Kategorie: Oliver Simon

Wo ist der Mensch, der mit mir nackt sein möchte? Und ich mit ihm?

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Intimität und Liebe sind nicht schwer zu finden, viel schwieriger ist es, Leute zu finden, die bereit sind, mit Dir nackt zu sein. Nackt mit unseren Emotionen, Gedanken, Ängsten und Träumen. Jemanden zu finden, dem wir uns vertrauensvoll ausliefern wollen mit aller unserer Verletzlichkeit.

Wir schweifen nach links und rechts, um das beste Bild finden, damit unseren Augen es erfassen können. Aber versuchen, jemanden zu finden und sich tief emotional zu verlieben bevor die Zweisamkeit physisch wird – das ist eine Herausforderung.

Aber was kann ich erwarten, wenn wir in einer Welt leben, wo wir Sonnenuntergänge herausfiltern? Wir teilen unser Bett mit einem Körper, aber trauen uns nicht zu sagen, das wir Eiswürfel in Müsli mögen, weil wir gerne extra kalte Milch darin haben wollen. Und das nur, weil es uns freakig erscheinen lassen könnte. Wir geben viel uns von preis, aber sprechen nicht darüber, das die Zeit am Tag bevor Sonne und Mond aufgehen unsere liebste ist. Und das wir davon überzeugt sind, dass der Mond die Sonne in Ehrfurcht vor ihrer Schönheit anstarrt, bevor sie schlafen geht – eine verbotene Romanze. Einfach weil das keinen Sinn zu machen scheint, und warum sollte das überhaupt jemand kümmern? Wir liegen problemlos nackt neben einer Person, aber weigern uns, jemanden der uns wirklich interessiert zuerst anzusprechen, weil wir glauben die „Regeln“ befolgen zu müssen, um nicht als „anhänglich“ oder „verzweifelt“ angesehen zu werden. Wir enthüllen unseren Körper , aber unsere Gedanken, unsere Persönlichkeiten verbergen wir. Legen Filter über unsere Herzen.

Aber es ist in Ordnung, weil sich eh niemanden kümmert und zudem eine neue Generation dominiert, in der Gefühl und Verpflichtung keine Rolle spielen. Es geht um das Vergnügen, den Genuss: den Kuchen zu haben und ihn auch zu essen.

Wie wäre es damit, mein Gehirn zu stimulieren?

Aber was kann ich erwarten, wenn wir in einer Welt leben, wo wir die Sonnenuntergänge herausfiltern? Ich werde weiterhin meine mangelhaften Sonnenuntergänge, mein Herzblut, Eiswürfel in meinem Müsli, den Mond der in Ehrfurcht auf die Sonne starrt und all das nehmen –und den ersten Schritt auf Dich zu machen.

Morten Feldmann • Der perfekte Mann • Piper Boulevard

Morten Feldmann – Der perfekte Mann

Morten Feldmann - Der perfekte Mann - Verlag Antje Kunstmann - Cover
Morten Feldmann – Der perfekte Mann – Verlag Antje Kunstmann – Cover

Wann ist ein Mann perfekt?
„Manchmal beschleicht mich der Verdacht, dass sogar mein Geschmack in Sachen Frauen von Frauen bestimmt ist. Jedenfalls fand ich Zeit meines Liebeslebens ausschließlich Frauen gut, die von anderen Frauen gut gefunden wurden: starke, energische Persönlichkeiten, die in allen Lebenslagen ihren Mann standen.“ Sebastian Busch ist der perfekte Mann: von Frauen erzogen, vom Machotum angewidert und zur steten Arbeit an sich selbst entschlossen. Unter dem wohlwollenden Auge seiner Chefin widersteht er als Agent für Film- und Fernsehschauspieler sämtlichen Versuchungen der Branche und lässt sich überdies mit einer B-Schauspielerin verkuppeln, von der er weiß, dass er ihr unterlegen ist. Doch ein Rest von Unbeherrschtheit regt sich in Buschs domestizierter Seele: Eifersucht. – [Verlagstext]

Rezension:
Er behauptet von sich, der perfekte Mann zu sein. Und wenn Protagonist Sebastian Busch von sich erzählt, möchte man ihm das fast glauben, wäre da nicht diese Angeberei, sein Narzissmus & diese freche Arroganz. Auf Partnersuche ist Sebastian nicht, daher trifft ihn die Liebe überraschend: beim Kaffee holen in der Kantine. Eigentlich mag er keine Kantinen. Sie sind für den Agenten für Film- und Fernsehschauspieler kein angenehmer Ort. Daher könnte man es Schicksal nennen, dass Sebastian hier seine zukünftige Frau trifft, die gerade ihre Kollegen aufs köstlichste unterhält. Beim vorher abgehaltenen Casting war sie ihm nicht aufgefallen und war dem Kommt-nicht-in-Frage-Haufen gelandet.

Cover: Piper Boulevard
Cover: Piper Boulevard

Mit der Liebe will es zunächst nicht so recht klappen. Dazu ist Sebastian viel zu zurückhaltend. Nie würde er sich aufdrängen. Erst die Kuppelversuche seiner Chefin Maibach zeigen Erfolg und so kommen Traumfrau und Traummann doch noch zusammen. Das Zusammenleben des Paares verläuft ohne Höhepunkte. Sebastian lässt seiner Frau jeden Willen und passt sich uneingeschränkt ihren Bedürfnissen an. Aber ein Mann, der nicht auf Augenhöhe spielt, mit dem keine Reibung möglich ist, wird zur Witzfigur. Das ist zwar gut für die Karriere seiner Frau – für die Beziehung jedoch nicht.
Das Buch ist sehr unterhaltsam. Zunächst glaubt man nicht, dass diesen Mann irgendetwas aus der Ruhe bringen kann. Doch ein ganz bestimmtes Gefühl kann Sebastian zulassen: die Eifersucht. Und die überfällt ihn bereits in dem Augenblick, als er seine Frau kennenlernt. Und als sie dann zusammenleben, fällt es ihm immer schwerer, den lockeren Lebenswandel seiner Frau zu tolerieren und muckt doch nicht auf. Er leidet im Stillen. Mit Spannung wartet der Leser darauf, dass der Bogen endlich überspannt wird und Sebastian über seinen eigenen Schatten springt; aufwacht und nicht mehr nur zuschaut. Es ist manchmal schwer auszuhalten: man möchte man am liebsten ins Geschehen eingreifen und Sebastian verprügeln oder zumindest wachrütteln. Genau das macht dieses Buch aus. Dazu ist der Schreibstil  angenehm zu lesen. Es flutscht quasi. Das Buch ist mit Witz und Ironie geschrieben und dennoch hat es die notwendige Ernsthaftigkeit.

Der Autor:

Morten Feldmann - c Privat
Morten Feldmann – c Privat

Morten Feldmann, geboren 1967 in Hannover, studierte Publizistik in Berlin und Köln. Er arbeitete in verschiedenen Jobs bei Film und Fernsehen, u.a. als Ton-, Regie- und Redaktionsassistent. Neben einigen Drehbüchern schrieb er vor allem Kurzprosa und arbeitete gelegentlich als Dialog- und Script-Doctor. 2001 übersiedelte er in die USA, wo er seither in der Nähe von Los Angeles lebt. „Der perfekte Mann“ ist sein erster Roman.


Morten Feldmann – Der perfekte Mann
190 Seiten
Erschienen im September 2004
Verlag Antje Kunstmann
ISBN 978-3-88897-365-9
Aktuelle Ausgabe : 01.02.2008
Verlag : Piper // Piper Boulevard
ISBN: 9783492261760
Flexibler Einband 187 Seiten

Chih-Yuan Chen • Gui-Gui das kleine Entodil • Ein Blick ins Buch

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Cover der Lizenzausgabe Büchergilde Gutenberg

Ein Ei kullert in ein Nest mit Enteneiern. Obwohl dieses „verirrte“ Ei nicht nur viel größer ist als ihre eigenen ist, sondern auch noch ganz anders aussieht, nimmt die Entenmutter es als eines der ihren auf und brütet es aus. Was Chen übrigens wunderbar darstellt mit einer vorlesenden Entenmutter, die mit dem Buch auf dem übergroßen Ei tront.

Als vier kleine Küken aus den Eiern schlüpfen, lässt uns Chih-Yuan Chen an der Vielfalt des Lebens teilhaben: Die Entschlüpften unterscheiden sich in ihrem Aussehen deutlich. Eines hat blaue Tupfen und bekommt den Namen Buntstift. Das zweite Küken hat Streifen und wird Zebra getauft. Dem dritten Ei entschlüpft ein gelbes Küken namens Mondschein. Und aus dem „KuckucksEi“ schlüpft ein kleines blaugraues Krokodil, das unaufhörlich „gui-gui“ spricht. Deshalb wird es auch einfach Gui-Gui gerufen.

Die Entenmama kümmert sich rührend um ihre Kleinen und macht keinen Unterschied im Hinblick auf Größe, Farbe oder sonstige Besonderheiten. Zusammen erkunden sie die Welt, haben Spaß und ergänzen sich wunderbar.

[avatar user=“oliversimon“ size=“thumbnail“ align=“left“]Oliver Simon[/avatar]

Eines Tages wird diese Idylle dann doch empfindlich gestört; wie es sich für Gleichnisse gehört. Drei ausgewachsene Krokodile betreten die Bühne und reden auf Gui-Gui ein: er sei ein Krokodil und solle sich auch als solches verhalten. Daher verlangen sie von ihm, dass er ihnen hilft, die köstlich zarten, saftigen, fetten Enten zu ohne großen Aufwand fressen zu können. Die drei garstigen Krokodile schlagen also vor, dass Gui-Gui seine „Geschwister im Geiste“ am nächsten Tag zur Brück zu führen um dort „ins-Wasser-springen“ zu spielen. Nur dass die Enten statt des Wasser die offenen Mäuler der drei Garstigen erwartet.

Gui-Gui ist verwirrt und sehr traurig, er fühlt sich nicht wie ein garstiges Krokodil; er muss sich aber auch eingestehen, dass er keine Ente ist. Doch beim Anblick seines Spiegelbildes auf der Wasseroberfläche eines kleinen Teiches findet Gui-Gui seinen Humor wieder: „;Ich bin gar kein Krokodil, aber ich bin auch keine Ente. Ich bin ein Entodil.“ Gui-Gui betrachtet laut lachend sein verzerrtes Spiegelbild und tatsächlich: Es sieht aus wie eine Mischung aus Krokodil und Ente.

Nach langem hin und her kommt ihm schließlich eine gute Idee, wie er seine Entenfamilie retten kann. Die drei garstigen Krokodile lauern bereits unter der Brücke und warten darauf, dass ihnen die Enten in den Schlund springen, aber sie warten vergebens. Stattdessen wirft Gui-Gui ihnen riesige Steine ins Maul, an denen sie sich ihre Zähne abbrechen. Die Krokodile suchen das Weite und sind seither spurlos verschwunden. Er hat seine Familie gerettet und Gui-Gui, das Entodil, lebt mit ihnen glücklich und zufrieden.

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Chih-Yuan Chen - Foto: Privat
Chih-Yuan Chen – Foto: Privat

Der Autor und Illustrator Chih-Yuan Chen, geboren 1975, lebt und arbeitet in Taiwan. Er wurde mehrfach mit dem renommierten Hsin Yi Picture Book Award ausgezeichnet. Sein Bilderbuch über „;Gui-Gui, das kleine Entodil“ eroberte seit seinem Erscheinen 2003 die internationalen Bestsellerlisten.

Inspiriert wurde der Künstler durch die Adoptionsgeschichte eines asiatischen Freundes, der von einer amerikanischen Familie adoptiert wurde.

Chen’s Geschichte über Liebe, Akzeptanz und Selbstentdeckung hat alle Zutaten auch hier ein Lieblingsbuch zu werden.

Die schlichte, kluge Geschichte ist illustratorisch, aussergewöhnlich umgesetzt – mit einer MischTechnik aus Tinte und Wasserfarbe – und überzeugt durch seine Originalität. Chen hat ein wunderbares Gespür für Farben und Formen. Selbst für Erwachsene eignet sich diese Lektüre wunderbar, denn es macht Spaß die Feinheiten und „versteckten“ Andeutungen, Zeichen zu erkunden. Dabei büßen die Hauptfiguren von Chih-Yuan Chen ihren „Niedlichkeitsfaktor“ ganz und gar nicht ein. Im Gegenteil: Irgendwie schafft er es, sie gerade wegen ihrer fein herausgearbeiten Eigenheiten so liebenswert erscheinen zu lassen. Besonders fällt die lebendige Mimik von dem kleinen Gui-Gui auf; durch seine kindliche Körpersprache noch unterstützt. Seine kleine beräderte Holzente ist bei seinen Abenteuern immer dabei – niedlich. Als Gui-Guis Stimmung auf dem Tiefpunkt ist, wirkt auch die kleine Holzente mit ihrem abgefallenen Holzrädchen ein wenig derangiert. Eine stimmig dargestellte Atmosphäre.

Seine Farbwahl wirkt ruhig und vermittelt Ausgeglichenheit. Überwiegend benutzt Chen gedämpfte Farben wie grün, braun, und unterschiedliche Grautöne, die mit blauen, orangen und roten Details hervorgehoben werden. Die Hintergründe sind abwechselnd in weiß, schwarz und grau gehalten, was den wechselnden Rhythmus in der Geschichte fein widerspiegelt. Dabei fällt auf: wann immer die garstigen Krokodile auftauchen, wird der Hintergrund matt-dunkel und schwarze Vögel tauchen auf. So verdeutlicht Chen das bedrohliche Szenario so, dass die garstigen Krokodile über ihr Aussehen hinaus, den Stempel des Bösen bekommen.

Dass der Grundtenor der Geschichte jedoch so humorvoll ist, ist dem vordergründig so leichtgängigen,lebensklugen Erzählbogen zu verdanken, sowie den humorvollen, vielschichtigen Illustrationen.

Besonders schön ist auch die Illustration, wo die Mutter ihren Sprösslingen im Schwimmen, Tauchen und Watschelgang unterrichtet. Alle Enten halten ihre Schnäbel stolz in die Luft, während Gui-Gui größer und stärker als seine Geschwister, die ganze Entenfamilie mit dem Fahrrad heimfährt.

Mein Fazit

„;Gui-Gui“ das kleine Entodil ist ein wunderschönes Bilderbuch über das Anderssein, die Liebe und Toleranz. Es ist ausdrucksstark, mitreißend und funktioniert für Eltern und Kinder. Dieses Bildwerk kann man x mal zur Hand nehmen und entdeckt immer wieder neue Kleinigkeiten.

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Chih-Yuan Chen wurde 1975 geboren und ist freischaffender Kinderbuchillustrator. Er hat in seiner Heimat Taiwan zahlreiche Bilderbücher veröffentlicht und ist dreimaliger Gewinner des begehrten Hsin Yi Picture Book Award. Viele seiner Werke wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Chih-Yuan Chen lebt mit seiner Frau und Zwillingskindern im Süden Taiwans. Er liebt es, spazieren zu gehen, mag keine Anzüge, ist groß und dünn.

***

Zum Buch:
Geeignet ab 3 Jahren
Übersetzung: Barbara Wang

Gebundene Ausgabe: 40 Seiten
Verlag: Fischer Schatzinsel, Frankfurt am Main; Auflage: 1., Aufl. (5. Februar 2008)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3596852838
ISBN-13: 978-3596852833

Die zur Rezension genutzte Ausgabe der Büchergilde Gutenberg ist beim Verlag leider vergriffen.

Dr. med. Franziska Tiburtius • Ärztin und Kämpferin für das Frauenstudium

Franziska Tiburtius
Franziska Tiburtius

Eine sehr große, ein wenig knochige Dame, etwa dreißig Jahre alt, stieg in Zürich aus dem Zug, der von Norden einrollte. Sehr sicher, so als wäre sie fremde Länder und fremde Städte gewöhnt, trat sie aus dem Portal und blickte sich um, erwartungsvoll und heiter. Mit einem Blick umfasste sie den Kranz der Berge, die blühenden Bäume, die alten Gebäude. Das war im Jahre 1871 leicht, Zürich war damals eine Stadt, die noch die Landschaft in sich einbezog, nicht (so wie heute) verschluckte. 

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Altstadt Zürich

Die Dame fragte eine Passantin nach dem Stapferweg. Sie musste zweimal fragen; denn der pommersche Klang ihrer Sprache ging dem Ohr der Schweizerin nicht so schnell ein. „Jo gärn!“ Nun hatte sie verstanden und wies ihr den gewünschten Weg. In dem Haus Stapferweg 14 stellte sich die Deutsche vor. Sie sei Franziska Tiburtius und würde gern Fräulein Berlinerblau besuchen. Wieder hieß es freundlich: „Jo gärn!“ Franziska Tiburtius wurde die Treppe hinauf in ein Zimmer gewiesen.

Nicht nur das Fräulein Berlinerblau, sondern „vier weibliche Wesen“, wie sie selbst in ihren Erinnerungen schreibt, saßen um den Tisch. Für die norddeutsche Gutsbesitzerstochter von der Insel Rügen waren sie alle ein wenig seltsam anzusehen, diese Jüdinnen aus Südrussland. Man begrüßte die Fremde freundschaftlich, wie es damals unter den wenigen weiblichen Studenten üblich war. Man half sich untereinander. Auf dem Tisch in der Mitte, statt einer Blumenschale, prangte ein Totenschädel, und Fräulein Berlinerblau, zu der Franziska Tiburtius mit einem Brief gewiesen worden war, machte sogleich auf dem Sofa für sie Platz, indem sie ein Skelett, das dort lehnte, ein wenig zur Seite rückte.
„Bitte setzen Sie sich, zwei Menschen und ein Skelett haben gut auf diesem Sofa Platz.“

Tiburtius - Gedenktafel
Tiburtius – Gedenktafel

Sie setzte sich, indem sie einen herabhängenden Skelettarm noch ein Stückchen mehr ins Sofakissen drückte. So ging es gut. Neben dem Schädel stand der Samowar, aus dem nach russischer Sitte pausenlos Tee aufgegossen wurde. Außerdem rauchten die Russinnen ebenso eifrig, wie sie tranken. Zu essen gab es nichts. Sehr bald fand sich die zukünftige Studentin behaglich in dem sonst so fremden Kreis; denn das gleiche Ziel, die gleiche Hilfsbereitschaft und die gleichen Hindernisse verbanden sie untereinander. Die großen Altersunterschiede schienen keine Rolle zu spielen: hier war die Jüngste neunzehn Jahre und die Älteste vierzig Jahre alt.

Zwei Studentinnen dieser Tischrunde hatten schon, wie Franziska Tiburtius, in anderen Berufen gestanden; eine von ihnen, eine Witwe aus Charkow, studierte, um ihre beiden Kinder später versorgen zu können.Hier also bekam Franziska Tiburtius ihre ersten Verhaltensmaßregeln als Studentin. An dem von diesen Russinnen empfohlenen Mittagstisch im Speiselokal freilich fühlte sie sich fremd. Da ging es wohl für einen Nichtrussen zu russisch her. Dort trafen sie die vielen Russen, die in Zürich studierten, meist Anarchisten — Revolutionäre — Weltverbesserer.

Bisdamitz, Geburtshaus von Franziska Tiburtius 1920
Bisdamitz, Geburtshaus von Franziska Tiburtius 1920

Die Frauen, „Kosakenpferdchen“ genannt, trugen alle aus unerfindlichen Gründen blaue Brillen und schwarzgelackte Matrosenhüte, und Männer wie Frauen zeichneten sich durch unordentliche Kleidung, schmutzige Finger, ungepflegte Haare und schlechte Manieren aus. Diese Studentinnen waren es auch wohl, die die Anerkennung des Frauenstudiums so erschwerten. Nur ein Teil übrigens studierte, die meisten versanken in Nihilismus und waren dauernd wie auch die Männer in politische Konspirationen verwickelt, die bis zu Schießereien ausarteten.
Schließlich fand Franziska Tiburtius sogar ein nettes Zimmer. Das war nicht leicht gewesen. Meist war ihr schon an der Haustür gesagt worden: „Bedaure, wir vermieten nur an Herren.“ Bei „Jungfer Kägi“ aber in der Hintergasse 3 blieb sie gut aufgehoben, zusammen mit ihrer Studienkameradin und späteren Freundin Berlinerblau, die das zweite Zimmer gemietet hatte. Nun schien alles in Ordnung. Immatrikuliert war man. Das Studium konnte beginnen. Es war nicht immer einfach. Der erste Auftritt im Präpariersaal zeigte die andere Seite. Franziska Tiburtius ging mit einer Kommilitonin zum Präpariersaal. Für einen ganz jungen Medizinstudenten sind das immer ein Raum und eine Arbeit, an die er sich erst gewöhnen muss.

Die beiden Frauen traten ein, weiße Schürzen über dem Arm und das benötigte Handwerkszeug in der Hand. Zu ihrer Verwunderung war der Raum so dicht gefüllt, dass von den zu präparierenden Leichen nichts zu sehen war. Schnell fanden sich die beiden Studentinnen von einer grölenden, pfeifenden Masse Studenten umringt. Nicht nur von Medizinern, auch aus den anderen Fakultäten hatte man sich Hilfe geholt, um diese beiden weiblichen Eindringlinge aus einem nur männlichen Bereich zu vertreiben.

Erschrocken blieben die Frauen auf der Schwelle stehen, bis einer der Studenten sie freundlich zu dem kleinen Nebenraum wies: „Bitte, meine Damen, hier ist der Raum, wo man seine Sachen lässt. Diese Fächer sind für die Geräte, und hier an den Haken kommen die Schürzen. Jeder hat seinen Platz für sich. Suchen Sie sich bitte aus.“ Die beiden banden ihre Schürzen um und suchten sich zwei Fächer für die Sezierbestecke.
„Endlich haben sie sich beruhigt“, meinte Franziska Tiburtius, „sie werden sich an uns gewöhnen müssen.“ Doch so schnell gewöhnten sie sich nicht an. Als die Studentinnen den Raum verlassen wollten, entdeckten sie, dass man sie eingeschlossen hatte. Ein wieherndes und spöttisches Lachen quittierte ihren Versuch, die Klinke herunterzudrücken. Die beiden verhielten sich still. Sie schauten sich an, und einen Augenblick mag Franziska Tiburtius an ihren Aufenthalt in England gedacht haben, wo man sie als Erzieherin immer respektiert hatte. Wie sollte das nun weitergehen? Hüben und drüben schwere Stille, die sich bedrückend auf die beiden Eingeschlossenen legte. Da kam der Professor selbst. Sie hörten seine ruhigen, bestimmten Worte durch die Tür. Dann öffnete ein junger Pole, mit der Höflichkeit, die seine Nation auszeichnet, die verschlossene Türe, verbeugte sich und ließ die beiden Frauen heraus.

„Es soll nicht wieder vorkommen“, sagte der Assistent; „die Demonstration richtete sich nicht gegen Sie persönlich, sondern gegen das Frauenstudium überhaupt.“Das wussten die Studentinnen. Dieser Vorfall wiederholte sich wirklich nicht mehr. Das Verhalten der jungen Männer ihren Kommilitoninnen gegenüber war nicht zum Verwundern; denn ein Teil der Hochschulprofessoren, auch in der Schweiz, lehnte das Studium von Frauen ab, und es gab einen damals berühmten Wissenschaftler, der die These aufstellte, dass die Frau zum Studium ungeeignet sei, weil ihr Gehirn weniger als das des Mannes wiege und sie deshalb weniger Verstand besitze. Alle Universitäten in Europa außer Zürich weigerten sich in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, Frauen zum Studium zuzulassen; um so weiterschauend müssen die wenigen Professoren gewesen sein, die einem wissenschaftlichen Beruf der Frauen positiv gegenübergestanden haben. Zu ihnen gehörte der berühmte Anatom Professor Meyer, eben der, der die beiden Frauen aus dem Umkleideraum des Seziersaales befreien ließ. Franziska Tiburtius blieb drei Jahre bei Jungfer „Kägi“, dann wurde ihr Idyll zu aller Leidwesen zerstört. Die zum Arbeiten dringend notwendige Ruhe raubten die neuen Nachbarinnen: Kosakenpferdchen! Die Russinnen lärmten und diskutierten jede Nacht bis weit in den Morgen hinein mit ihren Freunden.

sound-69948_640Diese Genossen nun störten Franziska Tiburtius beim Arbeiten. Da, eines Nachts, als der Lärm wieder einmal nicht enden wollte und die russischen Laute, der vaterländische Gesang in ihr Zimmer dröhnte, als wäre keine Wand dazwischen, sprang sie aus dem Bett, klappte das Klavier auf, ein altes, ungestimmtes Instrument, und trommelte — ihre Klavierkenntnisse waren nicht bedeutend — einen (wir würden heute sagen) Schlager nach dem anderen herunter. Wenn sie keinen neuen wusste, so fing sie wieder von vorn an. Und sie wurden drüben wirklich still. Als es drei Uhr vom Münstertum schlug, hörte sie auf, um sich endlich zur Ruhe zu begeben. Die Pommerin aber hatte nicht mit den Russen gerechnet. Man hämmerte mit den Fäusten an die Wand und bat sie beschwörend, doch weiterzuspielen. Es sei so herrlich gewesen. Daraufhin zog sie am nächsten Ersten aus. Jahre später war Franziska Tiburtius eine viel gesuchte Ärztin in Berlin. Jedoch war es ihr nicht gelungen, ihre Approbation als Ärztin in Preußen zu erreichen. Wer in Zürich das Examen gemacht hatte, wurde in Preußen nicht anerkannt, aber in Preußen durfte immer noch keine Frau studieren. Doch erlaubte man ihr die Ausübung der Praxis, und wer das Risiko auf sich nehmen wollte, sich von einer in Deutschland nicht approbierten Ärztin behandeln zu lassen, der sollte es tun. Dieses „Risiko“ nahmen viele auf sich. Der Zustrom zu Dr. med. Tiburtius war groß, und alles ging gut. Bis eines Tages plötzlich ein Gerichtsdiener an der Haustür klingelte. Er war kein Patient, sondern er gab nur eine Aufforderung ab, in der es hieß, dass Fräulein Doktor sich wegen unbefugter Führung des medizinischen Doktortitels zu verantworten habe. Fräulein Doktor Tiburtius erschien also vor dem Gericht, die Diplomrolle unter dem Arm.

Der Vorsitzende: „Fräulein Angeklagte, Sie müssen sich wegen der Führung falscher Titel verantworten. Bei uns liegt eine anonyme Denunziation vor!“ „Anonym? “ „Ja. Anonym.“  „Vielleicht ein junger Kollege“, meinte Dr. Tiburtius, „der die Sachlage nicht kennt.“ Der Vorsitzende nickte nur. Er fand die Ansicht der Ärztin sehr fair. Unkenntnis? Könnte man das nicht auch Futterneid nennen? „Aber schließlich konnte das Schild zu Verwechslungen führen“, schaltete sich der Staatsanwalt ein; „selbst wenn nur Dr. und nicht praktischer Arzt dort steht, so könnte man das aber annehmen. Ich beantrage 3 Mark Konventionalstrafe.“ Die Schöffen, meist tüchtige Handwerker, lasen sich das Diplom genau durch. Auch der Vorsitzende. Nach einer kurzen Beratung erkannte man auf Freispruch. Um Irrtümer künftig zu vermeiden, sollte von nun an auf dem Schild folgender Titel stehen: Franziska Tiburtius, Dr. med. der Universität Zürich.

Da stand nun an der Hauswand für jeden deutlich zu lesen, die Ärztin kam aus Zürich. Der Erfolg war überraschend: die Patientenzahl wuchs noch beträchtlich, sie strömten geradezu in die Sprechstunde, und ein Patient verriet das Geheimnis: „Fräulein Doktor, Sie müssen ja wohl etwas ganz großes geworden sein. Mit dem langen Titel auf dem Schild, kein anderer hat den — in ganz Berlin nicht.“
Dr. med. Tiburtius hat den Weg für das Frauenstudium gebahnt. Ihre Tüchtigkeit und ihre redliche Arbeit, ihre Energie und ihr Fleiß haben damit der gesamten Wissenschaft neue Kräfte zugeführt: nämlich die Geistesgaben der Frau. Sie wurde 1843 als Tochter eines Gutsbesitzers auf der Insel Rügen geboren. Sie wuchs in einem großen Geschwisterkreis fröhlich auf. Die Mutter war eine Pastorentochter aus der Nachbarschaft. Franziska besuchte die höhere Mädchenschule in Stralsund, und wie es damals für ein Mädchen üblich war, das sich sein Brot selbst verdienen musste, wurde sie Erzieherin.

Mit 17 Jahren trat sie ihre erste Stelle bei einer pommerschen Großgrundbesitzerfamilie an. Erst als sie 30 Jahre alt war und schon einige Zeit als deutsche Erzieherin in London und in einem englischen Pastorenhaus auf dem Lande gearbeitet hatte, reifte ihr Entschluss, Medizin zu studieren, angeregt durch ihren Bruder, der auch Arzt war. Weil keine Frau in Deutschland studieren durfte, ging sie nach Zürich. Sie machte dort ihre ärztliche Prüfung und wurde eine tüchtige Ärztin. Jahrzehntelang unterhielt sie eine Praxis in Berlin mit ihrem Bruder zusammen und dessen Frau, die damals die erste Zahnärztin der Welt war und, um das zu werden, nach Amerika hatte reisen müssen.

Franziska Tiburtius starb 1927. 

Renée Sintenis • Stark und sanft wie ein Likör • Ein Porträt der Bildhauerin

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„Als ich eines Tages bei Flechtheim in Berlin einige Statuetten betrachtete, sah ich eine sehr große Frau eintreten, ohne Aura würde ich sagen, aber sehr jung, sehr geerdet. Viele sahen ihr nach. Aus ihren Augen lächelte Genugtuung, doch ihr Blick war stark und sanft wie ein Likör.“ – Der französische Dichter Philippe Soupault über Renée Sintenis. 

Wer die unbeschreibliche Anmut, das zarte und zierliche Format ihrer Tierplastiken kennt, erwartet unwillkürlich eine ebenso zarte, zierliche, klein gewachsene Schöpferin  und sieht sich dann etwas betroffen einer Frau von über 1,85 cm gegenüber, äußerst schlank, von sportlich gerader, lockerer Haltung, mit einem streng profilierten herrlichen Kopf, der an einen römischen Centurio denken lässt und manchmal an einen edlen Indianer. Das wahrlich imponierende Äußere ist eine List der Natur, die damit eine überaus empfindsame Seele  zu tarnen versucht hat. Das innere Bild der Renée Sintenis (1888 – 1965) entspricht indessen der Verletzlichkeit und Weichheit der jungen Tiere, die sie mit soviel Liebe und soviel von niemand anderem erreichter Einfühlung erschafft. Sie war hatte fast immer einen Hund um sich. Die langen Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre durch war es ein Welshterrier, und später ein winziger, unbändig temperamentvoller und sehr komischer Cairnterrier, Oskar genannt. Aber es war nie eine Dogge, ein Wolfshund oder sonst eine Rasse, die ihrer eigenen körperlichen Größe entsprochen hätte.

renee_sintenis_mit schnauzerDer Name Sintenis (gebürtige Renate Alice Sintenis) hieß ursprünglich Saint Denis, und die Familie gehörte zu den Hugenotten, die sich nach der Vertreibung aus Frankreich in der Mark Brandenburg niederließen. Ein Zweig ist weiter gewandert und bis nach Riga geraten. Renée Sintenis, deren Vater Jurist war, kam durch irgendeinen Zufall, „auf der Durchreise“, wie sie sagt, in Glatz zur Welt, hat aber ihre ganze glückliche Kindheit in Neuruppin verbracht. Als sie sechzehn war, gab ihr Vater für ein Jahr ein juristisches Gastspiel bei der schwäbischen Industrie, so dass das letzte Schuljahr in Stuttgart absolviert wurde. Aber dann ging die Familie zurück und ließ sich in Berlin nieder, und dort ist Renée Sintenis geblieben, fast ein halbes Jahrhundert lang. Ihre einzige Schwester lebt in Stuttgart, ein Bruder fiel blutjung im I. Weltkrieg, und der Vater, den sie als einen Romantiker bezeichnet, voller Lebensfreude und im Wirtschaftlichen ganz ahnungslos, der Vater starb diesem Sohn aus Kummer nach.

Um jene Zeit war die junge Renée längst fleißige Schülerin der alten Preußischen Akademie, die damals von Bruno geleitet wurde. Wenn auch die Eltern, wie alle Eltern, fanden, dass Malen und Kunst überhaupt kein Beruf sei, so war doch kein Halten möglich. Der Erfolg kam früh und stürmisch. Woran lag es? „Damals machte niemand junge Tiere“, sagte sie als einfache Erklärung. „Es gab Pferde, aber keine Fohlen. Niemand machte Kälbchen oder junge Eselchen.“ Sie „machte“ Sie. So, wie sie unbekümmert auf der Weide spielen, nur ihrem glücklichen eigenen Tierdasein hingegeben, springend, laufend oder ruhend. Das hatte wirklich kein Bildhauer zuvor gesehen und gestaltet.
Renée Sintenis tat das in einer Perfektion, die bis heute keine Parallele hat. Im Bewusstsein der Kunstkenner ist und bleibt sie die Meisterin der kleinen Tierplastik.

Es mag ihr Eigenstes sein, aber es ist nicht das einzige, wozu sie begnadet ist. renee_sintenis3Es gibt ein Selbstbildnis in Ton, von ihr 1915  geformt, das den antikischen Umriss des  schönen Gesichtes schon in der Jugend herausholt, es gibt Polo-Spieler, modernen  Zentauren gleich, und andere Statuen, wie die des Läufers Nurmi, in der ihre besondere Kunst der Bewegungsdarstellung sich ebenso stark manifestiert wie in den springenden Tieren. Es gibt Büsten von André Gide, von Joachim Ringelnatz und anderen, es gibt vor allem eine Fülle von Zeichnungen und Radierungen, selbständige und Buch—Illustrationen. In vielen von ihnen scheint, ebenso wie in den Statuen des Flöte spielenden Knaben aus  den jüngsten Jahren, der Geist Griechenlands neu geboren. Man möchte annehmen, dass die Kunst der Sintenis aus einer langen und innigen Berührung mit den mittelmeerischen Ländern befruchtet worden sei.
In Wirklichkeit ist das Hauptmerkmal ihres Lebens eine außergewöhnliche Sesshaftigkeit. Sie, die mit soviel Können die Bewegung darstellt, Lauf, Sprung, Drehung, die übrigens selbst eine ausgezeichnete Reiterin ist, verlässt nur ungern und selten ihren Wohnsitz Berlin. Ihr persönliches Leben ist, soweit der Außenstehende es beurteilen darf, ohne große Schwankungen verlaufen. Sie hat 1917 den Maler und Graphiker E. R. Weiß geheiratet und fünfundzwanzig Jahre mit ihm in einer schönen tiefen Gemeinschaft gelebt. Weiß, den Badener, zog es immer wieder zum Bodensee, 1942 ist er, der schon lange herzleidend war, eines Morgens in Meersburg nicht mehr erwacht. Renée Sintenis, die mit ihm in einer großen Wohnung des Berliner „alten Westens“ lebte, in der Potsdamer Privatstraße, übersiedelte nach seinem Tod in sein Atelier in der derfflingerstrKurfürstenstraße mit dem großen Dachgarten, auf dem es wirklich Erde mit vielen Blumen und einem weiten Blick über die Dächer von Berlin gab. Dort hat sie, zusammen mit dem niederbayrischen Mädchen, das damals schon seit zwanzig Jahren sie umsorgte und es noch viele Jahre tat, das düstere Grauen der Eroberung von Berlin erlebt und erlitten. Zwischen Phosphorbomben und Stalinorgel hat sie im Winter 1945 jenes letzte Selbstbildnis geschaffen, in dem die Tragik dieser Wochen und aller Schmerz eingefangen scheint, dessen eine menschliche Seele fähig ist. Das Modell hat sie noch kurz vor Kriegsende ihrem Gipsgießer gebracht, und später hat er es unter den Trümmern seines Hauses als einziges unbeschädigtes Stück ausgegraben, ebenso wie ein anderer ihrer Helfer die vergrabene Kiste mit den Modellen ihrer Vorkriegsarbeiten zu retten vermocht hat. Das  Atelierhaus, soweit es noch stand, wurde von den Russen in Brand gesteckt; sie verlor alles, Möbel, Bilder, die große Bibliothek und das Werk ihres verstorbenen Gatten. Die ersten Wochen nach dem Zusammenbruch waren eine Hölle, nicht weniger grausig, als ganz Berlin sie erlebte. Es entspricht ihrem Wesen, ihrer Kunst, dass sie das Leid der Zeit nicht nur im Selbstbildnis ausgedrückt hat, sondern auch in der Kreatur, in der Statue eines Hundes, der mit zurückgeworfenem Kopf auf den Trümmern sitzt und seinen ratlosen Jammer in den Brandhimmel heult …

renee_sintenis_skizzeNun, auch diese Zeit ist vorbeigegangen. Renée Sintenis bekam eine kleine Wohnung, zweieinhalb Zimmer in Schöneberg, zehn Jahre nach dem Krieg eine sehr bescheidene Umgebung für eine der größten und erfolgreichsten deutschen Künstlerinnen. Sie war dann Ordentlicher Professor an der Hochschule für bildende Künste und hat ein Atelier dort, in dem sie einige wenige Schüler unterrichtet. Die eigenen Arbeiten aber entstanden noch immer an einem Holztisch in ihrer Wohnung. Sie ist eine der zwölf Träger des deutschen Friedens — Pour le mérite. Mit sechsundsechzig Jahren ist sie emeritiert worden. Aber das war nur eine Formalität. Sie schaffte weiter. In Goldenerbaerdieser Zeit kam ihr Name in den Mund vieler, die ihn vielleicht früher nie gehört haben: als der kleine Berliner Bär, von ihr gestaltet,  an den Autobahnen begann, die westdeutsche Bevölkerung bescheiden an die Existenz der Hauptstadt zu erinnern.
Niemand anders als Renée Sintenis hätte ihn schaffen können, die Bildhauerin mit dem französischen Namen, deren Leben und Wirken enger mit Berlin verknüpft ist als das irgendeines anderen deutschen Künstlers.

Von ganz anderer Art ist eine ihrer letzten Zeichnungen. Sie zeigt einen Fuchs, der plötzlich stehengeblieben ist und sich einem fremden Geräusch zuwendet. Nur selten ist dieser Augenblick eines Tieres so in die Kontur einer einzigen Linie gebannt worden, die alles enthält: auch schon den nahen Sprung in die Flucht. Manchmal fuhr sie im Sommer nach Kampen und im Frühjahr oder Herbst nach Badenweiler. Für sie, die Sesshafte, war das weiter als heute für die meisten Amerika. Mehr wollte sie nicht. Sie war einer der wenigen schöpferischen Menschen, die der Ferne nicht bedürfen und nicht der Anregung von außen. Sie fand alles in sich, im eigenen, tiefen und stillen Selbst.

Emil Rudolf Weiß, Bildnis Renée Sintenis (Portrait Renée Sintenis), 1929
Emil Rudolf Weiß, Bildnis Renée Sintenis (Portrait Renée Sintenis), 1929

Tayyib Salih • Die Hochzeit des Zain • Eine Erzählung • Unionsverlag

Cover der Ausgabe des Unionsverlag
Cover der Ausgabe des Unionsverlag

Die Geschichte beginnt damit, dass verschiedene Leute im Dorf erfahren, dass ein Mann namens Zein verheiratet werden soll. Zein ist nicht, was die meisten als attraktiv bezeichnen würden, ist er dürr wie eine knorrige Ziege, haarlos und durch den Akt der Geister hat er bis auf zwei vordere Zähne alle anderen verloren. Trotz seiner skurrilen Art und seinen unersättlichen Appetit, ist Zein beliebt im Dorf. Immer wieder verliebt er sich in die schönsten Frauen des Dorfes; ist er dann mit dieser Liebe erfüllt, lässt er dies alle Welt wissen. Es vergeht dann kaum Zeit und die ersten „edlen Freier“ buhlen um diese Frauen.

Kein Wunder also, dass sich die Mütter sehr um Zains Gunst bemühen, um ihre Töchter durch diesen erfolgreichen Liebesboten an die besten Männer der Gegend zu vermitteln. Niemand scheint es aber wirklich wahr zu nehmen, dass Zain sich zwar ständig verliebt aber am Ende doch allein bleibt. Zu wichtig ist die „gute Partie“ für die Familien, denn die bringt reiche Mitgift.

Der Zain ist aber nicht nur ein erfolgreicher Kuppler, er ist Bindeglied für alle Gruppen im Dorf, welches in drei große Lager gespalten ist: den Anhängern des Imam und dessen Gegners, die zum größten Teil aus jungen Männern besteht.  Die einflussreichste Gruppe besaß alle Felder des Dorfes, die Männer waren alle verheiratet, hatten Kinder und trieben Handel. Sie kümmerten sich um alle offiziellen Feierlichkeiten und sorgten für den reibungslosen Ablauf. Der Zain stand ganz für sich; er schlichtet Streit, führt mit seiner fröhlichen Art immer wieder zusammen und spricht mit den Randgruppen des Ortes, denen eher aus dem Weg gegangen wird.  So hält er eine Gemeinschaft zusammen, die immer wieder auseinander zu brechen droht.

Eines Tages nun prophezeit im sein Freund Hanin, dass auch er sein Glück findet und das beste Mädchen im Dorfe heiraten wird. Diese Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer im Dorf und sorgt und scheucht alles Leben auf. Diese Hochzeit würde alle boshaften Stimmen verstummen lassen und Zain zum Manne werden lassen.

Die Hochzeit von Zain ist eine reizvolle, gut zu lesende Erzählung über eine bunte Gemeinschaft und den sehr liebenswerten Mann in ihrer Mitte. Es ist das Buch für Leser, die fernab des Mainstreams Literatur und fremde Kulturen entdecken wollen. Die Szenerie einer traditionellen, muslimischen Stadt im Sudan an der Schwelle zu Wachstum und Modernisierung, ist gelungen umgesetzt. Die Kultur wird mit Liebe, Zuneigung und Kenntnis porträtiert.
Die Hochzeitsfeier selbst ist so rührig und anschaulich beschrieben, dass ich meinen könnte unter den Feiernden zu sein. Und am Ende feiert man Zains Hochzeit mit, aus Freude, dass es dieser Zausel geschafft hat, das Glück zu finden.

Die Erzählung „Die Hochzeit des Zain“ gilt als die berühmteste des Sudan und wurde 1976 verfilmt. Die arabische Erstausgabe erschien 1966 unter den Titel „Urs-az-Zain“. Trivia zur Verfilmung: Der wurde in Kuweit produziert. 1978 wurde er zu den „Oscars“ für die Rubrik „Bester ausländischer Film“ eingereicht. Das Werk scheiterte bereits bei der Nominierung. Dies war der letzte Beitrag, den Kuweit seitdem eingereicht hat.

Die Übersetzung stammt von Stafan Reichmuth, aktuell Professor für Orientalistik und Islamwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum.

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Der Autor:

Foto: Unionsverlag
Foto: Unionsverlag

At-Tayyib Salih [arabisch الطيب صالح, DMG aṭ-Ṭaiyib Ṣāliḥ, auch Tayeb Salih, Tajjib Salich, Tajjeb Salech]wurde 1929 in der Nordprovinz des Sudan geboren und verstarb 2009 in London. Er war mit einer Engländerin verheiratet und stammte aus bäuerlichen Verhältnissen. Er studierte in Khartoum und arbeitet eine Zeitlang als  Lehrer, bevor er seine Ausbildung in England fortsetzte. Er arbeitet für dei BBC und bekleidete verschiedene Posten bei der UNESCO.

Ein zentrales Thema seines Werkes ist die Überschreitung kultureller Grenzen zwischen traditioneller sudanesischer und westlicher Kultur.

Werke auf Deutsch:

Die Hochzeit des Zain. Roman. Unionsverlag, Zürich 1992; Originalausgabe ʿUrs al-Zain. 1966
Neuauflage als: Sains Hochzeit. Lenos, Basel 2004, ISBN 3-85787-350-7

Zeit der Nordwanderung. Roman. Lenos, Basel 1998, ISBN 3-85787-267-5 (gebunden); ISBN 3-85787-662-X (Taschenbuch)

Eine Handvoll Datteln. Erzählungen. Lenos, Basel 2000, ISBN 3-85787-295-0

Taschenbuchausgabe, zusammen mit Zains Hochzeit, als: So, meine Herren. Sämtliche Erzählungen. Lenos, Basel 2009, ISBN 978-3-85787-725-4

Bandarschâh. Roman.Lenos, Basel 2001, ISBN 3-85787-322-1

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Das Buch erschien im Unionsverlag  Zürich:
Hardcover – gebunden
Vergriffen. Keine Neuausgabe
128 Seiten
ISBN 978-3-293-00180-0
€ [D] 12.00 / sFR 21.20
Unionsverlag

Neuauflage als: Sains Hochzeit. Lenos, Basel 2004, ISBN 3-85787-350-7

Oliver Simon • Jetzt • Ein lyrischer Versuch

Jetzt.
Da ich die Furcht überwunden –
vor den anderen,
vor mir, vor dem Dunkel darunter.

An der Grenze des Unerhörten
endet das Bekannte.
Vom Jenseits her erfüllt etwas
mein Wesen mit seines Ursprungs Möglichkeit

Das Begehren zu Offenheit gereinigt,
jedes Handeln ist Vorbereitung;
jede Wahl ein
Ja dem Unbekannten.

Durch die Pflichten des
Oberflächenlebens gehindert, mich
über die Tiefe zu beugen, aber
in ihnen langsam dazu gerüstet, formend
in das Chaos niederzusteigen,
aus dem der Duft der weißen Anemonen das
Versprechen einer neuen
Zusammengehörigkeit trägt. An der Grenze –

In Amsterdam bin ich geboren • In Amsterdam habe ich meine Ehre verloren

In Amsterdam

In Amsterdam bin ich geboren, meine Mutter war ein Mädchen fürs Geld. Mein Vater hatte ihr die Ehe geschworen, war aber weit gefehlt.

In einer dunklen Gasse, sah ich zum ersten Mal das Sonnenlicht. Ich wollte es mit meinen Händen fassen, und konnte es nicht.

Eine junge Frau kam eines Tages, und küsste mich und rief mich seinen Schatz. Ich lag bald ihn in ihren Fesseln, dann nahm ein anderer nahm meinen Platz.

Wir sind im Frühling durch den Wald geschlichen und sahen Wild um Wild. Die Bäume blühten und die Vögel sangen, die Luft war mild.

Eine jede hat mir Treue in Ewigkeit geschworen, war aber weit gefehlt. In Amsterdam habe ich meine Ehre verloren, nun bin ich ein Mann fürs Geld.

Oliver Simon 2016

Flieder für die reife Schönheit • Eine kurze Romanze • Oliver Simon

In der Straßenbahn. Köln. 

Eine reife Frau, schön, ausstaffiert und aufgetakelt. Ihr gegenüber, grün und unschuldig, ein junger Mann, dessen Hände Fliederzweige sanft behüten. Sie sieht ihn an. Er lächelt traurig einfältig: – Mein Gott, wie wird das heute wieder öde beim Geburtstag meiner Mutter. –

Die Dame hat sich nunmehr ganz entschleiert. Er ist hingerissen, starrt eine Weile, und reicht ihr wortlos all seine Zweige. Nun hat er nichts, für Mutter. Kein Präsent . . . Er wundert sich – die schöne Frau lässt ihren Tränen freien Lauf: Und die blassen Tropfen auf den Flieder wie Gelübde niedertauen.

Oliver Simon 2016

Sabina Heinsohn über das Wahrsagen und Ehrlichkeit im Leben

Heinsohn_Porträt
Foto: Privat

Sabina Heinsohn arbeitet seit mittlerweile  über 10 Jahren erfolgreich als Hellseherin, Wahrsagerin, Reikimeisterin und Geopathologin. In ihren Beratungsgesprächen übersetzt sie persönlich und telefonisch die Energie der Seele.
Die Heilerin hat in verschiedenen Berufen gearbeitet, insbesondere im Mediengeschäft. Ihr privater Weg führte sie zu diverse Kulturen und in ferne Länder. In Brasilien bewahrheitete sich die Begegnung mit einem Amerikaner, der ihr den Weg zu den Hopi-Indianer in Arizona zeigte. Bereits der erste Kontakt zum Medizinmann sollte dabei ihr Leben völlig verändern.
Neben ihrer Gabe als Hellseherin und Kartenlegerin integrierte sie nach und nach schamanisches Wissen in ihren Alltag.  Auf Zypern lebend bestärkte sie ein sibirischer Heiler ihren Weg weiter zu gehen. Bedeutend und wegweisend allerdings war  ein Lichtkontakt, den sie bereits vor 18 Jahren hatte.

Im Interview erklärt sie uns, was Wahrsagen für sie bedeutet, wie sie es definiert und beschreibt Ihren Weg zum Geistigen Heilen.

Kartenorakel-242767_1280_AntraniasWie sieht Ihr Leben derzeit aus? Wie sind Ihre Pläne für den Rest des Jahres?
Zunächst würde ich die Frage gerne umformulieren. Wie sind Ihre Pläne für den Rest Ihres Lebens?
Ich habe lange Zeit in der freien Wirtschaft gearbeitet, habe verschiedene Berufe wie Werbegrafik, Kommunikationswirtin, Packungsgestaltung und Fotoredakteurin ausgeübt. Zum Ende (ich baute Gruner & Jahr die Fotoredaktion für die Gala auf) stellte ich jedoch nicht wirklich eine innere Zufriedenheit fest. Nein, ganz im Gegenteil. Meinem inneren Druck etwas wirklich Befriedigendes zu leisten, konnte ich nicht mehr widerstehen. Während einer längeren Reise lernte ich einen Amerikaner kennen, der mir den Weg zu den Hopi-Indianern eröffnete. Diese Begegnungen, so kann ich heute sagen, waren sicherlich ein maßgeblicher Anstoß für meine Entscheidung mich vor über 10 Jahren als spirituelle Lebensberaterin, Coach und Wahrsagerin selbstständig zu machen. Der einzige Plan für mein Leben ist, hierbei eine wirkliche Erfüllung zu finden und am Ende des Geschehens mit einer gewissen Zufriedenheit in den Spiegel schauen zu können.

Wie erklären Sie einem jungen Menschen, was Sie beruflich machen?
Aufgrund meines langjährigen Kontakts zu vielen Menschen, mit ihren täglichen Sorgen und Nöten, würde ich allen Menschen erklären, dass ich meine Arbeit als Wahrsagerin nicht nur auf Fragen des sogenannten passenden Partners/In beschränkt sehen möchte. Ich habe es mir zu Aufgabe gemacht, Menschen ihr Potential aufzuzeigen, um mutig selbstbestimmt ihr Leben im seelischen Einklang mit sich, der Umwelt und der Natur (Mutter Erde) zum Ausdruck zu bringen.

Was bedeutet Ihnen Ihre Arbeit?
Wirkliche Erfüllung zu erleben, dass Menschen aufgrund meiner Arbeit ihr Leben eigenverantwortlich in die Hand nehmen. In der Praxis bedeutet dies z. B. sich einer evtl. krankmachenden Jobsituation zu entziehen, eine energieraubende Partnerschaft neu zu bewerten, ein besseres Verständnis für das Verhalten des eigenen Kindes zu bekommen. Wir alle (und alles) sind miteinander verbunden. Negative Energie gibt es genug. Dabei freue ich mich über jeden, der anfängt im Gleichklang mit sich und unserem Planeten zu schwingen.

Traumfänger-902508_1280_OrangefoxHaben Sie Ihre Aufgabe gefunden oder hat diese Sie gefunden?
Ich bin der Meinung, wir alle haben uns etwas vorgenommen, bevor wir hier angetreten sind. Damit meine ich, dass wir alle schon x Leben gelebt haben. Auch ich habe lange nicht auf meinen „innere Ruf“ (Berufung) der Seele gehört. Es war ein langer Prozess und auch ich befinde mich ständig im Entwicklungs- und Lernprozess. Alles andere wäre auch vergeudet und irgendwie auch sehr langweilig.

Sie schreiben auf Ihrem facebook-Profil: Ich biete eine seriöse und ehrliche Beratung mit hoher Trefferquote Was meinen Sie damit?
Mit ehrlich und seriös meine ich, der/ dem Ratsuchenden nicht nach dem Mund zu reden, oder gar eine Hoffnung zu schüren, die nur eine kurzfristige Beruhigung darstellt. Wenn die Dinge/ Aussagen vorwiegend nur positiv getroffen werden, rate ich kritisch hinzuschauen. Veränderungen tun oft weh und vor allem kommt ein Verlassen der eigenen Komfortzone teils sehr schwierig an. Flapsig sage ich < mir wächst kein Gras aus der Mütze> aber ich kann durchaus sagen, dass Menschen die Bereitschaft zeigen ihrer Botschaft (dabei betrachte ich mich als Vermittler) zu folgen, eine sehr hohe Quote aufweisen ihr Leben ins Positive zu wandeln.

Wie funktioniert wahrsagen?
Ich bekomme Bilder die ich sofort übersetze. Woher diese kommen kann ich nicht beantworten.

Ich kenne die Serie „The Mentalist“. Dort wiederholt der Hauptdarsteller immer wieder, dass es Wahrsagen nicht gäbe. Jeder, der aufmerksam ist, könne das, was als solches bezeichnet würde, auch leisten. Wie denken Sie darüber?
Die Serie habe ich nie gesehen, aber ich bin auch der Meinung, dass sehr viele Menschen dies können, oder besser gesagt könnten. Ich lehne ein gewisses Guru-Verhalten ab. Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten ist eine wichtige Grundvoraussetzung. Meine Erfahrung zeigt mir, dass da bei vielen Menschen ein hohes Defizit herrscht.

Nostradamus (1503-1566), Marie-Anne Lenormand (1772-1843), Edgar Cayce (1877-1945), Madame Buchela (1899-1986), Aleister Crowley (1875-1947) sind Wahrsager, die in die Geschichte eingegangen sind. Sie wurden teils von Kirchenfürsten bekämpft. Es brauchte einen langen Weg bis heute der Zugang dem gemeinen Volk zugänglich wurde.

Wie funktioniert eigentlich das Geschäft an sich? Wie finden sich Kunden? Kalkulieren Sie Ihre Honorare? Haben Sie einen Businessplan erstellt?
Der schönste Neukundenkontakt ist immer eine Empfehlung. Um auf mich und meine Seite im Netz aufmerksam zu machen, bedarf es natürlich bei dem heutigen Massenangebot der Werbung. Dabei möchte ich deutlich festhalten, reich wird man dabei nicht, aber reich an Erfahrung und erfüllender Dankbarkeit.

Wie würden Sie Ihre Entwicklung von den Anfangszeiten zu Heute beschreiben?
Aufgrund meiner Neugier und meiner Bereitschaft immer Neues zuzulassen, empfinde ich meine Entwicklung bei heutiger Rückschau konsequent und bereichernd. Dass dies nicht ohne „Aua“ und seelischen Schmerz geschehen kann, ist mir heute natürlich mehr bewusst. Ich empfinde meine persönliche Entwicklung als eine Zurückeroberung meines Seins. Meine Erfahrungsschatz fließt heute natürlich in meinen Beratungen immer ein.

Was mögen Sie an Ihrer Arbeit und was überhaupt nicht?
Ich bin ein kontaktfreudiger Mensch und liebe den Kontakt zu meinen Klienten. Dass ich dabei Hilfestellung geben darf, freut mich und erfüllt mich Ich habe es mir seit langer Zeit angewöhnt, mich von Menschen und Situationen zu trennen, die ich nicht mag und die mir nicht gut tun, oder mich schlicht energetisch auslutschen.

Was bezeichnen Sie als Ihre besonderen Fähigkeiten?
Als meine wirklich besondere Fähigkeit nehme ich mein unerschütterliches Vertrauen in eine höhere Instanz.

Sind bei Ihrer Arbeit auf Ihrer Seite Gefühle im Spiel? Oder versachlichen Sie das Gespräch mit Ihren Kunden?
Für eine neutrale Sicht blende ich meine persönlichen Gefühle weitgehend aus, was mir jedoch auch nicht immer gelingt, und berate eher sachlich. Ich verlasse mich jedoch bei dem Gesprächsverlauf sehr auf meine Intuition. Meiner Erfahrung nach kann durch Humor jedoch eine gewisse Barriere fallen und vieles leichter angenommen werden.

Was muss jemand mitbringen, um in diesem Metier erfolgreich zu sein?
Als Basis sollte man ein Menschenfreund sein, Standhaftigkeit und Mut mitbringen, Menschen auch Dinge zu sagen, die nicht immer nur „rosarot“ erscheinen.

War das Ihr Traumberuf? Was würden Sie beruflich gern machen, wenn Sie frei wählen könnten?
Obwohl ich diese Gabe seit meiner Kindheit habe, habe ich nie davon geträumt. Ehrlicherweise muss ich sagen, hätte man mir dies vor 30 Jahren gesagt, hätte ich es nicht geglaubt. Alle meine Berufe habe ich erfolgreich mit Herz und Seele gefüllt. Mein Traumberuf war nie dabei. Ich würde meine heutige Arbeit nie aufgeben. Wenn ich jedoch noch mal ganz von vorne anfangen könnte, würde ich in Richtung Meeresbiologie, Astronomie und Physik gehen.

Traumfänger-902508_1280_OrangefoxSie sind ja schon länger „dabei“. Gibt es noch einen Traum (oder zwei, oder drei), den Sie sich noch erfüllen möchten?
Mein „Traum“ und ich denke, es ist kein Traum, da die gesamte Menschheit sich in einem Aufwachprozess befindet, ist es, das alle Regierungen, alle selbsternannten Vertreter Gottes auf unserer Welt endlich die Wahrheit sagen in Bezug auf unsere Geschichte, dass alle Volksvertreter dieser Welt endlich aufhören aufgrund von Ego und Profitgier ihre Bevölkerung zu unterdrücken und Kriege zu installieren. Ich wünsche mir, dass endlich unsere tierischen Mitbewohner dieses Planeten Achtung erfahren. Ich wünsche mir, dass man den indigenen Weisen endlich Gehör schenkt. Und ich wünsche mir, dass die, die sich momentan noch auf der sogenannten dunklen Seite befinden, das „Licht“ eintreten zu lassen. Wir alle haben dadurch mehr oder weniger gelernt. Jetzt ist die Zeit. Im Tarot gibt es einen Satz: Durch den Teufel zum Licht.

Hier geht es zur Website von Sabina Heinsohn.

Porträtfoto: Sabina Heinsohn

Der Zweizeiler: In der Leichenhalle herrschte ein abgebrühtes Gesindel

In der Leichenhalle herrschte ein abgebrühtes Gesindel. Sie waren zu faul, die Leichen nach der Obduktion wieder zu schließen, zu faul, Gräber auszuheben, die lang genug für die toten Körper waren. Also zerstückelten sie die Leichen und warfen die Teile in eine flache, runde Grube hinter einer mit Lärchen bestandenen Anhöhe.

Oliver Simon -2015
verfasst nach der Lektüre der Arne Dahl

RAINER MARIA RILKE – Ein Porträt: Leben, Leiden, Glauben & seine Schaffenskraft

Die Heimatstadt Prag

Prag-1002963_1280_klausdieEs gibt Städte, deren Ausstrahlung von einem geheimen Zauber herzurühren scheint, einem Zauber, der ihre Menschen erfüllt und sie leitet und ihnen zeitlebens ein besonderes Gepräge gibt: So eine Stadt ist das alte, sagenumwobene Prag. Von jeher hat diese Stadt bedeutende Menschen hervorgebracht oder doch beherbergt: Kaiser und Könige, die dem Glauben an die Sterne huldigten und ihr Schicksal aus ihnen zu lesen versuchten, Gelehrte und Ärzte mit geheimnisvollen Praktiken, Grübler und Forscher, die den Stein der Weisen finden wollten und sich hinter Retorten und Phiolen in den Zauberküchen der Alchimie um die Herstellung des Goldes bemühten, Denker und religiöse Genies, die den Schatz ihres begnadeten Wissens in Symbole und Legenden kleideten, um das Unaussprechliche verständlich zu machen, und schließlich, ihnen sehr verwandt, die Dichter, an denen Prag deshalb so reich zu sein scheint, weil seine zauberhafte Atmosphäre ihnen stets neue Geheimnisse zuflüstert und in recht eigentlichem Sinne die Lebensluft bildet, in denen ihre Kunst gedeiht.
In dieser merkwürdigen Stadt an der Moldau mit der prächtigen Karlsbrücke, den Brückenheiligen und dem imposanten Hradschin, der alten Hofburg, ihren Barockpalästen, Türmen, Kirchen und Plätzen, ihren tausendjährigen Friedhöfen und altersgrauen Synagogen, ihren verwinkelten Gassen und düsteren Spelunken, uralten Häusern und zwielichtigen Höfen, Altanen und Loggien, die alle vom Hauch der Jahrhunderte dunkel geworden sind, in dieser geheimnisvollen Stadt, die im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts so viele Dichter hervorgebracht hat, ist am 4. Dezember 1875 auch Rainer Maria Rilke geboren worden.
In der kleinen Kirche von St. Heinrich, deren alte Mauern von bemoosten Grabplatten mit Wappen geharnischter Ritter übersät ist, unweit des Prager Stadtparks, ist der Dichter auf den Namen Rene Karl Wilhelm Josef Maria Rilke sechs Tage vor dem Weihnachtsfest des Jahres 1875 getauft worden.
Von der Taufkirche ist es nicht weit zur Heinrichsgasse, wo Rilkes Eltern wohnten. Es war ein „gutes“ Viertel der Stadt, wenngleich der gesellschaftliche Ehrgeiz von Rilkes Mutter, der Tochter eines Ratsherrn, damit nicht recht zufrieden war. Sie hätte viel lieber in dem noch vornehmeren Bezirk direkt am Stadtpark gewohnt. Dort lagen die prächtigen Villen der böhmischen Industriellen, darunter auch die des Handschuhfabrikanten Werfel, des Vaters des Dichters Franz Werfel. Trotzdem war die Heinrichsgasse viel vornehmer als etwa die meisten Gassen der Prager Altstadt, die man auf dem Wege durch winkelige Bazare, Durchgangshäuser mit verwitterten Innenhofbalkonen und vorbei an kleinen Biergärten erreichte. Hier lag irgendwo das Geburtshaus Franz Kafkas.

Frühes Leid

Rilke, drei Jahre alt, circa 1878–1879
Rilke, drei Jahre alt, circa 1878–1879

Den Zauber dieser alten Stadt in seiner Vielschichtigkeit ungetrübt als Einheit in sich aufnehmen zu können, war Rilke nicht beschieden. Bald schon zerfiel ihm das kindliche Glück, das im Gefühl des Verbundenseins aller Dinge zum Ausdruck kommt, der Verbundenheit von Ich und Welt, Arm und Reich, Vornehm und Gering. Es zerfiel ihm in alle diese hässlichen Gegensätze, die die Erwachsenen durch ihre Nüchternheit und ihren Ehrgeiz immer erst schaffen.

Rilkes Mutter zeigte dem heranwachsenden Rene immer und immer wieder das Barockpalais in der eleganten Herrengasse, das einst Adelsbesitz gewesen und nun von ihren Eltern bewohnt war, und sie tat das jedes Mal mit Stolz auf diese ihre Herkunft und mit Bitterkeit auf ihr jetziges Zuhause. Sie konnte den eleganten Lebensstil dort nicht vergessen und auch nicht den prunkvollen Rahmen, in dem er sich in den hohen, stuckverzierten Räumen, den weiten, hallenden Gängen und den prächtigen Treppen dieses Hauses abspielte. Als sie Josef Rilke, den ehemaligen k. u. k. Artillerieunteroffizier und nunmehrigen Eisenbahnangestellten, geheiratet hatte, dachte sie nicht daran, dass ihr Gatte zeitlebens in so bescheidener Stellung verbleiben würde. Denn dieser Josef Rilke war einmal ein sehr forscher Soldat gewesen, der sich zu den höchsten militärischen Hoffnungen berechtigt sah, die sich dann leider nicht erfüllten. In ihren Erwartungen enttäuscht, fühlte Rilkes Mutter sich bald in der Rolle einer Frau, der vom Schicksal übel mitgespielt wurde. Durch ihren gesellschaftlichen Ehrgeiz kam es zu Spannungen in der Ehe, die eine Quelle frühen Leides für den kleinen Rene Maria bildeten. Er litt sehr unter den unguten Familienverhältnissen und wurde von seiner Mutter in einer ihm selbst oft unangenehmen Weise verzärtelt.
Fünf Jahre vor seiner Geburt hatten die Eltern ein Mädchen verloren, und die Mutter glaubte nun, den Sohn als Ersatz für diesen Verlust betrachten zu müssen. Sie kleidete Rene als Mädchen und ließ ihm das gelockte Haar mädchenhaft bis auf die Schulter fallend wachsen. Fünf Jahre lang, bis zum Beginn der Volksschulzeit, musste sich Rilke diese Verkleidung gefallen lassen, zu der als Spielzeug nicht Trommel und Trompete, Burg und Zinnfiguren kamen, sondern Puppenstube und Puppen. Im elfenbeinernen Turm dieser Erziehung wurde er behütet und bewacht wie ein zerbrechliches Stück Glas. Das wurde nicht viel besser, als er in die Schule kam.

Natürlich musste es die vornehmste Anstalt sein, die damals für die Söhne bürgerlicher Familien gerade in Mode war: das Institut der Piaristen, drunten am Graben bei der Herrengasse. Von den Prager Gassenjungen wurden die Piaristenschüler auf ihrem Schulweg immer verspottet. Auch Rene riefen sie den Vers nach: „Piaristen, schlechte Christen!“ Aber Rene traf nicht einmal dieser Spottvers allein. Auf dem Weg zur Schule wurde er stets von seiner Mutter begleitet, die immer ganz in feierliches Schwarz gekleidet war und mit Rene fast nur französisch sprach, weil es ihr vornehmer dünkte. Täglich wurde er von der ängstlich besorgten .Frau vor das Schultor des klösterlichen Baues gebracht und dort auch wieder abgeholt. Das ungezwungene freie Spiel mit Kameraden war ihm verwehrt. Es gab für ihn keine Lausbubenstreiche, kein Indianerspiel mit Siegestrophäen und Freudengeheul. Dafür versuchte Rene sich bereits acht Jahren an seinen ersten Versen, sehr zum Ärger seines Vaters, dessen eigentliche Heimat noch immer die Kasernenhöfe waren und der in den Versuchen seines Sohnes nichts als ungesunde Schwärmereien sah.

Fremd unter Fremden wuchs Rene auf. Dabei hätte er gern mit den anderen Kindern gespielt, wäre wie sie gewesen, ein einfacher, fröhlicher Junge unter Jungen. Das Erlebnis erzwungenen Andersseins hat sich tief in die Seele Rilkes gesenkt. Die Erinnerung an seine Kindheit machte ihn hellhörig für die Nöte der Kinder, deren eigene Welt von den Erwachsenen so selten wirklich verstanden wird. Noch als Siebenundzwanzigjähriger schrieb er das Gedicht seiner eigenen „Kindheit“, in dem das Fremdsein und die Einsamkeit des kleinen Rene inmitten der lebensprühenden Welt, ihrer Straßen, Plätze und Brunnen noch einmal Gestalt geworden ist. Er beschwört in diesem Gedicht die lange Zeit der Schule, die Trauer über die Ferne, durch die er von der Welt der Erwachsenen, aber auch von der der anderen Kinder getrennt ist. Wenn er durch sie alle hindurch „im kleinen Kleid“ gehen muss und abends nach dem einsamen, selbstvergessenen Spiel im Garten gleich wieder „fest angefasst“ nach Hause geführt wird, neuen Ängsten entgegen, so grübelt er immer wieder schmerzlich über sich selber nach und beim Spiel mit seinem Segelschiff überprüft er sein kleines Gesicht im Spiegel des Teiches:

Da rinnt der Schule lange Angst und Zeit
mit Warten hin, mit lauter dumpfen Dingen.
O Einsamkeit, o schweres Zeitverbringen . ..
Und dann hinaus: die Straßen sprühn und klingen,
und auf den Plätzen die Fontänen springen,
und in den Gärten wird die Welt so weit. —
Und durch das alles gehn im kleinen Kleid,
ganz anders als die andern gehn und gingen —
O wunderliche Zeit, o Zeitverbringen,
O Einsamkeit.


Und in das alles fern hinauszuschauen:
Männer und Frauen; Männer, Männer, Frauen
und Kinder, welche anders sind und bunt;
und da ejn Haus und dann und wann ein Hund
und Schrecken lautlos wechselnd mit Vertrauen —
O Trauer ohne Sinn, o Traum, o Grauen,
O Tiefe ohne Grund.


Und so zu spielen: Ball und Ring und Reifen
in einem Garten, welcher sanft verblaßt,
und manchmal die Erwachsenen zu streifen,
blind und verwildert in des Haschens Hast,
aber am Abend still, mit kleinen steifen
Schritten nach Haus zu gehn, fest angefaßt —
O immer mehr entweichendes Begreifen,
O Angst, o Last.

Und stundenlang am großen grauen Teiche
mit einem kleinen Segelschiff zu knien;
es zu vergessen, weil noch andre, gleiche
und schönere Segel durch die Ringe ziehn,
und denken müssen an das kleine bleiche
Gesicht, das sinkend aus dem Teiche schien —
O Kindheit, o entgleitende Vergleiche,
wohin? Wohin?

Das frühe Leid der Kindheit und die ratlose Frage nach dem Wohin steigerten sich noch. Als Rilke neun Jahre alt war, ließen die Eltern sich scheiden. Rene blieb zunächst bei der Mutter. Ein Jahr später musste die Entscheidung über Renes künftigen Beruf getroffen werden. In der österreichischen Monarchie, zu der Prag damals gehörte, war es für die Söhne verarmter bürgerlicher Familien stets ein sicherer Weg, die Militärkarriere einzuschlagen. Diese Laufbahn entsprach auch den Vorstellungen von Rilkes Vater, der immer noch hoffte, in seinem Sohn einmal jene Militärgröße zu sehen, die zu erreichen ihm selber versagt geblieben war. Hinzu kam noch der nicht minder ausschlaggebende Grund für eine solche Berufswahl, dass damit auch die Kosten für das Gymnasium gespart werden konnten, die von den Eltern nicht mehr aufzubringen waren, nachdem Rilkes Mutter ihre Mitgift aufgebraucht hatte. Renes Onkel, dem Landesadvokaten Jaroslav Rilke, gelang es, für seinen Neffen einen Freiplatz, einen sogenannten „Landesstiftungsplatz“, an der Militärunterrealschule in St. Polten in Niederösterreich zu bekommen.

Im September 1885 schritt der zehnjährige Rene Rilke durch das Tor der Schulkaserne, die ihn die nächsten fünf Jahre festhielt. Obwohl er zu den besten Schülern der Militäranstalt gehörte, erschien sie ihm doch wie ein „Totenhaus“. Wenn es ihm auch gestattet wurde, seine Gedichte vor der Klasse zu rezitieren, blieb er trotzdem inmitten der verständnislosen Kameraden ein Einsamer und Fremder. Bald zog er sich von ihren Spielen zurück. Die kleine Friedhofsecke im Garten der Anstalt wurde sein Lieblingsaufenthalt. Hier konnte er ungestört seinen Träumen nachhängen und seine Sehnsucht nach einem glanzvollen Leben in seine oft noch recht holprigen Verse gießen. Mit gutem Erfolg absolvierte Rene im Sommer 1890 die Militärschule in St. Polten. Noch im September desselben Jahres trat er in die Militäroberrealschule in Mährisch-Weißkirchen ein. Aber schon am 6. Dezember 1890 wurde er „krankheitshalber“ wieder beurlaubt und dann ganz entlassen. Rene war endlich den Mauern der Kaserne entronnen. Trotzdem fühlte er sich nicht glücklich dabei. Genau genommen, war er eben doch ein gescheiterter Militärschüler. Er kehrte im Juli 1891 nach Prag zurück. Die Mutter lebte längst in anderen Städten und überließ den Sechzehnjährigen der Obhut seines Vaters und der Verwandten. Sie schoben ihn nach Linz ab, an die dortige Handelsakademie. Rene interessierte sich wenig für Wirtschaftswissenschaften und Bilanz, kaufmännische Kalkulation und buchhalterische Praktiken. Er sann viel lieber neuen Versen nach, veröffentlichte auch schon ein erstes Gedicht und ließ seine Phantasie durch die Aufführungen des Linzer Stadttheaters befeuern.

Wieder kehrte er im Mai 1892 in die Heimatstadt zurück. Onkel Jaroslav zahlte ihm jetzt monatlich zweihundert Gulden aus, damit er sich privat auf das Abitur vorbereiten konnte. Der kinderlose Landesadvokat hoffte, dass Rene einmal die Rechtswissenschaften studieren und dann seine Anwaltskanzlei übernehmen würde. Rene aber blieb heimatlos in seiner Heimatstadt.

Erste Liebe — Erste Erwartung

Rainer Maria Rilke mit Baladine Klossowska in Muzot 1923
Rainer Maria Rilke mit Baladine Klossowska in Muzot 1923

Rene wohnte jetzt bei seiner Tante, der Witwe Gabriele von Kutschera-Woborsky, in der Wassergasse. Mit zäher Energie bereitete er sich auf die Prüfung am Prager Neustädter Gymnasium vor. Die Zeit seiner Privatstudien, in der er das Pensum des Gymnasiasten nachholte, dauerte vom September 1892 bis zum Sommer 1895. Es war eine Zeit ernster Arbeit an sich selbst. Jeden Morgen stand Rene um sechs Uhr auf und arbeitete bis Mittag durch. Mit gutem Erfolg bestand er schließlich am 6. Juni 1895 seine Reifeprüfung. Aber schon während der Zeit seiner Privatstudien benutzte er jede freie Stunde, um aus der abgestandenen Luft seiner Umgebung zu fliehen. Es zog ihn hinaus in eine lichtere Welt, hinaus zu den Weinbergen. Aber nicht nur die Sonne und die weichen Rebenhügel waren es, die ihn lockten. Durch eine seiner Cousinen hatte er Valeria David-Rhonfeld kennengelernt, die dort draußen wohnte. Sie war ein hübsches, munteres Mädchen, das selbst Novellen schrieb und für Renes literarische Pläne volles Verständnis hatte. Während sie seidene Bänder und Porzellan bemalte, las Rene ihr seine frühen Verse vor. Ihr, seiner ersten Liebe, „Vally“, widmete er seinen ersten Gedichtband „Leben und Lieder“.
Valeria hatte eine der Broschen aus dem kostbaren Familienschmuck, den sie geerbt hatte, zum Juwelier gebracht und finanzierte aus dem Erlös den Druck des Bändchens. Bei diesem Mädchen fand Rene Heimat und Verständnis, Geborgenheit und Liebe. Sie war nicht nur die gütige Muse seines frühen Schaffens und seiner ehrgeizigen Pläne. Sie leitete ihn auch mit milder Hand aus dem engen Kreis seiner ererbten Vorstellungen heraus zu einem selbständigeren und umfassenderen Denken. Durch Valeria wurde Rene gewahr, dass nicht nur das Deutschtum in Böhmen eine kulturelle Höhe einnahm, sondern ebenso auch das Tschechentum. Sie wurde die Mittlerin zwischen Rene und den Tschechen in einer Zeit, in der der Nationalismus wie Unkraut im böhmischen Garten aufschoss, den Deutsche und Tschechen einst gemeinsam bestellt hatten. Bereits vor dreißig Jahren hatte Adalbert Stifter in seinem Roman „Witiko“ noch einmal die Einheit von Deutschtum und Tschechentum innerhalb der beide umfassenden böhmischen Heimat und Geschichte beschworen. Aber es war nur noch der Traum einer Friedensordnung zweier Völker, der längst zerbrochen war. Der zwanzigjährige Rilke wurde zu einem neuen Herold der Völkersympathie, indem er, entgegen den Meinungen vieler seiner bekannteren und älteren Zeitgenossen, tschechische Themen aufgriff und sie in seinen Gedichten gestaltete. Begeistert feierte er den Feuertod des Jan Hus in Konstanz als den Sieg eines Märtyrers, vor dessen Genius er sich in Ehrfurcht neigte, denn:

Der, den das Gericht verdammte,
war im Herzen, tief und rein,
überzeugt von seinem Amte, —
und der hohe Holzstoß flammte
seines Ruhmes Strahlenschein.

Er gedachte des tschechischen Dramatikers Josef Kajetan Tyl in seinen Versen, besuchte eine Prager Ausstellung, in der die Entwicklung der slawischen Völker dargestellt wurde, weshalb deutsche Nationalisten sie boykottierten, und er beschwor die sagenumwobene Gestalt des tschechischen Ritters Dalibor, der in Kerkerhaft einst aus Sehnsucht das Geigenspiel erlernte und mit seiner Musik seine Wächter bezauberte. Dem Ritter Dalibor fühlte der junge Rilke sich verwandt. Auch für ihn war die Musik Abglanz des eigenen Wesens. Nicht nur in der Schmiegsamkeit und dem melodischen Wohlklang seiner Sprache kommt das zum Ausdruck. Musik ist für Rilke stets der Zauberschlüssel gewesen, mit dem er in die geheimsten Kammern seiner Selbst eindrang, sie öffnete und aus der Einsamkeit, die ihn zuweilen wie eine Kerkerhaft umschloss, das Lied erstehen ließ, das den Schmerz auflöste und verwandelte. So schrieb Rilke jetzt die Verse, die zugleich erste Erwartung künftigen Dichtertums sind:

… in Kerkereinsamkeiten
weck ich meiner Seele Saiten,
glücklich wie einst Dalibor.

Immer wieder ersteht in Renes Versen seine Heimatstadt „Mütterchen Prag“. 1896 wird die Gedichtsammlung „Larenopfer“ veröffentlicht, deren Gedichte einem poetischen Spaziergang durch die Sagenreiche alte Stadt gleichen. Sie beschwören die eiligen Moldauwellen und die alte Hofburg, die Brücken und ihre bewegten Heiligenfiguren, die Prager „Kleinseite“ und die Wenzelskapelle, den Altstädter Ring und das gotische Rathaus mit seiner alten Uhr. Bürgerhäuser und Paläste, Türme und Kirchen, die ganze Geschichte der Stadt mit ihren Menschen werden lebendig. Da tritt der Wunderrabbi Low auf, der sich einen Golem, einen künstlichen Menschen, als Diener erschuf; Hofmusikanten und slowakische Drahtbinder, der Sternengläubige Kaiser Rudolph und der Magister Hus erscheinen in buntem Reigen. Und dann ist es wieder, als zögen die dunklen Gassen und engen Höfe, die Winkel und das alte Gemäuer der Stadt den Dichter in einen Bann der Trauer. Denn immer wieder wehen Allerseelentagsstimmung und Friedhofstille durch die Verse. Immer noch sind die Friedhöfe magische Orte für Rene, wie schon während seiner St. Pöltener Kadettenzeit, wo er in seiner Friedhofsecke wie Peer Gynt oder Hamlet über das Rätsel seines Daseins sann. Er besucht jetzt den Landfriedhof in Königsaal bei Prag und lässt sich- ganz von der Todesstille umfangen:

Aufschloss das Erztor der Kustode.
Du sahst vor Blüten keine Gruft.
Der Lenz verschleierte dem Tode
das Angesicht mit Blust und Duft;
da stieg wie eine Todesode
ein Trauermantel in die Luft.

Dann aber vermag er Einsamkeit und Schwermut auch plötzlich wieder abzustreifen, um sich im vorgeahnten Glanz späteren Dichterruhmes zu sonnen, der ihn als Künstler einst zum König adeln wird. Sehr von sich überzeugt, schreibt er die Verse:

Ob dir der Stirne göttliches Schweigen
auch kein rotgoldener Reif unterbrach, —
Kinder werden sich vor dir neigen,
selige Schwärmer staunen dir nach.

Es ist ein weiter Weg, den der Dichter von diesem selbstgefälligen Wort bis zu seinem ausgewogenen und reifen Spätwerk gehen musste. Als Zwanzigjähriger ist Rilke manchmal so sehr von sich eingenommen, steigert er sich in ein derart überhitztes Lebensgefühl hinein, dass er einmal ein Gedicht mit „Rene Cäsar Rilke“ unterschrieb. Es war dies die Zeit, in der Rilke sein Abitur bestand. Ein großer Druck war von ihm genommen. Da konnten Begeisterung und Selbstgefühl schon auch einmal die Zügel schießen lassen. In diesem Sommer 1895 macht Rilke auch einige Erholungsreisen. In vollen Zügen genießt er einen Aufenthalt an der Ostsee und die Natur, von der er in Prag so abgesperrt war. Eine Skizze über einen Sonntag an der Ostsee entsteht: „Dann stand ich am Meer. Das Meer war wie violettblauer, schwerer Atlas“, heißt es darin. „Ich staunte hinaus in die flimmernde Pracht. Wie ein Kind, das ein schönes Spielzeug erhalten hat, hätte ich alle rufen mögen, die mir lieb sind: „Kommt und seht, ist das nicht — herrlich?“

Neue Kräfte wachsen ihm zu aus der Natur. Er fühlt sich ungebundener und stärker als je zuvor. In dieser Stimmung wird er sich bewusst, dass noch viel Arbeit auf ihn wartet und er sich dafür ganz frei halten muss. So kommt es, dass er sich innerlich von seiner Bindung an das geliebte Mädchen löst. „Ich glaube halt“, sagt er zu Valeria, „wir dürfen uns nicht zu sehr aneinander gewöhnen — das tut nicht gut.“ Das Mädchen wusste, dass das der Abschied war. Doch sie verstand ihn und war ihm nicht böse. „Dank für das Geschenk der Freiheit“, schrieb ihr Rene, „Du hast Dich groß und edel erwiesen, auch in diesem schweren Augenblick, besser als ich.“ An der Prager Karl-Ferdinands-Universität, an der zehn Jahre später der Dichter Franz Kafka seinen juristischen Doktorgrad erwarb, belegte Rilke im Wintersemester 1895/96 Philosophie. Aber das Studium passte nicht für ihn. Viel zu sehr war er mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.

Selbstversunkenheit

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Paula Modersohn-Becker: Porträt Rainer Maria Rilke, 1906, Bremen, Sammlung Ludwig Roselius

Das „göttliche Schweigen“ seiner Stirn, von der Rene in so selbstbewusstem Jugendpathos sprach, wurde nicht nur von „seligen Schwärmern“, sondern bald auch von Frauen wie Katharina Kippenberg, der Gattin von Rilkes späterem Verleger, wirklich an ihm bemerkt. Das Gesicht des jungen Rilke war von einer sehr eigenartigen Selbstversunkenheit geprägt, die sich dann auch in seiner frühen Dichtung äußerte. Katharina Kippenberg hatte den etwa einundzwanzigjährigen Rilke einmal nach einer Shakespeare-Aufführung in irgendeinem Freilichttheater gesehen und in dem ihr damals noch Unbekannten, der schweigsam inmitten einer fröhlichen Gesellschaft saß, sogleich den bedeutenden Menschen erkannt. Sie sah, so berichtet sie selbst: „Ein Gesicht, so beladen mit Bedeutung, so überschüttet mit Gefühl, so gesegnet mit Sendung und über dem allem von einer so unsagbaren Demut und Stille, dass mir der Atem stockte. Die Augen sah ich nicht, sie waren niedergeschlagen, und die Stirn war leicht geneigt, und so inmitten der Lachenden und Schwatzenden ringsum, dem Gewimmel der Farben, der Stimme und des flimmernden Lichtes war es, als wäre man plötzlich von einer lärmenden Straße an das offene Portal einer Kathedrale getreten. Das Erstaunlichste war die Stirn dieses Kopfes, sie schimmerte, und es umwehte sie ein Gewölk, auf und ab zog etwas Schwebendes, ähnlich den kleinen ernsthaften Engeln, die die versonnenen Häupter der Madonnen auf alten frommen Bildern bisweilen umfliegen.“ Rilke war in dieser Zeit immer noch von einer Schwermut erfüllt, die ihre Wurzeln in den noch nicht überwundenen traurigen Erlebnissen der Kindheit und frühen Jugend hatte. Nicht nur in dem Gedichtband „Larenopfer“ (1895), sondern auch in dem Bändchen „Traumgekrönt“ kommt diese Stimmung zum Ausdruck.

Noch Jahre danach ist Rilkes Blick nach rückwärts gerichtet. In durchwachten Nächten grübelt er über das Rätsel des Daseins, über den Sinn des Leidens in der Welt, über sein eigenes Leben, seine Herkunft und Zukunft. Immer wieder neigt er sich über sein eigenes Bild, kommt über frühe Kindheitserlebnisse nicht hinweg, kann nicht verstehen, warum er ein Leben so am Rande, abgetrennt und fremd von all den anderen, den Fröhlichen, führen muss, ein so in sich gekehrtes, einsames Leben. Wieder sieht er sich, zwei Jahrzehnte zurückversetzt, im kurzen Mädchenkleid und langen Haar, an der Hand seiner Mutter und Tanten, und er möchte sich losreißen von dieser Erinnerung. Er versucht es, indem er sie teils beschwörend zu bannen und dadurch zu überwinden beginnt, teils aber auch, indem er seine eigene Existenz in ein erdichtetes Leben von Adel, Abenteuer und Heldentum verwandelt. So entsteht „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“, eine kleine Erzählung in Prosa, die 1899 erscheint. Mit ihr erringt der noch nicht Vierundzwanzigjährige seinen ersten Ruhm. Die ganze Sehnsucht nach lebensvoller Ferne und nach dem Abenteuer, die Melancholie langer Märsche auf unendlichen Straßen und im fremden Land, Abschiedsstimmung und Liebeserinnerung sind in die rhythmisierte und lyrisch durchwebte Sprache gebannt, in der schon die ersten Sätze beginnen:

Reiten, reiten, reiten, durch den Tag, durch die
Nacht, durch den Tag.
Reiten, reiten, reiten.
Und der Mut ist so müde geworden und die Sehnsucht
so groß. Es gibt keine Berge mehr, kaum
einen Baum. Nichts wagt aufzustehen. Fremde
Hütten hocken durstig an versumpften Brunnen.
Nirgends ein Turm. Und immer das gleiche Bild.
Man hat zwei Augen zu viel. Nur in der Nacht
manchmal glaubt man den Weg zu erkennen. Vielleicht
kehren wir nächstens immer wieder das Stück zurück, das
wir in der fremden Sonne
mühsam gewonnen haben? Es kann sein. Die
Sonne ist schwer, wie bei uns tief im Sommer.
Aber wir haben im Sommer Abschied genommen.
Die Kleider der Frauen leuchteten lang aus dem
Grün. Und nun reiten wir lang. Es muss also
Herbst sein. Wenigstens dort, wo traurige Frauen
von uns wissen.

Der Dichter, der sich nicht mehr wie früher Rene, sondern Rainer Maria Rilke nennt, verwandelt sich in dieser Erzählung in die Gestalt eines Cornets, eines Fähnrichs, der im 17. Jahrhundert in einem kaiserlich-österreichischen Reiterregiment gegen die Türken zieht und nach dem Erlebnis des Feldlagers und des Krieges eine kurze Zeit der Liebe und gleich darauf den Tod unter den Säbeln der Türken erfährt. Sehr verspielt noch nimmt Rilke in dieser Dichtung zu den Lebensmächten Stellung, deren unwiderruflichen Ernst er gleichsam mit dem starken Duft seiner Sprache betäubt. Fern der fürchterlichen Wirklichkeit beschreibt er den Soldatentod als „ein Fest“ und die zuspringenden tödlichen Säbel der Gegner als eine „lachende Wasserkunst“. Und doch klingt bereits etwas von der späteren Lebenserfahrung des Dichters in diesem Werke an: sein Wissen um die geheimnisvollen Zusammenhänge des Daseins, durch die die scheinbar größten Gegensätze einander verbunden sind, wie eben im „Cornet“ die Gegensätze von Liebe und Tod.
Als Wunschbild einer abenteuerlichen Ferne ist diese Dichtung aber auch Vorahnung eines großen Erlebens, das Rilke noch im gleichen Jahre 1899 zuteilwerden sollte: das Erlebnis Russlands und seiner religiösen Welt.

Russland und das religiöse Erlebnis

Rainer_Maria_Rilke,_1900
Rilke um 1900

In München, wo Rilke schon 1896 einmal für kurze Zeit gewesen war, lernte er die Schriftstellerin Lou Andreas-Salome kennen. Lou war die Tochter eines russischen Generals und bald verband ihn eine tiefe Freundschaft mit ihr. Er folgte dieser klugen und faszinierenden Frau, die mit fast allen bedeutenden Geistern ihrer Zeit befreundet war, mit Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud, mit Gerhart Hauptmann, Frank Wedekind, Max Halbe und vielen anderen, nach Berlin und nach Wolfratshausen bei München. Im Frühjahr 1899 und im folgenden Jahre begleitete er sie nach Russland. Das Erlebnis dieses Landes mit seinen schwermütigen Weiten, seinen gutmütigen, tief religiösen Menschen der Vorkriegszeit, die Demut in den Gesichtern dieses leidgewohnten Volkes, überhaupt der ganze Zauber des alten Russland mit seinen Gebräuchen und Lebensformen, alles das wühlte die verborgensten Schichten seiner Seele auf. Seine Ergebenheit vor dem Leben und sein noch unbestimmtes religiöses Suchen trafen in Russland auf etwas Verwandtes. Es war, als hätte er sein wahres Wesen erst dort erkannt und erst in diesem Lande das Echo gefunden, das er bisher vergeblich erhoffte.
So sehr liebte er Russland, dass er glaubte, schon von jeher dort beheimatet gewesen zu sein. „Als ich nach Moskau kam“, schrieb er, „war mir alles bekannt und vertraut. Zu Ostern wars. Da rührte es mich an wie meine Ostern, mein Frühling, meine Glocken. Es war die Stadt meiner ältesten und tiefsten Erinnerungen, es war ein fortwährendes Wiedersehen und Winken, es war Heimat.“ Aus der Begegnung mit diesem Lande und seinen Menschen reifte Rilke dem ersten Höhepunkt seines Schaffens entgegen. Auf seiner zweiten Russlandreise besuchte er den zweiundsiebzigjährigen Dichter Leo Tolstoi, der ihn in seiner freiwilligen Armut und dem Versuch, ein Leben nach dem Evangelium der Nächstenliebe zu führen, tief beeindruckte. Kunst erschien Rilke jetzt in einer ganz neuen Beleuchtung: Kunst war Anrufung Gottes, war Gebet. In Russland erfuhr Rilke ein religiöses Erleben, nachdem er unbewusst schon längst auf dem Wege war. „Er bog“, so berichtete Lou Andreas-Salome, „in Russlands Geschichte und Gotteslehre seine eigensten Nöte und Andachten ineinander, bis es in Notschrei und Lobpreis sich ihm als ein Stammeln entriss, das zum Wort ward wie noch nie — das Gebet ward.“ Die Frucht dieses Erlebens ist das „Stunden-Buch“. Von 1899 bis 1903 schrieb Rilke daran. Seine Verse beschwören das neue, mystische Gotteserlebnis, das ihm nun zuteil geworden war. Mystik kommt vom griechischen „myain“, das so viel wie „die Augen schließen“ oder „ein Geheimnis bewahren“ bedeutet. Das Geheimnis der Mystiker ist das Erlebnis der Einheit von Gott und Ich, eine Verbindung, die so innig sein kann, dass alle Grenzen dazwischen fallen. Nicht nur der Mensch wird nach Rilkes Glauben in dieser Art religiösen Erlebens des Gottes bedürftig, sondern auch Gott bedarf der Liebe des Menschen. In immer neuen Bildern und Symbolen beschwört Rilke jetzt diesen Gott. Er ist ihm im „Stunden-Buch“, das seinen Titel von den geregelten Gebetsstunden der Mönche hat, einmal „der uralte Turm“, um den er kreist, dann „der dunkle Unbewusste“, der „Leiseste“, der „Stein“. Und er schreibt diese Verse:

Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manches Mal
in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, —
so ists, weil ich dich selten atmen höre
und weiß, du bist allein im Saal.
Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da,
um deinem Tasten einen Trank zu reichen:
Ich horche immer. Gib ein kleines Zeichen.
Ich bin ganz nah.

Nur eine schmale Wand ist zwischen uns,
durch Zufall; denn es könnte sein:
ein Rufen deines oder meines Munds —
und sie bricht ein
ganz ohne Lärm und Laut.

Ganz stille muss man sein und nach innen hinein hören, um Gott zu begegnen. In glühenden Stunden des Schaffens gießt Rilke sein ganzes religiöses Erleben, sein Suchen und Finden, sein Zweifeln und Hoffen in die Verse dieser Dichtung, die er in drei Bücher gliedert: „Das Buch vom mönchischen Leben“, „Das Buch von der Pilgerfahrt“ und „Das Buch von der Armut und vom Tode“.

Bisweilen fühlt er sich so eins mit Gott, dass er ihn von der eigenen Existenz nicht mehr zu trennen vermag und die Bedürftigkeit Gottes nach der Liebe des Menschen zu spüren glaubt. Dann stellt er die kühne Frage:

Was wirst du tun, Gott, wenn ich sterbe?
Ich bin dein Krug (wenn ich zerscherbe?)
Ich bin dein Trank (wenn ich verderbe?)
Bin dein Gewand und dein Gewerbe,
mit mir verlierst du deinen Sinn.

So tief ist er in diese eigenwillige Gottesauffassung versunken, dass er sich die Ideen jener russischen Dichter zu eigen macht, die wie einst Maxim Gorki Gott nicht nur suchten, sondern aus überschwänglicher Seele heraus selber erschaffen oder „bauen“ wollten. Manchmal ergreift ihn ein rauschhaftes Gefühl der Einheit mit allen Gott suchenden Menschen. „Wir bauen an Gott, an dem uralten Turm, und wir bauen Jahrhunderte lang …“ schreibt er dann. Aber er weiß, dass das Werk Gottes nie vollendbar ist, denn:

Wir bauen an dir mit zitternden Händen
Und wir türmen Atom auf Atom.
Aber wer kann dich vollenden,
du Dom.

Rilke teilte in dieser Zeit die Hoffnung vieler Künstler, die im damaligen Russland das Heil und die Rettung der Welt sahen, weil dieses Land von der Mechanisierung und Entseelung durch die moderne Technik noch nicht ergriffen war. Drei Jahre nach seinem zweiten Russlandaufenthalt schrieb Rilke noch an Lou Andreas-Salome: „Vielleicht ist der Russe gemacht, die Menschen-Geschichte vorbeigehen zu lassen, um später in die Harmonie der Dinge einzugreifen mit seinem singenden Herzen. Nur zu dauern hat er, auszuhalten und wie der Geigenspieler, dem noch kein Zeichen gegeben ist, im Orchester zu sitzen, vorsichtig sein Instrument haltend, damit ihm nichts widerfahre.“ Ein Jahrzehnt später aber wurde offenbar, dass diesem russischen Menschen, den Rilke kennen und lieben gelernt hatte, sehr viel widerfuhr und dass die Hoffnung auf ihn trügerisch war. Im Jahre 1913 nämlich, am Vorabend der ersten russischen Revolution, verfasste Lenin an Maxim Gorki einen Brief, in dem er den Dichter gerade jener religiösen Vorstellungen wegen zurechtwies, die Rilke damals so verwandt erschienen. „Das ,Gottsuchen‘ „, so schrieb Lenin an Gorki, „unterscheidet sich von dem ,Bauen eines Gottes‘ oder dem ,Erschaffen eines Gottes‘ oder von dem ,Schaffen eines Gottes‘ nicht mehr, als sich ein gelber Teufel von einem blauen Teufel unterscheidet.“ Die russische Revolution brauchte nur Gläubige ihrer eigenen Idee, nicht Gläubige Gottes, wie sie Rilke einst in diesem Lande begegnet waren.

Der Weg nach Paris

L. Pasternak «R.M.Rilke in Moskau». 1928. Sammlung von Bajer, Weimar
L. Pasternak «R.M.Rilke in Moskau». 1928. Sammlung von Bajer, Weimar

Das ganze Russlanderlebnis klang noch in Rilke nach, als er bald darauf nach Worpswede ging, einer Künstlerkolonie in der Nähe von Hamburg. Dort waren junge Menschen versammelt, vor allem Malerinnen und Bildhauerinnen, die sich in der norddeutschen Landschaft einer herben und satten Farbigkeit, umgeben vom dunklen Moor, dem Wehen hoher Birken und von der salzigen Meeresluft getränkt, zu beschwingter Arbeit und freundschaftlichem Gespräch zusammengefunden hatten. In dem weißen Saal des Hauses, das Rilke bewohnte, trafen sich an den Sonntagen die Künstler. Da gab es lange und leidenschaftliche Diskussionen über die Kunst, ihren Weg und ihr Ziel. Der Dichter lernte jetzt von den Malern und Bildhauern das genauere Erfassen der Natur, das Erkennen innerer Lebensvorgänge im äußeren Kleid und im Wandel der Gestalt. Die Maler und Bildhauer wiederum lernten vom Dichter den Mut zur eigenen Ausdrucksweise auf dem Instrument der Sprache, und sie nahmen teil an seinem Bemühen, „aus jedem Wort ein Kleinod zu machen“. Worpswede ist für Rilke eine Zeit des Glück, der jugendlichen Begeisterung und des Zuwachses von Kraft. Trotzdem weiß er, dass er bei aller Liebe zu diesem naturnahen, ungebundenen Leben, zu dieser Landschaft und zu diesen Menschen nicht sesshaft werden darf. Sesshaftigkeit kann leicht zur Trägheit führen, kann von dem Werk, das erst noch zu leisten ist, ablenken. „Ich darf noch kein Häuschen haben. Werden und warten ist meines“, notiert er. „Es ist, als wäre mir eine Mission vorbehalten“, schreibt er in sein Tagebuch, „welche es notwendig macht, dass ich jede Schönheit umfassen lerne und die Schönheit in jedem“.

Da lernt er unter den Worpsweder Künstlern ein Mädchen kennen, das unter allen anderen hervorragt: Clara Westhoff, eine Schülerin des berühmten französischen Bildhauers Auguste Rodin. Diese Begegnung wird schicksalhaft für beide. Aus der gegenseitigen Bewunderung wird bald persönliche Zuneigung und Liebe. Im Frühjahr 1901 heiraten die beiden. Rilke versucht sich nun doch in der Sesshaftigkeit. Das junge Künstlerehepaar zieht hinaus nach Westerwede, einem kleinen Ort in der Nähe von Worpswede, und richtet sich dort in einem Bauernhaus in recht romantischer Weise ein. Es scheint zunächst wirklich, als ob sich hier Rilkes Wunsch nach Sammlung und grenzenloser, ungestörter Arbeit erfüllen könnte. Bald aber stellt sich heraus, dass ein solches Dasein in der Idylle doch nicht das dem Dichter gemäße und ihm bestimmte Leben ist. Dazu kommen wirtschaftliche Schwierigkeiten. Bald reichen die Mittel zur Aufrechterhaltung des Hausstandes nicht mehr aus. Rilke schreibt Briefe nach Berlin, Hamburg, Bremen und Wien, um schriftstellerische Aufträge zu bekommen. Aber er hat kein Glück. Es zeigt sich nun auch, dass Rilke und Clara Westhoff so sehr in ihren eigenen Welten als Künstler lebten, dass für sie auf die Dauer ein häusliches Leben sowieso nicht geeignet ist. So entschließen sie sich nach zwei Jahren, Westerwede zu verlassen, nach Paris zu gehen und sich dort auf die billigste Weise einzurichten, um ganz ihrer Kunst zu leben. Die inzwischen geborene Tochter wurde den Großeltern anvertraut.

Clara Rilke-Westhoff, Gemälde von Paula Modersohn-Becker, 1905
Clara Rilke-Westhoff, Gemälde von Paula Modersohn-Becker, 1905

Rilke bezog zuerst ein kleines möbliertes Zimmer, Clara Westhoff ein kleines Atelier. Die Bildhauerin machte Rilke jetzt mit ihrem Lehrer Rodin bekannt. Diese Begegnung ist für den Dichtet von gleicher Tragweite, wie es die mit Russland und Tolstoi gewesen war. Rodin nahm Rilke von 1905 bis 1906 ganz in sein tägliches Leben auf, indem er ihn als Privatsekretär verpflichtete. Dieser Bildhauer, der in seinem Atelier, dem früheren Kloster von Sacre Coeur, Skulptur um Skulptur schafft, dem Stein mit männlicher, fast gewalttätiger Sicherheit alle Formen abverlangt, die sein leidenschaftlicher Geist fordert, der einen ganz neuen Stil von gewaltiger Ausdruckskraft entwickelt und unter der steinernen Welt seines Arbeitsplatzes mit seiner gedrungenen Gestalt, dem stierhaften Nacken und dem charakteristisch modellierten Kopf selbst wie eine seiner Figuren wirkt, dieser Künstler des Schlegels und des Meißels wirkt auf den immer noch sehr in sich versponnenen Dichter wie ein Gewittersturm. Jetzt erst, durch Rodin und das Beispiel seines Schaffens, gewinnt Rilke ein wirkliches Verhältnis zur Welt der realen Dinge und zur Natur, die er in Worpswede bereits in ihren äußeren Formen richtig sehen zu lernen angefangen hatte. Nun lernt Rilke mit den Dingen umzugehen, sie in der Sprache zu bannen, so, wie der Bildhauer sie mit dem Meißel gestaltet und beherrscht. Zum ersten Mal gewinnt er Mut, den Dingen und der äußeren Welt gegenüber. Er löst sich aus der eigenen Selbstversunkenheit und tritt heraus in das grelle Licht des Alltags mit seiner bunten Fülle der Erscheinungen. In Meudon, in dem kleinen Haus neben dem Hause Rodins, ist jetzt auch Rilkes Wohnung. Nicht nur die Beobachtung des Bildhauers bei seiner Arbeit im Atelier ergibt fruchtbare Einsichten. Auch die vielen Gespräche, die Rilke abends im Garten mit Rodin und seiner liebenswürdigen, bescheidenen Frau führt, die gemeinsamen Fahrten in die Stadt, Ausflüge nach Versailles und Reisen nach Chartres bereichern ihn mehr von Tag zu Tag. „Rodin hat mich alles gelehrt, was ich vorher noch nicht wusste“, ruft er aus, „geöffnet durch sein stilles, in unendlicher Tiefe vor sich gehendes Dasein, durch seine sichere, durch nichts erschütterte Einsamkeit, durch sein großes Beisammensein um sich selbst und sein wachsendes Altern, in dem alle Dinge zusammengeschlossen sind.“ Durch die Begegnung mit Rodin kommt Rilke zu einem ganz neuen Stil. Er gewinnt nun in seiner Sprache eine Buntheit und einen Reichtum wie nie zuvor. Durch eine ganz neue Verdeutlichung der sprachlichen Gestaltung wird er selbst zum Beherrscher der Dingwelt. Jetzt vermag er mit dem dichterischen Wort die Dinge wirklich zu erschaffen. Es ist, als wäre er jetzt erst sehend geworden. Ein starkes Verlangen nach den Erscheinungsformen der Welt, nach ihren Bewegungen und Gesetzen erfasst ihn. Nichts mehr ist jetzt unwichtig. Ein Stück Holz, eine Mauer, ein Baum, ein Stein, alles hat seine Bedeutung und sein eigenes Leben, das es von innen her, aus dem Wesen der Dinge heraus, zu erkennen gilt. Stundenlang streicht Rilke durch die Straßen von Paris. Mit immer neuen Eindrücken füllt er sich an. Sein Auge wird unersättlich. Was er jetzt nachgerade gierig in sich aufnimmt, das verarbeitet sein Geist zu der neuen dichterischen Form. Oft sieht man den schmalen, etwas nach vorn gebeugten Mann im grauen Anzug, mit den grauen Gamaschen, dem weichen Filzhut und dem unter den Arm geschobenen Spazierstock in den Pariser Straßen, wo er Menschen und Dinge genau registriert, Glanz und Elend, Kinderfreude und Altersleid. Der Garten des Luxembourg-Palais gehört zu den Lieblingszielen seiner Spaziergänge. Dort beobachtet er die bunte Pracht der Karussells und die aufgeregte Freude der Kinder. Das alles vermag er jetzt, bis in die Bewegung hinein, in Versen auszudrücken. Eines seiner berühmten Gedichte, „Das Karussell •— Jardin du Luxembourg“, entsteht:

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weißer Elefant.

Sogar ein Hirsch ist da ganz wie im Wald,
nur dass er einen Sattel trägt und drüber
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.

Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
und hält sich mit der kleinen heißen Hand,
dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwünge
schauen sie auf, irgendwohin, herüber —

Und dann und wann ein weißer Elefant.
Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines, kaum begonnenes Profil —.

Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel . . .

Auguste Rodin
Auguste Rodin

Der Einfluss des Bildhauers auf den Dichter findet in den „Neuen Gedichten“, die 1907/08 entstanden, in der klar umrissenen Hinwendung zur Welt der Dinge, seinen stärksten Niederschlag. Wie Rodin am Stein, so meißelt Rilke an der Sprache. Seine Figuren werden gleich denen des Bildhauers greifbar lebendig. In voller Wirklichkeit erschafft er sie durch das verdichtete Wort. Meisterwerke wie „Der Panther“ entstehen. In nur zwölf Versen vermag Rilke seinem Panther ein Leben einzuhauchen, in dem alle dumpfe Kraft und Verzweiflung des gefangenen Raubtiers atmet, dessen Blick vom Vorübergleiten der Stäbe seines Käfigs müd geworden ist und dem sich nur manchmal noch lautlos der „Vorhang seiner Pupille“ aufschiebt um ein Bild in sich einzulassen, das im Herzen des Tieres gleich wieder erlischt. „Ä mon grand ami Auguste Rodin“, Meinem großen Freund Auguste Rodin, lautete die Zuneigung des ersten Teiles dieser Pariser Gedichte. „A mon grand ami Maria Rilke“ schrieb Rodin auf eine seiner schönsten Zeichnungen, die er für den Dichter auswählte und ihm als Gegengabe schenkte. Immer noch näher will Rilke an die Dinge heran. Er will die Welt in ihrer Fülle fassen. Alles verlangt er sich selbst und der neu zu schaffenden Sprache ab. Er geht sogar in die Bibliotheken und schlägt in alten Wörterbüchern nach, um neue, vergessene Worte zu finden, die er wie Bausteine zu seinem Werk benutzt. Manchmal beklagt er sich über das unzulängliche Material, das ihm in der abstrakten Sprache als Dichter zur Verfügung stehe: „Rodin empfingen jeden Morgen die großen Blöcke, an denen er seine Arbeit beginnen konnte, bei mir lag ein kleiner Bleistift auf dem Tisch.“ Gelegentlich unterbrach Rilke seinen Paris-Aufenthalt zu längeren Reisen oder Gastaufenthalten bei Freunden. Doch immer wieder kehrte er in den Jahren von 1903 bis 1914 in die Stadt an der Seine zurück, auch nachdem die Bindung an Rodin sich gelöst hatte. Dass zwei so ausgeprägte Künstlernaturen auf die Dauer nicht nebeneinander leben konnten, ist nur allzu verständlich. Jeder von ihnen folgte seinem eigenen Lebensgesetz. Dieses Gesetz führte Rainer Maria Rilke, nach der Erfahrung der äußeren Welt und ihrer künstlerischen Beherrschung, wieder in das Innere der Welt zurück. Er suchte hinter den Dingen die beseelende Kraft. Von Anfang an war Paris für Rilke nicht nur das Erlebnis Rodin, nicht nur der prickelnde Reiz französischen Lebens und französischen Geistes, auch nicht nur die Freude des Beobachtens kindlicher Spiele in den schattigen Parks. In Paris sah Rilke von Anfang an auch die Großstadt, die wie jede dieser steinernen Burgen des technischen Fortschritts auch eine Anhäufung von Leid und Elend war. Er beobachtete und beschrieb nicht nur das Karussell im Jardin du Luxembourg. Er sah dort auch den blinden Zeitungsverkäufer, „der am Gitter des Luxembourg-Gartens sich langsam hin- und zurückschiebt den ganzen Abend lang . . .“, und Mitleid und Verzweiflung über das Elend der Welt überfielen ihn. Auch in seiner düsteren Seite fand das Großstadterlebnis in Rilke seinen Widerhall. Der Dichter spürte alle Not, der er begegnete, in sich selbst, und allmählich wurde ihm die moderne Großstadt zum Symbol der Naturferne und der Ferne von Gott. Die Tage der Begeisterung wurden abgelöst von Tagen der Verzweiflung und Niedergeschlagenheit. Eine neue Dichtung entstand: der „Malte Laurids Brigge“. Bis 1910 arbeitete Rilke an diesem Prosawerk, das Ausdruck seiner düsteren Stimmungen ist. Es ist das Elend der Armen der Stadt, die Malte Laurids Brigge, in den Rilke seine eigenen Erlebnisse legt, sich zu Herzen nimmt. Die „Fortgeworfenen“, denen ihr Schicksal schon zur Rilke_RodinSelbstverständlichkeit geworden ist, die wie Verworfene durch die Straßen schleichen oder frierend auf den zugigen Plätzen stehen, schmutzig und verbraucht, mit einer schäbigen Bettstatt und einem Essnapf als einzigem Eigentum, sie sind es, denen er sich in Mitleid zuwendet und die ihn erneut zur Frage nach Gott veranlassen. Dicht tritt Rilke dem Elend gegenüber. Er stellt die Frage in ihrem ganzen Ernst: ob durch Mitleid und völlige Einfühlung das Elend der Welt gemildert werden könnte. Und wieder taucht der blinde Zeitungsverkäufer vor dem Jardin du Luxembourg vor Malte Laurids Brigge auf, der über ihn sagt: „Die durch keine Vorsicht oder Verstellung eingeschränkte Hingebung seines Elends übertraf meine Mittel. Ich hatte weder den Neigungswinkel seiner Haltung begriffen gehabt, noch das Entsetzen, mit dem die Innenseite seiner Lider ihn fortwährend zu erfüllen schienen. Ich hatte nie an seinen Mund gedacht, der eingezogen war wie die Öffnung eines Ablaufs.“ Es ist aber nötig, an alles das zu denken! In der Hast und dem Geflirre der Großstadt, ihren Attraktionen und Verführungen, dem mechanischen Ablauf ihres scheinbar so harmonischen Lebens liegt die unmenschliche Gefahr des Vergessens des Elends. Erst wenn wir das Elend der andern in uns aufnehmen, mitleidend daran teilnehmen, erst dann werden wir zu Menschen. Erst dann wird es uns auch möglich sein, das Leben in seiner Ganzheit zu fassen. Als Belohnung unseres Mutes gleichsam, dabei auszuhalten, so meint der Dichter, werden wir dann auch die Stufen vom Schrecklichen zum Seligen des Daseins emporfinden. Rilke glaubt an die läuternde Kraft des Leidens. Er glaubt, dass die Seele des Menschen so unerschöpflich reich ist, dass in ihr alle Möglichkeiten beschlossen sind. Es kommt auf die Anstrengung des Menschen an, was er aus seinem Leben macht. Wenn er allen Mut und alle Kraft in sich zusammennimmt, das ist die Botschaft des Dichters, dann ist es ihm möglich, den Schrecken in sein Gegenteil zu verwandeln. „Erst dem“, sagt Rilke, „dem auch der Abgrund ein Wohnort war, kehren die vorausgeschickten Himmel um…“ — So ist auch der „Malte Laurids Brigge“ gemeint. Über diese Dichtung schrieb Rilke, nachdem er sie unter Anwendung größter innerer Anstrengung vollendet hatte: „Der arme Malte fängt so tief im Elend an und reicht, wenn man es genau nimmt, bis an die ewige Seligkeit; er ist ein Herz, das eine ganze Oktave greift: nach ihm sind alle Lieder möglich.“ Gott, das Gute und das Heil sind nur durch Anstrengung, Opfer und Arbeit zu erreichen. „Alle Lieder“ bedeuten für den Dichter Lieder der Trauer und Lieder der Freude, das Leben in seiner ganzen Mannigfaltigkeit. Der Weg nach Paris war ein Weg innerer Wandlung und Reife für Rilke gewesen.

Im Strom der Zeit

RM_RilkeIm Januar 1910 kam Rilke mit den Niederschriften des „Malte Laurids Brigge“ im Koffer nach Leipzig, wo er als Gast im Hause seines Verlegers Kippenberg wohnte. Im Turmzimmer, über den Baumwipfeln des Gartens, diktierte er die Reinschrift dieser Dichtung für das Druckmanuskript. Nach einem Jahrzehnt sah nun auch Katharina Kippenberg den Dichter wieder, der ein anderer geworden war. „Er sah anders aus“, berichtet sie. „Der Hauch, der seine Stirn umgeben hatte wie ein Kranz Rosen, war verschwunden, sie war klarer und freier geworden, die Züge stärker modelliert. Rilke war nicht groß, sehr feingliedrig, mit einem schmal in die Höhe gehenden Kopf. Sein dunkelbraunes Haar stand hoch darüber und war wellig. Das Auge sah ich nun zum ersten Mal und war erstaunt, dass ich es nicht so sehr als den Mittelpunkt des Gesichtes empfinden konnte. Es war groß, von einem mittelhellen Blau, wie Kinderaugen manchmal sind, und es schien als ein Vorhang zu dienen, um Verborgenes zu schirmen. Den Mund umgaben senkrecht fallende spärliche blonde Haare, scherzend hat man von einem Chinesenbart gesprochen. Die Nase war außerordentlich geistreich, und den Nasenflügeln traute man eine so feine Witterung zu, wie ein edler Jagdhund sie besitzt. Sehr bald fiel auf, wie er mit Farbe und Aussehen wechselte . . .“ Seit Paris und dem „Malte Laurids Brigge“ hatte Rilke in menschliche Abgründe zu sehen gelernt. Sein Gesicht war zum Ausdruck seiner Feinfühligkeit geworden. Er fühlte ihre Bedrohung durch das heraufziehende Zeitalter totaler Technisierung. Und während allgemein die Stimmung der Bürger in dem Jahrzehnt nach der Jahrhundertwende fortschrittsgläubig und unbeschwert war, gab er in seiner Dichtung der Sorge um die Zukunft Ausdruck. Es ist die Zeit scheinbarer Geborgenheit und scheinbar wohlgeordneter Verhältnisse, indes die Dämonen der Zerstörung bereits ihr Werk im Verborgenen betreiben. Bald wird der Erste Weltkrieg den Auftakt zur Katastrophe geben. Ein neues Zeitalter ist im Anbruch. Soeben entsteht in Amerika die erste Traumfabrik, die Filmstadt Hollywood, zwei Jahre darauf, 1912, führt Henry Ford das Fließband ein, Viktor Heß entdeckt die kosmischen Strahlen, und die Relativitätstheorie Einsteins kommt zu immer bedeutenderer Ausweitung. Der Fortschritt der Wissenschaften erzeugt zugleich ein Gefühl der Unsicherheit in den Menschen, die ihren festen Standort im Gefüge der Welt zu verlieren glauben. Es gibt kein festes Bezugssystem mehr, das standhielte, seitdem selbst die Atome, die „Urbausteine“ der Materie, sich in Teile auflösen. Die Maschine wird zum Symbol der neuen Welt. Durch die Technik begünstigt, wachsen die Städte riesengroß empor. Das freie, natürliche Leben droht unter ihrer Asphaltdecke zu ersticken. Wie viele Dichter seiner Zeit, Georg Heym, Bert Brecht, Franz Kafka, Oskar Loerke, Franz Werfel, Klabund, nimmt auch Rilke das Schicksal der Städte vorweg, das ihnen Jahrzehnte später erst im Feuerschein der Bombennächte und in der seelenlosen Automatisierung ihres Lebens bestimmt war. Er wendet sich gegen die Zerstückelung der Zeit, gegen die „kleine Zeit“, wie sie durch den modernen Arbeitsprozess in den großstädtischen Fabriken mit seiner Zersplitterung in lauter nicht mehr übersehbare, zusammenhanglose Einzelvorgänge und seiner Schichtarbeit sich ankündigt. Schon im „Stunden-Buch“ schrieb er:

Denn, Herr, die großen Städte sind
verlorene und aufgelöste;
wie Flucht vor Flammen ist die größte, —
und ist kein Trost, dass er sie tröste,
und ihre kleine Zeit verrinnt.

Er beschwört die Gefahren eines glaubenslosen Materialismus, wie er in den Städten wächst und sich in lautem Gebaren, in Betäubung und Selbsttäuschung und einem kritiklosen Fanatismus des Fortschritts äußert:

Die Städte aber wollen nur das Ihre
und reißen alles mit in ihren Lauf.
Wie hohles Holz zerbrechen sie die Tiere
und brauchen viele Völker brennend auf.

Und ihre Menschen dienen in Kulturen
und fallen tief aus Gleichgewicht und Maß,
und nennen Fortschritt ihre Schneckenspuren
und fahren rascher, wie sie langsam fuhren,
und fühlen sich und funkeln wie die Huren
und lärmen lauter mit Metall und Glas.

Es ist, als ob ein Trug sie täglich äffte,
sie können gar nicht mehr sie selber sein;
das Geld wächst an, hat alle ihre Kräfte
und ist wie Ostwind groß, und sie sind klein
und ausgehöhlt und warten, dass der Wein
und alles Gift der Tier- und Menschensäfte
sie reize zu vergänglichem Geschäfte.

Als dann der Erste Weltkrieg ausbrach, dessen Leid für Rilke unbegreiflich war, wenngleich er, durch die Begeisterung der ausziehenden Soldaten ergriffen, im August 1914 seine Kriegsgesänge schrieb, begann für Rilke eine Zeit schmerzlicher Krisis. Er lebte in München, war gesundheitlich sehr schwach und wurde deshalb für den Felddienst für untauglich erklärt. Im November 1915 kam er aber in das k. k. österreichische Kriegsarchiv nach Wien. Er litt unter dieser Arbeit, die ihn täglich mit den kriegerischen Ereignissen in Verbindung brachte. Auf eine Eingabe seines Verlages, die von einer Anzahl bekannter und führender Persönlichkeiten des literarischen und geistigen Deutschland unterzeichnet war, wurde er aus dem Militärdienst entlassen und kehrte im Juli 1916 nach München zurück, wo er eine eigene Wohnung gemietet hatte. Aber er war ein Gebrochener. Das Leid des Krieges drang tief in ihn ein. Schon 1912 hatte er auf Schloß Duino an der Adria bei Triest die ersten drei seiner berühmten „Duineser Elegien“ mit dem Klageruf begonnen:

Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme
einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge vor seinem
stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören.

Ausbruch tiefster Verzweiflung waren diese Verse. Aufschreie letzter Einsamkeit des leidenden Menschen, der verlassen dem Schmerz der Welt gegenübersteht. Die Ordnungen der Engel scheinen dem Dasein des Menschen so sehr entrückt, dass dieser sich mit seinem Schrei nicht an sie wenden kann. Doch selbst wenn die Engel des Menschen Stimme vernähmen, müsste er an ihrem Herzen und an ihrem stärkeren Dasein vergehen; denn die Schönheit dieser höheren Wesen ist so groß, dass sie das Wesen des Menschen überfordert und so zum Schmerz wird, gleich der Sonne, in die das Auge nicht ungeblendet schauen kann. Jetzt, mit dem Kriege, gewannen die Stimmen der Klage über Rilke noch größere Gewalt. So sehr wurde der Dichter vom Schicksal der Welt übermannt, dass ihm darüber die Stimme versagte. Fast während der ganzen Zeit des Krieges verstummte er. Bald flüsterte man sich unter Rilkes Freunden und Bekannten in München zu: „Rilke wird nicht eine Zeile mehr schreiben.“ Tatsächlich sollte es bis 1921 dauern, bis der Dichter wieder im Vollbesitz seiner künstlerischen Kraft war.

Die letzten Jahre — Vollendung

Nach dem Kriege ging Rilke in die Schweiz. Von innerer Unruhe geplagt, zog er von Hotel zu Hotel, von Stadt zu Stadt, immer im Aufbruch, ohne Rast, hielt Vorträge und machte Besuche. Erst im Winter 1921 fand er Ruhe“. In der strengen Einsamkeit des kleinen Schlosses Muzot bei Sierre an der Rhone, in dem bergigen Schweizer Wallis, das sein Freund für ihn mietete, reifte sein Werk der Vollendung entgegen. Hier wachsen Weinreben in südlicher Heiterkeit und mildem Glanz, uralte Tannen ragen wie aus einem Märchenwald der Urzeit, bemoost und mit weiten, hängenden Ästen aus den grünen Matten der Hänge und Täler, und der Walnussbaum reift, von dem der Kanton seinen Namen hat. In dieser Landschaft mit ihren glühenden Sonnenuntergängen hinter den großen Bergen, ihrem Wolkentheater auf dem südlich blauen Grund des Himmels, ihren Quellen und Bächen, Taltreppen und klassisch klaren Umrissen der Hügel und Häuser, fernab dem Getriebe der Städte, vollendet Rilke die „Duineser Elegien“, die er als sein Vermächtnis betrachtet.
Rilke_05Gleichzeitig aber, und das ist das Wunder dieser großen schöpferischen Zeit, schreibt er an den „Sonetten an Orpheus“. Er stellt der Elegie — der Klage — den freudigen Klang der orphischen Sonette gegenüber. Das ganze Dasein will er gestalten. Nicht nur den Schmerz, sondern auch die Freude. Orpheus ist der alte griechische Gott und König der Lieder, der große Zauberer der Töne, Sohn des Apollon und seiner Muse. Von solcher Zauberkraft war sein Gesang, dass er wilde Tiere damit zähmte und selbst Bäume und ganze Wälder, von seinem Liede gebannt, ihm folgten. Er ist eine Rilke tief verwandte Gestalt, die klassische Vollendung dessen, was schon an der Prager Sage vom Sänger Dalibor den Zwanzigjährigen ergriffen hatte. Ihn, Orpheus, beschwört Rilke nun, und er setzt seinen Gesang dem Klageruf der Elegie entgegen, damit das Gleichgewicht der Welt wieder hergestellt werde. Neben dem Aufschrei über das Leid steht jetzt auch das Rühmen der Welt.
Über das Entstehen der Elegien berichtete er der befreundeten Fürstin von Thurn und Taxis: „Alles in ein paar Tagen, es war ein namenloser Sturm, ein Orkan im Geist (wie damals auf Duino), alles, was Faser in mir ist und Geweb, hat gekracht, — an Essen war nie zu denken, Gott weiß, wer mich genährt hat.“ Rilkes Dichtung, die aus der ganzen inneren Fülle seiner Lebenserfahrung genährt ist, zehrte am Leben des Dichters selbst. Der Weg seines Lebens und seiner Kunst war ein einziger Weg in die verborgenen Tiefen des Daseins und aller Dinge, ein Weg in das Innere der Welt und in sein eigenes Innere. Es war ein für den Dichter erschöpfender Weg. „Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr“, klagte er einmal, als er sein Werk bereits vollendet hatte. Zu Beginn des Jahres 1926 fühlte er sich krank, müde, verbraucht. Er ging in das Sanatorium nach Val-Mont, bei Montreux am Genfer See, im Sommer dann nach Ragaz, wo er Bäder nahm. Aber schon im Dezember musste er wieder nach Val-Mont. Die Ärzte stellten eine unheilbare Blutkrankheit fest. Rilke verfiel schnell. Er litt unmenschliche Schmerzen. „O Herr, gib jedem seinen eignen Tod“, hatte er vor dreiundzwanzig Jahren einmal geschrieben. Jetzt machte er selbst mit dieser Bitte ernst. Er wollte seinen eigenen Tod sterben, bei vollem Bewusstsein. So wies er alle inneren Medikamente zurück, die ihm die Ärzte geben wollten. Selbst unter Qualen verzichtete er auf das falsche Glück des schmerzlindernden Morphiums. Er wollte den Tod auf sich nehmen. Am Morgen des 29. Dezember 1926, kurz vor fünf Uhr, hatte er, einundfünfzigjährig, seinen letzten Kampf bestanden. Hoch auf einem Hügel zu Raron, auf dem kleinen Friedhof über dem Rhonetal, wurde Rainer Maria Rilke am 2. Januar 1927 zur letzten Ruhe bestattet. Den Wanderer, der diesen Ort im Sommer besucht, empfängt der Duft unzähliger Rosen. Immer waren die Rosen Rilkes Lieblinge gewesen. In zahlreichen Versen hatte er ihr stilles Blühen gefeiert. Unter ihren Blütenblättern, die ihm wie Augenlider sind, bewunderte er das geheimnisvolle Leben, das Rätsel und den Widerspruch, dass diese Lider sich über einer Blumenruhe schließen, die dennoch kein Schlaf, sondern Leben ist. Vielleicht dachte er an den eigenen Todesschlaf als einen Schlaf zu neuem Leben, als er diese, seine letzten Verse schrieb, die auf dem Grabstein im Bergfriedhof zu Raron stehen: Rose, o reiner Widerspruch, Lust, Niemandes Schlaf zu sein unter so viel Lidern.

Arkadij Awertschenko Θ Russischer Schriftsteller & Satiriker

Arkadi Awertschenko (um 1920)
Arkadij Awertschenko – um 1920

Arkadij Awertschenko (*1880 in Sewastopol, †1925 in Prag ) war ein russischer Schriftsteller und Satiriker. Er arbeitete zuerst als Buchhalter, versuchte sich aber schon bald mit Erzählungen und Satiren. Die erste erschien unter dem Titel Как мне пришлось застраховать жизнь (dt. Wie kann ich mein Leben versichern) in der Zeitschrift Южный край (Südliches Land) im Oktober 1903 in Charkow, wohin er Anfang der 1900er Jahren übersiedelt war; er selbst jedoch erachtete als sein literarisches Debüt die Erzählung Праведник (1905, dt. Die Gerechten). Zwischen 1905 und 1907 arbeitete er redaktionell für die satirischen Zeitschriften Штык (Bajonett) und Меч (Schwert) und veröffentlichte teilweise unter verschiedenen Pseudonymen. Als er mit den dortigen Zensurbehörden Schwierigkeiten bekam, ging er 1908 nach Sankt Petersburg. In der Hauptstadt wurde er Mitarbeiter kleinerer Publikationen, darunter der Zeitschrift Стрекоза (Drachenfliege). Als die Zeitschrift viele Abonnenten verlor, gründete er mit einer Gruppe von jungen Mitarbeitern der Zeitschrift ein neues Magazin mit dem Namen Сатирикон (Satyrikon, 1913 das Новый сатирикон, (Neues Satyrikon), dessen Herausgeber er bald wurde und das rasch populär wurde. Viele seiner dort erschienenen Kurzgeschichten kamen auch in Theatern zur Aufführung.
In den Jahren 1911 und 1912 reiste er zweimal in das westliche Europa und sammelte auf diesen Reisen Material für seine satirischen Erzählungen. In dieser Zeit entwickelte sich Awertschenko zum führenden Satiriker der ausklingenden Zarenzeit. Es gelang ihm für seine Zeitschrift die Mitarbeit bedeutender Illustratoren wie Iwan Bilibin und Autoren wie Wladimir Majakowskij zu gewinnen. Als sich nach der Oktoberrevolution die Situation dramatisch veränderte und das gesamte Personal der Zeitschrift eine ablehnende Haltung gegenüber des sowjetischen Regime einnahme, verboten im Juli 1918 die Bolschewiki das Новый сатирикон. Awertschenko ging daraufhin in seine Geburtsstadt Sewastopol, das zu dieser Zeit in der Hand dern “Weißen” war, und arbeitete dort ab Juli 1919 als Journalist für die Zeitung Юг (Süden) (später Юг России, Südrußland). Nachdem am 15.11.1920 auch Sewastopol in die Hände der “Roten” geraten war, gelang es Awetschenko mit einem der letzten Schiffe die Heimat in Richtung Konstantinopel zu verlassen, wohin sich viele russische Flüchtlinge gerettet hatten. 1921 veröffentliche er in Paris zahlreiche Pamphlete unter dem Titel Дюжина ножей в спину революции (dt. Ein Dutzend Messer im Rücken der Revoluton), in denen die Charaktere seiner Geschichten ihre nostalgischen Gefühle in Bezug auf die vergangenen Zeiten zum Ausdruck brachten. Im April 1922 ging er zunächst nach Sofia, dann nach Belgrad und ließ sich schließlich im Juni 1922 in Prag nieder, wo er sich im Hotel Goldene Gans am Wenzelsplatz ein Zimmer mietete. Auch in der Emigration gelang es ihm, sich erfolgreich zu behaupten .Im Jahr 1923 kam im Berliner Verlag Nord seine Sammlung von Immigrantengeschichten unter dem Titel Записки Простодушного (dt. Naive Bemerkungen) heraus. Über die Schwierigkeiten im Umgang mit der Sprache veröffentlichte er das Werk Трагедия русского писателя (dt. Tragödie eines russischen Autoren). In der Tschechoslowakei aber erlangte er bald großen Erfolg; er arbeitete für die bekannte Prager Presse, und viele seiner Werke wurde ins Tschechische übertragen. Nach einer Operation im Jahr 1925, bei der ihm eine Auge entfernt werden mußte, erkrankte er schwer und wurde bewußtlos in das Prager Städtischen Krankenhaus gebracht, wo die Ärzte eine „Schwächung des Herzmuskels, die Erweiterung der Aorta und eine Nierensklerose“ diagnostizierten, konnte er nicht mehr gerettet werden.

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Awertschenko karikierte sowohl das Leben in der Zarenzeit als auch unter den Bolschewiken und in der Emigration, es ging ihm aber nicht um Kritik an politischen Verhältnissen. Sein Humor ist menschenfreundlich, oft melancholisch. Er setzt überraschende Pointen und erzielt Situationskomik. Von den Kommunisten wurde er angefeindet. Lenin bezeichnete seine Erzählungen aus der Emigrationszeit als „Verleumdungen eines bis zum Wahnsinn erbitterten Weißgardisten“.

Erzählungen, Essay und weitere Texte von Arkadij Awertschenko finden Sie in unserem Magazin hier.

Der Zweizeiler: Die eiserne Hand an der Schwelle

Aber das neue Leben, das ich in dieser Stunde beginnen wollte, ohne mein altes ins reine gebracht zu haben, stellte sich zunächst einmal als Schwelle vor mich hin, die ich überschreiten musste. Gerade hatte ich das Hindernis überwunden, spürte ich mich plötzlich von einer Eisernen Hand festgehalten. Mit einer mich selbst überraschenden Kraftanstrengung  riss ich mich los. Von nun an begleitete mich ein neuer Freund durch dieses vermeintlich jungfräuliche Leben in Gestalt eines Karlson-vom-Dach.

Text: Oliver Simon

Der Zweizeiler: Die Schwerelosigkeit eines Schneewittchen

In dem Maße, wie sich die Beziehung der Dinge zueinander verflüchtigte,  verlor ich das Empfinden eigener Schwere – bis ich mich überhaupt nicht mehr spürte. Ich war zu einem schlummernden Schneewittchen im Glassarg geworden. Jeder Gedanke, den ich versuchte, wurde mir sogleich wie von einer milden, unnachgiebigen hand aus dem Kopf genommen und in die Dunkelheit gelegt, die sich nun mit einem traumhaften leisen Summen anfüllte.

Text: Oliver Simon