Kategorie: Lebensqualität

Von sensitivem Beziehungswahn & Selbstbefriedigung

Wahnvorstellungen auf Grund sexueller Konflikte bei „sensitiven Psychopathen“ — das sind besonders gefühlszarte, schüchterne und leicht verletzbare Kranke, die ihre Trieb- und  Gewissenskonflikte in sich selbst austragen.

Eine der häufigsten Formen ist der, Masturbanten-Wahn“: Menschen, die sich wegen häufiger Selbstbefriedigung Gewissensbisse machen oder sich schämen, bilden sich ein, dass man ihnen ihr Laster von der Stirn ablesen kann“. Deshalb beziehen sie Blicke und Äußerungen ihrer Umgebung auf sich und meinen, dass alle Welt sie wegen ihrer Schwäche kritisiert, verachtet, verhöhnt. Der Ausbruch des Wahns wird meist durch ein äußeres Erlebnis ausgelöst, bei dem sie sich auf besondere Weise bloßgestellt fühlen. So machte der unter Onanieskrupeln leidende Lokomotivführer Wilhelm eines Tages seiner Schwägerin einen „unsittlichen Antrag“. Er hatte zufällige Berührungen von ihr als absichtliche Herausforderung zu einem Verhältnis missverstanden. Obwohl die Schwägerin versprach, ihrem Mann nichts zu sagen, schloss Wilhelm aus einer völlig anders gemeinten Äußerung seines Bruders, dass dieser im Bilde sei. Von da an fühlte der Lokführer sich ständig belauscht. Eines Tages bildete er sich ein, dass sein Heizer immer wieder halblaut das Wort „Wichser“ vor sich hinmurmelte. B. stürzte sich auf den Kollegen und schrie: „Ich werde dir zeigen, was ich bin!“

Ein typischer Anlass für sensitiven Beziehungswahn ist die verspätete Erotik älterer Mädchen. Nach einem angeregten Abend in ihrem Ferienort bat die 40-jährige Musiklehrerin Emilie R.  einen anderen Feriengast, sie nach Hause zu begleiten. Als der Herr sich vor ihrer Haustür verabschieden wollte, hielt sie seine Hand fest und bat ihn, sie durch den dunklen Hausflur zu führen, weil sie sich fürchte.
Es geschah sonst nichts; aber von diesem Augenblick an litt Emilie R. unter der Wahnvorstellung, ihr Begleiter hätte allen Leuten erzählt, wie leicht sie zu haben sei. Sie getraute sich nicht mehr auf die Straße, weil sie sich einbildete, alle Menschen zeigten mit dem Finger auf sie oder riefen ihr Schimpfworte nach wie „schlechtes Frauenzimmer“ und „bigotte Person“.

Illustration Lou Anna
Illustration Lou Anna

Sensitiver Beziehungswahn kommt verhältnismäßig selten vor. Aber die Verhaltensstörungen und Konflikte, die bei ihm mitwirken, sind auch bei gesunden Menschen zu beobachten und komplizieren ihr Liebesleben. Als ein besonders hervorstechendes Manko nannte der Tübinger Psychiater Professor Ernst Kretschmer (1888—1964) die „Instinktlosigkeit gegenüber erotischen Signalen“. In seinem Werk „Der sensitive Beziehungswahn“ (1927) schrieb Kretschmer: „Das scheinbar unbegreifliche Pech mancher Menschen in der Liebe beruht in Wirklichkeit darauf, dass sie  erotische Ausdruckssignale beständig missverstehen.  Mit „erotischen Signalen“ meint Kretschmer die fast unmerklichen Nuancen des
Mienenspiels, des Stimmklangs und der kleinen, halb unwillkürlichen symbolischen Gesten, die bei der Vermittlung des erotischen Kontakts eine wichtigere Rolle spielen als Worte und bewusste Gesten. Bei sexuell gehemmten Menschen funktioniert diese unterschwellige Verständigung nicht.
Sobald sie sich für einen anderen Menschen erotisch interessieren, gerät ihr erotisches Wunschdenken in Konflikt mit ihrem Minderwertigkeitsgefühl oder ihren moralischen Hemmungen. Einen Blick, der dem ihren zufällig begegnet, eine aufgeschnappte Bemerkung beziehen sie auf sich. Ihr Wunschdenken suggeriert ihnen, dass sich der andere für sie interessiert; ihr Minderwertigkeitsgefühl stellt das in Frage. So kommt es, dass sie auch erotische Signale, die wirklich an ihre Adresse gerichtet sind, nicht verwerten können.

Ungehemmte Menschen beseitigen solche Zweifel durch Flirt.
Der gehemmte Mensch dagegen versteht diese Signale nicht.

So weiß auch der durchaus geneigte Partner nicht, woran er mit ihm  oder ihr ist. Auch das uralte Blumenorakel „Sie liebt mich, sie liebt mich nicht“ hilft dem Gehemmten nicht über seine Beziehungszweifel hinweg.
Bei heftiger, leider aber einseitiger Verliebtheit kann ein solcher Beziehungsirrtum auch erotisch erfahrenen Leuten passieren und Formen annehmen, die dem Krankheitsbild des erotischen Beziehungswahns nahe kommen. Man will einfach nicht wahrhaben, dass man keine Chance hat, und liest dann auch aus dem entschiedensten „Nein“ ein „Vielleicht“ heraus oder sogar ein verschämtes „Ja“.

Kurt Tucholsky – Gedicht über den (deutschen) Mann – 1931

Der deutsche Mann, das ist der unverstandene Mann.

Lamento

Der deutsche Mann
Mann
Mann
das ist der unverstandene Mann.
Er hat ein Geschäft, und er hat eine Pflicht.
Er hat einen Sitz im Oberamtsgericht.
Er hat auch eine Frau – das weiß er aber nicht.
Er sagt: »Mein liebes Kind . . .«, und ist sonst ganz vergnügt –
Er ist ein Mann., Und das
genügt.

Der deutsche Mann
Mann
Mann
das ist der unverstandene Mann.
Der deutsche Mann
Mann
Mann
Die Frau versteht ja doch nichts von dem, was ihn quält.
Die Frau ist dazu da, dass sie die Kragen zählt.
Die Frau ist daran schuld, wenn ihm ein Hemdknopf fehlt.
Und kommt es einmal vor, dass er die Frau betrügt:
Er ist ein Mann. Und das
genügt.

Der deutsche Mann
Mann
Mann –
das ist der unverstandene Mann.
Er gibt sich nicht viel Mühe, wenn er die Frau umgirrt.
und kriegt er nicht die eine, kommt die andere angeschwirrt.
Daher der deutsche Mann denn stets befriedigt wird.
Hauptsache ist, dass sie bequem und sich gehorsam fügt.
Denn er ist Mann. Und das
genügt.

Der deutsche Mann
Mann
Mann –
das ist der unverstandene Mann.
Er flirtet nicht mit seiner Frau. Er kauft ihr doch den Hut!
Sie sieht ihn von der Seite an, wenn er so schnarchend ruht.
Ein kleines bisschen Zärtlichkeit – und alles wäre gut.
Er ist ein Beamter der Liebe. Er lässt sich gehn.
Er hat sie doch geheiratet – was soll jetzt noch geschehn?
Der Mensch, der soll nicht scheiden, was Gott zusammenfügt.
Er ist ein Mann. Und das 06
genügt.

Cats Medienkommentar: Medienbranche – geschlossene Gesellschaft?

Der Einstieg in die Medienbranche ist oft langwierig

Wer „nichts mit Zahlen“ machen möchte, sucht sich gern „irgendwas mit Medien“. Doch auch die Medienbranche darf man als Berufsziel nicht unterschätzen. Besonders Berufseinsteiger, Eltern und Menschen mit anderweitiger Ortsbindung müssen oft mit Zähnen und Klauen um feste und adäquat bezahlte Stellen kämpfen. Ein Kommentar von der Bewerbungsfront.

Während meines Studiums hatte ich auf die Frage, wie ich mir meine berufliche Zukunft vorstelle, immer eine Antwort: „Einen guten Master-Abschluss machen, Volontariat und dann einen festen Job suchen. Was denn sonst?“ Familie? Sicher hatte ich das irgendwo im Hinterkopf. Aber eben erst, wenn die eigene Existenz und ein fester Wohnort durch eine unbefristete Stelle gesichert sind. Oder: „Kinder ohne gesichertes Einkommen, das ist doch unvernünftig.“ Diese „O-Töne“, die fast schon wie mein eigenes Mantra waren, betrachte ich heute mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Denn: Leben läuft nicht immer nach Plan und mancher Weg ist aus der Nähe betrachtet steiniger, als es die Landkarte verrät.

Nach dem Abschluss: Auf in den Kampf!

Nach dem Abschluss kommt die Euphorie, doch sie bleibt nicht immer lange

Nach einem erfolgreichen Bildungsabschluss herrscht erst einmal Euphorie. Ich meine dieses „Wonderwoman- Gefühl“, wenn man sein Zertifikat mit Auszeichnung in der Hand hält und fest daran glaubt, die Arbeitswelt zu erobern. Endlich raus aus der Uni und der finanziellen Abhängigkeit von den Eltern (oder der Bafög-Stelle) und rein ins „echte“ Leben. Teilhaben, mitmischen, Kontakte knüpfen, hinzulernen, aufsteigen. Ich wusste immer, dass es nicht leicht wird, die ersten Türen zur Wunschbranche zu öffnen. Mit einer Bewerbungszeit von zehn Monaten (überbrückt unter anderem mit Sprachtraining und Nachhilfejobs) hätte ich aber nicht gerechnet. Aber immerhin – im Bewerben bekommt man Routine. Es wird schneller als erwartet zu einem „zweiten Job“ und die Frustrationstoleranz steigt mit jeder Standardabsage. Umso größer dann die Freude, wenn der erste „echte“ Arbeitsvertrag unterschrieben ist – selbst wenn dieser nur ein Ausbildungsgehalt und eine automatische Befristung von zwei Jahren vorsieht. Branchenstandard eben – Erfolg fällt schließlich niemandem in den Schoß. Wer es in der Medienbranche schafft, einen Fuß in die Tür zu bekommen, hat schon einen entscheidenden Schritt geschafft. Zumindest glaubte ich fest daran.

Aller Anfang ist schwer

Jobs mit Ablaufdatum: eine gängige Praxis nicht nur in der Medienbranche

Ich möchte hier gar nicht klagen. Denn wer kein Fünf-Sterne-Menü erwartet, ist auch nicht enttäuscht, wenn er oder sie Hähnchen mit Pommes vom Imbiss nebenan bekommt. Mit gedrosselter Erwartungshaltung und einigen Kompromissen, was die Traumkarriere und die eigene Ortsfgebundenheit angeht, ist das Volontariat eine gute Zeit, um zu lernen, die eigenen Fähigkeiten anzuwenden und auszubauen und dem Hasen so hinterherzuhechten, wie er eben gerade läuft. Manchmal eine Schocktherapie und ein Sprung ins kalte Wasser – doch das schockt mich nicht mehr. Nichts ist ehrlicher und aufschlussreicher als „Reality-Bitch“, die Lehrerin des echten Lebens jenseits aller blumigen Floskeln und vorgefertigter Erwartungen. Ja, tatsächlich fand ich wirklich gefallen an diesem neuen, unverblümten Joballtag mit einer Menge skurriler Momente, aber auch einer Menge „Team-Spirit“ und spontaner Anlässe, laut loszulachen. Heute blicke ich schmunzelnd auf diese zwei Jahre zurück. Vermutlich wäre ich bei einem adäquaten Übernahmeangebot sogar geblieben – doch dann kam mein Kind. Und mein Vertrag endete, rechtmäßig einwandfrei natürlich, pünktlich zum Mutterschutz. So pünktlich, dass mich Kollegen schon fragten, ob ich das so geplant hätte …

Jobsuche mit Hindernissen

Auch das AGG begünstigt Standardabsagen, die Bewerber kaum weiterbringen

Seit Ende des Mutterschutzes und dem Beginn der Elternteilzeit für meinen Mann spiele ich nun also wieder „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Zumindest kommt es mir beizeiten so vor. Verlockende Stellenanzeigen, die wie in einem ewigen Zyklus immer wieder auf den Jobportalen erscheinen. Recherche über die inserierenden Firmen. Anschreiben erstellen, Unterlagen zusammenstellen, anpassen, als PDF-Datei an die potenziellen Brötchengeber senden. Abhaken, in eine Liste eintragen, und das Ganze wieder von vorn. Vermutlich erkennen sich hier so einige Leserinnen und Leser wieder. Es fühlt sich so an, als kämpfe man gegen die sprichwörtlichen Windmühlen. Oder als versuche man, einen Schatten zu greifen. Kurz: Jobsuche in der Medienbranche ohne nennenswertes “Vitamin B“ nervt. Neben Standardabsagen, für die ich per se grundsätzlich Verständnis habe (AGG und überbordende Bewerberzahlen lassen grüßen), liegen einem als familien-und ortsgebundene Person allerdings noch ein paar mehr Steine im Weg. Stichwort „sachgrundlose Befristung“: So lohnend mancher Job an einem entfernten Standort auf dem ersten Blick erscheint – gerade Eltern, Hausbesitzer oder Bewerber mit pflegebedürftigen Angehörigen und anderen Verpflichtungen müssen da oft leider passen. Jetzt einmal ernsthaft: Ein Umzug mit Kind(ern), Partner, Tieren und überhaupt einem ganzen Haushalt macht sich nicht von selbst. Man darf sich als Bewerber da durchaus fragen: Lohnt sich der ganze Aufwand mit einem Wohnortwechsel oder zwei Wohnsitzen überhaupt, wenn die Stelle sowieso „zunächst auf zwölf Monate befristet“ ist? Von der Notwendigkeit, sich schon am besten vor der Zeugung eines Kindes in die Wartelisten diverser Kindertagesstätten einzutragen, fange ich hier am besten gar nicht erst an. Das eskaliert und sprengt den Rahmen. Ich kann hier natürlich nur für „meine“ Branche, die Medienbranche sprechen. Aber manchmal komme ich mir vor wie eine Fremde, die hungrig bei einem Lokal ankommt und nur das Schild „Geschlossene Gesellschaft“ statt einer Speisekarte zu lesen bekommt. Eine Gesellschaft, zu der offenbar nur Kinderlose, Bonusmeilensammler, Singles und Kosmopoliten Zutritt haben – oder, in einem Wort, “Ungebundene“.

Ein Paradies für Workaholics und Jobnomaden?

Grenzenlos flexibel und immer auf Achse – auf den ersten Blick der ideale Bewerber

Es scheint so, als sei Beständigkeit einfach out und „sowas von gestern“. Wenn es nach den üblichen Stellenanzeigen geht, wird auch Einarbeitung schlicht überbewertet. Oftmals soll ein Redakteur am besten alles selbst und im Alleingang machen (können) – von der Keyword-Analysis für den Onlineauftritt über die komplette Realisierung mehrerer Printprodukte bis hin zum Responsive-Website-Content Management und der Social-Media-Etatplanung. Innerhalb der normalen 40-Stunden-Arbeitswoche, versteht sich. Oder in Teilzeit. Und wenn nicht? Dann läuft der Vertrag ja sowieso bald aus, ein Ende (in Kameradschaft oder mit Schrecken) ist also abzusehen. Da innerhalb eines Beschäftigungsverhältnisses auf Zeit noch eine lange Probezeit gilt, ist es kein Problem, unliebsame oder quer denkende Kollegen schnell und dezent wieder loszuwerden. Ein Paradies für erklärte Workaholics und Jobnomaden – eher eine Zitterpartie für diejenigen, die „einfach mal etwas Festes“ suchen und denen durch die gängigen Flexibilitätsanforderungen („Sie können doch für ein halbes Jahr im Ausland arbeiten, oder?“) der Boden unter den Füßen weggezogen wird.

Panikmache ist fehl am Platz

„Sie haben den Job!“ – ein magischer Satz für jeden Bewerber

Dann ist da noch die Sache mit der „mehrjährigen Berufserfahrung“ – oft sogar für Einstiegsjobs gefordert. Hier kommt es oftmals auf die Kulanz des Stellengebers an. Gilt eine Journalistenausbildung schon als Berufserfahrung – oder bestenfalls als Einstiegsqualifizierung? Nicht ganz zu Unrecht möchte ich hier aus Bewerbersicht zu bedenken geben, dass „Wunschzettel“ in Form von Ausschreibungen durchaus abschrecken können. Einfach, weil das gesuchte „Gesamtpaket“ zu umfangreich ist, um von einer einzelnen Person gepackt zu werden. Jedoch, so erzählte mir einmal ein befreundeter Personalverantwortlicher, reiche es in der Regel aus, 75 bis 80 Prozent des Zielprofils zu erfüllen. Ich weiß nicht, wie repräsentativ diese Aussage ist, aber sie macht mir Mut und klingt angesichts oben genannter Faktoren einfach plausibel. Auch sonst werde ich trotz aller Stolpersteine im Weg weitersuchen. Denn so viel es aus dem Bewerbungsprozess heraus zu meckern gibt, lässt sich für fast jedes Problem auch eine Lösung finden. Es gilt nun für mich und so viele andere, alternative Formen der Arbeitssuche zu entdecken. Fehlende Einzelqualifikationen (bei mir ist es Onlinemarketing beziehungsweise SEO/SEA) lassen sich mit etwas Geduld und Glück erwerben. Und schließlich zahlt sich Hartnäckigkeit in den meisten Fällen aus. Oder, wie meine Großmutter immer gesagt hat: „Bange machen gilt nicht“. Auch nicht in einer Medienbranche, die ihren Anwärtern eine Menge abverlangt. Für mich gibt es irgendwo da draußen einen Platz – mit der Familie vereinbar, ohne übermäßige Reisetätigkeit und wie für mich gemacht. Ich muss ihn nur finden, das dauert beizeiten etwas länger.

Cats Gedankenwelt | Bäh-Werbung auf Miau

Hält Laptops für Wärmekissen: Mira, die schwarze Katze
Hält Laptops für Wärmekissen: Mira, die süße Troubleshooterin

„Bäh-Werbung auf Miau? Was für ein komischer Titel“, wird mancher nun vielleicht denken und sich fragen, was ich heute in meinem Kaffee hatte. Um das Rätsel hier aufzulösen – nach vielen Beiträgen zum „Ernst des Lebens“ möchte ich einfach einmal wieder über etwas Lustiges schreiben. Zum Beispiel darüber, wie man eine Bewerbung trotz eines Babys und zwei Katzen fertig bekommt. Vorhang auf für eine szenische Darstellung.
[Junge Frau sitzt am Schreibtisch vor einem Laptop und tippt. Im Hintergrund des Zimmers: eine weiße Katze mit schwarzen Kuhflecken und eine schwarze Katze mit weißem Lätzchen und weißen Pfötchen. Beide beobachten die junge Frau, also mich, gespannt. Ganz links im Bild auf einem Sofa: Ein Baby, meine Tochter, auf ihrem Stillkissen. Noch schläft sie – zum Glück.]

"Lächeln und winken": (Katzen-)Mama auf Jobsuche
„Lächeln und winken“: (Katzen-)Mama auf Jobsuche (Foto: Juan Zamalea)

Sehr geehrter Herr XY,

über die Jobbörse Monster.de habe ich Ihre Anzeige gefunden, in der Sie eine Redakteurin für B2B- Publikationen …

[Schwarze Katze, nennen wir sie „Mira“, springt auf den Schreibtisch. Junge Frau schaut kurz verärgert und drückt schnell auf „Speichern“.]

Ich: Miiiiiirchen! Runter da!

[Schwarze Katze schaut ihre Dosenöffnerin treudoof an, schnurrt laut und bleibt stur sitzen,]

Ich: Mira! Du kriegst keinen Thunfisch mehr, ich schwör‘ es dir!

[Kein Thunfisch? Das alarmiert nicht nur Mira, die sich nun demonstrativ auf die Tastatur setzt. Sondern auch die weiße Katze mit den Kuhflecken und einem sanfteren, vorsichtigeren Auftreten. Weiße Katze springt auf die andere Seite des Schreibtisches und schaut Dosenöffnerin mit großen, vorwurfsvoll blickenden Augen an. Sie reibt den Kopf an meinem Arm.]

Maya: Frrrrr? Frrrrrrrrr? Miuuuu!
Mira: Miaaaaaau! Prrrrrrr…..
Ich: Mira! Jetzt aber ab von der Tastatur, das ist kein Wärmekissen.

Die ungeschminkte Wahrheit liegt zwischen Schreibtisch und Wickeltisch
Ungeschminkte Wahrheit zwischen Schreibtisch und Wickeltisch

[Mira blinzelt einmal behäbig, tretelt, wobei einige Fenster auf dem Desktop sich öffnen und schließen, und legt sich betont lässig wieder hin. Maya reibt weiter den Kopf an meinem Oberarm. Und mir reicht’s gerade gewaltig.]

Ich [tief durchatmend]: Mensch Mädels, so wird das heute nix mehr. Da hängt euer Katzenfutter von ab.

[Ich greife Mira und setze sie trotz lautstarkem Protest auf den Boden. Maya flieht schon freiwillig vor ihrer felligen Kollegin, die gerade anscheinend das Jagdfieber gepackt hat. Also weiter im Text …]

[…] suchen. In den Anforderungen der vakanten Stelle und dem gewünschten Bewerberprofil finde ich meine eigenen Berufsziele wieder. Außerdem beeindruckt mich die Bandbreite an Kunden und Projekten auf der Unternehmenswebseite, sodass ich mich hiermit ….

[Katzen sitzen im Hintergrund an der Tür. Dafür räkelt sich das Baby, nennen wir es „Lea“, und gibt einige Laute von sich, die sich anhören wie aus einer anderen Welt.]

[…]bewerbe.

Maya - "Waiting for Tuna"
Maya – „Waiting for Tuna“

[Ich speichere noch einmal. Puh, der Anfang ist geschafft. Nun aber schnell, bevor Lea aufwacht und den Milchnotstand ausruft.]

Lea: Mmmmmmhaaaaa, mmmmmmwaaaaa ….örööööööhiii!
Ich: Gleich, Mäuschen, du kriegst gleich Milch …
Lea: Mmmwäää…. [Crescendo] Muäääääh! Muäääääh! Muääääääääääh!

[Anscheinend ist Lea nicht ganz überzeugt davon, noch ein paar Minuten oder auch nur Sekunden zu warten. Ein wenig grummelig stehe ich auf, gehe zum Sofa, schnappe mir das hungrige Kind. Shirt hoch, BH auf und Action für Lea. Mira nutzt derweil die Gelegenheit, erneut auf den Schreibtisch zu springen. Pling ploing, wieder öffnen und schließen sich Fenster auf dem Desktop. Maya springt neben mich aufs Sofa und reibt den Kopf am Oberschenkel.]

Ich [leise zu mir selbst und Lea]: Zumindest habe ich abgespeichert. [Lauter zu Mira] Miiiiirchen! Runter mit dir!
Lea [guckt kurz erschrocken hoch, trinkt aber weiter]
Maya [mit treuem Blinzelblick]: Frrrrr? Frrrrr?
Ich: Entschuldige Lea, diese Katze treibt mich noch mal in den Wahnsinn.

[Es vergehen ein paar Minuten. Mira blinzelt mich treudoof an und streckt sich genüsslich auf meinem Laptop aus. Wissend, dass ich aus der anderen Ecke des Zimmers und mit einem Kind auf dem Schoß kaum etwas dagegen machen kann. Maya ist das Schnurren „in Person“. Lea hört kurz auf zu trinken; ich lege sie einfach auf der anderen Seite an, was anfänglichen Protest weckt.]

p1070286
Der Schein trügt – Lea kurz vor der „Milchrevolution“

Lea: Mwääääh….. [Kunstpause, ein Grinsen] Öröööhiii… [trinkt weiter]
Maya [springt von der Couch, erschrocken vom plötzlichen Gebrüll]
Mira [gurrt, springt vom Schreibtisch auf den Boden und rast auch in Richtung Tür]
Ich: Immerhin. Danke, Lea.

[Nach ein paar weiteren Minuten ist Lea satt, hat einmal gerülpst wie in einer Kneipe nach mindestens drei Flaschen Bier und liegt brabbelnd auf ihrem Stillkissen. Ich nehme wieder auf meinem Schreibtischstuhl Platz.]

[…] Bereits während meines Volontariats bei [Firmenname eintragen] machte die Planung und Realisierung von Projekten in der PR- und Wirtschaftsredaktion einen Großteil meines Arbeitsalltags aus. Die Magazine X und Y betreute ich mit einem Kollegen auf redaktioneller Ebene in eigener Verantwortung. In ihrem Gesuch wünschen Sie sich weiterhin eine Kandidatin mit fließenden Englischkenntnissen Dies ist durch mein Studium der …

[Ich drücke schon aus Reflex auf Speichern, bevor ich aufstehe, weil Lea anfängt zu meckern und zu strampeln. Klarer Fall von „Windel voll“. Erneuter Auftritt Mira und Maya. Mira macht einen galanten Satz auf meinen Schreibtischstuhl. Maya miaut aufgeregt vor sich hin. „First things first“ – erst einmal ein Stinkbömbchen entschärfen.]

Lea [strahlt bei Öffnen der Stinkewindel]: Öröööööhiiii! Uaaauaaa….
Ich [ziemlich trocken und berechtigt]: Oh Scheiße … (Wie kann aus einem Baby so viel rauskommen?) [zu Lea] Na, das nenn ich ja mal ein echtes Bömbchen!
Lea [noch strahlender]: Mwiiiiiii aaaaaaaueeee!
Maya: Ma mia mia ma ma mia ….
Mira [auf dem Stuhl ausgestreckt]: Prrrrrrr prrrrrrr …
Ich [Augen rollend]: Miiiraaaa … [abwinkend] Ach, vergiss es!

Mira und Maya fordern ihren (Thunfisch-)Tribut
Mira und Maya fordern ihren (Thunfisch-)Tribut

[Ich verzichte darauf, schon wieder mit Mira zu meckern. Bringt gerade eh nichts. Stinkewindel in den Müll, neue Windel an, Body und Strampler wieder zugeknöpft. Lea rudert dabei ungeduldig mit den Armen und strampelt sich immer wieder heraus. In Gedanken bereite ich schon die nächsten Sätze meiner Bewerbung vor. Lea lacht; ich knuddel sie noch einmal und lege sie auf ihre Spieldecke in der Zimmermitte. Dann gehe ich ins Bad, Hände waschen, und in die Küche, die Kaffeepadmaschine anschalten. Mira und Maya haben da wohl was missverstanden.]

Mira [tapst mit hoch erhobenem Schwanz herein]: Miaaaaauuuuu! [streicht mir um die Beine] Prrrrr… Prrrrr ….
Maya [tapst Mira hinterher und guckt niedlich]: Miuuu, miuuu!
Lea [im Nebenraum]: Äwäwääääää…. Örööööööhiiii …. Aaaaaueeee…..Ööööregaaaa….

[Ich schweige, schüttele einmal den Kopf und murmele was von „Irrenhaus“. Zu meiner Erleichterung ist es wirklich Zeit für eine Raubtierfütterung. Kommentarlos bekommen Mira und Maya ihr „täglich Thunfischfilet“. Und ich kann mich endlich wieder meiner „Bäh-Werbung auf Miau“ widmen. Mit einem leichten Schmunzeln tippe ich also ein …]

[…] Anglistik im Zwei-Fach-Bachelor und vorherigen Umgang mit internationalen Werbekunden gewährleistet. Weiterhin erfordert der Job die Fähigkeit, auch bei mehreren parallelen Projekten nicht den Faden zu verlieren. Dies konnte ich im Volontariat bereits im Agenturalltag und im Kundenkontakt umsetzen, wo es für jede Publikation unterschiedliche Ziele und Schwerpunkte gab.

[In Gedanken füge ich hinzu: Bedürfnismanagement für zwei Katzen und ein Baby ist schließlich auch ein multifaktorielles Projekt. Mira und Maya haben sich inzwischen in ihren Kratzbaum gelegt; Lea ist mit Schnuller im Mund eingeschlafen. Mission Impossible completed. Ich mache mir erst einmal einen Kaffee und schaue auf das Anschreiben, das noch lange nicht fertig ist. Zeit für das nächste Level – für heute!]

Natürlich hat es diese konkrete Bewerbung im Wortlaut nie gegeben. Aber so oder so ähnlich könnte es gewesen sein – denn so erleben wir es hier immer wieder. Anstrengend, spannend, aber auch erheiternd, so ein Leben zwischen Schreibtisch und Wickeltisch!

Cats Medienkommentar | Zehn Jahre Google | Alles Gute, „Big G“!

Rundum vernetzt: Auch Google leistet seinen Beitrag dazu
Rundum vernetzt: Auch Google leistet seinen Beitrag dazu

Happy Birthday, „Big G“! In diesem Jahr feiert der Medienkonzern Google sein zehnjähriges Jubiläum in Deutschland. Mit seinen zahlreichen Services von Datenhosting bis hin zur Navigation und zur Streetview-„Vogelperspektive“ hat sich Google von einem einfachen Suchmaschinenanbieter zum größten Internetkonzern der Welt gemausert. Dieser Beitrag dreht sich um Daten, Maps, Keywords und die Frage: Wie war eigentlich die Welt vor Google?

Ich google das mal“, „Moment, ich schau mal auf Google Maps“, „Kann man unser Haus auf Google Streetview sehen?“. Seit zehn Jahren begleitet uns das Googlen – und inzwischen können die meisten von uns gar nicht mehr „ohne“. Wir googlen alles und jeden: Wege, Theaterkritiken, Zitate, Kochrezepte, ehemalige Schulfreunde und den Standort des nächsten Friseursalons.Das „große G“ ist wohl neben dem „großen M“ (McDonalds) weltweit inzwischen der erfolgreichste Import „made in the USA“. Und, man möchte im Vergleich hinzufügen, auch der gesündere. Aber stimmt das wirklich? Oder macht Google uns am Ende genau so abhängig, wie manche es von Burgern und Chicken McNuggets werden können?

Im Keyword-Dschungel

Google - zur akademischen Recherche nur bedingt anerkannt
Google – zur akademischen Recherche nur bedingt anerkannt

Ich bin ja persönlich kein Fan des „großen M“.  Seit einem Skandal, in dem herauskam, dass in Chicken McNuggets geschredderte männliche Küken enthalten sein sollen, empfinde ich oft regelrecht Ekel vor Nuggets und der Fleischindustrie an sich. Die Artikel zu diesem Thema habe ich mir übrigens auch ergoogelt, natürlich. Was denn auch sonst? Es gibt kaum einen schnelleren Weg, um an genau die Infos zu kommen, die man haben will. Zumindest, wenn man sich einfach nur kurz ein wenig Alltagsweisheit aneignen möchte, um bei den neuesten Bestsellern, Filmen und weltgeschichtlichen Diskussionen unter Freunden mitreden zu können. Für wissenschaftliche Arbeiten, so hat man mir damals an der Uni beigebracht, seien Google und vor allem Wikipedia allerdings keinesfalls eine ausreichende Recherche. Und auch in der journalistischen Arbeit ist die Eingabe eines Keywords in einen x-beliebigen Browser keinesfalls das einzige Mittel der Wahl. Nachvollziehbar – schließlich ist ein Keyword, oder etwas „retro auf Deutsch“, ein Schlagwort, auch nur eine ziemlich dem Zufall überlassene Dateneingabe. Die Quantität der Suchergebnisse erscheint zunächst als Eldorado gebündelten Wissens. An der (wissenschaftlichen) Qualität des angezeigten Contents (nochmal in „Retro-Form“: Webseiteninhalt) darf man in vielen Fällen zu Recht zweifeln. Um mal ein drastisches, gar zynisches Beispiel zu nennen: Auf der Webseite einer Flüchtlingshilfsorganisation wird einer Schlagwortsuche nach dem Begriff „Migranten“ sicherlich andere Ergebnisse bringen als auf der Parteiwebseite der AfD. Genauer hinschauen, was man sich da eigentlich gerade ergoogelt hat, lohnt sich also schon.

Der gläserne Surfer

Google macht sich sein eigenes Bild vom User - aus Daten generiert
Google macht sich sein eigenes Bild vom User – aus Daten generiert

Ich erinnere mich an ein Exponat in einem Museum, den „gläsernen Menschen“. Stand die Skulptur in der dazugehörigen Ausstellung symbolisch vor allem für die Verletzlichkeit unserer menschlichen Spezies, denke ich im Fall des Internets und speziell in Sachen Google eher an totale Transparenz. Der „gläserne Mensch“ als „durchschaubarer Mensch“, der durch seine Routenplanungen, Suchanfragen und „Gefällt mir“-Klicks mehr über sich preisgibt, als er je erahnen könnte. Nur – an wen eigentlich? Die Werbeindustrie? Den (potenziellen) Arbeitgeber)? Die NSA? Oder interessiert es manchmal vielleicht doch gar keinen, ob man gerade die gesündeste Babynahrung oder Barfen „für die Katz’“ in seine Browser-Suchleiste eingetippt hat? Eines steht fest: Durch das, was wir suchen, bekommen wir zusätzlich gezeigt, wonach wir (nach Meinung betroffener Industriezweige) suchen sollten. Denn Google zeigt einem neben informativen Beiträgen oft automatisch die passende Werbeanzeige an. Praktisch für diejenigen, die eh gerade etwas kaufen wollten – ein kurzer Irritationsmoment für alle, die eigentlich nur eine Sach- und keine Produktinformation haben wollten. Wir fühlen uns auf unseren täglichen Onlinesuchen wohl zurecht beobachtet – „Big G is watching you!“. Einmal, als ich mein Amazon-Passwort vergessen hatte, kam mir kurz der Gedanke, bei den freundlichen Damen und Herren bei der NSA nachzufragen. Denn die wissen ja anscheinend sonst auch immer alles. Ich habe es dann doch gelassen. Zu langwierig, und irgendwie doch ein wenig zu skurril. Manchmal google ich sogar meinen eigenen Namen, um nachzusehen, was wohl andere Internetnutzer auf den ersten Blick über mich erfahren.

Unendliche Datenmengen

Wie ging Nachlesen noch im letzten Jahrhundert ... Ach ja, richtig!
Wie ging Nachlesen noch im letzten Jahrhundert … Ach ja, richtig!

Google weiß wirklich fast alles – zumindest alles, was Surfer auf der digitalen Welle in die grenzenlose Online-Umlaufbahn bringen. Und das ist ein ganzer Wust an Daten, die teilweise beliebig bei jeder Suchanfrage auf uns einströmen. Je nachdem, wie präzise wir den Auftrag an sich stellen. Google weiß zum Beispiel, wo ich hinfahre, wenn ich mal wieder den Weg nach Schildern nicht finde; oder, dass ich mir in den trüben Herbst- und Wintermonaten gerne zur Aufmunterung Bilder von sonnigen Stränden auf meinem Bildschirm anschaue. Da all dies nichts Verwerfliches ist, denke ich mir nichts dabei und schaffe es auch mit viel Selbstdisziplin, die Werbung für Fernreisen zu ignorieren, die daraufhin bei jedem Einloggen ins Internet auf meiner Startseite aufploppt. Manchmal kann es einem schon etwas Unbehagen bereiten, wenn der unberechenbare, unsichtbare „Big G“ mehr über eigens eingespeiste Datenmengen und deren Verwendung weiß als der Internetuser selbst. Schließlich mischt er inzwischen überall mit – auf dem Laptop, aber auch auf dem Android-Smartphone in Form entscheidender, zentraler Apps, allen voran des „Google Play Store“. Eine gesunde Skepsis in puncto Datenschutz darf man da schon entwickeln – und sich erinnern, wie die (digitale) Welt vor dem Aufstieg der beliebtesten Suchmaschine der Welt ausgesehen hat.

War die Welt „vor Google“ wirklich besser?

Google begleitet uns durchs Leben, auch mobil!
Google begleitet uns durchs Leben, auch mobil!

Natürlich gab es auch schon vor Google das Internet – oftmals noch eines mit Minutentarifen und ohne Flatrates oder zusätzliche Telekommunikationspakete für Handys, Filmdownloads und Co. Warum auch – das iPhone und das Android-Smartphone waren ja noch Zukunftsmusik! Auch gab es schon Suchmaschinen, die heute immer noch zum Teil auf dem Markt sind. Zum Beispiel Yahoo, AltaVista, web.de – und natürlich proprietäre Softwareformate von Microsoft und AOL. Was haben wir aber sonst gemacht, wenn wir etwas herausfinden wollten? Wir haben einfach unsere Omas nach Haushaltstipps gefragt (und tun es manchmal noch heute). Wir haben die Schreibung oder die Bedeutung eines Fremdwortes im „analogen“ oder auf CD gebannten Duden nachgeschlagen. Und wenn wir wissen wollten, was die beste Freundin aus dem Kindergarten inzwischen macht, haben wir uns nach dem neuesten Klatsch und Tratsch erkundigt. Oder wir haben es eben gar nicht erfahren – und es als „nicht so wichtig“ abgetan und uns hin und wieder mit dem Nicht-Wissen abgefunden. Fest steht: Google hat das Archivieren und Sammeln von Daten, die Einbindung von individuellen Werbeinhalten und die schnelle Beschaffung von Informationen über andere im digitalen Sektor definitiv revolutioniert und zu einem Höhepunkt geführt. Haben der Onlineriese und sein Servicenetzwerk innerhalb unserer „Informationsgesellschaft“ deshalb die reale Welt, die wir täglich mit den Sinnen begreifen, besser oder schlechter gemacht? Sicherlich nicht. Möglicherweise nehmen wir dies hin und wieder nur anders wahr. Im Endeffekt ist es doch so: Wir sind nach wie vor Menschen mit der Fähigkeit, abstrakt zu denken und selbst zu entscheiden, zu welchem Anteil wir an der digitalen Welt nehmen wollen. Wie genau eine Gesellschaft sich verändert hat, lässt sich schließlich mittlerweile auch perfekt googlen.

Cats Gedankenwelt | Generation (P)olemik | Siegeszug des Populismus

Populismus boomt. Die Bundeskanzlerin in NSDAP- Uniform auf Plakaten, der Vorwurf an das staatliche Bildungssystem, „von Ideologie gesteuert“ zu sein, die Forderung nach der Bevorzugung der „traditionellen Familie“ und ungebremste Verachtung gegenüber Immigranten, die ihre wirtschaftliche Situation verbessern wollen. Ist so viel Stammtischweisheit eigentlich noch normal – und warum fahren so viele Menschen anno 2016 darauf ab?

Rechtspopulismus: eine Bedrohung nicht nur für Immigranten
Populismus „von rechts“: eine Bedrohung nicht nur für Immigranten

Deutschland, Oktober 2016; der Zweite Weltkrieg und das NS-Regime liegen 71 Jahre zurück, der Kalte Krieg mehr als ein halbes Jahrhundert und Ost- und Westdeutschland sind seit etwas über 20 Jahren wieder vereint. Dennoch – auch 2016 scheint es unter der friedlichen Fassade unseres Landes gewaltig zu brodeln Dies zeigte sich auch während der diesjährigen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit. Die „Troublemaker“ in Potsdam: PEGIDA – die ja nun wirklich dafür bekannt sind, mit populistischen Parolen und offensichtlichen Feindbildern bei ihren Demos die Öffentlichkeit aufzumischen. Es ging mal wieder gegen Kanzlerin Angela Merkel und ihre Ansammlung von „Verrätern am eigenen Land“, gegen Migranten, ihre vermeintlichen Privilegien, die böse „Lügenpresse“ und eigentlich gegen alles, was dem „besorgten Bürger“ in der deutsch-traditionellen Szene eben schwer im Magen liegt. Nur, um die Geschehnisse und Forderungen hier einmal in einer Wortwahl auszudrücken, mit der ich mich persönlich auf die Straße trauen würde, ohne mich an der Stelle der tobenden PEGIDA-Anhänger komplett in Grund und Boden zu schämen. Denn zum Fremdschämen eignet sich eine derartige „Total-Anti-Demonstration“ tatsächlich so hervorragend, dass man sich ernsthaft fragt, ob „das Volk“ nun vollkommen am Rad dreht und all seine Umgangsformen in der Stammkneipe am Tresen gelassen hat.

Ist das noch normal?

Demonstrationen? Ja bitte - aber nicht in dem Ton!
Demonstrationen? Ja bitte – aber nicht in dem Ton!

Fest steht: Demonstrationskultur geht anders. Ich frage mich ja ernsthaft, ob so viel primitive, destruktive, irrationale Wut auf so ziemlich alles und jeden noch normal ist. Und vor allem, warum eine ganze Bevölkerung, die Exekutive und sogar der Verfassungsschutz einfach so dabeistehen und zusehen können wie vor einem Primatenkäfig, in dem sich ein Gorillamännchen auf die Brust trommelt. Nur, dass der Gorilla augenscheinlich auf rechtspopulistische Parolen verzichten kann, was ihn im Vergleich eindeutig cleverer dastehen lässt. Dennoch erscheint mir das Beispiel eines Gorillamännchens, das sein Territorium verteidigt, an dieser Stelle passend. Denn auch im „Monkey Business“ der PEGIDA geht es um aggressive Abwehr von Unbekanntem (und die dahinter verborgenen Ängste), um Machtdemonstration und um das Abstecken eines „Reviers“, das manchem gefühlt aus den Händen zu gleiten droht, wenn sich die sozialpolitische Ist-Situation verändert. Dass diese Form, die „Überlegenheit“ alteingesessener, christlicher, deutschstämmiger Hetero-Bürger darstellen zu wollen, eher lächerlich wirkt, scheint manchem dabei nicht klar zu sein. Kurz gesagt, man machte sich am Tag der Deutschen Einheit bei der PEGIDA mal wieder zum Affen. Also prinzipiell wie immer, quasi „normal“ für die antiislamische Vereinigung mit Ursprung in Dresden. Weniger normal jedoch: die Akzeptanz und Selbstverständlichkeit, mit der weite Teile der gutbürgerlichen Bevölkerung inzwischen diesem Volksverhetzungszirkus begegnen.

Kollektive Angstblockaden

Latente Ängste, fehlende Perspektiven: Gründe für eine Radikalisierung
Zukunftsängste, fehlende Perspektiven: kein Grund, aufzugeben!

Dass die ausufernden PEGIDA- Demonstrationen in deutschen Großstädten nur die Spitze eines braun gefärbten Eisbergs sind, zeigt sich auch gerade in den Wahlergebnissen eher strukturschwacher Regionen, aber auch in der Hauptstadt Berlin. Bis zu 20 Prozent der Stimmen für die eher rechtspopulistisch angesiedelte AfD („Alternative für Deutschland“) sind zurzeit keine Seltenheit. Auf eine Art lässt sich dieser rasante Beliebtheitsanstieg einer Partei, die „Wirtschaftsflüchtlingen“ die Immigration erschweren will, die „traditionelle Familie“ bestehend aus Vater, Mutter, Kind(ern) noch mehr gegenüber anderen Familienformen bevorzugt als bisher und auch sonst vieles, was gesellschaftlicher Flexibilität und Internationalisierung dient, konsequent ablehnt, sogar (psycho-)logisch erklären. Ich möchte es hier als eine Hinwendung zum Konservatismus als Ausdruck von Unbehagen gegenüber einer Lebenswelt bezeichnen, die mit jedem Tag gefühlt unsicherer und ungemütlicher wird. Immer häufiger zwingen uns ein globalisierter Arbeitsmarkt, die in alle Richtungen vernetzte Europa- und Außenpolitik, ein – dem Internet sei Dank – 360°-Informationssystem und der Einzug immer neuer kultureller Einflüsse ins Alltagsleben (nein, nicht nur der Islam!) dazu, unsere Komfortzone zu verlassen. Über den Tellerrand hinauszuschauen, uns lebenslang neue Erkenntnisse anzueignen. Ja, ich weiß, das ist anstrengend und ich möchte hier auch gar nicht verneinen, dass viele Veränderungen auf einmal auch beängstigend wirken können. Wenn ich also die Hassparolen einer PEGIDA-Vereinigung in den Nachrichten sehe und höre oder mir das diffuse, teils stark rückwärtsgewandte Parteiprogramm der AfD aufmerksam durchlese, lese ich vor allem eines zwischen den Zeilen – die Angst vor dem Neuen, Furcht vor Herausforderungen der Globalisierung, eine Verteidigung der persönlichen „sicheren Bank“ vieler Menschen. Kurz: kollektive Angstblockaden, die das Gesichtsfeld verengen und der „Mitte der Gesellschaft“ einen echten Tunnelblick verschaffen. Schuld sind natürlich immer die „anderen“, die „Fremden“. Es ist eben immer einfacher, sich einen Sündenbock zu suchen, als Probleme wirklich an der Wurzel anzugehen und seinen Ängsten aktiv zu begegnen.

Ich habe auch Angst!

Fremdenangst treibt oftmals seltsame Blüten
Fremdenangst treibt oftmals seltsame Blüten

Dabei ist Angst etwas zutiefst Menschliches, nichts, worüber man nicht auf zivilisierte Weise reden könnte und erst recht nichts, wofür man sich schämen müsste. Denn nur, wer einer gefühlten „Bedrohung“ mit klarem Kopf entgegentreten und selbst mit an Lösungen arbeiten kann, lässt sich nicht von seinen Ängsten überwältigen. Ich habe auch manchmal Angst vor der Zukunft. Angst, trotz Studium und einer guten Vorbildung keinen festen Arbeitsplatz im Medienwesen zu finden, weil viele Branchen zur Massenbefristung tendieren. Angst, bei der aktuellen finanziellen Situation des deutschen Etats in 40 Jahren keine angemessene Rente zu bekommen. Selbst dann, wenn ich mir ein Bein und zwei Arme ausreiße, um beruflich aktiv zu bleiben. Angst, dass meinem Kind Dinge zustoßen, die ich ihm lieber ersparen möchte. Angst vor dem fortschreitenden Klimawandel. Und nicht zuletzt Angst, wenn ich die Nachrichten einschalte und mir Meldungen über Krieg, Terror, Wirtschaftskrisen, Gewaltregime und hungernde Kinder entgegenschallen. Um es kurz zu sagen: Mir wird ganz anders, wenn mir als Mitgestalterin der Gesellschaft und des Planeten Erde all diese (menschlichen) Katastrophen den Spiegel vorhalten. Es ist furchtbar, hinzusehen – und doch unmöglich, es nicht zu tun.

Meckern allein hilft nicht

Vater, Mutter, Kind - die "traditionelle Familie" als Aufhänger des Konservatismus
Vater, Mutter, Kind – die „traditionelle Familie“ als Aufhänger des Konservatismus

Nun gibt es zweifelsohne ganz unterschiedliche Arten, sich den dunklen, hässlichen Seiten des Lebens zu stellen. Man kann sie verdrängen, einfach keine Nachrichten mehr schauen, sich permanent in imaginäre Glitzer- und Entertainment-Welten flüchten. Auswahl gibt es auf Privatsendern und in der Freizeitindustrie dafür schließlich genug. Wegsehen kann durchaus funktionieren, zumindest für eine begrenzte Zeit, bis einen die Realität wieder einholt. Und das wird sie, früher oder später. Man kann klagen, fluchen, jammern und meckern, immer davon ausgehend, dass „früher alles besser war“. Besonders ältere Semester neigen zu dieser Art von Nostalgie, die sich bei näherem Hinschauen oft als schillernde Seifenblase verklärter Erinnerungen entpuppt. Laut allen gängigen physikalischen Gesetzen muss eine Seifenblase jedoch irgendwann platzen. Spätestens, wenn sie an ein Hindernis stößt, das ihren Schwebeflug stoppt. Man kann einfach so tun, als hätte man selbst gar keine Verantwortung für alles, was schief läuft – es gibt ja genug andere, denen man die Schuld in die Schuhe schieben kann. Bevorzugt natürlich jenen, deren Ruf dank geläufiger Klischees und Vorverurteilungen an den Stammtischen dieser Welt sowieso schon beschädigt ist. Oder, um ein beliebtes Zitat aus dem Film „Casablanca“ als Beispiel zu nehmen: „Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen!“ Auf „pegidisch“ übersetzt könnte das konkret heißen: „Der IS bedroht unser Land und unsere Werte – also raus mit dem Islam aus dem christlichen Abendland!“ Ohne nun konkret auf den vielen „Dreck am Stecken“ der großen Staatskirchen eingehen zu wollen (Stichwort: Hexenverbrennungen, Kondomverbote in AIDS-Hochburgen und Kreuzzüge), ist der Vergleich einzelner „schwarzer Schafe“ mit ihrer gesamten Herde doch ein wenig zu kurz gedacht.

Wer ist eigentlich "das Volk"? Sicherlich nicht PEGIDA!
Wer ist eigentlich „das Volk“? Sicherlich nicht PEGIDA!

Aber was soll’s, es sind ja nur „die anderen“ – und irgendwer muss ja die Schuld tragen? Es wäre herrlich einfach, Krisen derartig abzuhaken, allerdings ist es auch so unendlich dämlich und naiv. Egal, welche Strategie man wählt, ob es nun Wegsehen, die pure Resignation oder eben der direkte Angriff von Sündenböcken ist – nichts davon vermag ein Problem faktisch wirklich im Ursprung zu lösen. Meckern allein hilft eben nicht! Letztendlich liegt es an jedem Einzelnen in der Gesellschaft, ob er (auch im Kleinen) mit anpackt und den Karren aus dem Dreck zieht, ohne nur einen Nullradius als seinen Standpunkt zu betrachten. Das könnten auch diejenigen, die permanent „Der Islam gehört nicht zu Deutschland!“, „Islamistischer Judenterror“ und „Lügenpresse!“ auf den Straßen brüllen, Flüchtlingsheime anzünden und sich deswegen noch im Recht fühlen. Nein, normal ist so viel reaktionärer Populismus und Hass auf alles Fremde sicher nicht. Auch wenn es das Normalste überhaupt ist, mit Ängsten zu kämpfen.

Cats Couch | Die unsichtbaren Väter – ein Papa-Plädoyer

Engagierte Väter haben es schwer: Auch im 21. Jahrhundert hält sich der Fortschritt in Sachen Familienplanung und Vereinbarkeit im Grenzen. Jeder beklagt die familiär-berufliche Doppelbelastung von Müttern; aber wie sieht es da eigentlich mit den Männern aus? Zeitgeist, Geschlechterrollen und Stillstand – betrachtet aus einer seltenen Perspektive.

Väter von heute - Vorbilder von morgen!
Väter von heute – Vorbilder von morgen!

Ein Kind braucht seine Mutter“ – da sind wir uns sicherlich alle einig. Mütter sind derzeit eine omnipräsente Mehrheit in der Social-Media-Gemeinde und sogenannte Mama-Blogs schießen wie Pilze aus dem Boden. Auch in beliebten Eltern-Communitys und im gesamten Werbezirkus rund um Baby- und Kinderprodukte sind wir Mütter neben unseren Kindern die Stars in der Manege. „Wir Mütter“ sage ich deshalb, weil ich mich seit einigen Monaten auch zu dieser Clique zählen darf. Allerdings vermisse ich sowohl in der Werbung und in Artikeln über Erziehung als auch in Eltern- und Babytreffs schmerzlich die männliche Hauptrolle. Was mich zu der Ausgangsfrage dieser Ausgabe von „Cats Couch“ führt: Wollen die Männer auf dieser Ebene nicht präsent sein, oder können sie es schlicht und einfach nicht, weil der „aktive Vater“ immer noch schlecht dasteht?

Männer können alles – außer stillen!

Ein Baby kommt und steht für beide Eltern im Mittelpunkt
Ein Baby kommt und steht für beide Eltern im Mittelpunkt

Väter sind mehr als Erzeuger und dieser Konsens setzt sich inzwischen auch zunehmend durch. Endlich, möchte man angesichts der Tatsache einwenden, dass wir inzwischen das Jahr 2016 schreiben. Auf dem Papier und de jure existiert Gleichberechtigung in allen Lebensbereichen also. Doch wie sieht die Lage de facto aus? Noch immer nimmt nur ein ganz geringer Prozentsatz der frisch gebackenen Väter mehr als die „üblichen“ zwei Monate Elternzeit, im Elterntreff sind männliche Gesprächspartner, die eine solche Runde um interessante Perspektiven erweitern könnten, nach wie vor eher die Ausnahme als die Regel. Das alles finde ich sehr schade; denn so gerne ich mich als „junge“ Mutter (ist 30 Jahre wirklich noch jung?) mit anderen Müttern austausche und auch fast mehr Gesprächspartnerinnen finde, als ich wirklich würdigen kann, fühlt sich mein Mann wie manch anderer „junger“ Vater doch zeitweise auf dem Abstellgleis. Wir gehören nämlich zu den Paaren, die es anders machen wollen als die Mehrheit: Ich bewerbe mich zurzeit wieder, er nimmt Elternteilzeit in Anspruch. Als ich während der Schwangerschaft Freunden und Familie von unserem geplanten Familienmodell erzählte, bekam ich von verständnislosen Einwänden („Also, ICH könnte das ja nicht, das Kind so früh abgeben …“) bis hin zu Beschwichtigungen mit Augenzwinkern („Ja ja, das sagst du jetzt. Warte erst einmal ab, wenn das Baby da ist!“) Gegenwind aus (fast) allen Himmelsrichtungen. Wobei, faktisch betrachtet hat es wenig mit „abgeben“ zu tun, ein Kind beim eigenen Vater zu lassen. Aber wie heißt es so schön: Errare humanum est. Ich ließ den Zweiflerinnen (in der Tat fast nur Frauen) ihre Zweifel und wartete einfach ab. Das Kind kam, der Wunsch, im Job nicht den Anschluss zu verlieren, blieb. Und überhaupt – der Elterngeldantrag für meinen Mann war sowieso längst eingereicht. Bis jetzt kann ich sagen: Unsere Tochter hat einen tollen Vater. Die Sorte Mann, mit der ich mein eigenes Kind gerne einige Stunden allein lasse. Denn auch wenn wir Mütter es manchmal kaum wahrhaben wollen: In Sachen Babypflege und Kinderbespaßung können Männer im Prinzip alles. Außer stillen; andersherum stillt ja längst nicht jede Mutter voll oder so lange, dass sie wirklich allein deshalb Jahre daheim verbringen müsste. Es zu wollen, ist natürlich legitim und steht auf einem anderen Blatt.

Vater sein – ein Hürdenlauf!

Väter als Alleinverdiener? Längst kein Muss mehr!
Väter als Alleinverdiener? Längst kein Muss mehr!

Ich sollte hier fairerweise erwähnen, dass mein Mann selbstständig ist und nur wenige bürokratische Hürden überspringen musste, um die volle Elternteilzeit für sich und uns zu realisieren. Schwieriger haben es da oftmals (männliche) Angestellte, die sich nicht zufällig in sicheren Zweigen des Staatsdienstes tummeln. Sie ernten oft ebenso wenig Verständnis für ihre Familienauszeit wie ihre weiblichen Kollegen, die im Gegenzug dazu wieder schnell in ihren Job zurückkehren oder sich eine neue Position suchen wollen. Schnell kommt auch heute noch bei Personalern der Verdacht auf, ein Mann hätte somit „kein Interesse mehr am beruflichen Aufstieg“, „keine Lust mehr auf seinen Job“ oder eben eine Partnerin, die ihm „nicht den Rücken freihält“. Dass derartige Vorurteile sich nicht gerade motivierend auf die jüngeren Generationen von Eltern und Arbeitnehmern auswirken, erklärt sich von selbst. Auch im privaten Umfeld brauchen Väter, die sich bewusst eine Babyauszeit nehmen, oftmals nach wie vor ein dickes Fell und ernten statt Verständnis und Anerkennung für ihre Entscheidung eher Skepsis, Spott und Häme. Kein Wunder, denn Väter bleiben auch in den gefühlt omnipräsenten Medien- und Werbebeiträgen rund um „Kind und Windeleimer“ weitgehend unsichtbar. Wann immer eine Pampers-Werbung über unsere Bildschirme flimmert sehen wir: Mutter und Kind. Die Bloglandschaft im Internet, die sich mit den alltäglichen und kontroversen Themen rund ums Elterndasein beschäftigt: Mama-Blogs, wohin man schaut; ein männliches Äquivalent ist selten. Die Betreuungsmisere in den Nachrichten: Mütter mit Problemen bei der Jobsuche. Daran ist prinzipiell nichts Falsches; es fehlt nur etwas. Nämlich die Selbstverständlichkeit, dass Väter eben nicht nur Samenspender auf zwei Beinen sind oder idealerweise sein sollten.

Diskriminierung: nicht nur ein Mütterproblem!

Hart aber fair: Männer können alles genau so gut - außer stillen.
Hart aber fair: Männer können alles genau so gut – außer stillen.

Schließlich gibt es noch den finanziellen Aspekt. Dass das „Gender Pay Gap“ keine Erfindung durchgeknallter Radikalfeministinnen ist und speziell „Frauenberufe“ im sozialen oder geisteswissenschaftlichen Umfeld doch eher knapp bezahlt werden, merkt man auch daran, dass die männlichen „Besserverdiener“ dann eben doch in die klassische Versorgerrolle schlüpfen. „Finanzielle Notwendigkeit“, wird man es nicht ganz zu Unrecht begründen. Da hilft es leider auch wenig, dass unsere Politik sich derzeit beide Beine ausreißt, um eine echte Gleichberechtigung im Familienleben und auf dem Arbeitsmarkt zu schaffen. Ein Regelwerk ist sinnvoll . Aber was, wenn sich kaum ein Spieler am runden Tisch daran hält? De jure darf kein Arbeitgeber seine Angestellten dafür „bestrafen“, Kinder zu bekommen und sich gar um diese kümmern zu wollen. De facto werden gerade Männer, die Elternzeit, Krankentage und andere rechtliche Ansprüche geltend machen wollen, auf ihre vermeintliche Unverzichtbarkeit hingewiesen oder gleich gefragt, ob sie denn keine Frau hätten, die das machen kann. Umgekehrt wird bei Frauen quasi automatisch davon ausgegangen, dass sie nun eh keine Karriere mehr machen wollten oder andauernd wegen ihrer Kinder dem Arbeitsplatz fernbleiben werden. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich finde eine solche Einmischung in die Privatsphäre von Mitarbeitern schon ziemlich frech! Nicht nur am Arbeitsplatz haben engagierte Väter häufig einen schweren Stand; auch beim Umgangs- und Besuchsrecht im Falle einer Trennung ziehen sie aufgrund der momentanen Gesetzeslage häufig den Kürzeren. In manchen Fällen mag dies sinnvoll sein; oft handelt es sich dabei aber auch nur um eine Schikane im klassischen Rosenkrieg und schlicht um eine Diskriminierung.

Männerarbeit, Frauenarbeit?

Väter suchen sich eigene Wege - und das ist ihr gutes Recht
Väter suchen sich eigene Wege – und das ist ihr gutes Recht

Schaut man sich soziale und pflegerische Berufszweige an, so trifft man tendenziell auf eine große weibliche Überzahl. Ein Mann als Kita-Leiter? Als Kinderpfleger oder „männliche Hebamme“? Für viele Frauen – aber auch Männer – auch im Jahr 2016 schwer vorstellbar. Was allerdings auch auf dem Mythos beruht, Männern ginge es vor allem ums Geldverdienen. Ebenso wie auf der Tatsache, dass sich viele Männer (und übrigens manche Frau) aufgrund der eher unterdurchschnittlichen Bezahlung in Sozialberufen für andere Branchen entscheiden und Jungen viel zu früh eingeimpft wird, einen „männlichen“ Beruf zu ergreifen. Vorbehalte dagegen, dass Männer ebenso wie Frauen „irgendwas mit Kindern“ machen können, zeigen sich auch im Privaten – und daran sind wir Mütter selbst oft nicht ganz unschuldig. Manch übermotivierte Neu-Hausfrau und „Natural Born Super Mom“ hat nämlich wirklich an allem etwas zu meckern, was ihr hilfsbereiter Partner wie selbstverständlich einfach tun möchte. „Du machst das falsch! Das geht doch anders“; „Männer können das nicht“; „Typisch Mann. Ich zeig dir, wie es geht“… Wer solche Bannbotschaften jeden Tag zu hören bekommt, wird irgendwann resignieren. Und wer sollte es ihm da noch verdenken? Ich überspitze hier natürlich absichtlich ein wenig – aber wenn wir Mamas ehrlich zu uns selbst sind, juckt es vielen doch wirklich hin und wieder in den Fingern, den Mann mal wieder zu korrigieren. Einfach so, fast automatisch. Mein Tipp, den ich selbst übrigens auch befolge: Lasst es kribbeln, Ladys, und beißt euch hin und wieder einfach lieber auf die Zunge. Dann klappt’s auch mit der Gleichberechtigung. Papas haben ihren eigenen Weg, Probleme zu lösen. Und das ist auch gut so.

Cats Couch | Willkommen im Bewerbungszirkus | Eine Kolumne

Den passenden Bewerber aus vielen finden - eine Herausforderung für Personaler
Den passenden Bewerber aus vielen finden – eine Herausforderung für Personaler

Manchmal kommen einem auch in unseren „modernen Zeiten“ noch Dinge unter, die einen dazu veranlassen, sich ungläubig die Augen zu reiben. Der alltägliche Irrsinn ist eben nie weit von menschlichen Leben entfernt. Heutige Beispiele: Bewerbungsratgeber, das ewige Thema Familienplanung und der (Un-)Sinn von Gesprächen, in denen die Show den Inhalt bestimmt.

Bewerbung kommt von „Werbung“ – sie ist genaugenommen eine Werbung „für sich selbst“, eine Präsentation, die dem Selbstmarketing dient. Bewerbungszyklen sind in gewisser Weise auch Wettkämpfe, in denen es darum geht, welcher Teilnehmer oder welche Teilnehmerin eine der begehrten Arbeitsstellen als Trophäe „gewinnt“ Konkurrenz belebt hierbei das Geschäft, und ehrlich gesagt finde ich das auch gar nicht so tragisch. Wenn denn alle, die ähnliche Qualifikationen aufweisen, auch mit den gleichen Chancen auf der Startlinie stehen könnten! Denn oftmals, so scheint es mir, gestaltet sich das „Rennen um die besten Plätze“ letztendlich doch wie ein zahmes, braves Dressurstück. Zumindest, wenn man gängigen Bewerbungsratgebern glaubt.

Beruf und Familie? Mancher Personaler sieht das noch kritisch
Beruf und Familie? Mancher Personaler sieht das noch kritisch

Im Zweifel gegen den Befragten?

Wer es bis zum Bewerbungsgespräch schafft, hat schon einige wichtige Hürden genommen und kann sich bereits auf eine seiner beiden Schultern klopfen. Doch beglückwünschen kann man sich erst, wenn man auch diese vielleicht härteste Etappe auf dem Weg genommen hat. Wer hochstapelt, läuft Gefahr, zu Fall gebracht zu werden (erfahrene Personaler merken das sofort) und wer sich zu wortkarg und zu bescheiden gibt, dem wird gerne unterstellt, man hätte etwas zu verbergen. Gerade bei der Besetzung der begehrten, gut bezahlten und immer seltener werdenden unbefristeten Stellen schauen Verantwortliche eben ganz genau hin, wen sie vor sich haben und wer möchte es ihnen schon verübeln? Einen festangestellten Mitarbeiter hat man im Boot – wenn es eben geht, so lange wie möglich. Sich bei Konflikten oder mangelnder Motivation von ihm zu trennen, ist gerade hierzulande denkbar schwierig. Für Festangestellte zeigt sich das Arbeitsrecht also eindeutig vorteilhaft, was wiederum manchen Arbeitgeber von „zu vielen“ Festanstellungen abschrecken mag. In kurzen Worten: Drum prüfe, wer sich lange bindet …. Doch wie zuverlässig ist eigentlich das Vorstellungsgespräch als Indikator, ob ein beginnendes Arbeitsverhältnis eher „der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“ oder der Vorspann für einen echten Horrortrip für beide Parteien wird? Denn die Fragen sind kritisch und viele Bewerberinnen und Bewerber entsprechend gut vorbereitet, um die Antworten zu liefern, von denen sie ausgehen, dass der potenzielle Brötchengeber sie auch wirklich hören möchte. So besteht die Gefahr, dass ein ehrliches Kennenlerngespräch zu einer steifen Dressurnummer im Zirkus abstumpfen kann – es braucht also eine große Menschenkenntnis aller Beteiligten, um wirklich zu einem „guten“ (im Sinne von authentischen) Erstkontakt und zu einer realistischen Einschätzung zu gelangen! Während viele Fragen, zum Beispiel nach dem Lebenslauf, einfach, prägnant und auch recht ungezwungen beantwortet werden können, gibt es auch die Gesprächsthemen, bei denen vor allem weibliche Jobanwärterinnen immer um den heißen Brei herumschleichen müssen. Und auch hier: Wer sollte es ihnen übel nehmen? Immerhin sind manche Nachfragen in einem Jobinterview offiziell nicht einmal zulässig!

Versteckspiele und unzulässige Stressfragen: Manchmal ist es doch echt nur zum Schreien!
Versteckspiele und unzulässige Stressfragen: Manchmal ist es doch echt nur zum Schreien!

Grenzüberschreitungen an der Tagesordnung

Wie einige meiner Leserinnen und Leser sicher mitbekommen haben, bin ich in absehbarer Zeit auch wieder auf der Jagd nach einem passenden Job nach Geburt unseres Kindes und ich beschäftige mich daher momentan wieder mit dem Thema „Bewerbungen“. Meine letzte Lektüre dazu war ein spezieller Ratgeber, „Das Vorstellungsgespräch für Frauen“, von Claudia Nöllke. Und ehrlich gesagt wird mir bei dem Gedanken daran, was eventuell auf mich zurollt, schon ein wenig mulmig. Nicht nur, wenn ich der Geburt selbst entgegensehe, sondern auch in Hinblick auf die Zeit nach dem Mutterschutz. Werde ich einen familienfreundlichen Arbeitgeber in der Medienbranche finden, der mir eine feste Stelle anbieten kann (denn mit befristeter Arbeit und einem gleichzeitig „unbefristeten“ Kind ist wohl kaum ein Blumentopf zu gewinnen)? Wie lange wird die Suche als Frau im gebärfähigen Alter und letztendlich mit familiärer Einbindung wohl dieses Mal dauern? Wird meine Bewerbung vielleicht oftmals gleich aussortiert, sollte ich mein Kind im Lebenslauf mit angeben, oder muss ich die Existenz meiner Tochter bis zum Vorstellungsgespräch verschweigen? Schließlich: Wie viele dieser unsäglichen, penetranten Fragen über mein Privatleben muss ich dann beantworten und schaffe ich es, dabei immer, ehrlich zu sein und cool zu bleiben? Kurz: Wie werde ich mich schlagen, wenn ständig die Grenzen der Privatsphäre mit den sogenannten „unzulässigen Fragen“ (nach Heiratsstatus, Kinderwunsch und Familiensituation) seitens des zuständigen Personalers „durch die Blume“ übertreten werden dürfen? Ob man einem Mann wohl die gleichen Fragen stellen würde? Wohl kaum. Bewerbungsratgeber wie der, mit dem ich mich gerade beschäftige, machen mir gerade wenig Mut. Firmen seien nach wie vor skeptisch, junge Frauen oder auch Eltern einzustellen (ich beziehe hier bewusst Väter mit ein, die zwei oder mehr Monate Elternzeit anstreben), so heißt es. Weiterhin finden sich klare Anweisungen und Ratschläge darin, Familiäres auszuklammern und immer zu beteuern, der Job stehe immer an erster Stelle und Kinder seien gerade überhaupt kein Thema. Mal einen Tag ausfallen, weil das Kind krank ist? Ach Quatsch, das macht eine bezahlte Tagesmutter (denn Großeltern könnten ja unzuverlässig sein …) Pünktlich Feierabend machen müssen, weil Betreuungsstätten eben begrenzte Öffnungszeiten haben? Schnee von vorgestern, natürlich ist auch für Überstunden die Betreuung immer gesichert. Das ist doch „selbstverständlich“. Teilzeitwunsch, Homeoffice oder Job-Sharing? Am besten bloß nicht dran denken, es sei denn, die Stelle ist explizit so ausgeschrieben. Am Ende noch die gesetzlich festgeschriebenen Stillpausen einfordern? Wer diese oder ähnliche Wünsche in einem Gespräch oder nach Antritt einer neuen Stelle äußert, so scheint es, läuft immer noch Gefahr, sich beruflich sofort ein Eigentor zu schießen. Also laufen Bewerber und Bewerberinnen auf Zehenspitzen wie auf heißen Kohlen um solche Themen herum, um den Personaler nicht zu verärgern. Der natürlich wirklich verärgert ist, wenn er merkt, dass man ihm einen Bären aufbinden will. Ich weiß nicht, wie Sie das sehen – es macht mich traurig und motiviert nicht gerade dazu, das ehrliche Gespräch mit seinem zukünftigen Arbeitgeber versuchen, wenn hierzulande ganz natürliche Dinge wie die Bindung an einen Partner („weniger Flexibilität“), eine geplante oder schon vollzogene Familiengründung („Eltern könnten höhere Ausfallzeiten haben und sind ein großer Kostenfaktor“) nach wie vor oft als Makel ausgelegt werden. Ein besonders schweres Los kommt dabei Alleinerziehenden zu – sie dürfen sich wohl die meisten unverschämten Fragen und Unterstellungen in Bezug auf ihr Privatleben anhören.

Wie aussagekräftig sind Bewerbungsgespräche, um eine freie Stelle zu besetzen?
Wie aussagekräftig sind Bewerbungsgespräche, um eine freie Stelle zu besetzen?

Auswege aus der Zirkusmanege

Ist es da ein Wunder, dass bei „verbotenen Nachfragen“ viel verschwiegen oder gar gelogen wird? Wohl kaum. Denn wer rennt schon sehenden Auges in offene Messer? Auch, wenn die Politik es uns anders glauben machen will: Gerade für Menschen mit „Lebenslauflücken“, Frauen, Eltern und Alleinerziehende ist Arbeitsmarktdiskriminierung nach wie vor ein Thema. Es wird also Zeit, dass sich auch die Wirtschaft wieder daran gewöhnt, dass Mitarbeiter eben auch ein Leben vor und nach der Arbeit, eine persönliche Lebensgeschichte und das Bedürfnis nach festen Bindungen haben. Ach ja, und das ist alles nur menschlich. Wenn wir alle – Arbeitgeber und Arbeitnehmer – also endlich offen und ehrlich über die Vereinbarung von Privat- und Berufsleben, Kind und Karriere, Ansprüche und Bedürfnisse sprechen könnten, ohne dabei Masken zu tragen, könnten wir diese Tanzbärennummer zugunsten wirklich sinnvoller Problemlösungen beenden. Dann wäre das Vorstellungsgespräch auch wieder das, was es eigentlich sein sollte – die Möglichkeit, sich kennenzulernen auf allen Seiten eine ehrliche Einschätzung und eine Vertrauensbasis zu gewinnen.

Cats Gedankenwelt: Die Grenzen des Einzelnen

Ein endloser Horizont - wie realistisch ist diese Vision?
Ein endloser Horizont – wie realistisch ist diese Vision?

Glaubt man den zahlreichen Ratgebern und Motivationsleitfäden, die im großen weiten World Wide Web und darüber hinaus kursieren, ist der Mensch ganz allein seines Glückes Schmied und kann jede Situation allein durch die innere Einstellung „managen“. „Selbstmanagement“ oder „Empowerment“ nennt sich das Ganze – um nur zwei Leitbegriffe zu nennen. Doch ist diese Vorstellung absoluter Grenzenlosigkeit umsetzbar, oder geht sie gar an der Realität komplett vorbei? Eine kritische Alltagsbetrachtung.

Es gibt ja bekanntlich die Menschen, die über jeden Regentropfen schimpfen, alles, was in ihrem Leben geschieht, „ungerecht“ finden und sich selbst komplett als Opfer der Umstände betrachten. Auch wenn wahrscheinlich mal jeder und jede kurzzeitige „Depriphasen“, in denen man die Welt komplett schwarz sieht Andere können gar nicht mehr anders, als immer dem „Bösen da draußen“ und einem unglücklichen Zufall die Schuld an allem zu geben, was schief läuft. Solche Zeitgenossen können ganz schön nerven. Aber dann gibt es auch das exakte Gegenteil – nämlich diejenigen, die alles, was außerhalb ihrer Persönlichkeit liegt, einfach wegschieben. Von irgendetwas abhängig sein, das nicht der eigene Wille ist? Ach Quatsch. Das gibt’s doch gar nicht und wenn doch, ist es hemmungslos „von vorgestern“. Das sind dann die Menschen, die einem weismachen wollen, dass wirklich alles möglich ist, wenn man es nur will. Also „Glücksmissionare“, die die eigentlich gut gemeinte Absicht, Zaudernde zu ermutigen, komplett überspitzen und Grenzenlosigkeit propagieren. Um ehrlich zu sein, kann dieser Menschenschlag ebenso anstrengend daherkommen wie sein schwarzmalerisches Pendant.

Optimistisch – oder schon abgehoben?

beyond-1087922_640
Der Mythos „grenzenloser Möglichkeiten“ liegt im Trend

Re-Empowerment“, „höheres Bewusstsein“, „Selbstmanagement“ – alles Begriffe, die derzeit im Ratgebermilieu sowohl online als auch offline kursieren. Und nur drei Bezeichnungen von vielen, die eine Philosophie verkörpern – das alte Thoreau’sche Prinzip der „Self-Reliance“, also der größtmöglichen Unabhängigkeit von anderen Menschen und einem gesellschaftlichen Konsens. Geschweige denn von finanziellen und institutionellen Zwängen. Ein Leben abseits von ausgetretenen Pfaden, Hierarchien im Job, Steuererklärungen, gesellschaftlichen Erwartungen und überhaupt all diesen nervtötenden Zwängen – das muss das Paradies auf Erden sein. Die totale Eigenverantwortung – eine Utopie, die wirklich umsetzbar und wünschenswert ist? Fest steht: Im Alltag, wie die meisten von uns ihn kennen, ist das schwierig zu realisieren. Die wenigsten Menschen können von sich behaupten, vollkommen frei von äußeren Umständen ihren Träumen nachgehen zu können. Ratgeber und Coaches raten dazu, „sich neu zu erschaffen“, „Grenzen zu sprengen“, „sich nicht für den Konsens zu verraten“ und „hinter sich zu lassen, was nicht glücklich macht“. Doch wenn ich mir fast alle Lebensläufe in meiner Umgebung näher anschaue, muss ich mich fragen, ob solche großen Ideale und Ansprüche ans eigene Leben nicht einfach nur Illusionen sind. Und nebenbei ziemlich egoistisch – denn ohne gegenseitige Verpflichtungen, wie soll da eine Gesellschaft funktionieren?

Begrenzte Möglichkeiten

Es kann frustrieren, wenn man alles will, aber es nicht erreicht
Es kann frustrieren, wenn man alles will, aber es nicht erreicht

Es ist nichts Ungewöhnliches, an Grenzen zu stoßen. Fragen Sie eine berufstätige Mutter, wie viel Zeit und Kraft ihr noch bleiben, künstlerisch Großes zu schaffen. Oder einen überarbeiteten Manager, wie oft er noch die Gelegenheit hat, draußen in der Natur zu meditieren. Fragen Sie einen Hartz 4-Empfänger, ob der Job, den er auf Druck des Amtes annehmen musste, wirklich sein Traumjob ist oder ob er lieber seine Träume von der freischaffenden Selbstständigkeit erfüllen würde. Denken Sie an die junge Frau, die gerne eine Weltreise machen würde, aber deren Lohnbudget aber auch nach Jahren nicht ausreicht. An einen Familienvater, der gerne einfach mal ein Jahr lang seine innere Mitte in einem buddhistischen Tempel finden möchte, aber seine Familie dafür zurücklassen müsste. Manche haben große Pläne und Visionen und können sie auch umsetzen – jedoch erst, wenn sie voller Herzblut und unter Aufwendung alles andere um sich vergessen können. Nicht umsonst lebten viele große Künstler und Erfinder eher zurückgezogen, hatten Geldprobleme und waren geniale Außenseiter, die von einem Großteil der Gesellschaft einfach nicht den nötigen Respekt erhielten. Viele von ihnen erlebten ihren Ruhm nicht einmal mehr und lebten komplett in ihrer eigenen, kleinen Welt der Ideale und des großen Traums, fernab des „gewöhnlichen“ Alltags. Gefühlt grenzenlos, sicherlich. Aber auch zu einem hohen Preis.

Zwischen Visionen und Pragmatismus

An Grenzen zu stoßen, ist nicht nur normal, sondern notwendig
An Grenzen zu stoßen, ist nicht nur normal, sondern notwendig

Sind denn all diejenigen, die eben nicht zu den großen Berühmtheiten und Entdeckern dieser Welt gehören, deswegen weniger wert oder gar unzufrieden, weil sie Kompromisse eingehen „müssen“? Unter extremen Umständen vielleicht – wenn die Belastungen überhand nehmen oder das eigene Leben komplett zur Routine verkommt. Dennoch, für die Mehrheit ist das kein Grund, mit allem zu hadern. Denn auch die Basisarbeit muss getan werden, also diejenige, die manchem Veränderungsguru einfach zu „profan“ oder zu „gewöhnlich“ ist. Und diese Arbeit, die unermüdlich wiederkehrt – in Haushalten, Pflegeheimen, in Schulen, Supermärkten und Kindergärten – macht es erst möglich, dass die „großen Visionäre“, die jegliche Form von Begrenzungen ablehnen, ihre Höhenflüge erleben. Um anschließend die Welt um ihre Entdeckungen und ihr faszinierendes, neu gewonnenes Wissen zu erweitern Doch ob jeder das Zeug zum Idealisten und Genie hat und bereit ist, notfalls alle anderen Ziele zu opfern? Das ist immer noch eine persönliche Entscheidung. Wer sich eben innerhalb seines selbst oder durch die Lebensumstände gesteckten Rahmens wohlfühlt, bleibt auch gerne ein zufriedener Pragmatiker. Auch daran ist nichts Falsches.

Alles wollen ist anstrengend

Im Alltag funktionieren, Erfolg haben und dabei noch gut aussehen - erwarten wir zu viel?
Im Alltag funktionieren, Erfolg haben und dabei noch gut aussehen – erwarten wir zu viel?

Häufig zielen Lebensratgeber darauf ab, uns die unendlichen Möglichkeiten, egal wie realistisch sie sein mögen, vor Augen zu führen. Ganz nach dem Motto: „Man kann alles haben – jederzeit und sofort. Wir müssen nur wollen.“ Sicherlich kann man alles wollen – aber macht das wirklich glücklich oder auch nur zufriedener? Für Menschen, die mit ihrem stinknormalen, „mittelmäßigen“ Leben, einem mehr oder minder unspektakulären Beruf, einem durchschnittlichen Sozialleben ohne viel „Fame und Glamour“ und vielleicht einer Familie bereits zufrieden sind, kann Grenzenlosigkeit vor allem eines sein: beängstigend – und verdammt anstrengend. Um das zu verstehen, muss man sich einfach nur ein ganzes Regal voller verschiedener Käsesorten vorstellen. Kunden, die sonst mit einem oder zwei Handgriffen die Mission „Käsekauf“ abschließen, brauchen plötzlich viel länger, um sich zwischen all diesen Sorten zu entscheiden, wählen hinterher womöglich ein zu teures Produkt oder eines, das ihnen gar nicht schmeckt. Dieses Beispiel ist extrem einfach, aber es lässt sich wunderbar auf so viele Lebensbereiche übertragen – zum Beispiel auf den „Traumberuf“, den „Traumhaus“, die „ideale Kindererziehung“ und das äußere Erscheinungsbild. Irgendwie sollen wir alles sein: Sozial, aber total unabhängig von allem und jedem; zuverlässig, aber hundertprozentig flexibel; engagiert im Alltag, aber dabei immer perfekt gestylt (ach was, Babykotze hinterlässt keine Flecken und von Schlafentzug bekommt man keine Augenringe …); hochgradig ehrgeizig, aber dabei total tiefenentspannt. Für mich klingt der Lebensanspruch „alles, aber ganz und sofort“ nach einer ziemlichen Zerreißprobe, oder auch dnach der viel beschworenen „eierlegenden Wollmilchsau“. Bleibt zu sagen: Wenn man mal wirklich nicht zufrieden ist, gibt es exakt drei Möglichkeiten. „Love it, change it or leave it!“ Das klingt doch mal übersichtlicher und praktikabler als ständig unerreichbaren Träumen hinterherzuhetzen. Und wenn wir uns für „change it“ – also eine Veränderung für ein bestimmtes Ideal – entscheiden, sollten wir uns auch darauf fokussieren, dies mit ehrlicher Leidenschaft tun und nicht nur, weil es gerade dank der aktuellen Ratgeberkultur en vogue ist. Denn Trends kommen und gehen – Zufriedenheit sollte aber etwas sein, das kommt, um zu bleiben.

Cats Medienkommentar: Die Lust am Gruseln

Alte und verlassene Orte faszinieren Menschen – heute vielleicht mehr denn je

Verlassene Orte, mythische Geschichten, gut oder feindlich gesonnene Geister – Gruseln liegt im Trend. Interessanterweise vor allem, wenn das Publikum weiblich ist. Erst kürzlich kam mit „Crimson Peak“ eine neue Gothic-Romanze mit Gänsehautfaktor in die Kinos – mit Intrigen, Abgründen, und einer Menge düsterer Geheimnisse. Die „dunkle Seite des Seins“ scheint momentan wieder an Einfluss zu gewinnen – aber warum? Ein Erklärungsversuch.

Zugegeben, Spuk- und Geistergeschichten sind nun wirklich kein neues Phänomen unserer Zeit. Es gab sie nämlich schon in der Literatur alle Zeiten, vor allem aber während der viktorianischen Ära in Großbritannien und in den USA. Die Lust am Schaudern, die viele Menschen der modernen Literatur verspürten, brachte einigen Autoren und Autorinnen aller Sprachen und Hintergründe große Erfolge ein. Erwähnt man noch heute zum Beispiel die Namen Bram Stoker, Mary Shelley, Nathaniel Hawthorne oder Edgar Allan Poe, weiß jeder Leser, dass der Inhalt der Geschichten sie das Fürchten lehren soll. Nun gibt es sicherlich nicht mehr so viele Leser „alter Schinken“ (aucn wenn ich mich definitiv hier als solcher outen möchte), dennoch scheint der Erfolg der Genres Horror, Mystery, Thriller und verwandter Kategorien auf dem Buchmarkt ungebrochen.

Alte Muster, neue Medien

Der Schauerroman, auch zum Teil als „Gothic Novel“ oder „Dark Romance“ lässt sich also schwer als einzelnes Genre eingrenzen, was der Faszination dieser Nische in der Literatur aber keinerlei Abbruch tut. Was sich allerdings auf jeden Fall ebenso aufgefächert hat, ist die mediale Umsetzung. Auch Vampirromane und Filme rund um die mystischen Blutsauger haben in den letzten Jahrzehnten wieder stark an Zulauf gewonnen, auch wenn ich keinesfalls „Bram Stoker’s Dracula“ hier mit „Twilight“ oder „Vampire Diaries“ auf eine Stufe stellen möchte. Klassiker bleiben eben Klassiker, egal, wie man es dreht und wendet. Sie haben eben ein anderes Zielpublikum als manch aktueller Bestseller und das ist auch in Ordnung so. Oder, wie meine Oma sagen würde: „Auf jeden Topf passt ein Deckel“ – das gilt wohl auch für Leser und Kinogänger. Was jedoch bei den meisten Schauerroman und Gruselfilmen auffällt: Irgendein durchgehendes Muster gibt es immer. Oft geraten unschuldige, naive Frauen (selten Männer) an die falsche Bekanntschaft und landen so in Situationen, die ihnen Angst und Schrecken einjagen. Wenn sie es denn schaffen, kostet es sie zumindest viel Schweiß, Tränen, Blut und Mühe, sich wieder alleine oder mit Hilfe aus ihrer Situation zu befreien. Grundsätzlich mit dabei ist auch jener Charakter, der sich als „geheimnisvoller Fremder“ bezeichnen lässt. Kurz gesagt, der Typus Mann, vor dem Mutti die Protagonistin schon immer gewarnt hat und der dennoch eine magische Anziehungskraft auf seine (weibliche) Umwelt auszuüben scheint. Na gut, das Mädchen will ja nicht hören, dann landet sie eben in einem Schloss, wo Spuk, Gewalt und dunkle Geheimnisse warten. Bis ein „echter“ Prinz sie retten kommt – oder sie sich selbst wieder davonschleppen kann. Und der Zuschauer? Er fiebert, leidet und schaudert mit, einfach aus einer Identifikation und einer bestimmten „Angstlust“ heraus.

"Nimmermehr" - Poe gehört zu den Großen im Schauer- und Krimigenre
„Nimmermehr“ – Poe gehört zu den Großen im Schauer- und Krimigenre

Die Suche nach dem Verborgenen

Dass Menschen von Angst auch erregt werden, ist durch neurologische und verhaltenspsychologische Studien längst erwiesen. Die Angst löst buchstäblich einen Schauer aus – einen, der als Wohlgefühl empfunden werden kann, wenn der Betrachter eines Grusel-, Kriminal- oder Horrorstreifens sich in Sicherheit wähnt. Aber ist das wirklich alles, was die Faszination des Gruselns und Rätselns ausmacht? Ich möchte hier einfach mal mit einem „nein“ antworten. Denn die Gründe, warum uns das „Abgründige“ derart fasziniert, liegen tief in unseren Ängsten und Sehnsüchten verwurzelt. Ich nehme an, in genau den Sehnsüchten, die unsere Lebensumgebung uns scheinbar nicht mehr erfüllen kann. Es geht um große Emotionen, hoffnungslose Romantik, tiefe Einblicke in die Abgründe und Verwundbarkeiten des menschlichen Daseins. Kurz: Es scheint, als würden viele von uns nach dem Verborgenen und Geheimnisvollen suchen, nach dem, was nicht sofort ersichtlich und erklärbar ist.

Alles überschaubar? Es gibt kaum etwas, das noch nicht durchleuchtet ist
Alles überschaubar? Es gibt kaum etwas, das noch nicht durchleuchtet ist

Mystische Bilder in einer sterilen Welt

Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Es gibt kaum etwas vom Nordpol bis Afrika, das sich nicht schlüssig wissenschaftlich erklären ließe, und natürlich hat dieser Umstand viele Vorteile. Wir haben im wörtlichen Sinne immer „den Durchblick“ oder finden zumindest jemanden, einen Arzt, Forscher oder Experten, der ihn hat, wenn er uns fehlt. Sogar unsere Körper sind „gläsern“ – mit ein wenig medizinischem Wissen und entsprechenden Tests können Ärzte fast alles über unseren Fitness-, Krankheits- oder Gesundheitszustand herausfinden. Einerseits hilft Transparenz in vielen Lebenssituationen, andererseits kann die totale Durchschaubarkeit des (Mit-)Menschen und dessen Lebensart auch ziemlich bedrohlich und befremdlich wirken. Oder man könnte sagen: Viele von uns fühlen sich wie vor einer glatten, sterilen Spiegelfläche, die keine Abweichung und kein Geheimnis mehr zulässt. Oftmals beginnt das Testen, Prüfen und Bewerten schon vor unserer Geburt, denn in pränatalen Testverfahren bleibt kaum eine Besonderheit oder ein genetischer „Defekt“ unbemerkt. Vom Beginn unseres Lebens an werden wir gewogen, vermessen, in „normal“, „überdurchschnittlich“ und „unterdurchschnittlich“ eingeteilt. Mal mit Schulnoten, mal ohne – es scheint, als stünde man als menschliches Wesen per se ständig auf dem Prüfstand. Wer möchte es seinen Zeitgenossen da übelnehmen, wenn sie zumindest in Gedanken vor dem Spiegelkabinett in verdunkelte, geheimnisvolle Räume flüchten?

Romantik und Schaudern: Rückzugsräume für unsere Empfindungen
Romantik und Schaudern: Rückzugsräume für unsere Empfindungen

Den Zauber wiederfinden

Trost und das Gefühl von Geborgenheit in einer grell erleuchteten Welt finden Empfindsame eben in inneren Bildern, ob diese nun durchs Lesen, Hören oder Betrachten entstehen. Das können hoffnungslos kitschige Liebesfilme sein, aber auch Schauerromane und Krimis, die durch ihre abgründige Tiefe das Innerste und Unterbewusste wieder aufwecken. Man könnte kurz sagen: Wer viele romantische, mystische und geheimnisvolle Welten durch Bücher und Filme erkundet, könnte auf der Suche zu einem neuen Zugang zur Welt sein und, nicht zu vergessen, zu sich selbst. Manchmal suchen Menschen eben eine „Hintertür“, die aus dem sterilen, vollkommen überblickbaren Raum in eine neue, unbekannte Nische führt, oder eben den berüchtigten „Geheimgang“. Vielleicht, um irgendwo da drinnen etwas zu erfahren, das noch nicht erforscht ist – und es dann als neue Erkenntnis in der „Welt da draußen“ einzusetzen. Ähnliches widerfährt übrigens Edith, der Protagonistin in „Crimson Peak“. Sie reagiert sensibel auf die „Geister“ und Stimmen des von Verbrechen überschatteten Familienanwesens und schafft es so letztendlich (gut, mit etwas ärztlicher und spiritueller Hilfe), den Ort von all diesen Einflüssen zu befreien. Und dann geht sie wieder ihrer Wege und lässt das Vergangene Erinnerung sein – wie wir alle es letztendlich tun.

Cats Medienkommentar: Panik in Ton und Bild

Journalistische Berichterstattung: eine Wahl zwischen Not und Elend?
Journalistische Berichterstattung: eine Wahl zwischen Not und Elend?

„Bad news is good news“, oder auch: „Nur eine schlechte Nachricht kommt an“ lautet ein ungeschriebenes (und oft verheimlichtes) Gesetz in der gängigen journalistischen Berichterstattung. Aber welche Auswirkungen hat das langfristig auf Medienschaffende und Konsumenten? Brauchen wir neben den gesammelten Katastrophenmeldungen nicht vielleicht doch einmal einen Funken Hoffnung?

Soziale Medien können depressiv machen“, gingen erst kürzlich Schlagzeilen in der Mainstream-Berichterstattung herum. Der Grund: Das allzu „perfekte“ Facebookprofil guter Freunde bis entfernter Bekannter könne Neid und Unzufriedenheit im sozialen Vergleich auslösen. Das mag bei manchen, sehr dafür anfälligen, Personen sogar halbwegs eintreten (auch wenn die Krankheit der Depression meines Erachtens hier extrem verharmlost wird). Doch ich sehe momentan und eigentlich schon seit Jahren einen vollkommen anderen Aspekt in allen Medienkanälen, der einem wirklich dauerhaft jede gute Laune verderben kann – diese ständigen Negativ- und Katastrophenmeldungen. Ganz ehrlich, wäre ich wirklich depressiv oder suizidgefährdet, ich würde mir an dieser Stelle sicherlich überlegen, ob es nicht besser wäre, von dieser „freudlosen“ Welt zu verschwinden.

Ob in der Politik oder an der Börse, die Frequenz schlechter Nachrichten lässt sich schlecht verarbeiten
Ob Krieg, Klimawandel oder Finanzkrise, die Menge an schlechten Nachrichten in kürzester Zeit lässt sich schlecht verarbeiten

Informative Horrorshow

Ein ganz einfaches Beispiel, das jeder kennt, ist die Tagesschau im Ersten, Zweiten und Dritten. Täglich um 20 Uhr, oder aber einige Stunden früher oder später, bekommt jeder Fernsehzuschauer den realistischsten Horror-, Kriegs- und Katastrophenfilm gezeigt, den er jemals sehen könnte. Manchmal auch einen Politkrimi reinster Sorte oder ein Drama mit echten Emotionen. War das alles? Richtig, da fehlen doch einige Genres – nämlich die, die einen zum Lachen bringen und nicht ohne ein Happy End auskommen. Finanzkrise, Schuldenkrise, Bürgerkrieg, Verfolgung, Flucht, Hunger, Epidemien, Existenzangst – mit einem Wort: Es herrscht Panikalarmstufe Rot. Denn all diese Dinge passieren eben und die Medien, seien es Zeitungen, Fernsehsender, Onlinemagazine oder Radiostationen, haben ja auch die Pflicht, uns als Leser, Zuschauer, Hörer und Internetnutzer zu informieren. Und zwar bis zur absoluten Schmerzgrenze. Das Schlimmste, was wir im Grunde alle wissen, ist: Die Dinge, die wir so im „Vorbeigehen“ erfahren, sind nur die Spitze eines riesigen Eisbergs an Problemen, sich nun rächenden „Sünden der Vorväter“ und Konfliktherde. In ihrer Weltkatastrophenberichterstattung gleichen die öffentlich-rechtlichen Sender dabei übrigens noch einem Streichelzoo. Wer sich die unzensierte „informative Horrorshow“ geben will, ist mit manchem Privatsender besser beraten.

Eine ständige Negativbeschallung

Man kann also, wenn es um die zahllosen Übertragungen von aktuellen Nachrichtenmeldungen in jeglicher Form spricht, wirklich nicht von „Good Vibrations“ reden – wohl eher von einem total miesen Karma. Die unterschwellige Nachricht hinter all diesen Horrormeldungen lautet nämlich ausnahmslos: Seht her, wozu ihr Monster auf zwei Beinen fähig seid! Ab in die Ecke und schämen! Allein die Tatsache, zur Gattung „Mensch“ zu gehören, scheint dabei auszureichen, um ein fieses Schuldgefühl per Funk- oder Bildwelle zu übertragen. Rein statistisch nach dem Anteil der „schlechten Nachrichten“ betrachtet, liegen wir im ersten Augenblick mit diesem Gefühl wahrscheinlich nicht einmal ganz falsch. Denn der Mensch kann, im Gegensatz zu vielen Tieren, wirklich zu ungeheuerlichen Dingen fähig sein und manchmal so boshaft oder unreflektiert in seinem Handeln, dass es einem vom Zuschauen schon wehtun muss.

water-464953_1280_Bonnbbx
Allein fühlt man sich oft machtlos – ist jede gute Tat nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Zum Scheitern verurteilt?

Um es kurz zu fassen: Informiert sein kann zu einem richtigen mentalen Terror werden. Nicht nur im aktuellen Sinne des Terrorismus, der weltweit die Gemüter in Panik versetzt, sondern einfach in seiner Wortbedeutung. Terror. Terreur- oder auf Deutsch übersetzt: Schrecken, Angst. „Terrorherrschaft“ hat übrigens in der Menschheitsgeschichte immer dann funktioniert, wenn es genügend skrupellose Machtmenschen an der Spitze und ausreichend verunsicherte, orientierungslose und vielleicht durch äußere Umstände verängstigte Massen an der Basis gab. Man betrachte nur einmal die Sklaverei, die Schreckensherrschaft nach der Französischen Revolution und den Holocaust als Beispiele. Mit einem ausgeglichenen Machtverhältnis und mehr echter Demokratie wäre das wahrscheinlich nicht passiert. Das Schlimme ist: Geht man nach dem, was man sieht und hört, hat die Menschheit nichts dazu gelernt – also, rein gar nichts. Sind wir also alle nur „hoffnungslose Fälle“? Gibt es vielleicht gar keine „guten Menschen“, die nicht einfach nur offiziell auf „Gutmensch“ tun und im Grunde doch nur an sich selbst denken?

Haifischbecken soziale Netzwerke

Manchmal sieht die Welt "da draußen" schon ziemlich düster aus!
Manchmal sieht die Welt „da draußen“ schon ziemlich düster aus!

Hier ist ein guter Zeitpunkt, um an den Ausgangsgedanken dieses Beitrags anzuknüpfen – denn gerade in Zeiten des „Klickaktivismus“ tummelt sich so ziemlich alles an „besorgten Bürgern“, „Facebookphilosophen“ und selbsternannten Gutmenschen jeder Couleur (die dann doch zum Teil recht inaktiv werden, wenn es wirklich um Handlungen statt um Worte geht). In der ewigen Netzdemokratie, wo jeder jederzeit seine Stimme abgeben kann, treffen so die unterschiedlichsten Mentalitäten und Typen aufeinander, vertreten ihre Interessen, reiben sich aneinander und kriegen sich in die Haare. Im besten Fall tauchen wir digitalen Sinnsucher mit einer erweiterten Denkperspektive aus diesem Informationsmeer wieder auf, oder aber wir verbeißen uns an unserer eigenen Ideologie vom „besten Leben“, lassen keine anderen Meinungen oder Kompromisse zu und zerfleischen uns virtuell im multimedialen Haifischbecken. Das Entscheidendste – in Bezug auf den Nachrichtenfluss im Internet – ist jedoch die Frequenz der Informationen. Sprich: Alles verbreitet sich wie das sprichwörtliche Lauffeuer, vor allem die schlechten Nachrichten. Nicht umsonst nutzen zum Beispiel rechtsgerichtete Gruppen Facebook & Co als virtuelle Propagandamaschine; es war nie so bequem und einfach, Angstmeldungen zu verbreiten und sowieso schon verunsicherte Menschen zu „besorgten Bürgern“ zu machen. Das Netzwerk als Panikmaschine? Scheint bis zu einem gewissen Grad zu funktionieren – auch, weil die meisten von uns eben doch „Herdentiere“ sind und denken: „Was viele bestätigen, kann nicht falsch sein!“. Kann es eben doch – wie alle weiter oben genannten Beispiele belegen. Doch das steht auf einem anderen Blatt.

Alles aussichtslos? Nicht, wenn sich jeder ein wenig bemüht!
Alles aussichtslos? Nicht, wenn sich jeder ein wenig bemüht!

Nur eine Seite der Medaille

Doch das, was wir in den Medien sehen, kann nicht die ganze Wahrheit sein. Um genau zu sein, zeigt es nur eine Seite der Medaille. Nur selten sehen wir Bilder von Menschen, die aktiv etwas verändern; von einem lachenden Kind, dem Forscher im Labor für erneuerbare Energien und dem freiwilligen Helfer im Krisengebiet. Und wenn doch, neigen wir dazu, diese „Bilder der Hoffnung“ zu verdrängen, weil wir zu sehr an das Leitmotto „Bad news is good news“ gewöhnt sind. Niemand wird als Einzelner für sich die Welt verändern, das wäre utopisch. Und es wäre auch naiv, so zu tun, als gäbe es diese ganzen Krisen und Katastrophen gar nicht. Doch wie das Kaninchen vor der Schlange zu zittern, bringt auf Dauer auch keine Lösung für all das, was uns (mehr oder minder entscheidendes) Problem präsentiert wird. Für mich selbst habe ich inzwischen einen realistischen Ansatzpunkt gefunden, um das „Gute“ im Menschen wieder zu finden. Ganz nach einem alten Pfadfindermotto halte ich mich an das Prinzip: Tue jeden Tag mindestens einmal etwas nur für andere, ohne an deinen Vorteil zu denken. Es mögen kleine Schritte sein – aber wenn sie jeder geht, können auch die eine Menge bewirken. Um zurück zu den Medien zu kommen: Hätte ich als Medienschaffende und auch Konsumentin einen Wunsch für die generelle Berichterstattung frei, wäre dieser: Zeigt nicht nur Probleme, sondern vor allem Lösungen!

Cats Gedankenwelt: Alltägliche Störgeräusche

Wenn Geräusche uns den letzten Nerv rauben ...
Wenn Geräusche uns den letzten Nerv rauben …

Unsere Ohren sind 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche im Dauereinsatz. Während wir zum Schlafen unsere Augen schließen können, können wir die Ohren (leider) nicht einfach stumm schalten oder zuklappen. Dabei bekommt unser Hörorgan einiges mit – von Geräuschen, die angenehme Gefühle auslösen, bis hin zu absoluten Nervenkillern. Ein Alphabet der nervigsten Geräusche, gesammelt in meinem Facebook-Netzwerk.

Atem im Nacken – Ob im überfüllten Bus oder auf einer Großveranstaltung, ein bisschen Respektabstand muss sein. Zumindest so viel, dass man nicht jeden Atemzug seines Hintermanns hört.

Baulärm – Klar, Bauarbeiten müssen sein. Trotzdem gehört Baulärm, vor allem auf lange Dauer gesehen, zu den nervigsten Geräuschen. Vor allem, wenn man schlafen oder konzentriert arbeiten will.

Chipstüten und Co – Da gibt es dieses leicht knirschende Geräusch, das entsteht, wenn eine Chipstüte oder andere Aluverpackung mit zu viel Schwung aufgerissen und allzu energisch darin herumgewühlt wird. Kurzfristig erträglich, auf die Dauer Kopfschmerzalarm.

Durchdringendes Piepen – So wie bei meiner Waschmaschine, die solange piept, bis ich aufstehe und sie ausstelle. Oder bei McDonalds, wenn die Pommes und Burger fertig sind.

"Ich will ja nicht meckern, aber ... Geht das auch etwas leiser?"
„Ich will ja nicht meckern, aber … Geht das auch etwas leiser?“

Endlostelefonate in Hörweite – Das passiert mir vor allem auf meinen allwöchentlichen Bahnreisen. Danke, mich interessiert nicht, warum euer Prof euch nur eine 2,3 statt einer 1,7 gegeben hat und was genau die blonde, überschminkte Tussi auf der leizten Party verbockt hat. Übrigens, der Windelinhalt eurer Babys und euer Milchfluss sind mir auch herzlich egal. Also seid doch so gut und erspart wildfremden Mitreisenden die Details.

Fingernägel auf Tafel oder metallischen Flächen – Da muss nicht mehr zu gesagt werden, oder?

Gabeln, die über Teller kratzen – Essgeräusche sind eine Sache für sich und über vieles lässt sich streiten. Gabeln und Messer, die aggressiv über Teller kratzen, sind allerdings echte Strapazen für die Ohren anderer „Mitesser“,

P1020041
Gemeinsam essen ist etwas Tolles – solange der Geräuschpegel erträglich bleibt!

Handydisco – Ebenso ein typisches Zugphänomen: zumeist jüngere Mitfahrer, die irgendwelche aggressiven Rapperreime oder Technobeats in voller Dröhnung über das Handy laufen lassen, um die Kumpels mit zu unterhalten. Während Musikgeschmack, oder was jeder so nennen möchte, sicher etwas Individuelles ist, sind wir uns aber einig, dass Handysound ab einer bestimmten Lautstärke eher grottig und blechern klingt, oder?

Irreführende Navi-Anweisungen – Auch wenn die monotone Navigationsstimme im Normalfall eher beruhigend wirkt – gibt sie die falschen Informationen, verwirrt sie und fällt damit auch unter Ablenkungsmanöver.

Jingles – Manche Werbespots bleiben nur im Kopf, weil sie einfach so unendlich nervig sind. Meine aktuellen Spitzenreiter sind „Saitenbacher Müsli, Müsli von Saaaaitenbacher“ und „Hornbach- es gibt immer was zu tun! Ho, ho, ho, ho, ho!“. Ach ja, dicht gefolgt von „Media Markt – Hauptsache, ihr habt Spaß!“ Jingles entfalten ihr besonderers Nervpotenzial übrigens am effektivsten in Fernsehwerbepausen oder im Radio.

Brüllende Trotzkinder, Handy-Disco und betrunkene Mitfahrer: Vor allem Bahnfahrer brauchen starke Nerven
Brüllende Trotzkinder, Handy-Disco und betrunkene Mitfahrer: Vor allem Bahnfahrer brauchen starke Nerven

Knackende Gelenke und knirschende Zähne – Zugegeben, manchmal knirschen Zähne halt unbewusst oder es knackt mal im Knie. Fingerknacken als Freizeitbeschäftigung oder in Dauerschleife kann allerdings die Ohren jedes Gegenübers auch ganz gut strapazieren.

Lallen und Gröhlen – Man kennt es von jeder feuchtfröhlichen Party: Irgendwann sind die ersten Gäste so betrunken, dass sie kein gerades Wort mehr über die Lippen bekommen oder schief jeden bekloppten Liedtext mitbringen. Für sie selbst „voll normal“ – für jeden, der noch halbwegs ber Verstand ist, auf die Dauer aber ein Zeichen, dass diese Personen dringend eine kalte Dusche oder ein Bett gebrauchen könnten.

Mama, ich WILL aber!“ – Kinder schreien, weinen und kreischen manchmal, das ist normal. Strapaziös wird es für alle Beteiligten, inklusive der betroffenen Eltern jedoch, wenn kurzes Quengeln oder Geschrei in einen wahren Trotzanfall erster Güte ausartet. Nervig, aber kommt vor – wobei ich oft nicht weiß, ob es den Eltern selbst nicht noch viel mehr am Geduldsfaden reißt.

Nachtropfende Wasserhähne – Plopp, plopp, plopp … Wenn die Dusche oder der Wasserhahn in der Küche nur ein bisschen undicht sind und auch nach Zudrehen immer weitertropfen, kann das unter Umständen ganz schön auf die Ohren gehen.

Ohrwürmer – Manche Melodien und Rhythmen sind so eingängig, dass sie einfach im Gehörgang hängenbleiben

"Aber scheiß drauf, Malle ist nur enmal im Jaaaahr ...." Ohrwürmer sind eine echte Epidimie
„Aber scheiß drauf, Malle ist nur enmal im Jaaaahr ….“ Ohrwürmer sind eine echte Epidemie

und dort in Endlosschleife weiterlaufen. Und irgendwann wollen sie auch raus – gesummt, gepfiffen oder gesungen. Was sie so hinterhältig macht, ist ihre … „Einfachheit“ bis unendliche Flachheit. Und natürlich die Tatsache, dass man sich seines Ohrwurms manchmal nicht mehr bewusst ist und er anderen drumherum dafür tierisch auf die Nerven geht.

Ping“ und „Plopp“ – Oder auch: Messengertöne von WhatsApp, Skype, Facebook und Konsorten. Einzeln auftretend sind sie nicht weiter nervig, aber im „Rudel“ und auf Dauerfrequenz in öffentlichen Verkehrsmitteln eine echte Ohrenplage. Die „revolutionäre“ Erfindung des Kopfhörers scheint vielen scheinbar noch gänzlich unbekannt zu sein.

Quietschende Fahrräder und Autos – Wenn Metall auf Metall schabt und ein schrilles Quietschen hinterlässt, ist da eindeutig was nicht in Ordnung. Einmal bitte Bremsen checken, Ketten einfetten und den Keilriemen beim Auto kontrollieren!

Rauschen – Ob unklares Bild und undeutlicher Ton, oder die Störung im Lieblingsradiosender, Rauschen nervt. Schließlich sind klare Tatsachen immer besser als undeutliche Zwischentöne.

Das Rauschen eines Baches wirkt beruhigend - nachtropfende Wasserhähne nerven einfach nur
Das Rauschen eines Baches wirkt beruhigend – nachtropfende Wasserhähne nerven einfach nur

Summen von Mücken – Bssssssss … Bsssssss… Manchmal hat man einfach eines dieser kleinen, summenden Stechbiester im Schlafzimmer, die sich einfach nicht fangen lassen. Mal abgesehen von den juckenden Stellen, die sie hinterlassen.

Türenknallen – Warum zum Geier gibt es eigentlich Menschen, die nie gelernt haben, was der Zweck einer Türklinke ist? Manchen Nachbarn und anderen Zeitgenossen möchte man da ja gerne einen (Lärm-)Dämpfer verpassen – oder eine Sprungfeder in der Tür, nur für den pädagogischen Effekt natürlich.

Na - auch wieder vom nervigen Wecker geweckt worden?
Na – auch wieder vom nervigen Wecker geweckt worden?

Uhrenticken und Weckerklingeln – So manche Wanduhr kann einen mit lautem, monotonem Ticken schon ziemlich auf den Zeiger gehen. Gleiches gilt übrigens für Uhren „mit erweiterter Funktion“, unsere Wecker, die uns mit lautem Klingeln, Piepen oder Radiomusik aus dem Schlaf reißen. Dennoch, kein Grund, undankbar zu sein. So ein Wecker macht schließlich auch nur seinen Job.

Verkehrslärm – Es gibt einfach Menschen, denen man die Hupen aus dem Auto ausbauen sollte. Einfach wegen des inflationären Gebrauchs in eigentlich ungefährlichen Situationen. Warum manche Autofahrer grundsätzlich mit quietschenden Reifen anfahren müssen, habe ich übrigens bis heute nicht verstanden. Ist das so eine Art Imponiergehabe?

Weihnachtsmusik außerhalb der Adventszeit – Reicht es nicht, dass im September schon die Lebkuchen im Regal stehen und „Last Christmas“ spätestens zum ersten Advent in Dauerschleife durchs Radio dudelt? Selbst dann kann die Dauerschleife übrigens zur Ohrenfolter werden …

Merry Christmas? Ja bitte - aber nur zur Weihnachtszeit!
Merry Christmas? Ja bitte – aber nur zur Weihnachtszeit!

Xylophon & Co – „Übung macht den Meister“ gilt auch beim Erlernen eines Instruments. Dennoch – wenn der in einer Rockband spielende Nachbar stundenlang nonstop „auf die Pauke haut“ oder das Nachbarskind schon seit einer gefühlten Ewigkeit die immergleiche Passage auf der Posaune „spielt“, kann es einem schon mal in den Ohren klingeln.

Zahnarztgeräte – Niemand geht gerne zum Zahnarzt, um genau zu sein, ist der Zahnarzt für viele die Person, vor der sie im Leben am meisten Angst haben. Kein Wunder also, dass Geräusch von Bohrer, Schleifgerät und Luftsonden ebenso vielen kalte Schauer über den ganzen Körper jagt!

Ihr habt auch ein persönliches „Horrorgeräusch?“ Lasst es mich wissen – hier im Blog oder über Facebook oder Twitter!

Was (m)ein Kind braucht – ein Anfang

Für diesen kleine Sammlung von Prioritätn habe ich mit zahlreichen Vätern in meiner Praxis gesprochen. Neben vielen guten Anregungen gab es – für meine Begriffe – zu viele Männer, die abgeblockt haben. Mit der Begründung niemand habe sich in die Familienangelegenheiten einzumischen. Schade fand ich, dass es eine Bitte um Erfahrungen und Anregungen scheinbar als persönlcihen Angriff gewertet wurde. Mein alter Philosophielehrer pflegte in solchen Fällen zu sagen: Nachtigall, ick hör Dir trappsen.

trennlinie2baby-22194_640_PublicDomainPictures

Anwesenheit – physisch und mit allen Sinnen.  Ein Kind braucht Interaktion, da es aufs Lernen gepolt ist. Immer.  Lassen Sie auch nicht zu, dass Ihr Kind nur noch durch Schule lernt; bringen Sie täglich spielerische Aspekte mit ein. Wissen Sie noch, was Ihnen als Kind Spaß gemacht hat?  Woran Sie gern gebastelt haben, woraus Sie gern rumgebolzt sind. Bieten Sie dies doch ihrem Kind an und machen mit. Entdecken Sie wieder das Kind im Manne und zwar mit Ihrem Zögling. Und damit ist nun wirklich nicht das Herumbrettern mit dem Motorrad gemeint.

Beschützen – nach außen, nach innen. Schutz zeigt man, lebt man vor; darüber sprechen muss man nur bedingt. Es ist ja selbst für Erwachsene kaum greifbar, was damit konkret gemeint ist.

Ansprechbar sein – mein Kind ist wichtiger als die Zeitung, das tablet oder mein Hobby. Wie wäre es, sein Kind mit einzubinden? Selbstverständlich sollte jeder, egal ob Vater oder Mutter, Freiraum für sich haben und diesen auch nutzen. Denn nur wenn es den Eltern gut geht, haben diese die Energie, es ihren Kindern gut gehen zu lassen. Nur sollte halt das Kind nicht darunter leiden.

Respekt – auch wenn es in Ihren Mannesaugen um ein unreifes Kind geht. Denken Sie daran, es gibt immer alles was es kann. Ganz davon abgesehen, dass Sie sich als Kind selbst schlecht gefühlt haben, wenn Sie nicht ernst genommen wurden mit Ihren Bedürfnissen.

Vorbild sein – Kinder lernen in dem sie abschauen und nachahmen. Es kann also durchaus sinnvoll sein, die eigenen Angewohnheiten zu überprüfen.

Finanziell Verantwortung übernehmen.

Verlässlichkeit – Kinder lernen sehr schnell, wenn Eltern und insbesondere Väter unter „Zeitmangel“ ihre Versprechungen nicht halten. Und wie können Sie von Ihrem Kind erwarten, dass es später anders mit Ihnen umspringt.  Ein gewichtiger Punkt ist dabei sicherlich, auch wenn es am Himmel eher dunkle Wolken hat, seinem Kinde deutlich zu zeigen, dass Sie trennen: zwischen dem Ärgernis und Ihrer bedingungslosen Liebe. Da braucht es keine großen Worte, sondern körperliche Nähe.

Das Kind wirklich annehmen – was bedeutet, die obigen Verhaltensweisen umzusetzen. Ein Kind, insbesondere das eigene sollte niemals als Störfaktor empfunden werden. Der Fehler liegt dann grundsätzlich beim Erwachsenen.  Denn es ist dessen Aufgabe klar zu kommunizieren, Strukturen zu leben und allumfassende Liebe zu geben.

Cats Gedankenwelt: Generation P(lanbar?) – Von Ordnung und Chaos

20150927_150654
Das Chaos kann Überraschendes hervorbringen

Für viele von uns ist das Leben lange ein fester, einfach zusammensetzbarer Baukasten gewesen. Man kann alle Teile so arrangieren, dass sie ein perfekt harmonisches Bild ergeben. Zumindest theoretisch, denn die Zahl der unbekannten Faktoren häuft sich gefühlt mit jedem Tag, an dem wir Wichtiges vorhaben und an dem uns dann etwas noch Wichtigeres dazwischen kommt. Von der Angst vor dem Unbekannten – und wie es sich damit leben lässt.

Seit die ersten Urmenschen den Kopf aus ihrer Höhle gestreckt haben, sind wir Menschen in einem ständigen inneren Konflikt – Routine im Wettstreit gegen Aufregung, Freiheit gegen Sicherheit. Wie wir also auf plötzliche Veränderungen reagieren, hängt weitgehend von unserer Prägung und unseren (ersten) Lebenserfahrungen ab. Während Nomadenvölker immer buchstäblich „das Weite suchen“ und dabei ihre eigenen Traditionen pflegen, sind wir „sesshaften“ Europäer und oftmals Bewohner von Industrienationen ein Maß von Vorhersehbarkeit und Stabilität in unserem Leben gewöhnt, dass örtliche oder persönliche Veränderungen eher Unbehagen als Spannung und Freude auslösen können. Nun ja, zumindest die Sorte „Sesshafter“, zu der ich gehöre, denn sicherheitsbewusster geht eigentlich kaum noch. Ich würde nie ohne Fahrradhelm eine längere Strecke auf dem Rad zurücklegen und der Gedanke daran, dass Jobs eben heute oftmals nicht mehr für lange Dauer vorgesehen sind, bereitet mir im wahrsten Sinn des Wortes Bauchschmerzen. Kurz: Ich möchte ein Leben, auf das ich mich verlassen kann – und das wollen viele.

Manchmal kommt es anders …

Das Leben ist eine Baustelle, das kann ganz schön ermüdend sein!
Das Leben ist eine Baustelle, das kann ganz schön ermüdend sein!

Manchmal kommt es aber doch anders, als man denkt. „Leben ist das, was geschieht, während wir Pläne schmieden“ – sollte an diesem alten Ammenmärchen doch etwas dran sein? Es scheint sie doch zu geben, diese verrückten Zufälle, bei denen man sich nicht sicher ist, ob man das gerade nur geträumt hat. Wir haben da vor unserer Hochzeit einiges erlebt; beispielsweise, dass das Lokal, in dem wir gefeiert haben, vor einigen Generationen im Besitz der Familie meines Mannes war und dass ich ausgerechnet in der Kleinstadt einen Job gefunden habe, wo seine Oma erst kurz davor ihr Haus verkauft hatte. Es gab da übrigens so einiges, was bisher in meinem Leben nicht „nach Plan“ gelaufen ist, von einem furchtbaren Praktikum in einem Unternehmen mit haarsträubender Kommunikationskultur („Kein Gespräch ohne schriftliche Anmeldung! Keine Gespräche auf dem Flur!“) über den Einstieg in die PR-Sparte statt ins Buchlektorat bis hin zu einem allergisch nachwirkenden Wespenstich auf meiner eigenen Hochzeit (und einer Zahnwurzelbehandlung zwei Tage zuvor). Während ich Ersteres unter „absurdes Theater der Medienbranche“ verbuchen kann und Zweiteres eine wertvolle Berufserfahrung in einem neuen, spannenden Aufgabenfeld darstellt, ist das Dritte wohl der beste Beweis dafür, dass Bräute manchmal wohl auch aus ungewöhnlichen Gründen Nerven wie Drahtseile brauchen. Ich habe auch schon von vielen Leuten erfahren, aus welch abstrusen Gründen sie einen Job bekommen oder verloren haben, von Verhütungspannen jeder Art und anderen Zufällen, die es nach Gesetzen der „universellen Planbarkeit“ unseres durchrationalisierten Lebens gar nicht geben dürfte.

Der X-Faktor und wir

Aus der Ferne betrachtet, lieben viele ansonsten sehr „bodenständige“ Menschen das Unbekannte, sie betrachten es fasziniert wie eine exotische Landschaft auf einem Gemälde. Oder wie ein gefährliches, aber elegantes Raubtier im Zoo. Das Unbekannte, oder auch, der X-Faktor in der „Lebensgleichung“, weckt Neugierde und Sehnsucht, wenn wir ihn aus sicherer Entfernung betrachten, und eine nicht gekannte Form der Angst, wenn entfernte Ahnungen auf einmal zur neuen Realität werden, die uns wie ein Nackenschlag trifft. Nicht umsonst gibt es das „Kalte-Füße-Syndrom“, das Eheleute kurz vor der Hochzeit treffen kann, dieses unsägliche Lampenfieber vor einer wichtigen Präsentation und die absolute Überforderung, die Frauen und Paare empfinden, wenn ein einzelner Teststreifen unerwartet ein neues Leben ankündigt. Ebenso entsteht „urplötzlich“ Angst, loszulassen, wenn eine lang erwartete Trennung ansteht und Reiseangst, wenn es endlich mit dem heiß ersehnten Auslandsaufenthalt geklappt hat. Der Grund ist jedesmal schlicht der Einbruch neuer Ereignisse in alte Muster, und nicht jeder und jede kann – je nach Prägung – damit gleich gut umgehen.

Schaffe ich das?“

Auf den ersten Blick kann es düster aussehen ...
Auf den ersten Blick kann es düster aussehen …

Zweifeln ist übrigens ganz normal, es gehört zu den grundlegenden Fähigkeiten, um Dinge zu hinterfragen, die uns schon immer komisch vorkamen. Der Grundgedanke vor einem Berg neuer Ereignisse wird daher unter Umständen zu: „Ich schaffe das nicht.“ Oder aber zu der Frage: „Schaffe ich das?“ Das ist übrigens eine Frage, die ich mir anfangs im Job auch oft gestellt habe, in Anbetracht eines ziemlichen Haufens an Arbeit. Starke (Selbst-)Zweifel können wirklich deprimierend sein. Ich saß schon minuten- bis stundenlang vor Aufgaben, die mir unlösbar erschienen, und mir fiel partout kein Anfang für einen Artikel ein. Wie eine Blockade im Kopf, das berühmte böste Stimmchen, das einen anzischt: „Ach komm, das kriegst du nie hin.“ Ich erinnere mich zu gut an die Matheklausuren in der Schule, wo ich zum Teil vor lauter „Brett vorm Kopf“ keinen klaren Gedanken fassen konnte und am liebsten meinen Tisch kurz und klein geschlagen hätte vor Wut, dass einfach nichts bei diesen Prüfungen so klappte wie geplant. Was kann also helfen, mit Veränderungen umzugehen? Manchen hilft es, sich bewusst zu machen, was genau ihnen an ihrem speziellen „X-Faktor“ so befremdlich und bedrohlich erscheint.

Fast jede X-Gleichung ist lösbar

P1030613
Die Tiere als Vorbild: einfach mal alle Viere von sich strecken!

Weiß man, woher die Angst stammt (und das ist ein schwieriger und manchmal schmerzhafter Prozess), kann man vieles klarer sehen. Ist der „innere Übeltäter“ entlarvt, kann man sich konkret fragen, welche Handlungen und Entscheidungen aus einer schwierigen Situation wieder herausführen. Dazu braucht es nur eine Umwandlung der eigentlichen Frage: „Schaffe ich das?“. Nun kann sie lauten: „Wie kann ich das schaffen?“ Denn eine offene Frage kann kein einfaches „ja“ oder „nein“ zur Antwort haben, sondern erfordert eine durchdachtere Lösung. Ob wir diese Lösungen eher durch Reden, Rückzug oder beides finden, liegt letztendlich in unserer eigenen Hand. Zum Schluss sollte gesagt werden: Auch, wenn wir sie manchmal nicht mögen – Veränderungen sind unvermeidlich und viele Ereignisse sind wahre „Überraschungsangriffe“. Sie sind nicht das Ende, und oft sogar ein neuer Anfang. Aus dem gleichen Baukasten lassen sich eben unterschiedliche Türme bauen, wenn es sein muss. Letztlich sind – wie im herrlichen Chaos, das sich Leben nennt – natürlich alle Angaben und Ratschläge ohne Gewähr.

Die gute alte Flaschenpost – Geschenk an einen Unbekannten

Als ich neulich an der Elbe stand, kam mir folgende Idee: wie wäre es, eine Flasche mit Besinnlichem oder einem Rätsel zu bestücken und in den Fluss zu werfen. Der Clou: der Finder kann sich, dank der Angabe eines Onlineprofils meinerseits, sich über mich informieren….ich erstelle eigens eine kleine Seite/Unterseite für den Finder auf meiner Website/auf meinem Blog und spinne dort den Faden weiter. So verbinde ich etwas fast Vergessenes mit Neuem. Vielleicht eine interessante Art, einen Menschen kennen zu lernen.

 

Das benötigte Material

eine Flasche mit einen passenden Korken
Bindfaden
ein kleiner Stoffrest zum Beschreiben oder
wenn sichergestellt ist, dass der Korken dichthält, dickeres Papier.
Tusche/stoffbeschreibender Stift

 

trennlinie2„Guter Stoff“ zum Lesen

Bevor die Flasche verkorkt wird, gilt es zu überlegen, was der Finder entdecken soll.
Wie wäre es mit einem Rezept, einem Gedicht, Deinen Antworten zum FAZ-Fragebogen, eine Buch- oder Musikempfehlung, einen Gutschein, eine andersartige Schatzkarte, ein Foto, … . Die Flasche sollte jedenfalls schwimmbar bleiben. Albern? Na und?! Muss man ja vorerst nicht erzählen.

message-in-a-bottle-413680_1280

Blanker Hass – Gedanken zur Reichspogromnacht

fire-253614_1280_eu1Vor 77 Jahren, überall in Deutschland.
Panik, Schreie, flüchtende Menschen,
Männer, Frauen, Kinder, getrieben von Feuer.
Rauchschwaden, Soldaten und dieser Hass.

Burning_synagogue_on_KristallnachtDieser brennende Hass, der das Feuer am Laufen hält;
der es immer wieder anfacht, wenn es sich beruhigen will.
Menschen, die Steine in Fenster werfen und „Judenschweine“ brüllen.
Menschen, die getrieben sind von einer unbestimmten Wut.

Wutbürger, Hassbürger, Bestien mit verzerrter Fratze.
Sie sammeln sich zu einer wild gewordenen Horde,
Einem Mob, der nur eines kennt: grenzenlose Zerstörung,
Die große Opfer fordert und ein Schlachtfeld hinterlässt.

1931-08-21-synagoge-eberswalde„Nieder mit ihnen! Nieder mit ihnen!“, brüllen sie im Chor.
Sie brauchen ein Opfer für alles, was sie umtreibt,
Einen Schuldigen für das Unglück der Welt,
Das ihrer Stadt, das ihrer Nation, das ihres Lebens.

Flammen lodern, Rauchschwaden steigen auf
In einer schmutzigen Spur aus Blut und Asche.
Gestank zieht sich über das Land, eine Spur von Krieg,
Mit ihm ziehen die Schreie der Opfer von dannen.

P1050089Die Schreie verstummen, werden zu Schatten.
Schatten der Vergangenheit, die nicht gehen wollen.
Die, die uns ermahnen, erinnern und nicht loslassen,
Die in Mahnmalen in ewigen Stein einfließen.

Brennende Häuser, flüchtende Menschen,
Schreie, Blut, Vernichtung und Tod.
Wann haben wir das noch zuletzt gesehen?
Wir sehen es, jeden Tag, überall.

Irgendwo im Land brennen wieder die Feuer.
Ghettos entstehen, der Hass wird laut.
„Nieder mit ihnen!“ schreien die Stimmen,
Schrill und verzerrt, ohne Sinn und Verstand.

P1050029Zitternde Menschen, verfroren in Zelten,
Entwurzelt, gefürchtet, verraten, getäuscht.
Es liegt nun an jedem, es besser zu machen
Als die Blindwütigen aus vergangenen Zeiten.

Es liegt nun an uns, diese Brände zu löschen,
Die Verfolgte fürchten und Wahnhafte legen.
Es ist Zeit, dass wir endlich das Richtige tun
Damit alte Fehler nicht wieder passieren.

Katherina Ibeling

Ferdinand Kürnberger – Wie ein prosaischer Mann ein poetisches Bräutchen gewinnt – Novelle 1858

Wie ein prosaischer Mann ein poetisches Bräutchen gewinnt

Das war eine einfache, aber durch Ort und Umstände merkwürdige Reflexion, die in einem Zwischenakte der »Gezähmten Widerspenstigen« aus einer Parterreloge heraus mein Ohr traf. Eine sonore Männerstimme intonierte mit einem schönen, pathetischen Baß die Worte:

John William Waterhouse - Ulysses and the Sirens
John William Waterhouse – Ulysses und die Sirenen – 1891 – National Gallery of Victoria, Melbourne

trennlinie2»Käthchen und Petrucchio werden immer dankbare Rollen bleiben, im übrigen gehört das Stück veralteten Sitten an. ›Der Widerspenstigen Zähmung‹ müßte heute ein psychologisches Problem sein; nur in naiveren Zeiten durfte selbst Meister Shakespeare wie ein Menageriewärter es anfassen und die Widerspenstige durch Hunger zähmen.« Worauf ein bildschönes Kind an seiner Seite, indem es mit feingantierter Hand die von einer kostbaren Perlenschnur durchblitzten Locken aus dem Gesichte strich, ernst und bescheiden die Bemerkung zum besten gab:
»Der Hunger tut aber auch wirklich weh!«

Ich hätte bald laut aufgelacht. Ei, du naseweises Frettchen, was weißt du von Hunger in deiner Theaterloge und deinem Perlenkranze? Hast dein reizendes Naschen etwas früh in die sentimentalen Poesien der »sozialen Not« gesteckt! Armes Fortschrittsfräulein! Die Mama durfte noch mit Geibel und Lenau schwärmen, das Töchterchen liest schon Freiligrath und Barbier und ist mit den »hohläugigen Gespenstern« der modernsten Hungerlyrik vertraut. Seltsame Mädchenpoesie!

Ferdinand Kürnberger (* 3. Juli 1821 in Wien; † 14. Oktober 1879 in München) war ein österreichischer Schriftsteller.
Ferdinand Kürnberger (* 3. Juli 1821 in Wien; † 14. Oktober 1879 in München) war ein österreichischer Schriftsteller.

Auf einmal dachte ich an jenen ehrenwerten, aber noch immer etwas fremdartigen Teil unserer Mitbürger, welchen der größte Überfluß aller Theaterlogen und Perlenschnüre nicht vor dem Hunger schützt, nämlich vor dem gottesfürchtigen Hunger des Jom Kipur. Einer, aber ein Löwe. Ein Fasttag im Jahre, aber ein scharfer! Schade, daß ich das reizende Näschen nicht auf die Ahnen- und Wappenprobe jenes gewissen orientalischen Schnittes angesehen. Es war schon zu spät, es war schon im Nachhausegehen, als zwei Herren hinter mir in den kühnsten Modulationen ihres Jargons ein Duett über ein Wollgeschäft sangen und meine Phantasie plötzlich die Lichtspuren des Morgenlandes wandelte.

Übrigens wären es doch falsche Spuren gewesen. Auf die rechte Spur führte mich erst der Zufall, der an jenen Augenblick wieder anknüpfte und ihn abschloß mit jenem kleinen Geschichtchen, womit ich selbst schließen will.

Ich wurde in der Stadt, die ich am Theaterabend der »Widerspenstigen« als Fremder betreten, bald genug heimisch – ich darf nicht sagen, dank meinem geringen Namen oder meiner vielen Empfehlungsbriefe. Mit den letzteren ging es wie immer. Hochtönend vielversprechende Adressen blieben unfruchtbar und zergingen in nichts; bescheidene, fast nur als Lückenbüßer mitgenommene, wurden Stützpunkte und gastliche Heimstätten.

So war die Frau Rat, die Gattin eines Kaufmannes, dem sich der Titel Kommerzienrat zugesellt, nur eine schlichte, arbeitsame Bürgersfrau, aber sie beseelte ein Haus, worin es jedem traulich und wohl wurde. Alles Schöne und Gute war da, aber so anspruchslos, daß man es Zug für Zug erst entdeckte, was die Freude daran nur vermehrte. Es war der einzige, aber der liebenswürdigste Mangel dieser Frau, der Mangel an Logik, daß sie bei ihren Büchern ihr Hauswesen und bei ihren Hausgeschäften ihre Bildung zu versäumen fürchtete: in Wahrheit pflügte sie dieses wie jenes Feld und auf beiden ging’s vorwärts. Sie konnte oft mit ernsthaftem Eifer fragen: »Sagen Sie, was ist jetzt das Beste unter den literarischen Neuigkeiten? Man wird ganz dumm bei den ewigen Küchen- und Wäschezetteln.« Aber das »beste Neue« mußte schon selten sein, denn gewöhnlich kannte sie es bereits, ohne es selbst zu wissen. Sie glaubte nämlich, es müsse viel mehr sein; sie stellte sich mit echt weiblichem Horizont das, was die Männer leisten, eigentlich als ein unbegrenztes Reich vor und war oft erstaunt (ich dann beschämt), daß sich unsere geistigen Männertaten, welche wirklich zählten, so leicht an den Fingern abzählen ließen. Sie begleitete uns daher fast mühelos auf unseren Bücherwegen und erfüllte noch ihren eigenen großartigen Pflichtenkreis mit unverwüstlicher Spannkraft und ewig gutem Humor. Ihr Haus war versorgt, ihre Familie blühte, sie erzog Söhne und Töchter, Freunde und Freundinnen der Söhne und Töchter, sie strahlte Mütterlichkeit aus, so weit sie reichte, oder auch, es flog ihr zu, was von ihrem tätigen Menschensinn mit reiner Empfänglichkeit angezogen wurde. An ihrem Vesperkaffeetisch zum Beispiel fand ich regelmäßig ein oder das andere fremde Mäulchen: bald einen schüchternen Jungen, bald ein quecksilbernes Backfischchen, kurz, Kinder, welche »das Kind im Hause« waren, wie ich selbst »der Onkel« geworden. Und halb Kuchen, halb Klassiker im Munde (sehr frei nach Goethe), war es für Mutter und Onkel immer ein dankbares, oft interessantes Publikum.

So saß ich eines Tages am Kaffeetisch der Frau Rat, da kam ein junges, aufgeschossenes, aber sehr schönes Mädchen herein, das die Haustöchter sogleich mit den Worten anfielen:

»Das Gedicht! das Gedicht! Was hast du ihr Schönes und Spitziges ausstudiert?«

»Nichts.«

»Flausen! Keine Ziererei! Her mit dem Stammbuchvers! Wir sind neugierig. Was hast du geschrieben?«

»Auf Ehre, nichts.«

Die Töchter stoben wie Sturmvögel auf, aber das fremde Mädchen lächelte in den Sturm und hielt ihn mit heiterer Gelassenheit aus. Als sie wieder zum Worte kam, sagte sie:

»Im Ernste, Kinder, bedenkt doch, die Paula hat eine kleine Anlage zur Koketterie und ihr ganzes Stammbuch wimmelt von Versen, die darauf spekuliert und die ihr geschmeichelt haben. Was soll man da schreiben! Eine leichte satirische Anspielung, aber ohne zu verletzen, und mit Liebe und Freundschaft. Ihr habt es richtig genannt: Schönes und Spitziges. Nun, zum Schönen hätte ich vielleicht ein kleines, fades Talent, aber zum Spitzigen nicht die nötige Autorität. Seht ihr, daran scheiterte ich. Nach langem Hin- und Hersinnen gab ich’s auf und deckte mich hinter eine klassische Autorität. Ich tat zuletzt nichts, als daß ich ihr aus einem Trauerspiel des Seneca den trockenen Moralspruch abschrieb:

Wer wahre Liebe sucht Und wahres Lob, der strebe mehr Nach Huldigung der Herzen als der Zungen.«

»Bravo, bravo!« riefen die Töchter und selbst die Frau Rat sagte beifällig:

»Das hast du gut gemacht, Meta. Es klingt mild, fast galant und sie versteht es doch.«

Dieser Auftritt gefiel mir und animierte mich, daß ich, ohne noch vorgestellt zu sein, mich drein mischte. Ich sagte:

»Erlauben Sie mir, mein Fräulein, daß auch ich Bravo rufe.« Aber das berühmte weibliche Postskriptum schien mir hier am Platze. »Wie sollen junge Mädchen es wissen, ob das Herz huldigt oder die Zunge? Was ist der Unterschied, mein Fräulein?«

Sie sah mich groß an und antwortete mit bündigster Naivität:

»Natürlich, ein Heiratsantrag.«

Ein großes Gelächter erscholl, aber obgleich ich mitlachen mußte, sagte ich nicht ohne ernstliche Hochachtung:

»Mein Fräulein, Sie besitzen eine bewunderungswürdige Gabe, die Klassiker noch klassischer zu machen. Sie sind die beste Textausgabe unseres Seneca. Ich habe den trockenen Moralisten nie weniger trocken und mehr anmutig gesehen.«

Und ich fühlte mich gedrungen, ich gestehe es, über den Vesperklatsch dem interessanten fremden Mädchen eine respektvolle Aufmerksamkeit zu widmen. Dafür lachte mich dann die Frau Rat wieder aus. Frauen lieben es, wenn sie einen Mann in seinem Geschäfte des Idealisierens betreten, mit den derbsten Duschen der Realität ihm zu Hilfe zu kommen.

»Mein Fräulein, mein Fräulein,« spottete sie hochtrabend; »Sie haben mir heute gefallen! Aber wenn Sie ›mein Fräulein‹ erobern wollen, so brauchen Sie ihr nicht so hoffähig den Hof zu machen. Bringen Sie ihr künftig nur eine Mundsemmel mit.«

»Eine Mundsemmel? Wie verstehen Sie das, Gnädigste?«

»Das verstehe ich so, mein Herr. ›Mein Fräulein‹ feierte jüngst ihren fünfzehnten Geburtstag und klagte mir bei dieser Gelegenheit: ›Da haben sie mir heute alle möglichen Glückwünsche und Blumen und Goldschnitte gewidmet, aber ich seufzte in meinem Herzen: Ach, wenn ich es zu meinem fünfzehnten Geburtstag lieber erreichen könnte, daß ich zu Hause die zweite Semmel zum Kaffee bekomme. Eine Semmel wird mir wirklich schon zu wenig, liebe Frau Rat.«

»Das ist gelungen, Frau Rat,« antwortete ich lachend. »Aber gesiegt haben Sie doch nicht. Auch wenn Sie es noch so gut verstehen, ›das Erhabene zu schwärzen‹, Sie haben mir das poetische Kind durch seine Liebe zum Bäckerladen höchstens menschlicher, nicht unpoetischer gemacht.« Noch redete ich, da durchhuschte plötzlich ein Bild meine Erinnerung. Ich sah das schöne, schmalgesichtige Mädchen am Theaterabend der »Widerspenstigen«, ich hörte den Ton jenes aufrichtigen Seufzers: »Der Hunger tut aber auch wirklich weh.« Ich lachte nicht mehr. Ich wurde ernsthaft. Die Frau Rat bemerkte es und ich zauderte nicht, ihr den Grund davon zu erzählen. Ich sprach die Vermutung aus, daß ihre junge Hausfreundin Meta und jene Sprecherin in der Loge, deren Bild mir wieder aufdämmerte, wohl dieselbe Persönlichkeit sei. Die Frau Rat ließ sich die Loge, so gut ich konnte, beschreiben und bestätigte meine Vermutung. Es war die Loge eines berühmten Dichters. Er hatte sich in der Literatur jene schwer definierbare Stellung errungen, ein Schriftsteller zu sein, »der in den Händen aller Gebildeten ist«. Aller Gebildeten! Das ist eine Stärke und eine Schwäche. Darin lag der Glanz und – die Schwierigkeit seiner sozialen Position. Den Glanz mußte er repräsentieren – war er doch auch Ritter mehrerer Orden, hatte ihm doch auch sein Staat den Titel »Hofrat«, wenngleich sonst nichts, verliehen; kurz, er mußte ein Haus machen, einen Bedienten halten, Gäste bewirten, die seinem Ruhme den Hof machten, und das alles aus knappen Mitteln, aus Mitteln eines Dichters, dessen Werke mehr gelobt als gekauft, dessen Theaterstücke als »Ehrenpflicht« und »Ehrenschuld« aufgeführt werden; mit einem Worte eines Dichters, der »Kaviar fürs Volk« schreibt. Natürlich wurde die arme schöne Meta vom Kaviar nicht satt und wünschte die zweite Kaffeesemmel und seufzte: »Der Hunger tut aber auch wirklich weh!«

Meine ganze Teilnahme war rege.

»Hören Sie, beste Frau Rat,« sagte ich, »geben Sie ja acht, daß mir dieses Mädchen nicht sitzen bleibt. Bei ihrer Armut hat sie leider Aussicht dazu, und doch wäre das liebenswürdige, gebildet Kind des schönsten Loses wert. Da ist eine Frau wie Sie so recht in ihrem Amte als glückliche Ehestifterin. Versprechen Sie mir, in diesem Punkte sie zu bemuttern, und wenn ich einst wieder komme, lassen Sie mich etwas recht Gelungenes hören.«

Mit diesem Vermächtnis verließ ich die Stadt, die ich erst nach drei Jahren wieder betrat. Ich brauche mich nicht zu rühmen, daß ich des Dichters Töchterlein nicht vergessen hatte. Eine Sympathie, deren Gegenstand so interessant, ist wahrlich kein Verdienst.

Ein wenig im Sturme überfiel ich daher meine liebe Frau Rat mit der Frage:

»Nun, meine gnadenreiche Gnädigste, lassen Sie hören: haben Sie unsere schöne Meta verheiratet?«

»Das hat sie schon selbst getan,« war die Antwort.

»Um so besser. Und wer ist der Glückliche?«

»Ein starker Esser.«

»Aber hören Sie auf! Was sind das wieder für Humoresken?«

»Daß ihr Herren immer nur Idealisches hören wollt.«

»Ernsthaftes wenigstens. Sprechen Sie im Ernste, Frau Rat.«

»Aber wenn mein Geschichtchen ein bißchen spaßhaft wäre?«

»Nennen Sie das einen Spaß, meine schöne Seele so zu erschrecken?«

»Ja, sehen Sie, dafür bin ich eine nüchterne, prosaische Kaufmannsfrau. Romantik habe ich nicht. Die finden Sie in den Leihbibliotheken. Ich habe nur eine Geschichte: wie ein prosaischer Mann ein poetisches Bräutchen gewinnt.«

»Als starker Esser?«

»Ganz recht, durch Essen und Trinken. Durch guten Appetit beim Souper.«

»Was will ich machen? Ich bin Ihr frommer Knecht und ertrage Ihrer Launen Übermut wie der Balladen-Fridolin. Wenn nur meine Meta gut versorgt ist.«

»Das ist sie. Gott sei Dank, ja! Glänzend versorgt, glücklich verheiratet, und das alles, weil ein prosaischer Mann, anstatt ihr Bild zu verschlingen, das ganze Souper ihrer Familie verschlang.«

»Dabei bleiben Sie also! Ich bin neugierig.«

»Nur nicht zu sehr, wenn ich bitten darf. Meine Geschichte ist ungeheuer einfach und hausbacken. Urteilen Sie selbst:

Der Hofrat und sein Verleger hatten jahrelang aus der Ferne verkehrt und ihre Geschäfte durch Korrespondenz besorgt. Ein größeres Unternehmen – ich glaube, eine Gesamtausgabe – machte die Brieflast drückender, zumal da ein strenger Winter die zarte Gesundheit des Dichters molestierte. Der Verleger, der seinen Mann, wenn nicht gewinneshalber, doch als ›Perle seines Verlages‹ außerordentlich hochschätzte, machte ihm die Avance einer weiten Reise und fand sich am Wohnort des Dichters zu einer persönlichen Zusammenkunft ein. Er war angekündet, zwar auf den Tag, aber nicht auf die Stunde und überfiel den Hofrat im Reisepelz, als die Familie sich just zum Souper setzte. Natürlich wurde dem Gast ein Kuvert aufgelegt und ebenso natürlich nahm er es an – womit der Knoten unseres Dramas geschürzt ist.

Der Verleger ist ein steinreicher Mann; seine Person müssen Sie sich rundlich, rotwangig, echt muskulös, aber gar nicht historisch vorstellen; seine Laune heiter, jovialisch, voll Lebenslust und Genußfähigkeit. Kurz, ein Typus voll Glück und Gesundheit. Ihr Poeten in eurem Neide nennt das: ›ein kleiner Vierschröter‹, wenn ich nicht irre. Und dem kleinen Vierschröter gegenüber sitzt Ihr Ideal, die feine, schmalgesichtige Meta. Was würdet ihr Dichter aus einem solchen Kontraste herausschlagen! Ich denke mit Schadenfreude daran, denn die Wirklichkeit machte gar nichts Effektvolles daraus, sondern bloß – ein Menschenglück. Im übrigen ist die Prosa dieses Soupers so schrecklich wie jedes Gesellschaftskauen, ja, noch ein wenig schrecklicher.

Denn wie der Bediente nun die Vorlegschüssel mit dem zerlegten Huhn herumreicht und sie dem Gaste zuerst hinhält, schaut ihn dieser großmächtig an und sagt mit vernichtender Ruhe: ›Stellen Sie nur nieder, mein Lieber, Sie könnten lange stehen und warten, bis ich aufgegessen habe. Ich kann ja das Huhn nicht auf einmal verschlucken, sondern nur bissenweise; setzen Sie ab, mein Bester.‹ Mit diesen Worten faßt er den Präsentierteller, wippt alles auf seinen herüber und fährt gemütlich fort: ›Einen Wolfshunger bringe ich den Herrschaften mit. Die Mittagsrestauration in Hundeshausen wird immer polizeiwidriger; ich versparte mir meinen besten Appetit aufs Souper. Und mein Appetit ist ein Altmärker; bei uns zu Hause haben wir das Sprichwort: »Dem Manne eine Ente!« Ich brauche vier. Ich fürchte, ich esse das ganze Haus auf. Aber wir arrangieren uns schon. Sie haben einen »Charcutier« da drunten, einen gar guten Nachbar. Im Vorbeifahren sah ich einen beachtenswerten Rehrücken im Schaufenster; ›den bringen Sie uns herauf, mein Guter!‹ wandte er sich an den Bedienten. Und da dieser, mit der Weinflasche andächtig trippelnd, einzuschenken begann und sein wie ein Likörgläschen schmächtiges Weinglas tropfenweise füllte, fiel ihm der Buchhändler rasch in den Arm und vergröberte die zarte Arbeit, indem er die ganze Weinflasche mit kurzem Prozeß in sein Wasserglas stürzte. ›Heute muß ich tiefere Züge machen,‹ sagte er freundlich. ›Was so ein Schnellzug Rauchmassen in die Gurgel wirft, ist nicht auszusprechen; ich werde tüchtig zu waschen haben, um meinen inneren Menschen zu säubern. Bringen Sie mit dem Rehrücken gleich vier Flaschen Laffite mit; ein Charcutier wird ja auch Wein haben. Aber machen Sie schnell, Sie verdienen sich eine Rettungsmedaille.‹ Sprach’s und schob dem Bedienten einen Fünfundzwanzigtalerschein in die Hand und ihn selbst zur Tür hinaus.

Die gute Meta war aus den Wolken gefallen. Bewandert in den Literaturen, kannte sie wohl jenes finnländische Epos, worin die Helden einen gebratenen Ochsen verzehrten, der so groß ist, daß ein Eichkätzchen drei Tage lang an ihm hinanläuft, aber sie hätte sich nimmermehr träumen lassen, von dieser Bratenpoesie ein Stück Wirklichkeit zu schauen. Da saß er, der Riese aus der Altmark, die von Finnland gar nicht so himmelweit entfernt ist. Dem Manne eine Ente, sagen sie dort. Welch ein Land! Und das verschweigt Ritters Erdkunde! In diesem Zauberlande würde man wohl auch sagen: Der Frau ein Huhn. Ach, nur ein halbes, ein Viertel! Aber bei ihr zu Hause wird das Viertel in Achtel und noch das Achtel in Sechzehntel zerlegt, und wenn sie beim zweiten Herumreichen ein zweites Sechzehntel nimmt, riskiert sie schon einen Rügeblick der Mama oder gar die laute Zurechtweisung: »Aber, Meta, was werden die Gäste denken, wenn du alles allein ißt!« Und dort fliegen die Sechzehntel ungezählt in den Mund – großartig anzusehen!

Ihr Gesichtskreis erweitert sich. Jetzt weiß sie, was essen heißt. Es heißt weder naschen noch fasten. Das Schauspiel ist ihr neu. Und es sieht sich ganz angenehm an. Mitzuspielen wäre freilich am besten, aber auch das Zusehen ist schon ein Genuß. Schon die Tatsache ist beglückend, daß man überhaupt essen darf. Von dieser Seite war ihre Weltanschauung immer nur lückenhaft.

Und sage man nicht, daß es unästhetisch ist und das gebildete Auge beleidigt. Der Mann dort macht seine Sache gar nicht so rüde, wie das starke Essen gewöhnlich den Ruf hat. Er ist wie ein lachender Sommertag, wo alles einerntet – poetischer mag der ahnungsvolle Frühling oder der elegische Herbst sein; aber – Sommer ist Sommer! Und der Sommer ist kein Egoist; er lebt nicht nur selbst, sondern von ihm lebt eigentlich eine jede Jahreszeit. Und ganz so dieser rotwangige Sommermann. Denn als nun der Rehrücken und die Bordeauxflaschen kommen, da schneidet er das köstliche Fleisch in Scheiben, dicker als man an diesem Tische sonst das Butterbrot schnitt, lanciert rings in die Teller die mächtigen Stücke und bedankt sich dabei fortwährend: »Wirklich, das ist zu liebenswürdig; daß Sie mir Ihr warmes Souper opfern und mit meinem kalten vorlieb nehmen. Gott lohne es Ihnen, was Sie an einem armen Reisenden tun; Sie erweisen mir eine unschätzbare Wohltat. Mein Magen war kalt wie ein Eiskeller, aber mit dem warmen Hühnchen im Leibe fühl ich’s wie einen Rosengarten, ich schäme mich, daß ich das Opfer annehme. Nun, einmal im Jahre schadet’s den Kindern wohl nicht, auch kalt zu essen. Nur ein Gläschen Bordeaux rate ich darauf zu setzen, Bordeaux wärmt auch!‹ Und als man ihm in den Arm fällt: ›Um Gottes willen, nicht so viel Wein, Sie töten die Kinder!‹ da lacht er nur und sagt: ›Ja nicht, Herr Hofrat! Ihr Verleger bringt Ihre Kinder nicht um, weder Ihre Geisteskinder noch Ihre leiblichen. Ein kleiner Schwips kostet den Kopf nicht.‹ Und unwiderstehlich muß alles essen und trinken, köstlich, reichlich, im Superlativ; der Sommermann macht den glänzendsten Wirt und bedankt sich dabei wie der dankbarste Gast.

Wohlan, da haben Sie nun einen Eindruck auf ein poetisches Mädchenherz! Machen Sie daraus, was Sie wollen – ich mache eine Hochzeit daraus.

Das Herz nämlich hat der vortrefflichste aller Buchhändler freilich nicht gesehen; aber im Nachhausegehen und droben in seinem Hotelzimmer klingt es ihm mehr und mehr nach, wie ihn das junge Mädchen mit ihren Blicken beachtet. In ihren Blicken war ein Erstauntsein – und zwar kein spöttisches; nein, ein Erstauntsein mit Wohlgefallen. In dieser Verbindung aber heißt es Bewunderung. Er ist bewundert worden! Was war das?! Koketterie war es nicht – er ist ein längst geschulter Kenner – es war noch das unschuldigste Gegenteil davon. Wenn ein Backfischchen das enfant terrible passiert hat, das mit dem Munde herausplatzt, so kommt noch ein Jahr oder zwei, wo es mit den Augen herausplatzt. In dieses Stadium versetzt der gewiegte Mann die kleine Meta. Sie hat ihn mit aufrichtigen Blicken bewundert. Wie das zugeht, weiß er selbst nicht. Er zündet alle Lichter seines Armleuchters an, er beschaut sich im großen Ankleidespiegel, ob irgend etwas geheim Bewunderungswürdiges, was man zu Hause noch nicht entdeckt hat, an ihm sei; denn kein Prophet gilt ja im Vaterlande …. ›Ah, bah, Einbildung oder Château Lafitte! du bist ein Narr, leg‘ dich schlafen!‹

Aber in seine Träume lacht noch das Auge hinein, das ihn angesehen – mit lachendem Herzen! Und so wacht er auf. Die Träume sind fort, Château Lafitte ist fort, aber die Einbildung ist da. Wahrlich, es muß doch mehr als Einbildung sein. Du Zaubermädchen, du! Ob das keine Frau für einen großen Verleger wäre? Sie ist gebildet, hochgebildet, hat Literaturkenntnisse weit über ihre Jahre hinaus, obwohl sie nur wenig und mit größter Bescheidenheit gesprochen. Aber« – erinnerte mich die Frau Rat – »vor drei Jahren hat Ihnen der Stammbuch-Seneca ja selbst imponiert. Oft genügt ein einziges Wort. Ob das keine Frau für einen großen Verleger wäre? Da haben Sie die Pointe meiner Geschichte: Wie ein prosaischer Mann ein poetisches Bräutchen gewinnt! Der prosaische Mann nämlich ist noch an demselben Morgen beim Hofrat vorgefahren und hat mit einer Armensündermiene gestottert: »Herr Hofrat, sprechen wir heute noch nicht von unserem Geschäfte. Ich bin gekommen, um einen anderen Artikel von Ihnen zu verlangen. Ich muß leider fürchten, daß Sie damit höher hinaus wollen – und ich müßte Ihnen noch dazu recht geben – denn es wäre das Kostbarste, was ich aus diesem Hause mitnehmen könnte. Herr Hofrat, ick bitte um die Hand Ihrer Tochter Meta.«

Den bleichen, geistvollen Dichterkopf färbt plötzlich ein höheres Rot – der Mann wäre ihm schon recht – aber Meta! Sein poetisches Töchterlein erträumt sich gewiß einen Heldenliebhaber und der Buchhändler, alles in allem, ist doch nur ein recht gelungener, wohlkonditionierter Bonvivant. Welch eine Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit! Nicht minder verlegen stottert er den Bescheid: »Ihr Antrag ehrt mich, und wenn mein Kind von seiner großen Jugend schon so gut sich beraten findet, einen Mann wie Sie gebührend zu würdigen …«

Der Dichter der gewähltesten Worte weiß zum erstenmal nicht: hat er ein Kompliment oder eine Grobheit gesagt. Worauf der Verleger:

»Bitte, bitte. Versichern Sie mich wenigstens Ihrer väterlichen Unterstützung.«

»Von ganzem Herzen.«

Vorletzter Auftritt: Hofrat und Hofrätin – zwei lange Gesichter. Das Glück, das das Kind macht, ist enorm; aber das Kind! Das Kind ist in heller Romantik und eitel Poesie erzogen worden und nun schlägt einem doch das Gewissen. Hat man das Kind je gelehrt, daß das enorme Glück auch die Prosa sein kann?

Letzter Auftritt: Die vorigen, das Kind. Hofrat und Hofrätin stottern zusammen; kaum wagen sie, der jungen Direktrice einen Bonvivant als Heldenliebhaber zu offerieren. Aber die junge Direktrice stößt einen Freudenschrei aus, wirft sich in die Mutterarme und ruft: ›Mama, ich bin zu glücklich!‹ Die Eltern sehen sich an – staunend, lächelnd. Gott sei Dank! Aber wer hat das Kind so viel praktischen Sinn gelehrt?

Sie haben es nie erfahren. Nie hat ihnen Meta gesagt, wodurch ihr Mann sie erobert. Sie hat es diesem selbst nie gesagt. Nur mir sagte sie es. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber mir sagen die Leute alles.«

»Das kommt daher, Frau Rat, weil Sie selbst, offen und klar, ein Spiegel der Wahrheit sind, alles Menschliche anziehend und unzugänglich nur dem Monströsen.«

»Nun eine kleine Schmeichelei verdient mein Geschichtchen schon, aber ich schenke es Ihnen auch gratis. Ist es doch eine jener kleinen, unzähligen Lehren, wie Ideal und Wirklichkeit – sich in der Wirklichkeit verhalten, denn es gibt noch immer humorlose Selbstquäler, die das nicht wissen!


Maria Aronov – Ein Gespräch über Lyrik

Foto: Privat
Foto: Privat

Maria, Du schreibst Gedichte. Was machst Du außerdem?
Neben dem Schreiben unterrichte ich Deutsch als Fremdsprache. Das ist nicht nur mein Beruf, sondern auch mein Hobby.

Was bedeutet Dir Sprache? Warum ausgerechnet Lyrik?
Ohne Sprache könnte eine Zivilisation nicht existieren. Bereits in der Bibel wird erwähnt, dass am Anfang das Wort gewesen sei.  Die Sprache ist für mich der Anfang jeder einzelnen Wissenschaft, denn ohne sie könnten wir keine einzige Idee festhalten und verwirklichen.

Warum Lyrik?
Die Sprache ist ein Werkzeug, mit dem man seine Gefühle besser zur Geltung bringen kann und genau dasselbe tut auch die Musik. Die Lyrik ist für mich eine Verbindung zwischen Sprache und Musik und kann jede Laune,  Beobachtung und jeden Traum melodisch ausdrücken.

Was würdest Du einem Menschen, der bisher nichts mit Lyrik anfangen konnte, empfehlen damit er Lust bekommt sich das Dichtwerk zu erschließen?Weiterlesen

Simon Dach – Preis der Freundschaft

Carl Friedrich Kappstein [1869 - 1933] - Pelikan & Marabupaar

trennlinie2Der Mensch hat nichts so eigen,
So wohl steht ihm nichts an,
Als daß er Treu erzeigen
und Freundschaft halten kann;
Wann er mit seinesgleichen
Soll treten in ein Band,
Verspricht sich nicht zu weichen,
Mit Herzen, Mund und Hand.

Die Red‘ ist uns gegeben,
Damit wir nicht allein
Für uns nur sollen leben
Und fern von Leuten sein;
Wir sollen uns befragen
Und sehn auf guten Rat,
Das Leid einander klagen,
So uns betreten hat.Weiterlesen

Wörterbuch: B wie Bewegung [Hildegard von Bingen]

Von körperlicher Bewegung

Egon Schiele - Maennlicher Akt mit rotem Tuch
Egon Schiele – Maennlicher Akt mit rotem Tuch

Wenn ein körperlich gesunder Mann lange umhergeht oder aufrecht steht, schadet ihm das nicht viel, weil er sich körperlich bewegt, vorausgesetzt, dass er nicht zu viel geht oder steht. Wer aber schwach ist, muss sitzen, weil er davon Schaden nähme, wenn er ginge oder stände. Das Weib aber – denn es ist gebrechlicher als der Mann und hat einen andern Schädel – muss mehr sitzen als umhergehen, damit es keinen Schaden nimmt. Wer aber reitet, nimmt keinen grossen Schaden, wenn er auch davon müde wird, weil er sich in frischer Luft aufhält; aber er muss Füsse und Schenkel dadurch pflegen, dass er sie zuweilen bewegt und ausstreckt.

Cats Couch: Liebesgrüße aus der Ferne

Wer frisch verliebt oder in einer glücklichen Langzeitbeziehung ist, will eigentlich (fast) alles mit seinem Partner teilen und (er)leben. Dumm nur, dass es manchmal Situationen gibt, in denen Paare sich räumlich „trennen“ müssen, um im Leben erfolgreich zu sein oder überhaupt nur ihr Auskommen zu sichern. Gedanken von einer, die auszog, weil der Beruf ihr keine Wahl ließ. Weg

Liebe ist nichts für Feiglinge – und Liebe auf Distanz schon gar nicht. Als ich vor einigen Jahren meinen ganz persönlichen Schatz fand und wir uns nach und nach ein gemeinsames Leben aufbauten, verdrängte ich so gut wie möglich einen unangenehmen Gedanken: Spätestens nach der Uni steht eine Veränderung ins Haus. Natürlich wusste ich, dass gerade im Publizistikbereich die Jobs in meiner Heimatregion nicht auf der Straße liegen – bekanntlich sitzen die meisten Medienhäuser Deutschlands entweder im Norden oder im Süden der Republik. Dennoch sträubte sich lange Zeit alles in meinem Inneren gegen einen Wechsel des Studienorts oder gar einen Umzug für den ersten Job. Weiterlesen

Cats Couch: Brautdepression – Tiefer Fall von Wolke Sieben

Sie haben also eine Frau gefunden, mit der Sie bis ins hohe Alter das Leben teilen wollen. Gratulation! Sie haben ihr einen Antrag gemacht, sich geduldig mit ihr durch eine monate- bis jahrelange Hochzeitsplanung gekämpft und sich mit ihr schließlich das Jawort gegeben. Sie sind ein Glückspilz. Ihre nächste Herausforderung: Ihre frisch Angetraute davon überzeugen, dass es auch ein Leben nach den Flitterwochen gibt – und dass dieses Leben schön ist.

IMG_3554Heiraten und einmal Prinzessin sein – für viele Frauen ist das noch heute ein großes Thema. Es soll dieser eine Tag  sein, der das Leben für immer krönt, an dem alle Augen auf die Braut, ihr prachtvolles Kleid und ihre große Liebe, den Prinzen, gerichtet sind. So lehren es uns Märchen. Und romantische Komödien. Achja, Disney nicht zu vergessen … Seine Filme können hier einfach nicht unter den Tisch fallen. Wie viele Frauen haben schon die tragischen Liebesgeschichten von Belle, Schneewittchen und Cinderella gesehen und mitgefiebert … Hach. Seufz. Also, um es kurz zu machen: So vernünftig und rational viele von uns im Alltag sind – wenn es ums Heiraten geht, werden sie gerne mal wieder zu schmachtenden, sehnsüchtigen Wesen mit Mädchenträumen.

Braut sein bedeutet, im Mittelpunkt zu stehen

Nun kommt also der ersehnte Antrag und es tun sich eine Menge potenzieller Stressquellen auf, von denen Sie bisher gar nicht wussten, dass sie existieren. Weißtöne (ja, davon soll es tatsächlich unzählige von Ivory bis Champagner geben), Geschmacksnuancen bei der Hochzeitstorte (hat sie nicht vor kurzem noch alles gut gefunden, das nur annähernd nach Kuchen roch?) und natürlich die Verwandtschaft, vor allem die im engeren Kreis, die Ihnen wie ein Rudel ausgelassener, laut bellender Welpen vorkommt. Die „perfekte“ Location, das „perfekte“ Outfit und die „perfekte“ musikalische Untermalung finden – puh. Anstrengend, aber machbar. Egal, um sich zu erholen, gibt es ja noch die Hochzeitsreise, an die die „Gattin in spe“ natürlich auch meist hohe Ansprüche hat. Schließlich darf am „Tag der Tage“ nichts schiefgehen. Weiterlesen

Cats Gedankenwelt: Generation P(aranoia) – brauner Sumpf

Mit der Flüchtlingsdebatte kommt sie wieder zum Vorschein, die gute alte Stammtischphilosophie. „Flüchtlinge wollen doch bloß absahnen“, „Flüchtlinge werden übervorteilt“, „Flüchtlinge bekommen Smartphones, Familien zu wenig Kindergeld“ … Man muss nicht weit schauen, sondern nur seinen Facebook-Account öffnen, um zu wissen, dass eine Lawine aus braunem Schlamm mit voller Wucht anrollt. Aber warum diese Ablehnung? Ein Erklärungsversuch.

Wenn ich dieser Tage Beiträge auf sozialen Plattformen lese, macht mich das betroffen. Oder etwas drastischer ausgedrückt: Ich kriege das kalte Kotzen. Pardon für diese Ausdrucksweise, aber zu mancher „unliebsamen Wahrheit“ fällt mir als „unverbesserlicher Gutmensch“ einfach kein freundlicherer Begriff ein. Sicherlich, eine Mehrheit der User, die in sozialen Netzwerken Aussagen über Migranten treffen, zeigt sich offen bis gemäßigt-realistisch. Doch die „Minderheit“ derer, die mit aller Macht nach einem Sündenbock für eigens erlebte Missstände suchen (und bei Pegida und Konsorten finden), scheint in einem Maße anzusteigen, das nicht mehr feierlich ist.

Amsterdam 1
Migration gehörte schon immer zum Menschsein – egal, ob als Tourist oder Flüchtling

Manchmal möchte ich da meinen Laptop einfach mit voller Wucht zuschmettern und mich gewaltig über diejenigen ärgern, die im Schutz sozialer Netzwerke immer wieder über eine Gruppe von Menschen herzieht, die wahrscheinlich nicht mal etwas davon weiß, welche Ablehnung ihnen entgegenschlagen könnte. Dann atme ich dreimal tief durch, besinne mich und mache mir Gedanken über das Warum und das Woher. Warum sind so viele Menschen eigentlich so gehässig und woher kommt dieser passiv-aggressive Widerstand gegen Menschen, die nichts anderes getan haben, als fernab ihrer Heimat einen neuen Anfang zu suchen? Weiterlesen

Cats Gedankenwelt: Sozialer Disconnect

Wir sind es gewohnt, immer und überall vernetzt und niemals wirklich allein zu sein. Irgendwie ist man immer mit anderen in Kontakt – ob über soziale Medien, in einer Wohngemeinschaft, in der Familie oder im Kollegenkreis. Alleine irgendwo sein oder hingehen heißt oft: uncool sein und als Sonderling gelten. Dabei erfordert es eine Menge mehr Coolness und Mut, als sich ständig im Schutz der Gruppe zu bewegen.

Foto: Privat
Foto: Privat

Manche Menschen genießen das Alleinsein, sie finden dann „zu sich“, schätzen die Ruhe, die es bringt, auch mal nicht von anderen Individuen umgeben zu sein. Sie sind „sich selbst genug“, wissen etwas „mit sich anzufangen“, auch ohne externe Reize und Eindrücke. Ich bewundere diese Leute ein Stück weit, denn ich gehöre nicht dazu. Sich auf eigene Faust auf den Weg in eine fremde Stadt machen? Work and Travel irgendwo, wo einen keiner kennt? Oder auch nur, sich alleine irgendwo hinsetzen und einen großen Eisbecher oder ein Menü von der Mittagskarte bestellen, das Handy auslassen und einfach nur die Menschen beobachten, die geschäftig vorbeiströmen? Während die ersten beiden Beispiele mir vollkommen sinnlos erscheinen, weil ich mich wohl nicht einfach dazu überwinden könnte, ist das dritte zumindest eine Herausforderung.Weiterlesen

Cats Gedankenwelt: Kleine Rebellen

Cat KolViele Menschen finden Kinder niedlich, solange sie einen mit großen Augen angucken, lachen, und tun, was die Erwachsenen wollen. Benehmen sich die „lieben Kleinen“ hingegen daneben, machen den Großen das Leben schwer und werfen deren Zeitpläne und To-do-Listen durcheinander, regnet es zu Hause Verbote und in der Öffentlichkeit strafende Blicke und Kommentare. Fragt sich nur: Wer ist hier der größere Unsinnstifter?

Vor unserem Bürofenster mitten in der Fußgängerzone einer Kleinstadt ist immer was los. Die Leute sitzen im Café, lachen, plaudern und klappern mit ihren Espressotassen. Hin und wieder hört man Straßenmusik (mal mehr, mal weniger gekonnt) und – wie könnte es anders sein – auch spielende Kinder oder eine ganze Schulklasse, die an unserer Agentur mit höchstem Lärmpegel vorbeiziehen, während bei uns in die Tasten gehauen und auch der eine oder andere politisch inkorrekte Witz in den Raum geworfen wird. Ansonsten herrscht emsige Arbeitsstille, wir müssen schließlich was schaffen, im Gegensatz zu den Leuten mit den sündigen Eisbechern und erst recht den Kids, die munter durcheinander johlen und auf kleinen tapsigen Füßen die Welt erkunden. Oder eher, sie erkunden dürfen. Hin und wieder ruft auch eine schneidige Mutterstimme: „Jonas! Sofie“ Herkommen, aber sofort!“ Oder so ähnlich eben. Oft missfällt es den „lieben Kleinen“, wenn Mama oder Papa ihnen sagt, sie sollen sich gerade hinsetzen, nicht stundenlang im Eis herumrühren, oder wenn ihnen die Mütze wieder auf den Kopf gesetzt wird. Dann gibt es großes Geschrei – und nicht selten fällt bei uns der Spruch: „Oh, hört mal, da wird gerade jemand umgebracht.“Weiterlesen

Cats Medienkommentar: Vorsicht, Blechbüchse!

In der PR und verwandten Medienzweigen heißt es ja so schön: Der Kunde ist König. Natürlich gehört das Klappern zum Handwerk, aber eine ganze Blechdose voller Nägel an den Kopf geworfen zu bekommen, tut weh. Echt jetzt.

Foto: Privat
Foto: Privat

Wenn man für Branchen- und Kundenmagazine Produktnews und andere Neuigkeiten von Industrie- und Anzeigenkunden redaktionell bearbeitet, ist man einiges gewöhnt. Man gewöhnt sich daran, jemanden auch zum dritten Mal daran zu erinnern, dass man noch einen Text oder ein bestimmtes Porträtbild vom Firmenvorstand benötigt. Das ist okay, wirklich, wir sind alle nur (gestresste) Menschen und da geht eben hin und wieder etwas unter. Es ist auch okay, jemanden schon zum vierten Mal zu erklären, warum es eben den Lesefluss stört, wenn zu viele Marken- und Produktnamen in Versalien geschrieben sind.Weiterlesen

Cat’s Couch: Nackte Tatsachen

Drei Badende am Strand - Paul Gustav Fischer (1860 - 1394 )- dänischer Maler
Drei Badende am Strand – Paul Gustav Fischer (1860 – 1394 )- dänischer Maler

Der Sommer naht und so mancher Mann freut sich jetzt schon auf den Anblick kurzer Röcke, tiefer Ausschnitte und Shorts, die gerade so das Nötigste bedecken. Vielen Frauen hingegen gruselt es vor der heißen Saison und ihrer neuen „Kleiderordnung“ – und vor allem vor dem „Ganzkörperscan“, der ihnen nun ständig bevorsteht.
Am nächsten Wochenende soll es heiß werden, das sagt zumindest der Wetterbericht. Also raus mit den Sandalen, dem kurzen Kleidchen und der Hotpants? Die Zuverlässigkeit der Wettervorhersage ist eine Sache – das mit der knappen Bekleidung eine andere. Denn es wird sich auch diesen Sommer nicht jede Frau trauen, sich darin ungezwungen im öffentlichen Raum zu bewegen. Dies zu tun, ohne sich ständig begafft zu fühlen wie ein Tier im Zoo, ist wohl eine der größten Hürden, die den Meisten bald begegnen wird. Weiterlesen

Cats Gedankenwelt: Über die Schwelle treten – Leben und Ängste

Cat KolEs gibt viele erste Male und gefühlt unzählige Gründe, warum sie Ängste in uns schüren. Manche Fachleute nennen es Neophobie („die Angst vor dem Neuen“), andere nennen es schlicht „Schwellenangst“ oder „Angst vor Veränderungen“. Das ist im Prinzip nichts Außergewöhnliches – dennoch lohnt es sich, hin und wieder seine Komfortzone zu verlassen und die Schwelle des Gewohnten zu übertreten. Weiterlesen

Cat’s Couch: Wie ein angezogener Exot am FKK-Strand

Cat KolCarolin Kebekus hat einmal gesagt: „Mittlerweile kenne ich die Brüste von Micaela Schäfer besser als meine eigenen.“ Recht hat sie, finde ich, wenn ich mich nach Feierabend durch das Internet und durch Facebook klicke und mir mehr nackte Haut begegnet, als ich sie je am Strand sehen würde. Auch bemerkenswert: Es sind immer noch meist die Frauen, die sich ausziehen.

Es erscheint mir in etwa so sinnfrei wie „Panzer für den Frieden“ – der Trend, dass wirklich jede Frau, egal welchen Alters, welcher Ethnizität und welchen Körperbaus, derzeit der Meinung ist, nackte oder halbnackte Bilder ins Internet zu stellen. Als Kunst wohlgemerkt – oder als Zeichen gegen ein aalglattes Körperbild, das gefühlte 95 Prozent aller Frauen weltweit schlecht dastehen lässt und Selbstzweifel fördert. Einmal ganz schonungslos und offen gesagt: Ich habe ja eher selbst Zweifel daran, ob ein solcher Overload an nackten „Weibsbildern“ wirklich das Problem des Schönheits- und Perfektionsterrors in den Medien lösen kann. Oder ob die bunt bebilderte Aussage „Wir sind alle schön“ nicht noch mehr der Gleichung Frau + Körperlichkeit + Schönheit = Anschauungsobjekt Vorschub leistet.Weiterlesen

Cat’s Couch: Mauerblümchen – na und?

Foto: Privat
Foto: Privat

Graue Maus, Mauer-blümchen, nichts-sagend, Langweilerin … Es gibt viele abwertende Begriffe für Frauen, die nicht viel Aufwand darauf verwenden, im Mittelpunkt zu stehen und alle Augen und Ohren auf sich zu ziehen. Aber warum eigentlich so herablassend? Immerhin hat Unscheinbarkeit auch ihre Vorteile …

Jeder kennt die Menschen, die man eben kennen muss. Denn sie fallen auf wie bunte Hunde, kennen alles und jeden und ziehen die Aufmerksamkeit an wie das Licht die Motten. Wo eine Kamera ist, schauen sie hinein und geben ihr strahlendstes Lächeln, und auch bei auffälligen, besonders modischen Outfits sind sie ganz vorne mit dabei. Und der Rest? Der leistet auch Großes … nur in kleineren Schritten, und dort, wo es einen zweiten Blick benötigt. Etwas, das die „Showstars“ unter uns vielleicht nicht wissen – auch auf der Schattenseite lebt es sich angenehm und sogar zum Teil stressfreier.

Auf dem Beobachtungsposten. Menschen, die sich eher im Hintergrund aufhalten, sind zumeist gute Beobachter. Eine Frau kann viel über andere herausfinden, indem sie einfach deren Verhalten studiert und sich in aller Stille ein Bild davon machen kann. Dadurch kann sie eventuell auf längere Sicht eine clevere Strategie entwickeln, auf die ihre auf Außenwirkung bedachten Mitstreiterinnen oder Freundinnen nie gekommen wären.Weiterlesen

Ralph Waldo Emerson – Man kann nie glücklich werden, …

Aus dem Jahre 1927 existiert von Albert Aereboe ein Bild, auf dem versonnen eine Mann am Fenster zum Meer sitzt, während hinter ihm sich die Tür öffnet und eine nackte Frauengestalt hineintritt. Es entstand kurz nach dem frühen Tod seiner Frau und ist beladen mit einer Fülle von Symbolen für das verlorene Lebensglück.
Aus dem Jahre 1927 existiert von Albert Aereboe ein Bild, auf dem versonnen eine Mann am Fenster zum Meer sitzt, während hinter ihm sich die Tür öffnet und eine nackte Frauengestalt hineintritt. Es entstand kurz nach dem frühen Tod seiner Frau und ist beladen mit einer Fülle von Symbolen für das verlorene Lebensglück.

Man kann nie glücklich werden,
wenn sich das, woran man glaubt,
nicht mit dem deckt, was man tut.

Ralph Waldo Emerson „zugeschrieben“
US-amerikanischer Philosoph, einflussreicher Unitarier und Schriftsteller, 1803-1882

Cat’s Couch: Hüter des Badregals

P1030115In einer früheren Episode meiner Kolumne hatte ich es bereits versprochen, über die Dinge zu schreiben, die mehr oder weniger dekorativ im Badregal von uns Frauen stehen bleiben. Unbenutzt, nicht selten unberührt und ohne, dass ihre Besitzerin je Verwendung für sie zu finden scheint. Hier sind sie also – die erfolgreichsten Regalhüter ….

Epilierer
Eine Frau mit glänzenden, restlos glatten Beinen steigt aus einer riesigen Badewanne, streckt und räkelt sich einmal verführerisch und blickt auf einen elegant designten Epilierer, der in ihrem Blickfeld auf einer Kommode liegt. „Mein Rasierer hat Pause!“, verkündet sie stolz lächelnd. „Jetzt habe ich zwei Wochen lang glatte Beine – und so einfach!“ So oder so ähnlich sieht Haarentfernung im Fernsehen aus. Sanft und schmerzlos gleiten die Klingen über perfekt geformte, samtweiche Beine. Ein Traum, „es tut gar nicht weh“. Von wegen! Liebe Männer, habt ihr euch schon einmal ein paar Haare mit einer Minipinzette aus dem Bein gezogen? Man multipliziere den Effekt im zweistelligen Bereich und nehme etwas Geschwindigkeit hinzu. Genauer gesagt, die eines Motors, der die vielen kleinen Klingen. Also doch – es tut weh. Und ich kann die Frauen verstehen, die ihren neuen „Beauty-Gefährten“ nach einem schmerzhaften ersten Mal abschwören. Zumal seine Zuneigung nicht von Dauer ist – bereits nach wenigen Tagen muss er wieder ran. Wenn sie dann überhaupt noch Lust auf ein Intermezzo hat.Weiterlesen

Der ewige Ernährer – Felix Grauther

Familie - Illustration: Stefan Otte
Familie – Illustration: Stefan Otte

Statistisch lebt der Vater von heute genau gleich wie schon sein Vater. Er arbeitet Vollzeit und trägt den Hauptteil zum Familienbudget bei.
Können Männer nicht abgeben? Wollen sie nicht auf Karriere verzichten? Begreifen sie einfach die Zeichen der Zeit nicht und bleiben in ihren alten Denkweisen verhaftet? Oder sind eigentlich die Frauen zu faul, um etwas mehr zu arbeiten? Wie viel arbeiten denn die Frauen?Weiterlesen

Cat’s Couch: Furien, Miesepetras und Gewitterhexen

Foto: Privat
Foto: Privat

Die meiste Zeit über gelten wir Frauen als das ausgeglichenere und weniger aggressive Geschlecht. Auch, wenn das im Einzelfall sicher unterschiedlich ist, bemühen sich die meisten von uns im Alltag um Selbstbeherrschung und Harmonie. Ziehen dann doch einmal dunkle Wolken auf und die Laune schlägt um, wissen Männer nicht immer, wie sie damit umgehen sollen. Hier ein paar Tipps, was (oft) funktioniert – und was man(n) gegenüber einer schlecht gelaunten Frau besser sein lässt …Weiterlesen

Cats Gedankenwelt: Die Eine

Manchmal braucht es Jahre, bis etwas wieder in den gedanklichen Fokus rückt. Dies ist vor allem eine Erinnerung an meine einst allerbeste Freundin, die ich bereits als Teenager aus mir unbekanntem Grund verloren habe. Es soll nicht bedeuten, dass ich meine lieben und auch besten Freunde der Gegenwart nicht zu schätzen weiß. 

Die Eine

Ich suche dich.
Ich vermisse dich.
Ohne dich fühle ich mich,
als wäre ich nur halb.
Ich brauche dich
jetzt, nach all den Jahren.
Lange habe ich nicht mehr
an dich gedacht; mir Sorgen gemacht,
ob ich mein Leben lang
ohne dich leben kann.

Versteh mich nicht falsch,
Ich bin nicht einsam, nicht allein.
Will einfach nicht mehr
ohne dich sein; beim Lachen,
Beim Weinen, beim Unsinn machen.
Ich habe Familie, gute Freunde, einen Mann;
doch du bist die, ohne die ich nicht kann.
Du bist die Eine, mit dir will ich teilen,
keine Geheimnisse haben vor dir,
in Seelenverwandtschaft mit dir verweilen.

Irgendwo ist unser Faden gerissen,
Das Schicksal hat unsere Nähe gehasst.
Vielleicht hat uns der Strom
in andere Bahnen gerissen;
vielleicht haben wir uns über Jahre verpasst.
Ich suche dich und ich werde dich finden,
denn mir fehlt etwas, was ich vermiss‘,
ich bin nur eine Hälfte, wenn du nicht bist.
Du bist die, die mich ohne Worte versteht,
und bis zum Ende der Welt mit mir geht.

Du bist meine Schwester im Geist,
die Eine, die alles über mich weiß.
Und die, die auch mir wirklich alles erzählt,
sich keine andere Vertraute mehr wählt.
Ich muss mich selbst ändern, um dich zu finden,
muss bereit sein, mich an dich zu binden.
Kein Solo mehr sein, sondern ein Duett,
nicht mehr ich oder du, sondern wir;
für den Rest des Lebens, jetzt und hier.
Eine Einheit, die niemand mehr trennt,
wie eine Festung, die niemals verbrennt.

Du bist nicht eine von vielen, die Eine,
die meine beste Freundin sein will;
die Nähe würde uns niemals zu viel.
Denn wir sind nicht ich oder du, sondern „wir“.
Bereit, um auf uns aufzupassen,
uns beieinander fallen zu lassen.
Uns ohne Grenzen zu vertrauen, gemeinsam ein Leben aufzubauen,
Ich glaube, ich steh mir oft selbst im Weg,
denn ich scheue mich, weiß nicht, wie das geht,
wenn Freundschaft vor allem aus uns besteht.

Andere müssen warten, als „Best Friends Forever“
hätten wir immer Priorität. Du könntest dich melden,
egal wie spät, ungünstig und schlecht
Zeitpunkt und Kummer gerade werden.
Als „Allerbeste Freundinnen fürs Leben“
weinen und lachen, Unsinn machen,
wieder mal Kind sein, sich ernsthaft besprechen,
Geheimnisse lüften, Mauern aufbrechen,
uns an denen, die uns verletzt haben, rächen.
Nicht du, nicht ich, sondern „wir“ – nur mit dir.

Peter Altenberg: Prosaskizzen – Ein Geschäft

»Darf ich mir die ganze Schachtel nehmen?! Ich rauch‘ die so riesig gern – – –«, sagte sie zu mir.

Vincent Van Gogh (1853-1890) Nachtcafé am Place Lamartine in Arles
Vincent Van Gogh (1853-1890) Nachtcafé am Place Lamartine in Arles

Ich war verzweifelt. Ich betete das süsse, anmutige Geschöpf an, während jedoch die ganze Schachtel »Chelmis Ramses« im Café zehn Kronen kostete, Trafik acht Kronen.
»Ja, nehmen Sie die ganze Schachtel!«
Als ich die Zigaretten dem Kellner des eleganten Nachtcafé bezahlen wollte, sagte er: »So ein Mistviecherl; nimmt Ihnen gleich eine ganze Schachtel weg!«
»Nun«, sagte ich, »da haben Sie die zehn Kronen. Was kümmert es Sie?!«
»Nein«, sagte der Kellner, »die Sache ist so, die Dame hat mir die Schachtel sofort für zwei Kronen weiterverkauft. Morgen verkauf ich sie wieder für zehn Kronen, folglich schulden Sie mir nur die zwei Kronen, die ich der Dame bezahlt habe!«

Ich war selig. Ich sagte: »Sie, ich lasse mir von Ihnen nichts schenken, verstehen Sie mich?!«
Er: »Das würde ich auch gar nicht wagen. Aber ich habe es Ihnen vorgerechnet!«
»Ja, aber weshalb tun Sie denn das für mich?!«
»Herr Doktor, ich kenn‘ Sie schon so lang, Sie sind ja auch schon quasi von unserm G’schäft. Herr Doktor, wir müssen zusammenhalten gegen diese Mistviecher!«

So hielten wir denn zusammen gegen die Mistviecher, wobei ich ganze acht Kronen ersparte.

Der Unglücklichste – John Henry Mackay – Aus: Zwischen den Zielen

eleven am_Hopper

Drei Unglückliche trafen zusammen.
Ich suche das Glück und kann es nicht finden! – klagte der erste.
Ich fliehe das Unglück und kann ihm nicht entgehen! – keuchte der zweite.
Das Leben ist das Unglück! – sagte der dritte.
Ich kann nicht mehr! – schrie der erste. Und der zweite wiederholte das Wort.
Ich will nicht mehr! – sagte der dritte.

Der erste war gesund; aber er war arm und entmutigt.
Der zweite war reich; aber er war müde und krank. Der dritte war weder reich, noch gerade arm; weder besonders gesund, noch krank.

Ich bin unglücklich, jeden Morgen erwachen zu müssen, begann der erste wieder.
Und ich bin selten so glücklich, am Abend entschlummern zu dürfen, darauf der zweite.

Der dritte schwieg.

Wenn ich nur reich wäre, wie glücklich wäre ich – sagte der erste zu sich.
Oh, gesund zu sein – welch einziges Glück! – flüsterte unhörbar der zweite.

Der dritte war verschwunden.

Da lächelten die beiden Zurückbleibenden zum letztenmal in ihrem Leben. Aber indem auch sie grußlos voneinandergingen, maßen sie sich mit neidischen Augen: »Wie glücklich der doch ist!«

 

Cat’s Couch: Zeugen falscher Versprechungen

Cat's Kolumne - Foto: Katherina Ibeling
Cat’s Kolumne – Foto: Katherina Ibeling

Es gibt viele Gründe, warum Frauen das Bad oftmals mit mehr Shampooflaschen, Haarsprays und Schminksachen vollstellen, als sich ihre Männer logisch erklären können. Die gute Nachricht ist: Es existiert für die meisten „Regalhüter“ eine logische Erklärung. Die schlechte allerdings gleich hinterher – bis das „Woman Spreading“ im Badezimmer der Vergangenheit angehört, kann es noch lange dauern.

Das „Man Spreading“, also eine nicht gerade Platz sparende Sitzhaltung von Männern in öffentlichen Verkehrsmitteln, ist derzeit in aller Munde. Eher als selbstverständlich nimmt man aber hin, dass auch wir Frauen gerne mal mehr Platz einnehmen, als wir nach logischen Gesichtspunkten bräuchten – „Woman Spreading“ also. Das gilt vor allem für das heimische Badezimmer, und ja, da müssen sich viele von uns (natürlich mit Augenzwinkern) auch an die eigenen gepuderten Nasen fassen. Wer sich mit einer schönheits- und stylingbewussten Frau das Bad teilen muss, oder gleich mit mehreren, hat es nämlich überhaupt nicht leicht. Pragmatisch betrachtet haben viele von uns Frauen nämlich von allem zu viel – von Augen-Make-up bis hin zu Waxing-Streifen. Aber warum machen wir das eigentlich? Aus meiner Sicht als Frau gibt es dafür drei Hauptgründe.Weiterlesen

Verzicht – eine Bereicherung

Ein Hindu-Asket, der ein Metallgitter um den Hals trägt, um sich niemals hinlegen zu können (Aufnahme von Ende des 19. Jahrhunderts).
Ein Hindu-Asket, der ein Metallgitter um den Hals trägt, um sich niemals hinlegen zu können (Aufnahme  Ende 19. Jahrhundert).

Gestern im Männerkreis am Tresen erzählte Manfred, dass man auch anders verzichten könne. Nicht auf das verzichten, was einem Spaß macht, sondern auf das was einem nicht gut tut. [Als er das sagte hob ich meine linke Braue. Ein Stammgast weniger?] Aber: die Rede war nicht davon auf social media, Fernsehen, Handy, die Männerrunde oder Schokolade zu verzichten. Den Sinn hier zu verzichten hätten wir eh nicht so recht verstanden. Der Hang zur Selbstkasteiung ist doch Blödsinn. Das Ergebnis sieht man z.B. am Foto. Es verändert sich offensichtlich auch die Struktur des Gehirns.Weiterlesen

Cats Gedankenwelt: Über die Dankbarkeit

P1020509Dankbarkeit ist eine Tugend, die sich durch das ganze Leben zieht oder es zumindest sollte. Schon als Kinder lernen wir, immer „Bitte“ und „Danke“ zu sagen. Manchmal vergessen wir es trotzdem – und müssen uns wieder bewusst daran erinnern.

„Ich komme mir vor, als sei alles, was ich tue, selbstverständlich.“ Diese Aussage führt oftmals zu einem Konflikt in der Ehe, in der Beziehung, in der Familie oder auch in einer Freundschaft. Denn sie drückt in wenigen Worten ein Ungleichgewicht aus, emotional und vielleicht auch von den Pflichten. Als ich also letztens hörte: „Das ist wohl alles selbstverständlich für dich“, habe ich mich kurz über mich selbst erschrocken, und gemerkt, dass ich die Dankbarkeit auch in kleinen Dingen wiederentdecken musste. Es gibt da tatsächlich einige Menschen und Wesen, bei denen ich mich lange nicht bedankt habe.Weiterlesen

Kurt Tucholsky – Sexuelle Aufklärung – Gedicht

Motiv einer viktorianischen Potkarte
Motiv einer viktorianischen Potkarte

Sexuelle Aufklärung

Tritt ein, mein Sohn, in dieses Varité!
Die heiligen Hallen füllt ein lieblich Odium
von Rauchtabak, Parfüms und Eßbüfett.
Die blonde Emmy tänzelt auf das Podium,
der erste und der einzige Geiger schmiert »Kollodium«
auf seine Fiedel für das hohe C…
So blieb es, und so ists seit dreißig Jahren –
drum ist dein alter Vater mit dir hergefahren.

Sieh jenes Mädchen! Erster Jugendblüte
leichtrosa Schimmer ziert das reizende Gesicht.
So war sie schon, als ich mich noch um sie bemühte,
und wahrlich: ich blamiert mich nicht!
Siehst du sie jetzt, wie sie voll Scham erglühte?
Was flüstert sie? »Det die de Motten kriecht…!«
Wie klingt mir dieser Wahlspruch doch vertraut
aus jener Zeit, da ich den Referendar gebaut!

Sei mir gegrüßt, du meine Tugendlilie,
du altes Flitterkleid, du Tamburin!
Nimm du sie hin, mein Sohn – es bleibt in der Familie –
und lern bei ihr: es gibt nur ein Berlin!
Nun aber spitz die Ohren, denn gleich singt Ottilie
ihr Lieblingslied vom kleinen Zeppeliihn…
Kriegst du sie nicht, soll dich der Teufel holen!
Verhalt dich brav – und damit Gott befohlen!

1913

Über meine Schulden

GoldeselIch habe die Meisterschule absolviert und 6 Tsd. € an Reserven auf dem Konto. Arbeitslos war ich leider auch.. Ich konnte mir nicht vorstellen für einen Arschlochchef zu arbeiten, der in meiner Branche verdammt oft anzutreffen ist. Und die ganzen Mädels? Zickenterror.
Also habe ich beschlossen, mich lieber selbstständig zu machen. Freunde und Familie fanden die Idee klasse. Die 6 Tsd. € haben dafür natürlich nicht gereicht, daher habe ich mir noch 14 Tsd. von der Bank geliehen. Weiterlesen

Cats Gedankenwelt: Zusammen wohnt man weniger allein

Foto: Katherina Ibeling
Foto: Katherina Ibeling

Seit ich aus dem Haus meiner Eltern ausgezogen bin, habe ich noch nie alleine gewohnt. Also, so richtig alleine, ohne jemanden sonst in der Wohnung, mit den komplett eigenen vier Wänden. Entweder war es die Wohngemeinschaft (kurz: WG) mit Mitstudenten, das Zusammenleben mit dem Partner und zwei Katzen oder jetzt in meinem ersten Redaktionsjob unter der Woche mit anderen Berufstätigen. Was den Lebensraum „WG“ ausmacht und warum man dafür eigentlich niemals zu alt ist – eine Zusammenfassung mit Augenzwinkern.

Ich kann einfach nicht alleine sein, beziehungsweise alleine wohnen. Nach der Arbeit nach Hause kommen und niemand ist da, irgendwie erscheint mir das … komisch. Es macht mich misstrauisch. Was würde ich die ganze Zeit lang mit einer ganzen Wohnung für mich anfangen, in der sonst keiner ist. Und vor allem: Was zum Henker würde ich die ganze Zeit mit mir selbst anfangen? Okay, da gäbe es einiges – lektorieren, schreiben, Sport und viel mehr lesen, als ich es aktuell tue. Trotzdem, immer alleine sein finde ich langweilig. In meiner langen WG-Karriere habe ich schon viel erlebt, Schönes wie Nerviges. Hier sind zehn „typische“ Situationen und ein Hinweis, dass du ein absoluter „Gemeinschafts-Wohner“ bist, wenn du sie auch kennst.Weiterlesen

So sind die Introvertierten – über den erfolgreichen Umgang mit einer unbeliebten Spezies

So sind die Introvertierten
•  Über den erfolgreichen Umgang mit einer unbeliebten Spezies • 

Edward Hopper - "Morning Sun" - 1952 - Öl auf Leinwand - Columbus Museum of Art, Ohio
Edward Hopper – „Morning Sun“ – 1952 – Öl auf Leinwand – Columbus Museum of Art, Ohio

Es gibt eine ganze Reihe von Eigenschaften, die introvertierten Menschen zugeschrieben werden. Die nachfolge Auswahl entstammt sowohl  Literaturquellen (inkl. Internetforen) als auch eigenen Erfahrungen (der Autor gehört zu eben solcher Spezies..).  Ein introvertierter Mensch nicht alle diese Eigenschaften aufweist. Wie bei allen anderen Menschen variieren diese und sind unterschiedlich ausgeprägt. Introvertiert zu sein hat übrigens nichts mit Schüchternheit zu tun.  Auch auf mich trifft nicht alles zu und bei mancher Eigenschaft bin ich froh, dass der Kelch an mir vorüber gegangen zu sein.

Einige dieser Merkmale lassen sich als Außenstehender erkennen, andere eher nicht. Viele Introvertierte werden versuchen, die als negativ empfundenen Eigenschaften zu unterdrücken, was mal mehr mal weniger funktioniert.
Zu bedenken gilt: neben Intro- und Extroversion weitere Persönlichkeitsmerkmale gibt, die das Verhalten eines Menschen beeinflussen.

Insofern ist die nachfolgende Liste nicht geeignet, um Menschen mit dem Stempel “introvertiert” zu versehen. Sie bietet allerdings Anhaltspunkte, um das Verhalten von Menschen – also auch von sich selbst – besser zu verstehen.

Da unsere Gesellschaft mit Introversion eher Nachteiliges verbindet, habe ist die Liste unterteilt in Eigenschaften, die für gewöhnlich positiv, neutral oder negativ einsortiert werden.

bridge-893200_1280_PhilipBarrington

Als eher positiv wahrgenommene Eigenschaften

  • Introvertierte sind die besseren Zuhörer. Sie mögen tief gehende Gespräche und diskutieren gerne[avatar user=“PeterJensen“ size=“medium“ align=“right“ link=“http://derblaueritter.de/peter-jensen/“]Dr. Peter Jensen – Heilpraktiker & Psychotherapeut[/avatar]die Probleme von anderen Menschen. Sie sind weniger darauf aus, selbst zu Wort zu kommen, sondern hören einfach zu.
  • Introvertierte sind aufmerksame Beobachter. Sie bemerken oft Dinge um sie herum oder Stimmungen, die anderen entgehen. Sie entdecken auch eher Fehler.
  • Introvertierte sind sehr gewissenhaft und verantwortungsbewusst. Ihnen ist wichtig, eine Aufgabe korrekt zu erledigen und Fehler zu vermeiden.
  • Introvertierte sind zuverlässig. Wenn sie etwas ankündigen oder versprechen, dann machen sie es meist auch.
  • Introvertierte sind pünktlich. Es ist ihnen unangenehm, wenn andere Menschen auf sie warten müssen.
  • Introvertierte bringen andere Menschen nicht in unangenehme Situationen. Wenn es sich doch nicht vermeiden lässt, leiden sie unter Schuldgefühlen.
  • Introvertierte lesen viel. Sie verbringen viel Zeit mit Büchern, denn Lesen ist für sie eine gute Möglichkeit, um Energie zu tanken und persönlich zu wachsen.
  • Introvertierte sind sehr kenntnisreich. Vor allem in der Tiefe sind sie gut informiert. Wenn sie sich für ein Thema interessieren, saugen sie das verfügbare Wissen förmlich auf.
  • Introvertierte sind sehr reflektiert. Über neue Erlebnisse und neues Wissen denken sie lange nach, um es zu verarbeiten. Entsprechend durchdacht sind ihre Antworten auf Fragestellungen (wenn man ihnen Zeit gibt).
  • Introvertierte hinterfragen vieles. Anstatt Informationen einfach hinzunehmen, hinterfragen sie oft die Bedeutung. Das trifft auch auf ganz einfache Alltagssituationen zu.
  • Introvertierte sind sehr mitfühlend. Die Stimmung anderer Leute kann sie berühren und in der eigenen Stimmungslage beeinflussen.
  • Introvertierte sind verständnisvoll. Sie hören besser zu, sind mitfühlend und reflektieren viel. All dies hilft, sich in ihre Mitmenschen besser hineinzuversetzen.
  • Introvertierte werden oft um Rat gefragt. Durch ihr bedachtes Auftreten und ihr tiefes Wissen, werden sie oft von anderen Menschen konsultiert. Introvertierte sind besonders häufig in beratenden Berufen tätig.
  • Introvertierte sind bescheiden. Sie stehen nicht gern im Mittelpunkt und neigen somit auch nicht zu Übertreibungen.
  • Introvertierte denken, bevor sie sprechen. Sie reden wenig, spät und langsam, weil sie nicht sprechen (können), ohne nachgedacht zu haben.
  • Introvertierte sind glaubwürdig. Durch Zuverlässigkeit, Bescheidenheit und bedachtes Sprechen werden sie oft für glaubwürdiger gehalten.
  • Introvertierte sind kreativ. Unter Beobachtung können sie diese Stärke nicht ausspielen, aber wenn sie allein sind mit ihren Gedanken, können Introvertierte äußerst kreativ sein. Viele Künstler sind introvertiert.
  • Introvertierte sind vorausschauend. Sie neigen dazu, nicht nur die positive Seite zu sehen, sondern erkennen schon frühzeitig mögliche Probleme. Dadurch wirken sie oft pessimistisch.
  • Introvertierte können gut planen. Sie versuchen, zu viele Überraschungen in ihrem Leben zu vermeiden. Das funktioniert am besten mit viel Planung.
  • Introvertierte sind gut vorbereitet. Wann immer sie sich jemandem oder einer Gruppe von Menschen präsentieren müssen, sind sie äußerst gut vorbereitet. Ein Vortrag wird beispielsweise bis zur Erschöpfung durchgesprochen, Informationen werden verinnerlicht.
  • Introvertierte sind ordentlich. Sie mögen kein unübersichtliches Chaos. Sie funktionieren besser, wenn ihr Umfeld überschaubar bleibt.
  • Introvertierte wollen wachsen. Sie haben einen besonders starken Drang nach persönlichem Wachstum. Dieses erreichen sie vor allem durch Lesen und Reflexion – aber auch durch neue Erlebnisse in einem für sie erträglichen Umfang.
  • Introvertierte gehen vom Guten im Menschen aus. Das heißt nicht, dass sie anderen Menschen früh vertrauen, aber sie gehen eher davon aus, dass andere Menschen gute Absichten verfolgen.
  • Introvertierte sind gute Führungskräfte. Sie können Teams von proaktiven Mitarbeitern besser führen als Extrovertierte.
  • Introvertierten sind selten gelangweilt. Auch wenn es so aussieht, als würden sie nichts tun, fühlen sie sich wohl in ihren eigenen Gedanken. Introvertierte können sich gut mit sich selbst beschäftigen.
  • Introvertierte sind geduldig und ausdauernd. Sie widmen sich Problemstellungen deutlich länger als ihre Mitmenschen und kommen so oft zu innovativen Lösungen.
  • Introvertierte sind vorsichtig. Sie gehen weniger Risiken ein, die sie nicht einschätzen können.
  • Introvertierte sind unabhängig. Sie machen ihre Gefühle weniger abhängig von anderen Menschen und können eine zeitlang allein sein. Auch beruflich sind sie ungern von anderen Menschen abhängig.
  • Introvertierte sind offen für Ideen. Sie hören bei Vorschlägen ihrer Mitmenschen besser zu und diskutieren gern neue Ideen und Lösungsvorschläge.
  • Introvertierte können sich tief konzentrieren. Wenn sie an einer Problemstellung arbeiten, können sie sich in ihr vertiefen.
  • Introvertierte sind sehr genau. Sie machen keine halben Sachen, sondern möchten das bestmögliche Ergebnis abliefern. Sie neigen zum Perfektionismus.
  • Introvertierte strahlen Ruhe aus. In turbulenten Zeiten werden sie weniger hektisch und treffen weiterhin bedachte Entscheidungen.
  • Introvertierte sind weniger materialistisch. Sie wenden sich eher ihrem Innenleben zu als externen Dingen. Daher sind ihnen Statussymbole weniger wichtig.

Als neutral gewertete Eigenschaften

  • Introvertierte sind ruhig. Was in turbulenten Zeiten Sicherheit gibt, löst in anderen Situationen weniger Begeisterung aus.
  • Introvertierte sind nachdenklich. Sie denken über neue Einflüsse von außen intensiv nach – bleiben aber hin und wieder in ihren Gedanken gefangen.
  • Introvertierte sind Tagträumer. Sie erleben die Welt nicht so intensiv wie Extrovertierte, sondern richten sich an die innere Welt der Gedanken.
  • Introvertierte haben wenige Freunde. Ihr soziales Umfeld ist wesentlich kleiner als das von Extrovertierten. Allerdings legen sie großen Wert auf enge Freundschaften. Qualität geht vor Quantität.
  • Introvertierte sind ernsthaft. Sie nehmen das Leben oft nicht so leicht wie Extrovertierte, sondern versuchen, den Sinn zu ergründen und zu interpretieren. Sie sehen bei jeder Situation die Probleme schon frühzeitig.
  • Introvertierte sind sensibel. Schon laut Definition sind sie sensibler für Stimulation und können eher überwältigt werden als Extrovertierte.
  • Introvertierte sind gern allein. Sie sind auch gern unter (wenigen) Menschen. Aber sie brauchen beides und genießen ihre Zeit für sich.
  • Introvertierte sind gern in der Natur. Die natürliche Umgebung wirkt beruhigend und weniger stimulierend als der moderne Alltag.
  • Introvertierte gehen nicht gern Shoppen. Einkaufen ist anstrengend durch viel Stimulation und viele Menschen.
  • Introvertierte entscheiden sich eher dazu, Single zu sein. Sie fühlen sich ohne Partner weniger einsam als Extrovertierte und verzichten aus verschiedenen Gründen bewusst auf eine Partnerschaft. Das heißt jedoch nicht, dass sie ihnen nicht gut tun würde.
  • Introvertierte reden wenig. Oft reden sie wesentlich weniger als ihre Gesprächspartner und konzentrieren sich auf das Zuhören und kurze – aber durchdachte – Antworten. Nur bei Themen, in denen sie sich sehr gut auskennen, reden auch Introvertierte viel.
  • Introvertierte arbeiten gern ohne Unterbrechung. Da sie mit ihren Gedanken arbeiten, werden sie ungern unterbrochen. Im modernen Büroalltag ist das jedoch keine Selbstverständlichkeit und kann negativ wahrgenommen werden.
  • Introvertierte stehen nicht gern im Mittelpunkt. Das heißt, dass sie stets versuchen, der Aufmerksamkeit durch andere auszuweichen. Eine öffentliche Anerkennung vor vielen Menschen mag also nicht in ihrem Sinne sein.
  • Introvertierte bzw. hoch sensible Menschen reagieren oft stärker auf Koffeein.
  • Introvertierte sind sehr empfänglich für Kunst und Musik. Sie können z.B. längere Zeit in Museen verbringen.
  • Introvertierte wirken mysteriös. Da sie sich ihrem Umfeld nur wenig mitteilen, wirken viele Introvertierte auf andere Menschen geheimnisvoll. Dabei haben Introvertierte nicht mehr zu verstecken als Extrovertierte.
  • Introvertierte ziehen sich gern zurück. Wenn sie zu viel Stimulation erfahren, ziehen sich Introvertierte gern in einen abgeschirmten Bereich zurück, um ihre Akkus wieder aufzuladen.
  • Introvertierte neigen zu Schuldgefühlen. Wenn sie das Gefühl haben, einem anderen Menschen Umstände zu bereiten oder ihn falsch behandelt zu haben, leiden sie schnell unter einem schlechten Gewissen.
  • Introvertierte können sehr direkt sein. Sie reden zwar nicht viel, können sich aber sehr direkt ausdrücken. Unter Umständen mag es so wirken, als fehle ihnen das nötige Taktgefühl.
  • Introvertierte sind weniger euphorisch. Ihr Belohnungssystem ist nicht so aktiv wie das von Extrovertierten, daher verspüren sie weniger Euphorie.

Als eher negativ empfundene Eigenschaften

  • Introvertierte sind gehemmt. In vielen Situationen fühlen sie sich nicht frei und locker, z.B. in Gruppen oder wenn sie sich öffnen sollen.
  • Introvertierte fühlen sich unwohl in großen Gruppen. “Je mehr Leute desto besser” könnte aus Sicht eines Introvertierten nicht falscher sein. Sie fühlen sich am wohlsten in kleinen Runden.
  • Introvertierte können schnell überstimuliert werden. In einer rasanten Welt sind Introvertierte erschöpft und überfordert, wenn sie gegen ihre Natur leben.
  • Introvertierte brauchen mehr Pausen, um das hohe Stimulationslevel in der extrovertierten Welt zu vertragen.
  • Introvertierte reden langsamer, denn sie denken bevor sie sprechen.
  • Introvertierte reden nicht gern vor anderen Menschen. Insbesondere spontane Reden sind für sie eine Horrorvorstellung (für viele andere Menschen aber auch).
  • Introvertierte reden eher leise.
  • Introvertierte drücken sich lieber schriftlich aus. Sie mögen keine Telefone, dafür E-Mail umso mehr.
  • Introvertierte sind bei einem hitzigen Streit den meisten Extrovertierten unterlegen, da zu schnell geredet wird.
  • Introvertierte tun sich schwer damit, Menschen mit Stories zu unterhalten.
  • Introvertierte mögen keinen Small Talk. Sie können es von Natur aus auch nicht besonders gut.
  • Introvertierte zögern oft bevor sie sprechen.
  • Introvertierte neigen dazu, über einige Dinge zu viel nachzudenken.
  • Introvertierte fühlen sich unwohl auf Parties.
  • Introvertierte feiern selbst in kleinem Rahmen (wenn überhaupt). Sie verbringen lieber Zeit mit 2-3 engen Freunden.
  • Introvertierte meiden Augenkontakt – vor allem beim Sprechen.
  • Introvertierte sind etwas langsamer bei der Erfüllung von einfachen Aufgaben oder bei der Entscheidungsfindung. Informationen werden ausführlicher verarbeitet und das dauert.
  • Introvertierte sind nicht besonders spontan. Sie beobachten lieber erst andere, bevor sie selbst aktiv werden.
  • Introvertierte sind schmerzempfindlicher (sensibler).
  • Introvertierte können sich nur schwer öffnen und erzählen nur wenig über sich selbst.
  • Introvertierte sind für andere Menschen sehr schwer zu lesen.
  • Introvertierte fühlen sich unwohl, wenn sie auf neue Leute treffen oder gar auf sie zugehen.
  • Introvertierte fühlen sich oft unterlegen, wenn sie auf Menschen mit mehr Erfahrung treffen.
  • Introvertierte werden unruhig, wenn sie zu viele Dinge auf einmal erledigen sollen.
  • Introvertierte werden nervös unter Beobachtung. Sie können ihre Leistung nicht abrufen, wenn sie sich beobachtet fühlen.
  • Introvertierte mögen keine gewalttätigen Filme.
  • Introvertierte verlieben sich schneller und heftiger.
  • Introvertierte haben ein geringeres Selbstbewusstsein. Das ist jedoch nur eine indirekte Eigenschaft, die durch die negative Einstellung der Gesellschaft zur Introversion hervorgerufen wird.
  • Introvertierte lächeln weniger. Sie sind nach innen gerichtet und laden die Außenwelt daher mit ihrem Gesichtsausdruck nicht zu Reaktionen ein. Das geschieht unbewusst und heißt nicht, dass sie weniger glücklich sind.
  • Introvertierte gehen nicht aus sich heraus, weil sie in einigen Situationen gehemmt sind und grundsätzlich weniger Euphorie verspüren.

Wertende Klischees in der Wahrnehmung

  • Introvertierte wirken unsozial, weil sie gern Zeit allein verbringen, anstatt unter Leute zu gehen.
  • Introvertierte wirken schüchtern, weil sie Augenkontakt meiden und ungern auf andere Menschen zugehen.
  • Introvertierte wirken passiv, weil sie etwas langsamer sind und vor allem wenig und erst spät reden.
  • Introvertierte wirken faul, weil sie langsamer sind, mehr Pausen benötigen und wenige Aufgaben gleichzeitig übernehmen können.
  • Introvertierte wirken langweilig, weil sie wenig reden und nicht so stark erlebnisorientiert sind.
  • Introvertierte wirken seltsam, weil man wenig über sie weiß.
  • Introvertierte wirken unglücklicher, weil sie weniger lächeln und weniger euphorisch sind.
  • Introvertierte wirken distanziert, weil sie wenig von sich preisgeben und gern Zeit allein verbringen.
  • Introvertierte wirken humorlos. Sie sind ernsthafter, gehen wenig aus sich heraus und bevorzugen etwas subtileren Humor. Das kann sie in einer Runde mit Extrovertierten humorlos erscheinen lassen.

  –  Fazit  –  

Egal, wie die Eigenschaften von Introvertierten im Einzelnen wahrgenommen werden. Sie ergänzen die Mängel der Extravertierten. Nüchtern betrachten wären Extravertierte ohne ihren Gegenpart nichts, denn es ist zu viel heiße Luft dabei und andersherum würde sehr viel Know how und Wissen verloren gehen, weil es Introvertierte nicht für erwähnenswert halten. Daher wäre es wünschenswert, wenn sich beide Pole mit mehr Respekt, Aufmerksamkeit und einer gewissen Dankbarkeit begegnen würden.

Cat’s Couch: Hypes und Trends

Foto: Katherina IbelingWer ein Mode- und Frauenmagazin aufschlägt oder „typische“ Webseiten für Frauen wie „gofeminin“ oder „Brigitte“ aufruft, dürfte glauben, dass wir Frauen uns wie ein Fähnchen immer dorthin drehen, wo der frischeste Wind weht. Was es damit auf sich hat, warum der Schein manchmal trügt und mancher Sturm auch einfach vorüberzieht, lest ihr in dieser Episode.

„Und, hast du auch schon 50 Shades of Grey gesehen? Wie fandest du den Film?“ Immer, wenn mich jemand fragt, verdreht meine innere böse Göttin genervt die Augen. Einerseits, weil ich diesen Buch- und Filmtitel einfach nicht mehr hören kann. Andererseits, weil ich doch eine „innere Göttin“ zitieren muss und nicht der Versuchung widerstehen konnte, mich durch einige Textpassagen, Rezensionen und Filmwebseiten durchzuklicken, um meine Neugier zu befriedigen. Viel Erleuchtung hat mir meine Neugierde nicht gebracht, und ich weiß immer noch nicht genau, warum ausgerechnet dieses Medienprodukt diesen Riesenerfolg feiert. Ich bin gerade immer noch ziemlich ratlos, und wahrscheinlich sind es viele Männer mit mir, die mehr oder weniger freiwillig in der letzten Woche die Primetime-Kinokarten für den Kassenschlager des Jahres bei einem Date bezahlt haben.

Aber es ist nicht einmal eine persönliche Abneigung gegen E.L. James oder ihre Vorstellung von romantischem Sadomaso, die mich so ratlos macht, auch nicht gegen die Darsteller im Film oder die Machart des Trailers. Fakt ist, ich scheine einfach kein Trendgespür zu haben, was die breite Masse anlockt, oder ich bin einfach nicht „Mainstream“ genug, diese Begeisterung zu teilen. Das ist nicht einmal Absicht, vermutlich hätte ich von dem Hype um den neuesten Skandal der Buchwelt niemals erfahren, wenn ich nicht zufällig das Radio zu einem passenden Kommentar eingeschaltet hätte und – neugierig wie eine Katze – eben danach gegoogelt. „Na komm, angucken kannst du es dir ja mal“, dachte ich und suchte mir eine Reihe von Leseproben aus dem Netz. Ich fühlte beim Lesen – nichts. Also, so gar nichts, was irgendwie schon gruselig ist. Normalerweise müsste ich doch zumindest sofort eine „Anti-Haltung“ entwickeln und mich über dies und das empören. Doch der einzige Eindruck, der blieb, war: „Hm, naja, Geschmäcker sind verschieden.“

woman-446711_1280_Sponchia
Die Marketingmaschine um den Überraschungsbestseller aus den USA läuft nun schon seit Jahren auf Hochtouren, und je länger sie läuft, desto mehr wird es selbst bekennenden Achselzuckern wie mir unmöglich, es zu ignorieren. Vor allem ist dies nicht der erste Hypertrend, bei dem es mir so geht. Auch die „Ideenvorlage“ für E.L. James, Stephanie Meyers „Twilight“-Trilogie, ging bis auf ein paar Parodien komplett an mir vorbei, ehe ein Ausweichen durch ständige Onlinebanner und Filmplakate unvermeidbar wurde. Als jemand, der anderweitig im PR-Bereich angesiedelt ist, weiß ich, dass natürlich der „Herdentrieb“ bei diversen Trends geschürt wird, bemerke aber auch, an welchem Punkt es für Nicht-Fans einfach nur noch nervig wird.

Überhaupt kann ich mich nicht erinnern, jemals absolut „Fan“ von etwas gewesen zu sein, außer, dass ich die Musik der Spice Girls früher super fand. Oder bestimmte Musikrichtungen. Dass man eine Helpline für Take That- Boygroupies einrichten musste, als diese sich auflösten, fand ich schon als Teenie eher befremdlich; als Erwachsene wundere ich mich jetzt, dass Heidi Klum immer noch Tausende „Meeeeedchen“ dazu bekommt, zu einem Massencasting zu kommen und sich vor aller Welt zum Affen zu machen. Und dass sich der Po von Kim Kardashian im Netz schneller verbreiten kann als jeder Trojaner, finde ich dann schon echt strange und frage mich, in welcher Freakshow ich eigentlich gelandet bin.

Vielleicht ticke ich doch eher wie ein Mann? Mir haben mal Männer erzählt, wie schnelllebig sie die ganzen Catwalk-, Beauty- und Modetrends finden, mit denen sich frau alle paar Wochen neu erfindet. Ich wette auch, die meisten Männer würden doof gucken, wenn man ihnen die neuen „Trend-Stellungen“ beim Sex in einem langen Artikel mit Gebrauchsanleitung präsentieren würde. Sprich: Vielleicht gehen viele Dinge einfach an ihnen vorbei, ohne dass sie auch nur Wind davon bekommen (bis auf Sport, Autos, Technik und Fußball natürlich).

Sind „Männer-Trends“ also einfach nur anders geartet als „Frauen-Trends“, und verbreiten sie sich auch so schnell wie jeder Erkältungsvirus in der Straßenbahn? Bei uns Frauen scheint es jedenfalls, als seien viele von uns Fähnchen im Winde, die sich in Richtung der frischesten Brise drehen. Womöglich geht es darum, „mitreden“ zu können und einfach mit dem Schwarm in die Richtung zu schwimmen, die am meisten Komfort und Sicherheit verspricht. Eine weitere Möglichkeit ist, dass Marketing für Produkte des täglichen Lebens immer eine Zielgruppe hat. Betrachtet man gängige Zeitschriften und Internetseiten für Frauen, ist offensichtlich, wie der Hase oder auch das Bunny läuft. Mode muss her; Schuhe müssen her; Beautyprodukte müssen her; und natürlich alles, was Romantik und Sex verspricht. Und zwar schnell. Es ist quasi unmöglich, sich dem komplett zu entziehen, es sei denn, man kappt alle Verbindungen zur Außenwelt und lebt als Einsiedler. Dann sind viele von uns natürlich auch „neu-gierige“ Wesen und schnell für Emotionen zugänglich, es mag natürlich auch entsprechende Männer geben – und ich habe hier nur drei mögliche Gründe von vielen genannt.

Bedeuten Trends denn immer etwas Schwaches? Nicht zwingend. Trends sind auch Innovationen, erneuern etwas, das überholt scheint. Gerade die, die den Anfang machen, die Trendsetter, haben beizeiten das Potenzial, Großes zu bewirken und Trendsetter kann jeder werden. Eigentlich. Denn einen eigenen Trend zu setzen, oder auch nur bestehende Hypes zu hinterfragen und sich bewusst eine Meinung zu bilden, erfordert Zeit, Mühe und Mut. Gesellschaftliche Trends oder auch „Mainstream“-Bewegungen konnten schon viel Gutes hervorbringen, die Abschaffung der Sklaverei und Geburtenkontrolle zum Beispiel. Aber sie können auch zu einer gefährlichen Tendenz werden, wenn sie sich gegen bestimmte Menschen richtet, zu weit nach rechts oder in eine fanatische Schiene abdriften. Die Worst Cases lernt man im Geschichtsunterricht. Es lohnt sich also, für Mann und Frau, Trends durchaus gut im Auge zu behalten oder sie auch einfach mal zu „liken“. Allerdings mit Maß und nicht rein wegen der Masse. Und um zum Ausgangspunkt zurückzukommen, dem allerorten verbreiteten „Grey-Virus“: Er mag vielen ein lustvolles Fieber bereiten – doch auch er wird irgendwann fortgeweht, um einer neuen Luftströmung Platz zu machen.