Kategorie: Verständigung

Von sensitivem Beziehungswahn & Selbstbefriedigung

Wahnvorstellungen auf Grund sexueller Konflikte bei „sensitiven Psychopathen“ — das sind besonders gefühlszarte, schüchterne und leicht verletzbare Kranke, die ihre Trieb- und  Gewissenskonflikte in sich selbst austragen.

Eine der häufigsten Formen ist der, Masturbanten-Wahn“: Menschen, die sich wegen häufiger Selbstbefriedigung Gewissensbisse machen oder sich schämen, bilden sich ein, dass man ihnen ihr Laster von der Stirn ablesen kann“. Deshalb beziehen sie Blicke und Äußerungen ihrer Umgebung auf sich und meinen, dass alle Welt sie wegen ihrer Schwäche kritisiert, verachtet, verhöhnt. Der Ausbruch des Wahns wird meist durch ein äußeres Erlebnis ausgelöst, bei dem sie sich auf besondere Weise bloßgestellt fühlen. So machte der unter Onanieskrupeln leidende Lokomotivführer Wilhelm eines Tages seiner Schwägerin einen „unsittlichen Antrag“. Er hatte zufällige Berührungen von ihr als absichtliche Herausforderung zu einem Verhältnis missverstanden. Obwohl die Schwägerin versprach, ihrem Mann nichts zu sagen, schloss Wilhelm aus einer völlig anders gemeinten Äußerung seines Bruders, dass dieser im Bilde sei. Von da an fühlte der Lokführer sich ständig belauscht. Eines Tages bildete er sich ein, dass sein Heizer immer wieder halblaut das Wort „Wichser“ vor sich hinmurmelte. B. stürzte sich auf den Kollegen und schrie: „Ich werde dir zeigen, was ich bin!“

Ein typischer Anlass für sensitiven Beziehungswahn ist die verspätete Erotik älterer Mädchen. Nach einem angeregten Abend in ihrem Ferienort bat die 40-jährige Musiklehrerin Emilie R.  einen anderen Feriengast, sie nach Hause zu begleiten. Als der Herr sich vor ihrer Haustür verabschieden wollte, hielt sie seine Hand fest und bat ihn, sie durch den dunklen Hausflur zu führen, weil sie sich fürchte.
Es geschah sonst nichts; aber von diesem Augenblick an litt Emilie R. unter der Wahnvorstellung, ihr Begleiter hätte allen Leuten erzählt, wie leicht sie zu haben sei. Sie getraute sich nicht mehr auf die Straße, weil sie sich einbildete, alle Menschen zeigten mit dem Finger auf sie oder riefen ihr Schimpfworte nach wie „schlechtes Frauenzimmer“ und „bigotte Person“.

Illustration Lou Anna
Illustration Lou Anna

Sensitiver Beziehungswahn kommt verhältnismäßig selten vor. Aber die Verhaltensstörungen und Konflikte, die bei ihm mitwirken, sind auch bei gesunden Menschen zu beobachten und komplizieren ihr Liebesleben. Als ein besonders hervorstechendes Manko nannte der Tübinger Psychiater Professor Ernst Kretschmer (1888—1964) die „Instinktlosigkeit gegenüber erotischen Signalen“. In seinem Werk „Der sensitive Beziehungswahn“ (1927) schrieb Kretschmer: „Das scheinbar unbegreifliche Pech mancher Menschen in der Liebe beruht in Wirklichkeit darauf, dass sie  erotische Ausdruckssignale beständig missverstehen.  Mit „erotischen Signalen“ meint Kretschmer die fast unmerklichen Nuancen des
Mienenspiels, des Stimmklangs und der kleinen, halb unwillkürlichen symbolischen Gesten, die bei der Vermittlung des erotischen Kontakts eine wichtigere Rolle spielen als Worte und bewusste Gesten. Bei sexuell gehemmten Menschen funktioniert diese unterschwellige Verständigung nicht.
Sobald sie sich für einen anderen Menschen erotisch interessieren, gerät ihr erotisches Wunschdenken in Konflikt mit ihrem Minderwertigkeitsgefühl oder ihren moralischen Hemmungen. Einen Blick, der dem ihren zufällig begegnet, eine aufgeschnappte Bemerkung beziehen sie auf sich. Ihr Wunschdenken suggeriert ihnen, dass sich der andere für sie interessiert; ihr Minderwertigkeitsgefühl stellt das in Frage. So kommt es, dass sie auch erotische Signale, die wirklich an ihre Adresse gerichtet sind, nicht verwerten können.

Ungehemmte Menschen beseitigen solche Zweifel durch Flirt.
Der gehemmte Mensch dagegen versteht diese Signale nicht.

So weiß auch der durchaus geneigte Partner nicht, woran er mit ihm  oder ihr ist. Auch das uralte Blumenorakel „Sie liebt mich, sie liebt mich nicht“ hilft dem Gehemmten nicht über seine Beziehungszweifel hinweg.
Bei heftiger, leider aber einseitiger Verliebtheit kann ein solcher Beziehungsirrtum auch erotisch erfahrenen Leuten passieren und Formen annehmen, die dem Krankheitsbild des erotischen Beziehungswahns nahe kommen. Man will einfach nicht wahrhaben, dass man keine Chance hat, und liest dann auch aus dem entschiedensten „Nein“ ein „Vielleicht“ heraus oder sogar ein verschämtes „Ja“.

Cats Medienkommentar: Medienbranche – geschlossene Gesellschaft?

Der Einstieg in die Medienbranche ist oft langwierig

Wer „nichts mit Zahlen“ machen möchte, sucht sich gern „irgendwas mit Medien“. Doch auch die Medienbranche darf man als Berufsziel nicht unterschätzen. Besonders Berufseinsteiger, Eltern und Menschen mit anderweitiger Ortsbindung müssen oft mit Zähnen und Klauen um feste und adäquat bezahlte Stellen kämpfen. Ein Kommentar von der Bewerbungsfront.

Während meines Studiums hatte ich auf die Frage, wie ich mir meine berufliche Zukunft vorstelle, immer eine Antwort: „Einen guten Master-Abschluss machen, Volontariat und dann einen festen Job suchen. Was denn sonst?“ Familie? Sicher hatte ich das irgendwo im Hinterkopf. Aber eben erst, wenn die eigene Existenz und ein fester Wohnort durch eine unbefristete Stelle gesichert sind. Oder: „Kinder ohne gesichertes Einkommen, das ist doch unvernünftig.“ Diese „O-Töne“, die fast schon wie mein eigenes Mantra waren, betrachte ich heute mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Denn: Leben läuft nicht immer nach Plan und mancher Weg ist aus der Nähe betrachtet steiniger, als es die Landkarte verrät.

Nach dem Abschluss: Auf in den Kampf!

Nach dem Abschluss kommt die Euphorie, doch sie bleibt nicht immer lange

Nach einem erfolgreichen Bildungsabschluss herrscht erst einmal Euphorie. Ich meine dieses „Wonderwoman- Gefühl“, wenn man sein Zertifikat mit Auszeichnung in der Hand hält und fest daran glaubt, die Arbeitswelt zu erobern. Endlich raus aus der Uni und der finanziellen Abhängigkeit von den Eltern (oder der Bafög-Stelle) und rein ins „echte“ Leben. Teilhaben, mitmischen, Kontakte knüpfen, hinzulernen, aufsteigen. Ich wusste immer, dass es nicht leicht wird, die ersten Türen zur Wunschbranche zu öffnen. Mit einer Bewerbungszeit von zehn Monaten (überbrückt unter anderem mit Sprachtraining und Nachhilfejobs) hätte ich aber nicht gerechnet. Aber immerhin – im Bewerben bekommt man Routine. Es wird schneller als erwartet zu einem „zweiten Job“ und die Frustrationstoleranz steigt mit jeder Standardabsage. Umso größer dann die Freude, wenn der erste „echte“ Arbeitsvertrag unterschrieben ist – selbst wenn dieser nur ein Ausbildungsgehalt und eine automatische Befristung von zwei Jahren vorsieht. Branchenstandard eben – Erfolg fällt schließlich niemandem in den Schoß. Wer es in der Medienbranche schafft, einen Fuß in die Tür zu bekommen, hat schon einen entscheidenden Schritt geschafft. Zumindest glaubte ich fest daran.

Aller Anfang ist schwer

Jobs mit Ablaufdatum: eine gängige Praxis nicht nur in der Medienbranche

Ich möchte hier gar nicht klagen. Denn wer kein Fünf-Sterne-Menü erwartet, ist auch nicht enttäuscht, wenn er oder sie Hähnchen mit Pommes vom Imbiss nebenan bekommt. Mit gedrosselter Erwartungshaltung und einigen Kompromissen, was die Traumkarriere und die eigene Ortsfgebundenheit angeht, ist das Volontariat eine gute Zeit, um zu lernen, die eigenen Fähigkeiten anzuwenden und auszubauen und dem Hasen so hinterherzuhechten, wie er eben gerade läuft. Manchmal eine Schocktherapie und ein Sprung ins kalte Wasser – doch das schockt mich nicht mehr. Nichts ist ehrlicher und aufschlussreicher als „Reality-Bitch“, die Lehrerin des echten Lebens jenseits aller blumigen Floskeln und vorgefertigter Erwartungen. Ja, tatsächlich fand ich wirklich gefallen an diesem neuen, unverblümten Joballtag mit einer Menge skurriler Momente, aber auch einer Menge „Team-Spirit“ und spontaner Anlässe, laut loszulachen. Heute blicke ich schmunzelnd auf diese zwei Jahre zurück. Vermutlich wäre ich bei einem adäquaten Übernahmeangebot sogar geblieben – doch dann kam mein Kind. Und mein Vertrag endete, rechtmäßig einwandfrei natürlich, pünktlich zum Mutterschutz. So pünktlich, dass mich Kollegen schon fragten, ob ich das so geplant hätte …

Jobsuche mit Hindernissen

Auch das AGG begünstigt Standardabsagen, die Bewerber kaum weiterbringen

Seit Ende des Mutterschutzes und dem Beginn der Elternteilzeit für meinen Mann spiele ich nun also wieder „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Zumindest kommt es mir beizeiten so vor. Verlockende Stellenanzeigen, die wie in einem ewigen Zyklus immer wieder auf den Jobportalen erscheinen. Recherche über die inserierenden Firmen. Anschreiben erstellen, Unterlagen zusammenstellen, anpassen, als PDF-Datei an die potenziellen Brötchengeber senden. Abhaken, in eine Liste eintragen, und das Ganze wieder von vorn. Vermutlich erkennen sich hier so einige Leserinnen und Leser wieder. Es fühlt sich so an, als kämpfe man gegen die sprichwörtlichen Windmühlen. Oder als versuche man, einen Schatten zu greifen. Kurz: Jobsuche in der Medienbranche ohne nennenswertes “Vitamin B“ nervt. Neben Standardabsagen, für die ich per se grundsätzlich Verständnis habe (AGG und überbordende Bewerberzahlen lassen grüßen), liegen einem als familien-und ortsgebundene Person allerdings noch ein paar mehr Steine im Weg. Stichwort „sachgrundlose Befristung“: So lohnend mancher Job an einem entfernten Standort auf dem ersten Blick erscheint – gerade Eltern, Hausbesitzer oder Bewerber mit pflegebedürftigen Angehörigen und anderen Verpflichtungen müssen da oft leider passen. Jetzt einmal ernsthaft: Ein Umzug mit Kind(ern), Partner, Tieren und überhaupt einem ganzen Haushalt macht sich nicht von selbst. Man darf sich als Bewerber da durchaus fragen: Lohnt sich der ganze Aufwand mit einem Wohnortwechsel oder zwei Wohnsitzen überhaupt, wenn die Stelle sowieso „zunächst auf zwölf Monate befristet“ ist? Von der Notwendigkeit, sich schon am besten vor der Zeugung eines Kindes in die Wartelisten diverser Kindertagesstätten einzutragen, fange ich hier am besten gar nicht erst an. Das eskaliert und sprengt den Rahmen. Ich kann hier natürlich nur für „meine“ Branche, die Medienbranche sprechen. Aber manchmal komme ich mir vor wie eine Fremde, die hungrig bei einem Lokal ankommt und nur das Schild „Geschlossene Gesellschaft“ statt einer Speisekarte zu lesen bekommt. Eine Gesellschaft, zu der offenbar nur Kinderlose, Bonusmeilensammler, Singles und Kosmopoliten Zutritt haben – oder, in einem Wort, “Ungebundene“.

Ein Paradies für Workaholics und Jobnomaden?

Grenzenlos flexibel und immer auf Achse – auf den ersten Blick der ideale Bewerber

Es scheint so, als sei Beständigkeit einfach out und „sowas von gestern“. Wenn es nach den üblichen Stellenanzeigen geht, wird auch Einarbeitung schlicht überbewertet. Oftmals soll ein Redakteur am besten alles selbst und im Alleingang machen (können) – von der Keyword-Analysis für den Onlineauftritt über die komplette Realisierung mehrerer Printprodukte bis hin zum Responsive-Website-Content Management und der Social-Media-Etatplanung. Innerhalb der normalen 40-Stunden-Arbeitswoche, versteht sich. Oder in Teilzeit. Und wenn nicht? Dann läuft der Vertrag ja sowieso bald aus, ein Ende (in Kameradschaft oder mit Schrecken) ist also abzusehen. Da innerhalb eines Beschäftigungsverhältnisses auf Zeit noch eine lange Probezeit gilt, ist es kein Problem, unliebsame oder quer denkende Kollegen schnell und dezent wieder loszuwerden. Ein Paradies für erklärte Workaholics und Jobnomaden – eher eine Zitterpartie für diejenigen, die „einfach mal etwas Festes“ suchen und denen durch die gängigen Flexibilitätsanforderungen („Sie können doch für ein halbes Jahr im Ausland arbeiten, oder?“) der Boden unter den Füßen weggezogen wird.

Panikmache ist fehl am Platz

„Sie haben den Job!“ – ein magischer Satz für jeden Bewerber

Dann ist da noch die Sache mit der „mehrjährigen Berufserfahrung“ – oft sogar für Einstiegsjobs gefordert. Hier kommt es oftmals auf die Kulanz des Stellengebers an. Gilt eine Journalistenausbildung schon als Berufserfahrung – oder bestenfalls als Einstiegsqualifizierung? Nicht ganz zu Unrecht möchte ich hier aus Bewerbersicht zu bedenken geben, dass „Wunschzettel“ in Form von Ausschreibungen durchaus abschrecken können. Einfach, weil das gesuchte „Gesamtpaket“ zu umfangreich ist, um von einer einzelnen Person gepackt zu werden. Jedoch, so erzählte mir einmal ein befreundeter Personalverantwortlicher, reiche es in der Regel aus, 75 bis 80 Prozent des Zielprofils zu erfüllen. Ich weiß nicht, wie repräsentativ diese Aussage ist, aber sie macht mir Mut und klingt angesichts oben genannter Faktoren einfach plausibel. Auch sonst werde ich trotz aller Stolpersteine im Weg weitersuchen. Denn so viel es aus dem Bewerbungsprozess heraus zu meckern gibt, lässt sich für fast jedes Problem auch eine Lösung finden. Es gilt nun für mich und so viele andere, alternative Formen der Arbeitssuche zu entdecken. Fehlende Einzelqualifikationen (bei mir ist es Onlinemarketing beziehungsweise SEO/SEA) lassen sich mit etwas Geduld und Glück erwerben. Und schließlich zahlt sich Hartnäckigkeit in den meisten Fällen aus. Oder, wie meine Großmutter immer gesagt hat: „Bange machen gilt nicht“. Auch nicht in einer Medienbranche, die ihren Anwärtern eine Menge abverlangt. Für mich gibt es irgendwo da draußen einen Platz – mit der Familie vereinbar, ohne übermäßige Reisetätigkeit und wie für mich gemacht. Ich muss ihn nur finden, das dauert beizeiten etwas länger.

Cats Gedankenwelt | Bäh-Werbung auf Miau

Hält Laptops für Wärmekissen: Mira, die schwarze Katze
Hält Laptops für Wärmekissen: Mira, die süße Troubleshooterin

„Bäh-Werbung auf Miau? Was für ein komischer Titel“, wird mancher nun vielleicht denken und sich fragen, was ich heute in meinem Kaffee hatte. Um das Rätsel hier aufzulösen – nach vielen Beiträgen zum „Ernst des Lebens“ möchte ich einfach einmal wieder über etwas Lustiges schreiben. Zum Beispiel darüber, wie man eine Bewerbung trotz eines Babys und zwei Katzen fertig bekommt. Vorhang auf für eine szenische Darstellung.
[Junge Frau sitzt am Schreibtisch vor einem Laptop und tippt. Im Hintergrund des Zimmers: eine weiße Katze mit schwarzen Kuhflecken und eine schwarze Katze mit weißem Lätzchen und weißen Pfötchen. Beide beobachten die junge Frau, also mich, gespannt. Ganz links im Bild auf einem Sofa: Ein Baby, meine Tochter, auf ihrem Stillkissen. Noch schläft sie – zum Glück.]

"Lächeln und winken": (Katzen-)Mama auf Jobsuche
„Lächeln und winken“: (Katzen-)Mama auf Jobsuche (Foto: Juan Zamalea)

Sehr geehrter Herr XY,

über die Jobbörse Monster.de habe ich Ihre Anzeige gefunden, in der Sie eine Redakteurin für B2B- Publikationen …

[Schwarze Katze, nennen wir sie „Mira“, springt auf den Schreibtisch. Junge Frau schaut kurz verärgert und drückt schnell auf „Speichern“.]

Ich: Miiiiiirchen! Runter da!

[Schwarze Katze schaut ihre Dosenöffnerin treudoof an, schnurrt laut und bleibt stur sitzen,]

Ich: Mira! Du kriegst keinen Thunfisch mehr, ich schwör‘ es dir!

[Kein Thunfisch? Das alarmiert nicht nur Mira, die sich nun demonstrativ auf die Tastatur setzt. Sondern auch die weiße Katze mit den Kuhflecken und einem sanfteren, vorsichtigeren Auftreten. Weiße Katze springt auf die andere Seite des Schreibtisches und schaut Dosenöffnerin mit großen, vorwurfsvoll blickenden Augen an. Sie reibt den Kopf an meinem Arm.]

Maya: Frrrrr? Frrrrrrrrr? Miuuuu!
Mira: Miaaaaaau! Prrrrrrr…..
Ich: Mira! Jetzt aber ab von der Tastatur, das ist kein Wärmekissen.

Die ungeschminkte Wahrheit liegt zwischen Schreibtisch und Wickeltisch
Ungeschminkte Wahrheit zwischen Schreibtisch und Wickeltisch

[Mira blinzelt einmal behäbig, tretelt, wobei einige Fenster auf dem Desktop sich öffnen und schließen, und legt sich betont lässig wieder hin. Maya reibt weiter den Kopf an meinem Oberarm. Und mir reicht’s gerade gewaltig.]

Ich [tief durchatmend]: Mensch Mädels, so wird das heute nix mehr. Da hängt euer Katzenfutter von ab.

[Ich greife Mira und setze sie trotz lautstarkem Protest auf den Boden. Maya flieht schon freiwillig vor ihrer felligen Kollegin, die gerade anscheinend das Jagdfieber gepackt hat. Also weiter im Text …]

[…] suchen. In den Anforderungen der vakanten Stelle und dem gewünschten Bewerberprofil finde ich meine eigenen Berufsziele wieder. Außerdem beeindruckt mich die Bandbreite an Kunden und Projekten auf der Unternehmenswebseite, sodass ich mich hiermit ….

[Katzen sitzen im Hintergrund an der Tür. Dafür räkelt sich das Baby, nennen wir es „Lea“, und gibt einige Laute von sich, die sich anhören wie aus einer anderen Welt.]

[…]bewerbe.

Maya - "Waiting for Tuna"
Maya – „Waiting for Tuna“

[Ich speichere noch einmal. Puh, der Anfang ist geschafft. Nun aber schnell, bevor Lea aufwacht und den Milchnotstand ausruft.]

Lea: Mmmmmmhaaaaa, mmmmmmwaaaaa ….örööööööhiii!
Ich: Gleich, Mäuschen, du kriegst gleich Milch …
Lea: Mmmwäää…. [Crescendo] Muäääääh! Muäääääh! Muääääääääääh!

[Anscheinend ist Lea nicht ganz überzeugt davon, noch ein paar Minuten oder auch nur Sekunden zu warten. Ein wenig grummelig stehe ich auf, gehe zum Sofa, schnappe mir das hungrige Kind. Shirt hoch, BH auf und Action für Lea. Mira nutzt derweil die Gelegenheit, erneut auf den Schreibtisch zu springen. Pling ploing, wieder öffnen und schließen sich Fenster auf dem Desktop. Maya springt neben mich aufs Sofa und reibt den Kopf am Oberschenkel.]

Ich [leise zu mir selbst und Lea]: Zumindest habe ich abgespeichert. [Lauter zu Mira] Miiiiirchen! Runter mit dir!
Lea [guckt kurz erschrocken hoch, trinkt aber weiter]
Maya [mit treuem Blinzelblick]: Frrrrr? Frrrrr?
Ich: Entschuldige Lea, diese Katze treibt mich noch mal in den Wahnsinn.

[Es vergehen ein paar Minuten. Mira blinzelt mich treudoof an und streckt sich genüsslich auf meinem Laptop aus. Wissend, dass ich aus der anderen Ecke des Zimmers und mit einem Kind auf dem Schoß kaum etwas dagegen machen kann. Maya ist das Schnurren „in Person“. Lea hört kurz auf zu trinken; ich lege sie einfach auf der anderen Seite an, was anfänglichen Protest weckt.]

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Der Schein trügt – Lea kurz vor der „Milchrevolution“

Lea: Mwääääh….. [Kunstpause, ein Grinsen] Öröööhiii… [trinkt weiter]
Maya [springt von der Couch, erschrocken vom plötzlichen Gebrüll]
Mira [gurrt, springt vom Schreibtisch auf den Boden und rast auch in Richtung Tür]
Ich: Immerhin. Danke, Lea.

[Nach ein paar weiteren Minuten ist Lea satt, hat einmal gerülpst wie in einer Kneipe nach mindestens drei Flaschen Bier und liegt brabbelnd auf ihrem Stillkissen. Ich nehme wieder auf meinem Schreibtischstuhl Platz.]

[…] Bereits während meines Volontariats bei [Firmenname eintragen] machte die Planung und Realisierung von Projekten in der PR- und Wirtschaftsredaktion einen Großteil meines Arbeitsalltags aus. Die Magazine X und Y betreute ich mit einem Kollegen auf redaktioneller Ebene in eigener Verantwortung. In ihrem Gesuch wünschen Sie sich weiterhin eine Kandidatin mit fließenden Englischkenntnissen Dies ist durch mein Studium der …

[Ich drücke schon aus Reflex auf Speichern, bevor ich aufstehe, weil Lea anfängt zu meckern und zu strampeln. Klarer Fall von „Windel voll“. Erneuter Auftritt Mira und Maya. Mira macht einen galanten Satz auf meinen Schreibtischstuhl. Maya miaut aufgeregt vor sich hin. „First things first“ – erst einmal ein Stinkbömbchen entschärfen.]

Lea [strahlt bei Öffnen der Stinkewindel]: Öröööööhiiii! Uaaauaaa….
Ich [ziemlich trocken und berechtigt]: Oh Scheiße … (Wie kann aus einem Baby so viel rauskommen?) [zu Lea] Na, das nenn ich ja mal ein echtes Bömbchen!
Lea [noch strahlender]: Mwiiiiiii aaaaaaaueeee!
Maya: Ma mia mia ma ma mia ….
Mira [auf dem Stuhl ausgestreckt]: Prrrrrrr prrrrrrr …
Ich [Augen rollend]: Miiiraaaa … [abwinkend] Ach, vergiss es!

Mira und Maya fordern ihren (Thunfisch-)Tribut
Mira und Maya fordern ihren (Thunfisch-)Tribut

[Ich verzichte darauf, schon wieder mit Mira zu meckern. Bringt gerade eh nichts. Stinkewindel in den Müll, neue Windel an, Body und Strampler wieder zugeknöpft. Lea rudert dabei ungeduldig mit den Armen und strampelt sich immer wieder heraus. In Gedanken bereite ich schon die nächsten Sätze meiner Bewerbung vor. Lea lacht; ich knuddel sie noch einmal und lege sie auf ihre Spieldecke in der Zimmermitte. Dann gehe ich ins Bad, Hände waschen, und in die Küche, die Kaffeepadmaschine anschalten. Mira und Maya haben da wohl was missverstanden.]

Mira [tapst mit hoch erhobenem Schwanz herein]: Miaaaaauuuuu! [streicht mir um die Beine] Prrrrr… Prrrrr ….
Maya [tapst Mira hinterher und guckt niedlich]: Miuuu, miuuu!
Lea [im Nebenraum]: Äwäwääääää…. Örööööööhiiii …. Aaaaaueeee…..Ööööregaaaa….

[Ich schweige, schüttele einmal den Kopf und murmele was von „Irrenhaus“. Zu meiner Erleichterung ist es wirklich Zeit für eine Raubtierfütterung. Kommentarlos bekommen Mira und Maya ihr „täglich Thunfischfilet“. Und ich kann mich endlich wieder meiner „Bäh-Werbung auf Miau“ widmen. Mit einem leichten Schmunzeln tippe ich also ein …]

[…] Anglistik im Zwei-Fach-Bachelor und vorherigen Umgang mit internationalen Werbekunden gewährleistet. Weiterhin erfordert der Job die Fähigkeit, auch bei mehreren parallelen Projekten nicht den Faden zu verlieren. Dies konnte ich im Volontariat bereits im Agenturalltag und im Kundenkontakt umsetzen, wo es für jede Publikation unterschiedliche Ziele und Schwerpunkte gab.

[In Gedanken füge ich hinzu: Bedürfnismanagement für zwei Katzen und ein Baby ist schließlich auch ein multifaktorielles Projekt. Mira und Maya haben sich inzwischen in ihren Kratzbaum gelegt; Lea ist mit Schnuller im Mund eingeschlafen. Mission Impossible completed. Ich mache mir erst einmal einen Kaffee und schaue auf das Anschreiben, das noch lange nicht fertig ist. Zeit für das nächste Level – für heute!]

Natürlich hat es diese konkrete Bewerbung im Wortlaut nie gegeben. Aber so oder so ähnlich könnte es gewesen sein – denn so erleben wir es hier immer wieder. Anstrengend, spannend, aber auch erheiternd, so ein Leben zwischen Schreibtisch und Wickeltisch!

Cats Gedankenwelt | Generation (P)olemik | Siegeszug des Populismus

Populismus boomt. Die Bundeskanzlerin in NSDAP- Uniform auf Plakaten, der Vorwurf an das staatliche Bildungssystem, „von Ideologie gesteuert“ zu sein, die Forderung nach der Bevorzugung der „traditionellen Familie“ und ungebremste Verachtung gegenüber Immigranten, die ihre wirtschaftliche Situation verbessern wollen. Ist so viel Stammtischweisheit eigentlich noch normal – und warum fahren so viele Menschen anno 2016 darauf ab?

Rechtspopulismus: eine Bedrohung nicht nur für Immigranten
Populismus „von rechts“: eine Bedrohung nicht nur für Immigranten

Deutschland, Oktober 2016; der Zweite Weltkrieg und das NS-Regime liegen 71 Jahre zurück, der Kalte Krieg mehr als ein halbes Jahrhundert und Ost- und Westdeutschland sind seit etwas über 20 Jahren wieder vereint. Dennoch – auch 2016 scheint es unter der friedlichen Fassade unseres Landes gewaltig zu brodeln Dies zeigte sich auch während der diesjährigen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit. Die „Troublemaker“ in Potsdam: PEGIDA – die ja nun wirklich dafür bekannt sind, mit populistischen Parolen und offensichtlichen Feindbildern bei ihren Demos die Öffentlichkeit aufzumischen. Es ging mal wieder gegen Kanzlerin Angela Merkel und ihre Ansammlung von „Verrätern am eigenen Land“, gegen Migranten, ihre vermeintlichen Privilegien, die böse „Lügenpresse“ und eigentlich gegen alles, was dem „besorgten Bürger“ in der deutsch-traditionellen Szene eben schwer im Magen liegt. Nur, um die Geschehnisse und Forderungen hier einmal in einer Wortwahl auszudrücken, mit der ich mich persönlich auf die Straße trauen würde, ohne mich an der Stelle der tobenden PEGIDA-Anhänger komplett in Grund und Boden zu schämen. Denn zum Fremdschämen eignet sich eine derartige „Total-Anti-Demonstration“ tatsächlich so hervorragend, dass man sich ernsthaft fragt, ob „das Volk“ nun vollkommen am Rad dreht und all seine Umgangsformen in der Stammkneipe am Tresen gelassen hat.

Ist das noch normal?

Demonstrationen? Ja bitte - aber nicht in dem Ton!
Demonstrationen? Ja bitte – aber nicht in dem Ton!

Fest steht: Demonstrationskultur geht anders. Ich frage mich ja ernsthaft, ob so viel primitive, destruktive, irrationale Wut auf so ziemlich alles und jeden noch normal ist. Und vor allem, warum eine ganze Bevölkerung, die Exekutive und sogar der Verfassungsschutz einfach so dabeistehen und zusehen können wie vor einem Primatenkäfig, in dem sich ein Gorillamännchen auf die Brust trommelt. Nur, dass der Gorilla augenscheinlich auf rechtspopulistische Parolen verzichten kann, was ihn im Vergleich eindeutig cleverer dastehen lässt. Dennoch erscheint mir das Beispiel eines Gorillamännchens, das sein Territorium verteidigt, an dieser Stelle passend. Denn auch im „Monkey Business“ der PEGIDA geht es um aggressive Abwehr von Unbekanntem (und die dahinter verborgenen Ängste), um Machtdemonstration und um das Abstecken eines „Reviers“, das manchem gefühlt aus den Händen zu gleiten droht, wenn sich die sozialpolitische Ist-Situation verändert. Dass diese Form, die „Überlegenheit“ alteingesessener, christlicher, deutschstämmiger Hetero-Bürger darstellen zu wollen, eher lächerlich wirkt, scheint manchem dabei nicht klar zu sein. Kurz gesagt, man machte sich am Tag der Deutschen Einheit bei der PEGIDA mal wieder zum Affen. Also prinzipiell wie immer, quasi „normal“ für die antiislamische Vereinigung mit Ursprung in Dresden. Weniger normal jedoch: die Akzeptanz und Selbstverständlichkeit, mit der weite Teile der gutbürgerlichen Bevölkerung inzwischen diesem Volksverhetzungszirkus begegnen.

Kollektive Angstblockaden

Latente Ängste, fehlende Perspektiven: Gründe für eine Radikalisierung
Zukunftsängste, fehlende Perspektiven: kein Grund, aufzugeben!

Dass die ausufernden PEGIDA- Demonstrationen in deutschen Großstädten nur die Spitze eines braun gefärbten Eisbergs sind, zeigt sich auch gerade in den Wahlergebnissen eher strukturschwacher Regionen, aber auch in der Hauptstadt Berlin. Bis zu 20 Prozent der Stimmen für die eher rechtspopulistisch angesiedelte AfD („Alternative für Deutschland“) sind zurzeit keine Seltenheit. Auf eine Art lässt sich dieser rasante Beliebtheitsanstieg einer Partei, die „Wirtschaftsflüchtlingen“ die Immigration erschweren will, die „traditionelle Familie“ bestehend aus Vater, Mutter, Kind(ern) noch mehr gegenüber anderen Familienformen bevorzugt als bisher und auch sonst vieles, was gesellschaftlicher Flexibilität und Internationalisierung dient, konsequent ablehnt, sogar (psycho-)logisch erklären. Ich möchte es hier als eine Hinwendung zum Konservatismus als Ausdruck von Unbehagen gegenüber einer Lebenswelt bezeichnen, die mit jedem Tag gefühlt unsicherer und ungemütlicher wird. Immer häufiger zwingen uns ein globalisierter Arbeitsmarkt, die in alle Richtungen vernetzte Europa- und Außenpolitik, ein – dem Internet sei Dank – 360°-Informationssystem und der Einzug immer neuer kultureller Einflüsse ins Alltagsleben (nein, nicht nur der Islam!) dazu, unsere Komfortzone zu verlassen. Über den Tellerrand hinauszuschauen, uns lebenslang neue Erkenntnisse anzueignen. Ja, ich weiß, das ist anstrengend und ich möchte hier auch gar nicht verneinen, dass viele Veränderungen auf einmal auch beängstigend wirken können. Wenn ich also die Hassparolen einer PEGIDA-Vereinigung in den Nachrichten sehe und höre oder mir das diffuse, teils stark rückwärtsgewandte Parteiprogramm der AfD aufmerksam durchlese, lese ich vor allem eines zwischen den Zeilen – die Angst vor dem Neuen, Furcht vor Herausforderungen der Globalisierung, eine Verteidigung der persönlichen „sicheren Bank“ vieler Menschen. Kurz: kollektive Angstblockaden, die das Gesichtsfeld verengen und der „Mitte der Gesellschaft“ einen echten Tunnelblick verschaffen. Schuld sind natürlich immer die „anderen“, die „Fremden“. Es ist eben immer einfacher, sich einen Sündenbock zu suchen, als Probleme wirklich an der Wurzel anzugehen und seinen Ängsten aktiv zu begegnen.

Ich habe auch Angst!

Fremdenangst treibt oftmals seltsame Blüten
Fremdenangst treibt oftmals seltsame Blüten

Dabei ist Angst etwas zutiefst Menschliches, nichts, worüber man nicht auf zivilisierte Weise reden könnte und erst recht nichts, wofür man sich schämen müsste. Denn nur, wer einer gefühlten „Bedrohung“ mit klarem Kopf entgegentreten und selbst mit an Lösungen arbeiten kann, lässt sich nicht von seinen Ängsten überwältigen. Ich habe auch manchmal Angst vor der Zukunft. Angst, trotz Studium und einer guten Vorbildung keinen festen Arbeitsplatz im Medienwesen zu finden, weil viele Branchen zur Massenbefristung tendieren. Angst, bei der aktuellen finanziellen Situation des deutschen Etats in 40 Jahren keine angemessene Rente zu bekommen. Selbst dann, wenn ich mir ein Bein und zwei Arme ausreiße, um beruflich aktiv zu bleiben. Angst, dass meinem Kind Dinge zustoßen, die ich ihm lieber ersparen möchte. Angst vor dem fortschreitenden Klimawandel. Und nicht zuletzt Angst, wenn ich die Nachrichten einschalte und mir Meldungen über Krieg, Terror, Wirtschaftskrisen, Gewaltregime und hungernde Kinder entgegenschallen. Um es kurz zu sagen: Mir wird ganz anders, wenn mir als Mitgestalterin der Gesellschaft und des Planeten Erde all diese (menschlichen) Katastrophen den Spiegel vorhalten. Es ist furchtbar, hinzusehen – und doch unmöglich, es nicht zu tun.

Meckern allein hilft nicht

Vater, Mutter, Kind - die "traditionelle Familie" als Aufhänger des Konservatismus
Vater, Mutter, Kind – die „traditionelle Familie“ als Aufhänger des Konservatismus

Nun gibt es zweifelsohne ganz unterschiedliche Arten, sich den dunklen, hässlichen Seiten des Lebens zu stellen. Man kann sie verdrängen, einfach keine Nachrichten mehr schauen, sich permanent in imaginäre Glitzer- und Entertainment-Welten flüchten. Auswahl gibt es auf Privatsendern und in der Freizeitindustrie dafür schließlich genug. Wegsehen kann durchaus funktionieren, zumindest für eine begrenzte Zeit, bis einen die Realität wieder einholt. Und das wird sie, früher oder später. Man kann klagen, fluchen, jammern und meckern, immer davon ausgehend, dass „früher alles besser war“. Besonders ältere Semester neigen zu dieser Art von Nostalgie, die sich bei näherem Hinschauen oft als schillernde Seifenblase verklärter Erinnerungen entpuppt. Laut allen gängigen physikalischen Gesetzen muss eine Seifenblase jedoch irgendwann platzen. Spätestens, wenn sie an ein Hindernis stößt, das ihren Schwebeflug stoppt. Man kann einfach so tun, als hätte man selbst gar keine Verantwortung für alles, was schief läuft – es gibt ja genug andere, denen man die Schuld in die Schuhe schieben kann. Bevorzugt natürlich jenen, deren Ruf dank geläufiger Klischees und Vorverurteilungen an den Stammtischen dieser Welt sowieso schon beschädigt ist. Oder, um ein beliebtes Zitat aus dem Film „Casablanca“ als Beispiel zu nehmen: „Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen!“ Auf „pegidisch“ übersetzt könnte das konkret heißen: „Der IS bedroht unser Land und unsere Werte – also raus mit dem Islam aus dem christlichen Abendland!“ Ohne nun konkret auf den vielen „Dreck am Stecken“ der großen Staatskirchen eingehen zu wollen (Stichwort: Hexenverbrennungen, Kondomverbote in AIDS-Hochburgen und Kreuzzüge), ist der Vergleich einzelner „schwarzer Schafe“ mit ihrer gesamten Herde doch ein wenig zu kurz gedacht.

Wer ist eigentlich "das Volk"? Sicherlich nicht PEGIDA!
Wer ist eigentlich „das Volk“? Sicherlich nicht PEGIDA!

Aber was soll’s, es sind ja nur „die anderen“ – und irgendwer muss ja die Schuld tragen? Es wäre herrlich einfach, Krisen derartig abzuhaken, allerdings ist es auch so unendlich dämlich und naiv. Egal, welche Strategie man wählt, ob es nun Wegsehen, die pure Resignation oder eben der direkte Angriff von Sündenböcken ist – nichts davon vermag ein Problem faktisch wirklich im Ursprung zu lösen. Meckern allein hilft eben nicht! Letztendlich liegt es an jedem Einzelnen in der Gesellschaft, ob er (auch im Kleinen) mit anpackt und den Karren aus dem Dreck zieht, ohne nur einen Nullradius als seinen Standpunkt zu betrachten. Das könnten auch diejenigen, die permanent „Der Islam gehört nicht zu Deutschland!“, „Islamistischer Judenterror“ und „Lügenpresse!“ auf den Straßen brüllen, Flüchtlingsheime anzünden und sich deswegen noch im Recht fühlen. Nein, normal ist so viel reaktionärer Populismus und Hass auf alles Fremde sicher nicht. Auch wenn es das Normalste überhaupt ist, mit Ängsten zu kämpfen.

Cats Couch | Willkommen im Bewerbungszirkus | Eine Kolumne

Den passenden Bewerber aus vielen finden - eine Herausforderung für Personaler
Den passenden Bewerber aus vielen finden – eine Herausforderung für Personaler

Manchmal kommen einem auch in unseren „modernen Zeiten“ noch Dinge unter, die einen dazu veranlassen, sich ungläubig die Augen zu reiben. Der alltägliche Irrsinn ist eben nie weit von menschlichen Leben entfernt. Heutige Beispiele: Bewerbungsratgeber, das ewige Thema Familienplanung und der (Un-)Sinn von Gesprächen, in denen die Show den Inhalt bestimmt.

Bewerbung kommt von „Werbung“ – sie ist genaugenommen eine Werbung „für sich selbst“, eine Präsentation, die dem Selbstmarketing dient. Bewerbungszyklen sind in gewisser Weise auch Wettkämpfe, in denen es darum geht, welcher Teilnehmer oder welche Teilnehmerin eine der begehrten Arbeitsstellen als Trophäe „gewinnt“ Konkurrenz belebt hierbei das Geschäft, und ehrlich gesagt finde ich das auch gar nicht so tragisch. Wenn denn alle, die ähnliche Qualifikationen aufweisen, auch mit den gleichen Chancen auf der Startlinie stehen könnten! Denn oftmals, so scheint es mir, gestaltet sich das „Rennen um die besten Plätze“ letztendlich doch wie ein zahmes, braves Dressurstück. Zumindest, wenn man gängigen Bewerbungsratgebern glaubt.

Beruf und Familie? Mancher Personaler sieht das noch kritisch
Beruf und Familie? Mancher Personaler sieht das noch kritisch

Im Zweifel gegen den Befragten?

Wer es bis zum Bewerbungsgespräch schafft, hat schon einige wichtige Hürden genommen und kann sich bereits auf eine seiner beiden Schultern klopfen. Doch beglückwünschen kann man sich erst, wenn man auch diese vielleicht härteste Etappe auf dem Weg genommen hat. Wer hochstapelt, läuft Gefahr, zu Fall gebracht zu werden (erfahrene Personaler merken das sofort) und wer sich zu wortkarg und zu bescheiden gibt, dem wird gerne unterstellt, man hätte etwas zu verbergen. Gerade bei der Besetzung der begehrten, gut bezahlten und immer seltener werdenden unbefristeten Stellen schauen Verantwortliche eben ganz genau hin, wen sie vor sich haben und wer möchte es ihnen schon verübeln? Einen festangestellten Mitarbeiter hat man im Boot – wenn es eben geht, so lange wie möglich. Sich bei Konflikten oder mangelnder Motivation von ihm zu trennen, ist gerade hierzulande denkbar schwierig. Für Festangestellte zeigt sich das Arbeitsrecht also eindeutig vorteilhaft, was wiederum manchen Arbeitgeber von „zu vielen“ Festanstellungen abschrecken mag. In kurzen Worten: Drum prüfe, wer sich lange bindet …. Doch wie zuverlässig ist eigentlich das Vorstellungsgespräch als Indikator, ob ein beginnendes Arbeitsverhältnis eher „der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“ oder der Vorspann für einen echten Horrortrip für beide Parteien wird? Denn die Fragen sind kritisch und viele Bewerberinnen und Bewerber entsprechend gut vorbereitet, um die Antworten zu liefern, von denen sie ausgehen, dass der potenzielle Brötchengeber sie auch wirklich hören möchte. So besteht die Gefahr, dass ein ehrliches Kennenlerngespräch zu einer steifen Dressurnummer im Zirkus abstumpfen kann – es braucht also eine große Menschenkenntnis aller Beteiligten, um wirklich zu einem „guten“ (im Sinne von authentischen) Erstkontakt und zu einer realistischen Einschätzung zu gelangen! Während viele Fragen, zum Beispiel nach dem Lebenslauf, einfach, prägnant und auch recht ungezwungen beantwortet werden können, gibt es auch die Gesprächsthemen, bei denen vor allem weibliche Jobanwärterinnen immer um den heißen Brei herumschleichen müssen. Und auch hier: Wer sollte es ihnen übel nehmen? Immerhin sind manche Nachfragen in einem Jobinterview offiziell nicht einmal zulässig!

Versteckspiele und unzulässige Stressfragen: Manchmal ist es doch echt nur zum Schreien!
Versteckspiele und unzulässige Stressfragen: Manchmal ist es doch echt nur zum Schreien!

Grenzüberschreitungen an der Tagesordnung

Wie einige meiner Leserinnen und Leser sicher mitbekommen haben, bin ich in absehbarer Zeit auch wieder auf der Jagd nach einem passenden Job nach Geburt unseres Kindes und ich beschäftige mich daher momentan wieder mit dem Thema „Bewerbungen“. Meine letzte Lektüre dazu war ein spezieller Ratgeber, „Das Vorstellungsgespräch für Frauen“, von Claudia Nöllke. Und ehrlich gesagt wird mir bei dem Gedanken daran, was eventuell auf mich zurollt, schon ein wenig mulmig. Nicht nur, wenn ich der Geburt selbst entgegensehe, sondern auch in Hinblick auf die Zeit nach dem Mutterschutz. Werde ich einen familienfreundlichen Arbeitgeber in der Medienbranche finden, der mir eine feste Stelle anbieten kann (denn mit befristeter Arbeit und einem gleichzeitig „unbefristeten“ Kind ist wohl kaum ein Blumentopf zu gewinnen)? Wie lange wird die Suche als Frau im gebärfähigen Alter und letztendlich mit familiärer Einbindung wohl dieses Mal dauern? Wird meine Bewerbung vielleicht oftmals gleich aussortiert, sollte ich mein Kind im Lebenslauf mit angeben, oder muss ich die Existenz meiner Tochter bis zum Vorstellungsgespräch verschweigen? Schließlich: Wie viele dieser unsäglichen, penetranten Fragen über mein Privatleben muss ich dann beantworten und schaffe ich es, dabei immer, ehrlich zu sein und cool zu bleiben? Kurz: Wie werde ich mich schlagen, wenn ständig die Grenzen der Privatsphäre mit den sogenannten „unzulässigen Fragen“ (nach Heiratsstatus, Kinderwunsch und Familiensituation) seitens des zuständigen Personalers „durch die Blume“ übertreten werden dürfen? Ob man einem Mann wohl die gleichen Fragen stellen würde? Wohl kaum. Bewerbungsratgeber wie der, mit dem ich mich gerade beschäftige, machen mir gerade wenig Mut. Firmen seien nach wie vor skeptisch, junge Frauen oder auch Eltern einzustellen (ich beziehe hier bewusst Väter mit ein, die zwei oder mehr Monate Elternzeit anstreben), so heißt es. Weiterhin finden sich klare Anweisungen und Ratschläge darin, Familiäres auszuklammern und immer zu beteuern, der Job stehe immer an erster Stelle und Kinder seien gerade überhaupt kein Thema. Mal einen Tag ausfallen, weil das Kind krank ist? Ach Quatsch, das macht eine bezahlte Tagesmutter (denn Großeltern könnten ja unzuverlässig sein …) Pünktlich Feierabend machen müssen, weil Betreuungsstätten eben begrenzte Öffnungszeiten haben? Schnee von vorgestern, natürlich ist auch für Überstunden die Betreuung immer gesichert. Das ist doch „selbstverständlich“. Teilzeitwunsch, Homeoffice oder Job-Sharing? Am besten bloß nicht dran denken, es sei denn, die Stelle ist explizit so ausgeschrieben. Am Ende noch die gesetzlich festgeschriebenen Stillpausen einfordern? Wer diese oder ähnliche Wünsche in einem Gespräch oder nach Antritt einer neuen Stelle äußert, so scheint es, läuft immer noch Gefahr, sich beruflich sofort ein Eigentor zu schießen. Also laufen Bewerber und Bewerberinnen auf Zehenspitzen wie auf heißen Kohlen um solche Themen herum, um den Personaler nicht zu verärgern. Der natürlich wirklich verärgert ist, wenn er merkt, dass man ihm einen Bären aufbinden will. Ich weiß nicht, wie Sie das sehen – es macht mich traurig und motiviert nicht gerade dazu, das ehrliche Gespräch mit seinem zukünftigen Arbeitgeber versuchen, wenn hierzulande ganz natürliche Dinge wie die Bindung an einen Partner („weniger Flexibilität“), eine geplante oder schon vollzogene Familiengründung („Eltern könnten höhere Ausfallzeiten haben und sind ein großer Kostenfaktor“) nach wie vor oft als Makel ausgelegt werden. Ein besonders schweres Los kommt dabei Alleinerziehenden zu – sie dürfen sich wohl die meisten unverschämten Fragen und Unterstellungen in Bezug auf ihr Privatleben anhören.

Wie aussagekräftig sind Bewerbungsgespräche, um eine freie Stelle zu besetzen?
Wie aussagekräftig sind Bewerbungsgespräche, um eine freie Stelle zu besetzen?

Auswege aus der Zirkusmanege

Ist es da ein Wunder, dass bei „verbotenen Nachfragen“ viel verschwiegen oder gar gelogen wird? Wohl kaum. Denn wer rennt schon sehenden Auges in offene Messer? Auch, wenn die Politik es uns anders glauben machen will: Gerade für Menschen mit „Lebenslauflücken“, Frauen, Eltern und Alleinerziehende ist Arbeitsmarktdiskriminierung nach wie vor ein Thema. Es wird also Zeit, dass sich auch die Wirtschaft wieder daran gewöhnt, dass Mitarbeiter eben auch ein Leben vor und nach der Arbeit, eine persönliche Lebensgeschichte und das Bedürfnis nach festen Bindungen haben. Ach ja, und das ist alles nur menschlich. Wenn wir alle – Arbeitgeber und Arbeitnehmer – also endlich offen und ehrlich über die Vereinbarung von Privat- und Berufsleben, Kind und Karriere, Ansprüche und Bedürfnisse sprechen könnten, ohne dabei Masken zu tragen, könnten wir diese Tanzbärennummer zugunsten wirklich sinnvoller Problemlösungen beenden. Dann wäre das Vorstellungsgespräch auch wieder das, was es eigentlich sein sollte – die Möglichkeit, sich kennenzulernen auf allen Seiten eine ehrliche Einschätzung und eine Vertrauensbasis zu gewinnen.

Cats Couch: Liebesgrüße aus der Ferne

Wer frisch verliebt oder in einer glücklichen Langzeitbeziehung ist, will eigentlich (fast) alles mit seinem Partner teilen und (er)leben. Dumm nur, dass es manchmal Situationen gibt, in denen Paare sich räumlich „trennen“ müssen, um im Leben erfolgreich zu sein oder überhaupt nur ihr Auskommen zu sichern. Gedanken von einer, die auszog, weil der Beruf ihr keine Wahl ließ. Weg

Liebe ist nichts für Feiglinge – und Liebe auf Distanz schon gar nicht. Als ich vor einigen Jahren meinen ganz persönlichen Schatz fand und wir uns nach und nach ein gemeinsames Leben aufbauten, verdrängte ich so gut wie möglich einen unangenehmen Gedanken: Spätestens nach der Uni steht eine Veränderung ins Haus. Natürlich wusste ich, dass gerade im Publizistikbereich die Jobs in meiner Heimatregion nicht auf der Straße liegen – bekanntlich sitzen die meisten Medienhäuser Deutschlands entweder im Norden oder im Süden der Republik. Dennoch sträubte sich lange Zeit alles in meinem Inneren gegen einen Wechsel des Studienorts oder gar einen Umzug für den ersten Job. Weiterlesen

Cats Couch: Brautdepression – Tiefer Fall von Wolke Sieben

Sie haben also eine Frau gefunden, mit der Sie bis ins hohe Alter das Leben teilen wollen. Gratulation! Sie haben ihr einen Antrag gemacht, sich geduldig mit ihr durch eine monate- bis jahrelange Hochzeitsplanung gekämpft und sich mit ihr schließlich das Jawort gegeben. Sie sind ein Glückspilz. Ihre nächste Herausforderung: Ihre frisch Angetraute davon überzeugen, dass es auch ein Leben nach den Flitterwochen gibt – und dass dieses Leben schön ist.

IMG_3554Heiraten und einmal Prinzessin sein – für viele Frauen ist das noch heute ein großes Thema. Es soll dieser eine Tag  sein, der das Leben für immer krönt, an dem alle Augen auf die Braut, ihr prachtvolles Kleid und ihre große Liebe, den Prinzen, gerichtet sind. So lehren es uns Märchen. Und romantische Komödien. Achja, Disney nicht zu vergessen … Seine Filme können hier einfach nicht unter den Tisch fallen. Wie viele Frauen haben schon die tragischen Liebesgeschichten von Belle, Schneewittchen und Cinderella gesehen und mitgefiebert … Hach. Seufz. Also, um es kurz zu machen: So vernünftig und rational viele von uns im Alltag sind – wenn es ums Heiraten geht, werden sie gerne mal wieder zu schmachtenden, sehnsüchtigen Wesen mit Mädchenträumen.

Braut sein bedeutet, im Mittelpunkt zu stehen

Nun kommt also der ersehnte Antrag und es tun sich eine Menge potenzieller Stressquellen auf, von denen Sie bisher gar nicht wussten, dass sie existieren. Weißtöne (ja, davon soll es tatsächlich unzählige von Ivory bis Champagner geben), Geschmacksnuancen bei der Hochzeitstorte (hat sie nicht vor kurzem noch alles gut gefunden, das nur annähernd nach Kuchen roch?) und natürlich die Verwandtschaft, vor allem die im engeren Kreis, die Ihnen wie ein Rudel ausgelassener, laut bellender Welpen vorkommt. Die „perfekte“ Location, das „perfekte“ Outfit und die „perfekte“ musikalische Untermalung finden – puh. Anstrengend, aber machbar. Egal, um sich zu erholen, gibt es ja noch die Hochzeitsreise, an die die „Gattin in spe“ natürlich auch meist hohe Ansprüche hat. Schließlich darf am „Tag der Tage“ nichts schiefgehen. Weiterlesen

Cats Gedankenwelt: Generation P(aranoia) – brauner Sumpf

Mit der Flüchtlingsdebatte kommt sie wieder zum Vorschein, die gute alte Stammtischphilosophie. „Flüchtlinge wollen doch bloß absahnen“, „Flüchtlinge werden übervorteilt“, „Flüchtlinge bekommen Smartphones, Familien zu wenig Kindergeld“ … Man muss nicht weit schauen, sondern nur seinen Facebook-Account öffnen, um zu wissen, dass eine Lawine aus braunem Schlamm mit voller Wucht anrollt. Aber warum diese Ablehnung? Ein Erklärungsversuch.

Wenn ich dieser Tage Beiträge auf sozialen Plattformen lese, macht mich das betroffen. Oder etwas drastischer ausgedrückt: Ich kriege das kalte Kotzen. Pardon für diese Ausdrucksweise, aber zu mancher „unliebsamen Wahrheit“ fällt mir als „unverbesserlicher Gutmensch“ einfach kein freundlicherer Begriff ein. Sicherlich, eine Mehrheit der User, die in sozialen Netzwerken Aussagen über Migranten treffen, zeigt sich offen bis gemäßigt-realistisch. Doch die „Minderheit“ derer, die mit aller Macht nach einem Sündenbock für eigens erlebte Missstände suchen (und bei Pegida und Konsorten finden), scheint in einem Maße anzusteigen, das nicht mehr feierlich ist.

Amsterdam 1
Migration gehörte schon immer zum Menschsein – egal, ob als Tourist oder Flüchtling

Manchmal möchte ich da meinen Laptop einfach mit voller Wucht zuschmettern und mich gewaltig über diejenigen ärgern, die im Schutz sozialer Netzwerke immer wieder über eine Gruppe von Menschen herzieht, die wahrscheinlich nicht mal etwas davon weiß, welche Ablehnung ihnen entgegenschlagen könnte. Dann atme ich dreimal tief durch, besinne mich und mache mir Gedanken über das Warum und das Woher. Warum sind so viele Menschen eigentlich so gehässig und woher kommt dieser passiv-aggressive Widerstand gegen Menschen, die nichts anderes getan haben, als fernab ihrer Heimat einen neuen Anfang zu suchen? Weiterlesen

Cats Gedankenwelt: Kleine Rebellen

Cat KolViele Menschen finden Kinder niedlich, solange sie einen mit großen Augen angucken, lachen, und tun, was die Erwachsenen wollen. Benehmen sich die „lieben Kleinen“ hingegen daneben, machen den Großen das Leben schwer und werfen deren Zeitpläne und To-do-Listen durcheinander, regnet es zu Hause Verbote und in der Öffentlichkeit strafende Blicke und Kommentare. Fragt sich nur: Wer ist hier der größere Unsinnstifter?

Vor unserem Bürofenster mitten in der Fußgängerzone einer Kleinstadt ist immer was los. Die Leute sitzen im Café, lachen, plaudern und klappern mit ihren Espressotassen. Hin und wieder hört man Straßenmusik (mal mehr, mal weniger gekonnt) und – wie könnte es anders sein – auch spielende Kinder oder eine ganze Schulklasse, die an unserer Agentur mit höchstem Lärmpegel vorbeiziehen, während bei uns in die Tasten gehauen und auch der eine oder andere politisch inkorrekte Witz in den Raum geworfen wird. Ansonsten herrscht emsige Arbeitsstille, wir müssen schließlich was schaffen, im Gegensatz zu den Leuten mit den sündigen Eisbechern und erst recht den Kids, die munter durcheinander johlen und auf kleinen tapsigen Füßen die Welt erkunden. Oder eher, sie erkunden dürfen. Hin und wieder ruft auch eine schneidige Mutterstimme: „Jonas! Sofie“ Herkommen, aber sofort!“ Oder so ähnlich eben. Oft missfällt es den „lieben Kleinen“, wenn Mama oder Papa ihnen sagt, sie sollen sich gerade hinsetzen, nicht stundenlang im Eis herumrühren, oder wenn ihnen die Mütze wieder auf den Kopf gesetzt wird. Dann gibt es großes Geschrei – und nicht selten fällt bei uns der Spruch: „Oh, hört mal, da wird gerade jemand umgebracht.“Weiterlesen

Cats Medienkommentar: Vorsicht, Blechbüchse!

In der PR und verwandten Medienzweigen heißt es ja so schön: Der Kunde ist König. Natürlich gehört das Klappern zum Handwerk, aber eine ganze Blechdose voller Nägel an den Kopf geworfen zu bekommen, tut weh. Echt jetzt.

Foto: Privat
Foto: Privat

Wenn man für Branchen- und Kundenmagazine Produktnews und andere Neuigkeiten von Industrie- und Anzeigenkunden redaktionell bearbeitet, ist man einiges gewöhnt. Man gewöhnt sich daran, jemanden auch zum dritten Mal daran zu erinnern, dass man noch einen Text oder ein bestimmtes Porträtbild vom Firmenvorstand benötigt. Das ist okay, wirklich, wir sind alle nur (gestresste) Menschen und da geht eben hin und wieder etwas unter. Es ist auch okay, jemanden schon zum vierten Mal zu erklären, warum es eben den Lesefluss stört, wenn zu viele Marken- und Produktnamen in Versalien geschrieben sind.Weiterlesen

Cat’s Couch: Nackte Tatsachen

Drei Badende am Strand - Paul Gustav Fischer (1860 - 1394 )- dänischer Maler
Drei Badende am Strand – Paul Gustav Fischer (1860 – 1394 )- dänischer Maler

Der Sommer naht und so mancher Mann freut sich jetzt schon auf den Anblick kurzer Röcke, tiefer Ausschnitte und Shorts, die gerade so das Nötigste bedecken. Vielen Frauen hingegen gruselt es vor der heißen Saison und ihrer neuen „Kleiderordnung“ – und vor allem vor dem „Ganzkörperscan“, der ihnen nun ständig bevorsteht.
Am nächsten Wochenende soll es heiß werden, das sagt zumindest der Wetterbericht. Also raus mit den Sandalen, dem kurzen Kleidchen und der Hotpants? Die Zuverlässigkeit der Wettervorhersage ist eine Sache – das mit der knappen Bekleidung eine andere. Denn es wird sich auch diesen Sommer nicht jede Frau trauen, sich darin ungezwungen im öffentlichen Raum zu bewegen. Dies zu tun, ohne sich ständig begafft zu fühlen wie ein Tier im Zoo, ist wohl eine der größten Hürden, die den Meisten bald begegnen wird. Weiterlesen

Cats Gedankenwelt: Über die Schwelle treten – Leben und Ängste

Cat KolEs gibt viele erste Male und gefühlt unzählige Gründe, warum sie Ängste in uns schüren. Manche Fachleute nennen es Neophobie („die Angst vor dem Neuen“), andere nennen es schlicht „Schwellenangst“ oder „Angst vor Veränderungen“. Das ist im Prinzip nichts Außergewöhnliches – dennoch lohnt es sich, hin und wieder seine Komfortzone zu verlassen und die Schwelle des Gewohnten zu übertreten. Weiterlesen

Cat’s Couch: Wie ein angezogener Exot am FKK-Strand

Cat KolCarolin Kebekus hat einmal gesagt: „Mittlerweile kenne ich die Brüste von Micaela Schäfer besser als meine eigenen.“ Recht hat sie, finde ich, wenn ich mich nach Feierabend durch das Internet und durch Facebook klicke und mir mehr nackte Haut begegnet, als ich sie je am Strand sehen würde. Auch bemerkenswert: Es sind immer noch meist die Frauen, die sich ausziehen.

Es erscheint mir in etwa so sinnfrei wie „Panzer für den Frieden“ – der Trend, dass wirklich jede Frau, egal welchen Alters, welcher Ethnizität und welchen Körperbaus, derzeit der Meinung ist, nackte oder halbnackte Bilder ins Internet zu stellen. Als Kunst wohlgemerkt – oder als Zeichen gegen ein aalglattes Körperbild, das gefühlte 95 Prozent aller Frauen weltweit schlecht dastehen lässt und Selbstzweifel fördert. Einmal ganz schonungslos und offen gesagt: Ich habe ja eher selbst Zweifel daran, ob ein solcher Overload an nackten „Weibsbildern“ wirklich das Problem des Schönheits- und Perfektionsterrors in den Medien lösen kann. Oder ob die bunt bebilderte Aussage „Wir sind alle schön“ nicht noch mehr der Gleichung Frau + Körperlichkeit + Schönheit = Anschauungsobjekt Vorschub leistet.Weiterlesen

Cat’s Couch: Mauerblümchen – na und?

Foto: Privat
Foto: Privat

Graue Maus, Mauer-blümchen, nichts-sagend, Langweilerin … Es gibt viele abwertende Begriffe für Frauen, die nicht viel Aufwand darauf verwenden, im Mittelpunkt zu stehen und alle Augen und Ohren auf sich zu ziehen. Aber warum eigentlich so herablassend? Immerhin hat Unscheinbarkeit auch ihre Vorteile …

Jeder kennt die Menschen, die man eben kennen muss. Denn sie fallen auf wie bunte Hunde, kennen alles und jeden und ziehen die Aufmerksamkeit an wie das Licht die Motten. Wo eine Kamera ist, schauen sie hinein und geben ihr strahlendstes Lächeln, und auch bei auffälligen, besonders modischen Outfits sind sie ganz vorne mit dabei. Und der Rest? Der leistet auch Großes … nur in kleineren Schritten, und dort, wo es einen zweiten Blick benötigt. Etwas, das die „Showstars“ unter uns vielleicht nicht wissen – auch auf der Schattenseite lebt es sich angenehm und sogar zum Teil stressfreier.

Auf dem Beobachtungsposten. Menschen, die sich eher im Hintergrund aufhalten, sind zumeist gute Beobachter. Eine Frau kann viel über andere herausfinden, indem sie einfach deren Verhalten studiert und sich in aller Stille ein Bild davon machen kann. Dadurch kann sie eventuell auf längere Sicht eine clevere Strategie entwickeln, auf die ihre auf Außenwirkung bedachten Mitstreiterinnen oder Freundinnen nie gekommen wären.Weiterlesen

Cat’s Couch: Furien, Miesepetras und Gewitterhexen

Foto: Privat
Foto: Privat

Die meiste Zeit über gelten wir Frauen als das ausgeglichenere und weniger aggressive Geschlecht. Auch, wenn das im Einzelfall sicher unterschiedlich ist, bemühen sich die meisten von uns im Alltag um Selbstbeherrschung und Harmonie. Ziehen dann doch einmal dunkle Wolken auf und die Laune schlägt um, wissen Männer nicht immer, wie sie damit umgehen sollen. Hier ein paar Tipps, was (oft) funktioniert – und was man(n) gegenüber einer schlecht gelaunten Frau besser sein lässt …Weiterlesen

Cats Gedankenwelt: Die Eine

Manchmal braucht es Jahre, bis etwas wieder in den gedanklichen Fokus rückt. Dies ist vor allem eine Erinnerung an meine einst allerbeste Freundin, die ich bereits als Teenager aus mir unbekanntem Grund verloren habe. Es soll nicht bedeuten, dass ich meine lieben und auch besten Freunde der Gegenwart nicht zu schätzen weiß. 

Die Eine

Ich suche dich.
Ich vermisse dich.
Ohne dich fühle ich mich,
als wäre ich nur halb.
Ich brauche dich
jetzt, nach all den Jahren.
Lange habe ich nicht mehr
an dich gedacht; mir Sorgen gemacht,
ob ich mein Leben lang
ohne dich leben kann.

Versteh mich nicht falsch,
Ich bin nicht einsam, nicht allein.
Will einfach nicht mehr
ohne dich sein; beim Lachen,
Beim Weinen, beim Unsinn machen.
Ich habe Familie, gute Freunde, einen Mann;
doch du bist die, ohne die ich nicht kann.
Du bist die Eine, mit dir will ich teilen,
keine Geheimnisse haben vor dir,
in Seelenverwandtschaft mit dir verweilen.

Irgendwo ist unser Faden gerissen,
Das Schicksal hat unsere Nähe gehasst.
Vielleicht hat uns der Strom
in andere Bahnen gerissen;
vielleicht haben wir uns über Jahre verpasst.
Ich suche dich und ich werde dich finden,
denn mir fehlt etwas, was ich vermiss‘,
ich bin nur eine Hälfte, wenn du nicht bist.
Du bist die, die mich ohne Worte versteht,
und bis zum Ende der Welt mit mir geht.

Du bist meine Schwester im Geist,
die Eine, die alles über mich weiß.
Und die, die auch mir wirklich alles erzählt,
sich keine andere Vertraute mehr wählt.
Ich muss mich selbst ändern, um dich zu finden,
muss bereit sein, mich an dich zu binden.
Kein Solo mehr sein, sondern ein Duett,
nicht mehr ich oder du, sondern wir;
für den Rest des Lebens, jetzt und hier.
Eine Einheit, die niemand mehr trennt,
wie eine Festung, die niemals verbrennt.

Du bist nicht eine von vielen, die Eine,
die meine beste Freundin sein will;
die Nähe würde uns niemals zu viel.
Denn wir sind nicht ich oder du, sondern „wir“.
Bereit, um auf uns aufzupassen,
uns beieinander fallen zu lassen.
Uns ohne Grenzen zu vertrauen, gemeinsam ein Leben aufzubauen,
Ich glaube, ich steh mir oft selbst im Weg,
denn ich scheue mich, weiß nicht, wie das geht,
wenn Freundschaft vor allem aus uns besteht.

Andere müssen warten, als „Best Friends Forever“
hätten wir immer Priorität. Du könntest dich melden,
egal wie spät, ungünstig und schlecht
Zeitpunkt und Kummer gerade werden.
Als „Allerbeste Freundinnen fürs Leben“
weinen und lachen, Unsinn machen,
wieder mal Kind sein, sich ernsthaft besprechen,
Geheimnisse lüften, Mauern aufbrechen,
uns an denen, die uns verletzt haben, rächen.
Nicht du, nicht ich, sondern „wir“ – nur mit dir.

Peter Altenberg: Prosaskizzen – Ein Geschäft

»Darf ich mir die ganze Schachtel nehmen?! Ich rauch‘ die so riesig gern – – –«, sagte sie zu mir.

Vincent Van Gogh (1853-1890) Nachtcafé am Place Lamartine in Arles
Vincent Van Gogh (1853-1890) Nachtcafé am Place Lamartine in Arles

Ich war verzweifelt. Ich betete das süsse, anmutige Geschöpf an, während jedoch die ganze Schachtel »Chelmis Ramses« im Café zehn Kronen kostete, Trafik acht Kronen.
»Ja, nehmen Sie die ganze Schachtel!«
Als ich die Zigaretten dem Kellner des eleganten Nachtcafé bezahlen wollte, sagte er: »So ein Mistviecherl; nimmt Ihnen gleich eine ganze Schachtel weg!«
»Nun«, sagte ich, »da haben Sie die zehn Kronen. Was kümmert es Sie?!«
»Nein«, sagte der Kellner, »die Sache ist so, die Dame hat mir die Schachtel sofort für zwei Kronen weiterverkauft. Morgen verkauf ich sie wieder für zehn Kronen, folglich schulden Sie mir nur die zwei Kronen, die ich der Dame bezahlt habe!«

Ich war selig. Ich sagte: »Sie, ich lasse mir von Ihnen nichts schenken, verstehen Sie mich?!«
Er: »Das würde ich auch gar nicht wagen. Aber ich habe es Ihnen vorgerechnet!«
»Ja, aber weshalb tun Sie denn das für mich?!«
»Herr Doktor, ich kenn‘ Sie schon so lang, Sie sind ja auch schon quasi von unserm G’schäft. Herr Doktor, wir müssen zusammenhalten gegen diese Mistviecher!«

So hielten wir denn zusammen gegen die Mistviecher, wobei ich ganze acht Kronen ersparte.

Der Unglücklichste – John Henry Mackay – Aus: Zwischen den Zielen

eleven am_Hopper

Drei Unglückliche trafen zusammen.
Ich suche das Glück und kann es nicht finden! – klagte der erste.
Ich fliehe das Unglück und kann ihm nicht entgehen! – keuchte der zweite.
Das Leben ist das Unglück! – sagte der dritte.
Ich kann nicht mehr! – schrie der erste. Und der zweite wiederholte das Wort.
Ich will nicht mehr! – sagte der dritte.

Der erste war gesund; aber er war arm und entmutigt.
Der zweite war reich; aber er war müde und krank. Der dritte war weder reich, noch gerade arm; weder besonders gesund, noch krank.

Ich bin unglücklich, jeden Morgen erwachen zu müssen, begann der erste wieder.
Und ich bin selten so glücklich, am Abend entschlummern zu dürfen, darauf der zweite.

Der dritte schwieg.

Wenn ich nur reich wäre, wie glücklich wäre ich – sagte der erste zu sich.
Oh, gesund zu sein – welch einziges Glück! – flüsterte unhörbar der zweite.

Der dritte war verschwunden.

Da lächelten die beiden Zurückbleibenden zum letztenmal in ihrem Leben. Aber indem auch sie grußlos voneinandergingen, maßen sie sich mit neidischen Augen: »Wie glücklich der doch ist!«

 

Cat’s Couch: Zeugen falscher Versprechungen

Cat's Kolumne - Foto: Katherina Ibeling
Cat’s Kolumne – Foto: Katherina Ibeling

Es gibt viele Gründe, warum Frauen das Bad oftmals mit mehr Shampooflaschen, Haarsprays und Schminksachen vollstellen, als sich ihre Männer logisch erklären können. Die gute Nachricht ist: Es existiert für die meisten „Regalhüter“ eine logische Erklärung. Die schlechte allerdings gleich hinterher – bis das „Woman Spreading“ im Badezimmer der Vergangenheit angehört, kann es noch lange dauern.

Das „Man Spreading“, also eine nicht gerade Platz sparende Sitzhaltung von Männern in öffentlichen Verkehrsmitteln, ist derzeit in aller Munde. Eher als selbstverständlich nimmt man aber hin, dass auch wir Frauen gerne mal mehr Platz einnehmen, als wir nach logischen Gesichtspunkten bräuchten – „Woman Spreading“ also. Das gilt vor allem für das heimische Badezimmer, und ja, da müssen sich viele von uns (natürlich mit Augenzwinkern) auch an die eigenen gepuderten Nasen fassen. Wer sich mit einer schönheits- und stylingbewussten Frau das Bad teilen muss, oder gleich mit mehreren, hat es nämlich überhaupt nicht leicht. Pragmatisch betrachtet haben viele von uns Frauen nämlich von allem zu viel – von Augen-Make-up bis hin zu Waxing-Streifen. Aber warum machen wir das eigentlich? Aus meiner Sicht als Frau gibt es dafür drei Hauptgründe.Weiterlesen

Cats Gedankenwelt: Über die Dankbarkeit

P1020509Dankbarkeit ist eine Tugend, die sich durch das ganze Leben zieht oder es zumindest sollte. Schon als Kinder lernen wir, immer „Bitte“ und „Danke“ zu sagen. Manchmal vergessen wir es trotzdem – und müssen uns wieder bewusst daran erinnern.

„Ich komme mir vor, als sei alles, was ich tue, selbstverständlich.“ Diese Aussage führt oftmals zu einem Konflikt in der Ehe, in der Beziehung, in der Familie oder auch in einer Freundschaft. Denn sie drückt in wenigen Worten ein Ungleichgewicht aus, emotional und vielleicht auch von den Pflichten. Als ich also letztens hörte: „Das ist wohl alles selbstverständlich für dich“, habe ich mich kurz über mich selbst erschrocken, und gemerkt, dass ich die Dankbarkeit auch in kleinen Dingen wiederentdecken musste. Es gibt da tatsächlich einige Menschen und Wesen, bei denen ich mich lange nicht bedankt habe.Weiterlesen

Cats Gedankenwelt: Zusammen wohnt man weniger allein

Foto: Katherina Ibeling
Foto: Katherina Ibeling

Seit ich aus dem Haus meiner Eltern ausgezogen bin, habe ich noch nie alleine gewohnt. Also, so richtig alleine, ohne jemanden sonst in der Wohnung, mit den komplett eigenen vier Wänden. Entweder war es die Wohngemeinschaft (kurz: WG) mit Mitstudenten, das Zusammenleben mit dem Partner und zwei Katzen oder jetzt in meinem ersten Redaktionsjob unter der Woche mit anderen Berufstätigen. Was den Lebensraum „WG“ ausmacht und warum man dafür eigentlich niemals zu alt ist – eine Zusammenfassung mit Augenzwinkern.

Ich kann einfach nicht alleine sein, beziehungsweise alleine wohnen. Nach der Arbeit nach Hause kommen und niemand ist da, irgendwie erscheint mir das … komisch. Es macht mich misstrauisch. Was würde ich die ganze Zeit lang mit einer ganzen Wohnung für mich anfangen, in der sonst keiner ist. Und vor allem: Was zum Henker würde ich die ganze Zeit mit mir selbst anfangen? Okay, da gäbe es einiges – lektorieren, schreiben, Sport und viel mehr lesen, als ich es aktuell tue. Trotzdem, immer alleine sein finde ich langweilig. In meiner langen WG-Karriere habe ich schon viel erlebt, Schönes wie Nerviges. Hier sind zehn „typische“ Situationen und ein Hinweis, dass du ein absoluter „Gemeinschafts-Wohner“ bist, wenn du sie auch kennst.Weiterlesen

So sind die Introvertierten – über den erfolgreichen Umgang mit einer unbeliebten Spezies

So sind die Introvertierten
•  Über den erfolgreichen Umgang mit einer unbeliebten Spezies • 

Edward Hopper - "Morning Sun" - 1952 - Öl auf Leinwand - Columbus Museum of Art, Ohio
Edward Hopper – „Morning Sun“ – 1952 – Öl auf Leinwand – Columbus Museum of Art, Ohio

Es gibt eine ganze Reihe von Eigenschaften, die introvertierten Menschen zugeschrieben werden. Die nachfolge Auswahl entstammt sowohl  Literaturquellen (inkl. Internetforen) als auch eigenen Erfahrungen (der Autor gehört zu eben solcher Spezies..).  Ein introvertierter Mensch nicht alle diese Eigenschaften aufweist. Wie bei allen anderen Menschen variieren diese und sind unterschiedlich ausgeprägt. Introvertiert zu sein hat übrigens nichts mit Schüchternheit zu tun.  Auch auf mich trifft nicht alles zu und bei mancher Eigenschaft bin ich froh, dass der Kelch an mir vorüber gegangen zu sein.

Einige dieser Merkmale lassen sich als Außenstehender erkennen, andere eher nicht. Viele Introvertierte werden versuchen, die als negativ empfundenen Eigenschaften zu unterdrücken, was mal mehr mal weniger funktioniert.
Zu bedenken gilt: neben Intro- und Extroversion weitere Persönlichkeitsmerkmale gibt, die das Verhalten eines Menschen beeinflussen.

Insofern ist die nachfolgende Liste nicht geeignet, um Menschen mit dem Stempel “introvertiert” zu versehen. Sie bietet allerdings Anhaltspunkte, um das Verhalten von Menschen – also auch von sich selbst – besser zu verstehen.

Da unsere Gesellschaft mit Introversion eher Nachteiliges verbindet, habe ist die Liste unterteilt in Eigenschaften, die für gewöhnlich positiv, neutral oder negativ einsortiert werden.

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Als eher positiv wahrgenommene Eigenschaften

  • Introvertierte sind die besseren Zuhörer. Sie mögen tief gehende Gespräche und diskutieren gerne[avatar user=“PeterJensen“ size=“medium“ align=“right“ link=“http://derblaueritter.de/peter-jensen/“]Dr. Peter Jensen – Heilpraktiker & Psychotherapeut[/avatar]die Probleme von anderen Menschen. Sie sind weniger darauf aus, selbst zu Wort zu kommen, sondern hören einfach zu.
  • Introvertierte sind aufmerksame Beobachter. Sie bemerken oft Dinge um sie herum oder Stimmungen, die anderen entgehen. Sie entdecken auch eher Fehler.
  • Introvertierte sind sehr gewissenhaft und verantwortungsbewusst. Ihnen ist wichtig, eine Aufgabe korrekt zu erledigen und Fehler zu vermeiden.
  • Introvertierte sind zuverlässig. Wenn sie etwas ankündigen oder versprechen, dann machen sie es meist auch.
  • Introvertierte sind pünktlich. Es ist ihnen unangenehm, wenn andere Menschen auf sie warten müssen.
  • Introvertierte bringen andere Menschen nicht in unangenehme Situationen. Wenn es sich doch nicht vermeiden lässt, leiden sie unter Schuldgefühlen.
  • Introvertierte lesen viel. Sie verbringen viel Zeit mit Büchern, denn Lesen ist für sie eine gute Möglichkeit, um Energie zu tanken und persönlich zu wachsen.
  • Introvertierte sind sehr kenntnisreich. Vor allem in der Tiefe sind sie gut informiert. Wenn sie sich für ein Thema interessieren, saugen sie das verfügbare Wissen förmlich auf.
  • Introvertierte sind sehr reflektiert. Über neue Erlebnisse und neues Wissen denken sie lange nach, um es zu verarbeiten. Entsprechend durchdacht sind ihre Antworten auf Fragestellungen (wenn man ihnen Zeit gibt).
  • Introvertierte hinterfragen vieles. Anstatt Informationen einfach hinzunehmen, hinterfragen sie oft die Bedeutung. Das trifft auch auf ganz einfache Alltagssituationen zu.
  • Introvertierte sind sehr mitfühlend. Die Stimmung anderer Leute kann sie berühren und in der eigenen Stimmungslage beeinflussen.
  • Introvertierte sind verständnisvoll. Sie hören besser zu, sind mitfühlend und reflektieren viel. All dies hilft, sich in ihre Mitmenschen besser hineinzuversetzen.
  • Introvertierte werden oft um Rat gefragt. Durch ihr bedachtes Auftreten und ihr tiefes Wissen, werden sie oft von anderen Menschen konsultiert. Introvertierte sind besonders häufig in beratenden Berufen tätig.
  • Introvertierte sind bescheiden. Sie stehen nicht gern im Mittelpunkt und neigen somit auch nicht zu Übertreibungen.
  • Introvertierte denken, bevor sie sprechen. Sie reden wenig, spät und langsam, weil sie nicht sprechen (können), ohne nachgedacht zu haben.
  • Introvertierte sind glaubwürdig. Durch Zuverlässigkeit, Bescheidenheit und bedachtes Sprechen werden sie oft für glaubwürdiger gehalten.
  • Introvertierte sind kreativ. Unter Beobachtung können sie diese Stärke nicht ausspielen, aber wenn sie allein sind mit ihren Gedanken, können Introvertierte äußerst kreativ sein. Viele Künstler sind introvertiert.
  • Introvertierte sind vorausschauend. Sie neigen dazu, nicht nur die positive Seite zu sehen, sondern erkennen schon frühzeitig mögliche Probleme. Dadurch wirken sie oft pessimistisch.
  • Introvertierte können gut planen. Sie versuchen, zu viele Überraschungen in ihrem Leben zu vermeiden. Das funktioniert am besten mit viel Planung.
  • Introvertierte sind gut vorbereitet. Wann immer sie sich jemandem oder einer Gruppe von Menschen präsentieren müssen, sind sie äußerst gut vorbereitet. Ein Vortrag wird beispielsweise bis zur Erschöpfung durchgesprochen, Informationen werden verinnerlicht.
  • Introvertierte sind ordentlich. Sie mögen kein unübersichtliches Chaos. Sie funktionieren besser, wenn ihr Umfeld überschaubar bleibt.
  • Introvertierte wollen wachsen. Sie haben einen besonders starken Drang nach persönlichem Wachstum. Dieses erreichen sie vor allem durch Lesen und Reflexion – aber auch durch neue Erlebnisse in einem für sie erträglichen Umfang.
  • Introvertierte gehen vom Guten im Menschen aus. Das heißt nicht, dass sie anderen Menschen früh vertrauen, aber sie gehen eher davon aus, dass andere Menschen gute Absichten verfolgen.
  • Introvertierte sind gute Führungskräfte. Sie können Teams von proaktiven Mitarbeitern besser führen als Extrovertierte.
  • Introvertierten sind selten gelangweilt. Auch wenn es so aussieht, als würden sie nichts tun, fühlen sie sich wohl in ihren eigenen Gedanken. Introvertierte können sich gut mit sich selbst beschäftigen.
  • Introvertierte sind geduldig und ausdauernd. Sie widmen sich Problemstellungen deutlich länger als ihre Mitmenschen und kommen so oft zu innovativen Lösungen.
  • Introvertierte sind vorsichtig. Sie gehen weniger Risiken ein, die sie nicht einschätzen können.
  • Introvertierte sind unabhängig. Sie machen ihre Gefühle weniger abhängig von anderen Menschen und können eine zeitlang allein sein. Auch beruflich sind sie ungern von anderen Menschen abhängig.
  • Introvertierte sind offen für Ideen. Sie hören bei Vorschlägen ihrer Mitmenschen besser zu und diskutieren gern neue Ideen und Lösungsvorschläge.
  • Introvertierte können sich tief konzentrieren. Wenn sie an einer Problemstellung arbeiten, können sie sich in ihr vertiefen.
  • Introvertierte sind sehr genau. Sie machen keine halben Sachen, sondern möchten das bestmögliche Ergebnis abliefern. Sie neigen zum Perfektionismus.
  • Introvertierte strahlen Ruhe aus. In turbulenten Zeiten werden sie weniger hektisch und treffen weiterhin bedachte Entscheidungen.
  • Introvertierte sind weniger materialistisch. Sie wenden sich eher ihrem Innenleben zu als externen Dingen. Daher sind ihnen Statussymbole weniger wichtig.

Als neutral gewertete Eigenschaften

  • Introvertierte sind ruhig. Was in turbulenten Zeiten Sicherheit gibt, löst in anderen Situationen weniger Begeisterung aus.
  • Introvertierte sind nachdenklich. Sie denken über neue Einflüsse von außen intensiv nach – bleiben aber hin und wieder in ihren Gedanken gefangen.
  • Introvertierte sind Tagträumer. Sie erleben die Welt nicht so intensiv wie Extrovertierte, sondern richten sich an die innere Welt der Gedanken.
  • Introvertierte haben wenige Freunde. Ihr soziales Umfeld ist wesentlich kleiner als das von Extrovertierten. Allerdings legen sie großen Wert auf enge Freundschaften. Qualität geht vor Quantität.
  • Introvertierte sind ernsthaft. Sie nehmen das Leben oft nicht so leicht wie Extrovertierte, sondern versuchen, den Sinn zu ergründen und zu interpretieren. Sie sehen bei jeder Situation die Probleme schon frühzeitig.
  • Introvertierte sind sensibel. Schon laut Definition sind sie sensibler für Stimulation und können eher überwältigt werden als Extrovertierte.
  • Introvertierte sind gern allein. Sie sind auch gern unter (wenigen) Menschen. Aber sie brauchen beides und genießen ihre Zeit für sich.
  • Introvertierte sind gern in der Natur. Die natürliche Umgebung wirkt beruhigend und weniger stimulierend als der moderne Alltag.
  • Introvertierte gehen nicht gern Shoppen. Einkaufen ist anstrengend durch viel Stimulation und viele Menschen.
  • Introvertierte entscheiden sich eher dazu, Single zu sein. Sie fühlen sich ohne Partner weniger einsam als Extrovertierte und verzichten aus verschiedenen Gründen bewusst auf eine Partnerschaft. Das heißt jedoch nicht, dass sie ihnen nicht gut tun würde.
  • Introvertierte reden wenig. Oft reden sie wesentlich weniger als ihre Gesprächspartner und konzentrieren sich auf das Zuhören und kurze – aber durchdachte – Antworten. Nur bei Themen, in denen sie sich sehr gut auskennen, reden auch Introvertierte viel.
  • Introvertierte arbeiten gern ohne Unterbrechung. Da sie mit ihren Gedanken arbeiten, werden sie ungern unterbrochen. Im modernen Büroalltag ist das jedoch keine Selbstverständlichkeit und kann negativ wahrgenommen werden.
  • Introvertierte stehen nicht gern im Mittelpunkt. Das heißt, dass sie stets versuchen, der Aufmerksamkeit durch andere auszuweichen. Eine öffentliche Anerkennung vor vielen Menschen mag also nicht in ihrem Sinne sein.
  • Introvertierte bzw. hoch sensible Menschen reagieren oft stärker auf Koffeein.
  • Introvertierte sind sehr empfänglich für Kunst und Musik. Sie können z.B. längere Zeit in Museen verbringen.
  • Introvertierte wirken mysteriös. Da sie sich ihrem Umfeld nur wenig mitteilen, wirken viele Introvertierte auf andere Menschen geheimnisvoll. Dabei haben Introvertierte nicht mehr zu verstecken als Extrovertierte.
  • Introvertierte ziehen sich gern zurück. Wenn sie zu viel Stimulation erfahren, ziehen sich Introvertierte gern in einen abgeschirmten Bereich zurück, um ihre Akkus wieder aufzuladen.
  • Introvertierte neigen zu Schuldgefühlen. Wenn sie das Gefühl haben, einem anderen Menschen Umstände zu bereiten oder ihn falsch behandelt zu haben, leiden sie schnell unter einem schlechten Gewissen.
  • Introvertierte können sehr direkt sein. Sie reden zwar nicht viel, können sich aber sehr direkt ausdrücken. Unter Umständen mag es so wirken, als fehle ihnen das nötige Taktgefühl.
  • Introvertierte sind weniger euphorisch. Ihr Belohnungssystem ist nicht so aktiv wie das von Extrovertierten, daher verspüren sie weniger Euphorie.

Als eher negativ empfundene Eigenschaften

  • Introvertierte sind gehemmt. In vielen Situationen fühlen sie sich nicht frei und locker, z.B. in Gruppen oder wenn sie sich öffnen sollen.
  • Introvertierte fühlen sich unwohl in großen Gruppen. “Je mehr Leute desto besser” könnte aus Sicht eines Introvertierten nicht falscher sein. Sie fühlen sich am wohlsten in kleinen Runden.
  • Introvertierte können schnell überstimuliert werden. In einer rasanten Welt sind Introvertierte erschöpft und überfordert, wenn sie gegen ihre Natur leben.
  • Introvertierte brauchen mehr Pausen, um das hohe Stimulationslevel in der extrovertierten Welt zu vertragen.
  • Introvertierte reden langsamer, denn sie denken bevor sie sprechen.
  • Introvertierte reden nicht gern vor anderen Menschen. Insbesondere spontane Reden sind für sie eine Horrorvorstellung (für viele andere Menschen aber auch).
  • Introvertierte reden eher leise.
  • Introvertierte drücken sich lieber schriftlich aus. Sie mögen keine Telefone, dafür E-Mail umso mehr.
  • Introvertierte sind bei einem hitzigen Streit den meisten Extrovertierten unterlegen, da zu schnell geredet wird.
  • Introvertierte tun sich schwer damit, Menschen mit Stories zu unterhalten.
  • Introvertierte mögen keinen Small Talk. Sie können es von Natur aus auch nicht besonders gut.
  • Introvertierte zögern oft bevor sie sprechen.
  • Introvertierte neigen dazu, über einige Dinge zu viel nachzudenken.
  • Introvertierte fühlen sich unwohl auf Parties.
  • Introvertierte feiern selbst in kleinem Rahmen (wenn überhaupt). Sie verbringen lieber Zeit mit 2-3 engen Freunden.
  • Introvertierte meiden Augenkontakt – vor allem beim Sprechen.
  • Introvertierte sind etwas langsamer bei der Erfüllung von einfachen Aufgaben oder bei der Entscheidungsfindung. Informationen werden ausführlicher verarbeitet und das dauert.
  • Introvertierte sind nicht besonders spontan. Sie beobachten lieber erst andere, bevor sie selbst aktiv werden.
  • Introvertierte sind schmerzempfindlicher (sensibler).
  • Introvertierte können sich nur schwer öffnen und erzählen nur wenig über sich selbst.
  • Introvertierte sind für andere Menschen sehr schwer zu lesen.
  • Introvertierte fühlen sich unwohl, wenn sie auf neue Leute treffen oder gar auf sie zugehen.
  • Introvertierte fühlen sich oft unterlegen, wenn sie auf Menschen mit mehr Erfahrung treffen.
  • Introvertierte werden unruhig, wenn sie zu viele Dinge auf einmal erledigen sollen.
  • Introvertierte werden nervös unter Beobachtung. Sie können ihre Leistung nicht abrufen, wenn sie sich beobachtet fühlen.
  • Introvertierte mögen keine gewalttätigen Filme.
  • Introvertierte verlieben sich schneller und heftiger.
  • Introvertierte haben ein geringeres Selbstbewusstsein. Das ist jedoch nur eine indirekte Eigenschaft, die durch die negative Einstellung der Gesellschaft zur Introversion hervorgerufen wird.
  • Introvertierte lächeln weniger. Sie sind nach innen gerichtet und laden die Außenwelt daher mit ihrem Gesichtsausdruck nicht zu Reaktionen ein. Das geschieht unbewusst und heißt nicht, dass sie weniger glücklich sind.
  • Introvertierte gehen nicht aus sich heraus, weil sie in einigen Situationen gehemmt sind und grundsätzlich weniger Euphorie verspüren.

Wertende Klischees in der Wahrnehmung

  • Introvertierte wirken unsozial, weil sie gern Zeit allein verbringen, anstatt unter Leute zu gehen.
  • Introvertierte wirken schüchtern, weil sie Augenkontakt meiden und ungern auf andere Menschen zugehen.
  • Introvertierte wirken passiv, weil sie etwas langsamer sind und vor allem wenig und erst spät reden.
  • Introvertierte wirken faul, weil sie langsamer sind, mehr Pausen benötigen und wenige Aufgaben gleichzeitig übernehmen können.
  • Introvertierte wirken langweilig, weil sie wenig reden und nicht so stark erlebnisorientiert sind.
  • Introvertierte wirken seltsam, weil man wenig über sie weiß.
  • Introvertierte wirken unglücklicher, weil sie weniger lächeln und weniger euphorisch sind.
  • Introvertierte wirken distanziert, weil sie wenig von sich preisgeben und gern Zeit allein verbringen.
  • Introvertierte wirken humorlos. Sie sind ernsthafter, gehen wenig aus sich heraus und bevorzugen etwas subtileren Humor. Das kann sie in einer Runde mit Extrovertierten humorlos erscheinen lassen.

  –  Fazit  –  

Egal, wie die Eigenschaften von Introvertierten im Einzelnen wahrgenommen werden. Sie ergänzen die Mängel der Extravertierten. Nüchtern betrachten wären Extravertierte ohne ihren Gegenpart nichts, denn es ist zu viel heiße Luft dabei und andersherum würde sehr viel Know how und Wissen verloren gehen, weil es Introvertierte nicht für erwähnenswert halten. Daher wäre es wünschenswert, wenn sich beide Pole mit mehr Respekt, Aufmerksamkeit und einer gewissen Dankbarkeit begegnen würden.

Cat’s Couch: Hypes und Trends

Foto: Katherina IbelingWer ein Mode- und Frauenmagazin aufschlägt oder „typische“ Webseiten für Frauen wie „gofeminin“ oder „Brigitte“ aufruft, dürfte glauben, dass wir Frauen uns wie ein Fähnchen immer dorthin drehen, wo der frischeste Wind weht. Was es damit auf sich hat, warum der Schein manchmal trügt und mancher Sturm auch einfach vorüberzieht, lest ihr in dieser Episode.

„Und, hast du auch schon 50 Shades of Grey gesehen? Wie fandest du den Film?“ Immer, wenn mich jemand fragt, verdreht meine innere böse Göttin genervt die Augen. Einerseits, weil ich diesen Buch- und Filmtitel einfach nicht mehr hören kann. Andererseits, weil ich doch eine „innere Göttin“ zitieren muss und nicht der Versuchung widerstehen konnte, mich durch einige Textpassagen, Rezensionen und Filmwebseiten durchzuklicken, um meine Neugier zu befriedigen. Viel Erleuchtung hat mir meine Neugierde nicht gebracht, und ich weiß immer noch nicht genau, warum ausgerechnet dieses Medienprodukt diesen Riesenerfolg feiert. Ich bin gerade immer noch ziemlich ratlos, und wahrscheinlich sind es viele Männer mit mir, die mehr oder weniger freiwillig in der letzten Woche die Primetime-Kinokarten für den Kassenschlager des Jahres bei einem Date bezahlt haben.

Aber es ist nicht einmal eine persönliche Abneigung gegen E.L. James oder ihre Vorstellung von romantischem Sadomaso, die mich so ratlos macht, auch nicht gegen die Darsteller im Film oder die Machart des Trailers. Fakt ist, ich scheine einfach kein Trendgespür zu haben, was die breite Masse anlockt, oder ich bin einfach nicht „Mainstream“ genug, diese Begeisterung zu teilen. Das ist nicht einmal Absicht, vermutlich hätte ich von dem Hype um den neuesten Skandal der Buchwelt niemals erfahren, wenn ich nicht zufällig das Radio zu einem passenden Kommentar eingeschaltet hätte und – neugierig wie eine Katze – eben danach gegoogelt. „Na komm, angucken kannst du es dir ja mal“, dachte ich und suchte mir eine Reihe von Leseproben aus dem Netz. Ich fühlte beim Lesen – nichts. Also, so gar nichts, was irgendwie schon gruselig ist. Normalerweise müsste ich doch zumindest sofort eine „Anti-Haltung“ entwickeln und mich über dies und das empören. Doch der einzige Eindruck, der blieb, war: „Hm, naja, Geschmäcker sind verschieden.“

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Die Marketingmaschine um den Überraschungsbestseller aus den USA läuft nun schon seit Jahren auf Hochtouren, und je länger sie läuft, desto mehr wird es selbst bekennenden Achselzuckern wie mir unmöglich, es zu ignorieren. Vor allem ist dies nicht der erste Hypertrend, bei dem es mir so geht. Auch die „Ideenvorlage“ für E.L. James, Stephanie Meyers „Twilight“-Trilogie, ging bis auf ein paar Parodien komplett an mir vorbei, ehe ein Ausweichen durch ständige Onlinebanner und Filmplakate unvermeidbar wurde. Als jemand, der anderweitig im PR-Bereich angesiedelt ist, weiß ich, dass natürlich der „Herdentrieb“ bei diversen Trends geschürt wird, bemerke aber auch, an welchem Punkt es für Nicht-Fans einfach nur noch nervig wird.

Überhaupt kann ich mich nicht erinnern, jemals absolut „Fan“ von etwas gewesen zu sein, außer, dass ich die Musik der Spice Girls früher super fand. Oder bestimmte Musikrichtungen. Dass man eine Helpline für Take That- Boygroupies einrichten musste, als diese sich auflösten, fand ich schon als Teenie eher befremdlich; als Erwachsene wundere ich mich jetzt, dass Heidi Klum immer noch Tausende „Meeeeedchen“ dazu bekommt, zu einem Massencasting zu kommen und sich vor aller Welt zum Affen zu machen. Und dass sich der Po von Kim Kardashian im Netz schneller verbreiten kann als jeder Trojaner, finde ich dann schon echt strange und frage mich, in welcher Freakshow ich eigentlich gelandet bin.

Vielleicht ticke ich doch eher wie ein Mann? Mir haben mal Männer erzählt, wie schnelllebig sie die ganzen Catwalk-, Beauty- und Modetrends finden, mit denen sich frau alle paar Wochen neu erfindet. Ich wette auch, die meisten Männer würden doof gucken, wenn man ihnen die neuen „Trend-Stellungen“ beim Sex in einem langen Artikel mit Gebrauchsanleitung präsentieren würde. Sprich: Vielleicht gehen viele Dinge einfach an ihnen vorbei, ohne dass sie auch nur Wind davon bekommen (bis auf Sport, Autos, Technik und Fußball natürlich).

Sind „Männer-Trends“ also einfach nur anders geartet als „Frauen-Trends“, und verbreiten sie sich auch so schnell wie jeder Erkältungsvirus in der Straßenbahn? Bei uns Frauen scheint es jedenfalls, als seien viele von uns Fähnchen im Winde, die sich in Richtung der frischesten Brise drehen. Womöglich geht es darum, „mitreden“ zu können und einfach mit dem Schwarm in die Richtung zu schwimmen, die am meisten Komfort und Sicherheit verspricht. Eine weitere Möglichkeit ist, dass Marketing für Produkte des täglichen Lebens immer eine Zielgruppe hat. Betrachtet man gängige Zeitschriften und Internetseiten für Frauen, ist offensichtlich, wie der Hase oder auch das Bunny läuft. Mode muss her; Schuhe müssen her; Beautyprodukte müssen her; und natürlich alles, was Romantik und Sex verspricht. Und zwar schnell. Es ist quasi unmöglich, sich dem komplett zu entziehen, es sei denn, man kappt alle Verbindungen zur Außenwelt und lebt als Einsiedler. Dann sind viele von uns natürlich auch „neu-gierige“ Wesen und schnell für Emotionen zugänglich, es mag natürlich auch entsprechende Männer geben – und ich habe hier nur drei mögliche Gründe von vielen genannt.

Bedeuten Trends denn immer etwas Schwaches? Nicht zwingend. Trends sind auch Innovationen, erneuern etwas, das überholt scheint. Gerade die, die den Anfang machen, die Trendsetter, haben beizeiten das Potenzial, Großes zu bewirken und Trendsetter kann jeder werden. Eigentlich. Denn einen eigenen Trend zu setzen, oder auch nur bestehende Hypes zu hinterfragen und sich bewusst eine Meinung zu bilden, erfordert Zeit, Mühe und Mut. Gesellschaftliche Trends oder auch „Mainstream“-Bewegungen konnten schon viel Gutes hervorbringen, die Abschaffung der Sklaverei und Geburtenkontrolle zum Beispiel. Aber sie können auch zu einer gefährlichen Tendenz werden, wenn sie sich gegen bestimmte Menschen richtet, zu weit nach rechts oder in eine fanatische Schiene abdriften. Die Worst Cases lernt man im Geschichtsunterricht. Es lohnt sich also, für Mann und Frau, Trends durchaus gut im Auge zu behalten oder sie auch einfach mal zu „liken“. Allerdings mit Maß und nicht rein wegen der Masse. Und um zum Ausgangspunkt zurückzukommen, dem allerorten verbreiteten „Grey-Virus“: Er mag vielen ein lustvolles Fieber bereiten – doch auch er wird irgendwann fortgeweht, um einer neuen Luftströmung Platz zu machen.

Wörterbuch -H wie Heinrich Himmler über Marschall Tito (Josip Broz Tito)

Fundstück bei den Recherchen zu einem Bericht über Josip Broz Tito:

Josip Broz Tito
Josip Broz Tito

Ich möchte Ihnen noch ein Beispiel von Ausdauer nennen: die Ausdauer des Marschall Tito…Leider ist er unser Gegner. Den Marschalltitel hat er wirklich verdient. Wenn wir ihn jedoch erwischen, werden wir ihn auf der Stelle hinrichten. Er ist unser Feind, doch wäre ich froh, wir hätten in Deutschland ein Dutzend Titos, Männer mit solchen Führungsqualitäten, dieser Entschlossenheit und so guten Nerven, die sich nie ergeben, auch wenn sie völlig eingekreist sind.

Vor deutschen Offizieren, 1944

Besondere Anmerkung: mein Bekannter vom Archiv merkt dazu an; er überlege sich, wie dies in der Öffentlichkeit ankäme, würde dies ein amerikanischer Präsident zu einem Amtskollegen aus einem der „Schurkenstatten“ sagen….Besondere Anmerkung 2: ich hatte postwendend Lust auf eine Weißweinschorle bei Jacques….. 

Familienspass am Wochenende – nach Gustave Flaubert

Thomas Cole -  The Voyage of Life: Youth - 1840 - Munson-Williams-Proctor Arts Institute
Thomas Cole – The Voyage of Life: Youth – 1840 – Munson-Williams-Proctor Arts Institute

Gustave Flaubert den Schülern seiner Literatur-Akademie sinngemäß diese Aufgabe gestellt: Gehen Sie in einen Wald, suchen Sie sich einen Baum aus und beschreiben Sie ihn. Und zwar so, dass ich, nachdem ich Ihre Wortskizze gelesen habe, genau diesen Baum wiederfinde.

Basteln Sie sich doch einfach mal ein Spielchen daraus: mit Ihrer Familie, Freunden, Ihrem Gefährten /ihrer Gefährtin, oder mit Ihren Mitarbeitern….macht Spaß und bringt überraschende Ergebnisse (auch der Selbsterkenntnis). Alternativ: wenn Sie merken, dass Sie sich nicht gut konzentrieren können: machen Sie diese Übung für sich allein. Sie werden schnell merken, dass Sie sehr schnell konzentriert abtauchen: Abgesehen davon, dass der Wald als die BESTE QUELLE zum Auftanken gilt.

Cats Gedankenwelt: Die (alltägliche) Wutprobe

Foto: Katherina Ibeling
Foto: Katherina Ibeling

Zu den beliebtesten guten Vorsätzen gehört auch der, einfach im neuen Jahr ein wenig netter, freundlicher, hilfsbereiter und höflicher zu werden. Das misslingt manchmal aber gewaltig. Einerseits, weil die Umwelt nicht mitspielt und man spätestens nach ein paar Wochen frustriert einsehen muss, dass andere offenbar das Ziel haben, sich noch eine Spur unfreundlicher, indiskreter und rücksichtsloser zu verhalten. Andererseits, weil zwar in jedem Menschen etwas Gutes steckt, aber längst nicht jeder zum absoluten „Gutmenschen“ taugt. Weiterlesen

Lebensfragen: Ich bin selbstverständlich ein guter Vater, oder?!

Father and Child* by Karl Wilhelm Friedrich Bauerle (c) Cuming Museum; Supplied by The Public Catalogue Foundation
Father and Child*- by Karl Wilhelm Friedrich Bauerle – (c) Cuming Museum; Supplied by The Public Catalogue Foundation

Wenn wir lesen um uns zu informieren, zum Beispiel zu aktuellen Fragen unseres Lebens finden wir viele, viele Antworten. Diese hat ein Autor geschrieben und dabei eine größere Leserschaft im Blick. Die Antworten haben daher eher einen allgemeinen Charakter. Was wir selten finden sind Autoren, die gute Fragen stellen und diese im Raum stehen lassen.

Diese Rubrik greift die Idee auf, mit klugen Fragen zu inspirieren in dem Vertrauen darauf, dass Sie die Antwort bereits in sich haben. (Es ist immer so; nur oft genug wird sie vom Lärm des Lebens übertönt.)

Heute einige Anregungen zu der Frage: bin ich ein guter Vater?

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Cats Gedankenwelt: Aussteigen!

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Paula Modersohn-Becker: Schützenfest mit Karussell II, 1904, Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen

Manchmal dreht sich bei uns allen das Gedankenkarussell zu schnell und wir rutschen in eine Negativspirale hinein, aus der wir schwer wieder herauskommen. In diesem kleinen Prosagedicht habe ich einen solchen Moment aufgefangen …

Aussteigen – ein innerer MonologWeiterlesen

Cats Gedankenwelt: Liebe im Zeitraffer

Zeitraffer
Zeitraffer – Foto: Boris Klein

Dass Zeit sich in der eigenen, subjektiven Wahrnehmung verdichten und einem viel kürzer vorkommen kann, als sie tatsächlich ist, stellen viele Menschen fest, wenn aus Freitag auf einmal wieder Montag wird oder aus Urlaub ein ganzer Berg Arbeit, der sich inzwischen angesammelt hat. Doch nicht nur alltägliche Aufgaben und „pflichtlose“ Stunden geben sich in diesem strammen Rhythmus die Klinke in die Hand – auch die Liebe auf Entfernung erfährt so eine rigide Taktung.Weiterlesen

Cat antwortet: Das nicht ganz so stille Örtchen

Hin und wieder flattert doch mal eine Leserfrage bei mir rein, hier oder über Facebook. Weiter so – und gerne mehr davon! In diesem Blogbeitrag geht es um eine Frage, die sich vermutlich viele Männer schon so oder so ähnlich gestellt haben …

Maiko fragt: Wie kommt es eigentlich, dass so viele Frauen mindestens zu zweit auf die Toilette gehen?

Hallo Maiko,

die Frage habe ich mir tatsächlich schon öfter selbst gestellt, wenn ich mit einer gemischten oder einer Mädelsclique unterwegs war. Genau, wie viele Frauen gerne mal im Rudel zu den Waschräumen pilgern, um dem Gott des Badporzellans zu huldigen, gibt es eben genau so viele, die das nicht oder ungerne tun. Ich gehöre normalerweise eher zur zweiten Sorte. Aber wenn mich eine Freundin erster Sorte fragt: „Kommst du mit aufs Klo?“, komme ich dann doch oft mit – und wenn nur, um sie nicht vor den Kopf zu stoßen. Ich denke mir dann, sie wird schon ihre Gründe haben, und meist haben wir Mädels die auch. Sogar ganz schön viele und überraschend pragmatische.

  1. Alleine in der ellenlangen Kloschlange in der Disco, der Kneipe oder auf einem Festival stehen, ist einfach viel zu langweilig!

Dass die Schlange vor dem Damenklo gerne mal „etwas“ länger ist als die bei den Männern, ist eine Tatsache und eigentlich überall beobachtbar, wo es öffentliche Toiletten gibt. Wenn man also niemanden Bekanntes hinter oder vor sich in der „längsten Schlange der Welt“ (siehe mit Augenzwinkern auch dieses Video …) hat, kann das zu einem Unwohlsein und auch zu erheblicher Langeweile führen. Und ja, eine halbe Stunde und länger anstehen ist keine Seltenheit bei manchen Locations!

  1. Man muss später eh ewig anstehen, dann kann man ja jetzt schon gehen …

Gleiche Situation, ähnliches Tatmotiv. Die Erfahrung auf größeren öffentlichen Veranstaltungen lehrt uns eben, dass es, wenn man dann wirklich dringend muss, schon fast zu spät sein kann!

  1. Unter Mädels“ lassen sich gut Waren und Infos austauschen.

Nein, keine Drogen und auch keine vertraulichen Informationen aus der Weltpolitik oder von der NSA. Sondern solche basalen Dinge wie eine Haarbürste (mit der man ungerne direkt neben seinem Drink rumfuchtelt), Tampons (nein, definitiv kein Thema für eine gemischte Runde … ), oder den Namen des Typen an der Bar, der gerade so frech und sexy rübergelächelt hat …

  1. Peinliche oder anderweitig befremdliche Szenen lassen sich so verbergen.

Die Damentoilette ist ein intimer Schutzraum für Frauen, denen in irgendeiner Weise eine peinliche, zwiespältige oder anderweitig unangenehme Situation droht. Dort passieren die Dinge, die im Rest des Clubs oder der Partyräume nie jemand zu sehen bekommen soll. Es wird sich ausgekotzt (verbal über den Ex-Freund oder auch ähm … im wörtlichen Sinn), geheult wie ein Schlosshund und dann wieder getröstet. Frauen fetzen sich aus Eifersucht, werfen sich die schlimmsten Dinge an den Kopf, oder vertragen sich emotions- und tränenreich nach einem vorherigen Wortgefecht. Frei nach der Devise: Ein Raum der (fast) unbegrenzten Möglichkeiten … Böse Zungen könnten auch behaupten: Der Club ist ein Irrenhaus, und das Damenklo die Zentrale.

  1. Der gemeinsame Klogang ist ein soziales Ritual.

Die Waschräume sind eigentlich, alles in allem, viel mehr als ein reiner Nebenschauplatz. Sie sind ein Ort des sozialen Austausches, der Solidarisierung oder kleinerer Catfights. Sitzt ein Mädchen vor Liebeskummer heulend am Boden, wird sicher ein großer Teil der Kloschlange hilfreich mit Trost, Aufmunterung und Taschentüchern zu Hilfe springen. Nicht zu vergessen, das gemeinsame Schimpfen über unsensible Ex-Lover, Aufreißer und alle Gefühlslegastheniker dieser Welt. Auf der Toilette und im Vorraum gehört es auch zum guten Ton, schwesterlich Mascaras und Haarspraydosen auszutauschen, sich ehrliche Komplimente über Outfit und Styling zu geben oder einfach zu sagen. „Dein Lippenstift ist verschmiert“ oder: „Dein Schild hängt aus der Hose.“ Hier können Frauen auch das tun, was aus Korrektheit „draußen“ nie tun würden – zum Beispiel laut über die Neue des eigenen Ex lästern. Steht genau die zufällig auch in der Schlange, gibt es einen kleinen Catfight, mit oder ohne Einigung – ein bisschen Schwund ist eben immer.

Ich hoffe, deine Frage damit – wenn auch mit kleinem Augenzwinkern – ausreichend beantwortet zu haben und freue mich auf weitere spannende Leserfragen!

Wörterbuch – B wie Bilderrätsel

„Ein Wörterbuch anlegen, ein Verzeichnis der seit Jahrzehnten bevorzugten Worte, da käme man sich auf die Schliche, auf die Farben, auf die Objekte…“ Marie Luise Kaschnitz

Bilderrätsel_Entstehung_Schrift
Niedermesopotamien – 4. Jtsd. v. Chr.

Das Bilderrätsel: eine Spielerei. die zum Schlüssel der Schrift wird.

Die weichen Tontåfelchen, auf die die Schreiber anfangs ihre Texte ritzen, lässt man an der Sonne trocknen oder brennt sie in einem Ofen. Die Zeichen, die benutzt werden, stehen zunächst für Dinge oder Lebewesen. Der entscheidende Fortschritt in der Entwicklung der Schrift besteht nun darin, dass die Zeichen sich mit der Zeit auf die Lautwerte der Worte der gesprochenen Sprache beziehen.

Am Anfang jeder wirklichen Schrift steht also die Phonetisierung. Die Sumerer wie auch die Alten Ägypter benutzen dafür ein Verfahren, das wie eine Spielerei wirkt: das Bilderrätsel. Sie kommen auf die Idee, sich eines Piktogramms zu bedienen, das nicht das dargestellte Objekt bezeichnet, sondern für ein ähnlich klingendes Wort steht. Das funktioniert wie bei unseren Bilderrätseln: Das Bild von Sand und das Bild der Ahle stehen nicht jeweils für das Material oder das Werkzeug, sondern zusammen für das Kleidungsstück „Sand-Ahle“, also für „Sandale“. So verwendet man das sumerische Piktogramm für Pfeil, ti, um den Begriff Leben, das ebenfalls ti gesprochen wird, wiederzugeben. Das ist nur ein einfaches Beispiel, denn die Phonetisierung entwickelt sich über lange Zeiträume und auf sehr komplexe Weise. An diesem Punkt müssen die sumerischen Schreiber Determinative einführen, die die verwendeten Zeichen klassifizieren, um klarzustellen, ob es sich jeweils um das Objekt oder den Lautbezug handelt: Dadurch erst wird ein eindeutiges Lesen möglich.

Cat’s Couch: Strangers in the night

Foto: Katherina Ibeling
Foto: Katherina Ibeling

Manchmal können Frauen auch im 21. Jahrhunderten noch ein Rätsel für Männer sein. Oder sogar für andere Frauen – ja, das gibt es auch. Dabei ist es meistens gar nicht so kompliziert, wie es aussieht. Ich sehe mich nicht als Beziehungsexpertin, Sex-Know-it-all oder Lebensratgeberin und das sollte auch niemand sonst. Allerdings bin ich eine Frau und habe die eine oder andere ernsthafte oder humoristische Antwort auf Verständnisfragen.

Hin und wieder wundert ihr euch sicher über uns, liebe Männer. Oder ihr fühlt euch gar missverstanden oder zu Unrecht einer Sache beschuldigt, die ihr gar nicht erst im Sinn hattet. Zum Beispiel, wenn ihr in den späten Abendstunden durch eine Straße geht, nicht die nächste Bushaltestelle findet, geschweige denn die Abfahrtszeiten wisst. Nicht mal die genaue Uhrzeit kennt ihr gerade, und das alles zusammen ist ein echtes Problem. Ihr müsst nämlich dringend den nächsten Bus bekommen, könnt aber nichts auf dem Smartphone nachschauen, weil der Akku selbst zum Piepen zu leer ist. Sowas nennt man dann wohl ein Dilemma – oder eine „Junger Mann in Nöten“-Situation. Da kommt euch eine junge Frau mit einem Rollkoffer entgegen, die recht zielstrebig in eure Richtung geht. „Die könnte ich fragen“, denkt ihr vielleicht und sprecht sie mit einem freundlichen „Hallo“ oder „Entschuldigung“ an. 

Dame mit Rollkoffer, den Zug ereilend - Illustration: !so?
Dame mit Rollkoffer, den Zug ereilend – Illustration: !so?

Zu eurer Irritation hat die junge Dame aber gar keine Lust, euch als edle Ritterin den Weg zu weisen oder euch nur Stunde und Minute zu nennen, und schaut euch mit einem Blick tiefsten Misstrauens an. Ja, sie wechselt vielleicht sogar die Straßenseite. Wenn ihr Glück habt, bleibt sie mit einem großen Sicherheitsabstand stehen und schaut euch sehr kühl und abschätzend an. „Hallo, kann ich weiterhelfen?“ Es scheint ihr aber unangenehm zu sein. Euch kommt das mehr als komisch vor. Habt ihr etwas falsch gemacht, wirkt ihr bedrohlich? Um das Rätsel aufzulösen: Die Frau mit dem Rollkoffer könnte ich sein, wenn ich sonntags spät in meiner Arbeits- und Wochenwohnstadt ankomme. Ihr wirkt übrigens nicht bedrohlich und habt auch nichts falsch gemacht, das Bedrohliche kommt rein aus der Situation heraus. Ihr seid allein mit einer Frau (zum Beispiel mir) auf einer spärlich beleuchteten Straße und ihr seid fremd. Das macht euch gefühlt zu einem Sicherheitsrisiko. Selbst dann, wenn ihr gar nichts Böses im Schilde führt. In den allermeisten Fällen habt ihr dieses Unwohlsein (Angst wäre zu viel gesagt) nicht bewusst provoziert, viele von uns Frauen haben nur schon als junge Mädchen gelernt, euch, dem fremden Mann auf der Straße, mit Misstrauen zu betrachten. Um euch ein wenig Einblick in die manchmal irrationalen Ängste mancher Frau zu verschaffen, bitte ich euch, liebe Männer, nun darum, euch in die folgende Geschichte hineinzufühlen.

Du steigst aus dem Zug, wuchtest den Koffer die Treppen hinunter und ziehst ihn durch die belebte Bahnhofshalle nach draußen. Dort ist es kalt und stockduster, wären da nicht noch die Lichter von den Geschäften und Imbissbuden. Die Lichter tun dir gut, sie geben dir Sicherheit, Weitblick und machen dich sichtbar und so unangreifbar. Dein nächster Blick geht zum S-Bahn-Fahrplan. Die nächste Bahn erst ein 26 Minuten – verdammt. „Ich gehe zu Fuß“, beschließt du, „es sind ja nur zehn bis fünfzehn Minuten.“ Auch, wenn dir nicht ganz wohl dabei ist, aber du hast ja bereits als Kind und Jugendlicher gelernt, wie man Pöblern, sexuellen Übergriffen und anderen kriminellen Machenschaften aus dem Weg geht. Also durchatmen und los. Deine Schritte führen dich zunächst eine – inzwischen kaum befahrene- Hauptstraße entlang. Mehrere hundert Meter sogar. Es kommt dir zwar gerade keiner entgegen, aber du kannst deine eigenen Schritte hören, als du deinen Weg fortsetzt. Auf lautes oder unpraktisches Schuhwerk hast du schon verzichtet – man kann damit einfach so schlecht weglaufen, wenn wirklich mal Not am Mann ist. Das haben dir schon immer deine Großeltern und Eltern eingeschärft, dass Schuhe entweder gute Waffen sein müssen oder zum Rennen geeignet, wenn Gefahr droht. Du hörst ein Fahrrad hinter dir, gehst instinktiv zur Seite, aber so, dass du nicht zu nah an die vergitterten Büsche und das Steintor zu einem großen Gebäude kommst – immer in der Mitte des Bürgersteigs bleiben, lautete die Devise aus Grundschultagen, da kann niemand dich von irgendeiner Seite in die Büsche oder auf die Straße ziehen. Dir kommt jemand im dunklen Mantel entgegen, mit mürrischem Gesichtsausdruck, vielleicht körperlich wesentlich stärker als du. Du greifst nach dem Handy in deiner Jackentasche und straffst die Schultern. In deinem Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskurs hat du gelernt, dass Handys und eine gerade Haltung potenzielle Angreifer abschrecken. Du gehst an der fremden Person vorbei (nicht ohne sie einmal misstrauisch von oben bis unten taxiert zu haben), lauschst heimlich, ob die Schritte sich entfernen und gehst auf die Ampel zu. „Fast da“, denkst du dir, drückst aufs Knöpfchen und wartest, bis es Grün wird. Der Koffer wird dir langsam schwer zum Ziehen, wenn du rennen müsstest, müsstest du ihn mit allem, was drin ist, stehenlassen. Neben dir tritt eine weitere Person an die Ampel, du musterst sie vorsichtig, sie mustert dich, wenn auch eher gleichgültig, ihr beide geht über die Straße, biegt in verschiedene Richtungen ab. Nun kommt der Teil des Weges, der dir schon immer suspekt war. Die Straße ist menschenleer und nur schummerig beleuchtet. Überall sind Ecken und Winkel, hinter denen jene gefährlichen bis tödlichen Unbekannten lauern könnten, von denen du in der Real-Horrorshow, nämlich in den Nachrichten, immer wieder hörst und liest. Kaum ein Tag vergeht ohne Eilmeldungen über Vergewaltigungen, Raubüberfälle oder sogar Mord. Entschlossen, aber wachsam schreitest du weiter voran. Alles Panikmache, oder? Trotzdem empfindest du es als Risiko und Zumutung, dass der halbe Bürgersteig zugeparkt ist und du ab einem gewissen Punkt zwischen einem Kellereingang und einem Van (hat man dich nicht immer vor denen gewarnt?) hindurchgehen muss. Der Bürgersteig und damit dein Bewegungsradius kommt dir verengt vor, die Alarmglocken läuten Sturm. In diesem Moment erscheint eine fremde Person wie aus dem Nichts aus einem Treppenaufgang in deinem Sichtfeld (war die gerade eben schon da), die du nur durch das Aufglimmen einer Zigarette bemerkt hast. „Guten Abend“, grüßt sie dich freundlich und du erstarrst einen kurzen Moment. Bis du erkennst, dass es nur der Nachbar einige Häuser weiter ist. „Haben Sie mich aber erschreckt!“, entfährt es dir nach einem Moment der Schockstarre und du musst über deine eigene Schreckhaftigkeit lachen. Dann wünschst du einen guten Abend und gehst weiter. Du wuchtest deinen Koffer den Hauseingang hoch und ziehst deinen Schlüssel aus der Hosentasche. Schließlich hast du gelernt, nicht zu lange in dunklen Hauseingängen zu verweilen. Der Schlüssel wird eingesteckt und dreht sich im Schloss, doch dabei schaust du dich noch einmal unauffällig um. Kein Mensch zu sehen. Puh, zum Glück. Du öffnest die Tür mit einem Ruck, gehst so hinein, dass du die Straße noch im Blick hast. Dann Koffer rein, Tür zu. Ein letzter Blick durch die Milchglasscheibe, dann aufs Handy. Du hast für den Weg nur zwölf Minuten gebraucht, er ist dir viel länger vorgekommen.

Warum ich euch das erzähle? Weil das meine allwöchentliche Geschichte ist – mit Variationen. Wenn euch also das nächstes Mal so eine junge Frau mit Rollkoffer des Nachts auf der Straße begegnet und euch anschaut, als wäret ihr eine Gefahr in Fleisch und Blut, seht es ihr nach oder nehmt ihr das Misstrauen. Kommt nicht plötzlich und mit schnellen Bewegungen aus einem Hauseingang oder einer Abbiegung hervor. Stellt euch so ins Licht, dass sie euch erkennen und als harmlos identifizieren kann. Macht euch am besten freundlich, aber deutlich bemerkbar und bewegt euch dabei in ihrem Sichtfeld. Haltet einen Respektabstand und löst euch aus eurer Jungsclique, wenn ihr auf sie zugeht, alles andere löst nur (unnötig) Ängste aus. Vor allem: Nehmt es nicht persönlich. Sie kann nicht anders, als euch erst einmal bedrohlich zu finden. Womöglich hat sie es nicht anders gelernt – nicht im Elternhaus, nicht in den Medien und vor allem nicht im speziellen „Selbstverteidigungskurs für Mädchen“, den mancher Junge ebenso gut gebrauchen könnte. „Strangers in the night“ ist nicht immer romantisch, es kann im schlimmsten Fall auch böse enden – für jeden von uns, Mann oder Frau.

Sigmund Freud über schöne Frauen

Sigmund_Freud_LIFEEs stellt sich besonders im Falle der Entwicklung zur Schönheit eine Selbstgenügsamkeit des Weibes her, welche das Weib für die ihm sozial verkümmerte Freiheit der Objektwahl entschädigt. Solche Frauen lieben strenggenommen nur sich selbst mit ähnlicher Intensität, wie der mann der sie liebt. Ihr Bedürfnis geht auch nicht dahin zu lieben, sondern geliebt zu werden, und sie lassen sich den Mann gefallen, welcher diese Bedingungen erfüllt… Solche Frauen üben den größten Reiz auf Männer aus, nicht nur aus ästhetischen Gründen, weil sie gewöhnlich die schönsten sind, sondern auch infolge interessanter psychischer Konstellationen.

Sigmund Freud

Foto: Dieter Kreikemeier_pixelio.de

Wenn Migranten-Mütter ein Netzwerk gegen Sprachprobleme gründen

Antonie Volkmar (1827-1867) Berlin -1860 Öl/Leinwand - © Deutsches Historisches Museum, Berlin In. Nr.: 1991/3264
Antonie Volkmar (1827-1867) Berlin -1860 – Öl/Leinwand – © Deutsches Historisches Museum, Berlin – In. Nr.: 1991/3264

Wie schnell lernt sich eine Sprache im fremden Land? Und so, dass es sich auch über die Banalitäten des Alltages verständlich kommunizieren lässt. Eine Woche? Einen Monat? Ein Jahr? Für viele unvorstellbar. Besonders dann, wenn sie als Migranten in Deutschland eintreffen und von ihnen erwartet wird, zusätzlich noch das Behördendeutsch zu verstehen. Sofort. In staatlich geförderten Deutschkursen lässt außerdem oft die Qualität zu wünschen übrig; was weniger an den Dozenten liegt, sondern an den Konzepten der Bildungsträger.
Um diese Sprachbarrieren zu überwinden haben sich in der Hansestadt Lüneburg 13 Mütter aus Russland, Äthiopien, Syrien, dem Kosovo, Peru, Tunesien, Libanon, Madagaskar, El Salvador, Venezuela, Ägypten und Turkmenistan zusammengeschlossen und das „Migranten-Eltern-Netzwerk“ gegründet. Ziel dieses Netzwerkes ist es, sich und anderen verlässlich zu helfen und bei der Integration zu begleiten: beim Erlernen der Sprache, bei Behördengänge und wider die „Migranten-leben-unter-ihresgleichen-Mentalität“. Eine weitere Hoffnung: Arbeit zu finden, auch außerhalb des Niedrigstlohnsektors.Weiterlesen

Ladinisch – Wenn Sprache singt – über das Südtiroler Trio Ganes

Können Sie Ladinisch? Ich eher nicht.
Auf einem Geschäftstermin in Zürich; es liegen zwei inspirierende Tage liegen hinter mir. Mein Gastgeber hat mir zum Abschied eine CD mitgegeben; für die lange Fahrt.  Während ich durchs Gebirge gen Norden fahre, lausche ich einer fremden Sprache: dem Ladinischen. Diese Sprache wird inzwischen nur noch von etwa 30 Tausend Menschen genutzt und ist vergleichbar mit dem Schweizer Rätoromanischen.  Der Name Ladinien bezeichnet ein geographisches Gebiet in den Dolomiten in Norditalien. Der Begriff wurde wahrscheinlich im 19. Jahrhundert als Bezeichnung für das ladinischsprachige Gadertal geprägt.
Naturgemäß verstehe ich kein Wort und doch ist die jeweilige Stimmung angenehm eingängig.  Es ist das aktuelle Album der Südtiroler Band Ganes. Sie besteht aus den Schwestern und Cousinen Marlene und Elisabeth Schuen sowie Maria Moling. Marlene Schuen studierte Violine und Jazzgesang, Elisabeth Schuen absolvierte ein Studium als Opernsängerin und spielt wie ihre Schwester Geige. Maria Moling studierte in Klagenfurt Musik. Der Bandname hat übrigens seinen Ursprung in dem Mythos lokaler Sagengestalten. Aus den fließenden Rhythmen erheben sich ihre drei Stimmen; mal zart mal fröhlich, mal fordernd. Die Sprache eignet sich wunderbar für den Gesang; sie für sich genommen sehr melodisch. Weiterlesen

DE PROFUNDIS – Ein Essay von Walther Rathenau (aus 1920)

Ein Mensch spricht:
Ich bete.
Warum bete ich?
Ich will danken, preisen, verströmen. Ich will. Ich muss.
Ist das wahr?
Ja, es ist wahr.
Nein, es ist nicht wahr. Ich will mehr.
Was will ich?
Ich will Leidesende. Ich will Glück, ich will Seligkeit.
Also kaufen will ich, werben will ich, bitten will ich, betteln will ich.

Was heißt das? Vorteil um leichte Mühe. Vorteil vor wem? Vor anderen, die ehrlicher und stolzer sind. Vorteil von wem? Von Mächten, die sich bereden, beschwatzen, bebetteln lassen.
Also bete ich aus Neid, aus Gier, aus Unehrlichkeit. Und solches Gebet soll erhört werden — darf erhört werden?
Ach, es ist wahr: selig sind die geistig Armen. Sie kennen den Zweifel nicht. Sie sind Kinder, man fragt nicht, man erhört sie. Doch ich bin nicht geistig arm. Ich will geistig arm sein. Ich will alles Wissen und Denken abtun. Ich will vergessen.
Ach! je heißer ich will, desto kälter empfinde ich, dass ich nicht geistig arm bin. Dass ich mich immer weiter von geistiger Armut entferne, dass ich den letzten Flaum der Naivität verliere. Weil ich mich ans Heil klammere, deshalb entgleitet mir das Heil.Weiterlesen

Cat’s Couch: Sendepause, bitte!

Quasselstrippen - Illustration: !so?
Quasselstrippen – Illustration: !so?

Manchmal können Frauen auch im 21. Jahrhunderten noch ein Rätsel für Männer sein. Oder sogar für andere Frauen – ja, das gibt es auch. Dabei ist es meistens gar nicht so kompliziert, wie es aussieht. Ich sehe mich nicht als Beziehungsexpertin, Sex-Know-it-all oder Lebensratgeberin und das sollte auch niemand sonst. Allerdings bin ich eine Frau und habe die eine oder andere ernsthafte oder humoristische Antwort auf Verständnisfragen.

Bevor ich dieses Mal ins eigentliche Thema einsteige, nämlich Wahrheit und Mythen um Frauen im Dauerredemodus, möchte ich ganz wort- und kommentarlos ein Video der Wiseguys in den (virtuellen) Raum stellen – sozusagen zum „Aufwärmen“. Aus diesem Lied zog ich nämlich erst die Idee für diese „Cat’s Couch“-Ausgabe.

Gabriele Münter_Kind mit Katzen
Gabriele Münter – Kind mit Katzen

Man sagt uns Frauen nach, dass wir einfach nie mal einfach schweigen können. Seit ich gerne und häufig mal heiser bin (unter anderem, weil ein Redaktionsvolontariat viele Gespräche erfordert), fällt mir das auch auf. Wenn sich im Zug eine Clique 16- und 60-jähriger Damen gegenübersitzt und ich mittendrin oder in Hörweite, kann ich mich nicht recht entscheiden, wer eigentlich lauter ist. Da wird gegackert, gekichert und durcheinander geredet, bis der Arzt kommt. Ohne Punkt und Komma. Im Klartext: Ich genieße momentan die Zeit, die ich konzentriert im Büro verbringen kann – man kann sich einfach mal beharrlich eine Stunde lang anschweigen, ohne dass der eine es dem anderen übelnimmt. Oder die Zeit zu Hause in meinem WG-Zimmer, wenn einfach nur noch Ruhe im Karton ist und ich keine Stimmen mehr hören muss.Weiterlesen

Das kleine Wörtchen „ob“ – und damit sind keine Tampons gemeint

Wie häufig nutzen Sie das Wörtchen „ob“? Wissen Sie welche Vor- bzw. Nachteile die Nutzung dieses Wortes hat? Im ersten Moment mag dies eine banale, überflüssige Frage sein. Nur: wir sind wie wir uns ausdrücken. Es sagt viel über unsere Gefühle und Gedanken aus. Selbst wenn jemand versucht zu „manipulieren“. Und oft sind es die kleinen, scheinbar unwichtigen Wort die wir benutzen. Wie in diesem Fall, denn meist geht es besser ohne dieses Wort „ob“. Warum? Hier die Gründe:
Das Wörtchen „ob“ ist selbstverständlich nicht überflüssig. Es kann durchaus nützlich sein, dort wo man vom anderen eine klare Entscheidung einfordert: „ob“ oder „ob nicht“. Zudem um eine eindeutige Information zu erhalten: „ja“ oder „nein“. Dies ist bedeutsam um ein Zu- oder Absage zu erhalten: „ich möchte gern wissen, ob Sie ob Sie zu meiner Veranstaltung kommen. ….ob ich auf Sie zählen kann.“ Vermutlich hat dieses Wörtchen für viele Menschen die größte Bedeutung in der Frage: „Ich möchte wissen, ob Du mich heiraten willst.“Weiterlesen

Eine glückliche Beziehung ist eine „Ich-Beziehung“

Nur weil eine Ehe lange hält, heißt das nicht, dass sie auch glücklich verläuft. Viele Paare bleiben wegen ihrer Kinder, aus praktischen oder religiösen Gründen zusammen. Was also macht das Geheimnis einer harmonischen Ehe aus?

Der Schlüssel zu einer Partnerschaft, in der beide Beteiligten zufrieden sind, ist Selbstverwirklichung. Und zwar jedes Einzelnen — mit der Unterstützung des anderen. Die „New York Times“ bezeichnet dies als „Ich-Ehe“.

Ob eine Ehe überhaupt eine Chance hat zu überleben, dafür sind laut Arthur Aron, Professor der Psychologie und Leiter des „Interpersonal Relationship Labaratory“ an der State University of New York, verschiedene Faktoren verantwortlich: „Kommunikationsfähigkeit, geistige Gesundheit, soziale Unterstützung und Engagement.  Von diesen Dingen hängt ab, ob die Ehe hält oder nicht“, so Aron gegenüber der „New York Times“. Allerdings seien das nicht notwendigerweise die  Gründe, weshalb der Einzelne das Bündnis als sinnvoll oder angenehm für sich erachtet.

Dieser Umstand mag zunächst selbstbezogen erscheinen, kann allerdings zu einer starken, zukunftsfähigen Partnerschaft beitragen, wie Dr. Aron gegenüber der Zeitung erläutert: „Wenn man auf der Suche nach persönlicher Entwicklung ist und diese durch den Partner erfährt, dann erlangt dieser wiederum auch eine neue Entwicklungsstufe. Und wenn man seinen Partner ebenfalls bei der Selbstverwirklichung helfen kann, ist das für einen selbst sehr erfreulich.“
Das erklärt, weshalb Paare sich auf neue Erfahrungen wie etwa einen gemeinsamen Wochenendurlaub freuen. Doch der Einzelne erfährt die persönliche Entwicklung durch seinen Partner auch in kleinen Dingen. Etwa, wenn man einander neue Freunde vorstellt oder über den Besuch eines neuen Restaurants redet. Das bedeutet: es ist wichtig, seine Beziehung stetig mit neuen Impulsen und Eindrücken zu bereichern.

Besonders stark ist der Effekt der Selbstverwirklichung bei frisch Verliebten. Das zeigte eine Studie an der University of California in Santa Cruz. Demnach beschrieben sich Studenten selbst mit wesentlich abwechslungsreicheren Worten, wenn sie erst kürzlich zusammen gekommen waren: Die neue Beziehung hatte die Art und Weise, wie sich selbst sahen, erweitert. „Erst ist man sich fremd und dann bezieht man diese Person mehr und mehr in sein I c h ein. Plötzlich hat man alle diese gesellschaftlichen Rollen und Identitäten, die man vorher nicht hatte“, so Dr. Stevenson, der für die Studie mitverantwortlich war.

Langfristig zeigen sich solche persönlichen „Gewinne“ oft auf subtile Art und Weise. So öffnet ein besonders witziger oder kreativer Partner seinem ernsten Gegenstück neue Horizonte. Weitere Untersuchungen suggerieren außerdem, dass Partner letztendlich Züge des anderen übernehmen – und letztendlich gar nicht mehr richtig unterscheiden können, welche Eigenschaften eigentlich wen ausmachen. Auf Außenstehende wirkt dieser Gleichklang oft verstörend, da er eine Intimität zeigt, die Fremden eher unangenehm ist.

In einem Experiment von Dr. Stevenson sollten die Teilnehmer sowohl sich selbst als auch ihre Partner mit Charakteristika wie „ehrgeizig“ oder „künstlerisch“ bewerten. Eine Woche später wurden die Probanden erneut zu der Liste befragt. Am schnellsten konnten sie die Fragen beantworten, bei denen die entsprechende Eigenschaft auf beide Partner zu traf. Wurde der Charakterzug nur einer Person beschrieben, kam die Antwort wesentlich langsamer. Daraus schlossen die Leiter der Studie, dass, wenn sich Menschen besonders nahe stehen, das Gehirn nicht so schnell unterscheiden kann, welches das eigene Merkmal und welches das des Partners ist. „Ich muss mich selbst fragen: ‚Bin ich das oder bist du das'“, so Stevenson.

Allerdings bedeute das nicht, dass die Partner sich selbst für die Ehe aufgegeben hätten. Vielmehr sind sie durch sie gewachsen. Aktivitäten, Eigenschaften und Verhaltensweisen, die vorher nicht zu ihrer Identität gehörten, sind nun ein wesentlicher Teil ihres Lebens.

All diese Dinge können die Chancen auf eine lange, befriedigende Ehe erhöhen. „Menschen haben einen fundamentalen Antrieb, sich selbst zu verbessern und sich als Person vervollständigen“, erklärt Dr. Stevenson. „Wenn dir dein Partner hilft, eine bessere Person zu sein, wirst du auch glücklicher und zufriedener in der Beziehung werden.“