Kategorie: Nächstenliebe

Cats Gedankenwelt: Die Grenzen des Einzelnen

Ein endloser Horizont - wie realistisch ist diese Vision?
Ein endloser Horizont – wie realistisch ist diese Vision?

Glaubt man den zahlreichen Ratgebern und Motivationsleitfäden, die im großen weiten World Wide Web und darüber hinaus kursieren, ist der Mensch ganz allein seines Glückes Schmied und kann jede Situation allein durch die innere Einstellung „managen“. „Selbstmanagement“ oder „Empowerment“ nennt sich das Ganze – um nur zwei Leitbegriffe zu nennen. Doch ist diese Vorstellung absoluter Grenzenlosigkeit umsetzbar, oder geht sie gar an der Realität komplett vorbei? Eine kritische Alltagsbetrachtung.

Es gibt ja bekanntlich die Menschen, die über jeden Regentropfen schimpfen, alles, was in ihrem Leben geschieht, „ungerecht“ finden und sich selbst komplett als Opfer der Umstände betrachten. Auch wenn wahrscheinlich mal jeder und jede kurzzeitige „Depriphasen“, in denen man die Welt komplett schwarz sieht Andere können gar nicht mehr anders, als immer dem „Bösen da draußen“ und einem unglücklichen Zufall die Schuld an allem zu geben, was schief läuft. Solche Zeitgenossen können ganz schön nerven. Aber dann gibt es auch das exakte Gegenteil – nämlich diejenigen, die alles, was außerhalb ihrer Persönlichkeit liegt, einfach wegschieben. Von irgendetwas abhängig sein, das nicht der eigene Wille ist? Ach Quatsch. Das gibt’s doch gar nicht und wenn doch, ist es hemmungslos „von vorgestern“. Das sind dann die Menschen, die einem weismachen wollen, dass wirklich alles möglich ist, wenn man es nur will. Also „Glücksmissionare“, die die eigentlich gut gemeinte Absicht, Zaudernde zu ermutigen, komplett überspitzen und Grenzenlosigkeit propagieren. Um ehrlich zu sein, kann dieser Menschenschlag ebenso anstrengend daherkommen wie sein schwarzmalerisches Pendant.

Optimistisch – oder schon abgehoben?

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Der Mythos „grenzenloser Möglichkeiten“ liegt im Trend

Re-Empowerment“, „höheres Bewusstsein“, „Selbstmanagement“ – alles Begriffe, die derzeit im Ratgebermilieu sowohl online als auch offline kursieren. Und nur drei Bezeichnungen von vielen, die eine Philosophie verkörpern – das alte Thoreau’sche Prinzip der „Self-Reliance“, also der größtmöglichen Unabhängigkeit von anderen Menschen und einem gesellschaftlichen Konsens. Geschweige denn von finanziellen und institutionellen Zwängen. Ein Leben abseits von ausgetretenen Pfaden, Hierarchien im Job, Steuererklärungen, gesellschaftlichen Erwartungen und überhaupt all diesen nervtötenden Zwängen – das muss das Paradies auf Erden sein. Die totale Eigenverantwortung – eine Utopie, die wirklich umsetzbar und wünschenswert ist? Fest steht: Im Alltag, wie die meisten von uns ihn kennen, ist das schwierig zu realisieren. Die wenigsten Menschen können von sich behaupten, vollkommen frei von äußeren Umständen ihren Träumen nachgehen zu können. Ratgeber und Coaches raten dazu, „sich neu zu erschaffen“, „Grenzen zu sprengen“, „sich nicht für den Konsens zu verraten“ und „hinter sich zu lassen, was nicht glücklich macht“. Doch wenn ich mir fast alle Lebensläufe in meiner Umgebung näher anschaue, muss ich mich fragen, ob solche großen Ideale und Ansprüche ans eigene Leben nicht einfach nur Illusionen sind. Und nebenbei ziemlich egoistisch – denn ohne gegenseitige Verpflichtungen, wie soll da eine Gesellschaft funktionieren?

Begrenzte Möglichkeiten

Es kann frustrieren, wenn man alles will, aber es nicht erreicht
Es kann frustrieren, wenn man alles will, aber es nicht erreicht

Es ist nichts Ungewöhnliches, an Grenzen zu stoßen. Fragen Sie eine berufstätige Mutter, wie viel Zeit und Kraft ihr noch bleiben, künstlerisch Großes zu schaffen. Oder einen überarbeiteten Manager, wie oft er noch die Gelegenheit hat, draußen in der Natur zu meditieren. Fragen Sie einen Hartz 4-Empfänger, ob der Job, den er auf Druck des Amtes annehmen musste, wirklich sein Traumjob ist oder ob er lieber seine Träume von der freischaffenden Selbstständigkeit erfüllen würde. Denken Sie an die junge Frau, die gerne eine Weltreise machen würde, aber deren Lohnbudget aber auch nach Jahren nicht ausreicht. An einen Familienvater, der gerne einfach mal ein Jahr lang seine innere Mitte in einem buddhistischen Tempel finden möchte, aber seine Familie dafür zurücklassen müsste. Manche haben große Pläne und Visionen und können sie auch umsetzen – jedoch erst, wenn sie voller Herzblut und unter Aufwendung alles andere um sich vergessen können. Nicht umsonst lebten viele große Künstler und Erfinder eher zurückgezogen, hatten Geldprobleme und waren geniale Außenseiter, die von einem Großteil der Gesellschaft einfach nicht den nötigen Respekt erhielten. Viele von ihnen erlebten ihren Ruhm nicht einmal mehr und lebten komplett in ihrer eigenen, kleinen Welt der Ideale und des großen Traums, fernab des „gewöhnlichen“ Alltags. Gefühlt grenzenlos, sicherlich. Aber auch zu einem hohen Preis.

Zwischen Visionen und Pragmatismus

An Grenzen zu stoßen, ist nicht nur normal, sondern notwendig
An Grenzen zu stoßen, ist nicht nur normal, sondern notwendig

Sind denn all diejenigen, die eben nicht zu den großen Berühmtheiten und Entdeckern dieser Welt gehören, deswegen weniger wert oder gar unzufrieden, weil sie Kompromisse eingehen „müssen“? Unter extremen Umständen vielleicht – wenn die Belastungen überhand nehmen oder das eigene Leben komplett zur Routine verkommt. Dennoch, für die Mehrheit ist das kein Grund, mit allem zu hadern. Denn auch die Basisarbeit muss getan werden, also diejenige, die manchem Veränderungsguru einfach zu „profan“ oder zu „gewöhnlich“ ist. Und diese Arbeit, die unermüdlich wiederkehrt – in Haushalten, Pflegeheimen, in Schulen, Supermärkten und Kindergärten – macht es erst möglich, dass die „großen Visionäre“, die jegliche Form von Begrenzungen ablehnen, ihre Höhenflüge erleben. Um anschließend die Welt um ihre Entdeckungen und ihr faszinierendes, neu gewonnenes Wissen zu erweitern Doch ob jeder das Zeug zum Idealisten und Genie hat und bereit ist, notfalls alle anderen Ziele zu opfern? Das ist immer noch eine persönliche Entscheidung. Wer sich eben innerhalb seines selbst oder durch die Lebensumstände gesteckten Rahmens wohlfühlt, bleibt auch gerne ein zufriedener Pragmatiker. Auch daran ist nichts Falsches.

Alles wollen ist anstrengend

Im Alltag funktionieren, Erfolg haben und dabei noch gut aussehen - erwarten wir zu viel?
Im Alltag funktionieren, Erfolg haben und dabei noch gut aussehen – erwarten wir zu viel?

Häufig zielen Lebensratgeber darauf ab, uns die unendlichen Möglichkeiten, egal wie realistisch sie sein mögen, vor Augen zu führen. Ganz nach dem Motto: „Man kann alles haben – jederzeit und sofort. Wir müssen nur wollen.“ Sicherlich kann man alles wollen – aber macht das wirklich glücklich oder auch nur zufriedener? Für Menschen, die mit ihrem stinknormalen, „mittelmäßigen“ Leben, einem mehr oder minder unspektakulären Beruf, einem durchschnittlichen Sozialleben ohne viel „Fame und Glamour“ und vielleicht einer Familie bereits zufrieden sind, kann Grenzenlosigkeit vor allem eines sein: beängstigend – und verdammt anstrengend. Um das zu verstehen, muss man sich einfach nur ein ganzes Regal voller verschiedener Käsesorten vorstellen. Kunden, die sonst mit einem oder zwei Handgriffen die Mission „Käsekauf“ abschließen, brauchen plötzlich viel länger, um sich zwischen all diesen Sorten zu entscheiden, wählen hinterher womöglich ein zu teures Produkt oder eines, das ihnen gar nicht schmeckt. Dieses Beispiel ist extrem einfach, aber es lässt sich wunderbar auf so viele Lebensbereiche übertragen – zum Beispiel auf den „Traumberuf“, den „Traumhaus“, die „ideale Kindererziehung“ und das äußere Erscheinungsbild. Irgendwie sollen wir alles sein: Sozial, aber total unabhängig von allem und jedem; zuverlässig, aber hundertprozentig flexibel; engagiert im Alltag, aber dabei immer perfekt gestylt (ach was, Babykotze hinterlässt keine Flecken und von Schlafentzug bekommt man keine Augenringe …); hochgradig ehrgeizig, aber dabei total tiefenentspannt. Für mich klingt der Lebensanspruch „alles, aber ganz und sofort“ nach einer ziemlichen Zerreißprobe, oder auch dnach der viel beschworenen „eierlegenden Wollmilchsau“. Bleibt zu sagen: Wenn man mal wirklich nicht zufrieden ist, gibt es exakt drei Möglichkeiten. „Love it, change it or leave it!“ Das klingt doch mal übersichtlicher und praktikabler als ständig unerreichbaren Träumen hinterherzuhetzen. Und wenn wir uns für „change it“ – also eine Veränderung für ein bestimmtes Ideal – entscheiden, sollten wir uns auch darauf fokussieren, dies mit ehrlicher Leidenschaft tun und nicht nur, weil es gerade dank der aktuellen Ratgeberkultur en vogue ist. Denn Trends kommen und gehen – Zufriedenheit sollte aber etwas sein, das kommt, um zu bleiben.

Toyohiko Kagawa • japanischer christlicher Reformer, Pazifist, Autor • Ein Porträt • Teil 2

kagawaToyohiko Kagawa wurde am 10. Juli 1888 in Kobe geboren. Er verlor früh die Eltern. Sein Vater war Samurei, seine Mutter eine Geisha. Nachdem er einige Jahre bei seiner Stiefmutteraufgewachsen war, übersiedelte er ins Haus eines Onkels. Das war 1902. 1904 verließ Kagawa seinen Onkel. Er heiratete 1913, 1914 schiffte er sich nach Amerika ein, 7916 kehrte er wieder nach Japan zurück, 1921 gründete er die ersten Gewerkschaften und den ersten Bauernverband in Japan. Schon 1931/1933 wird Kagawa Berater des Wohlfahrtsamtes in Tokio. Nach seinen Plänen wurde das erste Arbeitslosenversicherungsgesetz verabschiedet. 1936 machte er noch einmal eine Reise nach merika. 1945, nach der Kapitulation Japans, wurde Kagawa Mitglied des Oberhauses und Berater des Sozialministers. 1950 hat Kagawa Deutschland besucht. – Zu Teil 1….

Dann kamen für Kagawa Monate schwerster Krankheit. Eine tuberkulöse Lungenentzündung hatte ihn gepackt; von den Ärzten aufgegeben, rang er einige Monate mit dem Tode. Doch er genas. Nach seiner Genesung zog er in ein Fischerdorf am Meer. Dort lebte er eng mit den Fischern zusammen, der Kräftigung seiner Gesundheit und seinen Studien hingegeben; er lernte auch Deutsch, weil er die deutsche Philosophie nicht in der Übersetzung lesen wollte. Und er beschäftigte sich mit höherer Mathematik, um sich im logischen Denken zu üben. Er schwamm im Meer und fuhr mit den Fischern zum Fang hinaus. Langsam gesundete er völlig. Wieder kehrte er an seine Arbeit zurück: in das Seminar, zu dem Geistlichen im Elendsviertel und lebte unter den Armen. Da sprach ihn ein Mann aus der Armengemeinde an, ein ehemaliger Zuchthäusler. Er kam zu ihm und sagte: „Kagawa, ich weiß ein Haus für dich. Mitten zwischen uns steht es.“
Kagawa hätte gern seine Gemeinde auch nachts nicht mehr verlassen, er hätte gern „jenseits der Brücke“ gewohnt, denn dort herrschte ein unvorstellbares Elend. Er wollte nicht nur für die Armen arbeiten, er wollte mit ihnen leben. „Ich habe nur wenig Geld. Ich kann kein Haus mieten“, sagte er zu dem Zuchthäusler.
„In das Haus zieht kein anderer. Du bekommst es ganz billig. Ein Mensch ist dort ermordet worden, und seitdem spukt sein Geist jede Nacht.“
Kagawa rechnete seine wenigen Einnahmen zusammen. Dann meinte er:  „Es mag gehen. Ich arbeite seit einem Monat nebenbei als Kaminfeger, da könnte ich die Miete aufbringen.“
„Du wirst immer noch der Reichste dort sein“, antwortete der Mann. Wie arm man sein kann, das weißt du noch gar nicht, Karyawa. Du kannst es noch nicht wissen. “

sakura-720702_640„Ich werde es lernen, habe nur Geduld mit mir“, antwortete Kagawa dem Zuchthäusler. Am anderen Tag siedelte er in das Haus um. Seine wenigen Sachen trug er auf der Schulter, während der Zuchthäusler die Bücher auf einen Karren geladen hatte. Der Zuchthäusler hängte das wacklige Büchergestell an die Wand und breitete die Schlafmatten aus. In beiden Räumen konnte sich eigentlich nur knapp ein Mensch bewegen. „Eine Lampe fehlt mir noch, aber jetzt habe ich kein Geld.“ Der Zuchthäusler lachte: „Der Arme legt sich schlafen, wenn es dunkel wird.“ Damit verabschiedete sich der Mann. Kagawa hatte wirklich noch nicht gewusst, wie das ist, wenn man arm ist. Er sah dem Mann nachdenklich nach. Auf einmal merkte er, dass Scharen von Menschen aus allen umliegenden, dichtgedrängten Häusern auf ihn blickten. Manche winkten ihm. Da verbeugte er sich nach der Sitte seines Landes und freute sich, wie hübsch trotz des Elends die kleinen Kinder aussahen. Als es dunkel wurde, legte er sich auf seine Matte und schlief. Der Geist störte ihn nicht. Aber es war die einzige Nacht, die Kagawa allein in seinem Gespensterhaus zubrachte. Zwei Räume, wenn es auch nur schmale Ritzen waren, für einen einzigen Menschen, das bedeutete für den Armen Luxus. Schon am nächsten Tag fand sich ein Mann ein, als Kagawa gegen Abend vom Seminar zurückkehrte. Er studierte nämlich immer noch.
„Kann ich dir helfen?“ fragte Kagawa.
„Du hast so viel Platz. Wo soll ich schlafen?“ „Wo schliefst du denn bisher?“ „Im Gefängnis.“ „Warum im Gefängnis?!“ „Polizei sagt, dass ich ein Mörder sei. Das ist nicht wahr.“ „Du hast also keinen Menschen ermordet?“ ,Nein. Ich, schlug ihn nur tot. Wenn ich zornig bin, dann sehe ich nicht, was ich tue.“ „Wirst du oft zornig?“
ginza-641774_640_baroparo„Manchmal — deswegen haben sie alle Angst vor mir. Du doch nicht, du bist ein Christ, sagen sie, und als Christ muss man zu allen Menschen gut sein. Auch zu denen, die einen totschlagen.“
„Du kannst bei mir wohnen — das soll aber keine Erlaubnis sein, mich totzuschlagen. Als Christ soll man allen Menschen Gutes tun, doch man soll sie nicht töten, und in meinem Haus musst du dich schon nach meinen Gewohnheiten richten.“
„Ich werde es versuchen“, sagte der Totschläger und rollte schon seine Matte neben die von Kagawa.
„Nebenan ist auch noch ein Zimmer.“ „Noch eins?“ fragte der Totschläger erstaunt und ging nach nebenan. Lange sollten sie nicht allein in ihren Zimmern wohnen können, Kagawa so wenig wie der Totschläger. Am anderen Tag stand ein Mann mit einem üblen Ausschlag vor der Tür. „Mich will keiner haben, weil ich anstecke. Kann ich zu dir kommen?“ Kagawa dachte daran, dass er als ansteckend Lungenkranker von einem Missionar ins Haus genommen worden war, und sagte zu.
Da trat der Totschläger hinzu, der das Gespräch mit angehört hatte, und sagte:
„Zu mir kann er nicht ins Zimmer kommen, das musst du verstehen. Ich will mich nicht an seinem Ausschlag anstecken. Ich muss mir Arbeit suchen.“
„Er soll neben mir schlafen.“ Kagawa gab ihm eine zweite Matte. Die Nacht wurde unruhig, denn der Hautkranke bekam Schreianfälle und wurde nur still, wenn Kagawa ihn an der Hand fasste. Natürlich steckte sich Kagawa eines Tages an dem Kranken an, trotzdem behielt er ihn neben sich. Zu diesen beiden Gästen gesellte sich später ein alter, syphilitischer Bettler, der bei dem Totschläger untergebracht wurde. Die drei Gäste zankten sich oft, und wenn Kagawa am Abend müde aus dem Seminar oder von seiner seelsorgerischen Arbeit kam, musste er manche Prügelei schlichten. Auch wehren musste er sich gegen Überfälle und Erpressungen von den Gaunern, die von ihm Kleider verlangten, die er nicht besaß, oder Geld, das er nicht hatte. Der alte Baumwollkimono war sein einziges Kleidungsstück. Er selbst wurde immer magerer und glich auch so seinen armen Freunden.
Ihn schmerzte oft der Hunger, wenn er in die Kollegs ging; denn von seinem wenigen Geld versuchte er einige der Kinder zu sättigen, die in den umliegenden Behausungen lebten. Eines Tages besuchte ihn sein alter Gönner und Helfer, der Missionar Dr. Myers. Er betrat unangemeldet gegen Abend das Häuschen,
„Hier also lebst du. Wird es dir schwer?“
„Manchmal. Wir sollten alle als Christen nach der Bergpredigt leben“, antwortete Kagawa.
„Nicht alle, Kagawa“, meinte der ältere Mann nach einigem Nachdenken. „Nur Auserwählte können es. Du bist einer.“ Er blickte auf die Bücher an der Wand.
„Ach, meine Bibliothek. Ich lese leider fast nichts mehr — viel anderes, was mir unter den Nägeln brennt. Da stehen nun die Dichter, die Philosophen, die Theologen —“ „Wie gut, dass du sie kennst, Kagawa. Sie helfen dir.“

japan-447880_640Ein böser Lärm, ein Fluch unterbrach die Unterhaltung. Kagawa eilte in den Nebenraum. Dort prügelte der Totschläger den Bettler, und der Hautkranke kniff immer abwechselnd den einen oder den anderen. Kagawa brachte sie zur Ruhe. Dr. Myers meinte:
„Man sollte die Kinder waschen, kleiden, füttern und erziehen, dass sie niemals so werden wie diese drei — niemals.“
„Sie sind nicht allein schuldig, Dr. Myers. Das sind sie nicht. Der Totschläger ist im Gefängnis geboren, der Bettler wurde als Kind ausgesetzt, der mit dem bösen Ausschlag Behaftete ist das Kind eines Säufers und einer Dirne.“
„Wie lange lebst du mit diesen schon zusammen?“
„Einige Monate. Ich glaube, jetzt weiß ich, wie Armut ist.“

Dr. Myers verschaffte Kagawa durch Sammlungen Geld. Er kaufte die benachbarten Häuser dazu und errichtete eine Unterkunft für die Elenden, ein Missionshaus. Er half den Kindern und immer wieder den Kindern, damit sie niemals so würden wie seine bösen Hausgenossen.
Da war der kleine Matsuzo, den er selbst bei einer Typhusepidemie gesundpflegte, von dessen Bett er in dem überfüllten Spital nicht einmal nachts wich, indem er sich unter dem Bett des kleinen Kranken auf die Erde für kurze Zeit zur Ruhe legte. So entriss er den kleinen Patiencen dem Tode. Eines Tages lernte Kagawa ein schönes Mädchen kennen, die Haro hieß und in einer Buchbinderei arbeitete, in der er zuweilen predigte. Haro war getauft und von einer ähnlich brennenden Liebe zu allen Armen und Verkommenen besessen wie Kagawa. Dieses Mädchen heiratete Kagawa 1913. Sein Freund Dr. Myers vollzog die Trauung.
„Was brachte ich dir als Brautgeschenk — Armut, Sorge …“, so fing eines seiner Liebesgedichte an Haro an.
Das Ehepaar lebte bescheiden und sparte auf eine Amerikareise für den Mann, der an der Princeton-Universität seine Studien fortsetzen wollte. Haro hingegen wünschte sich sehnlich, das Seminar für weibliche Theologiestudentinnen in Yokohama besuchen zu können.
Drei Tage nach Ausbruch des ersten Weltkrieges reiste Kagawa nach Amerika.

KAGAWA Toyohiko in Amerika, 1935
KAGAWA Toyohiko in Amerika, 1935

Kagawa wurde Student in Princeton, lebte dort im Internat und fühlte sich nach fünf Jahren freiwilligen Daseins im Slum wie im Paradies. Weil er ein gesunder und sehr heiterer Mensch war, genoss er das Leben in New Jersey. Er kam mit Studenten aller Nationalitäten zusammen, freundete sich an und beschäftigte sich nicht nur mit Theologie. Seine theologische Ausbildung schien in Japan gründlich und gut gewesen zu sein; denn sein Professor erließ ihm nach einer abgelieferten schriftlichen Arbeit alle Vorlesungen. Kagawa nutzte die Zeit und hörte Vorlesungen über Naturwissenschaften, besonders Anatomie und Zoologie; er saß endlich wieder einmal in einer Bibliothek und las, las. Dieses Mal beschäftigte er sich mit fremden alten Kulturen. Nebenbei entdeckte der aufgeschlossene Mann, das Elend und Hunger auf der Welt überall das gleiche Gesicht trugen und mit den gleichen Mitteln bekämpft werden müssten: mit einer tatkräftigen Liebe.
In den Ferien verdiente er sich Geld als Diener, in einem Beruf, den er erst, wahrscheinlich zum Ärger seiner Arbeitgeber, erlernen musste.
Denn bei dem ersten flog er aus der Stellung, weil er vergessen hatte, nachts die Haustür zu verschließen; der zweite ergrimmte, weil sein Diener ihm versehentlich Soda statt Salz ins Ei gestreut hatte. Dann aber kannte er seine Pflichten besser; denn der dritte Herr behielt ihn.
Nachdem Kagawa seinen Doktor in Princeton gemacht hatte, reiste — er hatte japanischen Tagelöhnern er mit selbstverdientem Geld geholfen, eine kleine Gewerkschaft zu organisieren und ihre Lebensbedingungen zu verbessern – nach seiner Heimat zurück. Seine Frau holte ihn vom Kai ab, musste dann aber noch für einige Monate ins Seminar zurückkehren, um ihre Studien abzuschließen.
Kagawa bekümmerte sich wieder um die Slums, er baute seine Hilfsorganisationen weiter aus. Er Schrieb Romane, die einen großen Absatz fanden. Darin schilderte er das, was ihm umgab, das Leben des heutigen Japaners, vor allem das des kleinen Mannes, im Gegensatz zu der herkömmlichen Literatur, die sich in der Hauptsache mit dem Leben der Samurai befasst hatte, also eine Art Ritterroman mit romantischem Einschlag darstellte.

Tokyo - Auferstehungskathedrale - Foto: 日本語
Tokyo – Auferstehungskathedrale – Foto: 日本語

Durch seine zusätzlichen Bucheinnahmen konnte Kagawa wieder zusätzliche Stiftungen machen. So gründete er eine Abendschule für Arbeiter, deren Lehrkräfte er selbst bezahlte und die er sich aus den besten Universitäten des Landes heranholte. Er gründete eine Poliklinik für mittellose Kranke, und er versuchte, den Arbeitern in ihren Forderungen nach gerechtem Lohn zu helfen und Gewaltmaßnahmen dabei zu verhindern. Einmal saß er auch deshalb für kurze Zeit im Gefängnis, das ihm gegen seine frühere Behausung im Slum feudal vorkam. Unterdessen wurden seine Bücher Bestseller.
Nicht nur den Arbeitern in der Stadt half er mit großgedachten Reformideen, auch dem Landarbeiter, dem kleinen Bauern wollte er helfen. Er gründete Bauernverbände und arbeitete Pläne zur intensiven Bewirtschaftung des Bodens zu einer ertragreichen Viehwirtschaft aus; denn, so meinte er, in Japan brauchte kein Mensch zu hungern, wenn die altmodische Form der Bodenbearbeitung endlich beseitigt würde.
Plötzlich verschlimmerte sich bei ihm ein Augenleiden, das er sich bei der Behandlung augenkranker Kinder in seiner Poliklinik geholt hatte, und er erblindete für Monate. Doch allmählich kehrte das Augenlicht wieder zurück, und Kagawa und seine Frau lebten weiter für andere. Er schreibt: „Es genügt nicht, Ideale zu haben. Wir müssen sie in die Tat umsetzen. Wir müssen unseren eigenen kleinen Winkel der Schöpfung hegen und pflegen.“

Er kämpfte für diese Ideale, er kämpfte gegen Japans kriegerische Handlungen und musste wieder einmal ins Gefängnis. Er hatte sich zum Staatsfeind der Regierung gemacht, weil er gewaltlosen Widerstand predigte. Der Angriff auf Pearl Harbour traf ihn tief; er trat dagegen auf, bis man ihm schließlich seine Arbeit verbot, auch die in den Slums.
Ein Mann wie Kagawa konnte niemals untätig sein. Also verzog er sich auf eine der vielen Inseln im Meer, errichtete dort eine Heilstätte für Lungenkranke und schwieg, wie er versprochen hatte:
„Die Sterne reden nicht, die Blumen singen nicht, aber Farbe und Licht haben eine hellere Stimme als die Stimme selbst“, dichtete er. Nach dem verlorenen Krieg wurde Kagawa in ein Ministerium berufen und konnte so seine Reformpläne endlich verwirklichen. Er wurde vom Kaiser empfangen, wurde um seinen Rat gefragt, und er gehörte dem Oberhaus an. Eine neue Verfassung wurde dem Land auf Grund seiner Vorschläge gegeben: Versammlungsfreiheit, Religionsfreiheit, Pressefreiheit. Auch die Frauen erhielten das Wahlrecht. Nach Kagawas Plänen wurden neue Siedlungen angelegt, die Slums niedergerissen und ein geregeltes Schulwesen aufgebaut. Japan hatte einen Krieg verloren, aber die große Schlacht, geführt von Dr. Kagawa, um seine Menschen gewonnen. Seine sozialen Reformen hatten sich endlich durchgesetzt.

Toyohiko Kagawa_PorträtFür den Christen mag das japanische Reformwerk von Kagawa eine Bestätigung dafür sein, dass die Lehre ihres Gründers einmal auch die asiatischen Religionsformen überwinden wird, weil die ethischen Forderungen des Christentums die höheren sind. Die Christen sind angehalten, die Liebe Gottes zum Menschen weiterzugeben, wie Christus sie ihnen gebracht hat. Und die Europäer können auf Kagawa auch ein wenig stolz sein; denn sie waren es, die Kagawa bildeten und seine hohen Gaben entfalteten. Die abendländischen Philosophen schulten sein Denken, und englische Missionare brachten ihm die christliche Lehre. Sie waren es, die zuerst für seine Pläne Verständnis und auch Geld aufbrachten. Die Reform Japans ist im tiefsten Wesen eine christliche.

Kagawa ist heute in der ganzen Welt bekannt. Er bereiste auch Deutschland. Er hält Predigten und spricht über seine sozialen Gedanken. Er selbst lebt immer noch bescheiden mit seiner Frau, einem Sohn und zwei Töchtern in einem kleinen Haus am Rande Tokios. Im Garten hat er eine Kapelle erbaut, die sonntags dem Gottesdienst und an Wochentagen für einen Kindergarten geöffnet ist. Eine Bibliothek befindet sich auch darin und ein Hörsaal für Abendkurse.

„Es gehört Kraft dazu, ein Kind Gottes zu werden.“ Kagawa besitzt diese Kraft.

Ende.

Cat’s Couch: Furien, Miesepetras und Gewitterhexen

Foto: Privat
Foto: Privat

Die meiste Zeit über gelten wir Frauen als das ausgeglichenere und weniger aggressive Geschlecht. Auch, wenn das im Einzelfall sicher unterschiedlich ist, bemühen sich die meisten von uns im Alltag um Selbstbeherrschung und Harmonie. Ziehen dann doch einmal dunkle Wolken auf und die Laune schlägt um, wissen Männer nicht immer, wie sie damit umgehen sollen. Hier ein paar Tipps, was (oft) funktioniert – und was man(n) gegenüber einer schlecht gelaunten Frau besser sein lässt …Weiterlesen

Cats Gedankenwelt: Die Eine

Manchmal braucht es Jahre, bis etwas wieder in den gedanklichen Fokus rückt. Dies ist vor allem eine Erinnerung an meine einst allerbeste Freundin, die ich bereits als Teenager aus mir unbekanntem Grund verloren habe. Es soll nicht bedeuten, dass ich meine lieben und auch besten Freunde der Gegenwart nicht zu schätzen weiß. 

Die Eine

Ich suche dich.
Ich vermisse dich.
Ohne dich fühle ich mich,
als wäre ich nur halb.
Ich brauche dich
jetzt, nach all den Jahren.
Lange habe ich nicht mehr
an dich gedacht; mir Sorgen gemacht,
ob ich mein Leben lang
ohne dich leben kann.

Versteh mich nicht falsch,
Ich bin nicht einsam, nicht allein.
Will einfach nicht mehr
ohne dich sein; beim Lachen,
Beim Weinen, beim Unsinn machen.
Ich habe Familie, gute Freunde, einen Mann;
doch du bist die, ohne die ich nicht kann.
Du bist die Eine, mit dir will ich teilen,
keine Geheimnisse haben vor dir,
in Seelenverwandtschaft mit dir verweilen.

Irgendwo ist unser Faden gerissen,
Das Schicksal hat unsere Nähe gehasst.
Vielleicht hat uns der Strom
in andere Bahnen gerissen;
vielleicht haben wir uns über Jahre verpasst.
Ich suche dich und ich werde dich finden,
denn mir fehlt etwas, was ich vermiss‘,
ich bin nur eine Hälfte, wenn du nicht bist.
Du bist die, die mich ohne Worte versteht,
und bis zum Ende der Welt mit mir geht.

Du bist meine Schwester im Geist,
die Eine, die alles über mich weiß.
Und die, die auch mir wirklich alles erzählt,
sich keine andere Vertraute mehr wählt.
Ich muss mich selbst ändern, um dich zu finden,
muss bereit sein, mich an dich zu binden.
Kein Solo mehr sein, sondern ein Duett,
nicht mehr ich oder du, sondern wir;
für den Rest des Lebens, jetzt und hier.
Eine Einheit, die niemand mehr trennt,
wie eine Festung, die niemals verbrennt.

Du bist nicht eine von vielen, die Eine,
die meine beste Freundin sein will;
die Nähe würde uns niemals zu viel.
Denn wir sind nicht ich oder du, sondern „wir“.
Bereit, um auf uns aufzupassen,
uns beieinander fallen zu lassen.
Uns ohne Grenzen zu vertrauen, gemeinsam ein Leben aufzubauen,
Ich glaube, ich steh mir oft selbst im Weg,
denn ich scheue mich, weiß nicht, wie das geht,
wenn Freundschaft vor allem aus uns besteht.

Andere müssen warten, als „Best Friends Forever“
hätten wir immer Priorität. Du könntest dich melden,
egal wie spät, ungünstig und schlecht
Zeitpunkt und Kummer gerade werden.
Als „Allerbeste Freundinnen fürs Leben“
weinen und lachen, Unsinn machen,
wieder mal Kind sein, sich ernsthaft besprechen,
Geheimnisse lüften, Mauern aufbrechen,
uns an denen, die uns verletzt haben, rächen.
Nicht du, nicht ich, sondern „wir“ – nur mit dir.

Wörterbuch – G wie: Nachdenken über meinen Glauben

Henry Irving (1838-1905) as Mephistopheles in Faust, watercolour on paper, London, England, about 1885. © Victoria & Albert Museum, London
Henry Irving (1838-1905) as Mephistopheles in Faust, watercolour on paper, London, England, about 1885. © Victoria & Albert Museum, London

Jesu Inkonsequenz: er saß mit Zöllnern und Sündern zu Tisch und ging mit Huren um. Tat er es, um wenigstens ihre Stimmen zu gewinnen? Glaubte er etwa, sie zu bekehren durch solches Gebaren?

Oder tat er es, weil seine Menschlichkeit tief und reich genug war, um auch in ihnen die Beziehung zu stiften zu dem Gemeinsamen, Unzerstörbaren, worauf eine Zukunft gebaut werden muss?

Wie kann ich Jesu als asexuell betrachten, wenn ich dies bei keiner anderen Führungsfigur erkennen kann?

 

Cats Gedankenwelt: Über die Dankbarkeit

P1020509Dankbarkeit ist eine Tugend, die sich durch das ganze Leben zieht oder es zumindest sollte. Schon als Kinder lernen wir, immer „Bitte“ und „Danke“ zu sagen. Manchmal vergessen wir es trotzdem – und müssen uns wieder bewusst daran erinnern.

„Ich komme mir vor, als sei alles, was ich tue, selbstverständlich.“ Diese Aussage führt oftmals zu einem Konflikt in der Ehe, in der Beziehung, in der Familie oder auch in einer Freundschaft. Denn sie drückt in wenigen Worten ein Ungleichgewicht aus, emotional und vielleicht auch von den Pflichten. Als ich also letztens hörte: „Das ist wohl alles selbstverständlich für dich“, habe ich mich kurz über mich selbst erschrocken, und gemerkt, dass ich die Dankbarkeit auch in kleinen Dingen wiederentdecken musste. Es gibt da tatsächlich einige Menschen und Wesen, bei denen ich mich lange nicht bedankt habe.Weiterlesen