sie sieh als Lebenserfahrungen erworben haben, gut einzuprägen. Vielleicht hat sich die Wüstenratte zufällig einmal vor einem Raubtier unter einen Dornbusch gerettet und dann auch in der Folgezeit im Notfall hier Zuflucht gesucht. Bei dem Tier, so behauptet Pawlow, hat sich im Gehirn ein bedingter Reflex herausgebildet, in diesem Falle also eine Art Erinnerung daran, dass ein Dornbusch ihm als zuverlässiger Schutz vor Raubtieren dienen kann.

Bedingte Reflexe helfen den Tieren, sich ständig wechselnden neuen Bedingungen anzupassen. Die vom Gehirn gespeicherte Erinnerung an erlebte Erfolge und Misserfolge befähigt das Säugetier, sich in veränderlichen Situationen besser zu orientieren.

Thomas Henry Huxley über das Unbekannte & Unerklärliche

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Zeichnung des experimentellen U-Boots „Steinhuder Hecht“, spätes 18. Jahrhundert. – Variante 2 – Museum Bückeburg

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Das Bekannte ist endlich, das Unbekannte unendlich;
geistig stehen wir auf einem Inselchen inmitten eines grenzenlosen Ozeans von Unerklärlichem.
Unsere Aufgabe ist es,
von Generation zu Generation ein klein wenig mehr Land trockenzulegen.

Thomas Henry Huxley – 1887

Der Baum – Ulmen

Foto: Stefan OtteIn Schinsheim in Rheinhessen stand eine Ulme, deren Stamm einen Umfang von fünfzehneinhalb Metern hat. Das heisst, dass diesen Stamm sechzehn Schulkinder gerade umspannen können. Diese Ulme, die man das „Rathaus von Schinsheim“ nennt, ist der stärkste Baum in Deutschland und soll über tausend Jahre alt sein. Ob das Alter stimmt, mag dahingestellt sein. Aber etliche hundert Jahre alt können die Ulmen schon werden, vor allem die Feldulmen, und dazu über dreißig Meter hoch.

Ulmus minor 'Louis van Houtte' - Dyke Road Brighton GB - Foto von Ronnie Nijboer - Quelle: wikipedia

Es sind mächtige Bäume, die man zuverlässig an den immer sehr tief angesetzten Kronen, die fast den ganzen starken Stamm von unten her bis zum Wipfel bedecken, zu erkennen vermag. Die Kronen sind licht und locker, viel feingliedriger als die der Buchen und Eichen. Bei näherer Betrachtung schwindet jeder Zweifel, denn die Blätter der Ulmen haben auffallend ungleiche Hälften, von denen die eine größer und tiefer angesetzt ist als die andere. Die Feldulme, die auch Rotulme, Rüster oder Rüsche genannt wird, wurde früher besonders gern als Alleebaum angepflanzt, bildete dort wundervolle, grüne Säulengänge, die heute hier und da noch zu alten Schlössern und großen Landgütern führen. Die Feldulme wächst nämlich recht schnell, ist mit fünfzig Jahren schon dreißig Meter hoch und mehr als zwei Meter stark. Allerdings ist sie auch einer unserer anspruchsvollsten Bäume, verlangt einen guten, tiefgründigen Boden, mildes Klima, viel Wärme und Luftfeuchtigkeit. Und das ist wohl auch der tiefere Grund dafür, daß sie heute gar nicht mehr so recht gesund ist, sich bei uns einfach nicht mehr wohlfühlt, vorzeitig wipfeldürr wird und so leicht von der Ulmenkrankheit dahingerafft wird.

Großer Ulmensplintkäfer (Scolytus scolytus) - Meyers 1888

Es ist viel über das große „Ulmensterben“ geschrieben, gesprochen und gerätselt worden, bis es gelang, in einem vom Ulmen-Splintkäfer übertragenen Schlauchpilz den Urheber der Krankheit zu entdecken. Vielleicht ist die Ulme aber auch müde, glattweg lebensmüde und der Krankheit aufgeschlossen, weil ihre Zeit auf Erden abgelaufen ist. Denn die Ulme ist ein uralter Laubbaum, der schon grünte, als es in unseren Landstrichen noch Feigen-, Zimt- und Kampferbäume gab, als sich bei uns noch Palmen wiegten und die Mimose das Heidekraut vertrat.

Zeitig im März beginnt die Ulme zu blühen. Als dichte, kugelige Büschel brechen die rötlichen Blüten aus den schwarzen, noch unbelaubten Zweigen, werden vom Winde bestäubt und reifen bereits im Mai – Juni die rötlichen Nüsschen heran. Jede kleine Samennuss liegt in der Mitte eines sie allseitig umfassenden häutigen Flügels, mit dessen Hilfe sie weit davonzufliegen vermag. Hunderttausende und Millionen dieser Samennüsschen schickt die Ulme alle zwei Jahre auf die Reise, aber nur verschwindend wenige finden den guten Grund, den sie brauchen, um fortzukommen. Die Feldulme erkennt man an der längsfurchigen, dunkelgrau-braunen Borke, die in rechteckige Stücke aufreißt und an die Borke der Eiche erinnert. Die Borke der Flatterulme ist dagegen längst nicht so dick, mehr graubraun, längsrissig und blättert in flachen und gekrümmten Schuppen ab. Außerdem unterscheidet sich die Flatterulme von der Feldulme wie von der Bergu1me dadurch, daß ihre Blüten und Früchte langgestielt sind und im Winde flattern. Die Feldulme und noch mehr die Flatterulme sind Flachlandbewohner und fehlen oft bereits schon im hügeligen Mittelgebirge.

Flatterulme - Foto: Peter Bourne

Bescheidener als ihre empfindsame Schwester ist die Flatterulme, die wir deshalb auch oft in dichtverwachsenen Auwäldern antreffen. Dafür ist ihr lichtbraunes Holz aber auch viel geringwertiger als das Holz der Feldulme, das ungewöhnlich fest, zäh, schwer und dazu noch sehr schön gemasert ist. Feldulmenholz wird von der Möbelindustrie hoch bezahlt. Die Stellmacher verwenden es gern für Wagenspeichen. Ein Kind des Bergwaldes ist die Bergulme, Weißulme oder Weißrüster.

Berg-Ulme (Ulmus glabra)Bis zu einer Höhe von 1300 Metern steigt sie in den Alpen empor, ist in allen unseren Mittelgebirgen zu Hause. Es ist gar nicht so leicht, sie von der Feldulme rein äußerlich zu unterscheiden. Wir müssen schon die Blätter vergleichen, die bei ihr ein wenig größer, etwas rauher auf der Oberseite und behaarter auf der Unterseite sind. Auch die Früchte sind größer als bei den anderen Ulmen. Das Holz der Bergulme ist ebenfalls bei der Möbelindustrie wegen seiner schönen Maserung begehrt; es hat keinen schokoladebraunen, sondern einen blaßbraunen Kern. In den Bergen ist die Ulme noch verhältnismäßig gesund und wird weniger von der Ulmenkrankheit befallen wie in der Ebene. Ein Hinweis dafür, daß wahrscheinlich doch die mindere Güte unserer heute überbeanspruchten Ackerböden für das Ulmensterben mitverantwortlich zu machen ist.

Über den Gesang der Tiere – die Zoomusikologie

Zhao Shaoang - Blumen & Vogel
Zhao Shaoang – Blumen & Vogel

Vögel zwitschern, Wale singen, Wölfe heulen. Sind diese Laute bereits Lieder? Diese Fragen beschäftigt die Zoomusikologie. Wissenschaftler wie Dario Martinelli untersuchen die Gemeinsamkeiten in der musikalischen Aktivität von Mensch und Tier. Der talienischen Professor für Semiotik Dario Martinelli, hat diesen Grenzbereich zwischen Musik- und Naturwissenschaft zum Schwerpunkt seiner Arbeit gemacht.

Womit beschäftigt sich nun die Zoomusikologie? „Kurz gesagt, befassen wir uns mit jenen tierischen Lautäußerungen, die man als »Musik« bezeichnen kann und über die reine »Kommunikation« hinausgehen“, so der Professor in einem Interview mit den italienischen Magazin FOCUS. „Dazu gehören alle Laute und Töne, die von ihrer Struktur, der Art und Weise ihrer Darbietung, aber auch ihrer Aufnahme beim Gegenüber her so beschaffen sind, dass sie eben eher als »musikalische« Prozesse zu betrachten sind“, soe der Wissenschaftler weiter.
Es geht  um eine simple Frage, die dann eine komplexe Beantwortung zur Folge hat:

Ist Musik ein rein menschliches Phänomen? Weiterlesen

Gaston Tarry & der Lösungsalgorithmus für Irrgärten

‘Dessein d’un Labirinthe avec des cabinets et des Fontaines’, Aus: Antione Joseph Dézallier d’Argenville, La Théorie et Pratique du Jardinage, Paris, 1709.
‘Dessein d’un Labirinthe avec des cabinets et des Fontaines’, Aus: Antione Joseph Dézallier d’Argenville, La Théorie et Pratique du Jardinage, Paris, 1709.

trennlinie2Der französische Finanzinspekteur Gaston Tarry (1843–1913) entdeckte 1895 folgenden Lösungsalgorithmus für Irrgärten:

Wenn du einen Gang betrittst, markiere den Eingang mit dem Wort Stopp. Betritt nie einen Gang, der mit Stopp markiert ist.

Betrittst du das erste Mal eine Kreuzung (daran erkennbar, dass an keinem Gang eine Markierung angebracht ist), markiere den eben verlassenen Gang mit dem Wort zuletzt.

Gibt es an einer Kreuzung Gänge, die keine Markierung besitzen, wähle einen beliebigen davon, um weiterzugehen.

Sollte es keine unmarkierten Gänge mehr geben, betritt den mit zuletzt markierten Gang.

Mit dieser Methode wird der Ausgang garantiert gefunden. Sollte der Irrgarten keinen Ausgang besitzen, wird jede Kreuzung besucht und jeder Gang genau zweimal beschritten (einmal in jede Richtung). Der Algorithmus hält dann wieder am Startpunkt. Die Methode von Tarry ist damit – anders als der Pledge-Algorithmus – auch geeignet, von außen in einen Irrgarten einzutreten und ein Ziel im Inneren zu finden. Der Algorithmus von Trémaux ist ein Spezialfall des Algorithmus von Tarry.

Erfindungen: Dynasphere – Einrad-Elektrofahrzeug von Dr. J.A. Purves

Die Dynasphere war ein Einrad-Elektrofahrzeug im Jahr 1932 – erfunden von Briten Dr. J. A. Purves aus Taunton, Somerset.
Ausgestattet mit 2,5 PS und erreichte einmalig die  eine Geschwindigkeit von 25mph.
Wenn sich, wie im Zeitungsartikel beschrieben, dieses Vehikel durchgesetzt hätte, Wie sähe es dann wohl auf unseren Straßen aus?! Im Anhang finden Sie ein Video zum Dynasphere.
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Die jungen Krähen – ein Porträt von Piet Marsfeld mit einer europäischen Fabel

Der Ruf der Krähe - Foto: Privat
Der Ruf der Krähe

Es ist unglaublich viel, was eine junge Krähe alles lernen muß, ehe sie ohne die Eltern in der Welt fertig werden kann. Es ist zum Beispiel ganz ungefährlich, um die Zeit, wenn die Bauern alle auf der Wiese beim Heuen sind, zwischen ihnen herumzugehen und nach Jungmäusen und Käfern zu suchen. Dagegen muß man, wenn man im Dorfe Kirschen holen will, sich sehr dabei vorsehen. Manchmal steht ein Mensch auf dem Felde und rührt sich nicht; dann ist es gar kein Mensch, sondern eine Vogelscheuche, aber man tut doch gut, alles, was ungefähr wie ein Mensch aussieht, erst lange Zeit zu beobachten. Wenn ein Mensch sich auf dem Felde zu schaffen macht und fortgeht, und man findet dort nachher ein Stück Fleisch, das ist immer hochverdächtig. Findet man im Walde eine Eule, so darf man sie so viel plagen, wie man will; sitzt aber auf freiem Felde die große Eule auf einem Pfahle, so ist die Sache faul, denn diese Eule kann schießen.

Wenn man zu mehreren ist, muß man den Habicht fortjagen; ist man allein, so tut man gut, sich zu verstecken. Das alles und noch viel mehr lernten die jungen Krähen den Sommer über unter Führung der Alten. Sie lehrten sie, im Bogenfluge am Rande des Roggenfeldes entlang zu fliegen, eine Ähre zu haschen und abzureißen und sie, wenn ein bis zwei der milchigen Körner herausgepickt waren, fortzuwerfen und sich eine neue zu holen. Sie lehrten sie die Stellen unter den Brücken zu finden, wo selbst um die Mittagszeit das Wasser kühl ist, und zeigten ihnen die Buchten im Flusse, wo die abgestandenen Fische und die ertränkten jungen Hunde und Katzen antreiben. Sie wiesen ihnen die blauen Fliegen und die rot und schwarz gestreiften Käfer, die unfehlbar anzeigen, wo ein totes Tier oder ein Wildgescheide liegt, und machten es ihnen klar, wie man aus dem Benehmen eines Hasen oder eines Vogels erkennt, wo er seine Jungen oder seine Eier hat, und wie man es macht, dorthin, wo ein Schuß fällt, vorsichtig heranzustreichen und aufzupassen, ob man nicht ein Stück Wild findet, das dem Jäger entgangen ist. Wenn der Wind kalt von Osten kommt, ist auf dem Moore wenig zu finden, um so mehr aber, ist die Luft still und scheint die Sonne sehr warm. Wenn ein Hase klagt, kann man nie wissen, ob es ein Hase oder ein Mensch ist, der Krähen schießen will; deshalb muß man vorsichtig von hinten und in guter Deckung heranstreichen.
Der Jäger benutzt die natürliche Feindschaft zwischen Krähe und Eule zum Abschießen der. schädlichen Krähen. Er baut sich eine getarnte Hütte oder einen Erduntersland, wo er von den Vögeln nicht gesehen werden kann. Eine gezähmte Eule wird vor dem Unterstand auf eine Art Krücke gesetzt; sie ist an einem Fang mit einer dünnen Kette gefesselt. Vorbeistreichende Krähen entdecken sofort die Eule, rufen laut quarrend ihre Artgenossen herbei und stoßen „hassend1 auf die Feindin herab. Selbst die Schüsse aus der „Krähenhütte“ in den Schwärm vermögen die Angreifer nicht zu vertreiben.
Findet man ein größeres Tier, das krank ist, so hackt man ihm zuerst die Augen aus, damit es nicht fortlaufen kann. Der schlimmste Fehler für die Krähe ist die Einseitigkeit. Ist in Wald und Moor noch so viel Futter, so muß man doch ab und zu zu Felde fliegen oder bei dem Dorfe herumstöbern, damit man sich in der kargen Zeit dort zurecht findet. Wenn es irgend geht, soll sich die Krähe Gesellschaft suchen; vier Augen sehen doppelt soviel als zwei, und je mehr da sind, um so besser ist es. Der Sommer geht hin, der Herbst zieht in das Land; die einzelnen Krähenfamilien schlagen sich zu Flügen zusammen und treiben sich, bald für sich haltend, bald mit Dohlen und Saatkrähen gemischt, im Lande umher, heute in den Marschen, morgen auf den Stoppeln der Geest, übermorgen auf den Rübenfeldern des Lehmlandes, ungeheure Mengen von Drahtwürmern, Engerlingen und Mäusen vertilgend und Massen verwesender Stoffe forträumend, auch manches angeschossene Rebhuhn, manchen kümmernden Hasen überfallend und tötend. Sinkt der Abend über das Gefilde, färbt sich der Himmel rosig, dann ziehen sie, geführt von den ortskundigen Stücken, krächzend und quarrend nach einem fernen Walde, ihn noch eine Stunde lang mit dem Getöse ihrer rauhen Stimmen und dem Rauschen ihrer harten Schwingen erfüllend, bis der letzte Rosenschein am Himmelsrande erlischt und die Nacht hereinbricht. Jeder Morgen bringt dem Fluge neuen Zuzug j und um das Dreifache nimmt er zu, wenn im Winter Ostelbien, Skandinavien, Rußland und Nordasien die zahllosen Mengen von Nebelkrähen in das Land der Rabenkrähen schicken. Da wird allmählich das Futter spärlich in Feld und Wiese, Moor und Heide, und immer mehr drängen die Scharen nach den Siedlungen der Menschen, erst nach den Dörfern, dann nach den Landstädten und zuletzt zu den Großstädten, wo die Rieselfelder und Schuttplätze liegen, die allwinterlich die Tausende und Abertausende und Aberabertausende von Krähen ernähren müssen.

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Fabeln aus Europa

Die Krähen und das Pulver

Nach der Erfindung des Pulvers beriefen die Krähen krächzend eine Versammlung. In der Luft kreisend besprachen sie, wie man sich jetzt schätzten könnte vor Pulver und Flinten.

»Früher«, sagte ein alter Krähenvater, »war es möglich, sich vor dem Menschen zu hüten. Schon von ferne sahen wir, wenn ein Knabe sich zur Erde beugte, einen Stein oder Knüttel aufzuheben. Und wenn wir das auch nicht bemerkten, dann pflegten wir den Knüppel heransausen zu hören oder sahen den Stein heranfliegen und konnten uns verziehen. Selbst wenn mit Pfeilen geschossen wurde, dann war es doch immer möglich, ihnen auszuweichen, denn auch die sahen wir von Ferne heranfliegen. Aber nun haben die klugen Menschen das Pulver erfunden und sich Flinten fabriziert, nun ist’s Essig! Kaum legen sie die Flinte an, und blitz! burr! fliegt eine Handvoll einer Erbsenart, man kann nicht mehr rechtzeitig wegfliegen, man weiß auch nicht, nach welcher Seite man springen soll. Was sollen wir nun machen?«

»O weh! O weh!« krächzte der Krähenhaufe.

Aber einer von den Jungen, der weit in der Welt herumgekommen war, stand auf und sagte: »Wir Jüngeren sind besser unterrichtet und haben mehr gesehen. Wir müssen mit der Welt mitgehen! Nun hilft nichts anderes, allein auf die Nase müssen wir uns verlassen, das Pulver kann man von weitem riechen.«

»Ja! So werden wir’s machen! Die Nasen werden wir wittern lehren!« krächzten alle Krähen. Und von dem Tage an wittern sie das Pulver und lassen sich von weitem nicht beikommen.

Paul Scheerbart – Glasarchitektur – Teil 3

Abschnitte LXI – CXI

Ornamentsaal im Glashaus der Kölner Werkbundausstellung 1914 - Fotograf unbekannt - Quelle: wikipedia.org
Ornamentsaal im Glashaus der Kölner Werkbundausstellung 1914 – Fotograf unbekannt – Quelle: wikipedia.org

LXI

Der Eisenbeton in der höheren Zaunarchitektur
Der Eisenbeton kann ein paar Centimeter breit sein, und er ist sehr bequem als Zaun zu verwerten. Wenn der Eisenbeton künstlerisch mit Email, Glasmosaik oder plastischer Ausmeißelung mit Niello ansehnlich gemacht wird, so können die Zäune, wie schon gesagt, auch leicht zu Wandelgängen umgebildet werden.

In der Zaunarchitektur wird der Eisenbeton ebenfalls eine große Rolle spielen.

LXII

Die Terrassen
Die Terrassenformation ist bei höheren Glasbauten und bei mehreren Etagen zweifellos eine Notwendigkeit, da ja sonst die Glasflächen nicht an die freie Lichtluft gelangen können, wo sie doch hinwollen, da sie ja im Dunkeln ihren Zweck nur des Nachts erfüllen können – und nicht am Tage.

Diese Terrassenformation der Etagen wird natürlich die langweilige Frontarchitektur der Backsteinhäuser rasch verdrängen.

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Jean-Henri Fabre – Verhaltensforscher – InsektenForscher – Begründer der Ökologie als Wissenschaft

Jean-Henri_Fabre_peinture_anonymeJean-Henri Casimir Fabre (* 1823 in Saint-Léons du Lévézou; † 1915 in Sérignan-du-Comtat, Vaucluse) war ein französischer Naturwissenschaftler (Entomologe), Dichter und Schriftsteller, Mitglied der Académie Française und der Légion d’honneur. Er gilt als ein Wegbereiter der Verhaltensforschung und der Ökophysiologie.

Bauern, gewohnt in der kargen Welt der Cevennen zwischen Rodez und Millan ihr Brot zu finden, waren die Vorfahren Jean Henri Fabres, der wie nur wenige die großen Vorzüge der Menschen des Mittelmeerraumes, die an den Bewohnern seiner gebirgigen Teile am deutlichsten sichtbar werden, in sich vereint: Bedürfnislosigkeit, Zähigkeit, Lebensklugheit und Klarheit des Denkens. Reichtümer sind auf den steinigen Hängen der Cevennen nicht zu gewinnen, es ist ein ärmliches Land mit Roggen-, Hafer-, Kartoffel- und Hanffeldern und noch viel mehr Ödland, auf dem Schafe ihr Auskommen finden. Herren der kleinen Herden sind die Kinder des Dorfes, die mit diesem ersten Dienst frühzeitig in das arbeitsreiche Landleben hineinwachsen. Als Schaf- oder Ziegenhirt hat man viel Zeit zu müßiger Träumerei. Der junge Jean Henri ist ein sehr aufmerksamer Beobachter, nichts entgeht seinen flinken Augen, und er macht sich bald seine eigenen Gedanken über Art, Wesen und Ordnung der Gräser, Blumen und Bäume, über alles, was kreucht und fleucht. Der Pfarrer, aufmerksam geworden auf den intelligenten Jungen, gibt ihm ein paar Unterrichtsstunden in Naturkunde. Die einfache Dorfschule, zu deren Heizung jeder Schüler im Winter ein Scheit Holz mitbringen muß für den Ofen, der nebenbei auch das Futter für die Schweine des Lehrers kocht, vermittelt die ersten systematischen Kenntnisse von Pflanzen- und Tierkunde, wobei der Anschauungsunterricht durch Absuchen der Schnecken von den Gemüsebeeten des Herrn Lehrers zu dem weniger geschätzten Anschauungsunterricht gehört.

Jean_Henri_Fabre_Foto von NadarJ. H. Fabre ist zehn Jahre alt, als der Vater sein Glück in der Stadt Rodez als Inhaber eines kleinen Kaffees versucht. Um das Schulgeld zu sparen, singt Jean Henri im Kirchenchor und übernimmt das Amt des Meßdieners. Der Pfarrer gibt ihm Lateinunterricht, aber mehr noch als die Sprache, in der er als der Muttersprache auch seiner eigenen urtümlichen provengalischen Mundart bald heimisch wird, interessiert der Inhalt des lateinischen Lehrund Lesebuches: Vergils Landleben mit seinen bis ins einzelne gehenden Tierschilderungen. Nach nur dreijährigem Aufenthalt in Rodez zieht die Familie, deren wirtschaftliche Lage sich eher verschlechtert als verbessert hat, noch weiter nach dem Süden, nach Toulouse. Dort kann Jean Henri wenigstens die fünfte Klasse der Volksschule vollenden. Bald aber wird das wenige Umzugsgut wieder auf den Wagen geladen, und es geht nach Montpellier. An Schule ist nicht mehr zu denken, die Familie ist bettelarm geworden. „Und jetzt, mein Kleiner, Gott befohlen! Verdiene dir, so gut du kannst, deine Bratkartoffeln!“ Mit diesen Abschiedsworten wird der Sechzehnjährige vom Vater in die Fremde entlassen.
Auf Jahrmärkten verkauft er Zitronen, arbeitet als Erdarbeiter an einer Eisenbahnstrecke bei Nimes, muß hungern, schläft unter Brücken und verbringt eine Elendszeit, deren er sich noch nach sechzig Jahren mit Schaudern erinnert. Im Juli 1840 kommt er in Nimes mit nur drei Franken in der Tasche an und ersteht dafür statt eines guten Mittagessens die Gedichte des Bäckerpoeten Jean Raboul, denn fast noch wichtiger als die leibliche ist ihm die geistige Kost. Und darum übersieht er auch nicht den Anschlag am Rathaus, der eine Auswahlprüfung in der Provinzhauptstadt Avignon bekanntgibt. Schüler, die sie bestehen, bekommen einen Freiplatz und können Volksschullehrer werden. Fabre geht als Erster aus der Prüfung hervor, weiß endlich wieder, wie er morgen satt wird, und kann jede Möglichkeit wahrnehmen, sich in den Naturwissenschaften weiterzubilden.

Jean-Henri-Fabre-beim StudiumMit neunzehn Jahren verläßt Fabre das Lehrerseminar, um seine erste Stelle mit siebenhundert Franken im Jahr anzutreten. Beim Feldmeßunterricht, der natürlich im Freien stattfindet, sieht er, wie die Schüler — meist Bauernsöhne aus der Provinz — die Nester der Mörtelbiene öffnen und den Honig mit einem Strohhalm herausschlürfen, eine Kenntnis und Kunst, die bereits von den Jägern und Sammlern der Vorzeit geübt wurde. Fahre schaut interessiert zu,* und er möchte gern mehr wissen über dieses Tier, das bereits im 18. Jahrhundert den großen Reaumur beschäftigt hatte.
Als er in einer Buchhandlung das bekannte illustrierte Insektenbuch von Castelnau, Blanchard und Lucas findet, opfert er dafür ein ganzes Monatsgehalt seiner kleinen, nicht immer regelmäßig ausgezahlten Volksschullehrerbesoldung. Diese Ausgabe war so wenig Verschwendung wie seinerzeit in Nimes, als er sich für die letzten drei Franken den Gedichtband kaufte. Es war die Sicherheit eines Berufenen, der sich sein Handwerkszeug besorgte. Wenige Monate später hätte er das Geld allerdings wieder bitter nötig gehabt. Denn kaum volljährig geworden, heiratet Fabre die junge Lehrerin Marie Villard aus Carpentras. Aus dieser Ehe entsprießen nicht weniger als fünf Kinder.
Wohl hat der junge Ehemann inzwischen auch die Lehrbefähigung für Physik und Mathematik an höheren Schulen erworben, doch wird er erst nach längerer ungeduldiger Wartezeit seinem Examen entsprechend verwendet und bezahlt. Als er seine erste bedeutende wissenschaftliche Arbeit veröffentlicht, wird man in Paris auf ihn aufmerksam. Der Unterrichtsminister Napoleons III. besucht ihn in Avignon, läßt ihn nach Paris kommen, wo er dem Kaiser vorgestellt wird und das Kreuz der Ehrenlegion erhält.

Jean-Henri Fabre_am SchreibtischDen Tagen des Glücks und der Erfolge folgen schwere Zeiten. Da beginnt Fabre, seine Erfahrungen, Beobachtungen und Forschungen aus der Insektenwelt in einem zehnbändigen Werk niederzulegen, das er „Souvenirs entomologiques“ — ,Erinnerungen an Insekten‘ — nennt; fast dreißig Jahre schreibt er an diesen Büchern, die auch heute noch höchst lesenswert sind. Er spricht darin den Gedanken aus, „daß die Insekten geradeso unbewußt zweckmäßig handeln, wie etwa das Herz oder ein anderes Organ, dessen Tätigkeit der Erhaltung des Körpers dient, ohne daß es selbst ein Bewußtsein davon hat“. Die populärwissenschaftliche Buchreihe findet großen Absatz, und Fabre, der auch ein herrliches Sternenbuch geschrieben hat, steht lange Zeit im Mittelpunkt der Interessen des geistigen Frankreich. Fabre war, wie der große Darwin in der „Entstehung der Arten“ feststellte, ein „unnachahmlicher Beobachter“, aber auch ein einfallsreicher Experimentator, dessen Forschungsergebnisse teilweise bis heute Gültigkeit haben. Sein Wohnsitz Harmas in Sevignan ist heute eine vom Museum für die Geschichte der Naturkunde in Paris betreute Gedenkstätte.

Paul Scheerbart – Glasarchitektur – Teil 2

Ornamentsaal im Glashaus der Kölner Werkbundausstellung 1914 - Fotograf unbekannt - Quelle: wikipedia.org
Ornamentsaal im Glashaus der Kölner Werkbundausstellung 1914 – Fotograf unbekannt – Quelle: wikipedia.org

Zu Teil 1 – Zu Teil 3
Abschnitte XXXI – LX

XXXI

Das Glasmosaik und der Eisenbeton

Es muß betont werden, daß der Eisenbeton mit Glasmosaik bedeckt wohl das dauerhafteste Baumaterial darstellt, das wir bislang entdeckt haben.
Man hat immer so große Furcht, daß das Glas von ruchloser Hand zertrümmert werden könnte. Nun die Fälle, in denen von der Straße aus Fenster durch Steine zertrümmert werden, sind heute wahrhaftig nicht mehr zahlreich; man wirft viel eher nach einem Menschenkopf mit Steinen als nach einer Fensterscheibe.
Daß Glasmosaik aber mit Steinen beworfen wurde, ist mir gänzlich unbekannt.
Im 19. Jahrhundert, als die Drähte der Telegraphie aufkamen, wollte man diese Drähte aus Furcht vor der rohen Bevölkerung sämtlich unterirdisch anlegen. Heute aber denkt kein Mensch an die Zerstörung der oberirdischen Drähte.
Deshalb braucht man auch nicht zu fürchten, daß die Glashäuser von Steinen aus roher Hand zugrunde gerichtet werden könnten.
Doch dieses auch nur so nebenbei.

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Paul Scheerbart – Glasarchitektur

Ornamentsaal im Glashaus der Kölner Werkbundausstellung 1914 - Fotograf unbekannt - Quelle: wikipedia.org
Ornamentsaal im Glashaus der Kölner Werkbundausstellung 1914 – Fotograf unbekannt – Quelle: wikipedia.org

BRUNO TAUT gewidmet

Hony soit qui mal y pense


Abschnitte I – XXX

I

Das Milieu und sein Einfluß auf die Entwicklung der Kultur

Wir leben zumeist in geschlossenen Räumen. Diese bilden das Milieu, aus dem unsre Kultur herauswächst. Unsre Kultur ist gewissermaßen ein Produkt unsrer Architektur. Wollen wir unsre Kultur auf ein höheres Niveau bringen, so sind wir wohl oder übel gezwungen, unsre Architektur umzuwandeln. Und dieses wird uns nur dann möglich sein, wenn wir den Räumen, in denen wir leben, das Geschlossene nehmen. Das aber können wir nur durch Einführung der Glasarchitektur, die das Sonnenlicht und das Licht des Mondes und der Sterne nicht nur durch ein paar Fenster in die Räume läßt – sondern gleich durch möglichst viele Wände, die ganz aus Glas sind – aus farbigen Gläsern. Das neue Milieu, das wir uns dadurch schaffen, muß uns eine neue Kultur bringen.Weiterlesen

Arnold Hanslmeier | Praktische Astronomie zum Anfassen

Im Rahmen meines Studiums habe ich bereits mehrere Veröffentlichungen des Autors gelesen. Prof. Hanslmeier schreibt routiniert und nachvollziehbar. Ich freue mich bereits auf dieses neue Werk, welches am 14.Juni 2015 erscheint. Wer sich für unseren Nachthimmel interessiert, kann mit diesem Autor eigentlich nichts falsch machen. [Kleine Anmerkung: dies soll keine wahllose Lobhudelei sein; es sind „Vorschusslorbeeren“ für einen sehr guten Lehrmeister.]

Den Nachthimmel erleben: Sonne, Mond und Sterne - Praktische Astronomie zum Anfassen - c Springer Spektrum Verlag
Den Nachthimmel erleben: Sonne, Mond und Sterne – Praktische Astronomie zum Anfassen – c Springer Spektrum Verlag

Buchdarstellung des Verlages | Dieses Buch zeigt, wie spannend Astronomie sein kann. Mit einfachen Beobachtungen kann man wichtige Fragen der Menschheit erörtern: Wie ist das Universum entstanden und wo ist unser Platz darin?
Der Leser erhält praktische Informationen, um die Faszination des Nachthimmels selbst zu erleben: Welches Teleskop ist geeignet, welche Details lassen sich damit auf den Himmelskörpern erkennen u.v.m.. Der Autor beschreibt die Planetenbewegungen und wann selbige zu beobachten sind. Tipps zur Fotografie der Himmelskörper mit Digitalkameras oder Webcams werden ebenfalls gegeben. Neben Anleitungen zu eigenen Beobachtungen erhält der Leser auch astrophysikalisches Hintergrundwissen zu den Fragen „Wie entstehen Sterne und Planeten?“, „Gibt es auf den neu gefundenen Exoplaneten Leben?“ und „Was ist Dunkle Materie?“.
Mit diesem Buch werden die Wunder des Universums rasch zu einer Freude. Aber Vorsicht: Sternegucken kann süchtig machen.
Buchrückseite
In diesem Buch zeigt Professor Hanslmeier wie spannend und zugänglich die Astronomie sein kann. Bereits mit einfachen Beobachtungen kann man viele Antworten auf die Grundfragen der Menschheit gewinnen: Wie ist alles entstanden? Wo ist unser Platz im Universum?
Der Leser erhält am Anfang des Buches praktische Informationen um die Faszination des Nachthimmels selbst zu erleben:
– Worauf kommt es beim Erwerb eines Teleskops an?
– Welche Details lassen sich damit auf dem Mond erkennen?
– Und wie können wir unsere Planeten entdecken?

Der Autor beschreibt dazu, wann Planeten günstig am Himmel zu finden sind und gibt praktische Tipps zur Fotografie des Mondes und der Planeten mit handelsübliche Digitalkameras – diese sind auch gerade für Amateurastronomen sehr wertvoll. Von dort geht die Beobachtungsreise in die Welt der Sterne und Galaxien. Bereits mit einfachen Digitalkameras kann man in diesem Bereich leuchtende Gasnebel fotografieren und vieles über die Entstehung von Sternen lernen.

Neben den Anleitungen zu eigenen Beobachtungen und kleinen Berechnungen, die für angehende Sternenbeobachter aber auch für Schulen sehr nützlich sind, findet der Leser in dem Buch auch astrophysikalisches Hintergrundwissen. Professor Hanslmeier beantwortet Fragen wie
– Wie entstehen Sterne und Planeten?
– Gibt es auf den neu gefundenen Exoplaneten Leben?
– Was ist Dunkle Materie?

Mit diesem Buch wird die Beobachtung der Wunder des Universums anhand vieler wertvoller Tipps zu einem besonderen Erlebnis. Und auch wer nicht eigene Beobachtungen macht, wird viel Neues über das Universum erfahren. Aber Vorsicht: Sterngucken kann süchtig machen!

Über den Autor | Professor Arnold Hanslmeier ist Astrophysiker am Institut für Physik an der Universität Graz. Neben mehr als 400 wissenschaftlichen Veröffentlichungen, mehreren Fachbüchern widmet er sich auch sehr gerne der verständlichen Verbreitung der faszinierenden Erkenntnisse der modernen Astrophysik.  Er hält Vorlesungen an der Universität Graz und ist oft Gastprofessor an den Universitäten Wien, Innsbruck, Toulouse, La Laguna, Teneriffa sowie dem Kiepenheuer Institut in Freiburg. Wegen seiner besonderen didaktischen Fähigkeiten komplizierte Dinge einfach und anschaulich darzustellen ist er ein international sehr gefragter Referent.


Gebundene Ausgabe: 270 Seiten
Verlag: Springer Spektrum; Auflage: 2015 (14. Juni 2015)
ISBN-10: 3662460319
ISBN-13: 978-3662460313
Preis: 24,99 €

Richard Buckminster Fuller – Das Dymaxion-Auto

Richard Buckminster Fuller - Das Dymaxion-Auto
Richard Buckminster Fuller – Das Dymaxion-Auto


1933 entwarf der amerikanische Ingenieur Richard Buckminster Fuller sein Dymaxion-Auto. Es konnte bis zu elf Passagiere transportieren, hatte den – für die USA – ungewöhnlich niedrigen Verbrauch von 7,8 Litern auf 100 Kilometer,  und erreichte eine Höchstgeschwindigkeit von 193 km/h.

Das Dymaxion-Auto fuhr auf drei Rädern und wurde über das einzeln stehende Hinterrad gesteuert. Dadurch konnte es innerhalb seiner eigenen Länge wenden. Auf der Weltausstellung – 1933 – in Chicago beschädigte ein Unfall das Auto schwer. Dabei kam der Fahrer ums Leben und mehrere Insassen wurden schwer verletzt wurden. Die Unfallursache wurde nie festgestellt, Fuller behauptet, dass der Unfall durch ein anderes Auto verursacht wurde, das dem Dymaxion-Auto in zu geringem Abstand gefolgt wäre. Nachweisen konnte er es aber nicht. Der Unfall hatte zur Folge, dass sich mögliche Investoren zurückzogen.Weiterlesen

Die seltsamen Käuze des Waldes

Waldkauz - Foto: Claudio Petrella
Waldkauz – Foto: Claudio Petrella

Bis gegen Mitternacht war der Himmel von geballtem Gewölk verhangen. Jetzt stößt ein steifer Nordwest in die träge dahintreibenden Wolkenherden, daß sie auseinanderstieben, als wenn der Wolf unter sie gefahren wäre. Sterne blitzen durch die aufgerissenen Lücken. Gleißend tritt der volle Mond hervor. Wie von magischem Licht getroffen, schimmern die letzten, körnigen SchneeDer Waldkauz inseln im Unterholz des Stadtwaldes. Im gleichen Augenblick setzt mit voller Lautstärke ein wahrhaft höllischer Chor ein, ertönt ein grausiges Gemisch von kreischendem Gelächter und dunklem Geheul. Schrille Pfiffe gellen, schnarchendes Fauchen mischt sich ein. Die müden Nachtschwärmer, die von den letzten Faschingsbällen heimwärts streben, sind jäh zusammengefahren und starren mit weitaufgerissenen Augen in die Wipfel. Das Grauen rinnt ihnen über den Rücken. Doch noch ehe sie eine Erklärung gefunden haben, ist der Spuk wie auf den Wink eines unsichtbaren Dirigenten schon wieder verklungen. Schwer lastet die plötzliche Stille. Leise knarren die schwarzen Äste im Winde. Dann kommt es weich und klagend aus der Tiefe des Waldes:

„Huhuhuuuu-ui-uitt!“ Ein sanftes, voller anschwellendes Echo antwortet wie eine dunkle Flöte vom Rande der beleuchteten Waldstraße her. Große Schatten schaukeln um die Wipfel, lautlos, geisterhaft. Kleine, glühende Lichtbälle funkeln auf und verlöschen.

tawny-vulture-702231_640_Maky_OrelGleich darauf bricht es wieder los! Es gellt und pfeift, schnalzt] und knappt, heult und kreischt, faucht und lacht, daß sich den ] Menschen unter der Straßenlaterne die Haare isträuhen. Zehn, zwölf, vielleicht auch zwanzig Waldkäuze sind es, die diese schauerliehen Lieder singen, die dem bleichen Mond, dem nächtlichen Wald und den Gefährtinnen ihre Sehnsucht zurufen und den nahenden Lenz verkünden. In lockeren, weichumflossenen Klumpen hocken 6ie auf den niederen Ästen, verbeugen und verrenken sich, schneiden Grimassen und glotzen glutäugig umher. Ihre großen, schräg nach \ vorn gerichteten und fest in den Höhlen sitzenden Augen zwingen sie, bei jeder Blickwendung den Kopf zu verdrehen. Und wie sie den Kopf verrenken können! Um 180 bis 270 Grad! Es sieht aus, als ob sie sich selbst den Hals umdrehen wollen. Und was für Grimassen sie dabei schneiden! Die Spaziergänger, di sich über die Eulengesänge entsetzten, würden sich vor Lachen ausschütten, wenn sie das sehen könnten. Wie die Schalksnarren^ wie lustige Papageien gebärden sich die nächtlichen Sänger. Diese koboldartige, schnelle Ducken und Aufrecken, das unermüdliche Verbeugen und Verneigen ist wahrscheinlich auch auf die besondere Art des Sehens zurückzuführen. Bei jeder Verbeugung wippt der Schwanz wie bei einer Bachstelze, sträuben sich die Kopffedern und plustert sich der Schleier auf, der die schönen Augen umrahmte Stundenlang währt das Konzert der närrischen Käuze, die der Mangel an natürlichen Nisthöhlen aus den düsteren Wäldern und eintönigen Nutzforsten unserer Zeit immer stärker in die städtischen Anlagen zieht. Hier finden sie noch die schönen, alten Bäume mit geborstenen Stämmen und faulenden Astlöchern, die in den Wäldern nicht mehr geduldet werden. Hier fühlen sie sich auch sicher und umkreisen neugierig den nächtlichen Wanderer oder verfolgen ihn von Wipfel zu Wipfel. Hier können sie sich getrost auch am Tage sehen lassen und ausgedehnte Sonnenbäder nehmen. Denn die Käuze und Eulen sind durchaus nicht tagblind. Sie fliegen im grellsten Sonnenschein mit derselben Sicherheit wie im milden Mondlicht. Und sie brauchen die Sonne wie jedes andere Lebewesen. In einem düsteren Käfig gehen sie schnell zugrunde. Vielleicht ist das Licht überhaupt die einzige „Freude“ des Eulenauges, denn in seiner Netzhaut überwiegen die helligkeitsempfindlichen Stäbchen die farbenempfindenden Zäpfchen derart stark, daß die Eulen wohl kaum Farben zu unterscheiden vermögen.

In diesen Vorfrühlingstagen können die Waldkäuze seihst am Tage keine Ruhe finden. Mögen sie das ganze Jahr hindurch auch ein ziemlich heimliches Lehen führen und sich von den hassenden Kleinvögeln vertreiben lassen, jetzt gehört der Wald ihnen. Und mag der Waldkauz sonst auch ein etwas schwerfälliger und plumper Bursche sein, jetzt ist er genau so wendig, lustig und beweglich wie der drollige Steinkauz. Die großköpfigen, kurzhalsigen, tiefgrauen Gesellen sind immerwährend in Bewegung. Sie dienern um die Weibchen, blinzeln verschmitzt, piepsen zärtlich, liebkosen sich wie die Turteltauben. Sie hacken aber auch mit dem scharfgekrümmten Schnabel nach dem lästigen Nebenbuhler, fauchen ihn an und verfolgen ihn schreiend. Zurückgekehrt, umwerben sie die spröde Schöne, kraulen ihr d’e Federn und sind so rastlos, wie jeder andere Vogel in der Balzzeit. Bis endlich jeder Kauz sein Käuzchen gefunden hat und d;e Lediggeidiebenen sich in ihr Schickaal ergeben und das Feld geräumt haben. Schon vierzehn Tage später, ganz gleich, ob der März noch mit Schnee und Frost aufwartet oder schon sonnige, warme Tage bringt, legt das Weibchen seine zwei bis drei weißen Eier. Es legt sie am liebsten in eine Baumhöhle, zur Not aber auch in ein altes Krähenoder Elsternnest. Sogar Eichhörnchenkobel und künstliche Nistkästen werden angenommen. Denn vom Nestbauen verstehen weder Herr Waldkauz noch seine Frau etwas. Sie tragen auch keine Halme, Haare und Federn zusammen, um die Kinderwiege auszupolstern. Die Eier werden, wenn nicht der alte Nestbesitzer eine Unterlage hergestellt hat, auf den nackten Boden der Höhle gelegt. Die Hauptsache ist, daß Wind und Wetter keinen Zutritt haben und daß es genügend Mäuse in der Umgebung gibt. Denn die Waldkäuze leben fast ausschließlich von Mäusen. Nur ganz ausnahmsweise greifen sie einmal einen schlafenden Vogel. Eher halten sie sich an die fetten und großen Raupen der Schwärmer und der Spinner. Volle vier Wochen brütet das Weibchen und hütet das werdende Leben so treu und brav, daß es sich eher greifen läßt, ehe es wegfliegt. Herr Waldkauz bleibt der liebevolle und aufmerksame Gatte. Reichlich trägt er seiner Frau Atzung zu und überwacht die Höhle. Ende April ist es meistens so weit. Schnell hintereinander purzeln die Küken aus den Eiern, allerliebste und äußerst drollige Kerlchen, die dicken, weißen Wollknäueln gleichen. Sie kommen mit geschlossenen Augen und Ohren zur Welt, sind aber schon quicklebendig und sperren gierend die winzigen Krummschnäbel auf. Nun muß der Wialdkauz zeigen, daß er ein erstklassiger Mäusefänger ist. Die Nacht ist zu kurz für die Jagd. Schon am frühen Nachmittag ist er unterwegs und noch in der Morgendämmerung rege. Sorglich zerreißt das Weibchen die Beute in kleine Happen und berührt damit die Schnabelwinkel der blinden Jungen. Selbst der Kauz hilft füttern. Später trägt auch das Weibchen Beute herzu. Und alle beide verteidigen ihre Brut tapfer und mutig gegen jeden Feind. Ja, sie verlassen die Jungen selbst dann nicht, wenn die Kleinen fortgetragen werden, sondern folgen ihnen und füttern sie noch im Käfig. Nach neun bis zehn Tagen öffnen die jungen Käuze die schönen, tiefdunkelbraunen, großen Augen. Jetzt sprossen ihnen auch schon die seltsamen Zwischenfedern, die auf ihrer Spitze die Erstlingsdunen tragen. In diesem Kleid erscheinen die Jungkäuze grundhäßlich und erinnern an befederte Igel. Ihr Hunger ist kaum noch zu stillen. Ununterbrochen verlangen sie nach Nahrung. Die geplagten Alten sind herzlich froh, wenn die kleine Gesellschaft endlich flügge ist und die Familie das von Mäusen ausgeplünderte Brutgebiet verlassen kann. Inzwischen ist der Mai ins Land gezogen, der Wald wird schon wieder grün, und die Wipfel sind so dicht belaubt, daß die ungeschickten Jungkäuze nicht mehr auf die Höhle angewiesen sind. Sie werden auch jetzt noch geatzt. Sdireiend melden sie sich aus den Bäumen der Umgebung, wenn es etwas zum Fressen gibt. Bald streifen sie mit den Alten weit umher, sitzen nachts gleich den Steinkäuzen vor den erleuchteten Fenstern und lehren die abergläubischen Gemüter unter den Menschen das Gruseln.

Des Ebers Nickerchen

Als Hängebauchschwein (auch Vietnamesisches Hängebauchschwein) wird eine in Südostasien aus dem eurasischen Wildschwein (Sus scrofa) gezüchtete Rasse des Hausschweins (Sus scrofa f. domestica) bezeichnet. Fotot: O. Simon
Als Hängebauchschwein (auch Vietnamesisches Hängebauchschwein) wird eine in Südostasien aus dem eurasischen Wildschwein (Sus scrofa) gezüchtete Rasse des Hausschweins (Sus scrofa f. domestica) bezeichnet.
Fotot: Piet Marsfeld

Infolge ihrer Fähigkeit zur Aufnahme sozialer Beziehungen und ihrer relativ geringen Körpermaße fanden Vertreter der Rasse in den letzten Jahren weltweite Verbreitung als Heimtiere innerhalb von Hobbyzuchten.

Die Launen der Natur – Über den Vogel Strauß – Schlangen – Löwen und das Feuer

Steckt der Vogel Strauß wirklich den Kopf in den Sand?

Entgegen anders lautenden Behauptungen in viel gelesenen Büchern wage ich zu sagen: Er tut es! Doch nicht aus Angst, wie es immer heißt, sondern wegen der Parasiten. Gewöhnlich nimmt der Vogel danach ein Sandvollbad, es muss aber nicht sein.
Hat der Strauß den Kopf in den heißen Sand gesteckt seine großen Augen geschlossen, verharrt er so eine gewisse Zeit, damit die Parasiten, von denen es in seinem Gefieder eine Menge gibt, in dem heißen Sand umkommen oder den Kopf‘ eiligst verlassen. Dann kann er die Erhitzung schließlich selbst nicht mehr aushalten, er zieht den Kopf aus dem Sand und schüttelt sich. Anschließend gräbt er sich gewöhnlich mit Kopf, Hals und Brust im Sand ein und wirbelt ihn mit den Flügeln auf. Das Sandbad dient, wie man vermutet, ebenfalls der Reinigung. in diesem Fall der Abwehr von Parasiten im Gefieder.

Fürchten wilde Tiere das Feuer?

Nein, sie fürchten es nicht! So behauptet es jedenfalls Professor Bernhard Grzimek. Er habe niemals bemerkt, so schreibt er einmal, dass Tiere eine angeborene Angst vor Feuer hätten, wie dies oft in Büchern behauptet werde. Löwen zum Beispiel gingen ruhig ganz nahe an ein Feuer heran und legten sich sogar in die noch warme Asche. Einmal hätten er und seine Leute ein großes Lagerfeuer entfacht und es sich darum herum in Liegestühlen bequem gemacht, um sich ein wenig aufzuwärmen. Da sei nur sechs Meter von ihnen entfernt eine Löwenfamilie vorübergezogen, habe aber weder den Menschen noch dem Lagerfeuer irgendwelche Beachtung geschenkt. Antilopen äsen unmittelbar am Rand eines Flächenbrandes in der Steppe; Vögel versammeln sich hier zu Scharen und machen Jagd auf Insekten, die vor dem Feuer fliehen.

Wieviel Großwild schlägt ein Löwe in einem Jahr?

Durchschnitt fünfzehn Tiere mit einem Gesamtgewicht von etwas über anderthalb Tonnen. Daraus ergibt sich, dass ein Löwe am ungefähr 4,5 Kilogramm Fleisch frisst.

Warum ist es gefährlich, in Gewässern Afrikas zu baden ?

Es gibt in Afrika Flüsse, da geht man besser nicht hinein, nicht einmal bis zu den Knien. Nicht Krokodile stellen hier die Gefahr dar und natürlich auch nicht die harmlosen Flusspferde, sondern kleine parasitäre Würmer—Bilharzien oder Pärchenegel (aus der Gattung der Saugwürmer). Vollständig ausgewachsen sind sie 1 bis 2,5 Zentimeter lang. Bilharzien durchdringen die Haut des Badenden und bahnen sich ihren Weg durch die Blutgefäße bis zu den Lungen, »rufen einen trockenen Husten« hervor. Danach dringen sie auch in Leber und Harnblase ein. Sie leben in den Venen, hauptsächlich der Leber und der Eingeweide. Sie können bis zu zwanzig Jahre alt werden und bereiten dem von ihnen befallenen Menschen quälende Schmerzen. Freilich gibt es schon Mittel, mit deren Hilfe man die Bilharzien aus dem menschlichen Organismus vertreiben kann, doch sich vor ihnen schützen kann man nur auf eine Art und Weise, nämlich die, nicht in verseuchtem Wasser zu baden.

Viele Gewässer Afrikas, besonders der Mobutu-Sese-Seko-See (Incl. der Nil, sind mit Bilharzien verseucht. Mit Exkrementen gelangen die Bilharzieneier ins Wasser. Die aus den Eiern geschlüpften Larven siedeln sich in Schnecken an. Dort verwandeln sich die Larven in Würmer, die frei im Wasser schwimmen und auf einen Wirt warten, den sie befallen können.

Welche Giftschlange ist die allerschnellste?

Fine gefährliche Schlange Afrikas ist die Mamba. Weder die Kobras noch die Vipern sind hier so gefürchtet wie diese schlanke Baumschlange. Es hat Fälle gegeben, da starben Menschen zwanzig bis (Ireißig Minuten nach dem Biss einer Mamba. Gewöhnliche Giftschlangen bewegen sich mit einer Geschwindigkeit von annähernd einem Kilometer in der Stunde. Die Mamba aber entwickelt eine Schlangen einfach schwindelerregende Schnelligkeit. Auf dem  Erdboden hat man bei ihr eine Geschwindigkeit von 11,3 Kilometern in der Stunde mit der Stoppuhr gemessen. Im Geäst ist die Mamba womöglich noch schneller. Sie beißt oft ohne Vorwarnung oder mit kaum erkennbarer Drohung: Sie hebt nur wenig den Kopf, reißt den Rachen weit auf und zischt leise. Im Laubwerk ist sie ausgezeichnet getarnt (von vier oder fünf Mambaarten sind drei grün gefärbt), die recht langen Giftzähne und die nicht seltene Wahrscheinlichkeit, einer Mamba nicht nur mitten im Wald, sondern auch auf Feldern, in Siedlungen und selbst in Häusern zu begegnen, erklären hinreichend die verständliche Angst der Leute vor der Mamba überall in Afrika, wo sie vorkommt (von der Sahara bis zum Süden des Kontinents).snake-653639_1280_FotoRabe

Woher kommt das Schlangengift?

Bei Amphibien sondert die Haut das Gift ab, bei Schlangen erzeugen es Drüsen des Verdauungssystems, und zwar Speicheldrüsen! Schlangen zerbeißen und zerreißen die Beute nicht in Stücke, sondern schlucken sie im ganzen. Um den nicht zerteilten Nahrungsklumpen zu verdauen, bedürfen sie schnell wirkender, Gewebe zerstörender körpereigener Stoffe. Je eher die Verdauung beginnt, desto früher ist sie beendet. Deshalb wirken starke Fermente nicht erst im Magen, sondern schon im Maul der Schlange auf die Nahrung ein. Natürliche Auslese über Jahrmillionen hat die Effektivität der Fermente so erhöht, dass diese auch für lebendes Gewebe gefährlich wurden. Es entstand also ein Gift, anfangs schwach, dann immer toxischer!
Das Gift hat auch heute seine ursprüngliche verdauende Wirkung nicht eingebüßt. Die Jararacussa zum Beispiel verdaut eine von ihr gebissene Ratte in vier bis fünf Tagen, für eine nicht mit Gift bearbeitete (nicht gebissene) braucht sie die doppelte Zeit. Schnürt man bei einem Versuchstier die Kanäle der Giftdrüsen ab, lebt die Schlange nicht mehr lange. Weil das Gift nicht an der Verdauung beteiligt ist, verläuft diese träge und anomal, und die Schlange leidet an Stoffwechselstörung. Je toxischer ihr Gift ist, desto schneller und erfolgreicher verläuft die Verdauung und um so stabiler ist die Gesundheit des Reptils. Vermutlich ist die Funktion des Giftes als Schutz und Waffe der Schlange nur sekundärer Art. Primäre Bedeutung hat die Beschleunigung der Verdauung durch das Gift.

Wie wirkt Schlangengift?

Nach seiner physiologischen Wirkung unterscheidet man zwei Typen von Schlangengift: neurotoxisches Gift, das die Nervenzentren lähmt, und hämolytisches Gift, das die Erythrozyten und das in ihnen enthaltene Hämoglobin zerstört. Ersteres haben die Kobras, die Kraits (Bungarus) und andere Giftnattern wie auch Wasserschlangen. Besonders starke Schmerzen verursacht deren Gift nicht, und die Bissstelle schmerzt fast gar nicht, doch der Mensch klagt über Schwindelgefühl, Ohnmachtsanfälle und Atemnot. Das zweite Gift findet sich bei Vipern, Dreiecksköpfen, Klapperschlangen, der Jararaca und anderen Grubenottern. Starke Schmerzen, Blutungen, Gewebenekrosen, Schwellungen sind typisch für eine Vergiftung durch Biss dieser Schlangen. Das Gift von Vipern und Grubenottern enthält auch neurotoxische Stoffe, allerdings relativ wenige. Schließlich sind bei einigen Schlangen im Gift beide Stoffe enthalten, die fast gleich stark wirken, zum Beispiel beim Taipan, bei der Massasauga oder Kettenklapperschlange, der Gabunviper, beim Cascabel und anderen.rattlesnake-653642_1280_FotoRabe

Welche Schlange ist die gefährlichste?

Diese Frage eindeutig zu beantworten ist schwer. Der Grund hierfür ist der: Die giftigsten Schlangen der Welt sind die australische Tigerschlange, der Taipan, die Todesotter, die asiatische Königskobra, die afrikanischen Mambas, die amerikanische Klapperschlange, der Cascabel und einige Seeschlangen. Laboruntersuchungen und die traurigen Erfahrungen des tropischen Alltags liefern den überzeugenden Beweis: Fünfzig bis achtzig Prozent der von diesen Schlangen gebissenen Menschen sterben (wenn ihnen keine sofortige  medizinische Hilfe zuteil wird). Nach dem Biss einer gewöhnlichen Otter sterben nur fünf bis acht Prozent der Betroffenen. Schlangen mit einem sehr toxischen Gift sind aber nicht immer die gefährlichsten. Hier ist neben der Stärke auch noch die Dosis des Giftes zu berücksichtigen, das die Schlange in die Wunde injiziert; außerdem spielt eine Rolle, wie tief die Giftzähne  eingedrungen sind, ob sie zum Beispiel erst Kleidung oder Schuhe durchbohrt haben , ferner ob die Schlange aggressiv ist oder eiligst davon kriecht, ob sie sofort zubeißt oder erst durch Drohgebärde und lautes Zischen warnt, wie etwas die Kobra.

Spucken Schlangen?

Ja, sie spucken, und zwar meisterhaft! Allerdings nicht alle,sondern nur zwei Arten der afrikanischen Kobra, die Ringhalskobra und die Schwarzwaldkobra, sowie eine asiatische Art, die Indische Speikobra. Der Speichel dieser Schlangen ist giftig : Er enthält vier Milligramm Gift. Er schnellt aus den Kanälen der Giftzähne hervor und fliegt zwei bis drei Meter weit! Die Schlange kann bis zu dreißigmal hintereinander speien! Die Kobra zielt gewöhnlich auf die Augen des sich nahenden Menschen oder Tieres, und sie trifft genau. Freilich schleudert sie manchmal das Gift irrtümlich auf glitzernde Knöpfe, Schnallen oder Armbanduhren. Ein Treffer ins Auge ist gefährlich: Es treten starke Schmerzen, Entzündungen, vorübergehende oder irreparable Erblindung auf. Selbst wenn die Kobra das Auge verfehlt und einfach das Gesicht trifft, ist der Betroffene nicht besser dran; bei Bewohnern der Tropen hat die Gesichtshaut oft Schrunden, in die der Speichel schnell eindringt. So kann es zu einer schweren Vergiftung kommen.

Welches kleine Tier schlägt selbst Löwen und Elefanten in die Flucht?

Es ist die Treiber- oder Wanderameise! Diese Ameisen haben keinen festen Lebensraum, die meiste Zeit ihres Lebens wandern sie umher, gewöhnlich unter dem Schutz der Nacht oder der Dämmerung. Bei manchen Arten ist die Front ihrer Marschkolonnen Hunderte von Metern, bisweilen sogar einen Kilometer breit. Diesen Ameisen zu entkommen ist nicht leicht. Sie verschlingen auf ihrem Wege buchstäblich alles, was da kreucht und fleucht. Die »Soldaten« der Wanderameisen haben messerscharfe Kiefer, mit denen sie aus den Leibern ihrer Opfer Fleischstückchen herausschneiden. Selbst ein großes Tier, das in ihre Umzingelung gerät, ist in wenigen Minuten bis auf die Knochen abgenagt. »Wenn man bestimmten Meldungen glauben kann«, schreibt der amerikanische Wissenschaftler Osmond Breland, »so ist sogar einmal ein Elefant, dem die Flucht nicht rechtzeitig gelang, wie eine Maus oder Raupe umgekommen.«  Einmal haben Wanderameisen sogar einen eingesperrten Leoparden »aufgefressen« ebenso wie einen Python, der nach reichlichem Mahl nicht schnell genug war. Einen Verbrecher, den die davongelaufene Wache in einem Gefängnis zurückgelassen hatte, bissen die Ameisen zu Tode.  Im übrigen wird in vielen Geschichten die Gefahr, der sich Menschen bei Begegnungen mit Wanderameisenarmeen aussetzen,gewöhnlich übertrieben.
Bei einem Angriff von Wanderameisen auf Dörfer verlassen deren Bewohner in aller Seelenruhe ihre Häuser und begeben sich, die Angriffsfront der Ameisen umgehend, auf die Felder.
Sämtliches Hausvieh, überhaupt alle Haustiere nehmen sie natürlich mit, wobei es allerdings nicht ohne Verluste abgeht. Dafür vernichten die Ameisen in den Häusern alle Parasiten, Skorpione, Ratten, und das ist schon viel wert.ant-807265_1280_fill

Können Fische Ball spielen?

Bisher ist nur ein Fisch bekannt, der das kann: der Nilhecht Gnathonemus petersi, der heute zu einem gefragten Bewohner von Aquarien geworden ist. Wirft man einen kleinen Schaumstoffball ins Aquarium, schwimmt der Fisch sofort zu ihm hin und spielt scheinbar mit Vergnügen mit dem Ball, wobei er ihn mit dem Kopf hochstößt, dann wegschwimmt und sich von neuem auf sein Spielzeug stürzt.

Wer trinkt Wasser mit dem Schwanz?

Bei Babuin-Pavianen hat man folgendes beobachtet: Wenn sie weder mit den Händen noch mit dem Mund ans Wasser gelangen, »schöpfen« sie es mit dem Schwanz. Sie krallen sich mit den Vorderpfoten an einem Vorsprung der Uferböschung, an einer Wurzel oder einem Ast fest und bemühen sich nach Kräften, mit dem Schwanzende das Wasser zu erreichen. Hat der Pavian das geschafft, klettert er flink ans Ufer und lutscht das Schwanzende schnellstens ab, ehe es in der afrikanischen Hitze wieder getrocknet ist. Danach holt er sich auf die gleiche Weise eine neue Portion Wasser, bis er sich satt getrunken hat. Babuine kommen allerdings mit wenig Wasser aus, mit drei bis vier Gläsern am Tag. Deshalb schaffen sie es durchaus, in der beschriebenen Art ihren Durst zu stillen. Müssen sie aber nicht auf Abhängen herumklettern, um ans Wasser zu gelangen, trinken sie wie alle anderen Tiere mit dem Maul.

Welcher Papagei ist der gesprächigste?

Der anerkannt größte Sprechkünstler ist der Jako. Sein Gefieder hat hellgraue Färbung, sein Schwanz leuchtet knallrot. Man erkennt ihn sofort, Verwechslungen mit ähnlichen Papageien gibt es nicht.  Über hundert Wörter und Wendungen kann sich ein Jako merken. Vieles »spricht« er, so könnte man meinen, mit Sinn, wie etwa »Guten Morgen«, »Auf Wiedersehen« oder »Hallo«, wenn das Telefon klingelt. Viele Wörter merkt sich der Jako zehn Jahre lang und länger, auch wenn er sie niemals selbst ausspricht, als habe er sie vergessen. Jahre später aber erinnert er sich ihrer plötzlich wieder. Der Jako ist in den Wäldern Afrikas zu Hause— von Guinea und Angola im Westen bis zu den großen Seen.

Welches Tier jagt mit einem Wurfnetz?

In Afrika lebt die Spinnenart Menneus. Vor Sonnenuntergang knüpft die Menneus aus elastischen Fäden ein dichtes Netz von der Größe einer Briefmarke. Sie verbirgt sich in Zweigen und wartet auf Falter und andere dämmerungsaktive Insekten. Sobald sich ein geflügeltes »Wild« nähert, dehnt die Spinne augenblicklich zwischen ihren weit gespreizten Beinen das Netz aus und wirft es treffsicher auf das fliegende Insekt. Das gespannte Netz ist fünf- bis sechsmal größer als das nicht gespannte.spider-585063_1280_Gellinger

Wer hat das festeste Spinngewebe der Welt?

In Afrika leben die großen, leuchtend gefärbten Seidenspinnen. Die Fäden ihrer Netze sind so fest, dass sich bisweilen sogar kleine Vögel in ihnen verheddern können. Auf Madagaskar gehen die Frauen in den Wald wie zum Pilzesuchen und sammeln diese Seidenspinnen in Bastkörbchen ein. Zu Hause ziehen sie mit geschickter Hand aus den Spinnen Fäden heraus und weben sich dann aus dem goldgelben Gespinst Bänder, die so hübsch aussehen, dass Europäer von deren Anblick ganz hingerissen sind. Die Seidenspinnen sind Verwandte unserer Kreuzspinnen. Sie weben Fangnetze, die den allseits bekannten Radnetzen ähneln. Nur sind die Räder größer, und gewöhnlich fehlt die obere Radhälfte, dafür findet man an dieser Stelle eine weitmaschige Gespinstkuppel, einen Schutz vor Feinden, von denen das dicke, »appetitlich« aussehende Seidenspinnenweibchen viele hat. Seidenspinnen fangen in ihren Netzen Insekten und fressen sie. Einige Forscher behaupten, dass sie auch mit Vögeln, die sich in ihrem Gespinst verfangen haben, ihren Speisezettel ergänzen. Unklar ist nur, wie sie die Vögel töten, ist doch das Gift der Seidenspinne nicht stark. Die Männchen der Seidenspinnen sind winzig, ihr Gewicht beträgt nur ein Tausendstel von dem des Weibchens! Die Männchen gehen nicht auf Jagd, sie fressen als Schmarotzer ihr Gnadenbrot im Gespinst des Weibchens, nähren sich also sozusagen von den »Brosamen«, die von dessen Tische fallen.

Der Baum – Pappeln

Claude Monet - Pappeln im Sonnenlicht - 1887 - Staatsgalerie Stuttgart
Claude Monet – Pappeln im Sonnenlicht – 1887 – Staatsgalerie Stuttgarttrennlinie2

Wie die Schwarzerlen den Bach, so begleiten die Pappeln die Flüsse. Denn auch sie lieben die Feuchtigkeit, brauchen einen nährstoffreichen, tiefgründigen Humusboden, wachsen ebenfalls sehr schnell und erreichen bedeutende Höhen schon in jungen Jahren.

Von unseren einheimischen Pappeln wissen seltsamerweise die meisten Menschen so gut wie gar nichts. Viel bekannter ist ihnen die schmale und gleichsam engbrüstige, die aus dem Orient stammende Pyramidenpappel, die vor allem Napoleon I. gern an markante Landschaftspunkte und längs der großen Überlandstraßen setzte, um seinen Soldaten gute Landmarken zu verschaffen. In den staubigen Ebenen und auf den Höhenzügen kämpft sie schwer um ihr Leben, bekommt bald eine dürre Spitze, verkümmert an der Windseite, treibt tief angesetzte Manschetten und schwenkt zuletzt nur noch eine traurige Wipfelfahne. In den Flussauen dagegen gedeiht sie großartig, kann einen Meter dick, über 30 Meter hoch und etliche hundert Jahre alt werden.

Pyramidenpappel - Foto: Piet Marsfeld
Pyramidenpappel – Foto: Piet Marsfeld

Sie blüht bereits im März bis April, noch vor dem Laubaustrieb.  Ihre Blätter ähneln sehr denen unserer heimischen Schwarzpappel. Im Gegensatz zu der südlichen Pyramidenpappel baut die S c h w a r z p a p p e l — wie auch alle anderen einheimischen Pappeln — eine sehr lockere und breite Krone aus kräftigen Ästen auf und stützt ihren starken Stamm mit hohen Tafel- und Plankenwurzeln. In der Erde streichen ihre Wurzeln dagegen ziemlich flach, sie vermögen dem großen Baum kaum genügend Halt zu verleihen.

In ihrer Jugend erkennen wir die Schwarzpappel leicht an der grauweißen Rinde, im Alter an der tiefgefurchten, längsrissigen und schwarz-bräunlichen Borke, die an die Eichenborke erinnert. Mit 40 bis 50 Jahren hat sie eine Höhe von 20 bis 30 Metern erreicht, verdickt dann ihren Stamm bis auf einen Durchmesser von 2 Metern und kann gut 300 bis 400 Jahre alt werden.

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Im April, noch bevor sie sich belaubt, beginnt sie zu blühen. Dann tragen die männlichen Bäume — alle unsere Pappeln sind getrenntgeschlechtlich — dickwalzige Kätzchen mit leuchtendroten Staubbeuteln, die weiblichen Bäume beträchtlich schlankere und grüngelbliche Kätzchen. Der Same reift im Juni und fliegt mit Hilfe seidigweißer Haarschöpfchen wie Schneeflocken davon.
Die lang gestielten Blätter sind fast dreieckig, oberseits dunkelgrün, unterseits mattgrün. Fast die gleiche Höhe und Stärke, Rinde und Borke, Blüte- und Fruchtzeit wie die Schwarzpappel hat ihre Schwester, die S i l b e r p a p p e l , die sich ihr oft zugesellt, sich aber auch im Moor- und im Sandboden recht wohl fühlt. Wir können sie schnell und einwandfrei an ihren handförmig gelappten, efeuähnlichen, oberseits dunkelgrünen, unterseits weißfilzigen Blättern von der Schwarzpappel unterscheiden.
Noch anspruchsloser ist die Dritte der Familie, die  Z i t t e r p a p p e l oder E s p e , die sich überall anzupassen vermag, als echte Pappel jedoch am liebsten im frischen und feuchten Boden steht. Zierlicher als ihre Schwestern, wird sie nicht älter als 150 Jahre, schließt ihr Wachstum bereits mit dem 60. Lebensjahr ab und ist dann bald kernfaul. Schon von weitem verrät sie sich durch das immerwährende Zittern und Flattern ihrer fast kreisrunden, oberseits dunkelgrünen, unterseits hellgrünen, ungewöhnlich lang und flach bestielten Blätter. Der geringste Windhauch lässt den ganzen Wipfel erbeben und sich beleben, ja, oft zittern ihre Blätter, ohne dass ein Lüftchen weht. Man nimmt an, dass sich dieser Baum in seinen beweglichen Blättern eine Art von Ventilator geschaffen hat, der sofort in Tätigkeit tritt, wenn es ihm zu schwül ist, das heißt, wenn er seine Verdunstung steigern will.

Zitterpappel - Foto: Piet MarsfeldNoch ein anderes Lebenswunder offenbart die Zitterpappel: sie hält sich eine Ameisenschutztruppe! Im Frühjahr nämlich entwickelt sie die ersten Blätter an den Zweigen durchaus nicht langgestielt und flattrig, sondern recht festsitzend und versieht sie mit zahlreichen Honigdrüsen. Dieser Honig lockt die immer auf Süßigkeiten versessenen Ameisen auf die Zweige, verführt sie zum fleißigen Zechen und lässt sie wütend die Raupen und Käfer vertreiben, die ebenso versessen auf junge Pappelblätter sind. So kann es der Zitterpappel nie geschehen, daß sie schon den ersten Laubaustrieb verliert, selbst wenn das Jahr sehr insektenreich ist und ihre Nachbarn gefährlich zerfressen werden.

Da wir in den Kriegs- und Nachkriegsjahren schwere Verluste an unserem Holzbestand erlitten haben, wird der Anbau dieser schnellwüchsigen Pappeln heute sehr gefördert. Ihr Holz ist zwar leicht und weich, wird jedoch von der Papier- wie von der Möbelindustrie gern verwendet und lässt sich sehr gut schnitzen.

Schwarzpappel

William Cheselden – Osteologie oder die Anatomie der Knochen – Mit Bildergalerie

William Cheselden
William Cheselden

William Cheselden (* 1688 in Somerby, Leicestershire; † 1752 in Bath, Somerset) war ein englischer Chirurg, Urologe und Anatom, der großen Anteil an der Etablierung der Chirurgie als medizinische Wissenschaft hat.

1713 veröffentlichte er sein Werk Anatomy of the Human Body (deutsch:Anatomie des Menschlichen Körpers), das große Popularität erfuhr und in 13 Auflagen erschien. Der Hauptgrund für die Verbreitung des Werkes war, dass es – im Gegensatz zu dem damals üblichen Latein – in englischer Sprache erschien. 1718 wurde er zum Assistenz-Chirurgen des St Thomas‘ Hospitals in London ernannt. Im darauf folgenden Jahr wurde er Chirurg und als solcher auch an das St George’s Hospital berufen. 1710 wurde er in die Londoner Innung der Bader aufgenommen und 1712 als Wissenschaftler in die Royal Society gewählt.

1733 veröffentlichte er Osteographia or the Anatomy of Bones (deutsch: Osteologie oder die Anatomie der Knochen), die erste vollständige und korrekte Beschreibung der Anatomie des Menschlichen Skeletts.

Er starb 1752 in Bath (Somerset).

Hier einige meiner Favoriten aus dem Buch:

Der Baum – Birken

Fritz Overbeck - „Im März (Vorfrühling)“ von 1908
Fritz Overbeck – „Im März (Vorfrühling)“ von 1908

Schon immer ist den Menschen die schöne und helle, die feine und beseelte Birke mit ihrem leuchtend weißen und seidig glänzenden Stamm, ihren hellgrünen und glänzenden Blättern als der Bote des Lichts, des Frühlings und der wiedererwachenden Lebenskraft erschienen. Als schlanker Maibaum wandert sie um Pfingsten in die Dörfer und Städte, schmückt die Häuser, die Kirchen und verschönt die fröhlichen Sitten und Gebräuche, die sich um die Frühlingsfeste ranken.

Birkenstamm - Foto: PrivatSeit Jahrtausenden lebt die alte Sage, dass die letzte große Schlacht, der Entscheidungskampf zwischen Abend und Morgen, unter einem alten Birkenbaum ausgefochten werde. Wenn das Geklirr der Waffen verstumme, bräche das goldene Zeitalter des ewigen Friedens an.  Ebenso alt ist der Glaube, daß man die Krankheiten, an denen man leidet, auf eine Birke übertragen und sich auf diese Weise von ihnen befreien kann. Die Birkenrute gilt im Volksglauben als Lebensrute, sie bringt Segen und Gesundheit ins Haus. Man meint, dass viele starke und wundersame Heilkräfte in der Birke verborgen sind. Ihr Saft, wie ihre Rinde, ihre Knospen, wie ihre Blätter sollen viele schwere Erkrankungen, wie Gicht und Rheuma, Krätze und Ausschlag, Nierenleiden und Wassersucht günstig beeinflussen. Köstlich mundet der Birkenwein aus dem frischen Saft der angezapften Bäume; Birkensaft stärkt auch die Haarwurzeln und — davon sind viele Mädchen auf dem Lande überzeugt — vertreibt die hässlichen Sommersprossen.

Aber immer daran denken: Das unbefugte Anzapfen von Birkenbäumen wird als Baumfrevel bestraft!
Als Baum ist die Birke die Anspruchslosigkeit selbst. Jeder Boden ist ihr recht, der sandige und trockene, wie der moorige und stickige, wenn sie nur ihre Zweige und Blätter ins Sonnenlicht strecken kann. Sie besiedelt die armselige, dürre Heide wie das schwankende, düstere Moor, dringt im Norden bis nach Grönland vor und ist auf Island überhaupt der einzige Baum. Ihre schönste Gestalt erreicht sie in der uns allen wohlbekannten Hängebirke , die auch Weißbirke oder Gemeine Birke genannt wird. Sie bevorzugt die trockenen und sandigen Standorte.

autumn-landscape-993702_1280_AlainAudetIn der Jugend, in der sie nur langsam wächst, hat sie einen schlanken Stamm mit einer weißen, dünnen Korkrinde, die sich leicht schilfert und in Bändern löst. Es ist allerdings streng verboten, junge Birkenstämme um der Rinde willen zu schälen! Im Alter bekommt sie eine tiefrissige, schwarze Borke. Der Stamm geht geradschäftig bis zur höchsten Wipfelspitze hinauf. Die dünnen und biegsamen, im Winde wehenden Zweige hängen stark durch. Sie tragen lang zugespitzte, klebrig-glänzende und balsamisch duftende Blätter von einem im Frühling und Frühsommer wahrhaft festlich leuchtenden Maiengrün.

Schon Ende März beginnt sich die Birke zu belauben und gleichzeitig auch zu blühen. Die männlichen Kätzchen erinnern an die hängenden Troddeln der Haseln und Erlen, werden auch im Sommer gebildet, überwintern und strecken und dehnen sich im Frühjahr mächtig. Die bräunlichen Deckschuppen spreizen sich, und der Wind nimmt den staubartigen Samen mit auf die Reise durch die Wälder und Auen.

Bereits im Juni reifen die Fruchtzapfen, zerfallen bis zum August, und die Samen schweben als beidseitig geflügelte Nüsschen davon. Sie keimen nach zwei bis drei Wochen, nehmen mit dem geringsten Krümchen Erde vorlieb und entfalten sich unbekümmert auf Mauern und Türmen, Ruinen und Felsen. Zum erstenmal blüht die Birke zwischen dem 10. und 15. Lebensjahr. Mit 50 bis 60 Jahren hat sie bereits ihre größte Höhe von 25 bis 28 Metern erreicht. Ganz selten nur wird sie älter als 100 bis 150 Jahre.

border-collie-665162_1280Das gilt auch für ihre etwas widerborstige Schwester, die Besenbirke , die es gern feucht hat, in Sümpfen und Mooren, Brüchen und Auwäldern siedelt und nicht so anmutig wie die Hängebirke ihre Zweige im Winde wiegt. Das kommt vor allem wohl daher, weil sie ihre Äste nicht durchhängen lässt, sondern sie steif und besenartig in die Luft streckt. Aus dem guten und harten Birkenholz werden wertvolle Möbel angefertigt, Holzlöffel, Holzschuhe und Gewehrschäfte geschnitzt, Holznägel für die Schuhmacher gestanzt. Mit dem Gerbstoff der Kinde wird das feine Juchtenleder bearbeitet. Die Reiser aber liefern die widerstandsfähigen Besen, mit denen die Hausfrau Haus und Hof kehrt. Die Birke wird uns also recht nützlich, obwohl sich kein Mensch um ihr Fortkommen kümmern und sorgen muss. Noch nie brauchten in unseren Wäldern die Birken gesät oder gepflanzt zu werden. Sie sind so fruchtbar und lebenstüchtig, dass sie ganz allein durchkommen.

Der Baum – Weiden in ihren vielfältigen Varianten

pasture-653623_1280_FotoRabeDie einheimischen Weidenarten zu kennen und auseinander zu halten, ist gar nicht einfach. Da gibt es, um nur einige zu nennen: Bruchweiden, Silberweiden, Mandelweiden, Lorbeerweiden, Purpurweiden, Grauweiden, Reifweiden, Korbweiden, Salweiden, Aschweiden, Ohrweiden, Schwarzweiden und Kriechweiden.
Aber alle zusammen unterscheiden sich von unseren anderen Laubbäumendurch den oft nur strauchartigen Wuchs, die häufig besenförmige Krone, die dünnen, rutenförmigen Zweige und die kurzgestielten, ungeteilten, meist schmalen und lanzettförmigen, unterseits grau-grünen Blätter.

Eine Weidenart kennt wohl jeder — die Sal- oder Palmweide. Zumindest kennt man ihre zuerst silberweißen und dann goldenen Blütenkätzchen, die schon Anfang März aus den braunen Knospenkapuzen lugen und den nahenden Lenz verkünden. Der Lockung können die frühlingssüchtigen Menschen einfach nicht widerstehen, sie müssen sich ein Sträußchen dieser Blütenzweige mit nach Hause nehmen. Es sollte jeder wissen, dass er damit ein Unrecht begeht, denn die Palmkätzchen stehen unter Naturschutz, weil sie die erste ergiebige Nektar- und Pollenweide der Honigbienen sind. Daran sollten wir denken, wenn uns im Frühjahr der Spaziergang an einem blühenden Weidenbusch vorüberführt.

Paul Baum (1859 - 1932 - Weiden am Wasser (1899)
Paul Baum (1859 – 1932 – Weiden am Wasser (1899)

Die arme Salweide wird trotz aller Ermahnungen und Hinweise jedes Jahr weidlich geplündert, und den Bienen, wie den anderen Frühaufstehern unter den Insekten, den Hummeln und Wespen, Schmetterlingen und Fliegen, bleibt nicht viel, um ihren Hunger und Durst stillen zu können. Vor allem bringen wir uns selbst mit diesem Zweigraub um ein wunderschönes Erlebnis, nämlich um den Anblick einer voll erblühten, im Sonnenlicht wie mit Gold überstäubten Weide, in der es von Insekten derartig wimmelt und kribbelt, summt und schwirrt, dass der ganze Strauch oder Baum wie eine Frühlingsorgel ertönt.
Zudem verderben wir es gründlich mit den Flechtern und Korbmachern, für die die Weidenruten bares Geld sind. Kein anderer Baumzweig ist so biegsam und läßt sich so vielseitig verwenden wie der Weidenzweig. Deshalb werden schon seit langem große Weidenkulturen angepflanzt — vor allem von Korbweiden, Purpurweiden, Silberweiden und Bruchweiden — denn der Bedarf an diesem Material steigt unaufhörlich. Weidenzweige spielen eine beachtliche wirtschaftliche Rolle, während das weiche und schwammige Weidenholz nur wenig gefragt ist.

pussy-willow-502575_640_condesignDie Weiden sind fortschrittliche Bäume, die von der „altmodischen“ Windbestäubung zur „modernen“ Insektenbestäubung übergegangen sind. Gleich den Pappeln sind sie zweihäusig, d. h. es gibt männliche und weibliche Bäume. Die männlichen Bäume tragen ovale, höchstens 3 cm lange und 2 cm dicke Kätzchen, aus denen dichtgedrängt die leuchtend gelben Staubgefäße ragen, die weiblichen Bäume dagegen bis zu 6 cm lange und nur 16 mm dicke Kätzchen mit locker und licht beieinander sitzenden Narben. Verhältnismäßig stattliche Bäume bilden hin und wieder die Sal-, Bruch- und Silberweiden. Sie wachsen sehr rasch, können eine Höhe von 10 bis 24 Metern und eine Stärke von einem Meter erreichen. Älter als 60 Jahre werden sie nur selten, dm Höchstfalle 150 Jahre. Dann sind sie aber schon lange kernfaul, morsch, tief geborsten, fast hohl, und man wundert sich, dass sie immer noch grünen und blühen.

Mittlere bis große Sträucher treiben die Mandelweide, Lorbeerweide , Purpurweide, Grauweide, Korbweide , und Aschweide . An der kleineren Buschform erkennt man die Ohr- und die Schwarzweide.  Zur Erde geduckt ist die Kriech- oder Moorweide. Einen besonders schönen Anblick bietet die rot blühende Purpurweide mit den jungen, roten Zweigen, die außerordentlich lang, dünn und zäh sind. Wir können die Sträucher, die vorwiegend in den Alpen zu Hause sind und dort die Bäche und Flüsse säumen, oft auch als Ziergehölz in den Parkanlagen und Gärten finden.

Alle Weidenarten siedeln gern in nächster Nachbarschaft der Erlen und Pappeln, also in sehr feuchtem, oft sumpfigem und moorigem Grund. Es gibt wohl nur selten einen Bach oder Fluss, Teich oder See, dessen Ufer ganz ohne Weiden sind. Oft bilden sie schier undurchdringliche Buschwälder und festigen mit ihren sehr weit streichenden Wurzeln die Ufer und Dämme.
Da die Weiden alle recht zäh und frosthart sind, steigen sie auch hoch in die Berge und wagen sich bis nach Spitzbergen und  Grönland hinauf. Dort treiben sie dann freilich nur noch winzige Zwergsträucher.
Die Weiden sind fast ausschließlich auf die nördliche Halbkugel beschränkt. Nur die Trauerweide mit den tief herabhängenden Zweigen, die wir von den Parkteichen her kennen, ist ein Gast aus China und Japan, der durch Vermittlung der Länder des Nahen Ostens zu uns gekommen ist.

Der Baum – Erlen

Illustration SchwarzerleDer einzige Baum unserer Heimat, der es wie die tropische Mangrove fertigbringt, gleichsam auf Wurzelstelzen ins Wasser zu steigen, ist die Schwarzerle, überall dort, wo sich die von den Wasserpflanzen dicht durchwachsenen Teiche und Seen in Grasmoore verwandeln, stellt sie sich ein, strebt rank und schlank empor und festigt den schwankenden Grund.

So siegreich ist ihr Vordringen, dass die von ihr besiedelten Flachmoore in wenigen Jahren großen Buschwäldern gleichen und sich in dichte Erlenbrüche verwandeln. In diesen Brüchen vermögen bald auch Weiden, Moorbirken und Moorkiefern zu leben. Haben die Neulinge Fuß gefaßt, hat die Schwarzerle ihre Aufgabe bereits erfüllt, erstickt in der starken Torfschicht und kehrt wieder zu ihrer angestammten Lebensstätte, zu den Bächen und Flüssen, zurück. Hier steht sie dicht an den Ufern, denn sie liebt die Nässe und das rieselnde Wasser, braucht den tiefgründigen, mineralreichen und immerfeuchten Boden. Es gibt kaum einen Bach und kaum einen Fluss, den sie nicht begleitet, vorausgesetzt, dass der Wasserlauf nicht künstlich befestigte und begradigte Ufer hat. Und sie ist auch nicht leicht zu verdrängen, selbst wenn sie gefällt oder zurückgeschnitten wird. Ihre Stümpfe schlagen immer wieder aus, und ihre Ruten bilden dichte Büsche. Die Schwarzerle wächst sehr schnell, ist mit zwanzig Jahren schon 20 bis 25 Meter hoch, kann eine Höhe von 33 Metern und ein Alter von 100 Jahren erreichen. Der schlanke Stamm — meist nicht stärker als einen halben Meter — verläuft geradlinig bis zur höchsten Spitze des Wipfels. Die schwachen Äste strahlen in ziemlich großen Abständen aus und bilden eine längliche bis pyramidenförmige, lichte und lockere Krone. Der Stamm ist in der Jugend dunkelschokoladebraun und bekommt im Alter eine schwarz-braune Borke.

alnus-glutinosa-848856_1280_SchwarzerleZu blühen und zu fruchten beginnt die Schwarzerle bereits zwischen dem 12. bis 20. Lebensjahr. Ihre langgestielten Kätzchen legt sie schon im Sommer an, lässt sie überwintern und streckt sie im zeitigen Frühjahr, im Monat März, noch vor dem Laubausbruch. Dann spreizen sich die violettbraunen Deckschuppen, quellen die goldgelben Staubbeutel und die roten Narben hervor, und der Wind besorgt die Befruchtung.  Im April entfalten sich die wechselständigen, verkehrt eiförmigen, grob doppelgezähnten, oberseits glänzend dunkelgrünen, unterseits helleren Blätter, die in ihren Nervenwinkeln zarte, rostfarbige Bärtchen tragen. Und bald entwickeln sich die eiförmigen, zuerst graugrünen und etwas klebrigen, später dunkelbraunen und unverholzenden Fruchtzäpfchen mit den glänzendbraunen, flachen und rundlichen oder fünfeckigen Samennüsschen, die nur sehr schmale Flügelränder haben. Der Same reift im September bis Oktober, fliegt manchmal schon im Spätherbst aus, bleibt aber meist bis zum Februar oder März am Baum und keimt dann bereits nach vier bis sechs Wochen. Die entleerten, schwarzen und holzigen Fruchtzäpfchen bleiben noch bis zum Sommer an den Zweigen und machen es uns sehr leicht, die Schwarzerle einwandfrei zu bestimmen.

Ihr Holz, das sich an der Luft schnell gelbrot verfärbt und dunkle Zonen aufweist, ist nicht viel wert, ist zu weich, brennt schlecht, bleibt aber im Wasser geradezu unbegrenzt haltbar und wird deshalb gern bei Wasserbauten und als Grubenholz verwendet. Die durstige Schwarzerle hat eine „trockene“ Schwester: die kleinere und zartere W e i ß – oder G r a u e r l e . Im Gegensatz zu der Schwarzerle siedelt sich die Schwester lieber auf flachgründigen und steinigen Hängen an und fühlt sich auf allen Ödländern wohl. Dem kargen Grund entsprechend ist ihr Stamm häufig krumm; sie hat einen sogenannten Spannrücken, bleibt selbst klein und wird nur selten über 50 Jahre alt. Ihre Rinde ist zuerst graubraun, später glänzend silbergrau und verwandelt sich nicht in eine starke Borke. Die Weiß- oder Grauerle blüht oft schon im Februar, hat unterseits graugrüne und filzig behaarte Blätter und trägt kleinere Fruchtzäpfchen mit größeren Samennüsschen.

Picture by Andrea Moro - Courmayeur, pendici del Monte Bianco., AO, Valle d'Aosta, Italia,
Foto: Andrea Moro – Courmayeur, pendici del Monte Bianco., AO, Valle d’Aosta, Italia

Die dritte im Bunde ist die hoch in die Berge kletternde G r ü n e r l e, die Nachbarin der Latsche oder Legföhre, die sich vor Sturm und Wetter tief auf den Boden duckt und mit einem höchstens prügelholzstarken Stamm aufwarten kann. Sie wird meistens nur ein Strauch von 25 bis 50 Zentimeter Höhe, kann günstigstenfalls auch einmal bis drei Meter hoch werden, hat in der Jugend kleine, klebrige Blätter und blüht erst im Mai bis Juni. Sie liebt die feuchten und schattigen Nordhänge der höchsten Berge und bildet hier ein wichtiges Schutzgehölz gegen Steinschläge und Lawinen.